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Full text of "Zeitschrift für Volkskunde"

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ZEITSCHRIFT 



des 



Vereins für Volkskunde. 



Begründet von Karl Weinhold. 



Unter Mitwirkung von Johannes Bolte 

herausgegeben 
von 

Fritz Boehm. 



24. Jahrgang. 




Mit 38 Abbildungen im Text. 



BERLIN. 

REHREND & C'\ 

1914. 



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Inhalt. III 



Inhalt. 
Abhandlungen und grössere Mitteilungen. 

Suite 
Volkskundliches aus den Kräutcrbiicheni des IG. Jahrliuiulerts. Von Heinrich 

Marzell 1— l'.i 

Hianzischc Märchen (1—2. Von Samuel Graf •2ti— ;',1 

Hausinschrifteu aus Nord- und Mitteldeutschland. Von August Andrae ^mit 

zwei Abbildungen} 31 — 47 

Die Windsheimer Handschrift des Liedes 'Von Sankt Martins Freuden'. Von 

August Gebhardt und Elias Oechsler 17 — .34 

Volksglauben und Volksnieinungen aus Schleswig-Holstein, III (8. Haus und 

Herd, 9. Arbeit und Mahlzeit, 10. Zeiten, 11. Wetter, 12. Tiere;. Von 

Heinrich Carstens f <>5 — G2 

Maltesische Legenden von der Sibylla. Von Bertha Ilg Go— 71 

Geschichte der Tanzkrankheit in Deutschland. Von Alfred Martin (mit zwei 

Abbildungen) 113—134. 22.3-23!) 

Le Medecin des Pauvres. Von Oskar Ebermann 134— IG^ 

Neugriechische Spottnamen und Schimpfwörter. Von Athanassios Buturas . 1G2 175 

Misshandhing eines Gespenstes. Von Albert Hellwig 175—182 

Zur Volkskunde Argentiniens, 1. Volksrätsel aus dem La Plata-Gebiete, Von 

Robert Lehmann-Nitsche 24U-2.35 

Eine alte Greifswalder Lokalsage. Von Alfred Haas 256— 2G4 

Das Zopfgebäck im jüdischen Ritus. Von Berthold Kohlbach 2G5-271 

Beiträge zur volkstümlichen Namenkunde, I. Hungerberg, Honigberg und ähn- 
liches. IL Weinberg, Wiuterberg, Venusberg. Von Wilhelm Schoof . . 272 — 2'.»2 
Die Entstehung des Berliner Volkstrachtenmuseums, jetzt Königliclie Sammlung 

für deutsche Volkskunde. Von Georg Minden (mit einer Abbildung) . . 3;'>7-3r.i 
Die Entwickelung der Königliciieu Sammlung für deutsche Volkskunde seit dem 

Jahre 1904. Von Karl Brunner 349 DW 

Das Landcsmuscum für Sächsische Volkskunst in Dresden. Von Franz Wein itz 

'mit drei Abbildungen) 3G1 — 3G7 

Aufgaben der deutschen Sach-Geographie. Von Wilhelm Pessler ;>G7— 387 

Der Oberinnvicrtler. Von Hugo von Preen i^mit sieben Abbildungen .... 387-109 
Die sogenannten Apostel-Bienenstöcke von Höfel. Von Franz Treichel (mit 

einer Abbildung) 109—411 

Kleine Mitteilungen. 

über Tiroler Baueridiochzeiten und Primizon, IL Von Oswald Menghin . . 71— 7G 
Aus den Reiseberichten des Freiherru Augustin von Mörsperg. \'on Fritz 

B ehrend (mit einer Abbildung) 77 — 80 

Zum Bahrrecht. Von Oskar Philipp 80—81 

Zur Wanderung der Scliwankstoffe 0"~''> ^^n Johaimes Bolte 81— 88 

Der Schwank vom Zeichondisput in Litauen und Holland. Von Wilhelm Caland 

und Johannes Bolte 88— 90 



IV Inhalt. 

Sei c 

Naclibarreiiiie aus Obersachsen. Von (.'urt Müller 90— 5)4. 18o— 188 

Nachtrag zu den Igel.sagen. Von (jrt';za Ilöheirn 94 

Ein Hclgoländcr Brautscliinuck. Von Max Höfler (mit einer Abbildung) . . . 94— 95 

Weihnachtsliciler aus Mähreu. X'on Doniitiiis 8tratil 188- 190 

Die kluge Königstochter, ein polnisches Märchen. Von Otto Knoop 191 — 192 

Acker und Garten im Aberglauben des Is(>rgebirges. Von Wilhelm MüUer- 

liüdersdorf 193—194 

Doppeldeutige Volksrätsel aus Schleswig-Holstein. Von Arthur Witt . . . . 194—195 
Noch ein Vorschlag zur lexikalischen Anordnung von \'olksmelodien. Von 

Cottlieb Brandsch 19(j-199 

Auffrischung alter Fastnachtsfeiern in der Rlieinpfalz. Von Ludwig Fränkel 199 

Vernageln. Von Max Höfler i^mit einer Abbildung) 200 201 

Das kaudinische Joch. Von Tlieodor Zachariae 201 — 20(i 

Zur Pflege der A^'olkskunde in Italien. Von Fritz Boehni 20G— 210 

Zur Geschichte des Aberglaubens in der Obergrafschaft Katzcnelnbogen. Von 

Wilhelm Müller 293-üOö 

Misshandlung eines Hexenmeisters. Von Albert Hellwig 305)— 305 

Gebäcke und Gebildbrote Pollweck und Osterwolf). Von Max Höfler (mit 

18 Abbildungen) 305—309 

Beigaben unter Rainsteinen. Von Oskar Philipp 310-311 

Jungfrauenvprsteigerung im oberen Nahetal. Von Ludwig Fränkel 311 

Tschuwaschische Sagen vom Igel als Ratgeber. Von Walter Anderson. . . 312-315 

Drei Kunstlieder im Volksmundc. Von Otto Stückrath 315-317 

Zum Schwank vom Zeichendisput. Von Johanne.s Hertel 317-318 

Nachtrag zu S. 281. Von Wilhelm Schoof 319 

Nochmals das Soldatenlied: Hurra, die Schanze vier. Von Johannes Bolte . 319 

Zum Rübenzagel. Von Georg Hüsing 320 - 32fi 

Der 'Weiberbraten' von Berghausen bei Speyer. Von Ludwig Fräukel . . . 411—413 

Braunschweigische Sagen, I Von Otto Schütte 414-420 

Rätsel der Königin von Saba in Indien. Von Theodor Zachariae 421-424 

Aus Hermann Kestners Volksliedersammlung. Von Johannes Eolte 424 



Bücheranzeigen. 

Knortz, K. Amerikanischer Aberglaube der Gegenwart (F. Boehin 9r. 

Bin Gorion, M. J. Die Sagen der Juden (I. Scheftelowitz .... 97-99. 332 

Laconibe, M. Essai sur la Coutume Poiteviue du Mariage au dcbut du XV. siccle 

(J. Kohler) 99 — 100 

Seiler, F. Die Entwicklung der deutschen Kultur im Spiegel des deutschen 

Lehnworts, Teil 1 H. Michel) 210-211 

Hörmann, K. Herdengeläutc und seine Bestandteile E.Hahn) . 211-212 

Thurnwaid, R. Forschungen auf den Salomoinsehi und dem Bismarck- 

Archipcl, Bd. 1 und :'> (S. Feist) 213—214 

Thall>itzer, W. The Ammassalik Eskimo (S. Feist) 214—210 

Müll.'r, C. Altgermanische Meeresherrschaft (A. Gebhardt) 216-217 

Schoof, W. Die Schwälmer Mundart (0. Philipp) 32(5—327 

Graber, G. Sagen aus Kärnten J. Bolte 327 328 

Scyfarth, C. Aberglaube und Zauberei in der Volksmedizin Sachsens 

y. Boehm) 328- 329 

Aarne, A. Leitfaden der vergleichenden Märchenforschung. — Übersicht der 

Märciienliteratur. — Die 'l'iere auf df r WanderKchaft. - Der (lersprachen- 

kundige Mann (J. Bolte) ;}30 . ;',3o 

Schulz- Minden, W. Das Germanische Haus in vorgeschichtlicher Zeit 

(R Miclke) .^ 332-333 



Inhalt. ^ V 

Seite 
Bolte, J. und Polivka, G. Anmerkungen zu den Kinder- und Hausmärchen 

der Brüder Grimm, neu bearbeitet, Bd. 1 (F. v. der Leyen) 425 427 

Hausrath, A. und Marx, A. Griechische Märchen (F. Boehni) 427—428 

Ackermann, A. Der Seelenglaube bei Shakespeare (H. Schelenz) 428 — 431 

Notizen (L. Bechstein, F. Gramer, A. Haas. A. Hilka, W. Hotz, Gross-Berliner 
Kalender, E. Mai, H. Marzell, J. Mink. G. Pitre, Chr. Eauck, G. Schiero- 
hofer, R. Schlegel, J. H. Schwalm, C. Sganzini, A. Stenzel, .T. Vicuna 
Cifuentes, Vorschläge zur psychologischen Untersuchung primitiver 
Menschen, A. Wrede, Zeitschrift für Kolonialsprachen. — A. Abt. F. Bahl- 
mann, 0. Böckel, P. Borchardt, K. Braun, E. Fehrle, P. Grafiunder, 
G. Hegi, B. Kubier, H. Marzell, W. Müller-Rüdersdorf, W. Pessler, 
S. R. Steinmetz, C. H. Stratz, Ch. Wageiiacr-J. Fritz, A. Wirth. — A. Hell- 
wig, Th Imme, R. Kleinpaul, R. Kühnau, E. Lemke, Quickboru-Bücher, 
B. Sarasin, B. Schmidt, G. Steinhausen, A. v. Weissembach. — K. Ahnert, 
G. Amalti, S. Debenedetti, A. van Gennep, B. Geyer, P. Herrmann, 
J. Klapper, E. F. Knuchel, 1). v. Kralik, A. Leskien, H. Marzell, E. Mogk, 
A. Nägele, L. Neubaur, G. Pitre, J. Pommer, W. S. Reymont, E. Samtei-, 
P. Sartori, F. Vogt) 100-106. 217—221. 334-336. 431-436 

Victor Chauvin f. Von J. Bolte 106-107 

Zum Bericht über den Marburger Verbaudstag. Von J. Bolte 112 

Max Höflcr f. Von M. Roediger 437 

Berichtigungen und Mitteilungen 112, 224. 336. 440 

Aus den Sitzungsprotokollen des Vereins für Volkskunde. Von K. Brunner 

1 0,s -112. 22 1 - 224. 437 - 440 

Register 441-448 



A olkskundliches aus den Kräiiterbüchern 
des 16. Jahrhunderts. 

Von Heinrich Marzell. 



Eine wichtige, bis jetzt noch wenig gewürdigte Quelle zur älteren 
deutschen Volkskunde sind die dickleibigen 'Kräuterbücher' des 16. Jahr- 
liunderts. Sie bringen, je nach der Persönlichkeit des Verfassers, mehr 
oder weniger reichlichen Stoff über Pflanzenaberglauben, Volksbräuche, 
volksmedizinische Verwendung der Kräuter und über volkstümliche 
Pflanzennamen. Was vor dem Ki. Jahrhundert in Deutschland über 
Pflanzenkunde erschien, — es sei nur an die sieben Bücher 'De Vegeta- 
bilibus" All)erts des CTrossen (Albertus Magnus) und das 'Buch der Natur' 
des Domherrn Konrad v. Megenberg (schrieb um 1349) erinnert — ent- 
hält nur selir wenig auf deutsche Volkskunde Bezügliches, obwohl doch 
diese beiden Schriftsteller schon Ansätze zu einer selbständigen Natur- 
beobachtung zeigten. Andere naturwissenschaftliche Autoren kommen 
schon deswegen nicht in Betracht, weil sie zumeist die antiken Natur- 
forscher (besonders Theophrast, Dioskorides und Pliuius) einfach kopierten. 
Eine Ausnahme macht nur die 'Physika' der hl. Hildegard (gest. 1179 als 
Äbtissin im Kloster auf dem Ruprechtsberg bei Bingen). Die zwei über 
Pflanzen handelnden Bücher des genannten Werkes enthalten einiges 
Volksbotanische. 

Mit dem Anfang des 16. Jahrhunderts beginnt in Deutschland eine 
neue Ära der botanischen Forschung. ^Man macht sich, wenn auch nur 
schwer und zögernd, von dem Wahne frei, dass die in den antiken 
Schriften erwähnten Pflanzen auch alle in Deutschland vorkommen müssten 
und umgekehrt, dass alle in der deutschen Heimat wachsenden Kräuter 
auch in den Büchern der Griechen und Römer zu finden seien. Statt 
die Zeit nutzlos mit der Frage zu vergeuden, welche Pflanze denn eigent- 
lich unter dem lateinischen oder griechischen Namen zu verstehen sei, 
geht man hinaus in die freie Natur, sammidt die einJHMmischcn Pflanzen 
und bildet sie, wenn auch oft noch in sehr rohen Holzschnitten, in dicken 

Zeitschr. (1.Verüin.s f. Volkskunde. 1914. Heft 1. J 



2 Marzell: 

Folianten ab. Freilich sieht man noch immer ehrfurchtsvoll in den 
Schriften der Alten nach, und noch immer ist ein grosser Teil des Inhalts 
dieser Kräuterbücher aus Plinius und Dioskorides übernommen. Dies 
gilt auch, wie wir unten sehen werden, von einem guten Teil des Pfianzen- 
aberglaubens, so dass es nötig wird, von Fall zu Fall zu entscheiden, ob 
ein echt deutscher Volksglaube oder ein aus der Antike übernommener 
Aberglaube zugrunde liegt. Aber man kann sich denken, dass diese alten 
Kräuterkundigen auf ihren botanischen Wanderungen mit manchem 
Wurzelgräber, manch altem Weiblein oder auch mit Hirten und Bauern 
zusammentrafen und von diesen Leuten allerlei Abergläubisches erfuhren, 
das sie dann ab und zu auch in ihre Kräuterbücher aufnahmen, teils weil 
sie es für bare Münze nahmen, teils aber auch um es zu verspotten und 
sich darüber zu entrüsten. Die folgenden Zeilen beschränken sich fast 
ausschliesslich auf die Kräuterbücher der 'Väter der deutschen Botanik', 
wie sie ein Geschichtsschreiber der Botanik, Kurt Sprengel, genannt hat. 
Es sind dies Otto Brunfels^) (geb. um 1500 zu Mainz, gest. 1534 als 
Stadtarzt zu Bern), Hieronymus Bock^) ['Tragus' nennt er sich in den 
lateinischen Ausgaben seiner Werke] (geb. 1495 zu Heiderbach im Zwei- 
brückschen, gest. 1554 zu Hornbach im Wasgau) und Leonhard Fuchs^) 
(geb. 1501 zu Wemding in Bayern, gest. 1566 als Professor in Tübingen). 
Auch die Kräuterbücher des Italieners P. A. Mattioli*) (gest. 1577) und 
des Pfälzers I. Th. Tabernaemontanus^) (geb. in Bergzabern, gest. 1590 
zu Heidelberg) enthalten einiges Volkskundliche. Nur weniges bringt der 
'Gart der Gesundheit' (Ortus sanitatis), dessen Strassburger Ausgabe 
von 1507^) hier benutzt ist. Es ist dies eine Art botanisches Volksbuch» 



1) Contrafayt Kreuterbuch. Nach rechter vollkommener Art / vnnd Beschreibungen 
der Alten / besst / berümpten ärtzt / vormals in Teutscher spracli / der maszen nye ge- 
sehen / noch im Track auszgangen. 1532. In Straszburg bey Hans Schotten. — Ander 
Theyl des .... Krcuterbuches 1537. 

2) New Kreutter Buch von underscheydt, würckung und namen der kreutter so in 
Teutschen landen wachsen. Beschriben durch Hieronymum Bock aus langwiriger und 
gewisser erfarung. Gedruckt zu Straßburg durch Wendel Rihel. 1539. — Auch die (.dritte' 
Ausgabe von 1551 habe ich an einigen Stellen benutzt. 

3) New Kreutterbuch / in welchem nit allein die gantz histori / das ist / namen / 
gestalt / statt vnd zeit der wachsung / natur / krafft und würckung /des meysten thejis 
der kreutter so in Teutschen und anderen landen wachsen / mit dem besten vleiss be- 
schrieben .... Getruckt zu Basell durch Michael Isingrin. 1543. 

4) New Kräuterbuch mit den allerschönsten und artlichsten Figuren aller Gewechss 

durch Georgium Handsch verdeutscht. Gedruckt zu Prag durch Georgen Melantrich 

von Aucntin. löfiö. 

5) New Kreuterbuch. Mit schönen, künstlichen und lieblichen Figuren und Conter- 
leyten aller Gewächss der Kreuter. . . . Frankf. am Mayn. 1588. 

(J) In diesem Buch ist der Herbary : oder krüterbuch : genant der gart der gesunt- 
heit . . . [auf der letzten Seite :J Getruckt und llyßlichen besehen mit meer iiguren 
artlychet gesetzt durch Joanncm Prüss buchtruckcr zum Tliiergarten. In dem jar da man 
zalt nacli der Geburt Christi Tusentfünühundertundsyben. 



Volkskundliches aus den Kräuterbüchein des IG. Jahrhunderts. 3 

Jessen erster Druck vom Jahre 1485 Jatiert ist^). Das meiste unJ Jas 
wertvollste Material bringt zweifelsohne Hieronymus Bock, Jessen Kränter- 
buch Jäher hier besonJers berücksichtigt wirJ. 

Dass Jieser Botaniker nicht selten unmittelbar aus Jem Volke schöpfte, 
geht aus mehreren Stellen seines Werkes hervor. So sagt er z. B. von 
Jer 'Eberwurtz' (Carlinn): „Man gibt Jieser wurtzel zu so yemans sie bei 
im trag / unJ mit eym anJern über feit gehe / Jemselben sol Jie krafft ent- 
zogen werJen Jurch Jise wurtzel / glaubs wer do wil / ich finJs nirgens 
geschriben" (2, 79a). 

Auch Paracelsus kennt d^s Mittel, wenn er vom 'Carduus angelicus' (Carlina) 
erzählt: „Der diser Wurzel geniessen will, der muß allein mit großer Arbeit 
hinder jhr Krafft kommen, dann ohne große Mühe tut sie nichts. Ich hab erst- 
mahl gesehen, daß ein Mann im Elsaß getragen hat von Rufach gen Sultz auff 
drey Centner schwer ein lange Meilwegs Wein in einem Vass auf sich gebunden 
und 12 Mann zu jhm genommen; hat die 12 alle müde gegangen das sie jhm 
nicht haben mögen folgen und schwach hernach gegangen etlich Tag hernach gar 
geschwecht gelegen" (Bücher u. Schriften des edlen hochgelehrten und bewehrten 
Philosophi und Medici Philippi Theophrasti Bombast v. Hohenheim Paracelsi ge- 
nannt .... an Tag geben durch J. Huserum. Frankf, a. M. 1603. 8, 57). „In 
die Gebisse [der Pferde] stecke oder knüpffe man etwas von Chamaeleonte nigro 
oder Eberwurtz, sonderlich die in ihrer Vollkommenheit und Balsamischer Zeit 
als zwischen der zwei Frauentagen umb den Herbst gegraben sey. Sintemal die- 
selbe einem anderen Menschen oder Roß magnetisch und sichtbarlich seine starcke 
Kräffte und gute Natur entzeucht oder benimbt . . . (Staricius J., Neu vermehrter 
Heldenschatz (1682), S. «7). Ähnlich zitiert Reichelt, Amuleta (1692), S. 238 nach 
Helmontius: „radix Carlinae plena succo et viribus evulsa gestata et mumiae con- 
temperata tanquam fermento ex homine, cuius umbram quis premit, vires et robur 
naturale in se trahit." Schliesslich erscheint das Rezept auch in des „Albertus 
Magnus bewährte u. approb. sympathetische u. natürl. egyptische Geheimnisse 
für Menschen und Vieh." 20. Aufl. Toledo [natürlich fingierter Verlagsort; wohl 
aus dem 'bekannten' Verlag E. Bartels, Weissensee b. Berlin], 4. Teil, S. 5: „Wie 
man einem Pferde seine Stärke benehmen und einem Menschen einpflanzen kann. 
Man nehme den Samen eines Hengstes, der in einer Stutterei leicht zu erhalten 
und vermische denselben mit guter Erde. In diese pflanze man schwarze Eber- 
wurz und lasse es aufwachsen. Ein Mensch, der hievon gegessen hat, auch davon 
bei sich trägt, und sich eine Zeitlang in einem Stalle, wo starke Pferde befindlich 
sind, aufhält und darin schläft, benimmt den Pferden von ihrer Kraft und eignet 
sie sich zu. Die genannte Wurzel muss aber bald nach dem neuen Mond ein- 
gepflanzt und 2 oder 3 Tage vor dem darauf folgenden neuen Mond wieder ge- 
nommen werden. — Auf gleiche Art kann auch andern Thieren die Kraft ge- 
nommen und dem Menschen oder einem andern Thier eingepflanzt werden." 
Höfler, Volksmed. Botanik der Germanen (1908), S. 110 vermutet hinter diesem 
alten Aberglauben mit Recht einen Marenzauber. 

An mehreren Stellen seines Kräuterbuches macht sich Bock über 
Jen Aberglauben seiner Zeit lustig oJer eifert gegen ihn. Von Jer 



1) Vgl. näheres über dieses Werk und die Kräntcrbüclicr iiborliaupt Ernst H. F. Meyer, 
Geschichte der Botanik, 4. Band. Königsberg 1857. 

1* 



4 Marzell: 

'Mansstreu' (Mannstreu-Distel, Eryngiuni campestre) meint er ironisch: 
.,Etlicli liaben jr sn])erstition mit diser wnrtzel / vermeynen wann sie 
sollich wurtzel hei jnen tragen / sie wollen Yeneri und Sappho gefallen. 
ich acht etlich mästen eyn centner haben, wer nit zuvil. wanns 
helffen wolt" (2, 85a). 

Ähnlich auch bei Brunfels (15;5l'), S. i>S;'.. Die Quelle ist Plinins liist. nat. 2-J, -JO: 
Porteutosum est, quod de ea [von der Pflanze •centum capita', die auf Eryngium gedeutet 
wurde] traditur, radicem eius alterutrius sexus similitudinem reierre, raro invento, set 
si viris contigerit mas, amabiles iieri: ob lioc et Phaonem Lesbium dilectum a Sappho, 
multa circa hoc non Magorum solum vanitate, sed etiam Pythagoricorum." Vgl. auch 
Reichelt, Amulette (1(>92). S. (IG'.» und Frank. Signatur, dass ist grundtliche und warhafftige 
Beschreibung der von gott und der natur gebildeten und gezeichneten gewachsen (PbOstock 
l(;iS), S. 128. 

Der Aberglaube, der mit dem Farn und seinem 'Samen' getrieben 
wurde, gibt Bock ganz besonders Gelegenheit, sich über Aberglauben 
überhaupt auszulassen. Es ist hier nicht der Ort, näher auf den Faru- 
aberglauben, der in früheren Zeiten eine sehr weite Verbreitung hatte, 
einzugehen. Der Mittelpunkt dieses Aberglaubens bestand darin, dass 
man den zauberkräftigeu 'Farnsamen' (der Farn bringt als Kryptogame 
keine Samen hervor; als solche betrachtete man die Sporen auf der 
Unterseite der Wedel) nur zur Mitternachtstnnde der Johannisnacht unter 
mancherlei Beschwörungen gewinnen zu können glaubte. Bock lässt sich 
die Mühe nicht verdriessen, selbst in der dohannisuacht auf die Suche nach 
dem 'Farnsamen' zu gehen, um zu erfahren, welche Bewandtnis es damit 
habe. „Alle lerer schreiben Farnkraut trag weder blumen noch saraen / 
yedoch so hab ich zum viertenmal auff S, Johansnacht / dem 
Samen nachgangen ; und morgens frü ehe der tag anbrach schwartzen 
kleynen samen / wie Magsamen [Mohnsamen] / auff düchern und breytten 
wulkraut blettern auff gehaben /vnder eyneni stock mehr dann under auderen/ 
etwan under hunderten nit eyn körnlin funden / dagegen hab ich widerumb 
under eynem stock mehr dann hundert körnlin funden. Zu solchem 
handel hab ich keyn segen kevn beschwerung noch Caracter 
(wie etliche darmit handeln) gebraucht / sunder on alle superstition / 
dem samen nachgangen / und funden / doch eyn jar mehr dann das ander / 
bin etwan auch vergebens hinauss gegangen. Wann ich den samen hab 
wollen holen / bin ich nit alleyn gangen etwan zwen zu mir genoraen und 
nachts in derselben gegent (do nit überlauffens war) eyn gross fewer ge- 
macht / und über nacht also lassen brennen. Wie nun solchs zugehe oder 
was für eyn geheymnüss die natur darmit gemeyn / ist mir verborgen. 
Das hab ich wollen anzeygen / sintemal alle lerer den Farn on samen be- 
schreiben" (1, Kilb). Weiter unten sagt er von den 'Samen des Walt- 
farns": ,,denselbigen sanilen etliche alte weiber / schreien das auss für 
Fareusamen / ich geschweig was sie sunst mit treiben" (1, 162a). 
Nochmals kommt dann Bock auf <len Farnaberglauben zu s])rechen als 



Volkskuudliches aus deu Kräuterbücliern des 16. Jahrhunderts. 5 

er von dem (antiken) Aljerglaubeu berichtet, dass demjenigen, der die 
Paeonia ausgrabe, der SjDecht die Augen aushacke: „Was ist das änderst / 
dann wie man vom Farusamen sagt: wer Farnsamen will holen / der muli keck 
sein und den Teuffei können zwingen. Aber in summa solch narrenspil 
und spectra muß man den leutten machen / sie würden sunst in der 
artznei auch gelert / grüben zu zeitten jre wurtzel selbers / samleten 
kreutter und samen / wann es zeit were; das wer aber wider die Apotecker 
und wurtzelkremer" (1, 173a). Recht skeptisch meint auch Brunfels 
vom Farnsamen: „Was nun der Waltfar für kräfft habe / vnd nämlich der 
somen darvon / ist im geheymnüssz der beschwörer / sye sagens auch nye- 
mants. Dann es ist so ein kostlich und überkostlich ding umb den somen/ 
dass man wunder darmit würcke. Ich habe aber noch keinen gesehen / 
iler reich darmit sey worden ' oder ein eintzig wunder ilaruiit gewürckt 
habe" (S. 307). 

Literatur (nur ausführliche oder entlegenere Schriften sind angeführt!) über 
den Farnaberglauben: Veckeustedt, Zamaiten 1883 2, 18U; Wissensch. Mitteilungen 
aus Bosnien u. d. Herzegowina 7, 346; Kuhn, Mark. Sagen (1843), S. 20G; Philo 
[Anhorn], Magiologia (1IJ75\ S. 7 TG; Hildegard, Physica 1, 47 (Migne): oben 4. 
153; Cl. Brentano in der 'Gründung Prags" (Werke hrsg. v. Schüddekopf) 10, 391; 
Ztschr. f. Deutsche Myth. u. Sittkde. 4, 152; Schulenburg, Wenden (1880), S. 82; 
Baumgarten 1862, S. 132; Sebdlot, Folklore de France 3 (1906), 475; Anthro- 
pophyteia 7, 289; Alpenburg, Mythen (1857) S. 407; Krauss, Sagen der Südslaven 
(1884) 2, 424 ff. ; Kluge, Über die urgesch. Bedeutung d. Johannisfeste (Jahresber. 
Gymnas. Mühlhausen 1873); Höfler, Volksmed. Bot. d. Germ., S. 4; Marzell in 
Naturw. W^ochenschr. N. F. 8 (1909), Nr. 11. 

Bei der Besprechung des Gauchheils (Anagallis arvensis) benutzt 
Bock die Gelegenheit, um darauf hinzuweisen, dass der mit dieser 
Pflanze getriebene Aberglaube dem Christen nicht zieme: „Was die alten 
heyden für abenthewr und wort zu diesen kreüttern vor dem aussgraben 
getriben / und gesprochen zeigt Plinius an. Aber die Christen achten 
superstition und gaukelwerk nichts, wiewol under denselben noch 
vil superstition geduldet werden" (1, 112b). 

Plinius nat. bist. 25, 145 sagt von der Pflanze anagallis: „praecipiunt aliqui 
effossuris ante solis ortura, priusc|uam quicquara aliud loquantur, salutare eani, 
sublatara exprimere; ita praecipuas esse vires". Dem Namen 'GauchheiT zuliebe 
scheint Fuchs zu schreiben: „Diese kreuter haben die alten abergläubischen 
Teutschen Gauchheyl darumb geheyssen, das sie geglaubt haben wo mans im 
jugang des vorhofs auffhenckte das sie allerley gauch und gespenst vertrieben"^ 
(cap. 6). Wenigstens kann ich sonst nirgends linden, dass diese Pflanze im 
germanischen Aberglauben eine besondere Rolle spielte. 

Recht spöttisch meint Bock vom Sterkkraut (Reseda luteola), das 
man auch zum Gelbfärben benutzte: „Dioskorides sagt das Antirrhinon 
guot seie für Zauberei der bulschafft / alleyn das mans bey sich trage / als- 
dann möge niemands durch Philtra oder ander abenthewer zur l^iebe be- 
trogen werden. Zum anderen sol es diejhenige so gedacht kraut bei sich 



6 



Marzell : 



haben / für yedeimann angeneni und werd machen. Ich halt wol 
schöner und geeler / sunderlich wann sie sich darmit Hessen 
ferben" (1, 105a). 

Bock verwechselt hier den Färber- Wau (Reseda luteola) und das Löwenmaul 
(Antirrhinum orontium). Der dem Texte (v. 1551) beigegebene Holzschnitt zeigt die 
erstgenannte Pflanze, und auch die Bemerkung: ^Die weiber sieden diß kraut dürr 
und grün mit wasser und Alun [Alaun], machen also die bett schön gäl damit" 
weist auf den Färber-Wau. Auf die zweite Pflanze bezieht sich der Name 
'antirrhinum' und Bocks Beschreibung von der einem 'kalbs antlitz' ähnlichen 
Frucht, was auf die Löcher in der Fruchtkapsel von Antirrhinum Bezug nimmt 
[vgl. Marzell, Tierpflanzen (1913), S. 40]. — „Wer sich mit der Pflanze antirrhinon 
salbt, soll guten Ruf erlangen" (Theophrast bist, plant. 9, cap. 19, 2). Vgl. auch 
Dioskorides mat. med. 4, 130 und Plinius nat. bist. 25, 129. 

Übrigens wäre es falsch zu glauben, dass diese alten Botaniker über 
den Pflanzenaberglauben schon ganz erhaben gewesen wären. Sagt doch 
der kenntnisreiche Mattioli von der Einbeere (Paris quadrifolia): „Dies 
kraut ist nicht so giftig wie sie meinen. Etwa ich weiss und habs selbs 
erfaren, das etliche menschen so durch unholden und Zauberei jrer 
vernunfft beraubt gewesen mit diesen Beeren widerumb sey geholfen 
worden. . . ." (S. 472.) 

Die Beeren, wenn die Sonne in den Zwillingen steht und zu 5 oder 9 ge- 
pulvert, empfiehlt Schröder, Medicin.-Chymische Apotheke (1685), S. 1007, „denen, 
die aus Hexerey närrisch worden." Im heutigen Volksaberglauben gilt die Einbeere 
als sympathetisches Mittel gegen die Pest, die ja der primitive Volksglaube auch 
als von Dämonen verursacht hinstellt. Vgl. Andrian, Altaussee (1905) S. loG; 
Mitteil. d. nordböhm. Exkursionki. 16, 351; Zeitschr. f. öster. Volkskde. 11, 190; 
ünger, Steir. Wortschatz (1903) S. 71. 

Derselbe Mattioli ist auch gleich bei der Hand, um Beweise für die 
Zauberkraft des eben erwähnten Antirrhinum beizubringen: „Dioskorides 
sagt, es [antirrhinum] sei gut gegen Zauberei und gespeust. Das hab 
ich zwar selbs gesehen inn eines Herrn Schloli von einem Kettenhund, 
der sonst stets thet bellen, wenn er frembde Leute sähe, dass derselbige 
Hund in acht tagen nie gebellet hat und dieweil man vermeinet der hund 
were durch böse leute bezaubert, die vielleicht etwas arges in demselbigen 
schloß zu begehen im sinne hetten, hat man dies kraut wieder in die 
hundshütten gelegt; bald darnach hat der hund wiederum gebellet" 
(S. 519). 

IMahch wertvollen Beitrag bringen die alten Kräuterbücher zur 
Kenntnis der 'Kräuterweihe'. Bekanntlich werden in katholischen Gegenden 
an Maria Himmelfahrt (15. August) gewisse Pflanzen geweiht, die dann 
besonders heil- und zauberkräftig sein sollen^). Zu den Pflanzen, die, so- 



1) Vgl. darüber an neuerer Literatin- besonders Franz, Die kirchl. ßenediktionen im 
Mittelalter (1909) 1. 398-421 und Höfler, Der Fraueudreissiger, Zeitschr. f. österr. Volks- 
kunde 18, 133-lGl. 



Volkskundliches aus den Kräuterbüchern des 16. Jahrhunderts. 7 

viel ich übersehen kann, heutzutage nicht mehr (oder nur selten?) in den 
Kräuterbund kommen, gehört das Immergrün (Yinca minor), von dem der 
'Gart der Gesuntheit' (1507) sagt: „Mit diesem krut beswert man, in 
welchen Menschen böse geist synt. Wie die Beswerung zugat lass ich 
stan vmb kirtze willen. Aber on zwyfel mag keyn böser geist gewalt in 
dem huss haben darinne diss krut ist. Und vil besser ist es so es ge- 
wyhet wurde mit andern kreütern uff unser frauwen tag" (S. 41a). 
„Welcher diss krut by ym trat über den hat der teüffel kein gewalt. — 
diss krut sol gesamelt werden zwischen den zweyen unser frawen 
tagen assumptionis und nativitatis" (ebenda). 

Wie Höfler a. a 0. nachgewiesen hat, bilden die sog. Kranzkräuter (corona- 
menta) der Antike einen Hauptbestandteil der Kräuterbüschel, ein Beweis, dass 
die Kräutervveihe vor allem durch die christlichen Klöster, denen ja die antiken 
Schriften wohl bekannt waren, ins Volk drang. Zu den Kranzkräutern gehört nach 
Plinius hist. nat. 21, 68 auch die vi(n)capervica, die ja auf unser Immergrün ge- 
deutet wird. Solche Beschwörungsformeln der vinca, auf die der 'Gart der Ge- 
sundheit' anspielt, sind teils in lateinischer, teils in deutscher Sprache überliefert; 
vgl. Schönbach, Altdeutsche Predigt (Wien. Akad. 1900, 142. Bd.); Alemannia 2, 
126. 135; Schmeller, Bayr. Wörterb. ^ 2, 291; Zeitschr. f. D. Altert. 38, I8f. Als 
Liebesmittel kennt das 'ingrien' (Singrün, Vinca minor) das 'buch der Versamm- 
lung oder das buch der heymlichkeiten' des [Pseudo-JAlbertus Magnus (Strass- 
burger Ausgabe ISOS, cap. 5). Über das Immergrün im (Liebes-)Zauber vgl. ferner 
Alpenburg, Mythen (1857) S. 265. 399; Leoprechting, Lechrain (1855) S. 188; oben 
2, 359 und 9, 375; Zeitschr. f. Deutsche Myth. und Sittenkunde 4, 107; Fischer, 
Abergl. unter den Angelsachsen (Progr. d. Realschule Meiningen 1891) S. 32; 
Andree, Braunschw. Volkskunde" S. 335; Zeitschr. d. Ver. f. rhein. u. westf. Volks- 
kunde 3, 63; Schambach, Wörterb. d. niederd. Mundart (1858) S. 154; Zeitschr. 
d. histor. Ver. f. Niedersachs. 1878, 84; Schulenburg, Wenden (18.s2) S. 145; 
Schröder, Med.-Chym. Apoth. (1685) S. 1093; Grimm, Mythol. * 3, 465. — Die 
Ruthenen lassen zu Ostern Immergrün mit Meerrettich, Knoblauch und Wermut 
weihen (Hoelzl in Verh. d. k. k. zool. botan. Gesellsch. Wien 11. Band ([1861] 
S. 169). 

Eine Pflanze dagegen, die auch jetzt noch im katholischen Süddeutsch- 
land häufig einen Bestandteil des Weihbüschels bildet, ist das Johannis- 
kraut (Hypericum perforatum). „Ton etlichen auch Fuga demonum ge- 
nennt darumb das man meynet / wo solichs kraut behalten würt / da 
kommt der teüffel nicht hyn / möge auch kein gespenst bleiben / und 
darumb beräuchert man in etlichen landen die kindtbetterin damit / lassen 
es aber vor[her] segnen vff unsser Frawen uffarttag / und haben also 
ire kurtzweil damit" (Brunfels 1532 S. 251). 

Die Pflanze heisst in Westfalen Leiwefruggenbettestrauh, im Erzgebirge Maria 
Bettstroh und in Westböhmen Unsa löi(b)m Frau Bettstrauh; sie gehört wie Ga- 
lium verum (und Thymus serpyllum), dem gewöhnlich der Name unserer lieben 
Frau Bettstroh gegeben wird, in die Gruppe der 'Frauenkräuter'; vgl. Höfler, 
Frauendreissiger VI. Mattioli sagt: „die weiber bereuchern die sechswöchnerinen 
darmit, derhalben nennet mans an etlichen orten unser frawen würtze" (S. 388). 



g Marzell: 

Mit 'unser f(;awen' dürfte jedoch in diesem F'all die hl. Maria zu verstehen sein. 
Rosbach, Paradeissgärtlein (1588) reimt von St. Johannskraut: 

„Drey Loth all morgen getrunken eyn, 

Soll ein gut Preservatiffe seyn 

Für Zauberey und Teuffels Gespenst 

Das helffen soll, wie vielleicht wehnst 

Mag in der Natur gepüantzet seyn. 

Den Physicis solchs stelle heym, 

Des Teuffels List, Schreck und Betrug 

Vertreibt ein anderer darnach lug, 

Kraut, Palmen, Wasser hoch geweiht 

Den Teuffei gwis gar nicht vertreibt." (S. 12.) 

Die teufelscheuchende Wirkung des Hartheus, wie die Pflanze auch heisst, 
wird auch in einem in den alten Kräuterbüchern oft wiederkehrenden Reime her- 
vorgehoben: 

y,Dost, Harthaw und weisse Heidt 

Thun dem Teuffei vil leidt." (Bock 1551 S. -iTb.) 

In der ersten Ausgabe des Bockschen Kräuterbuches von 15;J9 heisst es statt 
'weisse Heidt' 'Wegscheydt' (1, 18a). Soll hier etwa an Beschwörungen des 
Teufels an Kreuzwegen (Scheidewegen) gedacht sein? Unter 'weisse Heide' ist 
der Sumpf-Porst (Ledum palustre) zu verstehen, dem wegen seines starken Ge- 
ruches dämonenabwehrende Eigenschaften zugeschrieben wurde; Dost ist Ori- 
ganum vulgare. 

Eine andere Pflanze, die ebenfalls auch jetzt noch in die Kräuter- 
büschel kommt (z. B. in Unterfranken als 'Donnerdister, im bayrischen 
Schwaben als 'Herrgottskrone''), ist die 'Dreidistel', wie Bock die gemeine 
Eberwurz (Carlina vulgaris) nennt. Von ihr schreibt er: „Die ^Yeiber 
stellen nach dieser Distel vmb vnser lieben frawen Hymmelfart tag 
vnd zelen sie vnder die Yerbenas oder Würtzwuscli, welche Dystel in 
drei theyl zertheylt ist / mit dreien köpflin sol die best sein / doher sie den 
namen Dreidistel überkommen und Frawendistel / darumb das sie auff 
vnser frawentag mit anderen kreüttern gew^eicht würt. Es haben die 
weiber vil superstition mit den kreüttern sunderlich aber mit den Drei- 
disteln gehört billich vnder die geweichten kreütter" (2, 81a). 

Dagegen scheint ein anderer Korbblütler, die Dürrwurz (Inula squar- 
rosa, Conyza squarrosa) in unseren Tagen keine Bedeutung mehr für die 
Kräuterweihe zu haben. „Dieweil die Weiber diese Dürrwurz kenneu / und 
auff unser lieben frawen himmelfarttag in jre sagmina oder würtz- 
wusch und Yerbenas samlen und weihen / für alle gespenst und sunder- 
lich für ungewitter / vermeynen gantz der donner und hagel könne nit 
schaden wo und an welchem ort die Dürrwurtz sei" (1, 42). 

Sehr interessant ist, dass dieselbe Pflanze nach Sailer, D. Flora Oberüster- 
reichs (1841) JI2, 171 Donncrwurz, Donnerer, Taurer heisst, 'weil sie gegen das 
Einschlagen des Blitzes hilft." Es ist kaum anzunehmen, dass diese Angaben auf 



Volkskundliches aus deu Kräuterbüchern des l»». Jahrhunderts. 9 

das Bocksche Kräuterbuch zurückgehen. Die gleiche (in anderen Gegenden an- 
scheinend ganz unbeachtete) Pflanze wurde also in der Rheingegend ('auff dem 
Gaw Speier') und in Oberösterreich gegen das Einschlagen des Blitzes verwendet. 

Da nicht feststeht, welche Pflanze Bock unter dem 'Blutkraut' ver- 
stellt — die meiste Wahrscheinlichkeit hat noch der rote Gäusefuss 
(Chenopodium rubrum) — , so lässt sich auch nicht sagen, ob diese Pftanze 
noch jetzt in den Kräuterbüschel kommt. „Die Weiber pflegen das kraut 
inu jren Wurtzwüschen zu dörren und mit anderen Sagminis zu be- 
halten" (2. 41a). 

Mit dem roten Günsefuss ist der Fuchsschwanz (Amarantus) nahe verwandt, 
der in der Oberpfalz in den Kräuterbüschel kommt; vgl. Marzell, Altbayr. Volks- 
bot. (19(19), S. 12. 

Ein häufiger Bestandteil des heutigen Kräuterwisches ist wiederum 
iler Wermut (Artemisia absinthium), von dem Tabernaemontanus sagt, 
dass ihn „die weiber in jre Würtzwische mit anderen Kräutern 
sammeln" (8. 1). 

Der Wermut wird heutzutage besonders in der Rheingegend in den I^räuter- 
büschel genommen; auch im Elsass ist er eine der neun Pflanzen, die an Mariae 
Himmelfahrt geweiht werden (Martin u. Lienhart, Elsäss. Wb. [1899—1907] 2,854). 

Schliesslich gehört auch nach dem 'Gart der Gesuntheit" der Orant 
(Autirrhinum; vgl. oben S. 6) zu den Pflanzen der Würzweihe: „Wer 
diss krut by im hat und gewyhet würt zu vnser frawentag assump- 
tionis, dem mag kein zauberey schaden" (S. 126b). 

An derselben Stelle heisst es auch von dieser Pflanze: „Dy ammen haben 
diss krut by jnen so die frawen in kyndes nöten lygent die geburt ist in [enj 
dester leychter". Der Dorant (Orant) wird häutig (besonders auch in Verbindung 
mit Dost und Baldrian) als hexenvertreibendes Mittel genannt; vgl. Wuttke, Volks- 
abergl." § 135. Daher auch der Reim: „Orant den alten weibern wol bekannt" 
(z. B. bei Cordus, Annotat. in Dioscorid. [15()1] S. 72a). Häuflg kehrt in ver- 
schiedenen Gegenden eine Sage wieder, nach der eine Wöchnerin (oder 
Schwangere) dadurch, dass sie den Dorant bei sich hatte oder ihn unbewusst 
berührte, dem auf sie lauernden Teufel entging. Vgl. Praetorius, Anthropodemus 
plutonicus (16GG) 2, 135«".; Keightley, Mythol. d. Feen u. Elfen (1828) 2, 84; 
Schulenburg, Wendische Volkssag. (IS80) S. SC; Köhler, Voigtland (1867) S. 416. 
472; Irmischia (1881) S. 26. 31 ; Vernaleken, Mythen (1859) S. 225; Kuhn u. 
Schwartz, Nordd. Sagen (1848) S. 431. 

Auch über die Palmenweihe macht Bock einige Angaben, als er vom 
'Seuenbaum' (Juniperus Sabina) spricht: „Die Messpfaffen und alte huren 
geniessen des Seuenbaums am besten. Die Pfaffen pflegen auff den 
Palmtag den Seuenbaum mit andern grünen gewachsen zu weihen / geben 
für der donder und der Teuffei können nichts scliaffeu / wo solche ge- 
weihete stengel inn heusern gefunden werden / dardurch würt jr o])ffer 
gemehrt / und der armen seckel gelert. Zu dem so haben die alten Hexen 
und huren aclit auff die erste schüssling / so der pfaff' oder andere von 



IQ Marzell: 

Seuenpalmen zu dem creutz werffen / geben für, die selbige schüssliiig 
seien gut für hawen und stechen / für Zauberei / böss gespenst / und treiben 
darmit vil abenthewer / lassens von newem weihen / vnd Messen darüber 
lesen" (15511) s. 403b). 

Die Huren nennt Bock deswegen, weil der Sadebaum (wie auch jetzt noch) 
als volkstümliches Abortivum benutzt "wurde. Über das Werfen der Palmen zu 
dem Kreuz vgl. Franz, Die kirchlich. Benedikt. 1, 470 — 507. Dass Bock so sehr 
gegen die Palmbräuche eifert, erklärt sich auch daraus, dass er seit 1532 pro- 
testantischer Prediger gewesen zu sein scheint und später von der päpstlichen 
Partei aus seinem Amte verdrängt wurde (Meyer, Gesch. d. Bot. 4, 304). Der 
Sebenbaum ist auch heute noch, besonders im katholischen Süddeutschland ein 
Bestandteil des Palras, so in Altbayern (Marzell, Altbayr. Volksb. S. 2), in Tirol 
(Zeitschr. f. D. Myth. u. Sittenkde. 1, 327, Alpenburg 1S57 S. 396), in der Schweiz 
(Taminathal; Schweiz. Arch. f. Volkskde. 1, 158). Von 'sevebalmen' spricht eine 
1727 geschriebene Besegnung aus dem Archiv Donaueschingen (Alemannia 2, 137). 
Vgl. auch Zingerle, Sitten 1857 S. 68. 

An die Stelle des Sadebaums tritt im Palmbuschen nicht selten ein 
anderer immergrüner Strauch, die Stechpalme (Hex aquifolium). „Gemelte 
Stechpalmen gehören unter die Sagraina. Der gemein verfüret hauff 
stecket disen palmen / Wann er geweihet würt / über die thürschwellen 
des hauss / und der vihe stalle / der zuuersicht / es sol das wetter nit da- 
hin schlagen / wo diser Stechpalmen gefunden werde" (1551 S. 402b). 
Ahnlich berichtet auch Mattioli: „der gemeine mann gleubt, das die 
geweiheten zweige dieses baums über die thür auffgehenckt für dem 
donner bewaren sollen" (S. 52). 

Die Stechpalme ist noch heutzutage in der Schweiz ein Bestandteil des Palras, 
weshalb auch dort 'Balme(n)', (Schweiz. Id. 4, 1218), Palmedorn (Bern; Ztschr. f. 
D. Myth. u. Sittkde. 4, 174), Palraertorn (Messikommer 1910 S. 242), Balmen- 
stritten (Aretius, Stocc-horni . . . descriptio [1560] S. 234b). „Als Christus in 
Jerusalem einzog, streute man ihm Palmen auf den Weg. Als man aber 'kreuzige' 
rief, bekam die Palme, von welcher die Zweige abgeschnitten wurden. Dornen, 
und es entstand die Stechpalme" (Zürich; Ztschr. f. D. Myth. u. Sittkde. 4, 174). 
„Am Palmsonntag geweihte Zweige schützen vor Blitz" (Solothurn; ebda.). In 
Sargans bilden die mit Äpfeln und farbigen Bändern geschmückten Zweige der 
Stechpalme den Palm (Schweiz. Arch. f. Vkde. 10, 225). In den Gegenden des 
Schneeberges kommt das „Schradllab", wie hier der Baum heisst, ebenfalls in 
den Palmbuschen (Zeitschr. f. österr. Vkde. 2, 193). 

Verhältnismässig wenige Beiträge liefern die alten Kräuterbücher zum 
Kapitel des laudwirtschaftlichen Aberglaubens. Merkwürdiges weiss Bock 
von der 'kleyn Kletten', worunter die Spitzklette (Xanthium strumarium) 
zu verstehen ist, zu berichten : „Hie haben mit disen Kletten etliche 
naturkündiger und alte weiber jre Observation und erfarung / wann im 
herbst so obgemelte Kletten zeittig und uffgethon werden / finden sie in 



1) Die erste Ausgabe des Kräuterbuches von 1539 enthält, da sie noch keine Bäume 
und Sträucher aufführt, den 'Seuenbaum' nicht. 



Volkskundliches aus den Kräuterbüchern des 16. Jahrhunderts. H 

eyner yeden Kletten zwey Gerstenkörner verschlossen / soll eyn gut 
fruchtbar, volkummlich jar bedeutten / werden aber zwey spitziger 
habernkörnlin funden / halten sie das gegentheyl / nemlich eyn künfftige 
thewrung aller frucht / das hab ich auch selbs erfaren und gemeynlich 
auss yeder Kletten zwey schwartzer Habernkörnlin genommen" (2, 75a). 

Unter den Gersten- bzw. Haferkörnlein sind jedenfalls die in ihrer Form 
etwas wechselnden Spitzklettenfrüchte, von denen immer zwei beisammenstehen, 
gemeint (die weiblichen Blütenköpfchen sind zw ei blutig}. In ähnlicher Weise 
deutet man aus der Anzahl der Körner (Peridiolen), die der Becherpilz (Cyathus 
striatus, auch Teuerling genannt) in seinem becherartig vertieftem Peridium birgt, 
gute oder schlechte Ernte. „Soviel die Theuerlinge Körner in sich haben, so viel 
Groschen wird das Korn hinfort kosten," sagt die Chemnitzer Rockenphilosophie 
(Grimm, Mythol. * 3, 442). Dieses Orakel ist auch jetzt noch ziemlich verbreitet, 
so in Böhmen (Am Urquell N. F. 1, 209), im Voigtland (Köhler S. 392), in der 
Schweiz (Schweiz. Id. 2, 1012), bei den Wenden (Schulenburg 1882 S. 16;J), in 
Thüringen (Regel, Thüring. [1895] S. 677). 

Noch ein anderes Orakel kennt Bock vom Eichenlaub: „es geschieht 
offt das das eichenlaub gegen dem Herbst auff der lincken seitten weisse 
runde schüplin gewint / das feit dann ab und wann man dise blümlin 
sihet (dann also nennen es die Bauren), so verhoff'en sie des künfftigen 
jars vil Eicheln zu haben" (1551, S. 415b). 

Es handelt sich hier jedenfalls um durch Insektenstiche verursachte Aus- 
wüchse ('Gallen') der Blattunterseite. Der Gallenforscher, Herr Konservator 
Dr. Ro SS -München, teiU mir gütigst mit, dass sich Bocks Notiz wohl ohne 
Zweifel auf die linsenförmige Galle der agamen Generation der Gallwespe Neuro- 
terus quercus-baccarum bezieht (vgl. auch Ross, Pflanzengallen [1911] S. 230). 

Viel bekannter als das ebengenannte Orakel scheint ein anderes gewesen 
zu sein, das sich auf die bekannten grossen Eichengalläpfel bezieht. „Die 
grossem Galläpfel haben diese Eygenschafft / daß sie jährlich deuten oder 
anzeigen / ob dasselb Jahr fruchtbar oder unfruchtbar / ob sich Krieg 
empören oder die Pestilentz regieren werde: Im Jenner oder Hornung 
11 im ein newen gantzen unversehrten Gallapfel / der nicht löcherig sey / 
brich jhn mitten entzwey / so findest du darinnen eines unter den drey 
dingen / nemblich ein Fliege / Würmle / oder Spinnen. Die Fliege be- 
deutet Krieg, das Würmle Thewrung / die Spinnen ein Sterbens- 
lauf f" (Mattioli 158^; S. 64b). 

Unter 'Würmle' ist die (wurmähnliche) Larve der Gallwespe, unter 'Fliege' 
das fertige Tier kurz vor dem Ausschlüpfen aus der Galle zu verstehen. Bei der 
Spinne mag es sich um eine ungenaue Beobachtung handeln; allerdings schreibt 
Ross a. a. 0. S. 16, ^dass bisweilen auch andere Tiere in den verlassenen Gallen 
wohnen." Konrad v. Megenberg, der die erste Naturgeschichte in deutscher 
Sprache verfasste (vgl. oben S. 1), schreibt vom „laubapfel, der auf des paumes 
laub wechst, galla haiz": „in dem laubapfel wirt ain Würmel, dar an prüefent die 
luftsager oder die wetersager künftigez wcter, wan vindent si daz würmel mitten 
in dem laubapfel, so kümt ain scharpfer winter nach irr sag; wenn aber daz 



12 Marzell: 

würmel an dem end ist, so kümt ain sänfter winter" (Buch der Natur, hrsg. v. 
Pfeiffer [1861] S. 343). Die 'Bauernpraktik' v. J. 1514») sagt: „Wiltu sehen wie 
das iar geraten sol / so nym war aychöpffel urab sant michelstag / bey den sieht 
man wie das iar geraten sol / hond sy spinnen so kombt ain böss iar. Hondt sy 
flign so ist es ain milte zeit. Hand sy maden ['Würmle' bei Mattiolü], so kombt 
ain gut iar. Ist nichts darinn / so kombt ain tod. Ist der öpfel vil und frue / so 
wirtt der winter vil vor weihenachten und darnach wirt es kalt. Seind die (in) 
nerlach darin schön / so wirtt der sommer schön und das körn. Seind sy aber 
nass / so wirt der sommer auch nass. Seind sy aber mager so wirtt es ain 
haisser sommer." 

Zum laiidwirtschaftlicheii Aberglauben gehört auch, was Bock von der 
A'ertilgung des Farnkrautes (wohl Pteridium aquilinum) berichtet: „die 
ackerleut wissen den Farn nit wol zu vertilgen / docli haben etliche dise 
superstition / wann das feld / darauff Farnkraut wechst / auf decollationis 
Johannis (29. August) geeret und runiher gerissen wärt / sol der Farn 
folgens keyn platz mehr haben, mög auch nit wachsen" (1, 161b). 

Eine Art Sympathiezauber! Der am Tag der Enthauptung des hl. Johannis 
ausgerissene Farn kann nicht mehr nachwachsen, ist endgültig tot. Ganz eng be- 
rührt sich damit, was Sebillot, Folklore de France 3 (1906), 464 aus den Vogesen 
berichtet: hier muss man den Farn ain Tage Abdon (30. Juli) ausreissen, dann 
schlägt er nicht mehr aus. Hiermit wäre wieder der mecklenburgische Aberglaube 
zu vergleichen, demzufolge Hühneraugen am Tage Abdon zu schneiden sind, da- 
mit sie gänzlich vertrocknen. ^Der Grund ist wahrscheinlich der Klang des 
Namens (abthun)", meint Wuttke^ §'"^^4 dazu. Vgl. auch unten den Farn-Namen 
'Abthon'. Der vogesische Aberglaube wäre demnach auf deutschem Boden ent- 
standen, da ja in der französischen Sprache der Gleichklang mit Abdon nicht 
besteht; vgl. dagegen Rockenphilosophie (Chemnitz 1709) 2, "265. 

Betrachten wir jetzt noch einige Kräuter, die zum Zauber oder 
Gegenzauber benutzt wurden. Bei vielen dieser Pflanzen lassen es die 
alten Kräuterkundigen mit Andeutungen bewenden, gleichsam als ob sie 
es verschmähten, den Aberglauben des Pöbels oder 'der alten Weiber", 
wie sie sich gewöhnlich ausdrücken, wiederzugeben. Hier mögen zunäch.^t 
zwei Kräuter genannt w^erden, deren sich die Alchimisten bei ihren 
geheimnisvollen Arbeiten bedienten. Das erste ist ein Farnkraut, die 
bekannte Mondraute (Botrychium Lunaria). „Der bletter halben nennen 
wir diss kraut Mon Rautten / zu latin Lunaria. etlich wollen, düj kraut 
sol zu vnd abnehmen mit dem Monschein / also , so mancher tag 
das liecht am himmel alt / also vil sol diss kraut underschiedliche zer- 
kerffte bletter bringen / vil treiben abenthewer mit disem ge- 
w^ächs / sonderlich aber die Alchymisten. . . . weiter darvon zu 
wissen / so jemands lustig / mag die landtstreicher / und die so sich der 
Alchymei berümen / fragen / ich wil nichts darvon schreiben / dann icii 



1 In disem biechlein wirt gefunden der pauren Practik vnnd regel darauff sy das 
gaiitz iar ain auffniercken liabeii vinid halten 9 pag. . anno l.")14. 



Volkskundliches aus den Kräuterbüchern des 16. Jahrhunderts. 13 

liabs nit versucht / was sein kraift oder würckung' ist" (Bock 1551, 
S. 345 a). 

Ahnlich berichtet Aelian hist. anim 2, Ö6, dass die Leber der JVIaus mit dem 
Mond zu- und abnehme (vgl. auch C. Gesner, De raris et admirandis hcrbis 
quae. . . . Lunariae noniinantur. Tiguri lööö und Röscher, Selene u. Verwandt. 
Studien z. griech. Mythol. ISDO, 4. Heft). Bei den Slowaken ist die Pflanze ein 
magisches Liebesmittel (Hovorka-Kronfeld, Vergleichende Volksmedizin [1908] 
1, 312). 

Eine andere Alcliimistenplianze ist die 'Goldwurtz' (Türkenbund-Lilie. 
Liliuni Martagon). „Die Alchimisten halten diss kraut in hohem werdt 
und sagen es habe ein kraft die Metall zu vereudern / das lass ich 
sie verantworten" (Mattioli 1563 S. 344). 

Der Glaube stützt sich jedenfalls auf die goldgelbe Farbe der Zwiebel (daher 
auch Goldwurz). In Württemberg legt man daher auch ein Stück Gold würz in 
die Butter, damit diese eine schöne gelbe Farbe bekommt (Eberhardt, Mitt. über 
volkst. Überlief, in Württembg. Nr. 3. In: Württemb. Jahrb. f. Stat. u. Landeskde. 
1907 S. 216). 

Eine Anzahl von Pflanzen gilt als 'gut für die Zauberei'. Die Engel- 
wurz (Angelica) möge den Anfang machen. „Diss kraut bey sich 
getragen sol gut für allerley zauberey sein" (Fuchs cap. 43). 

Vgl. auch Wolff, Amulette (16i)2), S. 144. In Norwegen wurde die Pflanze 
(wie die Stechpalme und andere zauberkräftige Kräuter) als 'Palmen' (vgl. oben) 
getragen (Weinhold, Altnord. Leb. (1856) S. 79). Die Engelwurz galt vor allem 
als wirksames Pestmittel. Den Ruf eines zauberwidrigen Mittels verdankt sie, 
wie noch heute die verwandte Meisterwurz (Imperatoria Ostruthium) dem starken 
aromatischen Geruch (ätherisches iil der Doldenblütler!). 

Eine andere stark riechende Pflanze ist die Eberraute (Artemisia 
Abrotanum). „Sie bringt lust zur unkeuscheit und ist ein sonderlich kraut 
wider alle zauberey / so den mannen ir recht nemen sich mit dem 
Weib zu vermischen" (Brunfels 1537 S. 113). 

Dieses Mittel ist übernommen aus Plinius nat. hist. 21, 162: „ramo eins 
(habrotanum), si subiciatur pulvino, venerem stimulari aiunt, efficacissimamque 
esse herbam contra omnia veneficia, quibus coitus inhibeatur". Die Eberraute 
ist also ein Mittel gegen das 'Xestelknüpfen'. Auf die aphrodisische Wirkung der 
Pflanzen weisen auch englische Volksnamen hin wie Boy's love, Kiss-me-quick- 
and-go, Lad's Love, Maiden's Ruin, Old Man's Love (Britten and Holland, Dict. 
of engl. Plant-Names. I,ond. 187s ff.). „Wenn jemand ein Mädchen zu seinem 
Schatz haben will, so muss er ihr heimlich unter das Schürzenband ein Büschel 
Eberreis stecken; alsdann kommt das Mädchen von selbst zu ihm. Die Liebe 
dauert aber nur einige Jahre, weil sie keine natürliche, sondern eine angezauberte 
ist; dann wandelt sie sich in Hass (Spickendorf, Prov. Sachsen; oben 4, 326). 
Vgl. auch Hofier, Volksmed. Bot. d. Germ. S. 76. 

Ein naher Verwandter der Eberraute ist der Beifuss (Artemisia 
vulgaris), von dem Bock sagt: „Diss erwürdig kraut Beifuss oder Bücken, 
S. Johanskraut und gürtel ist auch in die superstition und zauberey 



1 4 Marzell : 

kommen / also das etlich diss kraut auff gewissen tag und stund graben 
wie Yerbeuam, suchen kolen und narensteyn darunder für febres, andere 
hencken es umb sich / machen krentz darauss / folgens werffen si das kraut 
mit jrem unfal in S. Johansfeur / mit jren Sprüchen vnd reymen. Diss 
afiPenspil und cereraonien / treiben nit die geringsten zu Pareiss in Frank- 
reich. Andere haben von Plinio gelernt / wo sie Beifuss mit Salbei an- 
hencken, sollen sie auff der reyss nit müd werden und des dings ist keyn 
ende" (1, 99a). Ähnlich äussert sich auch Brunfels über den Beifuss: 
„Die magi graben disse Wurtzel uff S. Johannsabent / so die sonn under- 
gadt / so finden sye darbey schwartze körnlein an der wurtzelen hangen. 
Und das dem also / hab ich selbs gesehen / ist ein sonderlich geheymnuss 
was damit gehandlet würt. . . . (S. Johanskraut) ist aber darumb in den 
brauch kommen / das an vilen orten Teutschlands menigklich sich be- 
fleisset solich kraut zu bekommen / sich damit krönen und gürten / und 
zu letst ins Johannsfewr werffen. Solich soll ein sonderlich expiation sein 
und geheimnuss" (S. 237). 

Vgl. auch Fuchs cap. 13, Mattioli S. 357, Tabernaemont. S. 37. Rosbach. 
Paradeissgärtlein (1588) reimt: 

„Fürs Gespänst die alten Weiberlein 
Den Beyfuss hencken hin zum Schein, 
Der Zauberey soll widerstehn, 
Mit Aberglauben sie umbgehn" (S. 254). 

Der Beifuss-Aberglaube dürfte zum grossen Teil germanisch sein (vgl. auch 
Höfler, Volksmed. Bot. S. 74), jedoch schreibt schon Plinius nat. bist. 26, 150: 
„artemisiam et elelisphacum [wird auf eine Salvia-Art gedeutet] alligatas qui habet 
viator negatur lassitudinem sentire." Dieser Aberglaube — dass der angebundene 
Beifuss gegen Müdigkeit schützen solle — wird sonderbarerweise oft als 
deutscher angegeben, so aus Tirol (Zingerle, Sitten (1857) S. 64), aus der Steier- 
mark (Unger, Steir. Wortsch. S. 599), aus dem Saulgau (Bohnenberger 1904. 1. 
113). Das Umgürten am Johannistag mit Beifuss kennen auch die Tschechen 
(Zeitschr. f. österr. Volkskde. 11, 123). Dass der Beifuss-Aberglaube bei uns sehr 
alt ist, beweisen seine Erwähnung bei Vintler (oben 23, 118) und bei Sebastian 
Franck (vgl. unten den 'Rittersporn'). 

Germanisch ist wohl auch das Kraut Modelgeer, der Kreuzenzian 
(Gentiana cruciata); in den Schriften der Alten wird die Pflanze nirgends 
erwähnt. „Die alten weiber sagen Modelgeer sei aller wurtzel eyn Eer / 
und ist ein recht Stergethron / dann sie wirt zu seltzamen künsten ge- 
braucht in fascinationibus amorum. Sie ist wie eyn weiblich glid zer- 
spalten in der mitten / drumb die Circeischen Weiber jren Handel 
mit treiben" (Bock 2, 70b). Dieselbe Pflanze war auch ein magisches 
Mittel bei Schweinekrankheiten: „Die hirten im Westerich treiben jre 
sQperstition mit dem kraut und wurtzel / dann sobald eyn Saw sterbent 
einher / feit nemen sie das kraut und wurtzel zerhackt mit anderen pulver 



Volkskundliches aus den Kräuterbücheru des IG. Jahrhunderts. 15 

dazu bereyt / gebens den schweineu indem ass mit etlichen gebettlin/ 
sol die Schwein behüten / das der Schelm | Viehkrankheit; vgl. Höfler, 
D. Krankheitsnamenbuch (1899)] nit under sie kum. Es muss aber in 
allen orten Zauberei sein, niemans ist der solchs mit ernst widerfechtet" 
(1, 71a). 

Dass die Pflanze in hohem Ansehen stand, beweist auch die Beschwörungs- 
formel einer Giessener Papierhandschrift (vgl. Zeitschr. f D. Myth. u. Sittkde. 2, 
170; 3, 333; Schmeller Wb. 1, 1568). Vgl. ferner Rosbach, Paradeissgärtlein 
und HöfJer, Volksmed. Bot. S. 70 f. 

Einheimischer Aberglaube ist es jedenfalls, der sich an zwei kleine 
Farnkräuter, den braunen Milzfarn (Asplenium trichomanes) und die 
Mauerraute (Asplenium ruta muraria), sowie an das Widertonmoos (Poly- 
trichum) knüpft. „Es haben die alte weiber vil fantasei mit disen 
kreütteru / und sprechen also / das rot Steinbrechlin mit den Lynsen 
bletlin [= Asplenium trichomanes] sol man nennen Abthon / und das 
nacket Jungfraw hör [= Polytriclium] sol man nennen Widderthon / dann 
mit disen kreüttern können sie beide sacken / nemlich abthon und widder- 
thon jrs gefallen / wer gesiebt aber nit täglich dergleichen werck und 
Philtra / darbei wollen wirs auch lassen / und fürter schreiben" (Bock 
1, 158b). . . .„Die weiber reden also / Maurraut sol niderlegen und ab- 
helffen / dagegen sol das braun hörlin mit den Lynsenbletlin wider- 
bringen und auffhelffen / solches thut auch das Jungfrawlior" (ebda. 
S. 159 a). „Man treibt sonst vil abentheur mit disem Wlderthon [Poly- 
trichum], das lassen wir als narrenwerck und Teufels gespenst faren" 
(Fuchs cap. 241). 

An derselben Stelle nennt Bock den 'Widderthon' auch 'Widdertod' (von 
Sohns, Unsere Pflanzen ^^ S. 45 sicher fälschlich als 'Wider[den]Tod' erklärt!). 
Die drei oben genannten Pflanzen sind wohl der noch jetzt auf bayrisch-öster- 
reichischem Gebiet im Volk bekannte 'Widritat', eine geheimnisvolle Pflanze, mit 
deren Beschreibung die Bauern nicht gern herausrücken. In Kärnten heisst die 
Mauerraute noch heute Widerthat, in Steiermark, in Niederösterreich und im 
Böhmerwald ist der braune Milzfarn (Asplenium trichomanes) der Widertod und 
in Niederbayern (Mallersdorf) wurde mir vor einigen Jahren das Widertonmoos 
als 'Widritod' gezeigt. In Niederösterreich heisst die Mauerraute, weil sie gegen 
das 'Verneiden' des Viehes gebraucht wird (und an Felsen, Mauern usw. wächst) 
'Stoanneidkraut' und bildet mit Silene acaulis, Homogyne discolor, Achillea Cla- 
vennae und 'Pöchl' (= Pechöl) die tägliche 'Maulgabe' der Alpenrinder (Höfer 
und Kronfeld, D. Volksnam. d. niederöster. Pflanz. [1889] S. 16). Vgl. auch 
Grimm Myth.* S. 1016. In Steiermark heisst das Widertonmoos 'Nimm mir nichts' 
und wird getrocknet und gestossen gegen Milchzauber verwendet (Unger, Steir. 
Wortsch. S. 478). Die Vermutung bei Diefenbach-Wülcker, Hoch- u. Niederd. Wb. 
(1875) S. 27, dass 'Abthon' aus adiantum (lateinisch-griechischer Parnname) um- 
gedeutet sei, ist höchst unwahrscheinlich. Der 'Widritat' erscheint auch in 
manchen Fassungen der bekannten Sage, in der der Teufel ein Mädchen, dem er 
sich als Jäger usw. genaht, entführen will, aber durch einige Pflanzen (z. B. 
Kuttelkraut, Wolgemut, Widritat) vertrieben wird, vgl. z. B. Schönwerth, Aus d. 



16 



Marzell: 



Oberpfalz (ISÖS) 1, 134. Eine Beschwörung des Wiederthats bringt eine Handschr. 
der Üniv.-Bibl. Breslau v. J. ir)94: Wiltu haben, das dein Viehe nicht soll be- 
zaubert werden, So soltu an Walpurgis abendt Wiederthat und Tellscheiben (Dill- 
scheiben?) nehmen, die dem Viehe eingeben und unter die Türschwelle oder 
darüber wie es am besten geschehen kann, ein wenig Esellhar eingraben und also 
sagen: Wiederthat, du weist, was dir Christus befohlen hat; Das solt tu das gutte 
mehren, undt des bösen wehren. Das zehll ich dir liebes Viehe zu lob und 
büße. In nomine Patris etc. (Mitteil. d. schles. Gesellsch. f. Vkde. 18, l-S). 

Eine ganz ähnliche Besegnung des Wiederthons aus Tirol bringt Alpenburg. 
Mythen (1857) S. 408. 

Die 'Rittersblunien (Rittersporn, Delphinium Consolida) sollen (viel- 
leicht wegen ihrer schön blauen Farbe?) die Augen vor Krankheit be- 
wahren. „Rittersblunien dry in jungfrawenwachs gewirckt und an den 
Hals gehenkt und domit sant Otilien eyn messe gefrömt oder dry 
alnuisen umb iren willen geben oder dry pater noster gebet oder drey 
gottsdienst alle gethan . seyn äugen blyben gesunt die wyle der 
mensch lebet. — Und etlich neraen diser blumen ein büschlin und 
hencken sye über die thür der stuben oder camern vff das sye darin 
sehen mögen. Dise blumen hat die liebe jungfrawe sant Otilia 
sunderlichen in eren gehabt / dovon juen dann sölicher gewalt kernen ist" 
(Gart d. Gesuntheit S. 50a). 

Auch Sebastian Franck berichtet in seinem AVeltbuch (1534) S. 51b von den 
'Prancken": „An S. Johanstag machen sy ein siraetfeur / Tragen auch disen tag 
sundere kreutz auff / weyss nit auss was Aberglauben / von beyfuß und eysen- 
kraut gemacht / und schier ein yeder ein blaw kraut / Rittersporn genant / in 
der Hand / welches dardurch in das feur sihet dem tut diss ganlz jar kein aug 
wee / wie sy aberglauben / wer vom feur zuhauss weg will geen der würfft diss 
sein kraut in das feur sprechende , es gee hinweg vnd werd verbrent mit disem 
kraut all mein vnglück.'- Dorstenius, Botanicon (1540) S. 901 schreibt von der 
Pflanze: „Ab studiosis in pretio habetur, una cum ruta. Siquidem credunt illius 
crebro intuitu, numquara se ex oculis laboraturos. Quare eam in suis 
musaeis suspendunt." Bemerkenswert ist, dass auch eine andere Pflanze mit 
schön blauen Blüten, die Wegwarte (Cichorium Intybus), gegen Augenleiden 
sympathetische Verwendung fand. 

Auch die bekannte Sage vom Teufelsabbiss (8uccisa pratensis), dessen 
Wurzelstock wie abgebissen scheint, finden wir bereits in unseren 
Kräuterbüchern verzeichnet oder doch angedeutet. „Und haben auch die 
alten Weiber liye ire fantasien / sprechen es sey so ein köstliche wurtzel / 
dass der böse feind soliche köstliche artzeney dem menschen ver- 
gunnet / vnd sobald sye gewachsst / beisse er sye ab / dahär sye haben soll 
iren nammen Teufels Abbisz. Mag villeicht sein / dass soliches [d. h. die 
Wurzel] abgefaulet / oder sonst / das ich meer glaub / die natur ire wunder 
darinn habe" (Brunfels S. 91). 

Ähnlich auch bei Fuchs cap. 272. Nach einer estnischen Sage war es der 
hl. Petrus, der die Wurzel abbiss. „Der hl. Petrus ging einst mit seinem Herrn 



Volkskundliches aus den Kräuterbüchern des IG. Jahrhunderts. 17 

und Meister spazieren und wurde von heftigen Leibschmerzen überfallen. Um 
sich zu helfen, riss er eine Pflanze aus der Erde, biss ein Ende von der Wurzel 
ab und fühlte sich auf der Stelle von den Schmerzen befreit. Seit dieser Zeit 
hat diese Pflanze einen abgebissenen Wurzelstock, ja man kann sogar noch die 
Stellen der Zähne daran unterscheiden. (Russwurm, Sagen aus Hapsal [18G1] 
S. 190). Ebenso bei Demitsch 18S9 S. 231. Die Sage, dass der Teufel die 
Wurzel der Pflanze abbiss, findet sich anscheinend zum erstenmal bei Oribasius 
(4. Jahrh. n. Chr.). Der 'Gart der Gesuntheit' S. Hob empfiehlt übrigens unsere 
Pflanze gegen Zauberei: „welcher diss kraut bey jm traget oder die Wurtzel dem 
mag der teufel kein schaden zufügen. Auch mag im kein zauberey ge- 
schaden von den bösen weyben." Der Teufelsabbiss ist auch noch heutzutage 
(z. B. in Mecklenburg; Bartsch 1879 2, 37) ein Bestandteil der hexenvertreibenden 
Räucherpulver. Vgl. Dähnhardt, Natursagen 1, 203. 351. 

Dass die alten Kräutler die Alraunwurzel nicht unerwähnt lassen, versteht 
sich von selbst. Sie schreiben von den 'landstreichern', die den echten 
Alraun (Mandragora) mit der rübenförmigen Wurzel der einheimischen 
Zaunrübe (Bryonia) verfälschten, diese besonders präparierten und dann 
die Fälschung als echten Alraun verkauften (Bock 1539, 2, 70b, Fuchs 
cap. 201). Besonders ausführlich handelt Mattioli darüber; er erfuhr 
diese schwindelhaften Praktiken von einem 'Theriaksschreyer', der zu 
Rom in seiner ärztlichen Behandlung war. 

Über den Alraunglauben kann hier nicht näher abgehandelt werden ; vgl. 
Hertz, Ges. Abhandl. hs. von F. von der Leyen (1905) S. 2590"., A. Schlosser, Die 
Sage von Galgenmännlein, Dissert. Münster 1912 (vgl. dazu meine Bespr. dieser 
Schrift in Mitt. z. Gesch. der Mediz. und der Naturw. 12, 367, wo weitere 
Alraunliteratur angegeben) und Marzell, Zauberpflanzen (Naturwiss. Wochenschr. 
N. P. 8, nr. 11). 

Verhältnismässig kurz wird eine andere berühmte Zauberpflanze, die 
Mistel (Viscum album), abgetan: Nachdem Bock den bekannten Bericht 
des Plinius (nat. hist. 16, 249ff.) über den Mistelkult der Druiden wieder- 
gegeben hat, bemerkt er dazu: „Solcher fantasei und aberglauben seind 
vil bei uns eingerissen. Dann vil meinen noch / es haben die Eichen 
Misteln etwas krafft und gewalt für böse gespenst / henckens auch zum 
theil den jungen hindern an die hälß / der meinung / es soll denselben 
hindern kein zauberei oder gespenst schaden .... Etliche Empirici und 
künstler halten wann Eychemistel Hesele oder Birbeume Mistel die Erde 
nit berüren / sollen sie gut sein für die fallende sucht / gepulvert und in 
wein gedruncken / machen derhalben Pater noster daraus / etliche lassen 
sie in silber fassen / und henckens vnder anderm geschmeid den jungen 
hindern an die halse" (1551 S. 358 a). 

Da die Mistel äusserst selten auf Eichen wächst, so dürfte unter 'Eichen- 
mistel' in den meisten Fällen die mit der Mistel nah verwandte, fast aus- 
schliesslich auf Eichen schmarotzende Riemenblume (Loranthus europaeus) zu 
verstehen sein. Diese Pflanze kommt in Deutschland nur bei Pirna in Sachsen 

Zeitschr. d. Vereins i'. Volkskunde. 19U. Heft 1. 2 



j g Marzell : 

vor. Sicher ist es die Eichenmistel, Ton der Praetorius, Coscinomant. 1677 sagt: 
„...Viele Meissner, auch hier zu Zwickau, die da meynen: Wenn sie einen 
solchen Eichenmistel haben, so haben sie etwas gar großes und wichtiges; daher 
sie dieselben lassen in Silber einfassen und hängen sie den kindern an Hals: in 
Meinung, ich weiß nit wofür sie dienen soll." Welchen Wert die in Silber ge- 
fassten Mistel-Paternoster darstellten, beweist die Notiz in Rulands handlungsbuch 
„450 rheinisch gülden umb mistlin paternoster" (Beneke-MüUer 2, 1, 191). 

Eine Pflanze, deren abergläubische Wertschätzung vielleicht aus- 
schliesslich auf die Antike zurückgeht, ist das Eisenkraut (Verbena offi- 
cinalis). Trotzdem finden wir dieses Gewächs sehr häufig in deutschem 
Aberglauben erwähnt, obwohl das Eisenkraut, wie schon aus seinen spär- 
lichen deutschen Volksnamen hervorgeht, im Volk nur wenig bekannt ist. 
Übrigens steht gar nicht fest, ob die Römer die von Linne als Verbena offici- 
nalis benannte Pflanze unter 'verbena' verstanden, jedenfalls waren die 
'verbenae' der Römer Zweige von verschiedenen Pflanzen, die kultischen 
Zwecken dienten. „Ire [d. i. der Römer] schwartzkünstler schreiben also 
darvon [vom Issenkraut] das es krafPt habe / den bössen feyndt zu 
zwingen / und zu allen zaubereyen dyenstlich . Welches auch Vergilius be- 
zeuget. Item wer sich mit Issenkraut safft bestreicht / dem mag nye- 
mants abholdt sein / man müssz yn lieb haben . Es möge ym auch keyn 
feber schaden / und beyläuffig kein kranckheyt sey / darzu Issenkraut 
nicht dyenstlich. Weiter / so man das gasthaus damit besprenget / so sollen 
die gest alle frölich darvon werden / und keynes thyers gifft da gelasszeu. 
Wer ein guts kreütlin für die würt / und die unfridsamen eeleudt / wo 
ym also wer." (Brunfels S. 47.) Auch zu den 'Johanniskräutern' gehörte 
die Pflanze: „Unsere Teutschen zauberer umbreissens auff S. Johansabent 
mit golt und sylber / beschwerens / verzauberns und grabens auff S. Johanns- 
tag vor der Sonnen aufFgang etc. also fast ist die Zauberei eingerissen bei 
den geistlichen mehr dann bey dem gemeynen man" (Bock 1, 56 a). 

Über die verbena des Altertums vgl. Dioskorides mat. med. 4, 60, Aelian. 
bist. amin. 1, 35; Plinius nat. bist. 25, 105. Bei den Griechen gehört die Ver- 
bena officinalis noch jetzt zu den Glückspflanzen; sie wird nebst Knoblauch und 
Sellerie an die Ställe oder Seidenwurmhürden usw. angebunden. (Fraas, Synops. 
plant, florae class. [1845] S. 186.) Auch Vintler (vgl. oben 23, 121) und Sebastian 
Franck (s. oben Delphinium!) erwähnen die Pflanze. Vorschriften, die Verbena 
zu graben, in Zeitschr. f. dt. Myth. u. Sittkde. 2, 171; 3, 2o3 und Mitt. d. schles. 
Ges. f. Vkde. 13, 23; 16, 34. 

Ebensowenig ist es ein deutscher Aberglaube, was Bock von der 
Einbeere (Paris quadrifolia) sagt: „Etlich meynen so man diss kraut mit 
der lincken band abbrech / und an die geschwollene macht [pudendum] 
binde / es sol dardurch der schmertzen gemiltert und gewendet werden." 
(1, 89 a). 

Dioskorides mat. med. 4, 119 von dem aster attikos (vielleicht Aster Amellus L.), 
einer Pflanze, die Bock mit Unrecht für die (bei den antiken Schriftstellern an- 
scheinend nirgends erwähnte) Einbeere hält. 



Volkskundliches aus den Kräuterbüchern des 16. Jahrhunderts. 19 

In das Gebiet der Volkskunde gehört schliesslich noch ein ergötzliches 
Geschichtchen, das Bock von der Brachendistel (Eryngium campestre) er- 
zählt. „ . . . die alten verdorrten disteln / die fallen dann [im Frühjahr] 
ab / werden riindiert als kugeln / darumb sie stets vom wind hin 
und her getrieben werden / daher man noch ein schimpffredt höret / wie 
das gemelte rauhe distel eynen kecken schneiderknecht der in den krieg 
ziehen wolt seinen langen spiess sol haben erlegt und abgetriben / als 
dise runde und rauschende distel vom winde gejagt / ist sie mit großem 
rauschen gegen dem schneiderknecht gewaltzt / als eyn runde kugel / 
darvon der Schneider erschrocken / das im der spyess entpfallen / sich 
eilends gewent / und on gewer der disteln / als seinem auffsetzigen feindt 
eutrunnen" (2, 84b). 

Mit den obigen Ausführungen ist der volkskundliche Stoff der alten 
Kräuterbücher noch bei weitem nicht erschöpft. Eine dankbare Aufgabe 
wäre, die volksmedizinische Verwendung der darin aufgezählten 
Pflanzen zu durchmustern und hier das aus den antiken Schriftstellern 
Übernommene von dem wirklich Einheimischen zu trennen. Dieses letzt- 
genannte dürfte allerdings im Vergleich zu jenem nur einen sehr kleinen 
Teil ausmachen. Die nicht selten wiederkehrende Bemerkung der alten 
Kräuterbücher, dass die 'alten Weiber' diese oder jene Pflanze bei ge- 
wissen Krankheiten verwendeten, beweist natürlich noch lange nicht, dass 
es sich hier um germanische Heilkunde handelt. Die Mönchsmedizin, die 
aus den Schriften der Alten schöpfte, drang eben ins Volk ein. Ferner 
bringen die Kräuterbücher manches Material zum Thema 'Die Pflanzen 
im Kinderspiel'. Es werden hier zwar meist keine eingehenden Aus- 
führuno-en "emacht, sondern die alten Kräutler lassen es mit der Fest- 
Stellung bewenden, „daß die Kinder ihr Kurtzweil mit disen blumen 
haben". Des weiteren gehören auch noch hierher die kurzen Bemerkungen 
über die Verwendung von Pflanzen in der Hauswirtschaft (z. B. 
bei Bock 2, 32 a Verwendung des Binsenmarkes zu Dochten für die 
Ampeln, Samenbaare des Teichkolbens zum Füllen von Betten bei Fuchs 
cap. ol9, Benutzung des Klebkrautes [Galium Aparine] als Milchseiher 
bei Bock 1, 146b). Ein Kapitel für sich wären schliesslich noch die 
vielen volkstümlichen Pflanzennamen, an denen Bock besonders 
reich ist. Solche Volksnamen führt er besonders auf aus dem „Bistumb 
Speier, Meintz, Metz, Trier, aus dem Wormbser gau und aus dem Westerich". 
Bock ist einer der ersten Botaniker, die sich um die Volksbenennungen 
der Pflanzen kümmerten, und der erste, der fränkische Pflanzennamen 
sammelte. 

Pullach bei München. 



20 GJraf: 



Hianzische Märchen. 

Von Samuel Graf. 



Im Juli 1909 besuchte ich, wie alljährlich um diese Zeit, meinen Geburts- 
ort Oberschützen CFelsölövö, Komitat Eisenburg), einen 1400 durch- 
weg evangelische Einwohner zählenden Marktflecken, der, zwei Stunden 
von der dreifachen Grenze von Ungarn, Niederösterreich und Steiermark 
gelegen, den geistigen Mittelpunkt der Hiauzerei bildet. Bei meiner Be- 
schäftigung mit der Sammlung hianzischer Sitten und Redensarten ver- 
nahm ich, dass Samuel Ofenbeck, genannt Tschali, schöne 'Geschichten' 
zu erzählen wisse und deshalb im Winter oft von den Bauern im Dorfe 
Tauchen eingeladen werde, ihnen die langen Abende zu verkürzen. Icli 
suchte den mir schon seit Jahren bekannten Mann in seiner einsamen, 
halbverfallenen Waldhütte auf und fand seinen Ruf bestätigt. 

Ofenbeck ist ungefähr 45 Jahre alt, von ziemlich hoher Statur und 
trägt einen langen, verwilderten roten Vollbart. Seine Hütte liegt im 
Kreuzeggwalde, eine Stunde von Oberschützen, eine halbe von Tauchen 
entfernt und besteht nur aus einer Stube und einer Küche, dazu gehört 
ein halbes Joch Acker, Heide und Gestrüpp. Erbaut hatte die Hütte 
Ofenbecks Vater, der früher ein Haus in Tauchen besass, aber sich mit 
den Dorfleuten nicht vertragen konnte. Auch der alte Ofenbeck besass 
eine grosse Erzählergabe. Er rühmte sich, dass während seiner vierzehn- 
jährigen Dienstzeit als Soldat oft die Kameraden, wenn er in der Kaserne 
Geschichten erzählte, das Zimmer bis aufs letzte Plätzchen besetzten und 
mäuschenstill zuhörten und auch die Offiziere ihn oft in die Kantine 
kommen Hessen, um 'lustige', d. h. erotische Geschichten von ihm zu 
hören, und ihm dafür Zigarren oder auch Geld spendierten. Der junge 
Ofenbeck wuchs einsam im Walde auf; statt zur Schule zu gehen, legte 
er sich aufs Vogelstellen, Fischefangen, Klettern und Schiessen, blieb aber 
des Lesens und Schreibens unkundig. Regelmässige Arbeit als Knecht 
war ihm zuwider, wenn er sich auch bisweilen notgedrungen als Holz- 
hauer oder Tagelöhner verdingte oder nach Österreich, in die kleine 
ungarische Tiefebene oder ins grosse Alföld ins 'Schnitt' ging. Lieber 
war ihm die Jagdflinte, und öfter hatte er sich wegen Wilddieberei vor 
Gericht zu verantworten, bis endlich die Jagdpächter auf den Ausweg ver- 
fielen, ihn als Wildheger anzustellen. Das Erzählertalent hat er vom 
Vater geerbt; die von diesem oder anderwärts gehörten Geschichten hat 
er in einem staunenswerten Gedächtnis bewahrt und versteht auch, sie 



Hianzische Märchen. 21 

nach der Gelegenheit kurz und schlagend oder weitläufig und mit Episoden 
geschmückt zu erzählen. Die Winterabende verbringt er, wie erwähnt, 
gewöhnlich in Tauchen, wo er bei den Bauern mit Apfelwein traktiert 
wird und dafür Geschichten erzählen muss, während die Mädchen des 
Dorfes beim Spinnrad sitzen und die Burschen und Männer Besen binden 
oder Körbe flechten. Bezeichnend für seine Begabung ist folgender Vor- 
fall: An einem stürmischen Winterabende pochten einst die Gendarmen 
an der Tür seiner Hütte. Es war zu der Zeit, wo er nocli als Wilddieb 
gefürchtet war. An das Bezirksgericht war eine Anzeige ergangen, dass 
er wieder mit einem Gewehr gesehen sei, darum kamen die Gendarmen, 
um ihm dasselbe abzunehmen und ihn dem Stuhlrichteramte einzuliefern. 
Seine Frau war mit den Kindern allein zu Hause; die sagte, dass er in 
Tauehen bei dem Müllermeister Hutter sei. Die Gendarmen fanden ihn 
dort und forderten ihn auf, mitzugehen. Die ganze Stube war voll von 
Leuten, die, jeder mit irgendeiner Arbeit beschäftigt, andächtig zuhörten, 
wie er erzählte. Er hatte gerade eine Geschichte angefangen, als die 
Gendarmen eintraten. Den Zuhörern kam dieser Zwischenfall recht un- 
gelegen, und einer ersuchte die Gendarmen, sie möchten den Ofenbeck 
wenigstens die Geschichte zu Ende bringen zu lassen. Den Gendarmen 
schien es in der warmen Stube zu behagen, sie setzten sich, und der 
Postenführer forderte Ofenbeck auf, fortzufahren. Dem Ofenbeck 
imponierten die Gendarmen nicht besonders, und vor dem 'Einkasteln' 
auf ein paar Tage fürchtete er sich auch nicht, und so erzählte er weiter, 
als wenn nichts geschehen wäre. Er wusste es so spannend zu machen. 
dass Stunde auf Stunde verrann, ohne dass es jemand wahrnahm. Es war 
schon weit über Mitternacht, als er endete. Die Geschichte hatte auch 
die Gendarmen so ergriffen, dass sie ihn auf sein Versprechen, nie mehr 
ein Gewehr anzurühren, ungeschoren Hessen. 

Von diesem Erzähler stammen die nachfolgenden Märchen her. Ich 
hatte ihn öfter aufgefordert, zu mir zu kommen und einige Geschichten 
zu erzählen; doch nie erschien er. Endlich traf ich ihn im Walde und 
Hess ihn nicht eher los, als bis er mir eine Geschichte zu hören gab und 
mir für die folgenden Vormittage weitere versprach. So erzählte mir 
Ofenbeck im W^alde, wo wir ganz ungestört waren, in acht Tagen acht 
Geschichten und im folgenden Sommer weitere achtzehn. Ein Baumstrunk 
war der Tisch, auf dem ich ihm nachschrieb^). Leider verhinderte das 
eine Mal die Erkrankung seiner Frau, die dieser derbe Naturmensch innig 
liebte, das andere Mal meine plötzliche Abreise die Fortsetzung dieser 
Märchen vortrage; ich hoffe aber, später dies nachzuholen, da Ofenbeck 
noch vieles zu erzählen weiss. 



1 Statt der streng phonetischen Schreibung der Mundart nach Birö^ habe ich um 
der besseren Verständlichkeit willen die sogenannte Kompromissschreibung gewählt, wie 
sie auch Bunker i^ohen 7, 307. 8, 82 anwandte. 



22 



Graf 



1. Wia' ta' Sauholtasun in Kliinni sein Sun tarlest houti). 



'S is- amuP) a Kheinigin g'wein^), tei'») hout kuani Kinda' khot^). Ta' Khinni 
und sein Frau sein teistweign") recht trauri g'wein. Ta' Kliinni hout im Poak') 
a Kiara' paam lous'n*^) und olli Pria'») is a mit seina Frau tuathiu pet'n g":ianga. 

Uaml in ta Fria' is sei an- olts Wei' begeing't. Mit zwou Krucka' iss'tahea' 
g'aanga'. Ta' Kheinigin houts tapcamt^") und hout ia an Tola' g'scheinkt. Tas 
olti Wei' hout si' fleissi' bedaankt und hout g'sokk: „Frau Keinigin, i' kint iana' 
hölf'm, owa'i-) vaspreicha meissn's ma' wos!'' — „Woss' winsch'n, ois kriang'-s'^^^, 
wann i' a' Kind af t' Wölt bring," sokk") ti Keinigin. „Guit," sokk" tas oUi 
Wei', „sei wen^^) mit meina' Tachta, ta Sauholtarin, a Kind kriangn za tasölm 
Zeit. Sei meiss'n oft i«) meina' Tnchta' 1- ia' Kind ois ia' oang'si') äanneimma', und 
niampp teafs^^) wissn, tas's nit iana oang's is." — „Jo, tos va'sprich' i'," sokk' ti 
Keinigin. 

Richti', in nein Maanat'n hout ti Kheinigin an Prinz'n af t' Wölt prouti»), 
und an To' trauf hout ti Sauholtas Tachta a'^") an Puira'"-'^) kriak'. Und ti Sau- 
holta's Tfichta' hout ian' Puim ta Keinigin prout, und es hout g'hoassn, ti Keinigin 
hout ZwüUing'. 

Ti Puim ho'm si' recht ge'n g'hot^^) und sein fleissi' g'wein und ho'm oili 
Schul'n raitg'mocht. Wias'^s) 19 Jua olt sein g'wein, is amul a Mola"-^) ins 
G'schlouss'^^) 'kheimma'. 's is' a recht an-olta' Maan g'wein und ta' Khinni hout 
g'sok': „Mol' 'in Prinz'n iari Zimraa' aus, owa' schein muisst-as mocha', sist^ß) 
wiast um an Koupf kiaza"-')!" Ta' Mola' hout a vuls Mounat g'oawit'-s). und 
niampp hout in tea Zeit in ti Zimraa' teafm. In Prinz'n sein Schloufzimma" hout 
a' iwa' 'n Peif-^) a wunda'scheini Prinzessin g'mol'n, g'rod ois wia wann's' g" leipp' 
het'so). In Khinni und in Prinzn ho'm ti Zimma' recht g'foln, olli Zimma' ho'ms 
Tiang'schaut, g'rod af'n Prinzn seih Schloufzimma' homs va'geiss'n. 

Af t' Noot, wia ta' Prinz in sein Schloufzimma' geht und ti Tia'^i) aufmocht, 
wara' bold umg'foln voa Schroukka', wal's is'-'n via'kheimma^-), ois wann a 
Scheins Fraunzimma' iam entgeingn gein tat"''). Si houtn aang'locht und houtn 
t' Haand entgeign g'holtn. Ea vuUa Freid'^^) hout am ia Haand g'riff'n und hout 
ia wöüln a PussP^) geim. Tou hout a' eascht g'sea^'«), tass s'na-r-a PültP") is. 
Ea hout si nidag'leikk, hout owa' nit schlouf'm kinna'. Und sou is-'s-"n olli Noot 
gaahga', imma' hout a' na' af tas Püld g'schaut, und panToo^«) hout a' mit niamp 
g'reid't und is imma' trauri' g'wöin. Nou' an hol'm Jua»») hout seih Voda' g'sok': 
„Mein Kind, tos geht nit sou fuat, tu kränkst ti' z' Tat." „Jo, Voda', i" kann's 
nit mea' laang ausholtn: wann tei Prinzessin nit mein Frau -wiad, stiaw'^') i' va' 
lauta' kränka'. Wann si nit leip, wüll i' a' nit leim." 



1 Wie der Sauhalterssohn den Königssohu erlöst hat. — [Das Märchen 
entspricht im ganzen dem Grimmschen ur. GO 'Die zwei Brüder', hat aber in der An- 
nahme des Püegebruders, der durch das Bild der Prinzessin erweckten Liebe und der 
Entzauberung der unsichtbaren Prinzessin manches Eigentümliche.] .— 2 einmal als Zahl- 
wort aber: uaml) — 3 gewesen — 4 die — 5 keine Kinder gehabt — (3 deswegen — 
7) Park — 8' eine Kirche bauen lassen — 9 alle Morgen — 10) erbarmt— 11) Taler — 
12) aber — 13 Was Sie wünschen, das kriegen Sie — 14) sagt — 15^ Sie werden — 
16) dann — 17' als Ihr eignes — 18 niemand darfs — 19 gebracht — -20* auch — 
21) Buben — 22 haben sich recht gern gehabt — 23) Wie sie — 24 Maler — 25 Schloss 
26) sonst — 27) kürzer — 28i einen vollen Monat gearbeitet — 29) überm Bett — 30^ ge- 
lebt hätte — 31) Tür — 32) weils ihm vorgekommen ist — 33! entgegen gehen täte — 
34i voll Freude — 35) Kuss — 3G:i erst gesehen — 37,i Bild — 381 bei Tage — ".9 halben 
Jahr — 4(f sterbe. 



Hianzische Märchen. 23 

Ta Khinni hout am an'^) olt'n Mola' g'schickt. In zwoa Maanat ho'm an f 
Soldätn g'fund'n. „Leip' tei Prinzessin, teis in Prinzn sein Schloufzimma' g'moln 
ho'm, oda' nit?" froug'^) ta Khinni. „Jo, leim tuits schäaii, und a' a' Schweista' 
houts, owa' va'wunschn seins'. Rein^) kinna's', owa' g'sea^) tuit ma's' nit. Teis 
va'wunschani Laand is weit iwa' 'n Mea^) af an Pea*^). Vülli homs scha tarlCsn') 
wöül'n, owa' niamp houts kinna'; olli sein zar-an Stuaft g'woatn^)." Wia ta' Prinz 
teis g'heat hout, hout a' si' nit mea oholt'n louss'n^): „Voda', i' muiss fuat und 
muiss tei Prinzessin tarlesn, wal i' aani sei^°) nit leim käaü!" Wos hout a' 
wöüln ta' Khinni, ea houtn fuatlouss'n. Ta' Prinz hout si' af sein beistz Rous^^) 
g'seitzt und is fuatgrid'n. 

In ta' tritt'n Woucha^^) is a' in a grassi Säandwistn kheimma. Tou hout a' 
ollahaand Geista' g'sea, und grassi Schlangan hom si' im Säand umananda g'vvolzn. 
Ho'm-an owa' nix taan. In ta' viatn Woucha is a zan Mea kheimma. Rein is' s 
"Wossa' g'wein, wiana' Prindl^^). Pan Mea is' a'-r- olda Neinl") g'wein, tea 
houtn g'froukk, wou-r-a' hiri wül. „Ti Prinzessin, tei tou^') va'winscht sein sul, 
wül i' tarlesn; kinnas' ma nit hölfm?" — „'S is' schod' um teiii jung's Leim,'" 
sok ta'r Oldi, „owa' wannst-ta's grod prowian^'^) willst, behülfli sein wiad i ta^"). 
Wos tou ksiast, teis Mea und tei grassi Wistu, tos is' ti fruchboarsti Geingd^*), 
is owa' ois va'wunschn. Tou houst a' Kug'l, wannst tea nou gehst, wiast in-'s 
va'wunschni Gschlous kheimma." Ta' Prinz hout si' pedankt und is' ta' Kugl 
nougaanga'. 

In zwou Stundn is' a' pan Gschlous g'wein. 'S Toa^**) is' ouffm g'wein. und 
ea is' iagaaiiga. Kuan-") Meinsch is'-'n pegeingt. 'S Rouss hout a-r-in Stoll 
p'loat^^), und ea is' tua ti Zimma' gäailga. In tritt'n Zimma 'is' a' Tisch g'stäand'n, 
af teim is' fia uan Peasäaii^-) auf'deickt g'wein. „Guitn Noumpt^^), Prinz!" hout 
a' Praunzimma' g'sokk, „gölt tu bist kheimma', mi' za tarlesn?" „Jo", sokk-a', 
hout owa' kuan Meinschn g'sea. „Iss und trink!" hout tei sölwi Stimm' gsokk. 
Ea hout sis"*) nit zwoaml schoff'm-^) louss'n und hout feist^^j zan Eissn g'schaut. 
Wia-r-a' sou isst, mocht wea ti Tia' auf und wida' zui. Ta' Khinni is' iagaaiiga, 
is owa' nit zan g'sea g'wein. „Wea is tea jungi Maaii?" hout a g'froukk. „A Prinz 
is." — „Ea sull toubleim." 

Nou'-'n Eissn is a schlafari' g'woatn und hout si nidag' leikk'. 'S hout-"n 
'tramp 2'), ea hat ti Prinzessin pan Hois^**) g'naamma', und si hout iam a' Pussl 
geim. — Am äandan Too' hout a tein Tram ta' Prinzessin tazöült, tei houtn oft'-*) 
drei Pussl geim. 

Am drittn Too' hout ta' oldi Khinni g'sokk: „Heiut kaanst tein Glick 
prowian! In Kölla^*^) is' a' grassi Hock'^^). Mit tea gehst in Guadn^-). Tuat^^^) 
is a grassi Oacha^^), tei hout a' schwoaz Platzl, wia Tolla^^) gras. Tuat muist 
feist hinhaam-'*'), und die Oacha wiad af uan Stroa''') foln, wanns-ta-'s' guit triffst. 
Ti Oacha is einwendi huH^) und es wiad a Krout-''') ausasprifiga. Tein muist a' 
mit 'n easchtn Stroa treif'm. Wannst 'n nit triffst, sa wiast mitzanm-tein Rouss 
vastuannat^"). Triffst 'n owa', oft wiad-ta Rrout an Bund Schlissl fol'n loussn, 



1 um den — 2 fragt — '.) Reden — 4i sehen — o" Meer — 6) Berg — 7) schon 
erlösen — 8i zu Stoin geworden — 9^ abhalten lassen — 10^ ohne sie — 11) sein bestes 
Ross — 12 Woche — 13 Quelle — 14 alter Ahne hier: alter Mann) — lo) da — 
16 probieren — 17 dir — 18 Gegend — 19 1 Tor — 20 Kein — 21 geleitet — 22 eine 
Person — 23 Guten Abend — 24 sichs — 25 befehlen — 26 fest — 27 geträumt 
- 28 Hals — 29 darauf — :50; Keller — 31 Hacke — 32 Garten — 33) Dort — 
34) Eiche — 3Ö Taler — 36) hinhauen — 37 Streich — 38 hohl — 39 Kröte — 40) ver- 
steinert. 



24 Graf: 

tei muisst neimraa und in Krout va'breinna', oft wiad ois sichboa'^) wen. Pfiat ti' 
Gout-j!" Ta' Prinz hout taan, wia ta' oldi Khinni g'sokk hout. Wia ra in Guadn 
gäauga is', hout a' glei' ti grässi Oacha g'sea. Ea pockt ti Hock' und haut hin 
afs schwoazi Platzl. Owa' ea is' i schwoch g'wein. T' Hock is' faP) gäanga, 
und ea is' Stanta Peta*) mitzäamrat sein Rouss za-r-an Stuaii g'woatn. 

Tahuam^) ho'm seini Öiiltan®) und sein Pruida' imraa' g'woat af iam. Owa 
's is a Jua vagäansja, und ta' Prinz is' näan'') imma' nit kheimma'. Hiaz hout ta' 
aafidari Pruida', ta' Sauholtassuü g'sokk: „Voda', mi loapts^) mea nit tahuani, i 
muiss schaam**), wou mein Pruida' is, eippa^") käan i' iam hölfm!" Sei hom-an 
nit wöüUn fuatlouss'n; owa' ea hout's nit äandas täan, hout si af a' Rouss g'seitzt 
und is fuat. 

'S is' 'n g'rod sou g'äanga', wia sein Pruidan. Ea is' a' zan Mea kheimma' 
und za tein oldn Neinl. Tea hout si recht g' freit, wiaran^^) g'sea hout. „Griass 
ti Gout," hout a g'sokk, „walst na-r^^)-amul tou bist! Du wiast di Buag tarles'n, 
wannst ois sou tuist, wias ta' g'sokk wiad; und oft wiast du ta' Khinni,' wannst a" 
a' Sauholtassun bist. Dein Pruida, ta Prinz, kriakk die öültari Prinzessin, und tu 
ti jingere!" — ■ „Wos, i bin a Prinz und kuan Sauholtassun!" — «Tos woas i 
peissa^^). Owa' hiaz geh' na^*). Tou houst a Kug'l, und tea geh' nou!" 

Ta Sauholtas Sun is a ins Gschlouss kheimma', und 's isn grod sou gäanga 
wia sein Pruidan. Am trittn To hout a' r-a' die Hock' kriakk, und wia ra pan 
Oachapaam is, hout a sit' Jawln aufg'strickt^^) und hout si tas schwoazi Platzl 
guit äang'schaut. Afn easchtn Stroa is d' Oacha g'leign und ta Krout is ansag'spruiiga. 
Tein hout a'-r-uans afn Puchl^^) g'eim, tas a' glei vareickt^^) is, und in Bund 
Schlissl hout a'-r-a' foU'n louss'n, T' Schlissl hout a' schnöül eing'steickt und a 
Fua^®) aanzuntn. Tuat hout a' in Kroutn einig'schmissn. und wia si' ta Ra 
va'zougn'^) hout g' bot, is a'-r-in an schein Poak-°) g'stäaudn neim^i) an Gschlouss. 
Teis is vüU scheinna g'wein ois fria. Und vüU Leit sein tuat umanäanda gäaiiga". 
Ta' Khinni is' a' duat g'wein und ti Khinnigin und zwou wundascheini Prinzessinen 
und vülla Mülitäa'--). Und ta' Khinni hout g'sokk: „Tu houst ins olli^^) tarlest. 
und tafia kriast mein jingsti Tächta, und tu wiast nou meina'-'^) Khinni. Und 
dein Pruida kriakk mein öültari Tächta.'' Und olli ho'm si^^) fleissi pedäankt pan 
Sauholtassun, tas-as tarlest hout. Sei ho'm glei' d' Häzat-'^) g'hot. Tarnou"-") is" 
da" Prinz mit seina Frau za seini Öültan, da' Sauholtassun owa' is tuat 'plim^«) 
und is' Khinni g'woatn-^). 

2. 'S Leimswossa'^''). 

'S is' amul a' Khinni g'wei'n^^), a recht a' brava' Meinsch. Sein Frau owa^^j 
is' a' Hex g'wei'n. Tei^^) hout pan Too' nia"'*) a' Feinsta' owa' a' Tia'^s) auf- 

r alles sichtbar — 2) Behüt dich Gott — 3 fehl — 4 auf der Stelle ^.stante pede 

— 5) Daheim — 6' Eltern — 7) noch — 8; leidet es — 9; schauen — 10' vielleicht — 
11' wie er ihn — 12 weil du nur — 13) besser — 14 nur — 15 sich die Ärmel auf- 
gestreift — 16 Buckel — 17 verreckt — 18) Feuer — 19) Rauch verzogen — 20 Park 

— 21 neben — 22 ^Militär — 23i uns alle — 24i nach mir— 25 haben sich — 26 Hoch- 
zeit — 27 Darnach — 28) geblieben — 29~ geworden — 30 Das Lebenswasser. — 
['Das Wasser des Lebens' bei Grimm nr. 97 und Bunker, Schwanke in heanzischer 
Mundart 1906 nr. 90 ist hier durch verschiedene Züge vermehrt: den Vogel Phönix Grimm .")7 
'Der goldene Vogel' , die nachts einen Menschen in ein Pferd verwandelnde und besteigende 
Hexe (Pi,. Köhler 1, 220. 586), den vom geschickten Hufschmiede abgeschlagenen und 
wieder angesetzten Fuß des Pferdes R. Köhler 1, 132. 296, die mit Hilfe dankbarer Ameisen 
und einer Zaubersalbe gelösten Aufgaben des Schwiegervaters.] — 31' Es ist einmal ein 
König gewesen — 32) aber — 33 Die — 34 bei Tag nie — 35 Tür. 



Hianzische Märchen. 25 

g'mocht. Eascht am ochti^) af t' Noot is' s' aussigaanga'. Am holwa-r-alfi-) 
is' s' ins Wochzimma^) und hout si' va' t' Soltot'n uan*) ausg'suit^) zar-an 
Reitpfeat. Hout' 'n an Zam^) um-an Koupf g'woaf'm und tou is'-a' glei' zar-an 
Puouss g'vvoat'n. Af tein hout sa si'') aufg'seitzt und is' fuatg'ridn za ti aandan 
Hexn. Und wia s' ia Zauwarei g'mocht hout g'ho't, is'-s' wida' z'ruckg'ridn und 
hout in Rouss in Zam oa*) g'niiamma', und tou is'-'s wida zar-an Soltotn g'woatn. 
Tea hout in sein' Peit") weidag'schloufm. Tawal^°) s' fuat is' g'wein, hout-s' in 
ia Peit an aanda's Praunzimma' iazauwat, tos is' an Pauan sein Wei^^) g'wein. 
Teis hout g'rod sou ausg'schaut, wia si söhna^^). Teistweign is' ta' Rhinni nia 
wos inni g'woat'n^^). 

Amul is' ta' Rhinni Uraank g'woat'n. Ruan Toukta^*) hout 'n hölf'm kinna', 
und is' irama' schlechta' g'woat'n. Tou hout-'s-'n amul tramp i^), tas a' g'sund 
kinnt wen^^), wan a'-r-a' Leimswossa' hat und va' tein tringa'^^) kinnt. Tos hout- 
's-'n owa nit tramp, wou tos Leimswossa' z'ho'm^*) is. Trei Sin^*) hout ta' Rhinni 
g'hot, tein hout a'-r-in Tram tarzöült-"}. Uana' is' zwuanzk, ta zweiti ochza' und 
ta jingari sechza' Jua-^) olt g'wein. „Voda', mia pringa ta' 's Leimswossa', und 
wann "s insa' Leim kousf-^), ho'm-s olli trei g'sokk', „teis tahiuseam^s) kim'ma 
nit leinga aanschaam." 

Za-r-eascht is' ta' öültari fuat. In seixtn Too' is' a'-r-in a' Wüldnis g'keimraa. 
A" AVoucha hiang hout a' kuan Meinsch'n und kuan Haus g'sea. Af-aramuP*) 
kimp a' za-r-an grassn Fluss. Tou is' a' scheini Pruck' triwa-^) g'gaanga. Tei 
hout via grassi Pfala'"^**) g'ho't. Pan inalan^') Pfala' is a-n-olda Miian g'seissn 
mit zw'ou Rroucka"^*). Wia tea in Prinz'n taheareid'n hout g'sea', hout an in 
Huit hing'holdn, tas-an wos gei'm sult. Ta' Prinz owa' hout'n gua' nit äan- 
ii'loust-^) und is' weida' g'rid'n. Nit laang trauf kimp a' zar-an Wiatshaus. Tou 
hout t' Musi' g'swült^") und vül Leit' sein tuat g'wein. Tei ho'm feist aufghaut, 
taanzt ho'm s' und Rhoatn g'swült. „Sakra," teinkt si ta' Prinz, „tou sein scheini 
Meinscha'^^). und, Rhoatn g'swült wiad a'; tou pleiw' i' iwa Noot." Ea hout sein 
Rouss in Hausknecht g'eim und hout feist g'mulat^'-) und sein gaanz' Gold' 
vataan, und Schuld'n hout a' r-a' naan^^) g'mocht. In ta' Fria sok' ta "Wiat: 
„Sei sein ma' trei-hundat Tukodn schuldi'. Und sou. laang sei teis Gold nit zol'n, 
lous i' lana nit fuat. Und wäan s' as in a' Jua nit oliafit^'*) ho'm, we'n s'am-an 
Roupf kia'za''^^). Wos hout a' wöüln, tuat hout a' plei'm meiss'n und va' ta Fria 
pis af t' Noot feist oawit'n^**). 

Tahuam^') hout sein Voda' tawal afs Leimswossa' g'woat. Drei Mäanat sein 
vagaanga, und ta' Prinz is' holt nit g'ki'imma', und ta' oldi Rhinni is' imma' 
schweicha'^*) g'woatn. Hiaz is ta" zweiti Sun fuat. Tein is' s' owa' grod sou 
gaanga, wia sein 'n Pruidan. Ea is' a' in teis Wiatshaus g'keimma' und hout si' 
a' vasouf'm^*). 

Wida' sein trei Maanat vagaanga, und ta' oldi Rhinni hout umasist*") af seini 
Sin g'woat. Tou hout ta' Jingsti' g'sok': „Voda, meihi Priada' köimraa' nit, i' 

r Erst um acht Uhr — 2) Um halb elf Uhr — ."5 Wachtzimmer — -1 von den Sol- 
daten einen — 5; ausgesucht — 6) Zaum — 7' Auf den hat sie sich — 8 ab — 9^ Bett — 
10 dt?rweil — 11 eines Bauern Weib — 12) selber — 13; inne geworden — 14) Kein 
Doktor .— 15) geträumt — IG könnte werden — 17) trinken — 18; zu haben — 19) Drei 
Söhne — 20 den Traum erzählt — 21 Jahre — 22 kostet — 23 dies Dahinsiechen [?] — 
24 auf einmal — 25 drüber — 26 vier große Pfeiler — 27 drüben belindlichen — 
28 Krücken — 29 gar nicht angehört — 30 gespielt — 31 Mädchen — 32 unterhalten — 
33 noch — 34 1 abgedient — 35 kürzer — 36; arbeiten — 37 daheim — 38 schwächer 
— 30 betrunken — 40 umsonst. 



26 Graf: 

wiad sfhaarai), wou' s' sein, und 's Li'imswossa pring- i' ta-r-aM^s). Xa" Khinni 
hout 'n wul o'hold'n wöül'n, ovva' ta" Prinz hout nit ausg'seitzt^), pis a' fuatteaf m 
hout. Ea is za tasölm*) Pruck' g'keimma', wia seini Priada'. Ta-r-oldi Mäafi is' 
a' tuat g'seissn. Ta' Prinz hout'n an guit'n Moang'n gin'm^) und hout "n trei 
Tukot'n g'scheiiikt. Ta' Oldi hout si ped:iankt und hout g'sok: „I ksia's schuan®), 
tu pist nit sou stulz, wia teini Priada'; 's sul ta' nit loadi") sein, tas t'ma' wos 
g'scheinkt houst!" — ^Woast eippa**), wou meini Priada' sein und wou 's Leims- 
wossa' z'-ho'm is'?" frouk' ta Prinz. „Jo," sok' ta-r oldi Mäan, „frali**) woas is 
's. Pumpf Stund'n va tou is a Wiatshaus, tuat ho'm si' teini Priada" vasoufm 
und vahuat^") und ho'm mi'iss'n tuat bleib'ra. In a Maanat wen s" aui'g'heinkt, 
wal s' iari Schuld'n nit o'oawitn kinna'. Tei'm Wiatshaus weich' aus und louss 
ti nit ialoacha'^i). Es wiad ta' ois klik'n^"}, wann-st' sou tuist, wia ta' ta' Fux, 
töin's-t pegeingnan wiast, und mein Pruida, ta üansidla^-), sog'n wiad. I" gi' ta" 
tein Rout"): Peleidi niamp^^} und kaf ta jo kuan Golg'nfleisch nit!" 

Richti, ea is kamp^") a viatl Stund laang gaanga', steht a Fux af ta' Strouss'. 
„Guit'n Moang'n, Fux'" sok' ta Prinz und rukt in Huit. „Guit'n Moaiign, Prinz, 
r pi g'keimma', wal i' tia hölf'm muiss, sou ouf-st^') mi' prau'st. Sul ta" wos 
posian^*), oft^^) riaff mi!" — „P taank ta' schein, Fux" sok ta Prinz und is" in 
Fux'n ausg'wicha', tas ta' Fux af 'n schein'n Wei' hout kinna' weidagein. Pold 
trauf kimp a' za r-an Äamishaufm und ti Äamisn sein grod af ta' WAandaschoft 
g'wein. Si sein iwa' t Strouss zougfi. Ta Prinz is" van Rouss o'g'schtign-'') und 
hout g'woat, pis olli triwa sein g'wein. T'leitzti Aamisn is' ta' Aamisnkhinni 
g'wein. Tea is' stein pli'm-^) und hout g'sok: „Wal tu mein Vulk vasohaut^-) 
houst, winsch i' ta' Glick. Wanst ins praucha' sulst, riaff ins; mia sein ta" za 
jeda' Stund pehülfli!" Ta' Prinz hout si' petaankt und is' weida' grid'n und is' 
za tein Wiatshaus g'keimma, wou seini Priada' seiii g'wein. Is' ow^a" vari- 
wagrid'n^^). 

Wia 's finsta' is' g'woat'n, is' a'-r-in an grass'n Wold g'keimma'. Sou finsta 
is's tuat g'wein, tas ma-r-uan ins Maul greif'm hat kinna. Teistweingn-^) is" a' 
recht frä^^) g'wein, tas a'-r-a' Liacht hout g'sea. Ea is' teim Liacht entgeingn 
gaanga und is' zar an kluan Heis'l-®) gkeimma. Pan Feinsta hout a' äangkloupft 
und hout am a' NochthiawP') aang'holt'n. „Wea is' taust-*)?" hout wea g'frouk. 
„r pift ta Prinz van Ausland und mecht um Nochquotia pit'n", sok' ta Prinz. 
Hiaz is' ti Tia aufg'richlt-^) g'woatn, und an olda' Maan mit an schneeweissn 
Puat^") hout 'n ia-loussn. „Wia kimmst tou hea und wos wülst tou?" hout a' 
g'sok'. „I wül 's Leimswossa' fia' mein kräankn Vodan pringa" sok-a'. ,.Tu pist 
a' prav's Kind, mein Pruida hout ma' scha' ois sogii loussn tua ti" Feichln^^). Hiaz 
lei' Ti' na' nida' und schlouf" guit!" Ho'm si' olli zwein nidag'leik'. 

In ta' Fria sok ta-r-Oldi: „Tou houst a' Flaschal mit an Polsaam, tea halt^^) 
olli Wund'n, pan Meinschn und pan Viah. Tein wiast nou' praua'^^). Wannst' 
hiaz tou fuatgehst, wiast af amul za trei Stroussn keimma'. Af wöüla oist''^) 
weidagein muisst, teaf i' ta' nit sogn. Olli trei Stroussn fian^^) zar an schein 



1 schauen — 2) dir auch — 3 abgelassen — 4 derselben — 5 guteu Morgen ge- 
fjebcn — G, Ich sehe schon — 7 leid — 8 Weißt du vielleicht — 9 freilich — 1<» ver- 
hiut — 11 hineinlocken — 12'i alles glücken — 13 Einsiedler — 14 Rat — l."i Be- 
leidige niemanden — 16; kaum — 17" so oft du — 18 passieren — 19 dann — 20 ab- 
gestiegen — 21) stehen geblieben — 22' verschont — 23 vorübergeritten — 24 des- 
wegen — 25 1 froh — 2(5) Häuschen — 27; Nachtherberge — 28) draussen — 29 auf- 
geriegelt — 3ü Bart — 31) durch die Vögel — 32 heilt — 3:i brauciien — 34 Auf 
welcher als du — 35 führen. 



Hianzische Märchen. 27 

Gschloussi). Im Houf va" tein Gschlouss is' a' Prüm', in tein is 's Leiraswossa". 
Links und rechts van Prüm' heinga' zwein Lewm^), tei loussn kuan Meinschn 
zui, pis hiaz ho'm s' naan olli z'rissn, tei a' Wossa' ho'm wöülln. 'S is owa' tou' 
zan zuikeimma'. Zwisch'n ti' zwoa Vicha is a guldana Straft). Af tein muiss 
ma' va ta Seit'n zan Prüm' zui. T' Heind muiss ma' feist an t' Fiass^) aantrucka', 
wia-r-a' Sollot; wann a' Haptacht^) steht und kuan Finga' proat*^) teaf ma' nit af 
t' Seit'n van Straf. T' Lewm wen z'sammruin"), owa" si kinna' grod' na' pis zan 
Straf, weida' nit. und hiaz geh' und miak*) ta', wos i ta' g'sok häan!'' Ta' 
Prinz hout si petaankt und is' fuat. 

Za Mitto' is' a' schaaii pa' ti trei Strouss'n gwein. Uani is mit Sei'n^), ti 
aandari mit Säamat und ti tritti is mit Petzn^**) iwazougn g'wein. „!' teink"), i" 
wiad iwa ti Petzn reid'n", sok' ta Prinz, „tou moch' i' am weinigstn Scho'n^^j!" 
Und ea is' za' ta' Puak g'keimma', Im Houf is' ta' Prüm' g'wein mit ti zwein 
grassmächtign Lewm. Um a t um^^) is' a guldanas Glanda'^^) g'wein. Ea is' 
zan Prüm' hin und hout si' a Flosch'n mit 'n Leimswossa' äang'füllt. T' Lewm 
sein wühl hin af iam, owa' si ho'm an nit targ'leinga' ^5) kinna, wal a' imma' af 
"n guldan Stri'^") is' "plim. 

Oft hout a' t' Ploschn in sein einwendig'n SeikU") g'steikt und is' in's G'schlouss 
ia^8). Iwarol ho'm t' Liachta' prunna'^^), owa' kuan Meinschn hout ma' nit g'sea. 
Ea hoat si wöülln fias Leimswossa" petaanka. Im trittn Zimma' is a' guldas Peitt 
gstäandn, und tuat is a" wundascheini Prinzessin trein-°) g'leigii und hout 
g'schloufm. Ouwa'-'n Peitt is' a Fgichlstei'-^) g'wein, tuat is' a guldanas Feichl 
treiii g'wein, teis hout g'sunga: „Tu houst-a-'s Leimswossa' mitg'naamma', tu 
wiast a' mi' mitneimma" und mein Prinzessin a'!" Ta' Prinz hout nix g'sok', 
hout si' owa nit tarholtn kinna, wia-r-a' ti Prinzessin sou im Peitt lign hout g'sea. 
_r kaan ta's nit scheinka", und wann 's mein Leim gült'". Und ea is' za' sei--) 
in 's Peitt. . . . Pevoa-r-a fuat is, schreib a' af an Zeil: „Ta' jingsti Prinz van 
Ausland, tea-'s Leimswossa' fia sein Vodan g'hult hout, is' 's g'wein. Vazeih' 
ma-'s, wos i' taan hä'an!" 

Und ea is' wida af tansölm Wei' z'ruck, in Fouchl Fenix hout a' mitg'naamma". 
Tan olt'n Uaiisidla' hout a' mea nit g'fund'n 's is" nix mea g'wein af tein Ploz 
Zan Wiatshaus owa', wou seini Priada' gwein sein, is' a g'keiiuma'. Sei honi 
srod' feist auftrogn und ti Geist' petiant-^). Ea hout in W^iat^-») riafm loussn 
und hout'n g'frouk, va wou-r-a tei zwein Köllna'-'*) hout? „Teis sein zwein 
Prinzn, tei ho'm tou Schuld'n g'mocht, und hiaz meissn-s-as tou o-oawitn. Ta 
öültari wiad in sechs Togn aufg'heinkt!" — „"V\^os sein-s iana schuldi'?" „Seix- 
handat Tukodn! Pis hiaz ho'm s'a si' nix vatiant, ois 's Freiss'n-^)! " Ea hout 
si' seini Priada' ria^m louss'n. Si ho'm an nit tarkeint^"). „!' pin einka-®} jingsta" 
Pruida'", hout a" g'sok, „va-r eink aus kinnt insa" Voda" scha' vvoat'n afs Leims- 
wossa', vFann s eink tou vasaufts, hiaz hään i' meissn fuat. S'is' a' ginka Glick. 
Tou hop's a' jeda' trei-hundat Tukotn und lests eink aus!'' Sei ho'm sf recht 
petaankt und ho'm iari Schuld'n zolt und sein fuat olli trei. 

Pa' ta' Pruck is' wida' ta-r-oldi Peitla'-») g'seissn. Ta' jingsti hout 'n wida' an 
Tukot'n geim. „P tannk ta' schein, jufiga Prinz", sok ta-r-Oldi, „owa" weign 



li Schloß — 2 hängen zwei Löwen — 3, Streifen — 4 Beine — ö Habt acht — 
6 breit — 7) aufeinander losstürzen — 8 merk — 9' Seide — 10 Lumpen — 11 denke 
— 12' Schaden — 13 ringsherum — 14 Geländer — 15 erreichen — IG Strich — 
17 inneren Sack — 18 hinein — 19 gebrannt — 20 drin — 21 Vogelkäfig — 22 zu 
ihr — 23; die Gäste bedient — 24 Wirt — 25 Kellner — 2G; Essen — 27 erkannt — 
28 euer — 29- Bettler. 



28 Graf: 

wosi) houst ma' nit g'fulk^)? V hään tas g'sok, tu sulst kuan Golgnfleisch kafm." 
Hout's owa' kuana' vastäandn, wos ta Oldi g'muant^) hout und sein weidagrid'n, ta 
jingari voarään, ti zwein öültan hintn nouchi. 

Pan a' Wal^) sok ta' Oültasti: „Tu, mia meissn ins jo schaama', wann insa 
jingsta' Pruida 's Leimswossa' iiuampringt und ois tarzöült!" — „Jo, wuar^) is' 's," 
sok ta zweiti, „i' teink a' grod nou iwa' teis." — „Woast wos", sok' ta'-r-ötiltari, 
„tou kimp hiaz a tulfa Gro'm®); tou weaf ma' 'n oi, tas a' si' tarstest'')". Und 
wia-s' zan Gro'm g'keirama' sein, ho'm s'-'n-'s Leimswossa' weikg'näamma' und 
ho'm-an in teiii tulf'm Gro'm oig'stessn. Int'n^) is' a' gräss' G'raous^) g'wein; 
tuat wiad a tarsaufini"), ho'm sa si' teinkt, wal s' 'n fria t' Heint und t' Piass 
zampuntn") ho'm, tas a' si nit ria'n^^) kinna' hout. 

Ea is' owa' pan an Tan^^) heinga' pli'm und mit an waxn Stuafi^*) hout a 
si' in Strick zarschnid'n, sou tas a' si' tarhold'ni^) hout kinna' und is nit iag'foln 
in 's G"mous. Jo, wos hülft teis owa'? Ausa' hout a' nit kinna' und sou hat a' 
tarhuman") meissn. Hiaz hout a'-'s g'wisst, wos ta-r Oldi g'muant hout, wia-r-a 
g'sok hout, tas a' kuan Golgnfleisch nit kafm sull. Wia'-r-a-sou g'simuliat") 
hout, is' 'n ta' Fux eing'folln. „Pux!" hout a' treim'l g'schrian, und tou is' ta' 
Pux scha' voa-r-iama' g'stäant'n. „Kaanst ma' hölf'm Fuchs?" — „Jo, Prinz, owa' 
a" Stund muiss ti' geddld'n. Nit weit va' tou is' a' Pauanhaus, va tuat pring' i' a 
Sälis) und mit tein zui i' ti aussa'!" Und richti' ta Fuchs hout 's z'weign prout' 
und hout in Prinzn aussazaht^^). Owa' auf und auf vull Wundn und gäanz zar- 
schlogn is' a' g'wein, tas a' nit gein und nit steint») hout kinna. Ea hout owa' 
na' teis Flaschal g'ho't, teis iam tar Oldi g'eim hout, und hout si' mit tea Oaznei^^) 
eing'schmiat, und tou sein glei' olli Wundn g'hält g'wein. Und ta' Fux hout 
g'sok: „Geh' hiaz huam und tui tein Vodan tarlesn! Teini Priada owa' und tein 
Muita' suln ia Strouf kriagii. Tein Muita' is' a' Hex, si hout a tein Vodan va- 
zauwat, teistweign hülft's Leimswossa' a' nit vül, tawals leip^^). Tou giw' i' ta' 
a' Schneiztiachl23), mit tein wisch' ta iwa 's G'sicht, oft wiast gäanz aandast aus- 
schaun. Geh" in 's G'schlouss und louss ti' za ti Soltofn aufneimma'! Pa' ta' 
Noot wiad tein Muita 'amul keimma' und wiad ta' in Zam iwa'-'n Roupf weafm wöüln. 
Wann 's ia tarlink^*), pist a' Rouss. Teistweign pass auf und schlouf nit! Wannst 
ta in Zam iwa' weafm wül, muisst "n mit ta' Häand tafäanga'^^) und muisst ian'^®) 
zruck af 'n Koupf weafm, oft-') wiad si sölma a Rouss. Seitz ti trauf und reit 
gaanzi Noot af t" Földa' umanäanda! In ta" Fria reit "in ti' Puak und frou' in 
ivhinna, avou sein Frau is. Und sei wen" s' suia-^) und wen uani^^) fintn, tei is' 
s" owa nit. Vapreiiin^") in Zam, oft wiad s' täta^i) im Peitt lign, oda wou's'^^ 
grod is!" 

Ta' Prinz hout asou'^^) täan. Ea is' Soltot g'woat'n, und niamp hout 'n g'keint 
ois wia sein Muita". Tei hout s" g'späant^*), tas as varout'n wiad, teistweign hout 
s" 'n wöüln umpringa, z" tat reid'n hout s' 'n wöül'n. Ea hout owa' aufpasst. 
Ea hout si" gstöült^^), ois wann a' schlouf m tat, und hout ia in Zam af 'n Koupf 
e'woafm. Gaanzi Noot is' a' umgridn af V Földa'. In ta Fria is' a' in ti Puak 



1 weswegen — 2 gefolgt — 3 gemeint — 4) Weile — ö walir — (3 ein tiefer 
Graben — 7' zerschmettert — 8 Unten — 9} Moor — 10) ersaufen — 11 zusammen- 
gebunden — 12} rühren — 13i Dornbusch — 14' scharfen Stein — 15^ erhalten — 
16) verhungern — 17) simuliert, nachgedacht — 18) Seil — 19) herausgezogen — 
20 gehn und stehn — 21) Arznei — 22 solange sie lebt — 23) Da geb' ich dir ein 
Taschentuch — 24 gelingt — 25) auffangen — 26) ihr ihn — 27) dann — 28' suchen — 
29 eine — .30; verbrenne — 31) tot — 32) wo sie — 83) so — 34) gewittert, geahnt — 
35 sich gestellt. 



Hianzische Mäixhen. 29 

g"keirama' und hout ti gaanzi G'schicht in Khinni tarzöült. Tos hout a" owa' nit 
g"sok', wea teis Wei' is' g'wein. ^Na', tos is a scbeini G'schicht, tas sou wos in 
meina' Puak viakimp^)!" hout ta' Khinni gsok" und hout sein Frau und seini 
Sin riafm loussn. Und si sein g'keimma", und niamp hout "s g'wisst, tas teis nit 
ti richtigi Khinnigin is. Und ta' Prinz hout in Zam van Rouss oag'riss'n und 
tou is' 's Rouss vaschwundn und a' Frau is tuat g'stäandn, tei is' grod sou g'wein, 
wia ti Khinnigin, grod tas a' Pauang'waand hout aang'ho't^). Und ta' Khinni hout 
g'sok': „Schmeists tei Hex ins G'fängnis!" Am aandan To" hout ta" Prinz in 
Zam vapreint, und tou is' im Gfängnis nix g'wei'n mea, ois a" weing an Oschn^;. 
In Prinz'n hout niamp tarkeiiit. Va" tea Stund aan is' ta Khinni pumpal-g'sund^) 
g"vvein und ti Pei'rin') is" Khinnigin vaplim, und niamp hout s g"wisst, tas tos 
nit ti richtigi is. Ta' Prinz owa' is weit fuat. 

Fümpf Jua sein vagaanga. Tou kimp amul a" Priaf va' ta' vawunsclman 
Puak: „Ta' Prinz, tea 's Leimswossa' prou't hout, sul intar a'^) Mäanat köimma, 
sist') wiad i" ma'-"n hul'n, und oft wiad "s gaanzi Kheinigreich zasteat^)!" Hiaz 
sein s' olli takeimma"^), ta oldi Khinni und seini Sin naaii vül mea. Owa "s houl 
nix g'hulfm. Ta" öültari hout si aufg'mocht und is' fuat. Ea hout si' in Wei' 
guit g'miakt^") und in trei Woucha' is' a' pa' ta' Puak g'wei'n. Ti Prinzessin hout 
inta ta Zeit an Sun g'kriak'. Van jingst"n Prinzn is' a" holt gwei'n, und via" Jua^^} 
is' a' olt g'wei'n. Ti Prinzessin hout pan Feinsta" aussag'schaut und hout in 
Prinz'n taheareidn g'sea. »Tos is" nit tein Voda", hout s' za-r ian Sun g'sok', 
„tein Gauna' wen ma' huamleichtn^^)!" Und si hout 's ian Vodan g'sok', tas tos 
nit ta' jingsti Khinnigssuii is'. 

Tea hout in Prinz"n pegriasst und hout 'n g'frouk', oup ea "s Leimswossa' 
ghult hout. „Jo" sok" ta Prinz, „i' pi'-'s")". — „Und wia is' ta' tenn teis 
g'lunga', pis hiaz hout niamp an Troupf'm ho'm kinna!" sok" ta' Khinni, Ta' 
Prinz hout af teis owa" kuan Aantwuat gei m kinna', ea hout hin und hea g'stoutat^^) 
und nix viara prou't^^). „Anhan", sok' ta' Khinni, „tou hom ma' 's mit an 
Schwindla' z' tuan. Geip-s'n 25 af 'n Oasch, und oft käan-a' gein!" Zwein va' 
ta' Tianaschoft ho'm an pokt^"), und a tritta hout "n ti fümpfa-zwuanzk af "n 
Hintan geim. Gsea hout a" owa "niamp, es sein lauta' Geista" g'wein. „Hiaz geh"," 
hout ta' Khinni gsok', „und wann ta jingsti nit kimp, weats olli umprou't^")."' Ea 
is mit seini 25 huam. 

"Wida' is' a" Priaf van vawunschnan Gschlous g'keimma": ,,Tea 's Leims- 
wossa' prout hout, sul keimma', sist wen olli umprout!" Hiaz is" ta' mittlari fuat. 
Js' 'n owa' grod sou g'gaanga'. Ea hout si' a' nit ausweisn kinna" und hout mit 
ti fümfazwunazk o'fo'n meissn. 

Wal owa' ta" richtigi Prinz nit g'keimma' is, is ta Khinni und ti Prinzessin 
mit an grass'n Hea'^^) in Khinni van Ausland sein Laand und ho'm ti Puak 
eing'naamma'. Und t" Hean^*) sein olli im Silal panaanda" g'wein, und ta Fouchl 
Fenix hout in gaanz"n Leimslauf van jingst'n Prinz'n g'sunga', wia-'r-a 's Leims- 
wossa" gscheipft hout und wia "n seini Priada' in tulf'm Grom g"stess"n ho"m. Ti 
7Avein Prinzn hom wöül'n in ta K'huam^o) van Saal aussi und ho'm wöül'n fuat, 
t' Soltotn hom s' owa' pokt, und ti Prinzessin van vawunsch'nan G'schlouss hout 
g'sok': „Schmeisst s' as in töülftst'n Keaka"'-i), tuat suKn s' plei'm, pis ta jingsti 



1 vorkommt — L' angehabt — 3) ein wenig Asche — 4 ganz gesund — 5^ Bäurin 
— 6; binnen einem — 7; sonst — 8) zerstört — 9"^ erschrocken — 10) gemerkt — 
11) vier Jahre — 12) heimleuchten — 13) ich bins — 14' gestottert — 15) vorgebracht — 
IG gepackt — 17"" umgebracht — 18) Heer — 19) Herren — 20 insgeheim — 21) tiefsten 
Kerker. 



30 Graf: Hianzischc Märchen. 

Prinz nit zaii Voaschein kimp!" Und sou is' g'schea. Ta jingsti Prinz is' owa" 
nit zan flnt'n g'wein und ti Prinzessin is" vöülli g'stoam^) va lauta' Rreinka"-). 

Si hout a schein s Rouss g'ho't, mit teim is" s" olli To ausg'ridn. Teis Rouss 
is' sou g'schickt g'wei'n, tas 's af an Tala taanz'n hout kinna'. Uani'l hout 's 
owa' pan Ausreid'n a Hulfeis'n^) valaan, und va' tea Zeit aan hout 's nit mea' 
taanz'n kinna'. Hiaz is' ti Prinzessin gua' eacht vazweif'lt g'wei'n, wal teis Rouss 
niamp hout p'schlog'n kinna'. Ta B^enix hout g'sunga': „'S Rouss kaaii niamp 
p'schlogn, ois tea 's Eis'n g'fundn hout!" 'S sein tausnte Schmied g"keimma", 
owa' kuana" hout 's p'schlog'n kinna". Tou af uam"l is a' Schmiedg'söül*) zan 
Houfschraied g'keimma' und hout g'sok, ea wiad 's Rouss p"schlog'n. Ta' Houf- 
schmied hout 'n va ta Seitn aaiig'schaut und hout in Koupf peitlt^). Ta' Schmid- 
g'söül hout in Rouss ti Augn va'pundn, und oft is' a" va' ta' Seit'n zui und hout 
in Rouss mit an waxn Meissa'*) t' Hax"n'), o'g"schnidn. Ta Houfschmid is' vöüli 
in t' Äanmacht g'folln, wia-r-a teis gsea hout. Tawal hout ta' G'söül t' Haxn in 
an Schraubstouk eing'schraup" und hout's Eisn traufg'schlogn. Oft hout a" t' Haxn 
wida' z"sammpasst und t" Wundn mit a' Schmia"^) vaschmiat, und glei' is' s' wida" 
aaiig'woxn, van Schnitt hout ma' nix gsea. Und ti Prinzessin hout g'sok': „Pring's 
raa tein Mään!" 

Ta" Gsöül is' owa" niamp g"wei"n ois wia ta' jingsti Prinz. Ea hout seiii 
Prinz'ng'wäand äang'leig' und is' za' ta' Prinzessin gäanga". Tei hout'n glei' takeint 
und hout an laut'n Schroa») g"mocht. Und ea is' nidagniat voa sei und hout 
g'sok': „Vazeih' ma' s', wos i"ta' täafi hään!" Si' hout nix g'sok' und is' 'n um 
an Hois^") g'foln und hout g'wuaiit va lauta' Freid"n, tas hiaz tou amul z'samm- 
g'keimma' sein. Und ta' oldi Khinni hout si' a' g'freit, tas a' sein Sun wida hout. 
Ti zweifi öültan Prinz'n sein af n Golgn g'keimma. 

Ta-r oldi Khinni van ta vawunschnan Puak hout si owa nit sou schnöül") 
z'fried'n gei'm. „Tu houst mein Tächta' söülmst^-) petrougn, und teistweig'n käanst 
mein Tächta und 's Rhinnireich na oft kriagn, wannst mein Läand tarlest. Zwoa 
Stickl houst z'mocha'. Nit weit va' ta Puak is' a' n-Ocka, tuat hout tar Schaua^^) 
in gaanzn Woaz ausdrouschn. Grod tausnd Meiz'n meiss'n we'n, nit um an Ke'n") 
mea" oda weinga'. Tea muiss in zwein To' af mein' Pou'n^'} sein!" 

Ta Prinz is' af 'n Ocka aussi, owa' tou hout's trauri' aiisg"schaut. Kuan Ken 
is mea in ti Ea'") g'wei'n, ta gäanzi Woaz is af ta Ead g"wei'n. Jo, wos is" tou 
z'mocha'! Pfiat ti' Gout scheini Prinzessin, tei Oawit pring' i' nit z'weign^'), deinkt 
si' ta' Prinz. Tou heat a-r-"af araul a' Stimm: ,,Nit kreink' ti! Mein Vulk wiad tei 
Oawit varichtn, walsf ins söülmst iwan Wei zuign houst loussn und kuafi uanzigi 
tartreitn") houst. Ea hout si umdrat^®), und tou hout a' in Aamissnkhinna stein 
gsea, und sou weit ois a' schäam hout kinna' is' 's ois schwoaz g'wein va Aamissn. 
Tei ho'm ti Ke'n taheazaht'-°) und sein direkt zan Gschlouss mit sei. Und 'kehr 
um a Häand' sein ti tausnd Meiz'nschaffl^^) vul g'wei'n. Grod van leitztn Meiz'n 
hout a' Massl g'falt^^), teis ho'm t' Aamissn nit z'sammprout. Ta' Prinz und ta' 
Aamissnkhinni ho'm si' in Sche'l") z'proucha', wou teis Kheindl-'') sein kaän, af 
'n Ocka' is mea kuan Keit^^) g'wei'n. Tou is ta' Fux taheag' laf'n und hout 
g'sok: „Teis Massl ho'm t' Feichl g'freiss'n; i' wiad sei im Wold aufpassn und 
wiad s' o' fäanga' und wiad sei in Woaz van Kroupf^*^} aussaneimraa." 



1) fast gestorben — 2 Trauer — 3) Hufeisen — 4 Schniiedegesell — 5 geschüttelt 

— 6) scharfen Messer — 7) den Fuss — 8) Salbe — 9' Schrei — 10; Hals — 11) schnell 

— 12) damals — 13) Hagel — 14) Korn — 15) Boden — 16) Ähren — 17) zuwege — 
18) keine einzige zertreten — VS) umgedreht — 20) herbeigebracht — 21) Metzengefässe 

— 22) gefehlt — 23) Schädel — 24: Getreide — 25) Körnchen — 26) Kropf. 



Andrae: Hausinschrifteii aus Nord- und Mitteldeutschland. 31 

Und in aandan To' voamitto" is ta gaanzi Woaz panäanda' g'wei'n, und ta 
Khinni is' mit an Lineal iwa' jed'n Meitz'n g fo'n, und kuan Keit hout gfalt va' ti 
taus'nd Meitzn. «Teis is' ta g'lung'a'", sok ta Khinni. „hiaz houst' naan a' StickI 
z" mocha"! Heint Noot rnuisst af meioi Rouss aufpassen. Hundattreiazwuanzk 
sein im Stol, kuan'nuaüzign teaf wos passian^)"-. Ta Prinz is in Stol gäanga' und 
hout si' af ti Howankistn'-) nidag'seitzt. ^Yia s" Mittanoeht g'schlogn hout, hout 
si' wos g'richlt^) hinta' ta' Rist'n. Ea hout na" an Aug'nplick seini Aug'n va ti 
Rouss o'g'weind't, und in tein Aug'nplick is" an jedn Rouss ta Koupf o"g'schnidn 
■g'wei'n. Schnöl hout a sein Flaschal aussag"naamma" hout in Rouss'n nou ta' 
Reih" ti Keipf aufgseitzt und in Schnitt mit tein Öl Aangschmiat, und glei' sein 
ti Keipf wida' aang'woxn. Wia-r-a' zan leitztn Rouss kirap, hout a' grod nään 
an Troupfm g'hot. Tea hout grod nään gleiiing'*). Und wia-r-a' in leitztn 
Troupf'm vakleiht^) hout g'ho't und olli Rouss wida' leweinti sein g'wei'n, tou is' 
grod t Sum'®) aufgäanga', und ti Puak und tas gäanzi Läand is" tarlest g'wein. Und 
t' Leit, tei fria vastuanat") sein g'wein, sein umaranaand gäanga', und ta oldi 
Khinni hout g'sok: „Walst ins olli tarlest houst, kriast ti Prinzessin und tas 
gäanzi Kheinigreich." 

Und 's is' a grassi Häzat*) o'g'holt'n gwoat'n, und sein Voda is a g'keimma', 
und tea hout'n a sein Kheinigreich iwagei'm. Und sou hout a'-r-iwa zwoa Kheinig- 
reich regiat, und 's Vulk hout" "n recht gen*) g'ho"t, wal a-r-a prava Khinni 
g'wein is. 

Ödenburg:. 



Hausiusclirifteu aus Nord- und Mitteldeutschland. 

Von August Andrae. 

(Mit 2 Abbildungen.) 



Brätide, wie sie im glutheisseu Sommer 1911 die Städte Duderstadt, 
Buxtehude und andere Ortschaften heimgesucht haben, wobei wer weiss 
wieviele Hausinschriften und Schnitzereien, so in Duderstadt beim Brande 
des aus dem Anfange des 17. Jahrhunderts stammenden, wegen seiner bau- 
lichen Eigentümlichkeiten bekannten Gasthauses 'Zur Sonne', zugrunde 
gegangen sein mögen, sind uns eine dringende Mahnung, unsere noch 
übrigen, aber immer mehr und mehr verscliwindenden alten Hausinschriften 
Tor und bei dergleichen Nöten und dem unaufhaltsam gewaltsam vor- 
dringenden, niederreissenden Zeitgeiste wenigstens durch Schrift und 
Druck möglichst schnell sicherzustellen. Aus diesem Grunde schon mag 
der Abdruck der nachfolgenden Inschriften, die fast alle von Herbst 1910 
an in den verschiedensten Gegenden gelesen und gesammelt wurden, ge- 
rechtfertisrt erscheinen. 



1) passieren — 2 Haferkiste — 3) gerührt — 4; ausgereicht — 5 verstrichen — 
6 Sonne — 7^ versteinert — 8} Hochzeit — 9) gern. 



32 Andrae : 

Göttingen. 

1. WrK BAMX^EN ALLE FESTE VNDT SEIN DOCH 
FREMDE GESTE: VNDT DAß WIE EWIG 
SOLLEN SEIN . DAß BAVWEN WIR WEN. 

NIG EIN : i> HANS OVDEN ANNO 1618 < 

Von zwei Krokodilen (flügellosen Drachen) eingefasste, über den Fenstern 
befindliche Inschrift; das Haus stammt also aus dem ersten Jahre des Dreissig- 
jährigen Krieges. Dieser Krokodilinschrift gegenüber 

2. Auf dem Hofe des Gasthaus „Goldener Hirsch": 

HANNS [s. Abb. 1, 2J PoESSEN 
Zu beachten ist die eigentümlich mit Eicheln verzierte Fünf. 

3. Jin bem xav als man nad) d^rift rnfers iievn geburt ^ 111 ^ c£i£<I(£C ^ jrr v ^ 
5elet l|ot I^ajis rofenl^agen bis I^aus loffen baul^en 

[Eine ßeihe; es folgen die Verzierungen Abb. 1, o.] 

Die Schnitzereien am Ende werden als Violinbogen und Schlüssel im Pamilien- 
wappen, andrerseits als Zimmermannswerkzeuge, Säge, Winkelmass gedeutet. 

4. Börnersches Haus: 

[2 Wappen, s. Abb. 1, 5, links und rechts über der Inschrift.] 

(Sobes IPort bitft <2w\di (5 § 36 

(Sobc To lore Vn Dtffe [tat Abel Borneman Dtt Hus (Sbe Bumet H 

a t 

Möglicherweise sollen die Figuren im linken Pamilienwappen Blätter (Efeu) 
vorstellen. 

5. Schrödersches Haus: 

To ^ . . . Weh . . . 

tot myn gobcs bes l|ercn .... 
vn bie Atem pube cnbc 
ftcit tu gobcs Henben 
Gobe to looe vn bib AH feen 
Heft '^vvqen Ijoeoet brt livs gebrot 

Mehr ist von der Inschrift leider nicht zu entziffern. Das mit der Jahres- 
zahl 1549 versehene Haus weist ausserdem eine ganze Reihe herrlicher, farben- 
leuchtender Holzschnitzereien auf, u. a. auch Weberschiffchen und Wollkämme, 
woraus geschlossen wurde, dass das Haus ursprünglich der Tuchmacherzunft oder 
einem Tuchmachermeister gehört habe. Nach einem auf dem Boden gefundenen 
Schild mit Ring muss das Haus später auch einmal Gasthaus (Zum goldenen 
Ring) gewesen sein; der Name „Ring" ist ihm bis heute verblieben. Sogar im 
Innern trifft man prächtige Schnitzereien an, so in einem nach der Strasse zu ge- 
legenen Zimmer im ersten Stock sechs Medaillonbilder. Grosse Ähnlichkeit mit 
diesem Gebäude hat, auch aus derselben Zeit, Mitte des 16. Jahrhunderts stammend, 
das „Junkernhaus", ein Ratshaus, in dem die Ratsherren der Stadt zusammen- 
kamen, um bei einem Glase Wein über das Wohl und Wehe der Stadt zu be- 
raten. Wiederum mit viel Schnitzereien, so Wappen einiger, jedenfalls hervor- 
ragender Ratsherren (Gildemeister), mit Schwanenflügel und Fuchs mit Traube im 



Hausinschriften aus Nord- und Mitteldeutschland. 



33 



Maul (Swanflügel und Voss). Dann fällt die interessante Darstellung „Simson 
und Delila" auf, sowie Johannes der Täufer und der die Weltkugel haltende 
Heiland, die beide auf diese Inschrift an der Eckkonsole hinweisen: 



6. 



(cyt . bat 3ft • ^<^i ■ I*^^" ö'^fls . bas . ör . Welt . fünö 
Dredjt 3otjancs .an . \. 



Die Inschrift aus Ev. Joh. 1, 29 kehrt unten in nr. 18 wieder. 

Als wahrer Schmuckkasten zeigt sich noch ein Haus aus dem Jahre 1545 
mit grossen bunten Köpfen, Ritter mit Visier und Schwert, Wappen mit Haus- 
marke [s. Abb. 1, 6] und Kleeblättern. Noch ein anderes, ebenfalls mit zum Teil 
phantastischen Schnitzereien geziert, trägt die Jahreszahl 1568. Als ältestes Haus 
in Göttingen gilt das aus dem Jahre \. X.9r (1497 oder 95, beachte die halbe 





w:^ 



® 








(Ti^ 



IOCl 








Z84 






Abb. 1. 



8 = 4, die noch in Witzenhausen am Gasthof „Zum Deutschen Haus" li^SO und 
in Frankenhausen (Thüringen) an einem Hause 15o^ gefunden wurde). 

Eine wertvolle Schnitzerei wurde noch an der Hofseite eines mächtigen Ge- 
bäudes der Gronerstrasse entdeckt, die sich früher an der Strassenseite befunden 
haben soll: zwei geflügelte Drachen, die eine Art Frucht, Birne oder Apfel, im 
Rachen zu halten scheinen (es kommt der Gedanke an die Äpfel der Hesperiden, 
die doch von einem Drachen gehütet werden, hier im Rachen zwischen den 
Zähnen) und deren Schweife nach oben zu sich in breite Rosetten umbiegen; 
zwischen den beiden Tiergestalten halten zwei geflügelte Engel ein Hausmarken- 
wappen [Abb. 1, 5a]. Angeblich ist das Haus ursprünglich ein Kloster gewesen 
mit — wohl nur sagenhaftem — unterirdischem Gange nach der Kirche in Dorf 
Nikolausberg; später ein Wirtshaus, als Einkehr und Ausspann für die Fuhrleute 
„Zur Peitsche" genannt; 16. Jahrhundert. In der Seitengasse ist das altertümliche 
Türschloss beachtenswert. 

7. Ganz dasselbe Drachenmotiv mit Spruch findet sich noch auf einer alten 
Spruchtafel, die sich früher auf der Diele eines Hauses der Jüdenstrasse (17. Jh.) 

Zeitschr. d. Vereins f. Volkskunde. 1914. Heft 1. 3 



34 Andrae : 

über einer jetzt zugemauerten Tür befand, zurzeit aber im „Junkernhause" auf- 
bewahrt wird. Die Frucht erweist sich hier deutlich als Apfel. Nach altem Volks- 
glauben gilt der Drache als unheilabwehrend und segenbringend, so sind wohl 
die Drachengebilde an Häusern zu erklären. 
Der Spruch lautet: 

DaS . tvQxd . lobet . ben . meifter [Verzierung] 

und ist dem Buche Sirach (9, 24) entnommen, er kommt noch sonst vor. An 
dem Hause fallen ausserdem zwei Fratzen (Masken) auf und von weitem eine Art 
Katzengesicht, das aber beim Näherkommen in eine blosse Verzierung übergeht; 
möglicherweise ist ein Vexierbild beabsichtigt. Am alten Hause nebenan erfreut 
die wundervoll geschnitzte Schlagleiste des Tores: Blätter-Blumen-Weintrauben- 
gewinde. 

8. Dorf Diemarden bei Göttingen am Eingange des Gartetales (einreihig): 

AVELT TOBE WIE DU WILT GOTT IST MEIN SCHIRM UNT SCHILD/ 
DER WIRD MICH WOL BESCHUCZEN / FÜR IHRES ZORNES BLITZEN MEIN 
UNGLÜCK KAN ER WENDEN E ABER DER HERR SORGET FÜR MICH: DARUM 
SEIN FROLICH DIE AM • • • 

18. bis 1!J. Jahrhundert; hinter 'wenden' ist zu ergänzen: 'es steht in seinen henden'. 

9. Dorf Klein-Lengden (Kr. Göttingen; einreihig): 

WER GOTT VERTRAUET . HAT WOL GEBAUET . IM HIMMEL 
UND AUF ERDEN . ALLE DIE VORÜBER GEHEN . UND MICH 
KENEN . DEN GEBE GOTT DIE EHRE . DAS SIE ES MIR GÖNNEN 

Erste Hälfte des lü. Jahrhunderts, 1814. 

10. Zwischen Kl.-Lengden und Dorf Benniehausen die alte Gastwirtschaft 
„Eichenkrug" mit der Inschrift: 

WER GOT VERTRAVWET DER HAT WOL GEBAVWET 1574. 

Mit hübsch geschnitztem Balkenwerk. 

11. Dorf Rittmarshausen, Kr. Göttingen: 

a) DER HERR UNSER GOT SEY MIT UNS . WIE ER GEWESEN IST MIT 
UNSERN V.ETERN . ER VERLAS UNS NICHT . UND ZIEHE DIE HAND NICHT 
AB VON UNS.IOHAN CHRISTIAN EGGERT . MARIA ELIESABETH EGGERT^ 
GEBOHRNE DIETRICH. ANNO 1747 . MONAT MAJUS. 

Eine Reihe; an der Hofseite steht sogar noch Vater- und Muttername des Er- 
bauers eingeschnitzt. 

b) ALLES WAS MEIN DUN UND ANFANG IS7' DAS GESEH IN DEN NAMEN 
HERR lESUSKRI DER STEH MIR BEI FRVCH UND SPA7' BIS DAS DUN. 
EIN ENDE HAT. JOHANN HENRICH SCHVTTE.ANNA MARIA ANDREAS . DEN 
25 APRILIS . ANNO 1749. 



Hausinschriften aus Nord- und Mitteldeutschland. 35 

Eine Reihe. Ich belege die Inschrift noch in meinen „Hausinschriften aus 
dem Kreise Einbeck" aus Dorf Rengershausen, erste Hälfte des 18. Jahrhunderts 
(Einbecker Zeitung, 14. Oktober 1898). 

12. Aus dem benachbarten Dorfe Kerstlingerode (einreihig): 

DIES HAUS IST . 3IEIN . UND . IST . DOCH NICHT MEIN NACH MIER KOMT 
WOL . EIN . ANDER DAREIN . IST . AUCH . NICHT SEIN . GOTT . WOHL . UNS . AUS . 
GNADEN . DEN . HIEMMEL . VERLEIEN . 

Weitverbreitete Inschrift, mit den Namen des Bauherrn und der Baufrau, 
Datum und Jahreszahl 1782. Im nahen Dorfe Beienrode (Kr. Göttingen) finden 
wir die ebenso berühmte, verbreitete und uns schon aus Göttingen (nr. 1) bekannte 
Inschrift wieder: 

WIR . BAUEN . ALLE . FESTE . UND . SEIND . DOCH . FROMDE . GÄSTE . . 

mit Erbauernamen. Die Jahreszahl beim Umbau gefallen, 18. Jahrhundert. Am 
Eckständer fällt noch ein interessantes eingeschnitztes Gesicht auf, eine Art Fratzen- 
gesicht (Maske), mit gesenkten Augenlidern, auf zwei Balkenflächen verteilt, wofür 
nach Aussage des Hausbesitzers 'die Zigeuner viel Geld geboten haben', wahr- 
scheinlich ein unheilabwendendes, glückbringendes Symbol. In diesem Sinne sind 
jedenfalls auch die Pratzen und Köpfe, ursprtinglich die von Schutzheiligen, an 
unseren alten Häusern zu erklären. Das benachbarte 'Bremkertal' weist ebenfalls 
einige hübsche, wertvolle Inschriften auf an einem alten Hause in 

13. Dorf Bremke (Kr. Göttingen; einreihig): 

DREI DINGE SINT DIE BEIDE GOTT UNT DEN MENSCHEN WOL GE- 
FALLEN WEN BRUDER EINS SINT UNT NACHTBAHREN SICH LIEB HABEN 
UNT MAN UNT WEIB SICH MIT EIN ANDER WOL BEGEHN SIRAH 

'Sirah' ist natürlich das Buch Sirach, dem die Inschrift entnommen ist (25, 1 — 2). 
Trotz stellenweiser Undeutlichkeit und Verwitterung konnte die Inschrift so richtig 
entziffert werden. An der Haustürseite: 

Die bereits früher gelesene: Wer gott vertraut . . . erden. Es schliessen 
sich an die Erbauernamen: 

lOHANNIS ASCHOF UNT IMARGRETA CA . ERS HABEN DIS HAUS MIT DER 
HÜLFE GOTTES LASSEN ERBAUWEN:HL:UNT M:HL GEBRUDER 

Einreihig; der Buchstabe hinter CA verwischt (Capers) und die Stelle hinter 
Erbauwen durch Schild verdeckt. Über der Haustür endlich: 

MENSCH DU DUHST WAS DU DUHST SO BEDENKE 
DAS ENDE SO AVIRST DU NIMMER ÜBELS DUHN SRAH 



ANNO : ^6b«) -|- DEN : \8 MAGUS 
IST DIS HAUS ERBAUWET 



'Srah' ist wieder Buch Sirach (7, 40), der Langstrich von R ist gleichzeitig 1. 
Das eingemeisselte Kreuzchen erinnert daran dass die Gegend früher katholisch war. 

3* 



36 



Audrae: 



Ein hübsches Seitenstück zu der Diemardener Inschrift lesen wir an einer 
anderen Stelle des Kreises in 

14. Dorf Holzerode, unterhalb des 'Hünenstollens' (einreihig): 

DU : : SCHÖNES : WELT : GE : BOU : DE : MAGST G : F : L : WEN : DU : WILST : 
DENEN : SCHEIN : BAR : LICH : GEN : FREUN : D : IST : MIT : LAUTTER ANGST : UND : 
MÜ : DEN : DI : DEN : HIMMEL : HASSE : WIL : ICH : IHRE : WOLLUST : LASSEN : MICH : 
VERLANGET : NACH : DIR : ALLEIN : ALLER : SCHÖNSTE : lESULEIN 

Zweite Hälfte des IT. Jahrhunderts. Es ist J. Francks Dichtung: 'Du, o 
schönes Weltgebäude, magst gefallen, wem du wilt; deine scheinbarliche Freude 
ist mit lauter Angst umhüllt. Denen, die den Himmel hassen, will ich ihre Welt- 
lust lassen: mich verlangt nach dir allein, allerschönstes Jesulein' (Fischer-Tümpel, 
Kirchenlied des 17. Jahrh. 4, 90). 

15. Aus dem nahen Dorfe Oberbillingshausen, Kr. Göttingen: 

GOTT BEWAHRE DIESES HA 
^ US . ALLE . DIDA GEHEN . EIN . ® 
UND . AUS . JHR . SLL . 1799 

Jhr . SU = Johann Heinrich Schnelle. An der Scheune gegenüber einge- 
geschnitztes Kreuz mit der Jahreszahl 1800, also ein Jahr jünger als das Haupt- 
gebäude. Noch zweimal wurde die Inschrift im Dorfe gefunden: 1819 und 1821. 
An einem anderen Hause: 

16. BIS . HIE HERR . HAT . MIR . MEIN . GOTT 
GEHOLFEN . CHRISTIAN . GARBODE . 1784 

Öfter im Kreise Einbeck gefunden (s. Einbeck er Zeitung, 6. Dezember 1898). 
An einem andern Hause stand Salomos Wort aus 2. Chronica 6, 20. 

17. Dorf Hetjershausen, Kr. Göttingen: 

SIHE ZV W^AS DV THVST VND BE 
DENKE DAS ENDE. HANS KVMACKER 
MARIA ALRVTZ. ANNO . 1665. 
M . C . K . 

Jetzt im Göttinger Museum aufbewahrt. Nach Sirach 7, 40. 

Hannover. 

18. Osterstrasse an einem Gasthaus (einreihig): 

DAT . IS DAT. LAM . GADES . WELCKER . DEI .WERLT . SVNDE . DRECHT. | 
GODT . DE . HERE . SI . VNS . GNE 

Vgl. oben nr. 6. Am Hofgebäude steht: ANNO . DOMINI. 1584 mit je einem 
Wappen links und rechts. Das rechte mit Hausmarke zeigt Abb. 1, 18, während 
das linke mit demselben Umriss einen Wollkamm und darunter die Buchstaben GE 
aufweist und rechts von diesem linken Wappen ein Weberschiff sichtbar wird. 
Demnach hätten wir wohl wieder ein altes Tuchmacherhaus vor uns. 



Hausinschriften aus Nord- und Mitteldeutschland. 37 

19. An einem anderen Hofgebäude derselben Strasse (einreihig): 

WO . GODT . NICHT . SVLVEST . DAT . HVS . VPEICHTET . VNDE . SCHAF- 
FET . ALLE . DINCK , DARIN^E . SO . IS MIT . VNS . NICHT. VTH . GERICHTET . 
VORLAREN . IS . STARCK . VNDE . SINNE . ALLE . MOIE . VNDE . SORGE . VOR- 
GEVES . GEIT.WO . GADES . HVLPE . NICHT. BI .VNS . STEIT.ALL . ARBEIT . IS . 
VORLAREN 

Am Hauptgebäude auf der Strasse steht: ANNO . DOMINI . . 1 . GOO 

20. Bilderinschrift von einem Hofe der Köbelinger Strasse (jeder Spruch 
eine Reihe): 

a) S MENSCHEN [Herz: s. Abb. 1, 20a] IN [Rose; s. Abb. 1,20a] GEHT. 
WENS MITTEN VNTERM + . STEHT . DAS 4- IST . SCHWER DAS GLVCK . 
IST GVHT . TRVBSAL . DIE [Rose] BRINGEN THVT. 

b) DES . VATERS . SEGEN . BAVWET . DEN KINDERN . HEVSER . ABER . 
DER . MVTTER FLVCH REISSET . SIE . NIEDER . ANNO . 163 . 5 

[Verschnörkelte Ziffern]. 

c) o DER. HER DVRCH DER. ENGEL. SCHAR. MEINE EIN.VND AVSGANG ♦ 
BEWAHR 

Die Bilderinschrift verwertet den bekannten Spruch Luthers. An der vorderen 
Wand des Hofgebäudes liest man noch: 

d) EWIGE . FREVDE ODER PEIN . WIRD VNSER ALLER LONVNG SEN und 

e) WER GOT VERTRAVT . HAT WOL GEBAVT . IM HIMEL . VNT AVF 
ERDEN 

21. Von der Bäckerstrasse (einreihig): 

VIL LEVTE OHNE VHRSACE TVN MICH HASEN ICH TRAVWE AVF GOT 
DER WIRT MICH NICHT VERLASEN ABGVNST DER LEVTE KAN NICHT 
SCHADEN WAS GOT WIL DAS MVS WOL GERATEN 

Früher ein Haus, 17. Jahrhundert; jetzt ist die linke Hälfte durch einen 
Neubau ersetzt und die Inschrift bis 'Verlasen' verschwunden. 

22. Strasse 'Tiefenthal' (einreihig): 

3bt fracjet mennvd? wo jbt mv geyt (Synge yt my irol jbt wcv cm leibt lat folfcn 
rebcn alfe I^e ybt mcnet So ITyl ycf ladjen wen f^e Wenet 3bt fy fyn fdjymp ebber Spot 
Wat bc my gunnet i>at gbcuc ohne gobt B K 

'ohne' = ihn; heute nur noch sichtbar von Wyl an, der verputzte und verschalte 
Anfang ist, hier und da berichtigt, nach Mithoff, Kunstdenkmale 1, 90; 16. Jahrh. 
Früher soll an der Stelle ein Kloster gestanden haben; im Keller staunt man noch 
über den mächtigen Grundpfeiler, auf dem vermutlich der Klosterturm geruht hat. 

23. Eckhaus Tiefenthal-Burgstrasse wurde nun auch die obere Inschrift ent- 
ziffert (vgl. meine 'Hausinschriften' Globus 1906 S. 186 ff.): 

Höbe . bydj . ror . beti . fairen. Pheit . roiib . den . rnbc . a&^na . fragen 



38 Andrae: 

Also das alte berühmte Sprichwort: Hüte dich vor den Katzen, die vorne 
lecken nnd hinten kratzen, das u. a. beim Anekdotenerzähler Abraham a Santa 
Clara, bei Hans Sachs und schon in Luthers „Tischreden" vorkommt. Das Sprich- 
wort wurde nochmals als Hausinschrift vorgefunden in Wiedenbrück (Westfalen) 
an einem mächtigen Hause am Markt und wiederum als oberste Reihe (ein- 
reihig) : 

24. HOIT DICH VOR DE KATZEN DE VOR DICKEN VND ACHTER KRATZEN 

Am Ende der zweiten und untersten Reihe steht die Jahreszahl 163Ö. Von 
den vielen Inschriften des altertümlichen Städtchens wurden noch folgende aufge- 
zeichnet: 

25. HELPGODT AVS NODT 
APGVNSTT IST GRODT 

16 4u 

26. Über dem Türeingange eines anderen sehr interessanten Hauses (ein- 
reihig): 

GADES . WORT . BLIFT . IN EVIF . HEIT .1.5.6 7 

Unter den zwei kleinen Penstern links die Mahnung: 

27. HALTET . FREDE . VPPE . DÖSER . STEDE. 

Dazu drollige Schnitzereien, Narrenköpfe, einer mit ausgestreckter Zunge. 
Leider ist viel verwischt, verwittert und verputzt. Die erste Inschrift begegnete 
nochmals lateinisch: 

28. VERBVM . DEI . MANET . IN ETERNVM . A . DO . 1 5 8 3 

[darunter zwei Hausmarken, s. Abb. 28a und b.] 

29. Braunschweig (einreihig): 

ANNO . 1 665 . AVF . GOTT . BAVWE . ICH . VND . TRAVWE . IHME . FEST . 
DAS . ER . DIH . SEINEN . NICHT . VERLEST. 

Harzgegend. 

30. Goslar, Abzuchtstrasse (einreihig): 

(Sott bcr alle btng üermagF, 23etjüte bi§ l^au)g 311 Hadjt vni> üagf. (Et^i woüe ung 
and} geicibcn. Wan wiv ron Ijtnett fdjeiben. 

IG. bis 17. Jahrhundert. 

3L Glockengiesserstrasse (einreihig); 

a) (Sott ber .Ejerr bcroar bilg.I^aus: 2lud} aü btc bar gel^n <£in inib au3 I]eimttparnfcn. 
^ . 6 . 6 . (i 

b) Wev (Sott »ertraiyt . l^at ir>ol gebatrt : im fjtinniel Dub aiiff <£rbcn : IVev ftdj rcrlcft 
<^iiff 3cfum (Jlt^rift : bcrfclb . tpirb feiig tucrbcn : 2tnno : \605 . 

Weiter unten, rechts von der Haustür: 

c) (Sott bei- fjerr betuare . . . (^wie ola). 



Hausinschriften aus Nord- und Mitteldeutschland. 39 

Dicht neben diesem Hause steht Haus 'Bartoidt. bethman", das Stammhaus 
der Familie des Reichskanzlers, über dessen Inschrift und andere s. meine 'Haus- 
inschriften aus Goslar', oben 15, 42S — 438. 

Die altehrwürdige, verlassene, halb verfallene, jetzt zum Trocknen von Kräutern 
benutzte Zementmühle (Lohmühle) im 'Klapperhagen' am Abzuchtgewüsser trägt 
am Balken eingeschnitzt die Jahreszahl 1544. 

32. Osterode, Gasthof zur Ratswage: 

bat fin nidjt . alle . teger be bc bornc blafen 

Bogenförmig auf einem Spruchbande; Hörn, dasselbe oben noch einmal ver- 
kleinert, halbe Rosette und Kopf ganz oben im Giebel, unter dem die alte Wage 
an Ketten aufgehängt gesehen wird, während der Haken, woran sie einst hing, noch 
in einem Balken sitzt; es soll dort früher die Wolle gewogen worden sein. Der 
hintere Teil der Diele ist mit Kieseln mosaikartig ausgelegt. Der Wirt brachte 
das Hörn mit dem Hirten, der das Vieh austrieb, zusammen. Nach einem Artikel 
in 'Niedersachsen' vom 15. Juni 1912: 'Aus Osterodes Vorzeit" stammt das Haus, 
ursprünglich ein Hochzeitshaus, aus dem Jahre 1G53. 

33. Herzberg (Flecken, Kreis Osterode): 

a) ANNO WER GODT VER 

lt;66 TRA'VVET HADT 

WOL CtEBA^VET 
M • Y • E • H • 

Mit vielen Verzierungen: Rosette, Früchte, Vögel, Kopf, der Zunge aus- 
streckt, Kopf, der mit breitem Munde die Zähne zeigt, Hammer, Winkeleisen. 

b) Dersage ntdjt V €vaw (Sott 2lIIeinn . D Sein (Snabe iinb ürao M 3ft ciüe ITiorgen 
• neu I lüer (Sott rcrtratpuct ♦ A ^at rooll (Scbamet ♦ 

[Die fetten Buchstaben V D M I A sind je mit einem Kreis umgeben.] 

Einreihig. Vor und hinter der Schrift Verzierungen; die lateinischen grossen 
Buchstaben ergeben natürlich den bekannten Sinnspruch Friedrichs des Weisen 
(Lobe, Wahlsprüche der Kurfürsten und Herzöge von Sachsen 1878 S. 4): Verbum 
Domini Manet In Aeternum. Weiter unten steht noch in viel kleinerer Schrift: 

c) Dev ganzen Welt prad^t mug oergehn 
yücin (Sottes lUort rotrt erotg [tclni. 

d) OPC) LA^>ET /RTIFICE.M. «Tut siubcr 

e) ORA ET L.\BORA £a§ (SCDC Sorgen 

15 94 

Tut ist Abkürzung von Timothcus. An der andern Seite liest man: 

f) S So abcneurlid? gcl^ts rff (Erben ♦ D Das einer oftt suni Haren muß tuerbn 
P Pen man cinr meint er bab bas (Slücf N So wcni>t bas glürf ftd? balb surücf Q ^IPann 
evnr meint es fei mit it^m au§ C So fompt il|m balb bas (Slürf 3U bang N 

[Die fetten Buchstaben S D P N Q C N sind je mit einem Kreis umgeben.] 



40 Andrae: 

Eine Reihe; die Auflösung dieser lateinischen Majuskeln ergibt ebenso sicher 
die weitverbreitete Inschrift (in Lemgo u. a.): Si Deus Pro Nobis Quis Contra 
Nos (Römer 8, 31). Auch die dritte Seite des Hauses, wo jetzt der Eingang ist, 
enthielt eine solche, jetzt bis auf wenige Spuren unleserlich gewordene Inschrift 
mit lat. Majuskeln. Hier läge also der interessante Fall von der Einfügung einer 
Inschrift in eine Inschrift vor. Das Ganze war arg verfallen und ist nun so 
wieder hergestellt, allerdings stellenweise nach Gutdünken. 

34. Duderstadt (Eichsfeld; einreihig): 

IN GOTTES MANNT STEH ICH GEGRÜNDET ♦ OB ES GLEICH VIEL 
miDER FINDET ♦ JEDER GÖNNE MIR DAS MEINE WIE ICH GÖNNE .IHM 
DAS SEINE 

35. Überm Eingangstor: 

GOTTES . SEEGEN r: NEIDER SIEHE . 7 . 
MACHET REICH . OHN . UIELE . MUHE . 
I • C • S • ANNO 1 723 M • E • S • 

Sollinggegend. 

36. üslar (einreihig): 

a) WIL TV RICHTEN MICH VNDT DIE MEINEN SO BESIEHE ZVVOR 
DICH VNDT DIE DEINEN VNDT KOMB DARNACH AVIEDER ZV MIHR SO WIL 
ICH ANTWORDT GEBEN DIHR. 

Über der Haustür: 

b) ZV GOTT ALLEIN DIE HOFNUNG MEIN o 

MORITZ ♦ WILCKE MARGRETA ♦ RICKEN ♦ 

ANNO ♦ I 6 Z 9 ♦ 

37. Dassel: 

IT 82 

ZUR HERBERGE 
SOLL DiES HAUS UND 
NICHT ZUR lElMAT DINEN 
DiEWEIL MEIN \ATERLANT 
DES HIÄELS WOLNUNG IST 
LAS IN DER lERBERG 
HIE 
GOTT UNSERE BLÄTTER GRÜIEN 

UND RICHTE UNSER lERZ HIN WO DU SELBER BIST 

Hübsche poetische Inschrift des ehemaligen 'Rauschenplattschen Hofes', der 
späteren 'zweiten alten Pfarre', in dem über dem Eingang befindlichen grossen 
Rauschenplattschen Familienwappen, das noch ein Spruchband mit Anfangsbuch- 
staben der Namen, zwei Hirsche, ein Jagdhorn und Blätter, eben die 'Rausche- 
blätter', aufweist, die in schöner poetischer Beziehung zu dem Familiennamen 



Hausinschriften aus Nord- und Mitteldeutschland. 41 

stehen. Ähnliches werden wir noch in Jena lesen (nr. 51). Weitere Inschriften 
aus der Sollinggegend finden sich in meinen 'Hausinschriften aus dem Kreise 
Einbeck', Einbeck 1898 und in 'Niedersachsen' vom 15. Nov. 1908, S. 58ff. 

Wer ra-Weser-Diemel gegen d. 

88. Witzenhausen (Werra), Thiermannsches Haus (einreihig): 

CONTVLIT HAVD lACILFS SVMTUS WIDEKINDVS IN .ED MEINHARTVS : 
DEVS HAS VICIBVS SERVARE MEMENTO: [Hausmarke, s. Abb. 1, 38] IN DO- 
MINO CONFIDO : PS : XI : AO DNI 1579 

Altes Patrizierhaus mit vielen Schnitzereien. Kopfzerbrechen macht anfangs 
das dritte Wort, das eine sinnlose Buchstabenumstellung und weiter nichts als 
'facilis' (oder 'facile') ist. Der erste Hexameter besagt: Es ist dem Erbauer nicht 
leicht geworden, die Mittel zum Baue zusammenzubringen (Aed ist zu ergänzen: 
Aedes); der zweite: Gott möge diese Wohnung vor Schicksalsschlägen bewahren. 
Über der Tür befindet sich nochmals das Hausmarkenwappen mit Gründungs- 
inschrift darunter. 

39. Hedemünden (Werra; einreihig'): 

a) WER VIEL FRAGT NACH NEVEN MERN . DER SCHWATZT NACH 
VND LEVGT GERN . SOLCHE LEVT THV MEIDEN . WILT DV NICHT FALN IN 
LEIDEN? LEID MEID SCHWEIG . VND VERTRAG . DEIN NOT NIEMAND KLAG . 
AN GOT NICHT VERZAG . GLUCK KOMPT ALLE TAG . GEDVLT VBBRWINDET 
VIELES S 

Den ersten Teil der Inschrift kannten wir bereits von früher aus Hannover 
(vgl. Globus 89, 188), von Leid bis Tag ist wieder ein Wort Luthers. Die In- 
schrift der andern Seite ist stark verwittert und verwischt, doch wurde sie noch 
einigermassen entziffert: 

b) ^ürdjte (Sott Dnb tjalt [eine g,eQebot . . . ANNO • ) -5 • 9 • o • l^at lianf l^euntngf mit 
(Softes t^iilff e Püt (\(ijon häufen 3immern laffeu vnb bauen?) 

Zum Glück sind Jahreszahl und Erbauername erhalten. Auch fanden wir 
in diesem Städtchen das uns schon von früher aus Dorf Volksen (Leinegegend) 
bekannte und als 'Liebesknoten' ausgegebene Zeichen wieder (vgl. Globus 89, 
S. 183) an einem Hause aus dem Jahre 1755 zwischen den Namen des Paares, 
und es könnte wiederum als solcher gelten. Dennoch glauben wir heute besser 
diese krntenartige Verschlingung, den Knoten, ins Gebiet des Aber- und Volks- 
glaubens verweisen zu müssen, wonach er, an einem Hause angebracht, dieses 
vor Schaden, vor Behexung bewahren könne, ein z. B. in Süddeutschland ver- 
breiteter Glaube. Hedemünden reicht dem Süden schon so die Hand, und an 
einem andern Hause aus dem Jahre 1747 findet sich diese Verschlingung zweimal, 
und zwar nur hinter je einem Spruche! Von Liebesknoten kann also hier keine 
Rede sein. 

40. Adelebsen (Kr. Uslar): 

G n CHRISTOPH AVGVSTAS AMALI A HERMEN 

GOTTES GUTE VND TREW d IST ALLE MORGEN NEW JM| 
ANNO 'z X 1(14;) s-^ 



^2 Andrae : 

mit altertümlicher Haustür; ein älteres Haus an der Stelle angeblich im 30jährigen 
Kriege niedergebrannt; wie man sieht, ist dies neue gleich nach Schluss des 
Krieges wieder aufgebaut. Vgl. nr. 33b. 

41. Bodenfelde (Weser), altes Bauernhaus: 

WOR.M£X BEK HEREIN FRVCB.TET BAR IST KE';>'S ARMOET 
;>SA>AS AM 40 CAP})^ V DM p E ANNO DOMN> 1588 

PVRGE^ BODEKER D-C 

Der Bibelhinweis kann sich nicht auf das Vorhergehende beziehen, da im 
ganzen Propheten Jesaias nichts Ähnliches steht, muss also auf das Nachfolgende, 
V-DM-IE-'gehen; das ist nichts anderes als die oben S. 39 als Wahlspruch des 
sächsischen Kurfürsten Friedrichs des AVeisen angeführten Worte: Verbum Domini 
Manet In Eternum, die zuerst bei Jesaia 40, 8 erscheinen. Ebenso in nr. G2. 

42. Dorf Wehrden (Weser), altes Bauernhaus: 

DIS HVS STEHET IN GOTTES ^^N ER WOLLE ES BEWAREN VOR FEVR VN) BRANT 
HEINRICH GADEKEN VND ILSABE CATARIM REMERS IIIHVHTE 
ANNO 169G DEN 26 NOVEMBER 

Die zweite P^eihe gegen Ende lückenhaft und unsicher; das Monogramm 
Christi zeigt die katholische Gegend an. Vgl. nr. 63. 

43. Rinteln (einreihig): 

a) (£[aic .\"I 2UIc btncf is rorgenrf lief . (Softes wovt bitft ewu} f 3'" i^^^ bo mcn fcfjrcf . 
1565 • I^eft fjans Pebber mibe ~slfabet fiii (El^eltfe tjüffrautre but bus bäumen laten 2 
<5obt fi loff . vnbe <£tjre 

Die Inschrift geht wieder auf den 8. Vers des uns schon bekannten Kapitels 
zurück. Weiter steht u. a. noch an dem altehrwürdigen Hause am Kirchplatze, 
die wichtige Stelle aus Hiob 19, 2.3: 

b) 3(f ipett bat m\n crlöfcr Icrct . . . 

und das ebenso wichtige neutestaraentliche Seitenstück E\^. Joh. 3, 16.- 

c) 21Ifo bett gobt be uielt geleut . . . 

Die Inschrift aus Hiob wurde früher schon gefunden in Hannover und Hel- 
singör (Dänemark); siehe darüber meine 'Hausinschriften aus Dänemark' (Globus 84). 

An einem Häuschen fiel noch auf (einreihig): 

44. €IN . LEVENT . ID . SI . WO . GVT . IDT . WOLLE . SO .WART . IDT . EIN . 
KLEIN. TIDT . ABER . EIN . GVDT . NAME . BLIFT . EWICH 

16. bis 17. Jahrhundert. Am Markt noch: Si deus pro nobis . . anno 1659, 
die uns schon bekannte Inschrift (nr. 33). 

45. Stadtoldendorf: 

S)er §erv bixvd] bcv Gngcliriiav Seinen ein 9Snb ?(u§. 
cjang Sen)at)r: ?ln ©ottee Segen ift 5iae§ gelegen .y. 662 
Jürgen Sa^j^en ©attrina öünecn 



Haiisin Schriften aus Nord- und Mitteldeutschland. 43 

Ungefähr aus derselben Zeit, zweite Hälfte 17. Jh., stammt noch diese 
charakteristische Inschrift: 

-KJ. MANGER REDET V02s\nR QU T DER SELBST NICHTS GVTS IM ESRZEMA T 
Hl.V DAS VOR SE2ER STR Tl\OE GESCHiBEN m.S' ER SEN EBTAG HETTE 
GETR'BE:^R JWDE sich ZmMAH BEDEMENS lER M'^fWE 3EN:R EHtE 
KRENKEN 

Zieht sich in einer Reihe am Hause hin, ein alter Balken mit nur wenig 
Schrift ist bei der neuen Türaniage verschwunden. Die vielen Buchstaben- 
zusammenziehungen sind eine Folge der E-auraknappheit. Qvat = Böses, Schlechtes; 
Str = Stirn; der Langstrich von E in Ebtag soll zugleich L bedeuten. 

Andere Inschriften aus der Wesergegend s. Niedersachsen 1908, 58. 

47. Heimarshausen (a. Diemel): 

MARTIN ALLE DIE MICH KENNEN . DEN GEBE ILSEBEfT 
GODEKEN GOTT WAS SIE Mim GÖNNEN. FRIBERG 

ANNO 1683 

die überaus weit verbreitete Inschrift. Ebenso verbreitet ist 

48. lUer auff (Sott trauet bcr liatt rroll gebauroctt Svlli §anS 
Anno 1585 

mit Hammer, Kneifzangen, Bohrer (Zimmermannswerkzeugen) und Hufeisen, dem 
ünheilabwehrer und Glücksbringer. 

49. 3'" ^5l)^ 3ar fjabc 3* f^cnrtdj 
Kiman Mt I^us latcn Surocn lUer 
auff (Sobt rortruroet ber befft roall 
(Scburoet —. — s 

Ein Haus aus d. J. 1694 'den 10. ivli' fällt noch auf durch viele Inschriften 
(so PS 38, 23) und Schnitzereien, Ranken- und Blattwerk in Drachen- und 
Schlangenköpfe auslaufend. Vgl. den Göttinger Deutschen Boten 1913, 10. Januar. 

Thüringen. 

50. Altenburg: • 

AUXILIVM MEVM A DOMINO ANNO 1554 

Die mit kleinen Verzierungen durchsetzte Inschrift befand sich vor Er- 
neuerung des Giebels bei der Tür des Hauses, das im Innern noch alte Bauart 
aufweist. 

51. Jena: 

a Der ticrr b '^tOes ?\a\i^ 

betaute bcinen €tnc öerberg tft 

aug linb Drumb 'i>ind bev <i5eit 

etngana *^"5 <Iobcu hau^^ 

aö : ^691 Damit bir offcuftcb 

Das (5ro§c 
iitmeb tjaitg 

Hof-Haus „Jenaische Zeitung"; Schiller wohnte in dem Hause 1804, also ein 
Jahr vor seinem Tode. Wie schon angedeutet, hat diese hübsche Inschrift grosse 
Ähnlichkeit mit der im fernen Dassel (nr. 37). 



^^ Andrae: 

52. Weimar : 

DER . GEREcHtTE . MVs 
VIL . LEIDEN . AWER 
DER . HERR . HILFfT IM 
AVS . DEM ALLEM . 34 . 
PSALM . DAX 
WAS . GOT . WILL 
IST . MIEN ZIL . 1 . 5 . 52 

Mit einigen kleinen Verzierungen und Wappen, dessen Schrift nicht mehr zu 
erkennen ist, und Hausmarke; der Inschriftenstein wurde beim Umbau entdeckt. 
Sollte DAI ein Abkürzung von David sein (34. Psalm Davids)? 

53. RVP ZV GOT AN ALE 
SCHEV . SO HILFT ER 
DIR BEI SEINER 
TREV. 

1550 

I C M 

1740 

H 

54. Am Erker der Hofapotheke: Die Stelle aus Ev. Joh.: Also hat Gott.. 
1598 und allegorische Figuren Fides, Porti (tudo) und a. m. 

55. Erfurt (einreihig): 

a) FRAVDIS. ET. IN VIDLE. TANDEM. PACIENCIA.VICTRIX VIRTVTIS^VE . 
OP VS . EST . TRISTIA . POSSE . PATI . 

b) SINT . MAONI QVICVNQVE . NIHIL . NISI MAGNA . LOQVVNTVR NOS 
IVVAT . EX . ANIMO . QVOD IVBET . ESSE . DEVS 

Interessante Inschrift mit kleinen Verzierungen über und unter den Penstern. 
Auf deutsch lauten die Distichen etwa: Des Truges und des Neides Besiegerin 
ist endlich die Geduld, und es ist das Werk der Tugend Trauriges leiden zu 
können — Mögen alle diejenigen gross sein, die nur tote Reden führen können, 
uns frommt von Herzen das zu sein, was Gott zu sein gebietet. — Auf einem 
Spruchband befindet sich noch eine Inschrift, während ein zum Hause gehörender 
Stein mit Greif, wonach es wohl 'Zum Greif hiess und heisst, sich im Museum 
befindet. Man erzählt noch, vor Jahren sei bei einer Hochzeit die Decke 
durchgebrochen und alle bis auf ein Kind seien umgekommen, wohl nur eine 
Sage^). 



1) Eine Oiissage hörte ich noch in Zwickau (Sachsen), die sich an das 'Gewand- 
haus' anknüpft, dessen Giebelverzierung Ähnlichkeit mit einer Brille liat: der Erbauer 
dieses Gebäudes und der des Eckhauses schräg gegenüber hätten miteinander gewetteifert 
in der Fertigstellung ihrer Häuser. Der des Gewandhauses sei nun zuerst fertig ge- 
worden mit seinem Bau, habe eine Brille aufgesetzt und höhnisch seinem Gegenüber zu- 



Hausinschriften aus Nord- und Mitteldeutschland. 45 

56. ANNO 15 GOTT . SPRICHT ES . SO GESCHICHIES 61 EM 

ILGEN ANNA . SCH WA = 

MILWICZ NFLOGELIN 

Im rechten Wappen ist ein Schwanentlügel sichtbar, wie wir ihn bereits am 
Göttinger 'Junkernhause' (nr. 6) erbliclvt haben. Ausserdem kleine Verzierungen. 

57. 1 . 5 . ö . 6 

[Bild eines Rades, s. Abb. 1,57] 
3Ü bem gülbe rabe 

Also ein Hausname, wie deren noch einige gefunden wurden. 

58. DAS HAVS STEHET 

IN GOTTES HAN) ZVM 
STOCKFISH ISTS GENANT 

mit Stockfisch im Relief, und Familienwappen ; altes Patrizier-, eine Art 'Junkern- 
haus', angeblich aus d. J. 1601. 

59. DAS . HAVS . STHET . IN . GOTTES . HANT . ZV . DER 
BLAVWEN . LILGEN . IST . ES . GENANT . 1576 

.1.5. 76 o 

A- 

IH 
H N 

Mit Lilie und zwei Wappen: Greif", nackter Mann. — Auf dem Hofe: 

60. IM . JAR . 1 . 5 76 . NACH 
CHRISTI . GEBVRD . HAT . . 
HERBORD . NACK . DISEN . 
BAVW . AVFF . GEFHVRDT 

Der Name Nack steht jedenfalls mit dem Wappen im Zusammenhange. 

61. Am Gasthaus 'Vaterland': 

ZUM GVLDEN 
STERNEN GENANT 
15 72 

[sechseckiger Stern, s. Abb. 1, 61] 

WAS GOT BES 
CHERT. BLEIBT 
VN . ERWERBT . 



gerufen: „Man sieht ja noch nichts von deinem Baue, man muss ju durch eine Brille 
suchen . . .1" Die ostfriesische Haussage aus Norden (Globus 75, 388) knüpft sich auch 
an ein Haus in Utrecht Fr, Halm, Adrian von Utrecht. Werke 1856 1, 322): ein Junge 
will später ein Haus bauen so hoch, wie er jetzt seine Mütze in die Luft wirft. 



46 Andrae: Hausinschriften aus Nord- und Mitteldeutschland. 

62. Weimar, am Markt, der Hofapotheke gegenüber: 

DAS . HAVS . STEHT 
IN . GOTTES . HANDT 
ZVM . SCHWARTZEN 
BEREN IST . ES GENANT 
IH 
V D :\I I E 

Diese Schriftzeichen sind wie in nr. 41 aufzulösen: Verbum Domini . . das Wort 
des Herrn bleibt in Ewigkeit. IH sind wohl Anfangsbuchstaben von Namen; mit 
ausgelassenem, hinzugedachtem S ergäbe sich Jesus Hominum Salvator. Da- 
zwischen im Bilde der Bär. 

63. Eine derartige gereimte Hausnameninschrift fügt Luise Schulze-Brück in 
ihre Novelle 'Die heiligen drei Könige' (Kölnische Zeitung vom 2. Januar 1911) 
aus Hettstädt ein: 

Dies Baus, es ftebt in (Sottcs Ranb, 
,,§u ben heiligen ^ret Königen" ift es genannt, 
(Sott fdjügc CS Dor ^'euer nnb Sranb. 
2lnno ib^i. 

Mit Stern und drei Köpfen. Ähnlich aus dem Elsass 1 GOo in der Frankfurter 
Zeitung 1907, 23. März. Andere Hausnamen siehe in meinen „Bausinschriften aus 
Holland", Emden und Borkum 1902 und „H. aus Priesland" (Globus 72, Nr. 24). 

64. Eger (Böhmen; einreihig): 

^'O-y, ^ C-VRE.Vv xc^ HVI75 ^ ^^^ 

^^NS VIBÖ^ ^4BE, ^^^ ^>ÜAM H^^^ 

Altes Patrizierhaus; angeblich Stammhaus des jetzt ausgestorbenen Geschlechtes 
Adler von Adlerfels (feld), deshalb oben ein Adler mit Ring im Schnabel. Niedriger 
thront die Jungfrau mit dem Jesuskinde. Elf von den Buchstaben der Inschrift 
sind vergoldet, und zwar nur sog. Zahlenbuchstaben, die deshalb auch sofort an 
ein Chronogramm denken lassen. Ich stelle nun so zusammen: VIC = GOO, L = 50, 
DI = 501, VI = 6, VCV = 505 ergibt die Jahreszahl 1662, die sehr gut für das 
Haus passt, das keinen älteren Eindruck macht. Bringt man allerdings das nicht 
vergoldete und deshalb auch wohl auszuscheidende M von Curam (= 1000) mit in 
Rechnung und zählt einfach zusammen, so ergibt sich 1773. Die mächtige, vom 
Verderben freie Jungfrau nehme dieses Haus in ihren Schutz, lautet die Inschrift 
und erinnert somit inhaltlich an die lateinische aus Witzenhausen (nr. o8). Be- 
achtenswert ist noch der altertümliche Hof mit Holzgalerie. 

65. FAX INTRANTIB9 

SALVS EXEVNTIBVS. 

Üaüßent Secf^sl^ünbert .^el^enbtn 3ar 
(San^ Dadi vnb (Smefir eingriffen mar 
Don neu)cn mihx Erbauet ebn 
(Sott gnai) rnb fegn roeitr molle gbn 



Gebhardt-Oechsler: Die Windsheimer Ilamlschrift. 47 

an einer anderen Stelle die Jahreszahl 1684; dann Wappen mit Adler, Einhorn, 
Pelikan, Anker u. a. m. Alte Schlossmühle an der Eger, der aus Schillers 
'Wallenstein' bekannten Kaiserburg gegenüber, zu der sie auch gehört hat. 




Abb. 2. 

Zum Schluss bringen wir noch die Abbildung eines Kamins (Abb. 2) mit 
Inschrift, der sich in der Küche des Klasingschen Hauses in Lemgo (^Lippe) be- 
findet. Zwei Seitenstücke dazu, Kamin aus Biesterfeld (Ostfriesland) und aus 
Seedeich (Oldenburg) siehe Globus 89, 186. 

Göt tingen . 



Die Windsheimer Handschrift des Liedes 'Von Sankt 

Martins Freuden. 

Von August Gebhardt und Elias Oechsler. 



Das Trinklied 'Von Sand Marteins Freuden' oder 'Von Saut 
Marteins Geselleschaft', das allgemein dem sogen. 31önch von Salz- 
burg zugeschrieben wird, war bisher nur aus der Lambach-Wiener Hand- 
schrift der Hofbibliothek Nr. 4696, 4fco aus der ersten Hälfte des 15. Jahr- 
hunderts und der gleich alten, gerade an dieser Stelle sehr stark ver- 
witterten Tegernsee- Münchener Hs. Cgm. 715, 4^0 bekannt, in welch 
letztere noch ein in Freising erworbenes nur Str. 1 und Tenor enthaltendes 
Bruchstück eingeklebt ist, endlich in alemannischer, teilweise recht ver- 
derbter Fassung des 15. Jahrhunderts aus dem Berliner Mscr. germ. 
fol. 1035. 



48 Gebhardt-Oechsler: 

Gedruckt ist der Text nach der Lambacher Handschrift von Haupt 
und Hoffmann in den Altdeutschen Blättern 2, 314 (Leipzig 1840), so- 
dann von F. Arn. Mayer und Heinr. Rietsch in den Acta Germanica 

4, 511 (Berlin 189ß) und zuletzt hiernach bei Wilhelm Jürgensen, 
Martinslieder, Breslau 1910, als Nr. 104, wo auch die Anmerkung zu 
Nr. 104 die nötigen Nachweise bringt. Den Berliner Text bringt Johannes 
Bolte, Alemannia 26, 74f.i). 

Der Abdruck, den K[arl] S[imrock] auf S. 1 — 5 des Büchleins 'Mar- 
tinslieder hin und wieder In Deutschland gesungen Von Alten und von 
Jungen ... in Druck gegeben säuberlich durch Anseriuum Gänserich, 
Bonn [1846]' mit der sehr richtigen Bemerkung 'Hier und da unverständ- 
lich' geliefert hat, beruht jedenfalls auf demjenigen in den altdeutschen 
Blättern; kann aber, weil ohne Quellenangabe und Anmerkungen, nicht 
als Grundlage wissenschaftlicher Untersuchungen gebraucht werden. 

Die Melodie zum ganzen Liede ist nach der Lambacher Hs. in den 
Altdeutschen Blättern 2 auf einem vor Seite 311 eingefügten Blatte abge- 
druckt, aber leider in moderne Noten umgesetzt, während sie in den alten 
Zeichen, aber mit einer kleinen Korrektur und in Beschränkung auf die 
Tenorstrophe bei Franz M. Böhme, Altdeutsches Liederbuch (Leipzig 1877) 

5. 322 als Nr. 349 gedruckt ist"). 

Nun sind aber unlängst in der Stadtbibliothek zu Windsheim von 
den beiden Deckeln einer Papierhandschrift aus dem 1525 aufgehobenen 
Augustiner kloster daselbst, enthaltend Sermones sacri de tempore 
hiemali, die zwei Hälften eines Doppelblattes losgelöst worden, die 
ebenfalls dieses Lied, aber ohne Überschrift, enthalten. Die Bruchstücke 
sind uns von dem Entdecker, Herrn stud. bist, et germ. Friedrich Horn- 
schnch freundlichst zur Veröffentlichung überlassen worden. 

Da sowohl der Wortlaut des Textes als auch die Melodie von der 
Überlieferung in der Lambacher und der Münchener Handschrift etwas 
abweicht, der Text übrigens an einigen Stellen besser zur Melodie passt, 
so lassen wir zunächst den buchstaben- und zeichengetreuen Abdruck des 
Textes, jedoch mit Auflösung der Abkürzungen, und der Melodie nach 
der Windsheimer Hs. folgen und fügen einige Anmerkungen zu beiden 
hinzu. Vorauszuschicken sind folgende Angaben. 

Die Handschrift ist im allgemeinen wohl erhalten und gut lesbar. 
Nur von dem durch die übrigen Hss. völlig gesicherten Worte un- 
verczeit 1, 1 sind einige Buchstaben und Buchstabenteile, sowie die 



darüber stehenden Noten ^ cd — ^ durch eine von einem Be- 

schlägnagel verursachte Lücke zu Verlust gegangen. Ein paar Noten sind 



1) Nicht 27, 74ff., wie bei Jürgensen Anna, zu Nr. 104 verdruckt ist. 

2) Die bibliographischen Nachweise hat uns zum grossen Teile Herr Professor 
Johannes Bolte geliefert, dem dafür der wärmste Dank ausgesi^rochen sei. 



Die Windsheimer Handschrift. 49 

— wahrscheinlicli gelegentlich der Lostrennung der Blätter vom Deckel 
mittels warmen Wassers — etwas verblasst, aber noch recht gut zu er- 
kennen. Das Wort, das an der Stelle des vast der übrigen Hss. in 
Strophe 3, 7 steht, ist durch Fliessen des grossen Anfangsbuchstaben un- 
kenntlich geworden. Ich lese es für Soent. Aber was heisst das^)? 

Strophe 4, 1 zeigt der Text eine starktonige Silbe zu wenig. Es ist 
ganz sicher das Wort naht der übrigen Hss. versehentlich ausgeblieben, 
und wir haben es daher, wenn auch in eckigen Klammern, in den unten 
folgenden Textabdruck eingesetzt. 

Das Bruchstück besteht jetzt aus zwei nicht oder nicht mehr zu- 
sammenhängenden Blättern aus Papier in mittlerem Folio, von denen eines 
als Wasserzeichen eine heraldische Lilie trägt, ganz ähnlich derjenigen, 
die Charles Moise Briquet"j aus Würzburger und Nürnberger Urkunden 
nachweist, und ist von einer Hand des 15./16. Jahrhunderts beschrieben. 
Der nicht von unserem Martinslied eingenommene Raum auf Blatt I sowie 
beide Rückseiten enthalten — anscheinend vou der gleichen Hand — 
lateinisch-kirchliche Texte in Kurrentschrift mit Melodien, beides durch 
starke Abkürzungen und viele Ligaturen schier unleserlich. An ein paar 
Stellen der Ränder finden sich kaum lesbare Einträge; wie es scheint, 
rechnerische Notizen. 

Der Text des Martinsliedes ist auf den beiden Blättern so verteilt, 
dass auf Blatt I unten die in der Wiener und den Münchener Handschriften 
als 'Der Tenor' bezeichnete und zwischen die erste und zweite der vier 
gleich gebauten Strophen eingeschobene ungleiche Strophe Seyt wille- 



kumen steht bis zu den Worten g — ^^g , während der Schluss, 

trüncklein ein daz 



1^. 



-ci~—s— 



von den Worten : ^ — an, auf Blatt H, ebenfalls unten, folgt. 



vns 



Auf Blatt H oben steht zunächst Strophe 1 mit darüber gesetzter Melodie^ 
dann folgen die übrigen drei Strophen wie Prosa, nicht abgesetzt; nur 
dass vor Str. 3 und 4 jedesmal das Zeichen ^ steht. 

Sollte aus dem Umstände, dass die Tenorstrophe in der Windsheimer 
Handschrift ganz für sich, in der Berliner am Ende, in den übrigen aber 
zwischen Str. 1 und 2 steht, nicht der Schluss zu ziehen sein, dass sie 
den Refrain bildete, der nach jeder der vier unter sich gleichen Strophen 
gesungen wurde? 

Der Text und die Melodie der Windsheimer Handschrift lauton wie 
folfft: 



1) Sollte es etwa aus zu end entstellt sein und bedeuten 'endlich', 'also'? 

2) Briquet, Les Filigranes, Paris und Leipzig 1907, 2, Nr. (i836. 6837. 



Zeitscbr. d. Vereins f. Volkskunde. 1914. Heft 1. 



50 Gebhardt-Oechsler : 



Windsheimer Handschrift. 

^ j KII3 „ 



1. Wol-auf lie - ben ge - sei - len vn-ver-czeit seit ge-meyt in der frew-den 



m 






zÜ—cr- 



cleit, last sor - gen vnd auch leyt vns hat frew - den pracht Mar-tein der mil- 



-e ig e- 



;==zi^^^^^5=^^£=---=?=^ 



=0— B-0— "i-^ 



de man ge - seyt — "wir vnd vnß genossen die grossen 

die cley - nen ge - may - nen sül - len sein be - rayt die - weil vns die 

4 -I 4 



_a — a- 



-g — ^ — ^ — s- 



fla - sehen die kan - dein auz den vassen gu - ten wein her treyt geuz 



aus schenck ein. Seyt wil - le - ku - men her Mer - teyn liber 



._- — fi) — © 2j -j — ( 1 



^ Q g ^ g <^ & O Q- 



zarter trawter herre mein schenck ein vns den wein sunder pein 



daz wir ymmer selick müssen sein schenck vns ein guts trüncklein 



2 — -si — g n -^ — S — -- — S 



r— I H" 



ein, daz vns vn - ser wen - ge - lein wer - den veyn. Seyt wil - le- 
kumen her Mer - tein. 



1) Hier ist in der Handschrift eine Lücke: diese wurde, da die beiden ersten Vers- 
zeilen genau mit der Münchener Handschrift übereinstimmen, nach letzterer ergänzt. 

2) Diese Note ist in der Handschrift radiert, aber noch lesbar. 



Die Windsheimer Handschrift. 



51 



I. Wol auf lieben gesellen 

unverczeit^) 
seit gemeyt 
in der frewden cleit 
last sorgen vnd auch leyt 
Vns hat frewden pracht 
Martein der milde man geseyt 
wir vnd vnß genossen 
die grossen 
die cleynen 
gemaynen 
stillen sein berayt 
die weil vns die Haschen 
die kandeln auz den vassen 
guten wein her treyt 
geuz auz schenck ein 

II. Wir") suUen vns frewen seyt 

die schrift 

guter gift 

die vns allen trift 

mit großen bechern schifft 

keker truncke stift 

zu beyden packen sam der pfeyft 

auz weyten nassen krawsen 

das pawsen 

vnd nyphen 

vnd snyphen 

das vns die lebs entsliphen 

wie nü her epel 

her^) dyetel vnd her trepel 

vb ir nun zugrift 

geuz auz schenck ein 

III. Wer nü wolle sein sand 

Merteins gast 
sorgen laßt 
sey im als ein past 
er zyh unmaßen vast 



wenn er wöU gen rast 

er sweb als vor dem wind ein ast 

Soent so wöU wir trincken 

daz hincken 

die lungen 

die czungen k 

vnd vmb die wend gen tasten 

Nu raych her den becher 

vnd laz vns aber zechen 

ob du icht mer hast 

geuß auz schenck ein i: 

IV. Das sand Merteins [naht]*) noch 
werd volbracht 
heint zu naht 
so hab ich gedacht 
daz hie vns werd gemacht 
vnd auch hy her bracht i 

alles daz vnß hercze lacht 
nü schib wir ein die gense 
die üense 
die kesten 

die besten n 

vnd den küien wein 
trag her bey vieren 
die küten und die piren 
ob sie gepraten sein, 
geuß auz schenck ein. i; 

[Tenor ] Seyt willekumen her mertein 
über zarter trawter herre mein 
schenck ein 
vns^) den wein 

sunder pein s 

daz wir ymmer selick müßen sein 
schenck vns ein guts truncklein ein 
daz vns vnser wengelein 
werden veyn 
Seyt willekumen her mertein. i' 



Anmerkungen. 

A. Zur Melodie. 

Die Melodie zu dem Liede 'Von sand Marteins frewden' darf als eine ur- 
sprüngliche, als eine Originalmelodie bezeichnet werden. Eigentliche Anklänge an 
alte weltliche oder kirchliche Weisen sind — von einzelnen motivischen Ge- 
staltungen abgesehen — soweit mir die einschUigige Literatur bekannt, nicht zu 



1; Das letzte Wort teilweise ausgerissen. — 2) Nach Wir noch ein zweites wir 
über der Zeile eingetragen. — 3) Das erste li aus v korrigiert. — A' Naht fehlt. — 
5 s aus d korrigiert. 

4* 



52 Gebhardt-Oechsler: 

finden. Die Melodie verdient Beachtung; sie erhebt sich an vielen Stellen zu 
geradezu wirkungsvollen Steigerungen, insbesondere in ihrem zweiten Teil bei der 
Textstelle: 'seyt willekumen', und diese musikalische Steigerung ist auch vor- 
waltend bis zum Schlüsse der Melodie, der, wenngleich die Windsheimer Hand- 
schrift die Textworte: 'Seyt willekumen' wiederholt, wohl bei der Textstelle 
'Wangelein werden veyn' angenommen werden darf. (Vgl. in dieser Beziehung 
die anderen Handschriften.) Da es mir möglich war, Einblick in die der 
Münchener und der Wiener Bibliothek gehörigen Handschriften des gleichen Liedes 
zu nehmen und die drei Handschriften zu vergleichen, vermag ich zu konstatieren, 
dass diese in der alten Fassung der Melodie im ganzen übereinstimmen, wenn- 
gleich sich an einzelnen Stellen teils kleinere, teils auch erheblichere Ab- 
weichungen zeigen. Über die dem alten Liede zugrunde liegende Tonart be- 
merke ich: die Melodie steht in der Hauptsache in der phrygischen Tonart. Es 
mag auf den ersten Blick befremdend wirken, dass der Erfinder der Melodie bei 
Vertonung des Textes zum phrygischen Modus griff, da doch jedem Kenner des 
alten Tonartensystems bekannt ist, dass diese Tonart wegen ihres tiefsinnigen, 
geheimnisvollen und düsteren Wesens sich zunächst zum Ausdruck der Klage 
eignet und in diesem Sinne in der alten Zeit auch Verwendung fand. Allein es 
sind bei unserer Melodie auch die tonartlichen Wendungen, die Beziehungen zu 
anderen, meist heiteren Charakter tragenden Tonarten des alten Systems, also die 
Modulationen in frischere Tonarten in Betracht zu ziehen. Und in dieser Be- 
ziehung sind Modulationsrichtungen nach Tonarten, die freudigen Charakter tragen 
(jonisch, selbst lydisch), deutlich erkennbar. Auch das Gebiet des dorischen 
Modus wird berührt; dieser alte Modus trägt aber keineswegs düsteren Moll- 
charakter, sondern ist „ein durch vorwaltendes Dur verklärtes Moll von grosser 
Kraft." In der richtigen Verkettung der Tonarten liegt hiernach die Möglichkeit, 
der phrygischen Tonart ein freundlicheres Gepräge aufzudrücken, und so konnte 
sie sich sogar auch zum feierlichen Lobgesang, zum Te Deum laudamus, erheben. 

ß. Zum Texte. 

Das Schema des Strophenbaues und der Reimstellung ist also für die vier 
gleichen Strophen, wenn wir die Zahl der Hebungen, mit folgendem ^ klingenden, 
ausserdem stumpfen Reim, mit a, b, c, d den Reim selbst, mit K ein sog. Korn, 
d. h. einen durch die einzelnen Strophen gehenden Reim und durch vorgesetztes A 
einen notwendigen Auftakt in klingenden Zeilen bezeichnen: 



5 a 


4 a 


3(w) 


2 a 


3 ^ b 


2 - d 


3 a 


A 1 - b 


3 w d 


8 a 


A 1 ^ c 


3 a 


3 a 


A 1 - c 


2 K 



Bei Zeile 11 findet sich keine volle Übereinstimmung: in Str. 1 hat sie den 
Reim a, in 3 ebenfalls a, aber durch unbetontes -en zum klingenden Reim 
verändert, wenn nicht statt tasten die Inftnitivform der Würzburgnr Mundart tast 
einzusetzen ist^); in Str. 2 bringt sie den vorhergehenden Reim c nochmals, und 
in der vierten reimt sie, gleich der Zeile 14 (diese anstatt des Reimes a) auf den 
Kehrreim. 



1) Vgl. ZfdMda. 5, 14Gf. (1910). 



Die Windsheimer Handschrift. 53 

Für die Tenorstrophe — den Refrain — ist das Scheraa: 

4a 
5 a 
la 
la 
la 

4 a oder wie die früheren Herausgeber lasen: 4a 
4a 2a 

4a 3a 

1 a 4a 

4a la 

4a 

Abgesehen von der elften Zeile der gleichen Strophen, bei der keine durch- 
gehende Gleichförmigkeit beabsichtigt zu sein scheint, lassen sich Abweichungen 
der Windsheimer Hs. von den übrigen leicht bessern. 

Str. 1, 5 wäre vielleicht — trotz der Übereinstimmung aller Hss. — reiner 
Reim herzustellen durch Änderung von bracht in berait, d. i. bereitet. 

Str. 2, 9 — 12 scheint mir die Windsheimer Hs. die richtige Lesart zu haben. 
Einmal kann ich mir unter nymphen, entsliraphen sowie hier unter 
schimphen sprachlich nichts vorstellen, während mir nyphen und snyphen 
sog. überverschobene Formen zu sein scheinen, das erstere zu nippen, das andere 
mit Ablaut zu schnappen, und entsliphen ist selbstverständlich nichts anderes 
als ungenaue Schreibung für entslüpfen. Ferner aber fügt sich Z. 12 mit dem 
konsekutiven daz besser an das Vorhergehende an als mit dem und der Lam- 
bacher Hs., während Z. 10 das Umgekehrte der Fall ist. Die drei Wörter pawsen 
'bauschen', d. i. Aufblähen (des Mundes oder des Leibes?), nyphen und snyphen 
sind wohl substantivische Infinitive, abhängig von schift, d. i. schiftet 'austeilt'. 
Endlich fügt sich auch die alte starke Pluralform lebs, mhd. lefse 'Lippen' 
besser ins Versmass als die von Lamb. eingeführte zweisilbige schwache. 

Str. 3, 11 scheint mir gleichfalls die Windsheimer Lesart mit ihrem gen 
statt gent besser: der Infinitiv ist noch abhängig von dem vorhergehenden so 
well wir. 

Ebenso gefältt mir 4, 6 die Lesart der Windsheimer Hs. sowohl des Sinnes 
wie auch des Metrums wegen besser — nur ist der für den veraltenden Genitiv 
des eingesetzte Akk. daz sicher eine Neuerung des Schreibers. 

Str. 4, 11 ist vielleicht die richtige Lesung herzustellen durch Aufnahme des 
Artikels den aus Windsh. und der Konjunktion auch aus Lamb. 

und auch den külen wein 

ist entschieden der elften Zeile der übrigen Strophen metrisch am ähnlichsten. 

Dagegen scheint mir 2, 6 Windsh. abgeändert zu haben: es hat hier die 
fränkische Überlieferung das mitteldeutsch ausschliesslich übliche Wort backen 
für das ihr ungewöhnliche oberdeutsche wangen eingesetzt, wogegen mir freilich 
umgekehrt das sam in Windsh. ursprünglicher vorkommt als das als in Lamb. 

Str. 4, 7/8 sind mir so, wie sämtliche Hss. überliefern, unverständlich, und 
es ist vielleicht, wenn auch gegen alle Handschriften, mit Simrock flense und 
gense umzustellen. Das ein die flense der Windsheimer Hs. dürfte dann 
wohl ein früher Beleg für die heute in und um Würzburg, Rothenburg o. Taub. usw. 
übliche Ausdrucksweise sein nei n Mund '(hinein) in den Mund', 



^^ Gebhardt-Oechsler: Die Windsheimer Handschrift. 

Denn so viel ist sicher: unsere Niederschrift ist fränkisch. Dafür zeugen 
ausser dem Fundort und dem Wasserzeichen (vgl. oben S. 49) sprachlich das 
Nebeneinander von ie und i für mhd. ie, z. B. Tenor i über gegen lieben 1, i, 
schib wir 4, r, zyh 3, 4, hy 4, 5 neben hie 4, 4 und die "Wiedergabe von mhd. 
uo durch einfaches u, von üe durch einfaches ü, z.B. guten 1, i4, guter 2, a, 
o-uts Tenor ?; külen 4, n, müßen Tenor e, sowie das ö in wolle, wöll 



7. 



Auch dasvnßgenossenl,7 scheint mir die fränkische Gestalt des Possessivums 
zu enthalten^). 

Sprachlich wäre noch zu bemerken, was die früheren Herausgeber übersehen 
zu haben scheinen, dass 2, 6 der Dichter wohl noch sprach pfift, was der Reim 
erfordert und wie es die alemannische Mundart der Berliner Hs. auch bietet -;. 
A.US mhd. phifet war zunächst durch oberdeutsche Synkope pfift geworden, und 
vor der Konsonantenverbindung ft war i zu i verkürzt, also nicht diphthongiert 
worden. Erst die spätere Überlieferung hat dann das analogische ei eingeführt. 

Sollte etwa die Rasur der letzten Note über dem Worte willekumen — vgl. 
oben S. 50 — anzeigen, dass der Schreiber der Windsheimer Hs. die Lautgruppe 
kumen noch nach mhd. Weise mit 'Verschleifung' als eine Silbe empfand? 

Was noch bezüglich der Textgestalt das Verhältnis der Windsheimer zu den 
übrigen Handschriften anlangt, so scheint mir der Windsheimer Text am nächsten 
zu stehen dem Bruchstück des 14. Jahrhunderts, das aus dem Besitze des Frei- 
singer Antiquars Motzler stammte und in Cgm. 715 eingeklebt ist. Auch dieses 
liest 1, T vnß genossen. Der vermeintliche schwache Akkus, vns allen der 
Windsh. Hs. 2, s geht vielleicht auf eine Vorlage zurück, die gleich dem Frei- 
singer Bruchstück las: vns al an trift. Endlich teilt Windsh. mit Preis, die 
Lesart Tenors: schenck vns ein guts trüncklein ein, wo die früheren 
Herausgeber nach der Lambacher und, soweit der gerade hier arg beschädigte 
Zustand erkennen lässt, auch der Tegernseer Handschrift lesen: schenckh vns 
ein / ein guetes trunckchelein. 

Dagegen liest allerdings das Freisinger Bruchstück in Tenor e mit der 
Tegernsee -Münchener Handschrift ir .... müesset, während die Lambach- 
Wiener Ir . . . müesset aus wir . . . müessen korrigiert hat. 

Fassen wir das Ergebnis dieser textlich -sprachlichen Anmerkungen 
zusammen, so scheint mir der Windsheimer Text trotz seines geringsten 
Alters dennoch an allen Stellen, mit einziger Ausnahme von Strophe 2 
Zeile 6, den Vorzug vor den anderen Fassungen zu verdienen. 

Erlangen. 



1) Paul, Mhd. Gramm., § 151 Anm. 

2) Sonst konnte Boltes Textabdruck nach dieser Handschrift mit ihrer meist sehr 
sorglos entstellten Textgestaltung nichts erbringen. 



Carstens: Volksglauben und Volksmeinungen aus Schleswig-Holstein. 55 



Volksglauben und Volksmeinungen aus Schleswig- 
Holstein. 

Von Heinrich Carstens f. 

(Vgl. oben 20, 382. 23, 277.^ 



8. Haus und Herd. 

1. AVer im Alter anfängt, ein Haus zu bauen, niuss bald sterben (Gegend 
von Husum). — 2. Von einem Bauplatz muss man zuerst die Fruchterde ent- 
fernen, bevor man ein Haus darauf baut (Nindorf b. Hohenwestedt). — 3. In die 
neue Wohnung wird zuerst Salz und Brot getragen (allgemein). — 4. Kommt ein 
Kind zum ersten Male in ein Haus, so muss man ihm ein Geschenk, etwa ein 
Stück Brot oder Backwerk geben (Peddring in Dithm.). — 5. Bei jedem Besuch in 
einem Hause muss man sich nach erhaltener Aufforderung setzen; sonst nimmt 
man den Kindern des Hauses die Ruhe fort (Süderstapel in Stapel hol m). In 
Dithmarschen heisst es: Setzt man sich nach erhaltener Aufforderung nicht, so 
nimmt man dem Hause die Ruhe fort. — 6. Wird zu Möbeln 'windbraken' Holz, 
d. i. Holz vom Winde abgebrochen, verarbeitet, so knacken diese (Drage in 
Stapelholm). — 7. Wenn die Uhr schlägt, darf man den Mund nicht verziehen, 
da der dann so stehen bleibt (Dahrenwurth bei Lunden). — 8. Ein Funke am 
Licht bedeutet für die nächste Zeit einen Brief (Dithm.). — 9. Hat das Licht 
einen hellen Kopf, so kommt Besuch (Norderdithra.). — 10. Wenn die Lampe 
flackert, gibt es einen Brief (Kellinghusen a. d. Stör). — 11. Wenn bei einem 
Zündholz zwei Mann die Pfeife anzünden können, so leben sie noch ein Jahr zu- 
sammen (Dithm.). — 12. Die Pfeife darf man nicht bei einem Licht anzünden 
(Dithm.). — lo. Wenn ein Messer niederfällt und senkrecht im Fussboden stecken 
bleibt, so gibt es Besuch (Kuden bei Burg). — 14. Fallen beim Öffnen der Ofentür 
Kohlen aus dem Ofen und rauchen, so kommt Herrenbesuch (Angeln). — lö. Eine 
Bettstelle muss mit dem Fussende nach der Tür hin stehen (Lübeck). — 16. Stets 
muss man sich rücklings ins Bett legen (Angeln). — 17. Fasst man einen 
Schlafenden, der im Schlafe spricht, an die grosse Zehe, so gibt er auf jede an 
ihn gerichtete Frage Antwort (Schwienhusen bei Delve). — 18. Wenn das Schüssel- 
wasser (Wasser zum Schüssel-aufwaschen) kocht, ist eine heimliche Braut im 
Hause (Dithmarschen). 

9. Arbeit und Mahlzeit. 

1. Das angeschnittene Brotende darf nicht nach dem Fenster und nicht nach 
der Tür hinzeigen; dann geht die Nahrung (der Segen) fort (Osdorf bei Gettorf 
im Dänischenwohld). — 2. Der Knust darf nicht aufgegessen werden, bevor ein 
neues Brot wieder im Hause ist (Osdorf im Dänischenwohld). — 3. Der Knust 
darf nicht weggegeben werden (Feddring in Dithm.). — 4. En ölen Knust holt 
Hus (Schütze, Holsteinisches Idiotikon 2, 309). — 5. Den ersten Knust vom Brote 



5(5 Carstens: 

nennt man Tachknust, den letzten Brummknust (Drage in Stapelholm). — 6. Ein 
Brot darf man nicht auf den Rücken legen (Osdorf). — 7. Ist im Brote ein Loch, 
so hat der Bäcker seine 'Seele' da hinein gebacken (allgemein). — 8. Auf das 
Brot macht man ein Kreuz (Dithm.). — 9. Beim Ansäuern muss man drei Kreuze, 
mindestens doch ein Kreuz auf den Teig machen; sonst kommen die Hexen 
dabei (Dithm., Stapelholm). — 10. Ist das Brot an der Seite gerissen, so gibt es 
Arbeit (Sehestedt in Südschleswig). — 11. Ist das Weissbrot an der Seite aus- 
gelaufen, so werden Gäste kommen und mit davon essen (Schwienhusen bei Delve 
in Dithm.). — 12. Hat das Brot einen Mund, so werden Gäste mit davon essen 
(Feddring in Dithm.). — 13. Sobald das Brot in den Ofen geschoben, muss man 
den Tisch, worauf es gelegen, rasch rein waschen (Feddring), — 14. Ist das 
Brot in den Ofen geschoben, so muss man laut aufjauchzen, in die Hände 
klatschen und sprechen: 'Nu lach, Kathrin!' Dann gerät es (Dahrenwurth bei 
Lunden), — 15. Ist das Brot in den Ofen geschoben, so spreche man: 'Uns 
Härgott segn' dat Brot in'n Ab'nd' (Ofen). Oder: 

„Dat Brot is in'n Ab'nd, 
Uns Härgott is dar bab'n: 
ün all, de dar vun ät, 
Dat de eni nicht vergät." 

(Osdorf bei Gettorf im Dänischenwohld) — 16. Die Brotkrumen vom Tische darf 
man nicht an die Erde schütten (Lunden). — 17. "Wem die Zähne weitläufig 
stehen, muss sein Brot auch weitläufig (d. i. weit in der Fremde) suchen (Drage 
in Stapelholm). — 18. Kommt während des Butterns jemand dazu und sagt: 'Dat 
is en schön Vatt Melk' oder: 'Das is en schön Stück Botter', so muss man ihm 
gleich erwidern: 'W^enn din grot Muul ni weer, so weer et noch beeter'. Unter- 
lässt man dies, so läuft man Gefahr, dass die Butter überrufen wird. Man buttere 
dann, so lange man will, die Butter schäumt und stinkt, oder gibt weniger, als 
sonst (Schütze 1, 144). — 19. Kann man nicht buttern, so muss man 'raden'; 
hilft das nicht, so — verrichte man seine Notdurft ins Butterfass und werfe alles 
durcheinandergerührt in die Schweinedranktonne (Schütze 2, 144. 3, 269). — 
20. Die Butter darf man nicht übermässig loben (överropen); sie gedeiht nicht 
(Schütze 3, 306). — 21. Man stelle das Butterfass nicht unter einen Balken 
(Lunden). — 22. Auf der Stelle, wo das Butterfass stehen soll, mache man ein 
Kreuz (Drage in Stapelholm). — 23. Man lege unter das Butterfass, wenn man 
nicht abbuttern kann, einen Sargnagel (Feddringen in Dithm.). — 24. Ist das 
Butterfass behext, so fahre man mit einer glühenden Stange in dasselbe; dann 
brennt man die Hexe (Drage). — 25. Um die Butter vor dem Behexen zu schützen, 
binde man einen Zwirnsfaden, und zwar unter dem Eisenband, um die 'Karrn'. 
Die Hexen zählen jedesmal die Bänder, und wenn dann ein Band mehr um das 
Fass ist, so haben sie die Gewalt über dasselbe verloren (Lunden). — 

26. Das Dreschen des Korns am Sonnabend bringt Segen (Schütze 2, 241). — 

27. Am Weihnachtsabend muss gedroschen werden und dem Vieh, damit es fürs 
folgende Jahr gedeihe, von dem gedroschenen Stroh etwas gegeben w^erden 
(Schütze 2, 241). — 28. Beim Bierbrauen muss man ein Kreuz von Holz über 
den Gärkühel anbringen und auf jedes Ende etwas Salz legen, so kann keiner 
den Gest rauben und das Bier kann nicht verrufen werden (Schütze 2, 29). — 
29. Wenn gebraut werden soll, so stellen Brauer einen Querbaum in ihre Tür, 
damit niemand, der sich unrein weiss, ins Haus laufe und den Brau verderbe 
(Schütze 4, 43). — 30. Was an 'drögen Dagen', nämlich am Mittwoch, Freitag 



Volksglauben und Volksmeinungen aus Schleswig-Holstein. 57 

und Sonnabend gesät oder gepflanzt wird, gedeihet nicht (Schütze 2, 201). — 
31. Was an einem hochheiligen Tage, als am Stillfreitag, am 1. Ostertag usw. 
gesät oder gepflanzt wird, gedeiht nicht (Lehe bei Lunden). — 32. Was zwischen 
Weihnacht und heil, drei König gesponnen wird, missrät (Schütze 4, 171). — 

33. Gesponnen und gewaschen darf in den Zwölften nicht werden (Dithm.). — 

34. Was abends nach Uhr 12 gesponnen wird, gerät nicht (Wilster Marsch. 
Schütze 4, 171). — 35. Wenn eine Näherin sich beim Nähen eines Kleidungs- 
stücks in die Finger sticht, so dass das Blut danach fliesst, so wird diejenige, 
die das Kleid tragen wird, Glück darin haben (Lunden). — 36. Wenn ein Mädchen 
sich beim Nähen ihres Hemdes sticht, so dass Blut fliesst, so wird sie in dem 
Hemde geküsst werden (Schwienhusen bei Delve). — 37. Beim Einschlachten 
darf man keinen wunden Pinger haben; dann verdirbt das Fleisch (Süderstapel 
in Stapelholm). — 38. Beim Eieressen muss man ja die Schalen entzweischlagen, 
damit keine Hexen darin wohnen (Schütze 3, 194). — 39. Saftausdrücken darf 
nur eine gesunde Person; sonst kann der Saft nicht aufbewahrt werden (Süder- 
stapel in Stapelholm). — 40. Den Kehricht darf man nicht über die TürschvAclle 
hinwegfegen; sonst fegt man das Brot hinaus (Süderstapel; Stadt Schleswig). — 
41. Beim Ausfegen darf man niemanden anfegen, da man der Person dann das 
Glück wegfegt (Marne in Süderdithm.). — 42. Beim Lichtziehen muss gelogen 
werden (Schütze 3, 33; Heimat 12, 67). — 43. Wer beim Bettzeugrecken und 
Zusammenlegen desselben die Mitte nicht treffen kann, heiratet einen Witmann 
(Stadt Schleswig). — 44. Wenn es beim Zeugrecken und Zusammenlegen genau 
einläuft, d. h. die Enden genau zusammentreffen, so heiratet die betreffende Person 
einen Witwer (Stadt Schleswig). — 45. Dem Fischer darf man, wenn er auf den 
Fang ausfährt, kein Glück wünschen (Delve in Dithm.). — 46. Wer beim Essen 
des Federviehs den Brustknochen bekömmt, fasst das eine Ende an, während sein 
Tischnachbar das andere anfasst, und indem nun beide sich etwas wünschen, 
zieht ein jeder an seinem Ende; derjenige nun, der, wenn es auseinanderreisst, 
das grösste Ende erhält, dessen Wunsch geht in Erfüllung (Kellinghusen a. d. Stör). 

— 47. Liegt ein Messer auf dem Rücken, so gibt es Nahrungssorgen oder einen 
scharfen Tag (Osdorf bei Gettorf im Dänischenwohld). — 4<S. Liegt ein Messer 
auf dem Rücken, so gibt es Leibschmerzen (Schwienhusen bei Delve). — 
4'.t. Liegt ein Messer auf dem Rücken, so reiten die Hexen darauf. Daher auch 
die Redensart: 'Dat Meß is so stuv, dar kann en old Wief mit'n Bieten op riden 
na "n Blocksbarg'. Oder: 'Dar kann en Hex op na 'n Blocksbarg rieden' (Lunden). 

— 50. Liegt ein Brotmesser auf dem Rücken, so geht die Nahrung fort (Lunden). 

— 51. Liegt ein Messer auf dem Rücken, so schneidet es den lieben Herrgott, 
oder sticht ihm die Augen aus (Wesselburen). — 52. Liegt ein Messer auf dem 
Rücken, so gibt es Streit (Kellinghusen a. d. Stör). — 53. Eine Harke darf man 
nicht mit den Zinken nach oben tragen; sie sticht dann dem Herrgott die Augen 
aus (Drage in Stapelholm). — 54. Was ein Kind in der Schule auswendig gelernt 
hat, darf es nicht im Freien laut aufsagen, da es dann 'hartlehrig' wird (Dahren- 
wurth bei Lunden). — 55. Buttermilch trinken macht träge: Wenn de Karrnmelk 
kümmt, so nimmt de Lenz Lüde an (Schütze 3, 26). — 56. Wer im Dunkeln 
einen Dienst antritt, hält nicht lange aus (Dithm.). — 57. Ist man bei fremden 
Leuten und verschüttet schon den ersten Tag Salz, so gibt es Streit (Feddringen 
in Dithm., Angeln). — 58. Wer Salz verschüttet, muss soviel mal an der Himmelstür 
vorbeigehen und anklopfen, als er Salzkörner verschüttet hat, bevor er hinein- 
kommt (Dahrenwurth bei Lunden). — 59. Wer falsch gewogen oder gemessen 
hat, muss ewig stehen und wägen und messen (Dithm.). — 60. Mit dem ümrühr- 



^g Carstens: 

löffel darf man nicht auf den Grapenrand schlagen, da dann das Essen anbrennt 
(Süderstapel in Stapelholm). — 61. Mit einem Messer darf man kein Getränk um- 
rühren; dann bekömmt man Leibschmerzen (Feddringen). — 62. In einer Tee- 
gesellschaft muss man erst Zucker und dann Rahm nehmen; nicht umgekehrt 
(Lunden. Angeln). — 63. Wenn Teekraut auf der Tasse schwimmt, so kömmt 
Besuch. Ist das Kraut hart, so ist der Kommende kein guter; wenn weich, dann 
ist er gut. Oder: Ist der Teestengel hart, so ist der Kommende eine männliche 
Person; ist er weich, so eine weibliche (Dithm). — 64. Beim Flachsbrechen muss 
der letzte Flachs verbrennen (Feddringen). — 65. Der Leinsame muss aus einer 
Schürze gesät werden; und ist man mit dem Säen fertig, so muss man die Schürze 
hoch in die Luft werfen; dann wird der Flachs recht lang (Schwienhusen bei 
Delve). — 66. Kartoffeln müssen bei zunehmendem Mond gepCanzt werden; bei 
abnehmendem Mond gepflanzt, gedeihen sie nicht (Kellinghusen a. d. Stör). — 
67. Was am Osterabend gesät oder gepflanzt wird, gedeiht nicht (Lehe bei 
Lunden). — 6s. Das Erste und Letzte, was ein Mensch sät oder pflanzt, gedeiht 
am besten (Feddring in Dithm.). — 69. Kohlsamen muss man am Abend des 
25. März (lev Fruen, unse leven Fruen) nach Sonnenuntergang säen; der erfriert 
nämlich nicht (Dithm.). — 70. Sollen die Vögel die gelegten Erbsen nicht ver- 
zehren, so nehme man zwei in den Mund und lege die eine zuerst an das eine 
Ende und die andere zuletzt an das andere Ende des Beets (Lehe bei Lunden). — 

71. In der Galluswoche (16. Oktober) darf man keinen Roggen säen (Dithm.). — 

72. St. Vitus (15. Juni) darf man keine Gerste säen; denn: Vietsgast ist Schiet- 
gast I (St. Vitusgerste taugt nichts. — Feddringen). — TS. St. Urbans (25. Mai) 
darf man keinen Buchweizen säen (Dithm.). — 74. Herbstrüben müssen St. Mar- 
gareten (lo. Juli) gesät werden; denn: 

Wer Harströben will geneten, 
De mut se sain St. Magrethen 

(Feddringen). 

10. Zeiten. 

1. Am Neujahrstage darf man kein Geld ausgeben; sonst hat man das ganze 
Jahr hindurch nichts (Gegend von Breklum, Nordfriesland). — 2. Lichtmess muss 
man fertig sein mit dem Dreschen; dann heisst es: 

Dör tosnappt 

Un to Bett stappt. 

Licht wird dann nicht mehr angezündet; und weil man das Licht 'missen' muss, 
ist der Tag 'Lichtmess' genannt (Drage in Stapelholm). 

3. Lichtmeß is 't heten: 

schast dat Fuer utgeten, 
de Dör tosnappen 
un int Bett stappen 

(Klaus Groth, Gesammelte Werke 3, 119 in der Erzählung 'Witen Slachters'). — 
4. Zu Lichtmess legt man einen Büschel Heu auf den Düngerberg; weht dieser fort, 
so ist das ein gutes Zeichen; bleibt er liegen, so nehme man ihn wieder mit 
hinein, da man ihn noch gebrauchen muss (Drage in Stapelholm; Lehe bei Lunden). 
— 5. Lichtmess helle Luft bringt kein gutes Jahr (Feddringen). — 6. Weht es 
St. Blasius (3. Febr.), so gibt es im Jahr viel AVind (Drage). 



Volksglauben und Volksmeinungen aus Schleswig-Holstein. 59 

7. Wat 't Aschermittwoch deit, 

so de ganze Fastentid hendör steit 

(Drage). — 8. Fass'lab'nd kamt en bitten Steen in'e Eer (Dithra.). — 9. Fass'lab'nd 
fallt en bitten Steen in't Water (Hansen, Charakterbilder S. II). — 10. St. Peter 
sinkt en heeten Steen in't Water (Schütze, Holsteinisches Idiotikon 3, '207). — 
11. Friert es Matthiasnacht, so friert es noch 40 Nächte (Dithm.). — 12. Am 
Ostermorgen tanzt die Sonne; auch ist ein Lamm in der Sonne zu sehen (Dahren- 
wurth bei Lunden). — 13. Am Osterabend werfen die Mädchen Eierschalen vor 
die Tür; den Beruf des Mannes, der dann zuerst vorübergeht, wird der Zukünftige 
haben (Gegend von Husum). — 14. Woher am Ostermorgen der Wind weht, 
daher weht er sechs Wochen (Bergewöhrden bei Delve). — 15. Wenn es in der Nacht 
vom 11. auf den 12. Mai friert, so friert es noch 40 Nächte (Lunden). — 16. Regnet es 
am Siebenschläfertag (27. Juni), so regnet es sieben Wochen (Dithm.) — 17. Regnet 
es St. Margareten (13. Juli), so werden die Nüsse taub. Magreth pisst in'e Not 
(Schütze 3, 81). — 18. Wenns am Margaretentag regnet, so regnet es vier 
Wochen (Schütze 3, 81). — 19. Am 14. Juli ist Judas Ischariots Geburtstag. 
Wer an diesem Tage geboren ist, dem wirds nicht gut gehen (Kleinsee bei 
Bergenhusen in Stapelholm). — 20. Nach Jakobi (25. Juli) muss man nach Osten 
sehen, ob dort eine Bank (Wolke) sitzt; ist das der Fall, so wird es am andern 
Tage regnen (Feddringen). — 21. Regnet es 'Peter Kett' (I.August), so regnet es 
vier Wochen (Dithm). — 22. Egidi (l.Septbr.) geht der Hirsch 'op'n Brunn', d.h. 
in die Brunst; regnet es dann, so regnet es vier Wochen (Dithm.). — 23. Weisse 
Weihnachten, grüne Ostern; grüne Weihnachten, weisse Ostern (allgemein). — 
24. Alle söben Jahr en Flöhjahr, alle söben Jahr en Rupenjahr, alle söben en 
Käver- (Seve-)Jahr (Schütze 2, 182). 

11. Wetter. 

1. Wenn der Kuckuck lacht, so wird es regnen (Dahrenwurth bei Lunden). — 

2. Wenn die Fische im Wasser stark plätschern, so wird es regnen (Dithm.). — 

3. Liegt eine Harke auf dem Rücken, so wird es regnen (Dahrenwurth). — 

4. Wenn die Enten im Wasser viel Lärm machen und rufen: 'Natt, natt', so wird 
es regnen (Drage in Stapelholm). — ö. Ist das Feld mit Spinngeweben bedeckt, 
so wehen oder regnen sie binnen drei Tagen ab (Drage). — 6. Wenn der Wind 
auch nachts weht und nicht zu Bett geht, so wird es regnen (Drage). — 7. Wenn 
es beim Sonnenschein regnet, so hat der Teufel seine Grossmutter auf der Bleiche, 
oder es kommt ein Schneider in den Himmel (allgemein). — 8. Abendrot makt't 
Well'r got; Morgenrot bringt Wat'r in'n Sod (Brunnen) (Dithm.). — 9. Abendrot, 
Morgen god, Morgenrot bringt Water in'n Sod (Schütze, Holsteinisches Idiotikon 
4, 159). — 10. Wenn der Fussboden, die Steine, das Salz nass sind, so gibt es 
Regen (allgemein). — 11. Wenn die Hunde stinken, wirds regnen (allgemein).— 
12. Frisst der Hund Gras, so wird es regnen. — 13. Wenn die Kinder beim 
Spiel laut schreien, so wirds bald regnen (Dithm.). — 14. Ostwind mit Smut un 
Reg'n, steit he dre Dag, steit ok näg'n (neun). — 15. Wenn es- Freitags anfängt 
zu regnen, so regnet es die ganze Woche (Drage). — 16. Wenn es unter der 
Predigt regnet, so regnet es die ganze Woche (Lunden). — 17. Wenn die Schweine 
mit Stroh schleppen, so wird es regnen (Dithm.). — 18. Entstehen beim Regen 
Blasen auf dem Wasser, so gibt es noch viel Regen (Friedrichstadt a. d. Eider). — 
19. Wenn es zwischen 10 und 11 Uhr vormittags regnet, so regnet es den ganzen 
Tag (Dithm.). — 20. Wenn das Schweinefutter gärt, so wird es regnen (Kelling- 



60 Carstens : 

husen a. d. Stör). — 21. Auf 'Rugriep' (Rauhreif) folgt Regen in wenig Tagen 
(Drage). — 22. Wenn mehrere Frauen beisammenstehen (in der Nähe einer Haus- 
ecke?), so wird es sicher regnen (Sehestedt im südl. Schleswig). — 23. Liegt der 
Mond auf dem Rücken, so fährt er zu Boot; liegt er schräge und zeigt mit der 
Spitze nach vorne über, so giesst er Wasser aus; steht er steil, so ist er auf dem 
Trocknen (Drage). — 24. Ein Donnerstagsmonat, d. i. ein Monat, der mit einem 
Donnerstage beginnt, ist vorbedeutend für das Wetter des betreffenden Monats 
(Kellinghusen). — 25, Wenn ein Butterbrot mit der Butterseite nach unten fällt, 
so wird es regnen (Dithm.). — 26. Krait de Hahn to Stohl, so regnt dat morrn 
en grot'n Pool. (Kräht der Hahn auf der Stiege, so wird es am andern Tage 
tüchtig regnen) (Delve in Dithm.). — 27. Wenn der Hahn abends kräht, so gibt 
es Regen (Kellinghusen). — 28. Wenn der Hahn abends oder nachts auf dem 
Reck (Stiege) kräht, so ändert sich das Wetter (Dithm.). — 29. Wenn die Schwalben 
tief fliegen, so gibt es Regen; wenn sie hoch fliegen, so wird es schönes Wetter 
(Dithm.). — 30. Wenn die Schnecken umherkriechen und Erde auf dem Schwanz 
haben, so wird es regnen (allgemein). — 31. Wenn Sonntags während der Predigt 
die Sonne auf die Kanzel scheint, so wird es die ganze Woche gutes Wetter 
(östl. Holstein). — 32. Wenn es Freitags gutes Wetter ist, so ist es auch Sonn- 
tags gutes Wetter, und umgekehrt (Dithm.). — 33. Ist mittags alles rein auf- 
gegessen, so wird es den andern Tag gutes Wetter (allgemein). — 34. Ostwind 
deutet auf eine trockne Zeit. Ostwind mag man gern haben bei der Bohnenernte 
im Herbste, weshalb man einen anhaltenden Ostwind auch 'Ostubohnärn' (Osten- 
bohnenernte) nennt (Dithm.). — 35. Wie das Wetter am dritten Tage nach dem 
Neumond ist, so bleibt es bis zum nächsten Neumond (Dithm.). — 36. Wenn es 
friert, so friert es immer Donnerstags am stärksten (Drage in Stapelholm). — 

37. Ist der Brustknochen einer gebratenen oder gekochten Gans weiss oder dunkel, 
so gibt es entweder einen heftigen oder einen gelinden Winter (Schütze 2, 51). — 

38. Wenn der Flieder (Holländer) stark blüht, gibts einen strengen Winter 
(Dithm.). — 39. Wenn eine Schlange einen quackenden Ton hören lässt, so gibt 
es eine trockne Zeit (Dithm.). — 40. Wohin eine Windhose (plattd. Küsel) geht, 
daher kommt nach drei Tagen der Wind (Drage). — 41. Streifen in der Luft 
verkünden Wind; man nennt sie daher Windstreifen (allgemein). — 42. Wenn 
die Hühner stark schreien, gibt es Wind (Dithm.). — 43. Wenn die Katze niest, 
so wird es schneien (Stapelholm). — 44. Wenn die Katze prustet, so wird es 
morgen gutes Wetter (Schütze 2, 236. 3, 237). — 45. Wenn das erste Gewitter 
im Frühjahr über kahle Bäume geht, so gibt es im Sommer viele Gewitter (Sehe- 
stedt im südl. Schleswig). — 46. 'Lait' (= wetterleuchtet) es zur Zeit, wo der 
Buchweizen blüht, so wird dieser taub (Stapel holm). — 47. Wo ein Donnerstein 
(versteinerter Seeigel) im Hause ist, schlägt der Blitz nicht ein. Vielfach hat man 
solche auf Blumentöpfen liegen (Stapelholm). — 48. Beim Gewitter legt man einen 
Donnerstein auf den Tisch (Dithm.). — 49. Bei einem Gewitter muss man fromme 
Lieder singen, und bei einem heftigen Donnerschlag muss man sprechen: 'Help 
Gott Jesus Christus!' (Schütze 2, 58). — 50. Ein Himmelsbrief im Hause schützt 
das Haus gegen Blitzschlag (Lunden). — 51. Man nimmt sechs Zwiebeln, schneidet 
diese in der Mitte durch, höhlt sie aus und füllt in die Höhlungen Salz. Diese 
Zwiebelstücke stellt man nun in den Zwölften nach der Reihe der Monate an 
einen trocknen Ort. Die Zwiebelstücke, in denen das Salz trocken bleibt, geben 
die trocknen Monate des Jahres an, während diejenigen, in denen das Salz zur 
Soole geworden ist, die feuchten Monate des Jahres erkennen lassen (Kleve in 
Norderdithmarschen). — 52. In den Zwölften wird der Kalender gemacht 



Volksglauben und Volksmeinungen aus Schleswig-Holstein. 61 

(Dithm.)- — 53. Sind die Kühe nachts im Felde unruhig, so gibt es am nächsten 
Tage ein Gewitter (Dithm.). — 54. Wenn die Schafe einander stossen, so wird 
es anderes Wetter (Dithm.). — 55. Ein schmutziger Storch deutet auf Regen; 
ein weisser oder sauberer auf trocknes Wetter (allgemein). 

12. Tiere. 

1. Ein Pferd ist als Füllen neun Tage blind; daher kann es im Dunkeln neun 
Schritte voraus sehen (Drage in Stapelholm). — 2. Wenn die Pferde nicht ge- 
deihen, so hole man einen Totenkopf vom Kirchhof und vergrabe ihn im Pferde- 
stall (Schütze, Holsteinisches Idiotikon 3, 201). — 3. Halten die Pferde in der 
Neujahrsnacht den Kopf hoch, so kommen sie im nächsten Jahr vor den Braut- 
wagen, wenn niedrig, vor den Leichenwagen (Lunden). — 4. Einen Ziegenbock 
im Stalle frei im Stalle umherlaufen lassen, schützt gegen Krankheit der Pferde 
(Peddringen in Dithm.). — 5. Reitet man zu Markte, um ein Füllen zu verkaufen 
und das Füllen will nicht von der Hofstelle, so wird es nicht verkauft (Feddringen). 
— 6. Die Nachgeburt von einer Stute hängt man in einen Baum, da dann das 
Pferd den Kopf hoch tragen wird (Schwienhusen bei Delve in Dithm.). — 
7. Ins Wasser darf die Nachgeburt nicht kommen, da das Füllen dann später 
ertrinken wird (Feddringen). — S. Wird im Frühjahr das Vieh auf die Weide 
getrieben, so lege man ein Beil auf die Stalltürschwelle und lasse das Vieh eins 
nach dem andern darüber hinwegschreiten. Gut Gedeihen bringt es dem Vieh, 
wenn es das Beil nicht berührt. Missgedeihen aber, wenn es daran stösst (Tielen 
und Drage in Stapelholm). — 9. Man bindet dem Vieh, wenn es im Frühjahr auf 
die Weide gebracht wird, 'Düwelsdreck' (Assa foetida) in den Schwanz (Schütze 

I, 278. 4, 157). — 10. Wenn das Vieh auf die Weide gebracht wird, reibe man 
ihm Salz zwischen die Hörner, so kann es nicht verrufen werden (Schütze 4, 157). — 

II. Sonntags darf man kein Vieh auf die Weide bringen (Feddringen). — 12. Vor 
dem Austreiben gab man früher dem Vieh einen gesalzenen und in Teer ge- 
tauchten Hering ein (Heide). — 13. Wird das Vieh auf die Weide gebracht, so 
legt man einen Besen vor die Stalltür und lässt es darüber hinwegschreiten 
(Krempel bei Lunden). — 14. Bringt man das Vieh auf die Weide und man will 
verhüten, dass es nicht von der Weide fortlaufe, so ziehe man es an einem 
(neuen?) Strick hin, und zu Hause angekommen, verstecke man diesen an einem 
Platz, wo weder Sonne und Mond scheint; dann kommt das Vieh nicht nach 
Haus (Preil bei Lunden). — 15. Beim Austreiben der Kühe muss man den Strick 
unter dem 'Heck' (Tor) vergraben; dann läuft das Vieh nicht aus (Lehe bei 
Lunden). — 16. Wenn eine Kuh zum ersten Male gekalbt hat, so muss eine reine 
Jungfrau dreimal unter ihr durchkriechen, und zwar stillschweigend, so steht sie 
gut (Schütze 2, 313). — 17. Auch überstreiche man die Kuh dreimal mit einer 
Handvoll Futter schweigend vom Nacken bis an den Schwanz und lasse es hinter 
ihr niederfallen (Schütze 2, 313). — 18. Einer kalbenden Kuh hänge man einen 
Himmelsbrief um (Dahrenwurth bei Lunden). — 19. Hat eine Kuh gekalbt, so 
gebe man ihr eine Sechlingsschale ^) voll Branntwein mit Brotkrume (Drage in 
Stapelholm). — 20. Einer Kuh gebe man nach dem Kalben drei 'Schrap'^) vom 
Teekessel ein (Dahrenwurth). — 21. Will eine Kuh die Nachgeburt nicht lassen, 



1) Eine Schale, die früher einen Sechsling (S'^ Pfg. an \Vert~ kostete. 

2) Soviel schwarzer Kost, als man in drei Malen mit einem Messer von den schwarzen 
Stellen des Teekessels abschaben kann. 



62 Carsten.s: Volkg'lauben und Volksmeinungen aus Schleswig-Holstein. 

so stehle man drei Kohlbüschel und gebe sie der Kuh ein (Schwienhusen bei 
j)glye). — 22. Sobald eine Kuh gekalbt hat und die Nachgeburt noch nicht fort 
ist, so stelle man die Mistforke hinter das Tier verkehrt um (Wesselburen. 
Christiansholm b. Hohn im südl. Schleswig). — 23. Den Hamen hängt man hoch 
in einen Baum, damit kein Hund dabei kommen kann; sonst hat das Vieh kein 
Gedeihen (Dithm.; vgl. Schütze 2, 96). — 24. Beim Viehstapel ist die Zahl 13 
eine ünglückszahl. 7, 14, überhaupt alle Zahlen, die durch 7 teilbar, sind glück- 
bringend für den Viehstapel (Drage). — 25. Einen Wiepeldorn^) an dem Stall- 
türständer befestigen, schützt das Vieh gegen Krankheit (Nindorf bei Hohen- 
westedt). — 26. Wenn eine Kuh auf das Fuel^) wässert, so tut sie es jedesmal, 
wenn man gerade melken will (Lehe bei Lunden). — 27. Gegen das Behexen des 
Viehes muss man in einen Balkenständer Teufelsdreck stecken (Kellinghusen). — 

28. Will eine Kuh nicht rindern, so gebe man ihr einen Schrapstuten (den letzten 
Teig aus dem Backtrog); am dritten Tage rindert sie (Schütze 2, 313). — 

29. Kauft man Kühe (Schweine, Schafe) von jemand, dem man nicht recht traut, 
so gebe man ihm unvermerkt einen Schilling über den bedungenen Preis, so kann 
er das Gedeihen nicht hindern. Tut er es dennoch, so gebe man ihm einen 
Verweis; sagt er dann: 'Gah man hen, et gift sik', so hat man Hoffnung, dass das 
Vieh gedeihe. Hilft auch das nicht, so muss man das Vieh 'raden' lassen oder 
es verkaufen; denn sobald das Vieh in die dritte Hand kommt, so kann ihm der 
Beschwörer nichts anhaben (Schütze 2, 313. 3, 269). — 30. Gibt man der Kuh 
geschnittenes Putter, so spucke man dreimal ins Gefäss, woraus sie fressen soll 
(Schütze 2, 313). — 31. Will eine Quie beim Melken nicht stehen, so lege man ihr 
eine Männerhose hinten auf den Rücken, aufs Kreuz; oder man binde ein Strumpf- 
band vom rechten Bein um das linke Hörn des Tiers (oder umgekehrt); oder 
aber man nehme dreimal den Milcheimer um den Leib des Tieres herum 
(Christiansholm bei Hohn in Südschleswig. Dithmarschen). — 32. In den Zwölften 
muss man das Vieh mit Asche einstreuen, dann bekommt es keine Läuse (Drage). 
— 33. Wenn sieben Stück Vieh alle nach einer Seite hin liegen, so kommt 
Besuch (Neuenkirchen). — 34. Im Stall gerade da, wo das Vieh seinen Stand 
hat, vergrabe man Teufelsdreck; das bringt dem Vieh Gedeihen (Dithm.). — 
35. Tröpfelt beim Melken Milch an die Erde, so werden die Kühe 'göst' (trocken) 
(Dithm.). — 30. Ein Quiekalb ist ein Eckständer im Hause (Lehe bei Lunden). — 
37. Einem nüchternen Kalb muss man in das erste Trinken ein Zweipfennigstück 
legen und dieses dann einem Bettler schenken (Lehe). — 38. Wenn man mit 
einer Kuh zum Stier zieht, so muss man durch das eine Tor hinauf auf die Hof- 
stelle ziehen, wo der Stier steht, und durch das andere mit der Kuh wieder fort- 
ziehen; dann 'bullt' (rindert) sie nicht ab (Dahrenwurth bei Lunden). 



1) Wiepeldorn heisst im östlichen Holstein, auf dem Mittelrücken und im Dänischen- 
wohld die Heckenrose, Rosa canina. 

2) Fuel, in Süderdithmarschen auch Heel - Nachgeburt. 



Ilfir: Maltesische Legenden von der Sibylla. 63 



Maltesische Legenden von der Sibylla'). 

Von ßertha 11g. 

1. Issettisibella oder Settusibilla, die weise Herrscherin. 

Diese Schöne, Weise lebte nach der Sünde Adams bis zur Geburt Marias, 
also gerade 4000 Jahre und einige Tage in den zuversichtlichsten Gedanken und 
den ehrgeizigsten Plänen. Und dies kam so: da von der ersten Tochter Adams 
und Evas an bis zur Geburt Marias alle Mädchen vom Versucher umgarnt und zu 
Fall gebracht wurden, so dass sie in das ewige Feuer kamen, dachte die kluge 
Issettisibella, dass der Sohn des Meisters, der Mensch werden sollte, allein in ihr 
zu Fleisch werden könnte, die die schönste unter den Schönen, die weiseste unter 
den Weisen und die hochmütigste unter den Hochmütigen war. Sie durchschaute 
alles und gab dem Meister vom Anbeginn an Rat und weissagte, was aus diesem 
oder jenem würde, falls er wirklich erschaffen werden möchte. Sie galt sehr viel, 
und ihr Mut war so gross, dass sie Furcht oder Zurückhaltung nicht kannte 
Neues gab es nicht für sie; über Erfindungen lächelte sie und sagte höchstens, 
dies wüssten, die vor tausend Jahren zu den dümmsten gerechnet wurden: „Euch 
ist's heute neu, weil es Mühe machte, es aufzuBnden. Ihr bleibt kleine Mensch- 
lein." — An die Geburt eines Mädchens aber, das zur Mutter des Gottessohnes 
bestimmt sei, hatte sie nie gedacht, da der Meister ihr nie etwas vorenthalten 
hatte. Sie war jederzeit die Bevorzugte gewesen und verlangte die Ehren für sich 
allein. Dafür nahm sie sich der grossen und kleinen Geschicke an und regierte 
mit fester, kundiger Hand. Die Natur wusste sie zu biegen nach ihren Wünschen 
und ebenso die Herzen und Geister der Menschen. — AVann der Meister sich 
diese Gehilfin erschaffen hatte, weiss keine menschliche Seele. Einige der alten 
Weisen vermuten, sie sei dagewesen vom Anbeginn der Welt, andere halten sie 
für einen der Engel, die mit Lucifer gestürzt wurden, wieder andere sehen in ihr 
das Geschöpf, welches der Meister dem Adam als Weib bestimmt hatte, mit dem 
dieser aber nichts anzufangen wusste, da seine Klugheit nicht hinreichte, sich ihr 
gleichzustellen. Und sie sollte ihm doch untertänig sein. Die Schönheit der 
Issettisibella blieb immer dieselbe, da sie der Keuschheit pflog und der Reinheit, 
trotzdem die Zeiten verderbt waren. Es ging etwas Überirdisches von ihrem 
Körper aus, etwas das bannte, und ihre Weisheit konnte nicht mit irdischer Klug- 
heit verglichen werden. 

Sie war die Schwester des starken Sarason, des weisen Salomon und des 
geduldigen Job. Aber den dreien war sie weit über an Stärke, Weisheit und 
Geduld; sie war älter als sie, und ihre Weisheit war, wie andere Vorzüge, uralt, 
ururalt. Sie regierte schon einige tausend Jahre, als der Meister ihr die drei zu 



1) [Über die Sagen von der mit der Königin von Saba zusammengeworfenen Sibylle 
vgl. Bousset in Herzogs Realencyclopildie f. Protestant. Theologie' 18, '265 (1900). 
11. Köhler, Kleinere Schriften 2, 87 1900 . W. Hertz, Gesammelte Abhandlungen 1905 
S. 436. Kühnau, Schlesische Sagen 1, 555. 017 (,1910\| 



64 Ilg: 

Brüdern gab. Und diese Brüder achteten sie sehr hoch, fürchteten sich aber vor 
ihr, da sie alles durchschaute und gerne nicht nur Zänkereien, sondern auch lang- 
wierige Kriege anzettelte. Sie war nämlich eine Kämpferin und führte ihre Leute 
unter mannigfaltigen Verkleidungen an. 

Dann war sie besonders tüchtig und gelehrt als Doktorin. Eines Tages, es 
war in den Jahren, die ein Ausruhen vom Kriegsgetümmel brachten, machte sie 
sich daran, ein Buch über die Medizin zu schreiben, da sie gegen jedwede Krank- 
heit ein Kraut kannte. Dieses Buch nun handelte von den schwersten inneren 
Leiden, die heute die Arzte unheilbar nennen. Dazu schrieb sie die angebrachten 
Heilmittel und nannte die wichtigen Kräuter; von diesen Sachen wusste dazumal 
noch kein Mensch Bestimmtes ausser ihr. Dies also stand im ersten Buch. Das 
zweite Buch handelte ebenfalls über innere Krankheiten, doch solche, die leichter 
an äussere Zeichen zu erkennen sind. So schrieb sie über alles, was dem Men- 
schen begegnen kann, Bücher, bis sie neun beisammen hatte. Im zehnten aber 
sprach sie nicht für diejenigen, die etwas Einsicht haben in den menschlichen 
Körper, sondern für die Laien, die Leute, die sich gerne selber helfen bei kleinen 
ünpässlichkeiten. Da stand etwas über das Kopfweh, über das Magenweh, wie 
mit den Augen, die lichtscheu geworden, verfahren werden soll und mit den Ohren, 
die schmerzen. Auch über verrenkte Glieder wusste sie zu reden und über die 
Krankheiten, die die Frauen treffen. Da gab sie die nötigen Mittel an, die aller- 
einfachsten: Umschläge heisser Breie, warme Getränke; für den vom Wurm be- 
fallenen Finger empfahl sie das Abbrühen, für andere Gebrechen wieder das 
Aderlassen und die Blutegel. Steife Glieder Hess sie solange im Meerwasser 
baden, bis sie gelenkig geworden, und für warzenartige Gebilde auf der Haut 
empfahl sie die Pflanze Wolfsmilch (tenghuda). Sie setzte den 'gewürzten Wein' 
zusammen, der viel seltsame Sachen enthält, auch das Blut verschiedener Tiere 
und eine Anzahl von Heilkräutern, ein Getränk, das die Folgen eines Schrecks 
aufheben kann; auch stammt von ihr das Rezept des siebenfachen Mischtrankes, 
der schon für viele ein Segen war, trotzdem die Ärzte dagegen eifern. Dieser 
bestand aus Meerwasser, der Abkochung des Hahnenkammes (coxcomb, common 
celosia, amarante), der Gewürznelken, des gelben Safrans (Safran), der Samen- 
körner des Frauenhaars (maidenhair, capelvenere), der Orangenschalen und des 
roten Pfeffers^). Aber im Vergleich mit den andern Büchern war dieses zehnte 
fast wertlos, es behandelte keine schwierigen Dinge. Kurz und gut, in den zehn 
Büchern war die Weisheit der Weisheiten aufgestapelt, und der Belesene, der ein 
wenig eigenes Denken mitbrachte, konnte sogar herausfinden, wie lange dieser 
und jener am Leben bleiben könne, ob das Leben eines Kranken oder eines neu- 
geborenen Kindes wert sei, erhalten oder vernichtet zu werden. Über die Liebe 
war gesprochen, über die Macht der Weisheit und des Reichtums, wie sie zu 
erzwingen, zu erhalten sei. Es war eine gelehrte Arbeit, so unübertrefflich, dass 
ein gewöhnlicher Mensch sie nie und nimmer zustande gebracht hätte. Nun schloss 
sie die zehn Bücher in ein Glasgehäuse und schrieb darauf: ,,Wer Lust hat zu 
lernen, sich zum Doktor auszubilden, wende sich an mich!" Dieses Glasgehäuse 
stellte sie so hin, dass die vorübergehenden Leute es sehen mussten. Natürlich 



1) Der Erzähler, ein Strassenarbeiter, hat eine genaue Kenntnis der meisten Kräuter, 
die auf der Insel zu finden sind, und geniesst beim Volke einen gewissen Ruf als Kenner 
der 'alten Mixturen'. Da er sich viel mit Kurpfuschereien abgibt und vor der Polizei 
ängstlich auf der Hut ist, überlieferte er erst nach vielem Widerstreben das vorstehende 
'medizinische Buch' der Issettisibella. 



Maltesische Legenden von der Sibylla. 65 

ward es von vielen gesehen und besprochen. Gleichzeitig war es überall bekannt 
geworden, dass diese klügste Frau in den angegebenen Rezepten alles verwendet 
hatte, was die Natur hervorbringt: angefangen von den Würmern und giftigen 
Tieren, bis zu den Pflanzen und verschiedenen Wassern. Alles, alles war klar 
gemacht, doch hat man es vergessen, weswegen wir heute so viel unheilbare, so 
viel ansteckende Krankheiten haben. Nun aber weiter: 

Eines Tages kam ein Jüngling; er wollte den Preis erfahren, der für die 
zehn Bücher gesetzt sei. Sie sagte: ,, Hundert Goldstücke von den grossen, die das 
Siegel meines Bruders aufweisen.'" Da lächelte der Jüngling spöttisch, da es ihm 
zu viel schien. Es war dies aber einer der reichsten, angesehensten Jünglinge des 
Landes. Issettisibella oder, wie andere sagen, Settusibilla versetzte: „Ohne diese 
meine Bücher wirst du nie zur Erkenntnis kommen; ein Arzt aber, der ohne diese 
Erkenntnis ist, ist weniger wert als ein Esel, weil dieser nicht imstande ist, zu 
schaden. Also kaufe du nur die Bücher!" — Er aber begann zu handeln und zu 
feilschen. Feilsche und bringe jemanden, der feilscht! Zuletzt ging er hinweg, 
und sie verbrannte ein Buch, wie sie angedroht hatte. Das erste, das beste Buch 
verbrannte sie. Am niichsten Tage erschien der Jüngling wieder und staunte über 
die neun Bücher. Er hatte ihre Drohung für leere Worte gehalten. Nun aber 
begann er erst recht zu feilschen und sagte: „Für zehn Bücher hundert Goldstücke 
mit dem Siegel des Sultans, für neun bedeutend weniger." Sie aber verlangte 
hundert, nach wie vor. Da wurden sie wieder nicht handelseinig, und ärgerlich 
ging der Jüngling fort. So verbrannte sie ein zweites Buch; und um eine lange 
Geschichte kurz zu machen, sagen wir nur dies: sie vernichtete neun Bücher 
hintereinander, und dabei ging sie nie mit der Forderung herunter. Das letzte 
Buch nun erstand der Jüngling für diese Menge Geld, und siehe, das Wichtigste 
war nicht darin. Sie aber lachte ihn aus und sagte: ^Du warst ein Esel, als du 
es dir überlegtest, für die zehn Bücher hundert Goldstücke zu geben. Du bist 
ein Esel, weil Erkenntnis nie und nimmer Platz nehmen wird in deinem Kopfe. 
Du bleibst ein Esel, da das Buch deiner Minderwertigkeit nicht aufhelfen kann. 
Nun geh und lass die Totengräber nicht zu lange warten!'' Und sie behielt Recht; 
der Jüngling ward ein unfähiger Arzt und büsste später schwer für seine Miss- 
erfolge. Nun weiter in der Geschichte. 

Ein andermal geschah es, dass Salomo, als er zufällig wieder mit ihr im 
Streite lag, an den Augen erkrankte, und zwar derart, dass er das gedämpfte 
Licht des Tages und das Licht, das seine Öllampen spendeten, nicht mehr er- 
tragen konnte. Es bildeten sich eitrige Ansammlungen, und die Augenwimpern rupfte 
er sich aus vor Pein; er litt grosse Schmerzen und ward verzagt wie ein Bettler, 
der Ton Hunden verfolgt wird. Da er aber seine Schwester, die kluge Settusibilla, 
nicht um Hilfe angehen wollte, weil diese sie ihm nicht ohne Hohn und Spott' 
oder gar nicht hätte angedeihen lassen, so versuchte er es mit allen möglichen 
Mitteln. Er Hess sich Kräuter holen von nah und fern, er badete alle Augenblicke 
die kranken Teile und liess sie sogar von Zauberern besprechen, er, der König 
und Richter. Aber das Übel verschlimmerte sich mit jedem Tag, und er lebte 
beständig in der Furcht, hilflos wie ein Aussätziger erblinden zu müssen. So litt 
er volle vier Jahre, und fast täglich versuchte er ein neues Mittel ; die Gaukler 
und Quacksalber hatten nun freien Zutritt, und schöne Zeiten wussten sie daraus 
zu schlagen. Zuletzt aber rausste er es einsehen, dass all seine Mühen vergeblich 
waren, und so sagte er zu sich in seiner Seele: „Ich muss versuchen, das Heil- 
mittel durch eine List aus meiner Schwester herauszulocken. Freiwillig steht sie 
mir nicht bei, und demütig zu sein steht mir nicht an!" So rief er einen grossen 

/.eitschr. d. Vereins f. Volkslcuuilc. 1914. Heft 1 5 



66 Ilg'- 

Haufen Kinder seiner Stadt zusammen und sagte ihnen: „Versammelt euch und 
lauft und springt durch die Strassen! Dabei sollt ihr frohlocken und jauchzen 
und schreien; ich werde euch reichlich belohnen. Begebt euch wie von ungefähr 
hin an den Palast meiner Schwester und jubelt und schreit noch lauter. Tritt sie 
dann heraus und erkundigt sich nach der Ursache eures Lärmens, so antwortet: 
Wir sind so übermütig und lärmen so froh, weil Salomon, unser Sultan, nun end- 
lich von seinem Augenübel geheilt ist, so dass er das Licht des Tages und seiner 
tausend Öllampen schauen kann! Dann merkt genau auf, was sie erwidert, und 
hinterbringt es mir getreulich! Grosser Lohn soll euch werden." — So gingen die 
Kinder, die sich keinen lustigeren Auftrag denken konnten, hin und vollführten 
einen unbeschreiblichen Lärm. Als sie hinkamen an den Palast der Settusibilla, 
trat diese richtig ganz verwundert heraus (sie war nämlich sehr wissensbegieriger 
Natur und ging jedweder grossen oder kleinen Sache auf den Grund) und er- 
kundigte sich nach der Ursache des Freudengeschreis, worauf die Kinder ver- 
setzten: „Unser Sultan ist von seinem Augenübel geheilt und kann jedes Licht 
schauen. Wir aber jubeln und frohlocken." Da sagte sie: „Ich glaube es wohl, 
denn als kluger Mann wird er seine Augen wohl nur mit dem Ellbogen berührt 
haben." Da gingen die Kinder heim und berichteten alles, Wort für Wort. Salomon 
aber schlug sich vor die Stirn und rief: „Dacht' ich's doch! 'Mit dem Ellbogen 
berühren' heisst 'nicht berühren', und so gebe ich jetzt die Kuren auf." Er tat 
es auch wirklich und badete die Augen fortan nur so, dass er sie offen in das 
mit reinem Wasser gefüllte Becken hielt. Bald waren sie rein und frei von dem 
wilden Fleisch, das sich gebildet hatte mit dem Eiter. 

Sie, die unerbittliche Settisibella, die selber über grosse Reiche herrschte, 
lebte lange Zeit mit Salomo zusammen. Es geschah dies aber, um ihn zu prüfen 
und um die geheimnisvollen Kräfte, die er in sich hatte, kennen zu lernen. So 
kam es auch, dass Settisibella die erste Ursache seines Unterganges war; er hatte 
sich ihr verraten in Stunden, die ihn lässig, dem Vergnügen hingegeben, gefunden. 
Settisibella gab nämlich nie, ohne zu nehmen, auf den eigenen Vorteil bedacht 
zu sein. Sie war sehr oft in Streit mit Salomo. Dieser ärgerte sich oft zu Tode, 
weil sie ihn stets zu überbieten, zu überführen wusste. War z. B. von den ersten 
Menschen die Rede, so fragte sie ihn: „Was dachte sich Eva, als sie sich Mutter 
fühlte?" Und Salomo antwortete: „Sie fand einen Trost darin, gesegnet zu sein." 
Sie aber lachte ihn aus und sagte: „Falsch! Sie hatte so entsetzliche Angst vor 
sich selber, eine Angst, die sich mit der Zeit bis zum Wahnsinn steigerte, dass 
Adam vor ihr fliehen, sich verbergen musste, bis ihre Zeit gekommen." Oder sie 
fragte Salomo: „War es gemäss dem Willen unseres Meisters, dass Eva sich dann 
ein zweites Mal Mutter fühlte?" Salomo versetzte dann: „Sicher! Er wollte die 
Erde bevölkern." Settisibella aber spottete: „Falsch! Du müsstest es an den 
Folgen ersehen: Kain, das Kind der Sünde, empfangen gegen das Gebot des 
Meisters, trug den Fluch in sich und lebte nur, um die Frucht der zweiten Sünde, 
begangen an Eva, zu töten. Der Meister hätte andere Mittel und Wege gehabt, 
die Erde zu bevölkern, wäre ihm daran gelegen gewesen." Settisibella kannte 
nämlich die alte Geschichte gar gut, da sie vom Anbeginn gelebt hatte und mit 
allen Geistern in Verbindung war. Sie wusste, in wessen Leibe sich eine der 
wundervollen Perlen befand, und konnte genau sagen, welche Wanderung diese 
vorgenommen! Sie selber glaubte eine Perle in sich zu tragen, und ihr un- 
beschreiblicher Stolz wird wohl deshalb so stark gewesen sein; sie hoffte immer, 
die Mutter des Sohnes ihres Meisters zu werden. Wir werden davon erzählen 
und die Geschichte dann abbrechen. Sagen müssen wir noch, dass sie schwierige 



Maltesische Legenden von der Sibylla. 67 

Aufgaben, über welche Salomo und andere weise Männer Wochen und Monate 
lang nachgedacht hatten, um sie zu verwirren, zu beschämen, in kurzer Zeit löste. 
Und da sie Salomo an AVeisheit übertraf, so stellte sie ihm ihrerseits Aufgaben, 
die zu lösen er nie imstande war. So gab es stets Hader und Zank zwischen den 
beiden: jedes wollte den Meister spielen, und wenn Settisibella sich für eine 
Stunde unterwürfig zeigte, so durfte Salomo gewiss sein, dass sie etwas Böses 
gegen ihn ausspielen wollte. Sie beherrschten aber die ganze Welt und hatten 
grosse Macht über die Herzen und die Geister; auch Salomo glaubte die wunder- 
herrliche Perle in sich zu fühlen und schrieb ihr alles zu, was an Kräften in ihm 
war. und so wollen wir sagen, wohin Settisibella gebracht wurde durch diesen 
ihren Glauben, dass ihr Leib geheiligt sei. 

Sie lebte sehr gern mit jungen Mädchen zusammen. Es war ihre Lust, deren 
Wachsen an Leib und Seele zu verfolgen. So gründete sie eine Art Schule; da- 
mals hiess man es anders, wir wollen aber Schule sagen. In diese Schule 
nun konnte kein Mädchen aufgenommen werden, welches nicht schon körperlich 
entwickelt war. Eltern, die ihre Mädchen vor dieser Zeit in die Schule geben 
wollten, bedeutete sie, dass das geistige Wachsen im Verhältnis zum Wachstum 
des Körpers stehe, und dass sie deswegen nur vollkommen entwickelte Mädchen 
in die Lehre nehmen könnte. Diese Mädchen nun, die alle aus den angesehensten 
Familien stammten, behielt sie bis zum achtzehnten Jahre, nicht länger. Hatten 
sie dieses Alter erreicht, so war ihre Lehrzeit beendet. Im ganzen hatte sie 
meistens 15, einige Male 17 Mädchen. Es war aber etwas Geheimnisvolles um 
diese Schule, und die Schülerinnen wurden zum Schweigen verpflichtet. Nun 
weiter; da es Sitte war, dass die angesehenen Leute ihre Töchter in die Schule 
der Settisibella gaben, bevor sie verheiratet wurden, geschah es, dass Maria'), 
die spätere Mutter des Gottessohnes, auch in diese Schule kam und dort verbleiben 
musste, trotzdem sie Tränen weinte, die andere Menschen, ja selbst solche, die 
Steine an der Stelle tragen, wo das Herz sein soll, erweicht haben würde. Nicht 
so die Settisibella. 

Die Meisterin hatte eine besondere Sitte eingeführt; jeden Morgen fragte sie 
die Mädchen, die einzeln vor ihr erscheinen mussten, was sie geträumt. Oft legte 
sie dann die Träume aus, doch war ihr nicht darum zu tun, ihre Neugierde zu 
befriedigen. Das eine Mädchen erzählte nun z. B., sie hätte von einem schönen 
Kleide geträumt, das andere von angebissenen, gekochten Saubohnen (einem von 
den Maltesern hochgeschätzten Gericht), das dritte von einem herrlichen Jüngling 
usw. All diese Mädchen fertigte sie meist kurz ab und war nur darauf bedacht, 
zu erfahren, was die stille Maria für einen Traum gehabt. Es schien ihr sehr 
viel daran zu liegen, und immer war es ihr, als trüge dieses Mädchen die heilige 
Perle, die den Leib heilig machte, in sich, nicht sie selber, die Settisibella. Aber 
seltsamerweise träumte Maria nie, was der Meisterin so grosso Freude machte, 
dass sie sie vor allen auszeichnete. Immer wieder sagte sie sich dann: ,,Der 
Empfängnis des Gottessohnes geht ein Traum voran, der von der Perle kommt, 
und ich selber bin wohl die Erkorene, werde die Geliebte des Meisters." — Eines 
Tages fragte sie die stille Maria wieder, und diese berichtete freudig: „Ich träumte, 
dass ein Same in meinem Schoss keimte, zum Pflänzchen wurde, Sprossen trieb, 
bis ein Baum daraus entstand, dessen blätterbesetzte Aste sich über die ganze 
Welt breiteten. Schatten spendend und zur Rast einladend." — So erzählte die 
stille Maria in aller Einfalt; die Lehrmeisterin aber wurde ausser sich vor Wut 



1) Vgl. De Nino, Usi e costiimi abriizzesi 4, 16 bei Dälinhardt, Natursagen 2, 2G3 nr. 4c' 

5* 



68 Ilg: 

und Enttäuschung, raufte sich die Haare aus, die so lang waren wie die doppelte 
Länge ihres Körpers; sie schlug mit dem Kopfe an die Wand, biss sich die 
Zunge blutig und wälzte sich wie ein unreines Tier auf dem Estrich, Laute aus- 
stossend, die an Irrsinnige gemahnten. 

Im Himmel beobachtete man dieses verzweifelte Rasen, und da sie die grösste 
Meisterin war, vom Anbeginn gelebt hatte und so durch viele Auszeichnungen, 
die ihr durch den Meister geworden, sich als durch die göttliche Perle geheiligt 
betrachten durfte, hatte man Mitleid mit ihr, wollte sie vielleicht auch unschädlich 
machen zum Besten der stillen Schülerin Maria. Es flog also ein Engel zur Erde, 
der sprach: „Meisterin, sei ruhig! Was du verlangst, soll dir werden; nur von 
dem einen Wunsche, Mutter des Meistersohnes zu werden, musst du ablassen. 
Diese Gnade kann dir nicht gewährt werden, sie ist einer reinen Jungfrau vor- 
behalten. Wähle also eine andere Gnade!" Sie aber, die grosse, weise Meisterin 
Settisibella, begann nun erst recht ein tolles Rasen, und der Engel war entsetzt, 
als er ihr Gebahren gewahrte. Sich wie ein wildes Tier wälzend und mit den 
erniedrigendsten Gebärden, die alles, was ihr noch Hoheit verblieben war, aus- 
löschten, schrie sie zuletzt wie besessen: „Ich wünsche ewig in der Hölle zu 
leben." Im selben Augenblick öffnete sich ein Spalt, eine entsetzliche Kluft, und 
sie fuhr hinunter, mitten hinein in das unterirdische Reich. Seitdem lebt sie dort, 
in derselben Weise, wie sie auf Erden gelebt hatte; sie lebt, sie kann nicht 
sterben, in alle Ewigkeit muss sie dort verweilen, da es für sie, die die Perle ge- 
kannt und den Sinn derselben, keinen ewigen Tod geben kann. Das Feuer aber 
und all die Qualen, die den Verdammten kein Ausruhen gönnen, verspürt sie 
nicht und lebt verhältnismässig glücklich; sie ist immer noch Herrin, zwar im 
dunklen Reiche, aber doch Gebieterin'). 

Maria aber, die stille, bereitete sich unwissentlich darauf vor, die Mutter des 
Erlösers zu werden. Nun geschah es aber eines Tages, dass Lucifer, der bis dahin 
über das Reich der Hölle zu gebieten hatte, von seiner nunmehrigen Gebieterin, 
der Settisibella, einen Auftrag erhielt, den er sofort ausführen musste. Nun hört: 

Bis dahin hatte ihm kein Mädchen widerstanden, es gab auch, ausser der 
stillen Maria keine Jungfrau, sie alle waren gefallene Mädchen und insgesamt für 
die Hölle bestimmt. So nahm Lucifer sich vor, die stille Maria zu versuchen, um 
dann hinzutreten mit dem Zeichen ihres Falles vor die stolze Settisibella. Er 
nahm die Gestalt eines sehr einnehmenden Jünglings an und trat vor die stille, 
schöne Maria, indem er, linde Schmeichelei in die Stimme legend, sagte: „Du 
Schönste unter den Schönsten, im freiwilligen Gewähren liegt nie und nimmer 
eine Schuld, nur im Erzwungenen und ohne Vorbedacht, im Leichtsinn Gegebenen. 
Mir dürftest du eine Gnade freien Herzens gewähren, einen Kuss, Lass mich dich 
küssen; deine Reinheit, alles, was an Lichtem, Gutem in dir ist, wird aufleben, 
wird dich hochstellen über deine Genossinnen. Alles, was du tust, wird nie 
Schatten werfen, sondern Licht austrahlen auf deine Bestimmung. Du wirst sie 
dann erkennen, sie wird dich entwickeln, aufnahmefähig machen. Lass mich für 
diesmal deinen Lehrer sein!" — Und die stille Maria, die einzige, die unter den 
Mädchen ihrer Zeit nicht für die Hölle bestimmt war, sagte: „Tu, wie es dir im 
Sinne liegt!" und dabei lud sie ihn mit einer Handbewegung ein, näherzukommen. 
Kaum aber beugte er sich über ihr Gesicht, so schlug sie ihn mit der flachen 
Kinderhand so heftig ins Genick, dass er laut mit den Zähnen knirschte. Die 
ganze Welt vernahm es, dieses Knirschen, es war ein schreckliches Erdbeben, 



1) Vgl. oben 17, 57. 250. 21, 8 über den hohlen Berg der Sibylle. 



Maltesische Legeuden von der Sibylla, 69 

auch das Meer trat aus seinem Rinnsal. Seit dieser Zeit trägt der Teufel die 
Merkmale dieses Schlages am Nacken, da dieser breitgedrückt ist und wulstig. 
Und die stille Maria erfüllte so das Wort, das geschrieben steht vom Tage an, 
als der Herr Adam und Eva aus dem Garten wies: „Es wird eine Jungfrau 
kommen, die dich auf den Nacken schlägt und ihn dir breitquetscht." 

So endet die Geschichte der klugen Settisibella, derengleichen es durch 
Gottes Willen nicht mehr geben wird. Sie hatte des Meisters Gaben gemissbraucht, 
Salomo, den weisen Herrscher, zu bösem Ende geführt und die Völker aufgewiegelt 
Die Macht stund eben ihrer eigenwilligen Hand nicht an. Deswegen entriss sie 
ihr der Herr, der Meister.^) 

2. Der weise Salomon und seine kluge Schwester Issettisibella. 

Der weise Salomo hatte eine Schwester, die Issettisibella hiess oder auch 
Sittazbrilja^). Es kam nun oft vor, dass diese beiden sich gegenseitig mit Rätsel- 
aufgaben neckten, und da seltsamerweise stets, oder fast stets, die kluge Schwester 
die rechte Lösung brachte, so zürnte ihr Salomon sehr oft und begann zu streiten 
über Nichtigkeiten. 

Einst unterhielten sich diese beiden über die Geschichte des Joseph, der in 
Ägypten König war. Sie kamen nun über die Frau des Putiphar zu reden, die 
es versucht hatte, den Joseph zu verführen. Und so kam es, dass Issettisibella 
den Bruder fragte: „Was hättest du an Stelle des Putiphar getan, wie hättest du 
gerichtet?- Salomon sagte: „Der Schein war gegen ihn. Und er hatte seine 
Frau nie Lügen oder falsche Worte aussprechen hören. So gab der Mantel, den 
die Frau in der Hand hielt, mit Fug und Recht den Ausschlag." Da lachte Issetti- 
sibella den Bruder aus und sagte: „Dass ihr Männer von Anbeginn das Nächst- 
liegende übersehen müsst; dass euer Urteil immer aus Worten besteht, die 
ängstlich und unklar angespannt sind, und dass trotzdem euer Mut nicht fällt, 
weiter als Herrscher und Richter zu gelten! Siehe, Putiphar hätte das zu fällende 
Urteil einfach und schlicht vom Rock ablesen können, den seine Frau ihm vor 
die Augen hielt: war der Rock auf der Vorderseite zerrissen, so war Joseph der 
Angreifer, der Schuldige; war er auf der Rückseite zerrissen, wie es ja auch war 
(ich überzeugte mich selber), so war sie die Angreiferin, die Schuldige. Aber 
das Urteil der Männer ist wie der Topf aus Tonerde, der einen Klang in sich 
hat, solange er heil ist und nicht in Scherben." — Da staunte Salomon über ihre 
Weisheit, wollte dies aber nicht zugestehen, weil er sich wieder gekränkt fühlte, 
und sagte nur: „Deine Rede mag gut sein; mich mahnt sie aber an ein Bild aus 
Lehm, aus weichem, das willkürlich unter den Fingern entsteht, ohne dass man 
Wert darauf legt. Es kann ein solches Bild gut oder schlecht sein, Bestand hat 
es keinen und also keinen Wert. Folgerungen lassen sich unschwer aufstellen." 
— Issettisibella aber, die ihn wohl durchschaute, sagte abweisend und höhnisch: 
„Würdest du, wenn ich dir ein Bild machte von der körperlichen Erscheinung des 
Putiphar, daraus schliessen können, welche Veranlagung und Gewohnheiten er 

1; Der Erzähler, ein einfacher, aufrichtiger Mann, ist etwas zur Mystik geneigt uud 
spricht gerne in dunklen Ausdrücken. Er nimmt es sehr ernst mit seinen Ausführungen 
und Erklärungen; oft berichtigt er unaufgefordert nach Tagen irgendeinen Punkt, „damit 
nichts geändert oder falsch aufgefasst werde von den alten Worten der Vorfahren, die 
diese Überlieferungen weitergeben von Sohn zu Sohn". 

2) In sicilischen Legenden (Pitre, Fiabe e leggcnde sie. 1888 p. 127. 129) heisst 
Salomos Schwester Sapienza oder Stella. 



70 Ilg': Maltesische Legenden von der Sibylla. 

hatte? Das ist mehr als ein Bild aus Lehm." Salomo wollte sich nicht unsicher 
zeigen und bat um die Beschreibung'. Issettisibella aber sagte nur: „Es sei dir 
genug zu wissen, dass sein Bart und auch sein Schnurrbart weiss waren, das 
Kopfhaar hingegen dunkel, ohne einen weissen Strich. Was siehst du, mein 
kluger Bruder, darin?" — Darauf wusste Salomon nichts Ganzes zu sagen, er 
behalf sich mit allgemeinen Redensarten, und dabei galt er als weiser Mann, als 
ein wahrhaft kluger. Sie aber antwortete: „Wer viel denkt und mit dem Kopfe 
arbeitet, dessen Haar wird bald weiss, er wird müde. Wer viel kaut, viel isst, 
mit dem Munde und den Kinnladen schafft, dessen Bart wird auch bald weiss. So 
sollst du leicht ein Urteil fällen können, welche Charaktereigenschaften er besass." 

Ein andermal besprachen sich die Geschwister wieder über viel wichtige 
Sachen, solche, die von anderen Leuten hingenommen werden, wie sie sind, richtig 
oder unrichtig. Issettisibella aber Hess nichts leicht unbeachtet und nahm nichts 
leicht als Wahrheit an. Es war eine grosse Fähigkeit in ihr, die ein Niederziehen 
zum Gewöhnlichen nicht gestattete. So besprach sie sich gerne mit Salomo, dem 
klügsten Menschen seiner Zeit. Und sie sprachen von Eva und darüber, wie sie 
zur Schlange gestanden hatte. Salomo sagte das, was er gehört, Issettisibella 
das, was sie gesehen. Und da stritten sie. Zuletzt aber überzeugte sie ihn etwas, 
trotzdem er dies nicht wollte. Sie führte aus: „Eva war die Freundin der 
Schlangen. Sie spielte mit diesen Tieren, und diese waren es, die sie dazu 
brachten, die Sünde zu kosten, um sich dann mit Adam zu vergehen gegen den 
Willen des Meisters, der ihnen eine Frist festgesetzt hatte. Und da der böse 
Engel wusste, wie nah sie den Schlangen stand und wie sie sie liebte, nahm er 
diese Gestalt an und versuchte sie nochmals; da lernte sie Verderbliches, und 
Adam wusste nichts davon. Der Meister aber, der Herr, erzürnte über die unreine 
Frau und den leichtsinnigen, blinden Mann und fügte es, dass beide sich in be- 
stimmten Zeiträumen, dem Laufe des Mondes gemäss, unwohl fühlten. Es blieb 
dies auch lange Zeit so, doch änderte der Meister dies dann dahin ab, dass die 
Frau allein mit der Unpässlichkeit heimgesucht wurde, da der Mann es nicht ver- 
stand, sich in anständiger Weise zu verhüllen. Doch geschah dies viel, viel 
später und erst dann, nachdem auch die Männer Kinder zur Welt gebracht hatten, 
die aber samt und sonders schwach und krüppelhaft waren : der Mann muss seiner 
schweren Arbeit nachgehen und kann auf sich selber nicht viel Rücksicht nehmen." 
So redete Issettisibella mit Salomo und sagte viel wahre Worte. 

Auch sprachen sie einst über Kain, und Salomo hatte eigene Ansichten. Issetti- 
sibella wusste aber mehr und erzählte folgendes, um zu zeigen, wessen Kind er 
war: „Eva gebar Zwillinge, erst ein Mädchen, das Adam zum Vater hatte, und 
einen Sohn, dessen Vater die Schlange war, oder umgekehrt; aber es wird wohl 
so sein, wie ich gesagt. Und Adam hatte keine Liebe zu Kain, er fühlte sich hin- 
gezogen zum Mädchen, welches sehr schön war. Und der Meister sagte: ,, Diese 
beiden Kinder sind für einander bestimmt, sie sollen Mann und Weib werden und 
ein neu Geschlecht bilden." Nun geschah es aber, dass Eva wieder Zwillinge 
gebar, und zwar diesmal einen Sohn, den sie Abel hiessen und eine Tochter. 
Nun war aber dieser Sohn Adaras Kind, das Mädchen aber hatte denselben Vater 
wie Kain. Eva gebar dann noch viele Kinder, aber wir wollen nur über diese 
vier reden. Die Kinder wuchsen auf, und eines Tages sagte Abel zu seinem Vater: 
„Meine Frau gefällt mir nicht; ich hange an der, welche meinem Bruder zugesagt 
ist. Gib sie mir! Kain soll sich zufriedengeben mit meinem Weibe." Da staunte 
Adam sehr, ohne zu wissen, welchen Vater die beiden anderen hatten. Er hatte 
nämlich gerade Abel und die Schwester Kains gar lieb. Da ging er hin zu 



Menghin: Kleine Mitteilungen. 71 

Kain und suchte ihm sein Weib, das schöne, mit Gewalt zu nehmen, da Worte 
und Drohungen nichts fruchten wollten. Kain ward nun sehr betrübt und wusste 
sich vor Leid und Hass nicht zu fassen. Zuletzt sagte er: „Wir wollen Altäre 
errichten und Opfer bringen. Wessen Feuer Rauch zu erzeugen vermag, der in 
die Höhe steigt, der soll das schöne Weib haben. Steigt der Rauch von beiden 
Holzstössen in die Höhe, so bleibt es so, wie es sich bei der Geburt begeben: 
jeder habe seine Zwillingsschwester zum Weibe." Nun geschah es aber, dass 
Eva dies Gespräch hörte und ihrem Lieblingskinde Kain helfen wollte, denn sie hatte 
ihn sehr lieb. Eilig ging sie hin und schüttete rund um das Opfer Abels Wasser, 
auf dass sich keine Flamme bilden könne. Die Brüder wussten nichts davon. 
Sie zündeten ihre Stösse an, und das Wasser, das aussen alles benässt hatte, Hess 
es nicht zu, dass das Feuer sich ausbreitete. Es brannte nur in der Mitte des 
Stosses, und siehe, der Rauch stieg gerade zum Himmel, während Kains Opfer 
loderte und nicht rauchte, oder nur sehr wenig aus den Fugen heraus. Da froh- 
lockte Abel und wandte sich heimwärts, um seine schöne Schwester, das Weib 
Kains, zu besitzen. Kain aber lief ihm nach und erschlug ihn; er hatte das 
Wasser gesehen, das um Abels Stoss geschüttet war. So kam das grosse Leid 
über Adam und Eva. 

La Vallette, Malta. 

(Schluss folgt.) 



Kleine Mitteilungen. 



über Tiroler Bauernhochzeiten und Priniizeu. 

(Vgl. oben 23, 399-40G.) ' 

3. Eine Primizfeler im Burggrafenamte und ein Primiztafeiiied aus dem Pustertale. 

Die Primiz, d. i. die erste Messe eines neugeweihten Priesters, vom 
Volke als Vermählung desselben mit der Kirche aufgefasst, wird in den Alpen- 
Hlndern allgemein überaus feierlich begangen und stellt so gewissermassen eine 
geistliche Parodie der Hochzeit dar. Es ist klar, dass bei solcher innerer Ver- 
wandtschaft auch die Formen der weltlichen Hochzeit in die Primizfeier ein- 
gedrungen sind. Allerdings ist die Primiz, wie schon Kohl in seinem oft an- 
gezogenen Buche betont 1), im allgemeinen an Gebräuchen viel ärmer und gleich- 
förmiger als die weltliche Hochzeit. Kohl bringt eine Primizbeschreibung aus 
dem Sarntale, die ganz gut als Typus der südtirolischen Primiz überhaupt an- 
gesehen werden kann, wenn auch anderorts Abweichungen vorkommen. Ins- 
besondere ändert sich der äussere Eindruck dieses Festes nach den wirtschaft- 
lichen Verhältnissen der Gegend; eine Primizfeier wird im reichen Etschtal 
natürlich mit viel mehr Gepränge und Kostenaufwand verbunden sein als in einem 



1) Kohl, Die Tiroler Bauernhochzeit 11)08 S. 27G. — Vgl. Piger, Eine Primiz in 
Tirol (oben 9, 396—399) und Blümml, Drei Primizlieder (oben 18, 88—90;. 



72 Menghin: 

Bergdörflein 'eines hochgelegenen Seitentales. Ich möchte daher hier, obgleich 
die Ähnlichkeiten grosse sind, die Beschreibung einer Primiz oder 'nuien Möss' 
(neue Messe) bieten, wie sie sich in einem reichen Weindorfe des Burggrafen- 
amtes (Meraner Gegend) abspielt. Vielleicht lohnt es sich auch deswegen, weil 
ich doch den einen oder den anderen Zug mit grösserer Ausführlichkeit zu be- 
handeln in der Lage bin. Mein Gewährsmann ist ein geistlicher Freund, der vor 
einigen Jahren hier primiziert hat. 

Zu den wichtigsten Vorbereitungen der Feier gehört die Aufstellung von 
Triumphbögen. Solche stehen vor dem Kirchenportal, vor dem Widen (Pfarr- 
haus), am Eingange des Dorfes, vor dem Elternhause, gelegentlich auch in einer 
Dorfgasse, durch die der Zug kommen muss, und vor dem Wirtshause, in dem 
das Festessen stattfindet. Die notwendigen Taxen (Fichten- oder Tannenäste) und 
das Gerüstholz werden auf Kosten der Gemeinde herbeigeschafft. Das Winden 
der Girlanden übernehmen meist freiwillig junge Burschen, die dafür vom Hause 
des Priraizianten reichlich mit Wein versorgt werden. Zwischen den einzelnen 
Triumphpforten stehen oft noch 'Mandlen' (taxenumvvundene Säulen), die mit 
Bogen von Taxengewinden untereinander und mit den Triumphpforten verbunden 
sind. Der Bau dieser Bogen geschieht nach gewissen Traditionen, und es gibt 
eigene Leute, die sich darauf verstehen. Der Hauptstolz jedes Bogenbauers ist 
es, die Tore möglichst hoch zu machen. Das Grundschema der Pforten nähert 
sich zumeist der Form eines gotischen Kirchenfensters. In den Giebel werden 
allerlei Zierrate, gewöhnlich auch ein Kelch, hineinkomponiert. Zahllose Fahnen, 
die zwischen die Gewinde gesteckt werden, beleben das Gesamtbild. In hervor- 
ragender Weise müssen auch deutsche und lateinische Chronogramme der Ver- 
herrlichung des Festes dienen. Gewöhnlich ist es ein alter Frühmesser oder 
Pater, der diese Dinge zusammenstellt; es gibt deren, die in diesem Metier 
berühmt sind. Chronogramme werden vor allem an den Triumphbögen, dann am 
Widen, an der Kirche, am Wirtshaus, im Speisesaale und vor dem Schlafzimmer 
des Primizianten angebracht; sie enthalten in aphoristischer Form (manchmal auch 
in Versen) Gratulationen an den Primizianten, an seine Eltern, an die beglückte 
Gemeinde, auch fromme Sprüche. Die aufgelösten Zeitangaben geben das Geburts- 
jahr des Primizianten, das Jahr der Primiz u. dgl. an. 

Eine sehr wichtige Rolle bei jeder bäuerlichen Feier in Tirol spielt das 
Schiessen. In alten Zeiten wurde zu Hochzeiten, Kindstaufen und Primizen mit 
Gewehren geschossen, wie aus den Verordnungen Maria Theresias und Kaiser 
Josephs IL hervorgeht, die sich lange vergeblich bemühten, den Unfug, zwischen 
den Häusern zu schiessen, abzustellen, und strenge Strafen dafür androhten^). 
Diesem Brauche müssen wohl alte Vorstellungen zugrunde liegen, da es dem 
Bauern gar so schwer fällt, sich davon loszusagen. Heute begnügt man sich 
zwar mit Pöllern, die auf einer Anhöhe ausserhalb des Dorfes losgelassen werden; 
aber sie kommen desto reichlicher zur Verwendung. Bei der Primiz meines 
Gewährsmannes wurden jedesmal nicht weniger als 154 losgelassen. Es gehört 
zu den Vorbereitungen der Primiz, die PöUer zusammenzuleihen, um möglichst 
viele Schüsse in einer Reihe abgeben zu können. 



1) Hofentschliessuug vom (1. Juli 1752 (k. k. Theresianisches Gesetzbuch 1, 3G7), Ver- 
ordnungen vom 13. Februar 1754 (ebd. 2, 330), 17. Jänner 1756 (ebd. 3, 350), 17. Juni 
17GG (ebd. 5, 61), 17. Mai 1768 (ebd. 5, 297), 16. August 1775 (ebd. 7, 349 für Steiermark), 
15. Jänner 1787 (Handbuch aller unter der Regierung des Kaisers Joseph II. f. d. k. k. 
Erbländer ergangenen Verordnungen und Gesetze 13, 55 für Böhmen\ 24. März 180i» 
Sr. k. k. Majestät Franz II. politisclie Gesetze und Verordnungen 15, 42 für Böhmen). 



Kleine Mitteilungen. 73 

Umfassende Vorbereitungen werden natürlich auch für das Primizmahl ge- 
troffen. Da wird schon tagelang vorher gesotten, gebacken und gebraten, und viel 
Vieh muss das Fest mit seinem Leben bezahlen. Die Tafel wird mit Blumen, 
Türmen von Obst- und Backwerk, Eispyramiden usw. aufs prunkvollste heraus- 
geziert. Auch für diese Verrichtungen gibt es eigene Leute, die oft weit und 
breit berühmt sind und herbeigeholt werden. Sie machen sich natürlich recht 
wichtig und tragen schon im Gesicht einen Abglanz ihrer Bedeutung. Die Sitz- 
ordnung wird vorbestimrat: der Festgast findet seinen Namen neben dem Teller. 
Den Ehrenplatz nimmt natürlich der Frimiziant ein, neben ihm sitzen der Primiz- 
prediger und die Eltern, unfern auch die Primizbraut. Im übrigen ist man nicht 
sehr heikel, lässt aber die Geistlichen, die Städter und die Bauern möglichst in 
Gruppen beisammen sitzen. Alle neugierigen Leute gehen am Tage vor der Priraiz 
ins Wirtshaus und sehen die Primiztafel an. 

Einen wichtigen Teil der vorbereitenden Handlungen bildet ferner das Ein- 
laden. Es wird gewöhnlich von einem Bruder des Primizianten, der dazu die 
schmucke Nationaltracht anlegt und einen grossen Buschen auf dem Hut hat, und 
dem Pfarrer des Ortes besorgt. Die beiden fahren im Wagen zur ganzen 'Freund- 
schaft', auch in den entlegeneren Nachbargemeinden herum, und bringen ihre Ein- 
ladung an. Überall bekommen sie Essen und Trinken vorgesetzt. Es ist Sitte, 
bei dieser Gelegenheit nur weissen Wein zu bieten. Eingeladen werden ausser 
den Verwandten die Geistlichen der Umgebung, alte Schulkollegen, Theologen, 
besonders die vom selben Jahrgang. Die Zahl der Festteilnehmer überschreitet 
150 nicht selten. 

Zur Priesterweihe, die in unserem Falle in Trient stattfindet, finden sich nur 
die allernächsten Verwandten ein. Mit ihnen reist dann der Primiziant in seine 
Heimat, gewöhnlich kommt er dort erst am Vorabende des Festtages an, damit er 
die Vorbereitungen zur Feier nicht sieht. Am Eingang des Dorfes — in Eisen- 
bahnstationen am Bahnhof — erwartet ihn die Geistlichkeit, eine Abordnung der 
Gemeindevertretung und die Verwandtschaft, ferner was an Primizgüsten schon 
da ist und natürlich viel schaulustiges Volk. Unter dem Krachen der Polier hält 
der Vorsteher eine Anrede an den Gefeierten, auf die derselbe kurz erwidert. Der 
Zug geht dann zur Kirche, wo ein kurzes Gebet verrichtet wird, und darauf in 
den Wicien zum Abendessen. Der Primiziant zeigt sich wenig und schläft nicht 
zu Hause, sondern im Widen. 

Am nächsten Tage, dem der eigentlichen Feier — gewöhnlich ein Sonn- oder 
Festtag — wecken schon in aller Frühe, beim Betläuten um 4 oder 5 Uhr, Böller- 
schüsse. Die Primiz beginnt gewöhnlich um 8 Uhr. Vorher kommen alle Gäste 
in Festtracht, die Bauern im Nationalkostüm, Jungfrauen mit einem Kranz in den 
Haaren, im Widen zusammen und erhalten den Primizbuschen, Geistliehe einen 
Kranz am Arm, Laien ein Sträusschen für Hut oder Rock, der Primiziant selbst 
einen Kranz mit Kelchbild oder ähnlichem. Das Befestigen besorgen Verwandte, 
alte Tanten u. dgl. Der Primiziant wird hier auch mit Albe und Pluviale be- 
kleidet, ebenso die Diakonen, gewöhnlich Primizianten desselben Jahrganges. Vor 
dem Widen warten die Leute und die Himmelträger. Beim Verlassen des Widens 
sagen Kinder oder die weissgekleidete und bekränzte Primizbraut nicht selten ein 
Gedicht auf. Dann beginnt der Einzug in die Kirche, der, wenn viele Leute da 
sind, oft grosse Umwege machen muss, um sich entwickeln zu können. Im Zuge 
befinden sich die Musik, die Geistlichkeit mit dem Primizianten unter dem Himmel, 
die Braut, die auf einem Kissen einen Kranz trägt, und die Verwandten und 
Gäste. Das Volk bildet Spalier. Dazu läuten die Glocken und krachen die 



Y4 Menghin : 

Polier. Beim Betreten der Kirche erschallt vom Chor ein Einzugslied, dann das 
Veni Creator spiritus. Darauf folgt die Primizpredigt, die gewöhnlich der Priester 
hält, der den Primizianten seinerzeit für das Gymnasium vorbereitet hat; sonst 
ein Verwandter oder besonderer Gönner, Zur Primizpredigt, die sich vornehmlich 
mit der hohen Bedeutung der Priesterwürde beschäftigt, gehört unbedingt eine 
Apostrophe an den Primizianten, dessen Eltern, Verwandte und Gönner. Das ist 
der Moment allgemeiner Erbauung und Rührung und geht nicht ohne reichliche 
Tränen ab. Nach der Predigt erteilt der Primiziant den Segen, der ein eigenes 
Formular und besondere Kraft besitzt. Nun folgt das Amt, bei dem zwei Diakonen 
assistieren. Der Pfarrer des Ortes ist Zeremoniär; der Dekan fungiert gewöhnlich 
als Assistent, ein tirolischer Abusus, da das Recht auf eine Assistenz von der 
Kirche nur infulierten Prälaten zuerkannt wird. Die Primizbraut, womöglich eine 
Schwester des Primizianten, tritt während des Hochamtes wieder in Funktion. 
Sie ist gewissermassen das Symbol der Kirche Christi, mit der sich der Primi- 
ziant im Augenblicke seines ersten heiligen Messopfers vermählt, und tritt daher 
beim Offertorium an den Altar, legt dort das Kissen mit dem Kranze nieder und 
holt es wieder nach der Wandlung. Bei den Hauptteilen der Messe erdröhnen 
auch wieder die Polier. Bei der Kommunion empfangen die Braut, die Eltern und 
Verwandten das Sakrament. Nach dem Amte wird wieder der Primizsegen erteilt. 

Der Primiziant geht nun mit den Geistlichen in den Widen, um dort zu früh- 
stücken. Die liturgischen Kleider hat er schon in der Kirche abgelegt. Vor dem 
Widen wartet das Volk und die Musik, bis der Primiziant wieder herauskommt; 
dann gehts in lustigem Zuge zum Wirtshaus. 

Das Essen beginnt ungefähr um 11 Uhr. Zuerst kommt die Suppe; am vor- 
nehmsten ist Milzschnittensuppe. Die gewöhnlichen Leute, die nicht eigentlich 
zu den Primizgästen gehören, aber sich durch Aufstellen von Triumphbogen und 
ähnliche Arbeiten verdient gemacht haben, werden in einem anderen Räume, 
etwas weniger üppig, abgespeist. Sie erhalten zumeist Nudelsuppe mit Wurst, 
das Ideal der bäuerlichen Bevölkerung. Wein fliesst natürlich von allem Anfang 
an in Strömen. Besonders die Musikanten, die sich vor dem Wirtshaus auf- 
stellen und fleissig spielen, fühlen sich zu grossem Durst verpflichtet. Auch Bier 
wird getrunken. Als erster Gang folgt auf die Suppe regelmässig kalter Aufschnitt, 
besonders Schinken. Inzwischen wird es 12 Uhr. Der englische Gruss wird ge- 
betet. Draussen krachen die Polier. Man sagt sich gegenseitig guten Nach- 
mittag. Dann kommt das Rindfleisch. Nach diesem Gange folgt die erste Rede, 
die dem Primizprediger zufällt. Sie ist humoristisch gehalten und nimmt ins- 
besondere die Jugendzeit, die Freuden und Schmerzen der Studienjahre des 
Primizianten zum Thema. Der Rede folgt grosser Tusch, Pöllerkrachen und 
Hoch auf den Primizianten. 

Damit ist gewissermassen der offizielle Teil erledigt, und die Stimmung geht 
ins Gemütliche über. Braten folgt auf Braten, dann kommen Mehlspeisen, 
Bäckereien, Obst, Eis und wenn einer schon genug getan zu haben glaubt, muntern 
ihn die andern zum Essen und Trinken auf. Dabei werden viele Reden ge- 
schwungen. Gewöhnlich spricht noch der Dekan auf die Eltern und Wohltäter 
des Primizianten, der Pfarrer, der Vorsteher, ein Studienfreund usw. Am Schlüsse 
auch noch der Primiziant; er richtet seine Dankesworte an die Eltern, den Orts- 
pfarrer, seine Wohltäter, an alle, die sich um die Primiz verdient gemacht oder 
daran beteiligt haben. Nach dieser Rede folgt ein grosses Anstossen und Leben- 
lassen. Nicht selten traten dann noch Kinder in Nationaltracht auf, die Gedichte 
deklamieren und Blumensträusse überbringen. 



Kleine Mitteilungen. 75 

Um 2 Uhr beginnt, durch Pöllerschüsse eingeleitet, die Vesper, zu der sich 
der Primiziant, die Geistlichkeit, und wer sonst noch will, entfernen. Die meisten 
bleiben im Wirtshaus und tun sich ungezwungen gütlich. Es ist unglaublich, 
was die Bauern bei solchen Gelegenheiten vertilgen können. Dass diese Gelage 
früher masslosen Umfang angenommen haben, lehrt wieder eine Verordnung aus 
der Zeit Maria Theresias^), die die bei Hochzeiten und Primizen üblichem Gelage 
und Tänze der Bürger und Bauern von drei Tagen auf einen einschränkt. In 
Tirol ist man ja verhältnismässig recht bescheiden. In Niederösterreich hingegen 
herrschen z. B. noch Esssitten, die an Zustände des 15. und 16. Jahrhunderts 
erinnern. Nach der Vesper, die nicht sehr lange dauert und mit dem Segen, zu 
dem wieder gepöllert wird, schliesst, setzt das Essen ganz obligat wieder mit ge- 
backenen Schnitzeln ein. Die frohe Stimmung steigt immer höher an; es werden 
nun heitere Gesänge, in unserer Gegend jedoch kaum mehr Volkslieder oder 
eigene Dichtungen vorgetragen. Den Chor bestreiten meist sangestüchtige Geist- 
liche, Theologen, Studenten und Lehrer. Dass besonders letzteren früher das 
Musizieren und Singen bei Hochzeiten, Kirchtagen und ähnlichen Anlässen über- 
tragen war und oft zu Unzukömmlichkeiten führte, zeigt uns das Verbot, das Maria 
Theresia dagegen erliess"). Auch das Brautstehlen wird, wo es noch Sitte ist, in 
diesen vorgerückten Stunden besorgt. Gewöhnlich wird die Primizbraut von 
Theologen in ein benachbartes Wirtshaus entführt. Der Primiziant muss sie 
suchen und durch Bezahlung der Zeche auslösen. 

Den Beschluss des Mahles bildet auf jeden Fall das Anschneiden der Torten 
und der Kaffee. In früheren Zeiten waren Krapfen üblich. Die Torten sind in 
grosser Zahl vorhanden, viele mit Sprüchen und Darstellungen versehen. Eine 
derselben ist die Primiztorte. Sie steht an der Tafel vor dem Primizianten und 
ragt durch einen besonders hohen Aufbau, häufig auch durch eine Darstellung 
des Primizianten am Altar aus Zucker, hervor. Jeder Primizgast hat das Recht, 
für seine Angehörigen etwas von den Speisen mitzunehmen. Man heisst das die 
Aschneatlen. Die Gäste werden von den Angehörigen des Primizianten auf- 
gefordert, nur ungeniert einzustecken; es gehört zum guten Ton, sich zu weigern. 
Es kommt da oft zu lustigen Szenen, wenn einer sich mit allen möglichen Redens- 
arten dagegen wehrt, etwas mitzunehmen, und es sich dann herausstellt, dass er 
die Taschen schon zum Platzen voll hat. Im Verlaufe des Nachmittags werden 
ferner auf Tellern die Primizbilder mit der Inschrift 'Andenken an das erste hl. 
Messopfer des N. N. in N. am soundsovielten' herumgereicht. Man nimmt sich 
davon, was einem gefällt. 

Beim Avemarialäuten wird wieder mitgebetet. Die Polier werden zum letzten 
Male losgelassen. Man wünscht sich gegenseitig guten Abend. Es wird dann 
nicht allzuspät Schluss gemacht. Gelegentlich findet noch ein Feuerwerk oder 
eine Bergbeleuchtung statt. Dann gehen die Geistlichen und die allernächsten 
Verwandten in den Widen, wo noch ein kleines Nachtessen wartet. 

Damit ist die Feier zu Ende. Der Primiziant verbringt die Tnge bis zur Be- 
rufung auf einen Posten durch den Bischof im Heimatsdorfe. Er wohnt nicht 
hei den Eltern, sondern im Pfarrhofe. Für die künftige Amtstätigkeit laufen bei 
ihm verschiedene Geschenke der Verwandten: Kelche, liturgische Kleider, Breviere, 
Messbücher, Versehbeutel u. dgl. ein; zumeist werden die Sachen schon zur 
Primiz mitgebracht. 

1) Hofdekret vom 24. Juni 1771 (k. k. Theresianisches Gesetzbuch (>, 36n\ 

2) Patent vom (i. Dezember 1774 (k. k. Theresianisches Gesetzbuch 7, 135). 



76 



Menghin, Behrend: 



Oben wurde erwähnt, dass der volkstümliche Gesang in der Meraner Gegend 
bei solchen Gelegenheiten nicht mehr gepflegt wird. Die Regensburger und 
andere Quartette haben ihn ganz verdrängt. Es ist aber nicht überall in Tirol 
so. Besonders im Puster- und Eisacktale blüht die Sitte noch, sowohl die Ein- 
ladungen zur Primiz ganz nach den bei der Hochzeit üblichen Formen vor- 
zunehmen, — Kohl veröffentlicht drei solcher Reimreden ^) — als auch während 
der Tafel eigens für den Tag gedichtete Lieder abzusingen. Kohl bringt ein 
geistliches Tafellied aus dem Eisacktale und eines aus Hochfilzen-Pillersee bei"). 
Ich verdanke die Handschrift eines solchen aus Reischach bei Bruneck wiederum 
der Liebenswürdigkeit P. Gaudentius Kochs. Es ist eigens für die Primiz, die 
zugleich mit der Hochzeit eines Bruders stattfand, gedichtet und sehr charakteristisch 
für die Gefühle, die das Volk einem solchen Feste entgegenbringt. Für Sprache 
und Wiedergabe gilt hier dasselbe wie beim oben abgedruckten Brautbegehren. 

Tafellied zur Primitz des H. H. Georg Kronbichler. 



1, Komt her, ihr geladenen Gäste, 
Du ganze versammelte Schaar, 

Heut zu diesen freudvollen Feste 

"Wie keines in Reischach nie war, 

Primitz und Hochzeit-Tag zugleich, 

wie freudenreich 

Heut für alle gleich, 

Ein Tag wie noch keiner nie 

War bei uns allhier 

Noch nie. 

Und der Vater feurt 

Den Geburt Tag heut 

Und das Namensfest 

Auf das allerbest. 

So wie durch acht und siebzig Jahr 

Nie kein Namenstag 

So schön war"). 

2. Du JörgP), du hast das errungen. 
Nach döu du dich lange gesehnt 

Und uns ist es auch nun gelungen, 
Dich Priester des Höchsten zu nenn, 
Des ist für dich a Himmelsglück 
Das dir Gott geschickt 
Und für uns a Glück 
In der Gmeuude in und aus, 
Freud in jeden Haus, 
lu und aus, 
welch große Freud 
Ist in der Gemeind, 
Wenn ein Nachbars*) Sohn 
Priester werden kan, 
Ist für die Gemeind a Zier 
Immer für und für, 
Eine Zier. 
Wien. 



3. Dir Vater vergun mir*^) die Freude, 
Die dir durch die Söhne zu Theil, 

Der eine in den Priester Kleide, 

Der Menschheit zum Wohle und Heil, 

Der andr als Baur in der Gemeind, 

Allen gut gemeint, 

Hat sich heut vereint 

Mit der Moidlan, seiner Braut, 

Die ihn anvertraut 

Als Braut 

Und die Moidl thuit') 

Als was recht und guit®), 

Schaugl, £0 wie sie kan, 

Geht ihn an die Hand. 

Regiert in Hause nach Gebühr 

Immer für und für 

Nach Gebühr. 

4. Geschwister, Verwandte und Freunde, 
Die ihr da versammelt hier seid, 

Ihr Nachbarn der Reischinger Gmeinde 

Denkt oft zurück an diese Freud 

Und danket Gott für diese Tag 

Und die große Gnad, 

Welche er uns hat 

Erwiesen uns zur größten Freud, 

Danket ihn allzeit. 

Nicht bloß heut. 

Diese Freiidenzeit 

Ins Gedächtnis schreibt. 

Diesen Freudentag, 

Der in Reischach war 

Im neunzehnhundert dritten Jahr, 

Da im Juli war 

Zwölfter Tag. 

Oswald Menghin. 



1) Kohl S. 186. — 2) Kohl S. 87. — 3) Der Vater war also 78 Jahre alt. — 4) Georg, 
der Primiziant. — 5) Nachbar hier in dem Südtirol vielfach gebräuchlichen Sinn 'Gemeinde- 
genosse'. — 6) Vergönnen wir. — 7) Pustertaler Ma. für tut. — 8 gut. 



Kleine Mitteilungen. 77 



Aus den Reiseberichten des Freiherrn Augustin von Slörsperg. 

Eine lange als verschollen geltende Chronik, über die zum erstenmal wieder 
Professor ^V agner in den Preussischen Jahrbüchern 73, 484: (1893) Kunde geben 
konnte, ist jüngst in den Besitz der neubegründeten Landesbibliothek zu Sonders- 
hausen gelangt und bildet ihren wertvollsten Schatz. Es ist: „Ein schönne 
lustige vnd warhafftige Erzellung vonn dem hochloblichen vnd Ritterlichen Sant 
Johan Ordens . . . . zue dem andere, was sich -bey meinen Zeitten in 14. Jaren 
von anno 1573 anfangent Namhafftigs vnd wirdigs zue wasser vnd land zuegetragen, 
zum dritten nach abzug von Malta was Ich nachgentz für lustige vnd fürneme 
Reisen durch ettliche Königreich in Europa . . . verricht vnd gesehen hab, dz 
alles In Kürtze In drey bücher, hie ein ander nach sovil möglichen durch mich 
Augustin Freiherr zu Mörsperg vnd Beffort, dises Ordens Ritter vnd commenden 
zu Sant Johan Dorlesheim, Bassell, Keraendorf vnd Rexingen, ordentlich be- 
schryben . . ." 

Der Freiherr von Mörsperg war ein tapferer und menschlicher Ordensritter, 
von schier ungebändigter Neubegier, vieler Menschen Städte und ihre Landsart 
kennen zu lernen; vor 1606 muss er noch im rüstigen Alter gestorben sein. Dem 
Historiker bleibt die Frage zu lösen, wie viele seiner Reisen in nordische Länder: 
Dänemark, Schweden, Norwegen, England und Schottland dem persönlichen Wunsch 
oder dem sachlichen Ordensinteresse entsprangen; beides wird sich miteinander 
verbunden haben, möchte ich zunächst annehmen. Der Freiherr beobachtet gut 
und weiss mit einem trockenen Humor zu erzählen, wenn auch seine Prosa zer- 
hackt ist. Starken Eindruck hat auf ihn der Hof der Königin Elisabeth gemacht; 
er bemerkt aber nüchtern-drastisch, dass man der gewaltsam jugendlichen, präch- 
tigen Königin anmerke, sie sei kein 'heurigs Häslein' mehr. — Wie schade, dass 
der Freiherr nicht genug englisch verstand; so flüchtet er aus den kurz gestreiften 
Theatern Londons zu den Hunden, Bären und Eseln und beobachtet bei den 
Tierkämpfen das erregt anteilnehmende Volk. 

Besonderen Wert verleihen der Handschrift die überaus zahlreichen, gut aus- 
geführten Bilder oft in Blattgrösse. Freilich, so sehr der Reisende auch den 
Schein zu erwecken sucht, als habe er die Menschen und Trachten an Ort und 
Stelle 'abreissen' lassen, so ist das ein naiver Täuschungsversuch; für die grössto 
Zahl der Trachtenbilder konnte mir ein Kenner wie Dr. Doege an unserem Kunst- 
gewerbemuseum binnen kurzem die Vorbilder älterer Reisewerke vor Augen 
führen; immerhin mögen einige (wie das Bild Bl. 187 ^ 'Wie die frauwen vnd 
megt zue Hamburg Im Karren ziehen miessen' und die bildliche Darstellung des 
Rattenfängers von Hameln, die wir unten bringen) bisher unbekannt sein. Kritische 
Betrachtung wird auf jeden Fall geboten sein; denn gleich am Eingang begegnet 
uns ein eingeklebter Stich mit der Unterschrift 'Augustin Freiherr zu Mörsperg\ 
Wir freuen uns, den kühnen Reisenden vor uns zu haben, und suchen Gesicht 
und Schicksal in Einklang zu bringen. Eine lateinische Umschrift, die früher 
überklebt war, kündet uns aber, dass der stattliche Ritter 'summus Caesarei 
exercitus Imperator illustrissimus princeps Carolus Mansfoldus coraes' sei; 
oder, sagen wir vorsichtiger, ihn vorstellen solle. 

Immerhin richtig gefasst, bleibt das Buch ein Kleinod. Mögen sich die 
Gönner finden, welche die vollständige Wiedergabe ermöglichen! Auch für die 
Volkskunde wird manches dabei abfallen; als Proben hebe ich folgende Teile 
heraus: 



78 



Behrend : 



I. Vom Rattenfänger zu Hameln^). 

Von der Stat Hamblen In Westfalen vnd von den 130 Kindern, so sich da 

verloren haben. 

Von Cassell wider fortzogen vff Minden, so 2 Meil, zuo Pfert nach, von 
Cassell laufet auch ein Wasser die Fulda genant, by Minden oberhalb in die 
Weser, können auch kleine schiff drauf faren. 

Zue Minden vff ein schiff gesessen vnd auf der Weser gefaren biß gen 
Hamblen, In Westfalen an Braunschwig, dohin ich dan Vorhabens vphar, so man 




Rechnet zu wasser 12. Mcil, jn drythalb dagen verriebt vnd vff der Weser durch- 
zogen oder für vber, nämlich [Hier fehlen zwei Zeilen]. 

Hamblen ein feyne Statt, dem hertzogen von Braunschwig zuestendig, an der 
Weser. Dieweil ich dan allerhant abenthür von disem Ortt gehört, jch selber es 
sehen vnd hören wolt, vnd nämlich mier nit allein von den fürnempsten des Rhatts 
vnd prediger, sonder menniglich bestettet whartt, das vor 308. Jar, do man zeit 
1284, vff Johanni vnd paulj Tag dohin komen sei ein pfiffer vnd spilman, mit einem 
bundten Kleidt von vil färben jn dise Statt, so vil wunders gedriben haben soll 
mit syner pfiffen, damit er jhnen vff ein kleine zeytt alle Ratten vnd meuß, durch 



1) Augustin von Mörsperg-, Reisebuch Reise 1592) Bl. l!)ob. — Vgl. Grimm, Deutsche 
Sagen ^ nr. 245. Dörries, Zs. des histor. Vereins f. Niedersachsen 1880, 169. Meinardus, 
Der historische Kern der Hameler Rattenfängersage (ebd. 1882, 25G). Jostes, Der Ratteu- 
fänger von Hameln (1896). Meissel, Die Sage vom Rattenfänger von Hameln (1907). 
Gutch, Folklore 3, 227. Bode, Des Knaben Wunderhorn 1909 S. 511. Schmidt, Studien 
zur vgl. Litg. 8, 125. 



Kleine Mitteilungen. 79 

sein pfiffen für die Stadt hiuaußer jn denn wasser fluß die Weser gefiert vnd 
bracht, dem sie all nachzogen, also vf ein schiffly gehalten uf dem wasser, biß 
sie all erseufft vnd vmbkoramen seint, deren ein vnsegliche wuest da gewesen 
sein soll. Vnd aber jme die Stat ein schlechte besoldung oder Vererung vmb 
ein gar geringers, ja ein spott gegen jrem Versprechen nach, so 30 golt gülden, 
geben wellen, das er nit annemen wollen. Sondern bald darnach an einem 
Sontag, dieweil man In der Kirchen gewesen, sein pfiffen wider braucht vnd hören 
lassen, do jme ein große menge Kinder, so do zu hauß bliben waren, nämlich 
130 Kinder von ettlichen straßen in der Stat, dardurch er pfiffen gieng, mit jme 
hinauß fhuerett für die Statt ettlich lOü Schrit gegen einem Bergly Calvariä genant, 
welches bergly sich aufgethon, dorin der pfiffer mitsampt seinen Rindern zogen, 
mit allenn sammen, biß auf eins, so vff der Strassen vnderwegs ligen bliben, aber 
Erstumet gewesen, also nur zeigen vnd nit hören können, vnd gedeut, wo die 
andern hinkommen seint, also solche Kinder mit grossem schrecken vnd klagen 
Jaraer[lich] verloren worden, das niemantz mer von jhnen gehortt hatt, wo sie 
hinkommen. 

Vnd solches factum die Statt jn jerem Ratsbuch geschrieben befindet vf Jar 
vnd dag, das die fürnempsten Ratsherrn vnd auch geistlichen mir das gezeuget 
war sein, vnd aber diser actus vf Johanni et pauli anno 1-284 sich begeben vnd 
wenig zuvor zu jhnen körnen. Dise geschieht ist an gar vilen ortten jn der Statt, 
Rathauß, Kirchen biß jn den Wirtsheusern nit allein abgemalt, sondern jn vil 
glaßfenstern gar artlich gemacht. Vnd hab hieneben, wie ich gesehen jn glaß 
fenstern, abmalen lassen. 

Also von der Zeit an hatt die Stat vnd Rhatt jn allen jeren schreyben zue 
Endt gebraucht, nämlich noch Cristus geburtt vnd was es den gewesen, vnd 
doran gesetzt: vnd nach vnser lieben Kinder außfartt, vnd auch so lang es dan 
geweßt, vnd noch erst vor wenig Jaren by menschen gedencken solcher brauch 
abgang wider [!]. Vnd noch vf diße stundt laßt man kein seittenspyl durch solche 
Straßen passieren by hocher straff, das hab jch gesehen. 

2. Von einer dänischen Bauernhochzeit. 

Von einer wunderbarlichen bauren hochtzeit jn Dennemarck gegen Nort- 
wegen zue, dahin jch geladen wart vnd kam. 

Anno 1592. Vff eynen Sontag ward Jacob Krabbe von eynem seyner Riehen 
Bauren geladen, vff ein Hochzeit, vff ein groß dennemarckisch dorff jme zuestendig, 
dahin er mich dan auch mit namb, erstlich zum kirchgang, volgentz zue der mittag 
Maltzeit. Da waren seltzam zue sehen die Ceremonien vnd gebreuch, wie klei- 
dungen. Dan die Hochzeitterin sonderlich [hatte] ein Rock vnd Kleidt'), blau- 
farb, vnd vberall mit kleinen silbern, auch vergulten blechly, von allerhant buech- 
staben, blumen, rosen, sterncn vnd zeichen vberzogen, wie hie vornne abgerißen, 
jtem ein breitte gürtel rott, auch also von allerhant Sachen, vnd wie schellen 
formiert, auch klingten vmblegt, den Kopf wunderbarlich zugericht; jn summa es 
glitzet gar fast. 

In einem iedera langen Haus'O von holtz gebaut, do die fenster oben jm 
dach, stuenden . 3 . langer disch, vberlegt mit proviant, vf einander gebigt vnd 



1 Am Rande steht: Notta. Jedes dorf oder gemein haben ein solch kleid für jere 
Hochtzeiterin. 

2) Am Rande: Dennemarckhisch aucli Nortwegischc Hochtzeit vnder den Baureu. 



30 Behrend, Philipp, Bolte: 

zusamengelegt, von brott oder langen kuchen, darzwischen von gedortten brot- 
würsten, schuncken, gedigenen^) gensen, huner, Caponen, allerhant gereucht fleisch, 
vnd auch wilpret vnd fisch, aber nichtz kocht, sonder wie man es auß dem rauch 
oder kemmern herab nimpt, vf ein halb elen hoch, vf einander gelegt, vnd [war] 
gleich wol ein provision Verbanden, das ein fendly knecht, ein dag oder zwee 
genuegsamb hatten gehabt. Do kam nichtz warmbs vf den disch, biß schier zuem 
lesten kam haber kerne ^) auch von körn vnd reiß, aber alles vf ein weiß kocht, 
in lautter butter wie jn erden schißlen, wart eim jeden gast ein schißel voll, mit 
4 oder 5. flnger hoch mit butter vberschwembt. Das fleischwerck wie auch fisch- 
werck von Laxen, Hechten, braxmen, vnd allerhant sortten, gleich wie das fleisch 
gedort, aß man also, schneyd jm ein jeder ein stuck ronder, wa jrae gefellig, 
bestreichs mit butter, vnd aß (zecht) dahin. Die gewonheit vnd hunger war in 
disem ort ein guetter koch. Dise provision lag vf ein ander ein halb elen hoch 
durch den disch außen, das kommerlich 4. oder 5. finger platz mer vf beiden selten 
whar vf dem disch. Was das gedrenck [anlanget], war guet starck hier, so man 
dranck nit auß glesern, sonder auß schisslen, nepfen, döpfen, kantten^), krügen, 
helfen, kublen, vnd allerhant geschir; aber die gemalten schisslen war der großt 
bracht, vnd groß gemalt leffell mit langen stilen. Das Haus oder Zimmer, dan 
doselbsten jedes Hauß ein sonder zimer ist, whar zimlich hell, wiewol es keine 
fenster vf der seitten [hatte], sonder oben jm dach ettlich wenig, do dorzue jrs 
Junckern Wappen jnstuent, vnd ein Zimer [hat] selten vber "2. fenster, aber den 
gantzen dag die son, die dorüber und dorin scheint, vnd dergleichen Heusser jn 
Nortvvegen vnd Schweden gewinlich seint. 

Große Ehr nach jerera brauch geschah vnß von disen leutten, aber mit 
hungrigen bauch wie auch durstig zogen wier vf den abent darvon, vf seiner 
Heußer eins gegen Nortwegen, zue flußhalm genant 2. meil, alda wier vnß er- 
quickten wider mit vnser gewonlicher proviant, vnd allein mier zue gefallen die 
seltzamen brauch diser lantzartt sehen wellen laßen; dan diser Erlich von Adel 
mier vil freintschafft vnd Ehr andhatt. 

üross-Lichterfelde. Fritz Behrend. 



Zum Bahrrecht. 

Die bisher veröffentlichten Belege über Ausübung des Bahrrechts auf deutschem 
Boden beziehen sich meines Wissens nur auf den Süden, vgl. diese Zeitschrift 
6, 208; Zs. f. dt. Altertum 39, 6 ff.; Elsässische Monatsschrift f. Gesch. u. Volks- 
kunde 1, 238 ff. und 436 ff. (1910). Auch das Bildchen 'Bahrprobe' bei Georg 
Steinhausen, Geschichte der deutschen Kultur^ (1913) S. 328, stammt aus Ober- 
deutschland: es ist entnommen aus Diebold Schillings Schweizerchronik (1507 — 13) 
in der Bürgerbibliothek zu Luzern. 

Für Mitteldeutschland kannte ich aus der mir zugänglichen Literatur bisher 
kein Beispiel. Erst ein kürzlich erschienenes Buch*) machte mich darauf auf- 



1) Gediegen - geräuchert, gedönt. 

2) Haberkerne = Hafergrütze. 

3) Kanten = Kannen. 

4) Edm. Wauer, Geschichte der Industriedörfer Eibau und Neueibau (Dresden 191B) 
S. 1(50 f. 



Kleine Mitteilungen. 81 

merksam, dass bereits vor zehn Jahren Aug. Weise in seinen Geschichtsbildern 
von Ebersbach ^) und Umgegend aus älterer Zeit (Ebersbach 1904) S. 79, folgende 
Stelle aus dem zweiten Löbauer Rügenbuch abgedruckt hat: „Dornstags den 
18. December 1557 ist von den königl.^_) Gerichten alhier zur Löbau ein peinlich 
Halsgericht vnd dingk gehalten, durch den Pronbothen publicirt vnd außgeschrien, 
darauf Brosig Windisch mit gebürlicher protestation ihm nahmen Christoff Webers, 
seyner Bruder vnd Freundschaft vorgetreten vnd gebethen, den ermordeten zu be- 
sichtigen. Dorauff ßoviel erschienen, daß ehr einen todtlichen schos vnter der 
rechten Achsel gehabt, daß ihm der Odem außgegangen vnd also davon hat sterben 
müssen. Dorauff ehr geklagt, daß Ihme Jurge Panewitz von der Eibe^) solchen 
schaden zugefügt vnd vom leben wider got, gleich vnd recht zum Tode bracht 
habe. Als aber Jurge Panewitz solches nicht geständig ist, ist er zur Leiche 
gefurt vnd dieselbe anrühren müssen vnd als er sie zum drittenmal angerührt, ist 
aus der wunden schwarze Jauche gelauffen." — Dies Zeugnis erscheint mir 
namentlich deshalb wertvoll, weil die Gegend, aus der es stammt, dem Deutschtum 
erst verhältnismässig spät gewonnen wurde, im wesentlichen erst im 13. Jahrh. 
Im Zusammenhang hiermit sei daran erinnert, dass der Brauch ausserhalb 
Deutschlands nicht nur in Nordfrankreich*) geübt wurde, dessen Bevölkerung ja 
einen starken germanischen Einschlag hat, sondern auch in England bekannt war. 
In Shakespeares Richard III. (I, 2) ruft Anna am offnen Sarge Heinrichs VI. 
in Gegenwart des Mörders^): 

0, gentlemen! see, see! dcad Heury's wounds 
Open their congeal'd mouths, and bleed afresh! 

Hierbei verweist Nie. Delius*^) auf des Dichters Landsmann Michael Drayton 
(aus Warwickshire, 1563 — 1631), der in einem seiner Sonette folgende Stelle hat: 

If the vile actor of the heinous deed 

Near the dead body happily be brought, 

Oft 't has been proved the breathless corse will bleed. 

Dresden. Oskar Philipp. 



Zur Wanderung der Schwankstoffe. 

I. Münchhausens Entenjagd. 

Unter den neun Geschichten, die Bürger 1786 seiner Verdeutschung von 
Raspes englischem 'Münchhausen' einfügte, um sie zwei Jahre später um weitere 
fünf Nummern zu vermehren, ist eine der eindrucksvollsten die Luftfahrt des 
ingeniösen Barons mit den listig gefangenen Enten, die im Schornsteine seines 
eignen Hauses ein überraschend glückliches Ende nimmt. An den von Müller- 
Fraureuth'') und Grisebach^j nachgewiesenen älteren Parallelen kann man die 

1) Südwestlich von Löbau, Oberlausitz. 

2) Löbau gehörte damals, wie überhaupt die Oberlausitz, zum Königreich Böhmen. 

3) Dorf Eibau, nordwestlich von Zittau. 

4) Oben 6, 208; Zs. f. dt. Altert. 39, G. 

5) Die Stelle erwähnt schon Bieger in seiner Schulausgabe des Nibelungenlieds ^ 
(Leipzig 1908) S. 65. 

6^ Shakspere's Werke« i;i876) 1, 994. 

7) Müller-Fraureuth, Die deutschen Lügendichtungen 1881 S. 70. 136. 

8) Wunderbare Reisen des Freyherru von Münchhausen hsg. von Grisebach 1890 
S. 16 und XXXVL 

Zeitschr. d. Vereins t. Volkskunde. 1914. lieft 1. li 



82 



Bolte: 



Entstehung dieses Lügenschwankes aus geringen Anfängen studieren. Im Volks- 
buch vom Eulenspiegel (1515 cap. 8) foppt der Held einen geizigen Bauern, 
indem er dessen Hühnern Fäden, an denen Brotstückchen angebunden sind, hin- 
wirft, und ergötzt sich daran, daß die Hühner danach schnappen und sich um 
das Luder ziehen, d. h, Strebekatze spielen'). Bleibt es hier bei einem blossen 
Schabernack, so zieht in dem 1579 erschienenen französischen Schwankbuche 'La 
nouvelle fabrique des excellens traits de verite' von Philippe d'Alcripe^) ein 
schlauer Vogelsteller Nicolas des Murs aus einer ähnlichen List besondern Vorteil; 
er wirft den Kranichen eine an eine Angelschnur gebundene Bohne hin, die vom 
ersten verschluckt bald unverdaut hinten herauskommt, vom zweiten aufgerafft 
wird und so fort, bis Nicolas alle Vögel packt und heimträgt, wenn sie auch 
anfangs mit ihm in die Höhe flattern (combien qu'il fut enleve assez haut de 
terre). Diese Entführung durch die Luft ist in der Jagdgeschichte des Vincentius 
Ladislaus beim Herzog Heinrich Julius von Braunschweig^) und in einigen 
späteren von MüUer-Praureuth zitierten Schwankbüchern zur Hauptsache geworden: 
ein Schütz, der zwölf Kraniche mit einem Schrotschuss verwundet und eilig in 
den Gürtel gesteckt hat, wird von den sich wieder erholenden Vögeln in die Ferne ent- 
führt. In einer neuerdings aufgezeichneten brandenburgischen Sage*) sind 
es nicht Kraniche, sondern Wildgänse, die von dem aus einem lecken Fass auf 
den Weg geflossenen Spiritus trinken und betäubt daliegen. Ein Schneider kommt 
des Weges und steckt die gefundenen Gänse mit den Hälsen in seinen Gürtel. 
Allmählich aber erwachen diese aus ihrem Rausch, regen die Flügel und tragen 
den Schneider durch die Luft davon. 

Münchhausens Abenteuer entspricht am meisten der französischen Jagd- 
geschichte, die nach Grisebach auch Bürgers Vorlage bildete. Wenn man aber 
die nachstehende Geschichte vom Entenfange durch einen Bindfaden mit einem 
Speckköder liest, die dem ersten Teile von Bürgers Erzählung auffällig gleicht, 
wird man mindestens zugeben müssen, dass Philippe d'Alcripe nicht die einzige 
Quelle Bürgers war. Ich entnehme sie einem bisher kaum beachteten Abenteuer- 
romane, der sowohl als Nachahmung von Grimmeishausens Rriegsschilderungen 
als durch die eingelegten galanten Lieder^) interessiert: Der verkehrte doch 
wiederbekehrte | Soldat, 1 Adrian Wurmfeld | von Orsoy, ] . . . Durch Crispinum 



Ij Vgl. über dies Spiel Bolte-Seelmann, Niederdeutsche Schauspiele 1895 S. *31. Zs. 
f. Volkskunde 17, 244. Alemannia 35, 126. 

2) Neudruck, Paris 1853 S. 66. Übernommen von Du Moulinet, Facecieux devis 
1612p. 78. 

3) Heinrich Julius von Braunschweig, Schauspiele hsg. von Holland 1855 S. 536 
(1594) = Goedeke, Schwanke des 16. Jahrh. 1879 S. 69. — Dagegen fehlt in der Enten- 
geschichte der Zimmerischen Chronik 3, 568 = Goedeke S. 71 der Flug durch die Luft. 

4) Graffunder, Nachtrag zu den Sagen der Mark Brandenburg (Progr. Berlin 1912 
nr. 99) S. 20 'Der Schneider von Petersdorf'. Der Herausgeber vergleicht damit Lokis 
Abenteuer mit dem Adlerriesen Thjazi (Herrmann, Nord. Mythologie 1903 S. 439). 

5) S. 8 ein Tabakslied: 'Hab ich schon itzund nichts dann dieses dürre Kraut' 
(5 Str.). — S. 12 ein March-Liedgen: 'Frisch auff, frisch auff, Soldaten-Blut, Frisch auff, 
erhebe deinen Muth' (4 Str.; ähnlich Kopp, Ältere Liedersammlungen 1906 S. 87). — 
S. 15 ein Liebeslied: 'Schwartzes Mädgen, meine Freude' (6 Str. Chr. Weise, Überflüssige 
Gedanken 2, 52. 1674). — S. 17: 'Gesteh es nur, mein Kind, und lächle nicht zu viel' 
(7 Str. — Aus Clodius hsl. Liederbuch von 1669 nr. 65 bei Blümml, Futilitates 3, 41. 1908 
und bei Hoffmannswaldau, Gedichte 1, 33. 1695). — S. 18: 'Soldaten-Manier Erfordert 
nicht hier' (2 Str.). 



Kleine Mitteilungen. 83 

Bonifacium | Von Düsseldorp |1 Gedruckt im Jahr 1675. (39 S. 4 ». _ Berlin 
Pb 11080). Hier steht auf S. 20 folgendes Abenteuer des Helden: 

Als er sich einmahls zu Fusse in das Holtz geschlichen, ein Wildpret zu suchen, hat 
er einen grossen Teich angetroifen, auff welchem sich sehr viel wilde Endten befunden^ 
weil er aher keine Schrot-büchse nicht bey sich, und mit seinem Carbiner nicht viel 
würde außgerichtet haben, als brauchte er diese List. Er nahm einen Knaul Bindfaden^ 
machte unten ein Stückgen Speck sehr fest an, und ließ es auff dem Wasser hin schwimmen^ 
er aber versteckte sich in dem Schliff und laurte, biß die Endten deß Specks gewahr 
worden, da schwuramon sie mit grossem Geschrey darauff [21] zu. Die erste, auß Beysorg, 
die andern möchte ihrs wegrauben, verschluckte den Speck sehr geitzig, und worgte sich 
wegen deß Bindfadens so starck ab, biß der glatte Speck ihr durch den hintersten fahr, 
welchen flugs eine andere erschnappte, der es wie der ersten ergieng, woraufi auch die 
dritte herbey kam, mit welcher sichs gleichfalls nicht anders ereignete, also daß Adrian 
auff einem Zug drey Enden an einem Bindfaden hinter einander herauß ziehen und ihnen 
die Hälse umbdrehen konte. 

Ähnlich lautet eine klein russische Erzählung- 'Wie ein Jäger Gänse ohne 
einen Schuss eingefangen' ^;. 

2. Die misslungene Ehestiftung Friedrich Wilhelms I. 

Über den Ruhm Friedrichs des Grossen beim niederen Volke erzählt der 
Turnvater F. L. Jahn 2) im Jahre 1800: 

'Im Vaterlande und Auslande wurden nun bald alle Begebenheiten, welche Volks- 
sagen fortpflanzten, auf den großen König übergetragen. So wie im Orient noch jetzt 
alles Merkwürdige, die größten Denkmäler und wichtigsten Unternehmungen Alexander, 
dem großen Eroberer, zugeschrieben werden, so wurde in Preußen und Deutschland fast 
alles Vergangene dem großen König angedichtet. Auf Eeisen durch Preußen und 
Deutschland habe ich in verschiedenen Ländern die Volkssage erzählen gehört, welche 
der treffliche Bürger in seinem Abt von St. Gallen verewigt hat»). In Preußen und an- 
grenzenden Landen ist der Kaiser aus diesem lustigen Märchen verschwunden, Friedrich 
der Große ist an seine Stelle gekommen, aber der Geistliche und Schäferknecht haben 
sich behauptet.' 

Diese Beobachtung Jahns lässt sich, wie hoffentlich nächstens ein besonderer 
Aufsatz in diesen Blättern genauer schildern wird, auch aus späterer Zeit vielfach 
belegen. In geringerem Masse als die Gestalt Friedrichs IL hat die seines Vaters, 
des strengen und sparsamen Königs Friedrich Wilhelm I , sich im Andenken des 
Volkes fortgepflanzt und dessen Phantasie beschäftigt. Immerhin hat seine Lieb- 
haberei für die 'langen Kerls' seiner Garde mindestens in einem Falle eine ähn- 
liche Anekdotenübertragung wie die von Jahn beschriebene veranlasst. In einem 
lesenswerten Aufsatze machte E. Damköhler*) darauf aufmerksam, dass sich 
in dem umfänglichen Romane Herzog Anton Ulrichs von Hiaunschweig 'Die 
römische Octavia' eine Episode finde, die auffällig mit einer Begebenheit aus dem 



1) Tarasevskyj, Hnatjuk und Krauss, Das Geschlechtleben des ukrainischen Bauern- 
volkes 1, 55 nr. 83 (190'.»). 

2) Über die Beförderung des Patriotismus im Preussischen Reiche (unter dem 
Pseudonym 0. C. C. Höpffner gedruckt Halle 1800) S. 7 = Jahn, Werke 1, 4 (Hof 1884). 

3) Vgl. Oesterley zu Pauli, Schimpf und Ernst nr. 55. R. Köhler, Kl. Schriften 1, 82. 
267. 492. Grimm, KHM. nr. 152 'Das Hirtenbüblein'. Eine Monographie wird von 
Dr. W. Anderson in Kasan vorbereitet. 

4) Zeitschrift für den deutschen Unterricht 22, 595—599 'Anekdotenübertragung' (1908). 

6* 



84 



Bolte: 



Leben des preussischen Königs übereinstimme. In der unvollendeten letzten, 
siebenbändigen Bearbeitung der Oetavia, die in den Jahren 1712—1714 erschien, 
berichtet der Gesandte Vatinius über Julius Vindex, den römischen Statthalter in 
Aquitanien, (5, G3) folgendes: 

Es hatte Julius Vindex sich fürgenommen, unter seine Leib-Wache lauter grosse 
starkke ansehnliche Kerls zu nehmen, und war damit nicht vergnügt, daß die für ihre 
Persohn und bey selbiger Zeit solcher gestalt angeschaffet wurden, besondern er wolte 
auch diese grossen Arth auf die Nachkommen fortgepflantzet wissen; daher musten alle 
diese grosse Soldaten sich mit den grossesten Weibs-Bildern, die man nur im Lande 
ausfinden konte, vereidigen, daß sonder eintzige Ein- noch Wiederrede öffters Leuthe zu- 
sammen kamen, die sich vorhin nie gesehen hatten, auch die geringste Zuneigung einer 
zu dem andern in sich nicht entfunden. 

Gleich wie nun zu dieser Musterung sich sehr viele Zuschauer, so mehrentheils iu 
Land-Volcke bestunden, einfanden, also muste es sich auch so fügen, daß Julius Vindex 
unter denen Weibes-Leuthen eine überaus grosse Dirne erblickte, die ihm gleich so für 
käme, daß sie sich für einen seiner Soldaten schickte. Er erkiesete demnach eineu darzu, 
der unferne von dar unter deu damahUgen Obristen Aelius Gracilis eingelagert war, an 
welchen Obristen danu sofort ein schrifftlicher Befehl ergienge, daß er vorerwehnten Sol- 
daten mit derjenigen, die ihn diesen Befehl zubringen würde, gleich solte trauen lassen. 
Diese Dirne nun, welcher solches nicht anstünde, muste zwar gehorsahmen und mit den 
Befehl fortwandern; unterwegens aber traffe sie eine alte Frau an, welcher sie den Brief 
gäbe, mit Bitte selbigen an ihrer statt den Aelius Gracilis zu überbringen. 

Die guthertzige Alte an nichtes arges gedenckend, Hesse sich mit diesem Schreiben 
gantz gutwillig beladen, welches sie auch dem Aelius Gracilis sofort überbrachte, der den 
Befehl des Julius Vindex ersehend, nicht wüste, wie er daran war, und es dahin aus- 
deutend, als wann diesem Soldaten zu sonderbahrer Straffe dis alte Weib solte gegeben 
werden, forschete er nicht ferners nach, wie es hierum bewand, besondern aus der Er- 
fahrung wol wissend, daß Julius Vindex ohne einige Wiederrede gehorchet wolte seyn, 
Hesse er die Alte in eine Neben-Kammer treten und den Soldaten auch zu sich fordern, 
deme er bedeutete, daß zufolge des erhaltenen schrifftlichen Befehls er ihn sogleich eine 
Frau solte geben lassen. Der Soldat aus schuldigem Gehorsam war hiezu sofort bereit, 
mit Verlangen erwartend diejenige zu sehen, so man ihme bestimmet, worauf dann Aelius 
Gracilis das alte Weib zum Vorschein kommen Hesse. Man kan sich leicht einbilden, 
wie dieser junge Kerl bey Ansichtigung derselben, wie nicht weniger die Alte bestürzt 
müsse seyn geworden; massen die, als ihr dieser Fürtrag auch geschähe, fast sinnloß 
bHebe, daß sie einen so jungen Menschen nehmen solte, der unmügHch wohl mit ihr 
würde hausen können. Ihrer beider Wiederreden halöe aber nichtes, weil der gemessene 
Befehl des Stadthalters da war, sondern es muste sofort ein Druide erscheinen, der die 
gewöhnHchen Gebräuche bey der Hochzeit solte verrichten. Die Verzweifflung demnach, 
so den gezwungenen Bräutigam und die gezwungene Braut darauf überfiele, verursachte, 
daß sie an statt sich die ehHche Hand zu geben, sich beiderseits einander in die Haare 
fielen und mit allen Kräfften sich zur wehre setzeten. Da dann der starcke Soldat die 
schwache Frau dergestalt zurichtete, daß, ehe man diese Gewaltthätigkeiten steuren 
konte, sie von Eyfer, Schrecken und von ihres Bräutigams plumpen Umfahungen nicht 
allein ohnmächtig wurde, sondern auch darauf so schwehrlich befiele, daß unumgängHch 
die Vertrauung aufgeschoben muste werden. 

Einige Tage nach der verrichteten Musterung bekäme Julius Vindex von dem Aelius 
GraciHs hievon Bericht, der also lautete: Daß, so gerne er auch dem Befehl des Stadt- 
haiters sofort woUen ein Genügen thun, die WiedersetzHchkeit der beiden Persohnen 
dennoch so groß gewesen wäre, daß er noch zur Zeit damit inhalten müssen. Juhus 
Vindex, der aus diesem Bericht nicht erfahren, daß ein Irrthum in der Persohn für- 
gegangen, ergrimmete dergestalt auf den Soldaten, daß der an Händen und Füßen ge- 
schlossen, sofort ins Lager gebracht muste werden, da man seines Ungehorsams halber 
ihn zum Tode verdammete und sogleich auf den Richtplatz führte, allwo er getödtet 



Kleine Mitteilungen. 85 

solte -R-erden. Die Neugierigkeit brachte daselbst viel Volck zusammen, unter denen sich 
dann auch nebst andern die grosse Dirne befunde, so dieses Spiel angerichtet, die, den 
jungen frischen Soldaten ersehend, deme man sie bestimmet gehabt, in sich ein Mit- 
leiden empfände und, um ihn vom Tode zu retten, alles bekannte, wie sie es damit an- 
gefangen. So sehr des Julius Vindex Zorn zuvor entbrandt gewesen, so sehr verwandelte 
sich derselbe hierauf in ein gnädiges Urtheil, daß sowohl der Dirne ihr Fürwitz, als dem 
Soldaten sein Ungehorsam vergeben und sie beide darauf mit einander verehlicht wurden. 

Die entsprechende Geschichte über den preussischen Soldaten, für die Dam- 
köhler nur K. F. Beckers Weltgeschichte 7, 274 (1886) als Beleg anfuhrt, ist oft 
erzählt und bearbeitet worden^); ich setze sie nach dem ältesten mir bekannten 
Bericht in dem 11. Bande der 'Karakterzüge aus dem Leben König Friedrich 
Wilhelm I.' (Berlin 1797) S. 98—104 her: 

Einst befand sich der König auf einen Spatzierritt in der Nachbarschaft von Pots- 
dam, als ihm auf dem Wege ein wohlgewachsenes Mädgen entgegen kam. Ihre ansehn- 
liche Leibesgestalt fiel ihm gleich in die Augen. Er wandte sich zu den ihn begleitenden 
Generaladjutanten von Derschau^) und sagte zu ihm: Nicht wahr, das wäre so ein Mädgen 
für MackdoU? (Dies war ein Irrländer, der bei den groi3en Grenadiers stand, und welcher 
dem Könige sehr gefiel, indem er ein schöner Kerl war.) Derschau wagte es nicht zu 
widersprechen und gab dem Monarchen geradehin Beytall. Wo willst du hin? fragte 
hierauf der König dem [!J Mädgen. Diese, welche ihn nicht kannte, antwortete ganz 
schüchtern: Nach Potsdam, lieber Herr. — So? fuhr der König fort, willst du mir wohl 
einen Gefallen thun und etwas an den Kommandanten da zu [!] bestellen? — Warum 
nicht, antwortete das Mädgen. Sogleich mußte Derschau ein Blatt Papier aus der Brief- 
tasche geben, worauf der König schrieb: Sobald Überbringerin dieses zu euch kömmt, so 
laßt sie ohne Verzug und Widerrede dem Mackdoll antrauen. Dies Blatt schlug der 
König zusammen, gab es dem Mädgen und band es ihr recht ernstlich ein, es ja sogleich 
abzugeben, welches sie zuversichtlich versprach. Hierauf schenkte er ihr einen Gulden 
und verließ sie, mit sich selbst vergnügt, ein gutes Werk gestiftet zu haben, und zu- 
frieden, daß sein Mackdoll eine so gute Frau bekommen würde. 

Inzwischen dachte das Mädgen nach, was das wohl zu bedeuten haben möchte. Ein 
Gulden für den kleinen Dienst schien ihr zu viel, und da sie etwas blöde war und nicht 
lesen konnte, so sann sie nach, wie sie sich dieser ihr verdrießlichen Kommission ent- 
ledigen könnte. Indem sie darauf dachte, begegnete ihr kurz vor Potsdam ein altes 
Weib, welches sie anredete und ihr sagte, sie hätte eine Bestellung bei einem Officier in 
Potsdam, der der Kommandant hieße; da sie aber nicht gerne bei Oi'ticiere ginge, weil 
die Herren nicht immer mit den Mädgen gut umgingen, so wollte sie ihr einige Groschen 
geben, wenn sie die Mühe übernähme und dies Billet an den Kommandanten abgeben 
wollte. Das Weib versicherte, daß sie diesen Kommandanten wohl kenne, daher sie keine 
Bedenklichkeit fände, für diese kleine Mühe einige Groschen zu verdienen, und versprach 
alles wohl auszurichten. Das Mädgen gab ihr mit Freuden das Billet nebst einigen 
Groschen, und darauf schieden sie. 

Sogleich ging das Weib zum Kommandanten, der das Billet durchlas, fand, daß 
es*) mit des Königs Hand geschrieben war, sähe aber mit Verwunderung das Weib 
von oben bis unten an und konnte nicht begreifen, wie der Monarch zu dieser Idee ge- 



1) Fr. Förster, Friedrich Wilhelm 1. König von Preußen 2, oüO (Potsdam 1835); 
A. Streckfuß, 500 Jahre Berliner Geschichte 1880 S. 310; Julius v. Voß, Berlin 1724 (Lust- 
spiele für das kgl. Hoftheater zu Berlin 1824. J. Hahn, J. v. Voß 1910 S. 130) usw. 

2) Der Generaladjutant CR. v. Derschau, Major, später Oberst beim Forcadischen 
Infanterie -Regiment, ITiJS Kommandeur des späteren Regiments Prinz von Preußen, 
t 1742, war ein Liebling des Königs (Beneckendorf 1, 89, 2, 37. AUg. dt. Biographic 5, (i7). 

3' er] Druck. 



86 Bolte: 

kommen wäre, mit einem solchen abgelebten Gerippe einen so schönen Kerl, als der 
Grenadier war, zu verheirathen. Inzwischen beschloß er zu gehorsamen. Mackdoll 
mußte erscheinen, ein Prediger gleichfalls, und nachdem er ihnen des Königs Willen be- 
kannt gemacht hatte, befahl er die Trauung vorzunehmen. Mackdoll wollte unsinnig 
werden und protestirte dagegen aus allen Kräften. Das half aber zu nichts, da ihm der 
der Kommandant die Ordre des Königs vorzeigte und sagte, daß dawider nichts einzu- 
wenden sey: er müsse sich fügen. Nach der vollzogenen Kopulation, die sehr unruhig 
herging, ließ der Kommandant das neue Paar in Mackdolls Quartier eskortiren, weil 
letzterer von nichts wissen wollte und seiner neuen Gattin, die ebenfalls nicht begreifen 
konnte, wie ihr geschehen und ganz stumm geworden war, eine nicht geringe Anzahl 
Rippenstösse beibrachte, die sie nicht verdient hatte. 

Kaum war der König auf den Abend zurückgekommen, als er nachfragen ließ, ob 
der Kommandant seine Ordres vollzogen habe und Mackdoll kopuliren lassen. Dieser 
ließ zurück melden, er hätte Sr. Majestät Befehl zwar gehorsamst beobachtet, allein er 
befürchte, daß ein Unglück entstehen werde, weil sich das Paar unmöglich für einander 
schicke. Der Kerl ist ein Narr, sagte der König lächelnd, sie werden sich wohl an ein- 
ander gewöhnen. In der Abendgesellschaft sprach er noch viel von der gestifteten 
Heirath und versicherte, daß man seinem Beispiele, stets Gutes zu thun, wo man könne, 
nachzuahmen sehr wohl thun würde. 

Am folgenden Tage ganz früh trat Mackdoll den Monarchen an und beklagte sich 
gegen ihn heftig, daß man ihn mit Gewalt und wider seinen Willen mit einem so häß- 
lichen alten Thiere zusammengebracht und auf dessen Befehl kopulirt hätte. Der König 
wunderte sich über diesen Ausdruck sehr und erwiederte, er müsse keine Augen im Kopfe 
haben, um das artige Mädgen zu sehn, das er selbst für ihn gewählet hätte und von 
dem er zuverlässig glaube, daß er mit ihr glücklich sein werde, wozu er denn noch 
übrigens alles weiter beitragen wolle. Mackdoll wußte gar nicht mehr, was er sagen 
und vorbringen sollte, um sein Unglück zu schildern; so unzusammenhängend und wun- 
derbar war ihm alles, was mit ihm vorgegangen war. Inzwischen nahm er nochmals alle 
seine rednerische Kräfte zusammen, beschrieb dem Könige das alte Weib, so gut er 
konnte, indem er gebrochenes Deutsch sprach, und fragte, ob er wohl mit einem solchen 
Geschöpfe glücklich seyn könnte; lieber wolle er sich ersäufen als das Ungeheuer länger 
um sich leiden. Der König wüste nun auch nicht aus der Sache klug zu werden und befahl, 
den Kommandanten sowohl als die neue Frau eiligst vor ihm zu bringen. 

Als sie gekommen waren und der König die letztere erblickte, wußte er gar nicht,- 
was er zu diesem allen sagen sollte, und schwieg einige Minuten ganz ernsthaft still 
Mackdoll rief nun aus: Nun, Ew. Majestäten, sehen Sie nun das schöne Thier! Mit der 
soll ich leben! Lieber todtl — Hierauf erzählte der Kommandant dem Könige, wie alles 
geschehen sei, und dieser merkte nun wohl, daß das Mädgen ihn, den Kommandanten 
und am meisten den armen Mackdoll hintergangen habe. Er schalt heftig darauf und 
verlangte, dass man die H . . . aufsuchen sollte; die sich aber nirgend finden lassen wollte. 
Mackdolls Ehe ward sogleich für null und nichtig erkläret, und dieser erhielt ein Ge- 
schenk, um alles wieder zu vergessen. 

Über die enge Verwandtschaft dieser beiden Anekdoten kann kein Zweifel 
herrschen, ebensowenig darüber, dass die Lösung bei Anton Ulrich durch den 
Jähzorn des Statthalters, der den armen Ehemann wider Willen zum Tode ver- 
urteilt, und durch das Schuldbekenntnis der reuigen Dirne bedeutend romanhafter 
und effektvoller wirkt als der zahme 'Schluss der Potsdamer Geschichte, wo der 
König die Ehe aufhebt und den bedauernswerten Soldaten durch ein Geschenk 
tröstet. Nun hat Damköhler (Zs. f. dt. Unterricht 22, 598) darauf hingewiesen, 
dass die Erzählung noch nicht in der vorhergehenden sechsbändigen Ausgabe der 
Octavia von 1711 steht und somit vom Herzog 1712 oder 1713 hinzugefügt sein 
muss^), dass ferner Friedrich Wilhelm I. am 25. Februar 1713 den preussischen 

1) Über die bis zu seinem Lebensende währende Arbeit des Herzogs Anton Ulrich 



Kleine Mitteilungen. 87 

Thron bestieg und möglicherweise ein Vorfall aus den ersten Monaten seiner 
Regierung den Anlass zu jener Einschaltung in den Roman lieferte^). Diese 
Möglichkeit jedoch erscheint an sich wenig glaublich und verliert noch mehr an 
Wahrscheinlichkeit, wenn man das älteste Zeugnis für die Potsdamer Geschichte 
näher ins Auge fasst. Die 11. Sammlung der 'Karakterzüge' nämlich ist nicht wie 
die voraufgehenden 10 Bände von dem Präsidenten K. F. v. Beneckendorf 
(f 1788), sondern von einem wenig gebildeten, breit erzählenden Anonymus ver- 
fasst, der in der Vorrede S. 4f. selber bekennt: 'Um diese Sammlungen nicht 
allein zu vermehren, zu ergänzen und vollständiger zu machen, hat man alles auf- 
gesucht, was dazu dienen kann .... Und wenn es auch seyn sollte, daß eine 
oder die andere Anekdote nicht ganz so der Wahrheit gemäss vorgetragen wäre, 
als es bey näherer Kenntniß mit ächten Quellen hätte seyn können, so thut dies 
zur Sache wenig oder nichts, indem sie doch immer in den [!] Ton abgefaßt ist, 
in welchem sie sich bis jetzt von Mund zu Mund erhalten hat, und also wird sie 
stets eine Art von Eigenthümlichkeit behalten, welche sie der Aufbewahrung werth 
macht.' — Es ist also nach dem eigenen Geständnis des Verfassers eine trübe 
Quelle, aus der die späteren Berichterstatter wie Friedrich Förster, K. F. Becker 
usw. geschöpft haben, und trotz der bestimmt auftretenden Personennamen 
V. Derschau und MacDoll werden wir ihr so wenig Glauben schenken, als etwa 
der Anekdote vom BrotlöfTel, den der alte Ziethen an der Tafel Friedrichs des 
Grossen improvisierte^). Entweder stammt die Potsdamer Geschichte aus der 
Römischen Octavia oder aus einer noch unbekannten älteren Vorlage für diese ^) 
ab und ist später auf den durch eine Vorliebe für hochgewachsene Soldaten be- 
kannten Friedrich Wilhelm I. übertragen worden. 

3. 'Hast du denn mehr?' 

Vor einigen Jahren ging eine Geschichte durch die Zeitungen, die dem Herzog 
Johann Albrecht von Mecklenburg bei einem Aufenthalte auf einem mecklen- 
burgischen Rittergute begegnet sein sollte, als er frühmorgens allein umher- 
wandelnd, sich mit einem Hütejungen unterhielt. Genau dieselbe Geschichte finde 
ich jetzt bei einem vergessenen oldenburgischen Schriftsteller G. A. von Halem 
wieder, der sie vor mehr als hundert Jahren in seinen Schriften 1, 269 — 275 
(Münster 1803) von einem alten Herzoge von Baiern erzählt. Bei einer Unter- 
haltung über den Ausspruch des Sokrates, Genügsamkeit sei der natürlichste Reich- 
tum, berichtet der Herzog folgendes Erlebnis (S. 274): 



an seinem grossen Eomane vgl. Zimmermann, Braunschweigisches Magazin 7, 90. 102 
(1901); auch Bolte, Zs. f. vgl. Literaturgeschichte 3, 454. 

1) Dass Anton Ulrich vielfach Anspielungen auf zeitgenössische Ereignisse und Per- 
sonen einflocht, ist bekannt: doch existiert gerade zur 'Gesandtschaft des Vatinius' (4. Aus- 
gabe 1712 5, 57—67) kein Schlüssel: s. Zimmermauu, Br;iuuschweigisches Magazin 7, 108. 
Es gab aber auch vor dem preussischen Könige Fürsten, die auf eine Garde von Riesen 
ausserordentlichen Wert legteu und dadurch dem brauuschweigischen Herzoge Anlass zu 
einem kleinen Stichelschwanke geben konnten. 

2) Vgl. darüber Bolte, Forschungen zur braudeuburgisch- preussischen Geschichte 
11, 204 (1898). 

3) Vielleicht deuten auf eine solche gedruckte Quelle die Schlussworte des Vatinius 
bei Anton Ulrich: 'Des damahls berühmten Petronius seine nunmehr bekannte Schrifft 
Eustion hat diese Begebenheit gar artig ausgefnhret . . . gleichwie ich bey meinem Herrn, 
den Calpurnius Piso, selbige nachdem mit meiner großen Belustigung gelesen.' 



88 Bolte, Caland: 

Icli traf auf dem Felde, nahe bei der Wildbahn, einen Bauernknaben, der die Schafe 
hütete. Er kannte mich nicht. Ich liess mich mit ihm in ein Gespräch ein. 'Wie viel 
Lohn bekommst du?' — 'Ich habe Kost und Kleidung.' — 'Was mehr?' — 'Sonst nichts.' 
— 'Ei,' erwiderte ich, 'das ist doch zu wenig.' Der Knabe sah mich an von oben bis 
unten; dann fragte er schnell: 'Hast du denn mehr?' Die Frage machte mich stumm. 
So viel Wahrheit in vier Worten hatte ich noch nie gehört. Glaubt ihr's wohl, dass ich 
nicht das Herz hatte, dem genügsamen Buben Avas zu schenken? Ich ritt meines Weges. 

Berlin. Johannes Bolte. 



Der Schwank vom Zeichendisput in Litauen und Holland. 

Im 31. Heft rler Mitteilungen der Litauischen literarischen Gesellschaft (1912) 
werden von den verschiedensten Dialekten des Litauischen von Dr. A. Doritsch 
eine Menge Proben mitgeteilt. Eine von diesen, in der Mundart von Wisborienen 
abgefasst, lautet in möglichst wortgetreuer Übersetzung wie folgt: 

Ein gewisser Spanier war einmal in Gesellschaft eines Fürsten in der Stadt 
London angekommen. Nach dem Mittagessen fragte er den Fürsten, ob nicht in 
dieser Stadt jemand zu finden wäre, der die Geberdensprache zu reden verstände. 
„Freilich nicht hier," antwortete der Fürst, „sondern (wohl) in Glasgow." „Gut," 
antwortete der spanische Professor, „dann werde ich (dahin) reisen." Da bedachte 
der Fürst mit Schrecken, was er jetzt machen sollte; da depeschierte er sofort 
nach Glasgow an die Studenten der Universität, dass ein Professor Soundso dort- 
hin auf Reisen sei, der die Geberdensprache reden wolle. Da erschraken auch 
jene, und (unmittelbar) nachdem die Depesche eingelaufen, war auch dieser Spanier 
da. Als er fragte, ob der Professor (da) war, der die Geberdensprache zu reden 
verstand, antworteten sie: „Er ist nicht zu Hause, er ist verreist." Da antwortete 
der Spanier: „Ich werde warten, wenn auch drei Tage; ich will mich mit ihm 
unterhalten." In der Stadt gab es nun einen gewissen Fleischer, der nur ein 
Auge hatte, Nilsen mit Namen. Die Studenten bestellten diesen zu sich (und 
fragten ihn), ob er es nicht übernehmen wolle, mit dem spanischen Professor die 
Geberdensprache zu reden. Als er es übernommen hatte, kleideten sie ihn in die 
Professoren-Toga, und als sie fertig waren und der Fleischer ein Stück Brot in der 
Tasche hatte, wie die Fleischer, wenn sie die Schenke besuchen, beim Schnaps 
davon einen Bissen zu nehmen lieben — jetzt als der Fleischer fertig war, riefen 
sie den Spanier und sagten ihm, dass der Professor schon von der Reise zurück- 
gekehrt war. Da begab sich der Spanier auf den Rasen, wo jener Professor 
war. Beim Eintreten verbeugte sich der Spanier, und der Fleischer ver- 
beugte sich dreimal so viel mehr. Da steckte der Spanier einen Finger empor, 
der Fleischer aber steckte zwei empor. Der Spanier steckte drei Finger empor, 
der Fleischer aber, die ganze Faust zusammenkneifend, hielt ihm dieselbe vor. 
Der Spanier nahm eine Apfelsine aus seiner Tasche und hielt ihm dieselbe vor. 
Der Fleischer nahm das Stück Brot aus seiner Tasche und hielt ihm dasselbe 
vor. Jetzt hatten die beiden alles ausgeredet, und als alles erledigt war, verbeugte 
sich der Spanier, und der Fleischer verbeugte sich wiederum seinerseits. Als der 
Spanier jetzt in das Universitätsgebäude hereinkam, da fragten ihn die Studenten, 
wie er sich mit dem Professor unterhalten hätte. Da antwortete jener: „Pracht- 
voll! Solch einen Menschen habe ich weder in Spanien noch anderswo angetroffen 
wie in Glasgow: ich steckte ihm einen Finger empor, da steckte er mir zwei 



Kleine Mitteiluiigeu. 89 

empor; ich steckte ihm drei empor, da hielt er mir die ganze Faust vor; ich 
zeigte ihm eine Apfelsine, da nahm er ein Stück Brot aus der Tasche und hielt 
es mir vor." Der spanische Professor entfernte sich. Jetzt riefen sie den Fleischer 
zu sich. Der Fleischer nun antwortete ihnen: „Wenn ich mit ihm auf der Strasse 
zu reden bekommen hätte, würde er Prügel bekommen haben. Er steckte einen 
Finger empor und zeigte, dass ich nur ein Auge habe; ich steckte ihm zwei 
Finger empor und zeigte, dass ich mit dem einen Auge soviel sehe wie er mit 
den zwei; aber er steckte wieder drei Finger empor und zeigte mir, dass wir 
beide nur drei Augen hätten. Es ist sein Glück, dass wir uns nicht auf der 
Strasse getroffen haben." 

In dieser hübschen Geschichte vermissen wir etwas, nämlich erstens die 
Deutung der Geberden von seiten des spanischen Professors und zweitens den 
Schlussteil der Deutung der vom Fleischer ausgeführten Gesten. 

Dieselbe Geschichte nun, aber vollständig, ist in Holland bekannt. Mein 
Kollege und Freund Dr. S. D. van Veen, Professor der Theologie an der hiesigen 
Universität, erzählte sie mir einst in der folgenden Weise. Er hatte schon als 
Student die Geschichte von jemandem erzählen gehört, konnte sich aber seines 
Gewährsmannes nicht mehr entsinnen. 

Ein indischer Prinz kam nach Holland und wollte auch die Leidener 
Universität besuchen. Die Studenten wollten ihm alle Ehre erweisen und zu 
gleicher Zeit einen guten Eindruck ihrer Universität beibringen. Als Bauern ver- 
kleidet reisten sie ihm entgegen. In einem Dorfe redeten einige von ihnen den 
Prinzen auf Lateinisch, in einem zweiten einige andere auf Griechisch, in einem 
dritten wieder einige auf Hebräisch an. Da war der Prinz ausserordentlich er- 
staunt. „Wenn schon die Bauern in diesem Lande so gebildet sind, wie müssen da 
erst die Leidener sein," sagte er, ,,und dann wird es dort unter den gelehrten 
Professoren wohl auch einen geben, der die Geberdensprache zu reden versteht." 
„Gewiss," wurde ihm geantwortet. „Dem möchte ich wohl gerne einmal be- 
gegnen," sagte der Prinz wieder, „ich selber habe nämlich auch ein besonderes 
Studium dieser Sprache gemacht." Man versprach nun, ihm Gelegenheit zu geben, 
sich auch in dieser Sprache zu unterhalten. Nun hatten die Studenten einen ge- 
wissen einäugigen Kees als ihr Faktotum in ihrem Dienste; dieser wurde von 
den Studenten gerufen, und nachdem man ihn als Professor gekleidet hatte, wurde 
er beauftragt, sich genau nach den Vorschriften zu betragen: er solle einem 
Herrn begegnen, dürfe aber kein Wort reden, sondern nur Geberden machen. 
Jetzt wurde dem orientalischen Prinzen mitgeteilt, dass der Professor der Ge- 
berdensprache bereit sei, ein Kolloquium mit ihm zu halten. Als sich die beiden 
zur bestimmten Zeit und am bestimmten Orte eingefunden hatten, verbeugte man 
sich gegenseitig, und der Prinz steckte einen Finger empor, worauf Kees zwei 
erhob. Darauf steckte der Prinz drei Finger empor, Kees aber zeigte ihm die 
geballte Faust. Der Prinz hielt dem Kees eine Apfelsine vor. Kees aber holte 
ein Stück Brot aus seiner Tasche und zeigte ihm dasselbe. Als die Unterredung 
damit beendet war, bezeugte der Prinz den Studenten seine grosse Zufriedenheit 
über den in der Geberdensprache so überaus erfahrenen Professor. „Denn," so 
sagte er, ,,wir haben eine tiefsinnige Unterredung über theologische Sachen ge- 
führt. Ich sagte ihm: „Es gibt nur einen einzigen Gott: Allah," da antwortete 
er, indem er zwei Finger empor hob: „Und dennoch glaubet ihr, dass Mohammed 
der Prophet als zweiter neben ihm steht." Da erhob ich drei Finger und sagte 
damit: „Aber ihr Christen glaubt auch an die Dreieinigkheit." Da erhob er die 
geballte Faust und besagte damit: ,,Und diese drei sind Eins" (1. Joh. 5, 7). 



90 Caland, Bolte, Müller: 

Da holte ich eine Apfelsine aus der Tasche hervor und versicherte ihm damit, 
dass wir doch denselben Gott erkennen, der die Welt geschaffen und alles so 
schön gemacht hat; er seinerseits zeigte mir ein Stück Brot, damit andeutend: 
„Der Mensch lebt nicht allein von Brot, sondern von einem jeglichen M^orte 
Gottes" (Luk. 4,- 4). — Nachher wurde aber der Kees von den Studenten befragt, 
was er denn eigentlich mit dem fremden Herrn gemacht habe. „Der verfluchte 
Kerl!" antwortete Kees. „Er hat angefangen mich tief zu beleidigen, indem er, 
einen Pinger emporsteckend, sagte: „Nur ein Auge hast du." Ich erwiderte un- 
mittelbar, zwei Pinger in die Höhe steckend: „Und ich sehe mit meinem einen Auge 
gerade so viel wie du mit den zwei." Er aber steckte drei Pinger empor, wo- 
mit er offenbar sagen wollte: „Wir beide haben aber doch nur drei Augen." Da 
wurde ich böse und zeigte ihm meine geballte Paust. Er aber wollte mich ver- 
söhnen, indem er mir eine Apfelsine darbot. Da sagte ich, ein Stück Brot aus 
meiner Tasche nehmend: „Kerl, friss du Brot," und damit kehrte ich ihm den 
Rücken." — 

Vielleicht ist diesem oder jenem Leser dieser Zeitschrift der Ursprung dieser 
Geschichte bekannt, wodurch es möglich wird zu erklären, wie dieselbe in so 
weit voneinander entfernten Ländern wie Litauen und Holland gleichlautend ge- 
funden wird. 

Utrecht. Wilhelm Caland. 



Die vorstehende Geschichte von der Disputation durch Zeichen zwischen 
einem Gelehrten und einem üngelehrten wird schon im 13. Jahrhundert von dem 
Juristen Accursius, im 14. von Giovanni Sercambi und Juan Ruiz, im 15. von 
Hans Rosenblüt, im 16. von Francois Rabelais und Beroalde de Verville erzählt, 
von vielen andern zu schweigen; vgl. R. Köhler, Kleinere Schriften 2, 479 (1900) 
und dazu etwa Toldo, Revue des etudes Rabelaisiennes 1, 23 (1903); Spina, Die 
alttschechische Schelraenzunft Prantova prava 1909 S. 172; Chauvin, Bibliographie 
des ouvrages arabes 8, 125; Revue des traditions pop. 26, 178. — Die litauische 
Passung des Schwankes zeigt deutliche Abhängigkeit von einem englischen Volks- 
buche 'George Buchanan the king's fool', das J. Napier (Polk-lore Record 3, 127. 
1880) nach einem um 1830 zu Glasgow erschienenen Drucke besprochen hat; hier 
disputiert ein spanischer Professor in Aberdeen mit einem Schuhmacher. Viel- 
leicht bildete eine englische Grammatik, eine Zeitung oder ein Kalender die Brücke 
für die Übertragung des Schwankes nach dem Osten; doch kann natürlich auch 
mündliche Übertragung stattgefunden haben. Johannes Bolte. 



Nachbarreirae aus Obersachsen. 

Die Dorfgenossen unserer alten Dörfer bildeten seit altersher eine innige 
Lebensgemeinschaft, die in Preud und Leid zusammenhielt. Dass innerhalb einer 
solchen die Eigenart des Einzelnen, besonders dessen Eigentümlichkeiten und 
Sonderbarkeiten allen klar vor Augen lagen, ist natürlich. An diesen Eigenheiten 
hat von jeher der Kritische und Spottsüchtige unter den 'Nachbarn' seine Zunge 
gewetzt und sie in Spitznamen und Spottreimen der Öffentlichkeit und Allgemeinheit 
möglichst drastisch ins Ohr gerufen und diese öffentliche Kritik in Umlauf gesetzt. 



Kleine Mitteilungen. 91 

Während die Kinder in ihren persönlichen Spottreimen an die Vornamen an- 
knüpfen und diese selbst möglichst verunglimpfen, bedienen sich die Erwachsenen 
der Familiennamen oder der traditionellen Beinamen. Neben Reimen, die auf 
einzelne bestimmte Personen gemünzt sind, erregen besonderes volkskundliches 
Interesse die sogenannten 'Nachbarreime', längere volkspoetische Gebilde, in denen 
in einer Art Kettenreimen die Bewohner des ganzen Dorfes oder einer Strasse 
durchgehechelt werden. Die Volkspoesie ist ja auch sonst reich an ähnlichen 
Erscheinungen in den Kettenreimen, Kettenpredigten, Zählgeschichten, Klöppel- 
reimen usw., das Volk liebt es, rhythmische und gereimte Sätze mit einer festen 
gegebenen Reihe zu verknüpfen. So sind auch die Reihereime in vielen Dörfern 
unserer mittel- und norddeutschen Gebiete sehr beliebt und verbreitet. 1896 hat 
bereits Andree oben 6, 'öGlf. auf diese Bauernspottverse hingewiesen, ebenso in 
seiner 'Braunschweiger Volkskunde' S. 459 f., wo er sie als Nachbarreime und 
Bauernreihereime bezeichnet, betont, dass sie sehr alt sein müssten^). Sie haften 
häufig mehr am Hofnamen als am Namen etwaiger neuer Besitzer, werden aber 
durch neue Zusätze für Zugezogene vermehrt. Selbst in alten Städten, wie Braun- 
schweig, sind sie nachweisbar, so heisst es in einer 'dat schichtspeeV genannten 
Reimchronik von 1492 über die Braunschweiger Bürger: 

Hans Scheppenstidde de goltsmedt 
Hinrik Wetenborne nastredt, 

Hinrik Myddendorp de güde was in der herschop by mode, 
Hinrik Scrader, Hennigh Reymbolt, Hans Pitik was tomalen stolt usw. 

(Z. f. Vk. G, 369.) 

Noch um 1840 gab es in einigen Braunschweiger Strassen ähnliche Nachbar- 
reime, so in der Wilhelmstrasse: 

Daubert de lert, Glindemann de smert, 

Stockmann kikt an de wand, Schwartz is in de ganse Welt bekannt, 

Graf Schulenburg wont in de midde, Schreiber hat ne gue stidde, 

Kuhlmann, de de Anzeigen dräggt, Michel, de dat Dach besläggt, 

[Winter?] de hat fülen kese, Meyer is darum böse. 

Hecht, de vele kinner hat, Gemmeke frett sik nimmer satt. 

(Braunschw. Vk. S. 460f.) 

Man erkennt schon aus diesen wenigen städtischen Beispielen, denen Andree 
viele andere aus niederdeutschen Dörfern anreiht, die eigenartige ähnliche Form 
und die volkskundliche Bedeutung des Inhalts. Aus meinen umfangreichen Samm- 
lungen zum Kinder- und Volkslied im Königreiche Sachsen seien folgende ver- 
wandte Erscheinungen aus diesem Gebiete angeführt und dann einige Parallelen 
aus verschiedenen Gebieten angeschlossen. 

A. Spottreime gegen Einzelne. 

1. Busa, ty ko^ana dusa ta sukna je t'i kuSa. 
(Wendisch: Busch, du lederne Seele, der Rock ist dir zu kurz.) 

(Radibor, sächs. Oberlausitz) ^). 



1) Vgl. auch W. Seelmann, Nachbarreime (Jahrbuch für niederdeutsche Sprach- 
forschung :'>G, 65 — 74). 

2) Die wendischen Reime stammen aus der Sammlung Pilks im Archiv d. Ver. f. 
Sächs. Volksk. zu Leipzig. 



92 Müller: 

2. Bennewitz, Bennewitz hascht en Floh, 
Bennewitz, Bennewitz kriegt'n nich, 

Bennewitz, Bennewitz ärgert sich. (Eosswein. Dähnhardt, Volkstümliches aus 

Sachsen 2, 148.) 

3. Baldauf gieh ne Dorf nauf, klaub Zeppln (Gebäck in Zopfform) auf, 
schmier Butter drauf, 's schmeckt gut. (Kleinrückerswalde i. Erzg.) 

4. Stille, stille, sonst kimmt der Burthels Hille, 

Hat e Sack voll Steene, die wirft dreh alle a de Beene. 

(Hertigswalde b. Sebnitz.) 

5. Boßler Lob (= Gottlob) hot Sopp verschott mitten offn Wäg, 
kimmt der Gelner (Gelenauer) Ehregott, dar frißt se mitn dräk. 

(Ehrenfriedersdorf i. Erzg.) 

6. Bäle mit dr weißen Fahle (= Falbe, Pferd). (Lawalde, Oberlaus.) 

7. Eichelgruß hot e Löchel in Fuß, 

steckt 6 Eöhrl rei, nahn kimmt Wasserbrei. (Thalheim i. Erzg.) 

Spottreim eines Kuhjungen, der an der Haustüre seines Herrn angeschrieben 
gefunden wurde, als jener ausgerissen war: 

8. Gute Nacht, Günther, bei dir is nischt 'n Sommer, viel wenger'n Winter, 
bei dir is weiter nischt wie Fleh und Drack, gute Nacht, der Kuhjung is wag. 

(Dänkritz i. Erzg.) 
Auf eine Wirkmagd: 

9. Franziska Gabler heiß ich, schön bin ich, das weiß ich, 
schön bin ich von Angesicht, dreizehn, vierzehn zähl ich nicht. 
Geh ich in Gesellschaft mite, ei, so mach ich große Schritte, 
doch der Gang verändert nicht 

und de Flieh sind mir gemeen, ich ho a ganzes Nest derheem. 

(Dittersbach b. Ostritz.) 

10. Günzels Wilhelm bläst Posaune, wenn an Dürfe is wos lus, 

huttr ober schlechte Laune, wird de Äberlippe grüß. (Herwigsdorf b. Zittau.) 

11. Hantus sedzi w sacku zomi ma kaz kacku. 
(Hantusch sitzt im Nestchen, eine Frau hat er wie ne Ente). 

(Radibor b. Bautzen.) 

12. Handrika ma wjela bozu zonu ma kaz staru kozu. 
(Handrik hat viele Holunder, eine Frau hat er wie ne alte Ziege.) 

(Radibor b. Bautzen.) 

13. Härtelmaus gecht de junge Hihner aus, 

gecht se bis of Wiesental, kriegt en Dreier überalL (Ehrenfriedersdorf i. Erzg.) 

14. Hentschel Bentschel Besenbinder, du verfluchter Rattenschinder. 

(Cunewalde, Oberlaus.) 

15. Herrmanns Schimmel war imgefall'n, 

se hurtens bis a Rummeah (Rumburg i. B.) knall'n. (Ebersbach, Oberlaus.) 

16. Klonkemichel, Klonkemichel, heirot net, 
nahm das alle dicke fette Sauleder net. 

Gald hot se wühl, schie sieht se net, 

Klonkemichel, Klonkemichel, heirot net. (Thalheim i. Erzg.) 



Kleine Mitteilungen. 93 

17. Kodn Fitzfud'n, zieh übr dn Teich, 

drei Mützen, drei Spitzen, is Kodn sei Reich. (Östl. Erzgeb.) 

18. Kümmelandrcs, Kümmelandies, wo bist de gewest? 

Bi drin meiner Wies' rümgehupft, ho mr weng Kümmel zamgezupft. 
Kümmelandres, Kümmelandres, wo bist de gewest. 

Dieser Reim ist schon traditionell geworden in mehreren Orten des Vogt- 
lands. 

19. Hüller Lieb hat's Geld vertan mit de Mäd im Stalle, 

hat ersch uf de Scharz gezählt, hat gesät, 's is alle. (Hainichen.) 

Der Name wechselt bei diesem traditionell gewordenen Reime. 

'20. Fritzens Lobs Lirche (?) ließ an Bumbs (Leibwind) a de Kirche, 
ließ an Bumbs as Butterfaß, Sapperlot, wie knallte das. (Oderwitz, Oberlaus.) 

Auch hier ist ein sonst traditioneller Reim aus einer Scherzgeschichte auf eine 
bestimmte Person gemünzt worden, ebenso wird häufig derselbe Spottreim auf 
Personen gleichen Familiennamens bezogen. 

21. Meier schlacht ein Kalb, und Jedermann nimmts halb. (Mühlbach.) 

22. MüUersch Auguste, wenn de nich willst, da mußte. (Hainichen.) 

23. Mlynkowa, ricata, tajka dolha whota. 
(Müllerin großarschige, so eine langbeinige). (Radibor.) 

24. Moritz Schwenke ging in die Schenke und huppt über die Bänke, 
was ist das für eine Mengenke (= Verwirrung). (Mühlbach.) 

25. Natus, Tatus, beio konja, w^;itke psy so za nim konja. 
(Natusch, Tatusch [hast] ein weißes Pferd, alle Hunde laufen ihm nach). 

(Radibor.) 

26. Nudelmüller vu Breetenburn ging uffs Siessen Kuchen schnurrn (= betteln). 

(Oderwitz,) 

27. Pippigslob, Pippigslob, gehste de mit in de Pflaume? 

Ich ka net miet, ich ka net miet, ho an biesen Daume. (E. Werdau.) 

28. Recklebäck, mir schmeckts heit net, 

wenn ich ner Reckele*) hätt'. (Netzschkau i. Vogtl.) 

29. Die Schniebsen in der Bude saß und verfaulte Griebsche aß. (Löbau.) 

30. Sattler Karlie Brotwurscht und Brüh, 

Sattlerkar Hannel, Brotwurscht und Sammel. (Zschorlau i. Erzg.) 

31. Stocke hoppe, friß de Soppe mit e Toppe. (Kaiiienz.) 

32. Schießelbeen, Schießelbeen gieht an Dürfe runter, 

hot a schienes Röckel a und a bloes drunter. (Eibau, Oberlaus.) 

33. Schubertlob, Schubertlob, geh nur in de Pflaume! 
Ka net miet gieh, ho en biesen Daume. 
Schubertlob, Schubertlob, geh nur in de Schuten! 

Ka net miet gieh, ho en biesen Pfuten. (Zschorlau i. Erzg.) 



1) Reckele, ein Roggengebäck. 



94 Müller, Röheim, Höfler: 

34. Viertelland hat den Finger verbrannt 
of dr kalten Ofenbank. (Affalter i. Erzg.) 

35. Schmiedeheckel hots Feuer an Säckel, 

hots Feuer am Loche de ganze Woche. (Friedersdorf b. Löbau.) 

Leipzig. Curt Müller. 

(Schluss folgt.) 



Nachtrag zu den Igelsagen. 

(Oben 23, 407 f.) 
Nach Drucklegung meines Aufsatzes finde ich noch folgende Fassung: 

k) Aus Neu-Süd-Wales. Wathi-wathi und Wonghibonstämme. 

Das wenige Essen, welches vorhanden war, wurde dem Ameisenigel zur Auf- 
bewahrung anvertraut, alle anderen waren auf der Suche nach neuen Vorräten. 
Sie hatten jedoch wenig Glück, und am Nachmittag bei ihrer Rückkehr fanden 
sie, dass der Ameisenigel die Vorräte allein verzehrt hatte und danach einge- 
schlafen war. Hierüber erzürnten sie sich so sehr, dass sie alle Speere, die im 
Lager aufzutreiben waren, in den schlafenden Ameisenigel stiessen. Die Stacheln 
sind noch heute sichtbar und erklären die Wahrheit der Geschichte*). 

Die Gefrässigkeit des Tieres wird hier betont wie in Fassung g. In etwas 
abweichender Form, als Antropophagie, kommt derselbe Zug auch in den 
Passungen e und h vor. 

Zu S, 414 Antn. 2 sei ferner noch auf folgende Werke verwiesen: L. E. Threlkeld, 
An Australian Language as spoken by the Awabakal (1892) S. 41); E. V. Palmer, Nineteenth 
Century 1906 Aug. Nr. 354 S. 319: A. Oldfield, Transactions of the Ethnological Society 
1865 S. 258; J. W. Gregory, The Dead Heart of Australia (1906) S. 209-221: C. Lum- 
holtz, Au Pays des Cannibales (1890) S. 311. 

Budapest. Geza Röheim. 



Ein Helgoländer Brautschmuck. 

Der Güte der Frau John Suhr Witwe in Hamburg verdankt der Unterzeichnete 
beifolgende Abbildung eines Helgoländer Brautschmuckes 'Dat Hatje' (das Herzchen) 
genannt, aus der Mitte des 17. Jahrhunderts (1660); Material Silber; Zweidrittel 
der natürlichen Grösse. Oben in der Mitte das Brautpaar, darüber die Braut- 
krone von Engeln gehalten. Das Anhängsel zeigt links die Rückseite des 
Lootsenzeichens mit Namenszug Christian V. mit Krone; rechts das Lootsen- 
zeichen Nr. 60 (Lootse mit Senkblei und Rettungsring), weiter unten zwei Engel 
mit Palmzweigen, und zwei Schellfische. In der Mitte das mit Ornament um- 



1) A. L. P. Cameron, Traditions and Folklore of the Aborigines of New South Wales. 
(Science of Man 1903) S. 48. 



Kleine Mitteilungen. 



95 



o-ebene Herz. Unten an einem Anker hängend das Lootsenboot mit zwei Glücks- 
engeln. Auf der Rückseite in Prunkschrift C H — A R 1660. Auf dem Lootsen- 
boot nochmals die Zahl 1660. 




Bei der Seltenheit des Schmuckes dürfte die Abbildung das Interesse der 
Freunde der Volkskunde erwecken. 

Bad Tölz. Max Höflor. 



96 Boehm, Scheftelowitz: 



Bücheranzeigen. 



Karl Knortz, Amerikanischer Aberglaube der Gegenwart. Ein Beitrag 
zur Volkskunde. Leipzig, Th. Gerstenberg 1913. 156 S. 8°. geb. 3 Mk. 

Unter 'amerikanischem Aberglauben' versteht der Verf., wie aus dem Inhalt 
des Buches hervorgeht, im allgemeinen den der weissen Bevölkerung der Ver- 
einigten Staaten, wenn er auch bisweilen die Bewohner von Kanada, die Neger 
und Indianer, z. T. sogar die Südamerikas in den Kreis seiner Darstellung zieht. 
Reiches Material über alle möglichen Äusserungen des Aberglaubens im alltäg- 
lichen Leben und an Festtagen hat der durch zahlreiche Schriften über volkskund- 
liche Gegenstände bekannte Verfasser zusammengestellt, teils aus eigenen Samm- 
lungen, teils aus gedruckten Quellen. Dankenswert sind die an verschiedenen 
Stellen (S. 13. 53. 130. 152) beigebrachten Züge aus dem Seemannsaberglauben. 
Auch Sagenhaftes (Spukhäuser, Geisterschiffe, Teufelssagen) und Volksbräuche, 
wie das aus Deutschland (Pfalz, Kurhessen) nach Pennsylvanien mitgewanderte 
'Elfentritschen' (S. 102) finden wir mitgeteilt. Von einem einheitlichen Bilde kann 
bei dem bunten Völkergemisch Amerikas natürlich noch viel weniger die Rede 
sein als etwa in Deutschland. Fast in jedem Falle kann man feststellen, dass die 
aufgezählten Volksmeinungen und -brauche denen der verschiedenen Vaterländer, 
wie Englands und Deutschlands, genau entsprechen. Der Verf. will davon ab- 
sehen, „Untersuchungen über die Herkunft oder Vergleiche mit ähnlichen Er- 
scheinungen bei anderen Völkern zu liefern" (S. 8), tritt aber doch häufig aus 
dieser Zurückhaltung heraus; bisweilen sind seine Erklärungen rationalistisch ge- 
färbt und wenig ansprechend, so S. 11: „Wer ein Waisenkind aufnimmt, hat 
Glück; warum auch nicht? Er ist unstreitig ein gutmütiger und wohltätiger Mann, 
dem niemand so leicht eine Gefälligkeit abschlägt." Das bekannte Rezept, einen 
Vogel zu fangen, indem man ihm Salz .auf den Schwanz streut (S. 57), gehört 
doch wohl mehr zu den Neckereien, als zum Aberglauben, dasselbe gilt von dem 
Mittel, ein durchgehendes Pferd dadurch zum Stillstehen zu bringen, dass man es 
in das Ohr beisst (S. 130). Weit unerfreulicher als solche kleinen Anstösse sind 
die zahlreichen Wiederholungen innerhalb des Werkes. Von den zukunftkündenden 
körperlichen Empfindungen (Jucken, Brennen) ist zuerst S. 21, dann wieder S. 143 
die Rede, von Liebesorakeln S. 25 und S. 144 f., vom Verschütten des Salzes 
S. 56 und S. 139 u. a. m. Der Mangel einer festen Gliederung des Stoffes wird 
noch verstärkt durch das Fehlen einer Inhaltsangabe oder eines Wortregisters. 
Viele Leser hätten gewiss gern anstatt der heftig gegen die Kirche polemisierenden 
Einleitung ein solches Hilfsmittel gesehen. Es ist zu bedauern, dass durch diese 
methodischen Mängel die Benutzung des inhaltreichen Buches sehr erschwert wird. 

Berlin-Pankow. Fritz Boehm. 



Bücheranzeigen. 97 

Micha Josef Bin Goriou, Die Sagen der Juden, bearbeitet. Bd. I: Von 
der Urzeit. Frankfurt a. M., Rütten & Loening 1913. XVI, 378 S. 8°. 
Geheftet 6 Mk. 

Der Verfasser will die in den Midrasch-Werken enthaltenen Sagen, die sich 
an die Bibel anknüpfen, nach der Reihenfolge der biblischen Geschichte ordnen. 

Der hier vorliegende erste Band, der die Sagen der Urzeit enthält, zeugt 
von grosser Sachkenntnis. Wer sich mit der vergleichenden Sagen- und Volks- 
kunde befasst, der wird hier manches interessante Material finden und dafür dem 
Verfasser Dank wissen. An einzelnen Beispielen werde ich dieses darzulegen 
suchen: S. 14: Die Fabel von dem Eisen, bei dessen Erschaffung die Bäume zu 
zittern begannen, ist bereits B. Talm. Sanhedrin 89 b erwähnt und kommt schon 
in der syrischen Version der Abikar-Erzählung vor (Conybear, Rendel Harris, 
Smith Lewis, Story of Ahikar 1898 S. 70 nebst Übers. S. 82). Durch David 
Friedländer, Der Philosoph der Welt, Berlin 1860 S. 36 ist diese Fabel in die 
deutsche Literatur aufgenommen und findet sich in vielen Schullesebüchern. In 
der Friedländerschen Bearbeitung lautet sie: „Aus einer Eisenschraiede fuhr ein 
mit neugehämmerten Äxten beladener Wagen durch den nahe gelegenen Wald. 
Die Sonne glänzte mit dem Stahle, und die Bäume des Waldes erzitterten ob der 
Erscheinung: „Wer wird vor ihnen bestehen? Diese Eisen fällen uns alle!" So 
klagte ihr Angstgeräusch. Aber eine bejahrte Eiche rief ihnen zu: Fürchtet nichts! 
Solange keiner von euch diesen Ästen Stiele leiht, kann euch ihre Schärfe nichts 
schaden." — S. 44: 'Der Ozean ruht auf den Flossen des Leviatans'. Nach Pirqe 
des R. Eliezer c. 9 ruht die Grundlage der Erde zwischen den beiden Flossen 
des Leviatan. Da diese Anschauung in der jüdischen Literatur erst spät auf- 
taucht, so könnte sie wohl von den Arabern entlehnt sein. Denn die Moham- 
medaner glauben, dass die ganze Welt auf einem gewaltigen Fisch ruht (Dieterici, 
Rechtsstreit zwischen Mensch und Tier S. 2;^7 Anm. 8; derselbe, Chrestomathie 
Ottomane 1JS54 S. 58. Über den Leviatan vgl. Scheftelowitz, Arch. f. Rel.-Wiss. 14, 6). 
Diese Anschauung hat sich weit verbreitet, so bei Firdusi, >"<ähnäme (vg\. v. Schack, 
Firdusi 18G.T S. 160), in Burma (H. J. Wehrli, Beitrag zur Ethnologie der Chingpaw 
von Ober-Burma, Leiden 1904 S. 51), auf den Carolinen (A. Bastian, Die mikro- 
nesischen Kolonien 18 '9 S. 112); in Japan verursacht dieser gewaltige Fisch, so 
oft er sich bewegt, Erdbeben (B. H. Chamberlain, Things Japanese, London 1902 
S. 127). In Indonesien glaubt man, dass eine gewaltige Schlange die Trägerin 
der Erde sei, die, wenn sie sich bewegt, Erdbeben hervorruft (Globus 42, 45; G5, 
95 f., A. Bastian, Indonesien 4, 22). — S. 85 (vgl. S. 287): 'Mann und Weib waren 
zu Anfang ein Fleisch und zwei Angesichter; dann zersägte der Herr den Leib in 
zwei Leiber und machte einem jeden einen Rücken' (Midr. Ber. R. VIII, 1). Auch 
nach Midr. Jalqut zu Gen. § 20 hat Gott den Adam ursprünglich als ein Mann- 
weib (das mit dem griechischen Wort dvÖQoyvvrjg übersetzt wird) geschaffen. Diese 
Sage entstammt meines Erachtens aus dem Griechischen. Plato erzählt in seinem 
Symposion, dass der Urmensch einen hermaphroditischen Körper hatte; hierauf 
habe ihn Zeus in zwei Hälften geteilt. Darum hat jede Hälfte Sehnsucht nach 
ihrer andern Hälfte. Im Altindischen ist diese Sage gleichfalls zu belegen. 
So heisst es im Catapatha Brähmana: 'Der Atman war im Anfang allein da, einem 
Manne gleich; „er schaute um sich und sah nichts anders als sich selbst, er sprach 
das erste Wort: 'Ich bin", daher kommt der Name: 'Ich' ... Er fürchtete sich, 

Zeitschr. d. Vereins f. Volkskunde. 1914. Heft 1. 7 



98 Scheftelowitz, Kohler: 

deshalb fürchtet sich, wer allein ist. Da gedachte er; Da nichts ist als ich, wovor 
fürchte ich mich denn?" Da verschwand seine Furcht. Wovor hätte er sich 
auch fürchten sollen? Vor einem Zweiten empfindet man Furcht. Er fühlte sich 
auch nicht zufrieden; deshalb fühlt sich nicht zufrieden, wer allein ist. Er be- 
gehrte nach einem Zweiten; er umfasste in sich die Wesenheit von Weib 
und Mann, die sich umschlungen halten. Er spaltete diese seine 
Wesenheit in zwei Teile; daraus wurden Gatte und Gattin; deshalb 
sind wir jeder gleichsam eine Hälfte, sagt Yäjiiavalkya, deshalb wird diese Lücke 
durch das Weib ausgefüllt. Er vereinte sich mit ihr; so wurden Menschen 
erzeugt.' — S. 116: 'In der Stunde, da der Mensch schläft, steigt die Seele empor 
und schöpft ihr Leben von oben.' (Ber. R. P. 14.) Dieselbe Auffassung findet 
sich auch Debärim Rabbfi Par ö (zu c. 20, 10): 'Alle heidnischen Völker erzürnen 
Gott; während sie aber schlafen, steigen alle Seelen zu ihm empor.' Im Midr. 
Tehillim 11, 6 heisst es: 'Schläft der Mensch, so geht seine Seele hinaus und 
schweift in der Welt umher, und das sind die Träume, die der Mensch sieht.' 
Diese primitive Anschauung vermag ich für die verschiedensten Völker der fünf 
Erdteile nachzuweisen. — S. 1901".: Das Hahnenkrähen verscheucht die bösen 
Geister (Wajiqrä R. P. 5). Diese Anschauung ist weit verbreitet. Sie findet sich 
z. B. im altchristlichen Glauben, vgl. Aurelius Clem. Prudentius, Hymnus ad 
galli cantum 10: Ferunt vagantes daemonas laetos tenebris noctium gallo 
canente exterritos sparsim tiniere et cedere. Gemäss dem deutschen Volksglauben 
weichen beim Hahnenkrähen die nächtlichen Gespenster und der Teufel (A. Wuttke, 
Deutscher Volksaberglaube ^ § 156; Siebs, oben .3, 383; R. Eisel, Sagenbuch 
des Voigtlandes 1871 S. 7ff.; Ch. Schneller, Märchen und Sagen in Wälschtirol 
1867 S. 13). Derselbe Glaube findet sich bei den Schweden (oben 10, "201), den 
Zigeunern (H. v. Wlislocki, Aus dem Innern Leben der Zigeuner 1892 S. 135) 
und den Russen (A. Bastian, Rechtsverhältnisse S. 2S0). Weiteres Material 
bei Scheftelowitz, Huhnopfer l!» 14 S. 51 f. — S. 320: Die Auffassung, dass 
der Dämon eine katzenähnliche Gestalt annimmt, die in der aus einem mittel- 
alterlichen kabbalistischen Werke entnommenen Sage enthalten ist, taucht zuerst 
in Sefer Hasidim auf (vgl. Sefer Hasidim § 465, Sulzbach 5445), also um 1200 
n. Chr. und ist entlehnt. Im deutschen Mittelalter verwandelten sich Hexen in 
Katzen, weshalb sie auch Wetterkatzen genannt wurden. (Schindler, Abergl. d. 
Mittelalters 1858 S. 28; G. Grupp, Kulturgeschichte des Mittelalters 3 ^ 1912 S. 32). 
Nach dem deutschen Volksglauben nehmen die Hexen nachts die Gestalt von 
Katzen an (A. Wuttke, Deutscher Volksabergl. ^ § 217. 402; J. W. Wolf, Nieder- 
ländische Sagen 1843 Nr. 240. 293. 561). Die galizischen Juden lassen darum 
keine Katze in das Zimmer einer Wöchnerin ein. Auch nach dem russischen 
Volksglauben verwandeln sich Hexen oft in Katzen (Globus 18, 171). Diesel-be 
Anschauung treffen wir bei den Zigeunern (v. Wlislocki a. a. 0. S. 115). Dämonen 
erscheinen häufig in Gestalt von Katzen bei den Malaien (Skeat und Bladgen, 
Malay Magie 1900 S. 191 398), den Imeretiern im Kaukasus (Globus SO, 306), 
den Japanern (Globus 32, 124 f.), den Chinesen (R. P\ Johnston, Lion and Dragon 
in Northern China 1910 S. 293 f.), den Mohammedanern Ägyptens (E. W. Laiie, 
Sitten und Gebräuche der heutigen Ägypter, übers, v. Zenker 2, 35), den Indern 
und Persern (Crooke, Natives of North. India p. 198. 256; Bundehes c. 32). Nach dem 
Glauben der Eingeborenen von Madagaskar wird ein Sünder nach seinem Tode 
eine Katze, weshalb dieses Tier ängstlich gemieden wird (J. Sibree, Madagaskar 
1870 S. 244. 378). — S. 348: Die Anschauung, dass der ganze Luftraum von un- 
zähligen Geistern erfüllt ist, kommt bereits B. T. Berfiköt 6a, Midr. Debärim 



Bücheranzeigen. 99 

R. P. 4 (zu c. 10, 1) vor. Sie findet sich im primitiven Glauben der ver- 
schiedensten Völker. So bevölkern nach griechischer Anschauung böse Geister 
den Luftraum, weshalb sie deoioi heissen und noch heute in Griechenland die Ge- 
spenster (.h'oiy.a genannt werden (Kroll, Rhein. Mus. 1897, S. 345). Auch nach 
dem Glauben der Grönländer und der Sundanesen ist die ganze Welt von un- 
sichtbaren Geistern erfüllt (Globus 19, -23; 44, 301). Noch M. Luther sagt: „Es 
sind viele Teufel um uns, die uns alle Stunden wohl könnten töten" (M. Luthers 
sämtl. Schriften 3, 1561). 

Cölna. Rhein. IsidorScheftelowitz. 



Maurice Lacombe, Essai siir la Coutume Poitevine du Mariage au 
debut du XY. siecle d'apres le vieux 'Coustumier de Poictou'. Paris, 
M. Champion 1910. 

Dieses Werk handelt von der Coutume von Poictou aus dem Jahre 1417 und 
ihren rechtlichen Bestimmungen, einer coutume, welche die Grundlage bot für 
die späteren offiziellen Coutumes von 1514 und 1559. 

Die Ehe war in dieser Zeit eine Ehe mit priesterlicher Einsegnung (beneisson 
des nopces); der altkanonische gratianische Standpunkt war völlig verlassen, die 
Mitwirkung der Kirche gesichert. Die Vermögensfolge der Ehe war die Güter- 
gemeinschaft des beweglichen Vermögens und der Errungenschaft, dieselbe wie 
heutzutage nach dem Code Napoleon: diese Art des Güterrechts war schon damals 
in Frankreich weit verbreitet. Die Frau aber hatte, wenn die Gemeinschaft ver- 
schuldet war, bei ihrer Auflösung nicht wie heutzutage die freie Möglichkeit des 
Verzichts; dieses Recht stand bis in die Mitte des IG. Jahrhunderts nur der femme 
noble zu, picht der roturiere: der Adel war damals durch vornehme Allüren, 
allerdings auch durch Kriege und durch Züge in das Ausland stark verschuldet, 
und die Adelswitwe sollte vom Konkurs gerettet werden — die bürgerliche Frau 
war selten in solcher Bedrängnis, und war dies der Fall, so überliess man sie 
ihrem Schicksal. 

Bei dem Verzicht auf die Gütergemeinschaft herrschte der Brauch, dass 
die Frau bei Beerdigung des Mannes ihre Geldbörse in das Grab warf und 
dann nicht mehr in das Heim zurückkehrte, ein Brauch, der im Grand 
Coutumier de France von Ableiges (herausgegeben von Laboulaye und Dareste 
p. 376) geschildert wird. Im übrigen hatte die Frau Anspruch auf ein Wittum 
von Eindrittel oder der Hälfte des Vermögens des Mannes, aber in der Art, dass 
sie nicht Eigentum, sondern blosse lebenslängliche Nutzniessung erwarb. 

Das Verhältnis der ehelichen Kinder zu dem Hausvermögen war in der Art 
geregelt, dass der Hausvater nicht von der gesetzlichen Teilung abweichen durfte: 
er durfte nicht 'lieb Kind' machen, also keinem Kinde mehr als den gesetzlichen 
Teil zuwenden, und dieser Teil war nicht mathematisch gleich, denn es be- 
stand ein droit d'ainesse des ältesten Sohnes und betreffendenfalls der ältesten 
Tochter. 

Doch war folgendes möglich: der Vater konnte einem Kinde etwas zuwenden, 
was bei der Erbteilung angerechnet werden musste; war dies mehr als sein Teil, 
so konnte das Kind auf die Erbschaft verzichten und das Zugewendete behalten, 
jedoch nicht über den Betrag der quotitö disponible hinaus. Dies ist das in den 
französischen Rechten viel verbreitete System der Egalite imparfaite, über 



100 Notizen, 

welches ich in dem Kollationsrecht in den französischen Coutumes (Fest- 
gabe für Gneist 1888 S. 206) eingehend gehandelt habe. Uneheliche Kinder 
waren von der väterlichen Erbschaft ausgeschlossen, beerbten aber die Mutter 
wie eheliche. 

Von besonderem Werte für uns ist neben den juristischen Erörterungen der 
Abdruck der wesentlichen einschlagenden Bestimmung des Rechtsbuchs von 1417. 

Berlin. Josef Kohler. 



Notizen. 



L. Bechstein, Thüringens Sagenschatz I.Band: Sagen von Eisenach und der Wart- 
burg, dem Hörselberg, Reinhardsbrunn und der Ruhl, neu bsg. von Arthur Richter- 
Heimbach. Quedlinburg, H. Schwanecke (1913). "210 S. 8 ° geb. 2 Mk. — Die hier ver- 
einigten Sagen sind zumeist aus den beiden ersten Bänden des zuletzt 1862 erschienenen 
Bechsteinschen Werkes entnommen; aber die Ordnung ist zum Teil verändert, und die 
anderweitigen Quellen sind nirgends angegeben. [J. B.] 

Franz Gramer, Deutschland in römischer Zeit. Berlin und Leipzig, G. J.Göschen 
1912. 165 S. 23 Abb. kl. 8 «. 0,90 Mk. (Sammlung Göschen Nr. 633). - Der Hauptteil 
des sehr nützlichen Buches ist rein geschichtlich und gibt in Kap. 1—16 eine Darstellung 
der römisch-germanischen Beziehungen in Krieg und Frieden von den ältesten Zeiten bis 
zum Zusammenbruch des weströmischen Reiches. Besonders ausführlich und mit steter 
Berücksichtigung der neusten Ausgrabungen und Funde werden die römischen Waffen- 
plätze und Stützpunkte, der Limes usw. behandelt. Volkskundlichen Inhalt bieten zum 
Teil die Kapitel 17—20, in denen von den römischen Handelsbeziehungen, von Kunst- 
gewerbe und Handwerk, von der interessanten Mischkultur im Mosellande und von 
mannigfaltigen Kultureinflüssen auf deutschem Boden die Rede ist. [F. B.] 

Alfred Haas, De Fir(d)kopp in der pommerschen Volkssage. (Monatsblätter, hsg. 
V. d. Ges f. Pommersche Geschichte und Altertumskunde 1913, H. 9 S. 1.36 — 140). — In 
einer Anzahl norddeutscher Ortssagen wird erzählt, dass Ortschaften, die heutzutage durch 
breite Flüsse oder Meeresarme getrennt sind, in früheren Zeiten durch Wasserläufe ge- 
schieden wurden, die so schmal waren, dass man sie auf einem ins Wasser geworfenen 
'Pferdekopf' (Perdekopp, Pärkopp) überschreiten konnte. H. Handelmann hatte oben 16, 
397 nr. 134 a diesen Sagenzug auf eine missverständliche oder absichtlich witzige Deutung 
des slawischen Percop = Kanal, Meerenge zurückgeführt. Haas, der diese Erklärung in 
seinen Rügenschen Sagen 4. Aufl. S. 175 abgelehnt hatte, widerruft sich in dem vor- 
liegenden Aufsatz, da ihm eine Fassung der Sage von der Insel Vilm bekannt geworden ist, 
in der mit 'Pirkopp' zwar nicht ein Graben selbst, wohl aber ein zu dessen Überschreitung 
dienender Stein bezeichnet wird und von einem Pferdeschädel überhaupt nicht die Rede 
ist. Als Entsprechung führt er ausserdem die volkstümliche Deutung der rügenschen 
Bezeichnung 'Perd' (sl. perd = das Vordere, Vorgebirge) als 'Pferd' an, die durch die 
Gestalt der so benannten Höhenrücken erklärt wird. [F. B.] 

A. Haas, Das Riesenschiff in der pommerschen Volkssage (Pommersche Heimat 3, 2). 
— Die Sage von einem in alter Zeit die Ostsee befahrenden Schiffe von ungeheurer Aus- 
dehnung, mit tausend Masten usw. ist an der Ostseeküste vielfach anzutreffen. Zu zwei 
schon früher von ihm veröffentlichten Fassungen fügt der verdiente Sammler pommerscher 
Überlieferungen hier eine dritte von K. Rosenow jüngst mitgeteilte, in der das Schiff den 
Namen 'Nackelfragar' trägt, der mit dem 'Naglfar' des nordischen Mythus identisch wäre. 
Es würde sich um ein interessantes Überlebsei handeln, wenn man die von Rosenow 
angegebene Quelle als unbedingt rein und unbeeinflusst ansehen dürfte. Sollte sein alter 
Kapitäo den Namen doch nicht vielleicht von irgendeiner Seite her gehört und in sein 
'Garn' miteingesponnen haben? [F. B.] 



Notizen. 101 

Historia septem sapientum 1: Eine bisher unbekannte lateinische Übersetzung 
einer orientalischen Fassung der Sieben weisen Meister (Mischle Sendabar) hsg. und 
erklärtvonA.Hllka, Heidelberg, C. Winter 1912. XXV, 35 S. 1,20 Mk. — II: Johannis 
de Alta Silva Dolopathos sive De rege et septem sapientibus, nach den festländischen 
Handschrilten kritisch hsg. von A. Hilka. Ebd. 1913. XIV, 112 S. 2.20 Mk. (Sammlung 
mittellateinischer Texte 4— 5\ — Die für die mittelalterliche Novellistik bedeutsame Ge- 
schichte des indischen Sindibad-Buches erhält durch Hilkas beide Publikationeu erwünschte 
Förderung. Bekanntlich ist die im 13. Jahrhundert entstandene hebräische Bearbeitung 
dieses Romans von den sieben weisen Meistern, Mischle Sendabar, deshalb besonders 
wichtig, weil sie die Brücke von den orientalischen Fassungen zu den abendländischen ge- 
bildet zu haben scheint. Sie beruht auf einer verlorenen arabischen Vorlage und enthält 
21 Novellen, die in die bekannte Rahmenerzählung von dem durch die ehebrecherische 
Stiefmutter verleumdeten Prinzen eingelegt sind, darunter aber mehrere neue. Der 
hebräische Text ist zwar dreimal, von Sengelmann, Carmoly und Cassel, herausgegeben 
worden, bedarf aber, wie die von Hilka aus einer Berliner Hs. vom Jahre 1407 hervor- 
gezogene lateinische t'bersetzung zeigt, durchaus noch einer kritischen Behandlung. Aller- 
dings ist in der lateinischen Version die Einleitung gekürzt, aber verschiedene Einzel- 
heiten, z. B. der Feuertod der schuldigen Königin, stimmen näher zu den occidentalen 
Bearbeitungen. Auf die Abweichungen von Cassels Text und von den übrigen Fassungen 
der Sieben weisen Meister hat H. durch Sperrdruck und kurze Fussnoten hingewiesen 
und eine Tabelle über die Novellen der sämtlichen orientalischen Fassungen hinzugefügt. 
— Mit der kritischen Ausgabe des Dolopathos führt Hilka den von G.Paris und Stude- 
mund gehegten Plan aus, Oesterleys mangelhaften Druck vom Jahre 1S73 zu ersetzen. 
Ausser der Luxemburger Hs. des 13. Jahrhunderts benutzt er noch fünf jüngere Hss. aus 
dem 15. Jahrhundert und liefert auch Nachweise für die antiken und christlichen Zitate 
des lothringischen Mönchs von Haute-Seille, der die orientalische Rahmenerzählung mit 
einem christlichen Schluss versehen und neue Novellen eingeflochten hat: doch erzählt 
jeder Weise nur eine, nicht zwei Geschichten, während die Erzähhingen der Königin bei 
Johannes ganz fortgefallen sind. [J. B.] 

Wilhelm Hotz, Die Flurnamen der Grafschaft Schlitz (Flurnamenbuch des Gross- 
herzogtums Hessen, hsg. im Auftrag der hessischen Vereinigung für Volkskunde von 
J. R. Dieterich und 0. Schulte, Heft 1. Provinz Oberhessen Bd. V, Kreis Lauterbach, 
Heft 1). Darmstadt, Grossherzoglich hessischer Staatsverlag 1912. XLIV, 67 S. 8°. — 
W. Hotz, durch dessen Sammlertätigkeit dieses erste Heft der hessischen Flumamen- 
sammlung entstanden ist, hat dessen Erscheinen nicht mehr erleben können (f 14. Juni 
1910), die abschliessenden Arbeiten sind von Prof. Alles geleistet worden. Mit Hilfe von 
Fragebogen, deren Bearbeitung sich besonders Lehrer und Geistliche haben angelegen 
sein lassen, werden die Flurnamen der einzelnen Gemarkimgen des Schlitzerlandes in 
übersichtlicher Anordnung mitgeteilt. Vorbildlich ist die Reichhaltigkeit der Angaben, 
es werden möglichst bei jedem Gewann die durch Hofrat Kofier in Darmstadt festgestellten 
offiziellen Namen, die daneben vorkommenden alten, historischen Bezeichnungen, mund- 
artliche Formen und volkstümliche Erklärungen beigebracht. Besonders die letzte Rubrik 
enthält mancherlei Interessantes aus Volkssage und Ortsgeschichte. Sehr hübsch und 
lehn-eich ist das neben anderen Beigaben in der Einleitung enthaltene ausführliche 
'Gespräch über hessische Ortsbezeichnungen und vom Wert ihrer Sammlung' von Dieterich 
zwischen dem 'Sammler' und einem Lehrer. [F. B.] 

Gross - Berliner Kalender 1914. Herausgegeben von E. Friedel, Berlin, 
K. Siegisraund. :'.6S S. 8 ". Geb. 2 Mk. — Zum zweiten Male ist das schmucke Kalender- 
buch erschienen, herausgegeben von unserem unermüdlichen Stadtältesten unter redak- 
tioneller Beiliilfe von Dr. H. Brendicke und gefüllt mit einer reichen Anzahl von kurzen, 
äusserst belehrenden Aufsätzen aus der Feder von Männern, deren Namen im geistigen 
und kommunalen Leben unserer Reichshauptstadt zum grossen Teil an erster Stelle stehen, 
wie Ludw. Hoffmann, Reicke, Holtze, Lindenberg, Silberglcit usw. Die meisten Beiträge 
beschäftigen sich naturgemäss mit der Geschichte und den modernen Problemen Berlins, 
doch fällt auch für die Volkskunde etwas ab. So bringt Jülicher (S. 253f.) eine Fort- 



102 Notizen. 

setiung seiner im 1. Jahrgang begonnenen 'Atemzüge der Berliner Volksseele', Pfeffer- 
kuchenpoesie und allerlei Blüten der Berliner Denk- und Mundart, von denen freilich 
viele schon aus H. G. Meyers 'Richtigem Berliner" bekannt sind. Etwas störend wirkt die 
inkonsequente Wiedergabe der Mundart ('breete Schnauze' [S. 260] sagt kein echter Berliner), 
auch sind die S. 262 aus den 'Lustigen Blättern' mitgeteilten Wendungen auf keinen Fall 
als 'zu den Äusserungen der Berliner Volksseele unentbehrlich gehörend' zu bezeichnen. 
Volkskundlich von Interesse sind ferner die Beiträge von A. Förster 'Innungsschicksale' 
und die kleine Schlussplauderei von Elisabeth Lemke über 'Märkisches Fischerei- 
gerät'. Es .ist nicht zu bezweifeln, dass dies mit vorzüglichen Text- und Einschalt- 
bildern geschmückte Berliner Jahrbuch denselben Erfolg haben wird wie der erste Jahr- 
gang. [F. B.] 

E. Mai, Das mittelhochdeutsche Gedicht vom Mönch Felix auf textkritischer Grund- 
lage philologisch untersucht und erklärt (Acta Germanica, Neue Reihe, Heft 4). Berlin, 
Mayer & Müller 1912. VIII, 515 S. 8 «. 15 Mk. — Vorliegende, gründlich gelehrte Arbeit, 
die dem 380 Verse umfassenden mhd. Gedicht mit allen denkbaren Mitteln der Philologie 
Erkenntnisse abzugewinnen, ja abzutrotzen weiss, hat auch schöne Resultate und 
Beobachtungen gezeitigt, die der Volkskunde zugute kommen. Einen Ausschnitt seiner 
Forschungen legte Erich Mai bereits in der 1903 erschienenen Berliner Dissertation vor, 
die einer Anregung Karl Weinholds entsprang und auch Max Roediger als zuhtäri guato 
zu danken hatte. Den rein germanistischen Fragen, denen Mai mit seltener Hingabe 
Jahre hindurch seinen Scharfsinn zugewandt hat, ist hier nicht nachzugehen: sie haben 
eine Besprechung und Kritik u. a, durch Privatdozenten Dr. Ludwig Pfannmüller in der 
Deutschen Literaturzeitung 1913 Nr. 20 Sp. 1250—53 gefunden. — Wie oft begegnen wir 
nicht in unseren Volksbüchern und Volksballaden grauen Mönchen. Die Nachweise Mais 
belehren uns, wie die Bezeichnung der Orden zu den verschiedenen Zeiten geschwankt 
hat: „ . . bereits im 14. Jahrhundert wurden die Mitglieder beider Orden — der Zister- 
zienser und der Franziskaner — als Graumönche charakterisiert, trotzdem eine Ver- 
wechslung (wenigstens für Fremdlinge in den jeweiligen Ortsverhältnissen) keineswegs 
ausgeschlossen war. Das eigentliche Konkurrenzjahrhundert aber ist . . . das 15., während 
das 16. den Franziskanern zu fast unbestrittener Alleinherrschaft in Nord- und Ostmittel- 
deutschland verhalf . . . Vielmehr gehört, wenn auch nicht gleich das 12., so doch das 
für den Mönch Felix in Betracht kommende 13. Jahrhundert den Zisterziensern" (S. 79ff.). 
Überzeugend ist die Beweisführung, dass ein Angehöriger eines thüringischen Zisterzienser- 
Klosters des 13. Jahrhunderts als Dichter des M. F. zu gelten habe: wir lernen die 
Dichtung geradezu als ein Mittel zisterziensischer Heiligung und Propaganda auffassen; 
literarhistorisch fällt so auf die häufig als bäurisch beleumundeten Zisterzienser ein besseres 
Licht. Höchst fesselnde Erörterungen bringt die Besprechung des 'Mönches von Heister- 
bach', einer Ballade Wolfgang Müllers von Königswinter, die, zuerst 1841 in Simrocks 
Rheinsagen ^ erschienen, einen dem Mönch Felix aufs nächste verwandten Stoff behandelt. 
So bestechend auch die Hypothese erscheint, dass Müllers Mönch von Heisterbach 
niemals in Heisterbach gewandelt habe, sondern nur vom Dichter dorthin lokalisiert sei, 
mit Recht macht Mai, mit Hilfe von älteren Reisehandbüchern die Frage klärend, doch 
bei der Feststellung halt, ..dass schon für die dreissiger Jahre des l!i. Jahrhunderts eine 
Heisterbacher Lokalsage existiert", deren Held zwar nicht über dem Gesang eines 
engelischen Vögleins drei Jahrhunderte vergisst, sondern über seiner eigenen dämonisch ge- 
steigerten Spekulierwut. „Die Spur des Heisterbachers verliert sich im Dunkeln." Die 
Darlegung des stofflichen Problems (ein verwandtes behandelte 1910 Michael Huber in 
der 'Wanderlegende von den Siebenschläfern') veranlasst Mai zu einer schnellen Übersicht 
über die räumlich weit getrennten, ältesten Fassungen und legt von seiner Gelehrsamkeit 
und Umsicht günstigstes Zeugnis ab. [Fritz Behrend.] 

Heinrich März eil, Die Klette im Volksglauben (Naturwissenschaftliche Wochen- 
schrift hsg. von H. Potonie, N. F. 12, 2, S. 23—26). Die Klette spielt im Volksglauben 
eine Avenig hervortretende, aber doch in manchen Punkten interessante Rolle. Besonders 
ausführlich behandelt der Verf. die in einigen Krankheitsbeschwörungen vorkommenden 
Anrufungen der Klette. Hieraus zu folgern, dass die Klette als Verkörperung eines Haus- 



Notizen. 103 

dämons galt, geht wohl zu weit. Auch der S. 25 mitgeteilte albanesische Brauch, gegen 
die Bedrängungen durch einen Waldgeist in Wein getauclites Brot auf eine Klette mit 
grossen Blättern zu legen, kann diese Annahme kaum stützen; die breiten Klettenblätter 
sind eben besonders dazu geeignet, die Opfergabe darauf zu legen. Im übrigen dürften 
in dem Aufsatz wohl alle wichtigeren Notizeu über die volkskundliche Bedeutung der 
Klette zusammengestellt sein; nachzutragen wäre noch Wuttke * §523 (Weichselzopf durch 
Klettensamen erzeugt, Ostpreussen). [F. B.] 

J. Mink, Vorschläge für eine zukünftige Benennung der Fleischstücke vom Kinde 
im Fleischergewerbe des Deutschen Eeiches. Leipzig 1912. 66 S. 4 ". — Die Schrift erfüllt 
ohne Zweifel einen dringenden Wunsch der Fachkreise des Fleischergewerbes. Denn da 
auch diese sonst mehr bodensässigen Kreise, ebenso wie die gesamte Bevölkerung des 
Deutschen Reichs vielmehr umher und durcheinander kommen, wurden die vielfach hier 
so besonders ausgebildeten Dialekt- und Lokalbezeichnungen im Gewerbe wahrscheinlich 
ebenso störend empfunden, wie anderswo. Steht doch der norddeutsche Reisende häufig 
vor einer österreichischen Speisekarte wie vor einem Buch mit sieben Siegeln, und um- 
gekehrt ist es nicht anders. Nuu haben wir es als Volkskundler sicher zu bedauern, 
wenn manch gute alte Bezeichnung hier jetzt dem Aussterben überantwortet wird, um so mehr 
ist aber es da zu begrüssen, dass hier alle Bezeichnungen noch einmal zusammengefasst 
werden. So ist von Fachseite eine Menge Sprachgut für den künftigen Forscher auf- 
bewahrt und deshalb habe ich auch hier auf dieses Schriftcheu hinweisen wollen. 
|Ed. Hahn.] 

G. Pitre, The swallow book; the story of the swallow told in legends, fahles, folk 
songs, proverbs, omens and riddes of many lands gathered; rendered into english and 
arranged for the use of our boys and girls by Ada Walker Camehl. New York, Ameri- 
can book Company. (1912). 158 S. 8 ". — Die behenden, zierlichen und zutraulich in der 
Nähe menschlicher Behausungen nistenden Schwalben haben Denken und Glauben des 
Volkes oft beschäftigt. Es war daher eiu hübscher Gedanke des Altmeisters der 
italienischen Volkskunde, für seine Enkelin ein Büchlein zusammenzustellen, das die 
Lebensgewohnheiten der Schwalbe und die von ihr handelnden Märchen, Legenden, aber- 
gläubischen Vorstellungen, Sprichwörter, Lieder sowie ihre Verwendung in der Volks- 
medizin aus reicher Kenntnis der europäischen und aussereuropäischen f'berlieferungen 
beleuchtet. Da es ein Kinderbuch sein soll, ist der gelehrte Anstrich und der z. B. in 
Paulus Cassels Schriftchen 'Die Schwalbe und ihre Heimkehr' (Berlin 1866) hervor- 
tretende Notenballast vermieden. Der englischen Übersetzung sind viele hübsche Zeich- 
nungen beigegeben. [J. B.] 

Chr. Ranck, Kulturgeschichte des deutschen Bauernhauses. Zweite Auflage. (Aus 
Natur und Geisteswelt Nr. 22;i.) Leipzig, Teubner 1913. VI, 88 S, 71 Abb. 1,25 Mk. — 
Rancks Kulturgeschichte des deutschen Bauernhauses ist in der zweiten Auflage im wesent- 
lichen unverändert geblieben. Gegen die Darstellung der Entwicklung lässt sich ebenso- 
wenig einwenden wie gegen die landschaftliche Gruppierung, die der Verfasser eng an 
die Zweiteilung in das ober- und niederdeutsche Haus anschliesst. Dadurch wird die 
Aufmerksamkeit nie von den Hauptsachen abgelenkt. Bei einer neuen Auflage würde 
wohl auch das ostdeutsche Vorhallenhaus etwas Berücksichtigung finden müssen, für das 
heute bereits ein umfangreicheres ^Material vorliegt, als Meitzen und Henning zur Ver- 
fügung stand. Nicht völlig gerecht wird Ranck dem nordischen Hause, das der Verfasser 
in seine Entwicklung einbezieht. Vereinzelt erweckt seine Darstellung Widerspruch. So 
seine Ausführung über den Skot, der keineswegs im Norden allgemein verbreitet ist. 
Auch das Sparrendach ist nicht, wie man nach R. annehmen könnte, gemein-nordisch, 
sondern kommt nur in einem grösseren, aber von Niederdeutschland beeinllussten Gebiet 
vor. Die angeführte Literatur, in der man manches wichtige deutsche Werk (von 
Dachler, Eigl, NordhofiF, Lindner, Rhamm u. a.) vermisst, zeigt allerdings, dass dem Ver- 
fasser das nordische Haus nur unvollkommen vertraut ist. Ohne die Kenntnis der 
Schriften von Eilert Sund, Feilberg, Gudmundsson, Hylten-Cavallius, Lauridsen, Ni- 
colaissen wird man ein klares Bild über die Entwicklung nicht gewinnen. Es soll 
dies den Wert der Ranckschen Arbeit nicht herabsetzen, sondern nur hinweisen auf 



104 Notizen. 

die Schwierigkeit, die deutsche Entwicklung mit der nordischen in Beziehung zu setzen 
[Robert Mielke] 

G. Schierghofer, Altbayerns Umritte und Leonhardifahrten. München, Bayerland- 
Verlag 1913. XII, 73 S. 2.50 Mk. — Die besonders in Bayern üblichen, aber auch in 
Schwaben, Belgien, Frankreich und sonst nachweisbaren Umritte sind eigentlich Wall- 
fahrten zu Ehren eines Heiligen, von dem der Bauer für sich und seine Haustiere Segen 
und Gedeihen erhofft. Nachdem Andree, Höfler u. a. mehrfach auf diesen Brauch hin- 
gewiesen liatten, hat sich der Vf. daran gemacht, durch fleissige Umfragen und Studien 
dessen Art und Ausdehnung genau festzustellen. Er ordnet die Nachrichten über die 
einzelneu Orte nach dem Kalender: denn es gibt fast keinen Monat, indem nicht irgendwo 
in Bayern ein Umritt gehalten wurde oder noch wird. So ziehen zu Ostern in Traun- 
stein und St. Georgen zu Ehren des heiligen Georg die Bauern mit ihren Pferden hinter 
den ebenfalls beritteneu Geistlichen, Engeln und Kriegern in römischer oder mittelalter- 
licher Tracht einher: andere Umritte finden zu Pfingsten, Martini und Stefani statt; be- 
sonders aber am G. November, dem Feste des h. Leonhard. Über den heidnischen Ursprung 
solcher Bräuche äussert sich der Vf. S. 11 mit löblicher Vorsicht. Das hübsche Büchlein, 
das die Liebe zu heimatlichen Bräuchen wecken und pflegen will, ist mit trefflichen Ab- 
bildungen von Klemens Thomas geziert. [J. B.J 

Richard Schlegel, Uhrumschriften, gesammelt und herausgegeben. Berlin, 
B. Poetschki 1913. 22 S. kl. 8^. 0,80 Mk. — Inschriften auf Uhren sind bisher unseres 
Wissens in grösserer Menge nicht zusammengetragen worden. Verwiesen sei auf die un- 
nötigerweise in novellistische Form gekleidete Studie über Inschriften auf Sonnenuhren 
von M. L. V. in Korrbl. f. d. höh. Schulen Württembergs 19, 48 -T)! und die Nachträge 
von Nestle ebda. S. 208, sowie auf die Behandlung zweier antiker Sonnenuhrinschriften 
im Musee Beige 17, 145 f. Die vorliegende Sammlung enthält ungefähr neunzig Sprüche. 
Leider fehlen fast ausnahmslos Angaben über Ort und Zeit der Inschriften sowie bei den 
literarischen die genaueren Bezeichnungen der Stellen. Zu 'horas nou numero nisi 
serenas' (S. 21) vgl. oben 15, 429; ich glaube die Worte auch in Sanssouci gelesen zu 
haben. Manche dieser Sinnsprüche, wie der bekannte 'Vulnerant omnes, ultima necat', 
sind übrigens nichts anderes als Rätsel. [F. B.] 

Joh. H. Schwalm, 'Schwälmer Wees' (Schwälmer Weizen). Das Schwälmerleben 
im eigenen Sprichwort, Kassel, F. Scheel 1913. GGS. kl. 8 ». 1,20 Mk. — Der Vf. hat 
seine ursprünglich im 'Hessenland' veröffentlichten Sammlungen in einem mit hübschen 
Zeichnungen von J. Happ gezierten Büchlein vereinigt. Der Begriff 'Sprichwort' ist von 
ihm im weitesten Sinne gefasst, da er auch bildliche Redewendungen, Neckereien, Wetter- 
regeln u. dgl. bringt. Die Kapitelüberschriften (Kindheit, Wie die Zucht, so die Frucht, 
Berufswahl, Scherz und Ernst, Liebeszeit und Ehestandslebcu, Tages-, Jahres- und Lebens- 
arbeit) lassen die Art der Anordnung erkennen. Etwas schwerfällig wird die Darstellung 
dadurch, dass der Vf. es für nötig gehalten hat, jedes Sprichwort wörtlich ins Schrift- 
deutsch zu übertragen, selbst wenn ein Missverständnis ausgeschlossen ist. Auch darf 
man doch voraussetzen, dass den Lesern die Bedeutung des Wortes 'Ferkel' bekannt ist 
S. 35). Die Redensart 'Schlecht wie Galgenholz' ist sicherlich älter, als die dafür an- 
geführte ätiologische Sage (S. 37), vgl. patibulum-patibulus, auch das .-ravovayiy.w H'/.ov 
in dem von Preisendanz Hess. Bl. f. Vkde. 12, 1391. veröffentlichten Diebeszauber gehört 
in diesen Gedankenkreis. Die Redensart 'Bann de Gugguk reift, muss m"r sich of de 
Reck leeng" erklärt der Vf.: Wenn der K. ruft, muss [= darf] man sich auf den Rücken 
legen [weil dann der Boden warm ist]. Das 'darf scheint mir etwas willkürlich ein- 
geschoben. Sollte es sich nicht um einen unbewussten Stärkungs- oder Fruchtbarkeits- 
ritus handeln? s. Dieterich, Mutter Erde"-' S. 8f.) — Die Sammlung bedeutet nicht nur 
einen Beitrag zur Kenntnis der Schwälmer Denkart, wie der Vf. es im Untertitel aus- 
drückt, sondern auch für die Kenntnis der hessischen Mundart. [F. B.] 

Carlo Sganzini, Die Fortschritte der Völkerpsychologie von Lazarus bis Wundt. 
(Neue Berner Abhandlungen zur Philosophie und ihrer Geschichte lisg. von Richard 
Herbertz, 2). Bern, A. Francke 1913. 247 S. kl. 8°. 4 Mk. — Ein vortreffliches Buch, 
das alle Richtungen der Völkeipsychologie von Lazarus und Steinthal bis zu Wundt 



Notizen. 105 

Revue passieren lässt und kritiscJi mustert. Auch Grenzgebiete wie Soziologie und 
Massenpsychologie werden gebührend berücksichtigt. Die Einleitung orientiert umsichtig 
über die IJntstehung der Völkerpsychologie, wobei nur wieder die alte Fabel vom 'un- 
geschichtlichen Sinn' des 18. Jahrhunderts aufHCtischt wird. Sehr ausführlich behandelt 
der Vf. Wuudts monumentales Werk, obwohl er gegen Grundlagen, Aufbau und Aus- 
führuEg höchst beachtenswerte Einwände vorzubringen weiss. Dagegen werden Stein- 
thals Verdienste zwar zutreffend, aber etwas summarisch gewürdigt; auch hätte noch sein 
methodisch wichtiger Aufsatz im 1. Bande unserer Zeitschrift (1891 S. 10 — 17) herangezogen 
werden können: er stellt zudem das letzte Wort dar, das dieser feine und tiefe Geist in 
Sachen der Völkerp>ychologie gesprochen hat. Ungern vermisst man ein Register. 
[H. Michel.] 

A. Stenzel, Das Riesenbett im Sachsenwalde (Wissenschaft und Technik, Beilage 
zu Jsr. 8 der 'Astronomischen Korrespondenz', 7. Jahrg. 1910). — Ausführliche Be- 
schreibung des Dasseudorfer Hünengrabes und Mitteilung einer darauf bezüglichen Volks- 
sage. [F. B.] 

Julio Vicuj^ia Cifuentes, Romances populäres y vulgares, recogidos de la tradiciim 
oral chilena. Santiago de Chile, Imprenta Barcelona 1912. XXXIII, 581 S. 8" (Riblio- 
teca de escritores de Chile 7). — Zum ersten Male erhalten wir durch die vorliegende 
dankenswerte Arbeit einen tieferen Einblick in das Leben des spanischen Volksliedes in 
Chile. 16G Texte hat der Vf. in zwölf Jahren aus dem Volksmunde aufgezeichnet, die, da 
in dieser Summe auch blosse Varianten mitgezählt sind, 83 Romanzen angehören. Durch 
Heranziehung der spanischen Volksliedliteratur Hess sich feststellen, dass der grössere 
Teil davon durch mündliche Fortpflanzung oder durch tliegende Blätter (pliegos sueltos) 
im Laufe des 1(5. bis 19. Jahrhunderts aus dem Mutterlande eingeführt worden ist Eine 
Reihe anderer Lieder gibt sich durch Inhalt und Ausdruck als einheimisches Gewäch.s zu 
erkennen, z. B. nr. 101 'Atahualpas Tod', 144 'das Erdbeben in Chile' u. a. Auch zeigen 
nach S. XXII die chileniscben Melodien, von denen wegen der unüberwindlichen Scheu 
der Sänger vor dem Phonographen leider keine Proben mitgeteilt werden konnten, einen 
lebhafteren Charakter als die in Spanien üblichen. Unter den geistlichen Stoffen begegnen 
Legenden von der Jungfrau Maria, von Magdalena und Katharina (nr. Si-i), der auf die 
mittelalterliche Yisio Fulberti zurückgehende Streit von Seele und Leib (136), die dem 
Leontius- und Don Juan-Drama zugrunde liegende Sage von dem zu Gast geladenen 
Totenschädel (.")0: vgl. Zs. f. vergl. Litgesch. 13, 389. Studien zur vergl. Litgesch. 9, 190): 
aus den weltlichen Stücken hebe ich hervor die ovidische Fabel von Procne und Philo- 
mela, hier Bianca Flor und Fiiomena genannt -24—34), die von ihrem unkeuschen Vater 
verfolgte Delgadina (8—14), den heimkehrenden Gatten (lö 23. 41-45. 160; vgl. oben 
12, 59) und Mambrü d.i. Marlborough (68-70; vgl. Erk-Röhme, Liederhort nr. 325), um 
von den bekannten spanischen Nationalhelden, dem Cid, Bernardo del Carpio, dem Grafen 
Alarcos, zu schweigen. Wenn der Herausgeber über das Schwinden der alten Lieder klagt, 
die vielfach nur bruchstückweise zu erlangen sind, wenn verschiedene Romanzen nur als 
Kinderspiele fortleben (S. 155. 170. 176. 178. 54:')) oder gar in Prosaerzählungen umge- 
gewandelt sind (nr. 150—152), so sehen wir darin eine Wiederholung von Erfahrungen, die 
auch anderwärts von den Sammlern der Volksdichtung gemacht wurden. [J. B.] 

Vorschläge zur psychologischen UntersucJiung primitiver Menschen 
gesammelt und herausgegeben vom Institut für angewandte Psychologie und 
psychologische Sammelforschung. I.Teil. 124 S. — Ethno-psychologische Studien 
an Südseevölkern auf dem Bismarck- Archipel und den Salomo-Insoln von Richard 
Thurnwald. Mit 21 Tafeln. 163 S. (Beihefte zur Zeitschrift für angewandte Psychologie 
und psycliülogische Sammelforschung hsg von William Steni und Otto Lipmanu, 5 und 6). 
Leipzig, J. A. Barth li>12 und 1913. 4 Mk. und 9 Mk. — Es ist erfreulich, dass die zum 
Teil sehr fein ausgebildeten Methoden der experimentellen Psychologie, die lange Zeit in 
stark esoterischer Weise gehandhabt wurden, nun auch auf Wissensgebieten Anwendung 
finden, wo sie mit Nutzen verwertet werden und in Zukunft wichtige Ergebnisse liefern 
können. Sprachwissenschaft, Rechtswissenschaft, Pädagogik, Ästhetik u. a. sind bereits 
mit Hilfe der psychologischen Forschung nicht unbeträchtlich gefördert worden, und es 



1 06 Notizen. 

ist mir gar nicht zweifelhaft, class auch die Völkerkunde aus Untersuchuno^en dieser Art 
reichen Gewinn ziehen, ja vielleicht auf eine höhere Stufe ihrer Entwicklung als Wissen 
Schaft gelangen wird. Aber auch für die Volkskunde ist diese Forscliungsweise mit ge- 
wissen Einschränkungen und Änderungen verwendbar: mit vollem Recht fordert Thurn- 
wald neben der Analyse der zeitgenössischen Fremdvölker eine nach ähnlichen Grund- 
sätzen auszuführende Zergliederung der modernen europäischen Völker in ihren ver- 
schiedenen Schichten. Eine methodische Anleitung zu derlei Forschungen bieten die 'Vor- 
schläge', zu denen ausser Thurnwald auch Tschermak, Guttmann, Lipmann, Stern, Vier- 
kandt und Meinhof sachkundige Beiträge geliefert haben. Thurnwald, dem diese Unter- 
suchungen vor allem am Herzen liegen, hat sich dann dadurch kein geringes Verdienst 
erworben, dass er die neuen Methoden auf seiner Eeise nach den melanesischen Südsee- 
Inseln an den Bewohnern des Bismarck-Archipels und der Salomo-Inselu praktisch erprobt 
hat. Er darf mit seinen Resultaten zufrieden sein. Für die Fruchtbarkeit der ethno- 
psychologischen Fragestellungen legt sein Buch beredtes Zeugnis ab. Die Mitteilungen 
über die Sprache und die Zeichnungen der behandelten Völker seien besonders hervor- 
gehoben; auch was S. 39 ff. über die Fortpflanzung von Berichten gesagt wird, ist sehr 
beachtenswert und sollte von Märchen-, Sagen- und Volksliedforschern nicht übersehen 
werden. [H. Michel.] 

A. Wrede, Eifeler Baueruleben in Sitte und Brauch (Sonderabzug aus der Eifel- 
festschrift 1913, S. 392—423). Mit acht Abbildungen. Gr. 8 ». — Teils auf eigenen 
Beobachtungen, teils auf früheren Veröffentlichungen fussend, gibt der Verfasser eine kurze 
Übersicht über Glaube und Brauch der bäuerlichen Bevölkerung der Eifel bei Geburt, 
Hochzeit, Tod und anderen wichtigen Lebensereignissen und -abschnitten, ihre Wohnstätte, 
Tracht, Feste usw. Volksglaube und -brauch deckt sich fast durchgehends mit dem aus 
dem übrigen Deutschland bekannten; als besonders bemerkenswert seien hervorgehoben 
die fast orgiastisch anmutenden Weiberumzüge nach der Kindtaufe (S. 402) und das wohl 
auf alte Frühlingsriten zurückgehende Anzünden der 'Burg' am Sonntag luvocavit (8.417); 
die Verbände der Burschen und Mädchen spielen auch in der Eifel im Leben der 
Dorfgemeinde eine sehr wichtige Rolle (S. 404 f.). Sehr gut gelungene Abbildungen 
nach Photographien schmücken die übersichtliche und reichhaltige Zusammenstellung. 
[F. B.] 

Zeitschrift für Kolonialsprachen hsg. von C. Meinhof 3, 3 (Berlin, D. Reimer 1913); 
0. Dempwolff, Beiträge zur Kenntnis der Sprachen in Deutsch-Ostafrika, C. G. Selig- 
manu, Pive melanesian vocabularies from British New-Guinea. H. Rehse, Die Sprache 
der Baziba in Deutsch-Ostafrika. W. Bourquin, Adverb und adverbiale Umschreibung 
im Kafir. G. Schürle und M. Klamroth, Afrikanische Liebeslieder. — 4, 1 (ebd. 
1913): J. Irle, Herero-Sprichwörter. S. H. Ray, The languages of the papuan Golf 
district. W. Bourquin, Adverb im Kafir. [J. B.] 



Victor Chauvin f. 

Am 19. November 1913 verstarb infolge eines Schlaganfalles, der den zur 
Universität Schreitenden auf der Strasse traf, der Lütticher Universitätsprofessor 
Dr. Victor Chauvin, in dem wir nicht nur einen Forscher von seltener, erfolg- 
reicher Arbeitskraft, sondern auch einen hochgeschätzten Mitarbeiter unserer Zeit- 
schrift betrauern. 

Chauvin, der am 26. Dezember 1844 zu Lüttich geboren wurde, entstammte 
einer französischen Familie, die zeitweise auch in Deutschland heimisch war; er 
selber jedoch blieb seiner Vaterstadt, die er nur zu kürzeren Reisen verliess, zeit- 
lebens treu. In Lüttich besuchte er das königliche Athenäum, an welchem Felix 
Liebrecht als Lehrer angestellt war, das Lehrerseminar (Ecole normale des huma- 



Victor Chauvin j. 107 

nites), studierte auf der Universität die Rechte und wirkte bis 1872 als Advokat^). 
Zugleich über widmete er sich unter Burggraffs Leitung so eifrig dem Studium 
des Hebräischen und Arabischen, dass er 1872 als Charge de cours und nach 
kurzer bibliothekarischer Tätigkeit 1878 als ordentlicher Professor der orientalischen 
Sprachen angestellt wurde. Über die Grammatik hin zog es ihn bald hin zu den 
Realien; er las über moslemisches Recht und ältere Geschichte des Orients, 
übertrug auch Dozys Geschichte des Islam ins Französische (1879). Sein Haupt- 
werk aber ward die nach langjähriger Vorbereitung 1892 ans Licht tretende 
'Bibliographie des ouvrages arabes ou relatifs aux Arabes publiös dans l'Europe 
chretienne de 1810 ä 1885', von welcher bis 1909 elf Bände erschienen sind. 
Hier schreitet Chauvin über die Aufgabe einer sämtliche Ausgaben und Über- 
setzungen beschreibenden und die einschlägigen Zeitschriftenartikel buchenden 
Bibliographie weit hinaus, um Inhalt und Charakter der behandelten Schriftwerke 
mit wirklicher Sachkenntnis und Ausführlichkeit darzulegen. Seine Arbeit, die 
sich etwa mit Goedekes Grundriss zur Geschichte der deutschen Dichtung ver- 
gleichen lässt, gibt von dem Fabelvverke Kalilah und Dimnah, von Locimans Fabeln, 
der Barlaamlegende, der 1001 Nacht, dem Romane Syntipas, den Erzählungen des 
Petrus Alphonsus usw. genaue Analysen und verfolgt die Geschichte der einzelnen 
Novellenmotive in erstaunlich reichhaltigen Anmerkungen durch die ^\'eltliteratur. 
Aus langjährigen, ausdauernden Studien erbaut sich hier eine sichere Grundlage 
für die orientalische Literaturgeschichte und für die "Würdigung der Vermittler- 
rolle zwischen Orient und Occident, die den Arabern im Mittelalter zugefallen ist. 
Der hohe Wert dieses leider noch nicht vollendeten Werkes ist von der Pariser 
Akademie wie von der deutschen morgenländischen Gesellschaft durch Erteilung 
von Preisen und Druckunterstützungen wiederholt anerkannt worden. Aus der 
langen Reihe seiner übrigen Werke stehen uns seine Aufsätze zur Volkskunde am 
nächsten, die in der Wallonia (z. B. 1900—1901 La parabole des trois anneaux; 
1902 Les souliers uses), in den Annales de l'academie d'archeologie de Belgique 
(1902: Le jet des pierres au pelerinage de la Mecque), in den Memoires de la soc. 
des sciences du Hainaut (1902: La legende egyptienne de Bonaparte), in der Revue 
des traditions populaires (KJ: Le reve du tresor sur le pont. 16: Les obstacles 
raagiques), in unserer Zeitschrift: (12: Felix Liebrecht; 14: Wunderbare Ver- 
setzungen unbeweglicher Dinge; 15: Die rechtliche Stellung der wiedererwachten 
Toten; 21: Les contes populaires dans le livre des rois de Perdausi) u.a. ver- 
öffentlicht wurden. Sie zeigen alle ebenso Chauvins treue Sorgfalt im kleinen 
wie seinen auf die grossen Zusammenhänge gerichteten Blick. Eifrig wirkte er 
als Mitglied der Gesellschaft für wallonische Literatur und widmete sich als 
Stadtrat verschiedenen Aufgaben der Wohlfahrtspflege. Was er hier in engeren 
Kreisen wirkte, entzieht sich naturgeraäss dem Blicke der Fernerstohenden. Deutlich 
aber steht von einem Berliner Besuche her sein freundliches Lächeln, die aus 
seinen blauen Augen strahlende lebendige Frische und der elastische Gang der 
kaum mittelgrossen Gestalt vor meinem Gedächtnis. Ehre seinem Andenken! 

Berlin. Johannes Bolte. 



1) Für diese Lebensnachricliten habe ich dem Sohne des Verewigten, Herrn Hermann 
Chauvin, Repetenten, am Institut ]\Iontefiore in Lüttich, zu danken. 



108 Brunner: 



Aus den 

Sitziings- Protokollen des Vereins für Volkskunde. 



Freitag, den 24. Oktober 1913. Der Vorsitzende Geh. Rat Prof. Dr. Roediger 
teilte eine Einladung zur Eröffnung des Landesmuseums für sächsische Volks- 
kunst in Dresden mit, die der'Perien wegen leider nicht rechtzeitig zur Kenntnis 
der Vereinsmitglieder gebracht werden konnte. Hr. Dr. Paul Przygodda sprach 
über typische Erscheinungen in Charakteren und Motiven der Grimmschen 
Märchen. In den Vorreden zu verschiedenen Auflagen der Märchen hat Wilhelm 
Grimm abweichende Auffassungen über das Wesen des Märchens kundgegeben. 
Ursprünglich hielt er sie für autochthon, aber schon in der dritten Auflage hat er 
diese Auffassung widerrufen. Typische Motive und Charaktere, besonders auch 
Tierfabeln weisen auf den Zusammenhang des deutschen Märchens mit dem in- 
dischen hin. In älteren Auflagen hat W. Grimm auch mehr den mythischen 
Gehalt der Märchen betont. Die in neuerer Zeit bekannter gewordenen afrikanischen 
Märchen klingen zwar oft mit den deutschen zusammen, sind jedoch durch eigen- 
tümliche Auffassung wieder verschieden. Die gegenwärtige Märchenforschung 
arbeitet im Sinne der Kombination, und von der Leyen hat die Grimmschen 
Märchen in diesem Sinne neu geordnet. Betont wird die künstlerische Vorstufe 
des Märchens: Traumerlebnisse werden zu Märchen umgestaltet, und primitive 
Anschauungen sowie kulturelle Einflüsse werden als Hauptbestandteile des Volks- 
märchens nachgewiesen. Solche primitiven Anschauungen z. B. von der Seele 
sind der Glaube an verwunschene Menschen, singende Knochen, Namenzauber 
und dergleichen. Auf die weitere Ausgestaltung der ethischen Begriffe hat später 
das Christentum eingewirkt. Im 16. Jahrh. sind viele Motive aus dem damals 
blühenden Handwerk ins Märchen eingedrungen. Ebenso sind die Spuren be- 
merkenswerter Perioden der deutschen Geschichte und Kulturgeschichte in den 
Märchen nachzuweisen. Tierfabeln stammen vielfach aus dem Altertum, Schild- 
bürger- und Schwabenstreiche, gemütvolle Erzählungen von Christus und seinen 
Jüngern gehören auch bestimmten Zeitaltern an. Manche Zeitalter haben gewisse 
Ähnlichkeit miteinander, und daher ist die Einordnung gewisser Märchen schwierig. 
Der Redner erklärte sich gegen den Neudruck der Grimmschen Märchen in 
anderer Ordnung und hält die ursprüngliche, deren Absicht Abwechselung war, 
für unantastbar. — Hr. Prof. Dr. J. Bolte erwähnte, dass schon Jakob Grimm 
versucht habe, die Märchen nach Jahrhunderten zu ordnen; eine andere An- 
ordnung, nach Stoffen, habe Dr. Aarne getroffen; eine Schwierigkeit, Aufschluss 
über bestimmte Märchenstoffe zu erhalten, liege darin, dass die einzelnen Märchen- 
forscher die Motive verschieden bezeichneten. Der Vorsitzende legte den neu- 
gedruckten 1. Band Anmerkungen zu den Grimmschen Märchen' vor, der von 
Bolte und Polivka (Leipzig 1913) herausgegeben ist. Er bemerkte noch gegen 
v. d. Leyens Auffassung, dass nicht immer erst die literarische Verarbeitung den 
Märchen ihre Form gegeben habe. — Hr. Prof. Bolte berichtete dann über die 
Tagung des Verbandes deutscher Vereine für Volkskunde in Marburg (s. oben 



Protokolle. 10^ 

23, 440). — Hr. Rittergutsbesitzer Treichel verlas ein noch ungedrucktes Epi- 
gramm von Justinus Kerner, in dem Korse und Korsett miteinander in Beziehung 
gebracht werden. Er legte dann ein Tonfragment vor, das er für ein Bruchstück 
eines primitiven Leuchters hält, und eine aus einem Stücke Holz gearbeitete 
Streichholzbüchse aus Westpreussen, die er der Sammlung für deutsche Volks- 
kunde überwies. 

Freitag-, den 28. November 1913. Vorsitz Geh. Rat Roediger. Hr. Prof. 
Dr. Boite widmete dem verstorbenen Mitarbeiter an unserer Zeitschrift. Prof. 
Dr. Viktor Chauvin in Lüttich, warme Worte ehrenden Gedächtnisses. — Der 
Vorsitzende legte die neu erschienene volkskundliche Bibliographie vor, die als 
erweiterte Fortsetzung der bisherigen 'Zeitschriftenschau' von A. Abt unter dem 
Titel: Die volkskundliche Literatur des Jahres TJll bearbeitet ist und den Vereins- 
mitgliedern zu erraässigtem Preise geliefert werden kann. Für eine in Aussicht 
genommene Änderung der Satzung erbat und erhielt er von der Versammlung 
Aufschub der Beratung bis zur Januarsitzung. Dann sprach Frl. Elisabeth Lemke 
über 'Glück' und anderes Neujahrsgebäck, worüber sie selbst wie folgt berichtet: 
„Unter Hinweis auf die Zusammengehörigkeit von Weihnachten, Neujahr und 
Dreikönigstag kamen (durch 12 Blätter mit Abbildungen unterstützt) die in diese 
Zeit fallenden Kult- bzw. Heilgebäcke zur Erörterung. Einen grossen Anteil an 
diesen zum Teil in ferne Zeit zurückreichenden Gebacken haben die in dieselben Tage 
fallenden Totengedenkfeiern, die allerdings schon lange nicht mehr an die Winter- 
sonnenwende gebunden sind, sondern von der Kirche auf andere Tage verlegt 
wurden. Ausser der Treue und Furcht, mit denen man der Verstorbenen gedenkt 
(das Umherschwärmen der Seelen ist noch immer nicht vergessen), spricht die 
Furcht vor Dämonen mit; die Gesundheit bei Menschen und Haustieren wird 
durch mancherlei Gebäck 'gesichert'; es werden Menschen, Tiere. Sterne usw. ge- 
backen. Zum sog 'Glückgreifen' in der Sylvesternacht gehören neun Figuren: 
1. Ring, 2. Mann und Frau, 3. Kind, 4. Geld, 5. Brot, <>. Kreuz (oder Glück oder 
Engel), 7. Tod, 8. Himmelsleiter, 9. Himmelsschlüssel; dreimal kann man je drei 
der Teller aufheben, unter denen dies Gebäck geborgen ist, das allemal anders 
geordnet wurde. Es kamen ferner zur Schilderung: Fieberbrötchen, Neujahr- 
backen, Glück für die Tiere, Neujahrshündlein (allerlei Dinge), Howölfel, Neu- 
jahrsbaum, Drei Könige (am Sylvester gebacken und bis zum 6. Januar auf- 
bewahrt) usw. In einer Gegend Ostpreussens setzte man am Sylvesterabend ein 
gebackenes Neujahrsbäumchen und gefüllte Salzfässer für die Toten hin. Auch 
streut man vor dem 'für die Toten geheizten Ofen' Asche, um Fussspuren sehen 
zu können." Dazu teilte Hr. Pastor Jahn mit, dass in Züllchow bei Stettin der 
Ausdruck 'Wolf für ein Weihnachtsgebäck allgemein sei. Der Vorsitzende er- 
wähnte, auch in Sachsen sei die Bezeichnung 'Hoch-Neujahr' für den Epiphanias- 
tag noch üblich. — Hr. Dr. Antti Aarne hielt darauf einen Vortrag über die 
Veränderungen in den Märchen. Die Ursachen dieser Veränderungen sind selten 
zufällig. Es kommt häufig vor, dass eine Person des Märchens in der Weiter- 
erzählung vergessen wurde, was dann weitere Änderungen erforderlich machte. 
Andrerseits ist Erweiterung der Stoffe sehr allgemein, besonders am Anfange 
oder Ende des Märchens. Oft werden auch verschiedene Märchen zu einem 
Ganzen vereinigt. Ferner sind Vervielfältigungen von Daten, Personen usw. häufig. 
Sehr gewöhnlich sind Dubletten oder Analogieformen in den Märchen. Verall- 
gemeinerungen oder Vertauschung an Stelle eines bestimmten Zuges im Märchen 
sind weitere Ursachen der Veränderung. Lösungen der Handlung und Verbin- 
dung der Personen zu anderen sind ebenfalls nicht selten. In den anthropo- 



HO Brunner: 

morphischen Märchen ist die Verwandlung eines Menschen- in ein Tierabenteuer 
selten, während Vermenschlichungen von Tieren häufig vorkommen. In alte 
Teufelsraärchen sind später oft Tiere hineingekommen. Veränderung der Gegend 
bringt naturgemäss Akklimatisierungsversuche hervor, was an dem verbreiteten 
Märchen von der Einkehr in ein Gasthaus gut erkennbar ist. Dieser Grund zur 
Veränderung der Märchen spielt überhaupt eine grosse Rolle. Von grösster 
Wichtigkeit ist es, dass alle Veränderungen nach bestimmten Gesetzen erfolgen. 
Hr. Prof. Bolte wies darauf hin, dass der gehörte Vortrag das Ergebnis langer 
gründlicher Studien auf dem Gebiete der vergleichenden Märchenforschung sei. 
Er erinnerte dann an die von Ulr. Jahn beobachtete Tatsache, dass einer seiner 
Gewährsmänner, der als Husar gedient hatte, alle Helden seiner Märchen als 
Husaren auftreten Hess. Auch begabte Erzähler bilden, wie Bunker nach- 
wies, im Laufe der Zeit ihre Märchen um, und Volkslieblingen wie Eulen- 
spiegel oder dem alten Fritz werden viele ältere Geschichten angehängt. In 
jüngerer Zeit macht sich eine Neigung des Volks bemerkbar, eine glückliche 
Lösung des Märchens herbeizuführen, während die Urform öfter einen tragischen 
Ausgang bietet. 

Freitag, den 19. Dezember 1913. Der Vorsitzende, Geh. Rat Roediger, 
beantragt mit Rücksicht auf das Programm des Abends die Verschiebung der 
Vorstandsneuwahl auf die Januarsitzung, wogegen sich kein Widerspruch erhebt. 
Hr. Musikdirektor Karl Heck er hielt dann einen Vortrag über das deutsche, ins- 
besondere das rheinische Volkslied, welcher durch eine Anzahl von Volkslieder- 
vorträgen des 1'). bis 19. Jahrhunderts, trefflich ausgeführt vom Chor des Kgl. 
Lehrerseminars in Köpenick, erläutert wurde. Am Klavier begleitete mit Anmut 
Frl. Dora Becker. Der Redner führte aus, dass die Geschichte der Entstehung 
des Volksliedes noch nicht geschrieben sei. Seit Herder, Goethe und Uhland ist 
CS aber von den Literaturforschern vielfach behandelt worden, nach Hoffraann von 
Fallersleben in neuerer Zeit besonders durch M. Priedlaender und John Meier. 
Im Gegensatz zum Kunstliede bringt das Volkslied typische, allgemeine Erlebnisse 
zur Darstellung, nicht subjektive Empfindungen. In sprunghaftem Stile wird Selbst- 
verständliches übergangen. Text und Melodie sind miteinander verwachsen. Daher 
der unvergängliche Zauber der Jugend im Volksliede. Im fortgesetzten Gebrauch 
schwanden allmählich alle Ecken und Härten des Liedes. Man ordnet die Volks- 
liedersammlungen zweckmässig nach dem Stoffe, den sie behandeln. In Deutsch- 
land sind Kriegslieder häufig im Volksmunde anzutreffen, besonders zahlreich in 
der Rheinebene. Dagegen wurden Balladen, die aus der Mythologie und Tier- 
sage schöpfen, durch kirchliche Einflüsse verdrängt, während Liebeslieder in 
Balladenform sehr zahlreich sind. Nach dem Abklingen des Minnegesanges und 
der Marienhymnen kam im 15. Jahrhundert das A^olkslied auf, im 16. Jahrhundert 
waren sie noch zahlreicher vorhanden, aber im Zeitalter des Dreissigjährigen 
Krieges gingen viele Volkslieder unter. Im 18. Jahrhundert kam der noch heute 
nicht überwundene Bildungsdünkel auf und drängte das Volkslied zurück. Aller- 
dings setzte nun bald die mit Herder beginnende Gegenströmung ein und führte 
für das Volkslied eine neue Ära herbei, bei der aber die Melodie vernachlässigt 
wurde. Erst Erk widmete auch ihr die nötige Aufmerksamkeit, ausserdem Böhme, 
Liliencron u. a. Am Rhein sammelte zuerst Hoffmann von Fallersleben Volks- 
lieder. Sein 'Liederhort' wird in der Berliner Kgl. Bibliothek aufbewahrt, welche 
überhaupt die meisten hsl. Volksliedersammlungen enthält. W. von Zuccalmaglio 
sammelte über 600 Volkslieder, änderte aber leider sein Material nach Gutdünken 
um. Auch Kretschmer und Simrock sammelten Volkslieder des Rheingebietes, 



Protokolle. 111 

wenn auch nicht erschöpfend. Der Redner selbst hat etwa seit 1870 im ganzen 
Rheinlande Volkslieder mit besonderer Berücksichtigung der Melodie gesammelt 
und beabsichtigt nahezu lOOO zu veröffentlichen, von denen viele Variationen, bis 
zu "20, vorliegen. Die Notierung der Melodien ist schwieriger als die der Texte, 
und es gehört dazu viel Erfahrung und musikalische Begabung. Grossen Reiz 
geben den Melodien die oft wechselnden Taktarten. Zu einer umfassenden Dar- 
stellung des deutschen Volksliedes müssten noch mehr Sammlungen, besonders 
auch der Melodien, in allen deutschen Gauen veranstaltet werden»). Der Vor- 
sitzende dankte Hrn. Becker für die willkommenen Belehrungen über das 
deutsche Volkslied und die musterhaften Vorträge des von ihm geleiteten Chores. 
Er sprach die Hoffnung aus, dass die aus der trefflichen Schule des Hrn. Vor- 
tragenden hervorgehenden jungen Lehrer mit ganz besonderem Verständnis sich 
in Zukunft die Pflege des Volksliedes, zumal auf dem Lande angelegen sein lassen 
werden. 

Freitag, den 23. Januar 1914. Der Vorsitzende, Hr. Geh. Rat Roediger, 
erstattete den Jahresbericht und der Schatzmeister Hr. Treichel den Kassen- 
bericht. Dann wurde der bisherige Vorstand wiedergewählt. Er besteht also aus 
den Herren Roediger, Bolte, Brunner, Mielke, Treichel, Minden und Sökeland. 
Der gleichfalls neugewählte Ausschuss setzt sich wie folgt zusammen: Friedel als 
Obmann, Schulze-Veltrup, Boehm, Behrend, Hahn, Ludwig, Samter, Maurer, Lemke, 
Heusler, Simon, Ebermann. Auf Antrag des Vorstandes stimmte die Versammlung 
einer Änderung der Satzung zu, welche neugedruckt und den Mitgliedern über- 
sandt werden soll. Darauf hielt Hr. Prof. Dr. Ernst Samter einen Vortrag über 
Pteligion und Sittlichkeit bei den Griechen. Die Götter haben nach griechischer 
Anschauung die Welt und die Menschen nicht erschaffen, aber sie regieren sie. 
Dass sie immer gerecht regieren, kann nicht behauptet werden. Die homerischen 
Götter ergreifen bekanntlich in den Kämpfen der Griechen und Trojaner sehr 
energisch Partei. Durch Opfer an die Gottheit glaubte man sozusagen einen 
Kontrakt zwischen Gott und Mensch festzusetzen. Die Gunst der Götter beruht 
keineswegs nur auf guten Taten; das gilt auch für spätere Formen des griechischen 
Volksglaubens. Auch in die Mysterien ist erst später ein sittliches Moment ein- 
getreten. Natürlich gab es auch Gegner der unethischen Anschauungen des Volks- 
glaubens. So hat besonders Xenophanes (6. bis 5. Jahrhundert) scharf diese un- 
sittlichen Auffassungen der Dichter über die Gottheit kritisiert. Er gelangte so 
zu einer mono- oder pantheistischen Religionsanschauung, die viele geistig hoch- 
stehende Griechen mit ihm teilten. Hesiod gibt in seiner Theogonie und seinen 
'Werken und Tagen', die eine Art von Bauernkalender sind, eine weniger poetische 
als moralisierende Götterlehre. So spricht er z. B. von einer segensreichen Eris, 
die zu Fleiss und Arbeit anreizt. Ähnliche Vorstellungen von gerechter göttlicher 
Regierung hegte auch Solon. Er spricht auch von dem Erbe des Bösen, d. h. 
der Strafe an den Nachkommen. Herodot dagegen schreibt den Göttern mensch- 
liche Schwächen zu, z. B. den Neid, der es dem Menschen verwehrt, zu glücklich 
zu sein. Auch Pindar spricht ähnlich, ferner urteilen so die sieben Weisen in 



1) Es kamen folgende Volkslieder zum Vortrag: 15. Jahrhundert: Ich fahr dahin. 
Innsbruck, ich muss dich lassen. IG. Jahrhundert: Es ist eine Ros' entsprungen. 18. Jahr- 
hundert: Drei Lilien. Strassburg, du wunderschöne Stadt. 18. bis 19. Jahrhundert: 
Jetzt gang i ans Brünnele. l'J. Jahrhundert: Ich liabe den Frühling gesehen. Zu Strass- 
burg auf der langen Brück. Weh, dass wir scheiden müssen. 



112 Brunner: Protokolle. — Zum Marburger Verbandstag. — Berichtigung. 

ihren Sprüchen an dem Heiligtume von Delphi. Unter den grossen Tragikern hat 
Aeschylus in vielem am alten Glauben festgehalten, aber seine Vorstellungen 
über die Gottheit sind doch weit über den Volksglauben hinausgewachsen. Mass- 
halten ist ihm eine Notwendigkeit für den Menschen, denn Zeus ist ein scharfer 
Richter der Cberhebung. Eine Forderung der Gerechtigkeit ist Strafe, auch an 
Kindern und Kindeskindern. Aber die Sünden der Väter sind nur Mithelfer der 
bösen Tat, zum Entschluss ist der Mensch frei. Zeus ist ihm der Gott schlechthin; 
seine Weisheit und Güte preist er in fast alttestamentlicher Kraft und Majestät. Im 
Chor des 'Agamemnon' gibt er seiner Anschauung über die Macht des Zeus ge- 
waltigen Ausdruck. Bei Sophokles findet sich ähnliche Frömmigkeit, doch steht 
sie dem Volksglauben näher als bei Aeschylus. Zu seinen religiösen Forderungen 
gehört auch die Erfüllung äusserlicher Vorschriften, und er hält noch fest am 
Alten, auch zuweilen itn Gegensatze zum Geiste seiner Zeit. Sein Philoktet muss 
wie Odysseus nach dem Willen der Gottheit schuldlos leiden. Der Mensch hat 
sich eben dem unbegreiflichen Willen der Gottheit zu unterwerfen, und als Trost 
bleibt ihm nur die Ergebung in den Willen der Gottheit. Eine Hoffnung auf 
Lohn im Jenseits wird nicht gegeben. Im Gegensatze dazu spricht aber Aeschylus 
von einem Gerichte im Jenseits. Auch Pindar weist auf diese Gerechtigkeit hin 
und entwirft von ihr ein blumenreiches Bild. Aber dem Volksglauben waren 
solche Anschauungen fremd. Im »i. Jahrhundert lehrten die Orphiker, die Schüler 
des Thrakers Orpheus, dass in der Ekstase des Dionysoskultes Vereinigung mit 
der Gottheit erfolge. Es war eine Erlösungsreligion mit Vorstellungen von Seelen- 
wanderung und körperlicher Askese, z. B. Enthaltung vom Fleischgenuss. Aber 
eine sittliche Umwandlung war ursprünglich nicht verlangt. Unter dem Schutze 
des Pisistratos hingen die attischen Bauern des <>. Jahrhunderts dieser Sekte an. 
Bei Pindar finden sich Erinnerungen an diese Anschauung von Seelenwanderungen 
wieder; aber stärker wirkte die orphische Lehre auf die Philosophen, besonders 
Plato ein. Manches ging auch in das Christentum über. Der Vorsitzende 
legte zum Schlüsse einen neu erschienenen Leitfaden zur Märchenforschung von 
Dr. A. Aarne vor. 

Berlin. Karl Brunner. 



Zum Bericht über den Marburger Verbandstag 

(oben 23, 441) 

sei hier eine Berichtigung nachgetragen. Der geschäftsfiihrende Ausschuss bestand und 
besteht aus den Herren John Meier (Freiburg), A Götze (Freiburg). Hoffniann-Krayer 
(Basel) und I.auffer (Hamburg). Dagegen gehören die Herren Fehrle (Heidell)erg) und 
Helm (Giessen) mit Hepdlug, Jostes, Spamer und Wünsch der Kommission für die 
Sammlung der Segen- und Zauberformeln an. (J. B.) 



Berichtigung. 

Oben 23, S. 424, Z. 9 von unten ist statt 'Streitberg' zu lesen: 'Helm". 



//3 



Gescliiclite der Tanzkrankheit in Dentschland. 

Von Alfred Martin. 

(Mit 3 Abbildungen.) 



Im Jahre 1832 Hess der Berliner Geschichtsforscher und Arzt Hecker^) 
eine Monographie über die 'Tanzwut' erscheinen, die von Dubois^) ins 
Französische übersetzt und 1865 von dem Berliner Professor August 
Hirsch^) nochmals und mit Zusätzen herausgegeben wurde. 

Die Autorität Heckers auf dem Gebiet der grossen Volkskrankheiten 
des Mittelalters hat bewirkt, dass die Grundzüge seiner Darstellung bis 
heute massgebend gewesen sind^) und Berichtigungen sowie einige neu 
hinzugekommene Ergebnisse fast unberücksichtigt blieben. 

Ich bin bei keiner Arbeit auf soviel unkritisch zusammengetragenen 
Stoff, auf so wenig Ausnutzen der den Autoren zu Gebote stehenden 
Quellen und des von ihnen selbst mitgeteilten Stoffes gestossen als bei 
der Geschichte der Tanzkrankheit. 

1. Der Veitstanz in Strassburg 1518. 

Am schärfsten umschrieben steht die Strassburger Veitstanzepidemie, 
wie ich gleich vorwegnehmen will, vom Jahre 1518 da. Die grossen 
Medizinhistoriker Hecker, Hirsch und Häser legen sie ins Jahr 1418. 

In einer Anmerkung zu Königshovens Elsässer Chronik sagt der 
Herausgeber Schilt er 1698, dass mau von der Strassburger Tanzplage 
in Chron. M. S. Argent. p. 318 folgende Reime finde: 



1) J. F. C. Hecker, Die Tanzwuth. Berlin 1832. Abdruck mit Zusätzen von Hirsch 
in: Die grossen Volkskrankheiten des Mittelalters, Historisch -pathologische Unter- 
suchungen von J. F. C. Hecker, Gesammelt und in erweiterter Bearbeitung heraus- 
gegeben von Dr. August Hirsch. Berlin 18G5. S. M:') — 192. — 2) Memoire sur la choree 
epidemique du moyen age; par le docteur J. F. C. Hecker (Traduit de l'allemand par 
M. Ferdinand Dubois). Annales d'Hygiene publique et de medicine legale, 12. Bd. 
Paris 1834. — ?>) H. Hasser, Lehrbuch der Gesch. der Medizin und der epid. Krank- 
heiten, 3. Bearbeitung. 3. Bd. Gesch. d. epid. Krankh. Jena 1882; 0. v. Hovorka und 
A. Kroiifeld, Vergleichende Volksmedizin, 2. Brl. Stuttgart 1909. 

Zeitschr. d. Vereins f. Volkskunde. 1914. Heft 2. 8 



114 Martin: 

^St. Veits Tantz Au. 1418. 

Viel hundert fingen zu Straßburg an 
Zu tantzen und springen, Fraw und Mann, 
An oifnen Mark, (lassen und Strassen. 
Taor und Naclit ihren viel nicht assen, 
Biß jn das Wüten wieder gelag. 
St. Vits Tantz ward genant die Plag"^). 

Was Schilter weiter mitteilt, ist ohne Angabe eines Jahrhunderts. Da 
Heckers 3Iitteilungeu nur auf denen von Schilter beruhen, ging die 
Jahreszahl 1418 in die spätere Literatur über. 

Bei einer gelegentlichen Durchsicht der Chronica neuer Geschichten 
des Nürnberger Chronisten Wilhelm Rem fiel mir auf, dass dort die 
Epidemie 1518 datiert ist. 

Es heisst da: „Wie zu Straspurg vil leut sant Veitz tantz ankam. Anno dni. 
1518 im Summer da kam es zu Straspurg fast vil leutt sant Veitz tantz an, daß 
ain tag wol bei 15 menschen ankam.es weret fast lang, also verbott man das 
tantzen und pfeiffen und paugkenschlagen"^). 

Zunächst glaubte ich an einen Druckfehler, zumal der Herausgeber 
der Chronik Roth unter den Hinweisen auf andere Quellen auch eine 
von Häser veröffentlichte und bei diesem 1418 datierte Ratsverordnung 
anführt. Als ich mich dann mit den weiteren Quellen beschäftigte, gab 
es Überraschungen. 

Die Epidemie von 1518 steht nach dem mir vorliegenden Stoff" fest. 
Längere Zeit glaubte ich an eine zweite, im Jahre 1418, einmal wegen 
der Stelle bei Schilter, dann wegen des Ratsbeschlusses von 1418 bei 
Häser, und drittens, weil 1418 Tanzkranke im obern Deutschland erwähnt 
w^erden. In Zürich kommen sie in diesem Jahre nach Yö gelin ^) in den 
Rats- und Richtbüchern vor. Er niacht ausdrücklich darauf aufmerksam, 
dass sie in den Züricher Chroniken, die sonst Kleinigkeiten berichten, 
nicht erwähnt werden, und nimmt deshalb Veitstänzer an, die von Zabern 
im Elsass kamen, denn dorthin hatte Strassburg seine Kranken geschickt. 

Die Jahreszahl über den Versen bei Schilter konnte nicht nach- 
geprüft werden. Wie mir die Strassburger Landesbibliothek mitteilt, ist 
die angeführte Chronik beim Bibliotheksbrande 1870 zugrunde gegangen. 
Ich glaube, es geschah schon früher, da keiner der Schriftsteller vor 1870, 
die nach handschriftlichem Stoff suchten, ausser Schilter ihrer gedenkt. 



1) Die älteste teutsche so wol allgemeine als insonderheit elsassischc und Straß- 
burgische Chrouike, von Jacob von Königshoven, Priestern in Straßburg, von Anfang der 
Welt biß ins Jahr nach Christi Geburth MCCCLXXXVI beschrieben. Anjetzo zum ersten 
mal heraus und mit historischen Anmerkungen in Truck gegeben von D. Joliann Schiltern. 
Straßburg 1698. Anmerkung: Vom Veitz-Tantz S. 1085 - 10i)U. — 2) Wilhelm Rem, 
Chronika newer Geschichten. Bearb. von Friedrich Roth, Chroniken der deutschen Städte 
25. Bd. Leipzig 18%. — 3) Salomon Vögelin, Gesciiichte der Wasserkirche in Zürich. 
Zürich 1848 (Xeujahrsblatt hsg. v. d. Stadtbibliothek in Zürich auf das Jahr 18-47— 48;. 



Geschicilte der Tanzkrankheit in Deutschland. 115 

Die bei Häser wörtlich abgedruckte Ratsverordnung findet sich schon 
bei Schilter und ist dort datiert „Veneris post Magdalene etc. XYIII". 
Das Original (Anlage 11) liegt noch im Archiv der Stadt Strassburg 
(GUP 200) und hat auch nur etc. XVIII. Nach der Charakteristik der 
Schriftzüge ist 1518 anzunehmen. Auch ein ausserdem von Schilter mit- 
geteiltes KatsprotokoU (Anlage I), das nicht datiert ist, gehört demselben 
Jahre an; das geht aus den dort mitgeteilten Namen der Magistrats- 
personen hervor (Angabe des Archivs der Stadt Strassburg). 

1836 gab nun Boersch^) eine französisch geschriebene grössere Arbeit 
über die Sterblichkeit in Strassburg heraus und bringt richtig die Yeits- 
tanzepidemie beim 16. Jahrhundert. In einer Anmerkung schreibt er 
aber, dass die verschiedenen Chronisten sich mit dem Jahre 1518 geirrt 
hätten. Nach seinen letzten Forschungen stehe es ausser Zweifel, dass, wie 
Schilter angibt, 1418 richtig sei, auch Hecker sage das; er bedaure, dass 
er wegen des vorgeschrittenen Druckes die betreffende Stelle nicht mehr 
berichtigen könne. Und doch hat er noch geändert, nämlich in die fran- 
zösische Übersetzung der erwähnten Ratsverordnung das Yierzehn- 
hundert eingesetzt, wodurch ans dem 18. Jahre 1418 wurde. Den deutschen 
Originaltext bringt er noch richtig mit etc. XVIII. Darauf hat Häser ^) 
dem deutschen Originaltext das 14 . . hinzugefügt (er gibt keine Quelle 
an. zitiert aber an anderer Stelle Boersch), und so entstand in der Rats- 
verfügung die gefälschte Jahreszahl 1418. Damit war für die Medizin- 
historiker die Strassburger Veitstanzepidemie abermals und nun doppelt 
begründet auf 14:18 festgelegt. 

Von elsässischen Schriftstellern nehmen Grandidier^), Hermann^), Glöckler») 
das Jahr 1418 an, Krieger*^), Witkowski^), Adam^) löl8, Boersch, wie erwähnt, 
zuerst 1518, dann 1418, StrobeP) und Fischer'«) 1418 und 1518. Beiläufig sei 
bemerkt, dass Holländer") ohne Quelle die falsche Jahreszahl 1438 bringt. 

Wesentlich falsche Schilderungen der Epidemie geben Grandidier und 
Strubel a. a, 0., welche Vorkommnisse einer früheren Tanzplage, die im 14. Jahr- 
hundert vorzugsweise in Niederdeutschland herrschte, für die Strassburger an- 
geben. 

Die Schilderung der Strassburger Epidemie, wie sie die bekannteren 
ärztlichen Geschichtsschreiber (Hecker, Hirsch, Häser und die, welche aus 
ihnen schöpfen) geben, gründet sich auf Schilter und auf das, was 



1) Charles Boersch, Essai sur la niortalitc a, Strasbourg. Strassburg 1S3G. — 
2) Lehrbuch o, '.}. — 3) Ph. A. Grandidier, Oeuvres historiques inedits," 4. Bd. Colmar 
186(1. — 4) Jean-Fred. Hermann, Notices historiques etc. sur la ville de Strasbourg, 
2. Bd. Strassburg 181'.». — 5) L. Glöckler, Gesch. des Bistums Strassburg. Strassburg 
1879. — 6) J. Krieger, Beiträge zur Gesch. der Volksseuchen etc. von Strassburg, 1. Heft. 
Strassburg 1879. — 7) L. Witkowski in Laehrs Allg. Zs. f. Psychiatrie 35. Berlin 1879. 
— 8) A. Adam, Sankt Veit bei Zabern oder der hohle Stein. Zubern 1879. — 

9) A. W. Strobel, Vaterländische Geschichte des Elsasses, 3. Teil. Strassburg 1843. — 

10) Dagobert Fischer, Das alte Zabern. Zabern 18G8. — 11) E. Holländer, Die Medizin 
in der klass. Malerei, Stuttgart 1903. 



116 Martin: 

Boerschi) zusammengetragen hat, der die Angaben aus der (1870 ver- 
brannten)'') handschriftlichen Chronik von Schadaeus (Oseas Schad, 
17. Jahrhundert)') und den im 17. Jahrhundert gedruckten von Gold- 
meyer und Kleinlawel vermehrte. 

Nach Schadaeus fing eine Frau 1518 acht Tage vor [Häser sagt 
falsch nach] Maria Magdalenentag [22. Juli] zu tanzen an. Sie tanzte vier 
ganze Tage. Der Magistrat Hess sie zur Kapelle des heiligen Veit nach 
Zabern führen, und sie blieb ruhig. Darauf begannen noch mehrere bei 
den Stadtställen zu tanzen, und im Verlauf von vier Tagen waren es 
34 Personen, Männer und Frauen. Der Magistrat verbot Trommeln und 
Pfeifen, und man führte die Tänzer nach St. Yeit, aber in wenigen Tagen 
vermehrte sich die Zahl auf mehr als 200. Die Chroniken von Gold- 
meyer und Kleinlauel fügen hinzu, dass die Kranken Tag und Nacht 
tanzten, bis sie erschöpft und ohnmächtig umfielen, und viele unter ihnen 
konnten sich nicht erheben und starben. Soweit Boersch a. a. O. 

Ähnlich ist die Schilderung in Duntzenheims Chronik. Nach ihr 
ging die Tollheit von einer Frau aus, welche zuerst vier Tage in einem- 
fort tanzte; wenige Tage darauf waren es schon vierunddreissig, und in 
der vierten Woche — darin weicht sie von der Schadschen ab — stieg 
die Zahl auf mehr als zweihundert^). 

Kleinlawel bringt unter Vitsdantz 1518 die Verse: 

„Ein Seltzam sucht ist zu der zeit 
Vnder dem Volck vmbf>angen, 
Dan viel Leut auß Vnsiunigkeit 
Zu Dantzen angefangen. 
Welches sie allzeit Tag und Nacht 
Ohn vnter laß getrieben, 
Biß das sie fielen in ohnmacht, 
Viel sind Todt drüber blieben"^). 

Die Goldmeyersche Chronik erwähnt nach Angabe der Strassburger Landes- 
universität den Veitstanz von 1518 nicht. 

Aus den sogenannten Brantschen Annalen, die Auszüge aus den Ratsproto- 
kollen sind, führe ich noch an: „1518. Als diss jars um Margarethen ['22. Juli] 
ein schwäre erschreckliche krankheit mit St. Vitstanz erhub, also dass uff fünfzig 
personen damit behafft tag und nacht tantzeten dass jämmerlich zu sehen war, 
wurden dieselben alle in der Stattcosten verwahrt und zn dem lieben heil. St. Vit 
im Hohenstein bei Zabern geführt und fast erledigt [vollständig frei von der 
Krankheit]. Da setzten unsere herren ufl" und lissen ein gebot üssgon, daß nie- 
mand tantzen soll bis Michaelis [29. September] in der ganzen Statt und burgban, 
bei 30 seh pf. und kein beucken [Pauken] schlagen; wol möchte man boy braut- 
läuften und ersten messen mit saitenspiel tantzen nach eines jeden conscienz'"^). 

1) Essai 1836. — 2) Haeser a. a. 0. — 3) Desgl. — 4) Fragments de diverses 
vieilles chroniques, nr. 3981. iMitt. d. Ges. f. Erhaltung der gesch. Denkm. des Elsass, 
2. Folge, Bd. 18). Strassburg 1897. — 5) Kleinlawel, Strassburgische Chronik. Strassbg. 
1625. — 6) Jac. Wencker, Extractus ex protocollis Dom. XXI vulgo Sebastian Brants 
Annalen, nr. 3443 (Mitt. 2. Folge, Bd. 15;. Strassbg. 1892. 



Geschichte der TaDzkrankheit in Deutschland. 117 

Die Bürger, welche Kranke in ihren Familien hatten, mußten die Kosten zum 
heiligen Veit nach Zabern tragen, für die Armen übernahm sie der Rat. Der 
Transport geschah auf drei dreispännigen Wagen, nicht auch zu Fuß, wie Hecker 
und Häser angeben, auch wurden die Kranken nicht hingeschleppt, wie Holländer 
schreibt; aus allem geht hervor, daß sie gern die Wallfahrt machten. Die 
Knechte hatten der Kranken zu warten und bei ihnen zu bleiben. Wenn sie 
Zabern nahten, sollte einer vorausreiten und drei oder vier Priester mit Rat des 
Dechanten von Zabern bestellen, um jeder Rotte gesondert nacheinander gesungene 
Ämter zu halten. Nach jedem Amt sollten die armen Leute um den Altar geführt 
werden und jeder Kranke 1 Pfennig opfern; wo ihn der Kranke nicht hatte, 
mußte es der Führer für ihn tun. Was vom Almosengeld, das den armen Leuten 
mitgegeben war, übrig blieb, sollte in den Opferstock gelegt werden. (Beschlüsse 
Freitag nach Marie Magdalene, Anlage I und IL) 

Nach dem einem Ratsprotokoll waren die Kranken nach St. Yit, 
nach dem anderen in der Wiedergabe bei Schilter nach St. Vit zuni Roten- 
stein, nach den ßrantschen Annalen im Hohenstein zu schicken. Es muss 
zum Hohlenstein heissen. Schilter hat falsch gelesen, es steht im 
Original Holenstein (Anlage II, zu der die bei Schilter als Überschrift zu 
Anlage I gegebenen Worte gehören). Hecker und Häser schreiben sogar 
zu den Kapellen des heiligen Veit zu Zabern und Rotenstein. 

Der Veitsberg, gewöhnlich Vixberg genannt, liegt nach Fischer 399 m über 
dem Meere, westlich hinter Zabern mit einer Felsenhöhle, nach der der Berg einst 
der Hohlestein genannt wurde. (Unter diesem Namen kommt er öfter im Stadt- 
archiv zu Zabern vor.) Diese ist 4 m hoch, 7 m breit, 13 >ii tief. Zu ihr führt ein 
schmaler ansteigender Pfad'). In Wenckers handschriftlicher Chronik von 1637 
heisst es, die Kranken seien nach St. Veit zum hellensteg hinter Zabern ge- 
schickt worden^). Mit diesem Hellensteg ist sicher der zur Höhle ansteigende 
Steg gemeint, der also auch dem Kultort den Namen gab. 

Die Grotte war als Kapelle eingerichtet, in ihr nahm man das Grab des 
hl. Veit an (Sankt Fitts Grab under dem Felsen). Diese 'untere Kapelle' (1654) 
heisst sonderbarerweise 1.H2 'Sant Trügen Kapelle', 1601 und später Aurelien- 
kapelle. Die eigentliche Veitskapelle lag oberhalb der Höhle. 

17.")8 wurde die Kirche vom Kardinal von Rohan visitiert, der verfügte, dass 
die wurmstichigen und zersprungenen St. Veitsstatuen wegzunehmen seien. Kr 
verbot ausdrücklich, in dieser Kapelle fernerhin eiserne Kröten, Fratzenbilder von 
Menschen und andere abergläubische Figuren auszustellen und in der unterhalb 
der St. Veitskapelle erbauten Aurelienkapelle Messe zu lesen; die dortigen Statuen 
sollten hinvveggenoramen werden. Der Pfarrer von Zabern wurde mit der Aus- 
führung beauftragt, um jeden Aberglauben zu verhindern^). In der Revolutions- 
zeit ging das ganze Gebiet in Privatbesitz über und wurde dann als Meierei be- 
wirtschaftet. Die Kapelle zerstörte und verbaute der Käufer. Aber 1818 wurde 
die Grotte wieder zum Kultus eingerichtet und der Altar dorthin geschafft*). 
Heute ist auch hier kein Gottesdienst mohr^). 



1 Fischer, Das alte Zabern 18G8, — li Schnegans, Auszüge aus Wenckers Manusc. 
Chronik von 1G37, nr. 3007 (Mitt. 2. Folge, Bd. 15). Strassbg. 1892. — :]) Adam, St. Veit 
1879. — 4 Fischer 18GS. — 5' Adam a. a. 0. 



118 Martin: 

Am Ostermontage und am 15. Juni, dem Veitstage, kamen auf dem Berg 
zahlreiche Wallfahrer zusammen. Die Bewohner der unteren Ortschaften zogen 
in Prozession hinauf. Zu den Reliquien pilgerten an Veitstanz und fallender 
Sucht (Epilepsie) Leidende. Manche Epileptiker stellten ihre Stöcke an den Weg 
in der Meinung, dass, wer den Stock wegnehme, auch die Krankheit mit fort- 
nehme. Hysterische und unfruchtbare Frauen opferten eiserne Kröten. Der 
Heilige wurde auch bei Viehseuchen angerufen^). Der letzte Pächter von St. Veit, 
ein 86jähriger Mann, versicherte, wie Adam 1897 schreibt, dass er zu seiner Zeit 
noch Kröten bringen sah. Das Zaberner Museum besitzt übrigens solche Opfer- 
bilder^). Es geht aus diesen Angaben hervor, dass die eisernen Kröten von un- 
fruchtbaren Frauen geopfert wurden. Das erklärt sich aus dem Volksglauben, die 
Gebärmutter sei eine Kröte. Ich kann deswegen Glöckler') nicht zustimmen, 
wenn er behauptet, die Strassbur^er Veitstänzer wären nach St. Veit gepilgert, 
um dort als Sinnbilder ihrer Krankheit •eiserne Fröschen' zu opfern. 

Fischer hat aus der Lage des Berges und den abgemeisselten Flächen der 
Höhle auf einen druidischen Kultort geschlossen, der Einbau der Kapelle soll nach 
Adam die Abglättungen erklären. 

Nach dem bisher Mitgeteilten ist die Strassburger Yeitstanzepidemie 
nur von medizinischem, allenfalls noch von theologischem Interesse. Die 
Krauken wurden der damaligen Anschauung entsprechend behandelt, als 
Geisteskranke der Fürbitte der Kirche anheimgestellt und durch gottes- 
dienstliche Handlungen in der Kapelle ihres Krankheitspatrons geheilt. 
Volkskundliche Besonderheiten kamen dabei nicht vor. Ein eigentlicher 
Yeitstanzaberglaube tritt uns — nach den bisherigen Darstellungen — 
erst gegen Ende des 16. Jahrhunderts entgegen. Und doch lassen sich 
die Bräuche von den sagenhaften Anfängen bis zum 17. Jahrhundert 
nachweisen, auch im Strassburger Veitstanze, nur sind sie da sonderbarer- 
weise nicht bekannt geworden. 

Die Heilweise in St. Veit war nämlich eine andere als die bisher 
geschilderte — was dort geschehen sollte und was in Wirklichkeit ge- 
schah, ist zweierlei — , und ausserdem hatte der Rat von Strassburg in 
Strassburg selbst die Kranken auf zwei andere Arten zu heilen gesucht, 
aber ohne Erfolg. Das ist den grossen Literaten der Geschichte der 
Medizin unbekannt geblieben. 

Nach den schon erwähnten sogenannten Annalen des Sebastian Braut 
(der von 1458 — 1521 lebte und seit 1503 Ratsschreiber war)*), die nicht 
von Brant, sondern später von Wencker aus den Ratsprotokollen aus- 
gezogen und vor ihrer Vernichtung beim Brande 1870 von anderen teil- 
weise abgeschrieben waren "), wurde in mehreren Sitzungen des Rats der 
21 von Yeitstänzern gesprochen. Die Ärzte erklärten es für eine natür- 
liche Krankheit, die von hitzigem Geblüt komme. Indessen 'die armen 



1) Fischer a. a. 0. — 2) Adam a. a. 0. — 3) Gesch. d. Bistums Strassbg. 18T'.\ — 
4) Witkowski, Allg. Z. f. Psychiatrie 1879. — 5i Annales de Sebastian Brant, ur. 4398 
(Mitt. d. ües. f. Erhaltg. d. gcsch. Denkm. d. Elsass, 2. Folge, Bd. 19;. Strassbg. 1899. 



Geschichte der Tanzkrankheit in Deutschland. IJt) 

leute' wünschten, dass man für sie Messe lese usw. Der Rat schickte 
deswegen zu dem bischöflichen Vikarius, der antwortete: „Dass dis im 
unnot zu sin dünkt, sondern diwyl die Artz anzeigen, daß es eine natür- 
lich krankheit sy, daß man auch natürlich mittel mit in versuche, aber 
domit nit nichts beschehe, woll er alle Predikanten beschickhen und in 
bevelhen, daß sie öffentlich in cancellis ermaneten zu betten und an- 
zurieffen, daß er sin gnad und barmherzigkeit uns sende ^)." 

Was der Rat ausserdem tat, geht aus folgenden Berichten hervor. 

Die sogenannte Imlinsche Familienchronik der Strassburger Landes- 
bibliothek bringt als Zeugnis eines Zeitgenossen: „Anno 1518 jar 8 tag 
vor S. maria magdalena hub ein frauw an zu dantzen, vnd dan[a]ch weren 
woll 6 tag da leiss sey meinw y [gnädigen Herrn] nach St. Vit gehn 
Zabern füren da war sey still, vnd die will sey noch uff dem weg da 
fing noch mehr an zu dantzen bei dem y [Magistrats-] stall also daz in 
4 tagen bey 34 frauw vnd man waren, da verbatten meinw y [gnädigen 
Herrn] die drummeln vnd pfiffen vnd fürt ein teil uff die gewererstub 
[Zunftstube der Gerber] die and uff die Zimraerleutstub, vnd an dem and 
tag da leiss man sey alle nach S. Vit füren vnd da dantz, und in 
4 Wochen wurden Ir mehr denn 400 Dantzer" '"*). 

In der handschriftlichen Chronik des Daniel Specklin, der 1536 in 
Strassburg geboren wurde, also seine Nachrichten noch von älteren Leuten 
haben kann, die den Tanz erlebten, heisst es: 

„1518. Da erhub sich ein dantz von iungen und alten leutten, die 
tantzten tag und nacht, dass sie nieder fielen, also dass über 100 zu 
Strassburg auff einmal tanzten. Da gab man in etliche zunftstuben 
ein, auch auff dem Ross- und Kornmarckt macht man gerüst 
und bestellte eigene leutt umb lohn, die mussten stets mit 
ihnen, tanzten mit trummen und pfeiffen; es half alles nichts. 
Viel tanzten sich zu tode. Do schickte man sie hinder Zabern zu 
St. Veit, zum holen stein, auf waegen; da gab man ihnen creuzle 
und rothe schuh, und macht mess über sie. An den schuhen war 
unten und oben creutz mit dem chrisam [geweihtem, mit Balsam 
gemischtem SalböP)] gemacht und mit weywasser besprengt in 
St. Veits nahmen, das halff ihn vast [sehr| allen. Und kam solches viel 
leuth an, denen man St. Veitstantz fluchte, lieft' auch viel schelmenwerk 
mit unter'"*). 

Wencker hat diesem Bericht 1637 hinzu2:efüo't, dass man den Tänzern 
die Zimmerleut- und Gerberstub gab, viel nach St. Veit schickte, andere 
selbst dahin liefen und 'also dantzend vor dem bild niederfielen'. 



1) Seb. Brantl899. — 2; Witkowski a. a. 0. — 3 M. Lexer, Mhd. Haiulwörterbuch. 
Leipzig 1ST2. — 4) R. Reuss, Les coUectanees de Daniel Specklin, architecte de la ville 
de Strasbourg, nr. 221(; Mitt., 2. Folge, Bd. 14 . Strassbg. ISS'J. 



120 Martin: 

Wegen der dortigen Behandlung habe man die Krankheit S. Vitstanz 
genannt^). 

Hermann schreibt 1819 ohne Quellenangabe, dass die allgemeine 
Meinung war, wenn man in St. Veit um den Altar tanze, werde man 
von der ungeregelten Leidenschaft des Tanzes geheilt^). 

Hieraus geht hervor, dass der Tanz nicht nur die Krankheit selbst 
war, sondern man ihn auch als Heilmittel benutzte, der Rat öffentliche 
Tanzplätze auf Zunftstuben und Märkten errichtete, Musik stellte, den 
Kranken gesunde Mittänzer gab, dass bis zur Bewusstlosigkeit getanzt 
wurde. Mit deren Eintritt glaubte man die Krankheit beseitigt. Viele 
starben dabei, den andern halfs nicht. 

Ich möchte hier daran erinnern, dass man bis in den Anfang des 19. Jahr- 
hunderts erregte Geisteskranke in besonderen Apparaten schüttelte, drehte, bis 
Schwächezustände eintraten, eine scheinbare Beruhigung sich einstellte. 

Und bei St. Veit gings anders her, als man bisher annahm, vor allem 
anders, als Hecker annahm (und Hirsch hat die Stelle übernommen), wenn 
er schreibt: „Nach vollbrachtem Gottesdienst führte man sie in feierlichem 
Umzüge um den Altar, Hess sie von ihrem Almosen ein geringes opfern, 
und viele mögen durch Andacht und die Heiligkeit des Orts von trost- 
losem Irrwahn genesen sein. Man beachte hier wohl, dass sich in dieser 
Zeit die Tanzwut au den Altären des Heiligen nicht erneute, dass man 
von diesem nur Hilfe flehte und von seiner Wundertätigkeit die Genesung 
hoffte, welche ausser dem Bereich menschlicher Einsicht lag", und damit 
der Strassburger Epidemie eine Ausnahmestellung zuweist. In Wirklich- 
keit tanzte man auch in St. Veit zu Heilzwecken (neben der Messe, die 
gelesen wurde) um den Altar in besondern, geweihten roten Schuhen, die 
unten und oben ein mit geweihtem Ol gemachtes Kreuz trugen, doch 
wohl, um auf die tanzenden Beine einzuwirken. Die selbst hinliefen, 
fielen tanzend vor dem Bild des Heiligen nieder, nach meiner Meinung 
ohne gottesdienstliche Handlung, weil keine Priester auf St. Veit wohnten 
(die deswegen der Rat für die von ihm hingeschickten Krauken aus Zabern 
kommen Hess). Das half. 

In der aus der Specklinschen Chronik mitgeteilten Stelle wird die 
vermeintliche Ursache des Veitstanzes wenigstens für viele von den 
Tänzern angegeben. Man hatte ihnen St. Veitstanz geflucht. 

'Gott geb dir Sankt Veit' oder 'Dass dich Sankt Veit ankäme', waren 
damals sehr gebräuchliche Verwünschungsformeln ^). Die letztere Formel 
kommt bei elsässer Schriftstellern des 15. und IG. Jahrhunderts häufig 
vor*), und im Rottweiler Stadtrecht heisst es 1485: 



1) Schnegans 1892. — 2) Notices historiques, Strassburg 1811). — ;>; Adam 18;»7. — 
4) Fischer 1868. 



Geschichte der Tanzkrankheit in Deutschland. 121 

„Item welcher den andern unzüchtigklich schultet oder fluchet, den ritten 
[das Fieber] sant Vitstantz oder derglychen wort, der sol verfallen sin .3 sh. h. )." 

Ich habe noch weiter von der Strassburger Epidemie zu berichten, 
denn waren auch die nach St. Veit Geschickten geheilt, so kamen neue 
Fälle vor. 

In den Brantschen Annalen heisst es weiter: „5a Mariae Magdalenae. 
Item als etlich frauen und knaben den bössen dantz tantzen, soll die 
termeu(?) abstellen und heimlich seitenspiel haben ^)." Was mit termen 
gemeint ist, weiss man nicht. Nach diesem Beschluss wurde aber nicht 
mehr zu Heilzwecken öffentlich mit Musik getanzt, sondern es sollte 
heimlich geschehen. 

Weiter heisst es in den Annalen: „Darnach ufp 4a post Laureutii 
[10. August] ist erkannt den zünfften zedel zu schicken dass jedermann 
sin kiud und die sinen verwart und die bruderschafFten ir brüder in ihren 
kosten undersuchten oder zu den heyligen schickten." 

Im Stadtarchiv zu Strassburg finden sich sechs gleichlautende, undatierte Be- 
kanntmachungen, die wohl zum Verteilen an die Zünfte bestimmt waren: „Aissich 
yetzt die kranckheit des dantzens wider erhept unnd zu besorgen von tag zu tag 
meren möcht, do habent unser herren rete und XXI. erkandt, das eyner yeden 
bruderschafft buchssenmeistere, die jhennen so inn irer bruderschafft sindt und mit 
solcher krankheit beladen werden, versorgen, und versehen, das die nyder ge- 
tüschet oder zu dem heiligen santViten gefürt werden, und inen keynerley seytten 
oder fröydenspiel gebrachen, cleynötter oder hübsche cleyder uff oder anthün, ouch 
sie nirgent lossen, uff den gassen louffen, dann welche brüderschafft oder buchssen- 
meistere solchs verbrechent, die wöUent unser herren darumb straffen, unnd ir 
ernstliche hut darufif setzen, des wiß sich menglich zu halten." (Archiv der Stadt 
Strassburg G U P 200.) 

Hier wurde nun die ursprünglich vom Rat angewandte ]\Iethode, durch 
Musik und Tanz zu heilen, gänzlich verboten, dafür sollten die Kranken 
niedergetuscht oder nach St. Veit geschickt werden. 

Dann finden wir wieder Kranke, wahrscheinlich Arme, und, im Gegen- 
satz zu früher, im Spital. Im Anschluss an deren Sendung nach St. Veit 
brachte der dankbare Rat dem Heiligen ein gewaltiges Opfer dar, nach- 
dem er noch vorher beschlossen hatte, die Leichtfertigen eine Zeit lang 
aus der Stadt zu weisen: 

.,Item die verordneten herren bringen an des tantzens halb. Erk, in Unser 
Frauen capell mittwuch ein herrlich amt halten, porro erkant die tantzent im 
Spittal zu dem heiligen schicken und ein opfer von der ganzen Statt wegen dem 
heiligen bringen. Die leichtfertigen der Statt ein zitlang verwisen, darauf die hh. 
bedacht des opfers halb zu St. Viten." „Herren bringen ihren bedacht des opffers 
halben zu St. Viten, dass man ein wäccen bild eines centners schwer mit dem 



1 Greiner, Das älteste Recht der Stadt Rottweil. Stuttgart 1900. — 2) Wencker, 
Extractus 1892. 



l<22 Martin: 

rentmeister oder kornmeister zu St. Viten schicke für ein opffer, oder aber das- 
selbig wächseriii bild auf einen altar im Münster stelle und da ehre bis die neu 
capell ausgemacht, dann einen altar in derselben capellen in St. Viten ehren 
weyhen lassen. Erkt. den zentner wachs zu einer kerzen machen und zu dem 
lieben heyligen mit dem Rentmeister schicken, und ein singent erlich ampt und 
3 neben messen lassen lesen von wegen des ganzen Raths und gemeiner Statt 
wegen. Dienstag post Adolphi ['2\l September] ')." 

Die Krankheit hielt trotzdem noch an, nnd der Rat drohte energischer 
mit Strafen: 

„Als dann die kranckheit mit dem dantzen sich leider nit enden will, do 
haben unser herren rät und XXI erkant daz ein jeder burger sin kind, der massen 
behafft, und gesind die daz vermögen, inn iren husern behalten und zutuschen soll: 
wo aber ein dienstknecht also behafft wurt, sollen die brüderschaftmeister sins 
hantwercks, inn der bruderschaft costen, denselben verwaren oder zu dem heiligen 
Sant Viten ('dem heiligen Sant Viten' durchgestrichen und dafür steht 
'den heiligen, wo inen geliebt') schicken, domit sie nit also öfflich uff der 
gassen, zu beswernis anderer menschen, sich des dantzens annemen, dann welcher 
den sinen nit also verwaret, den wollen unser herren darumb heffteklich straffen.'" 
(Archiv der Stadt Strassburg G Ö P 200.) 

Ob sämtliche Schriftstücke zeitlich so aufeinander folgen, weiss ich 
nicht. Jedenfalls heisst es in dem einen 'zu den heyligen' und im letzten 
deutlich 'zu den heiligen, wo inen geliebt', nachdem vorher der heilige 
A^eit bei Zabern allein an der Stelle gestanden hatte. (Über andere 
Heilige in der Nähe siehe später unter Tanzkrankheit nach 1518.) Das 
werden wohl die letzten Schriftstücke gewesen sein. Dass die einzelnen 
Katsmitglieder den heiligen Veit bei Zabern verschieden bewerteten, geht 
aus den stark voneinander abweichenden Vorschlägen zur Ehrung des 
Heiligen hervor. Das Zutrauen war nicht mehr das alte, und Wencker 
sagt 1637: 'Da maus anfing aus Gottes wort zu widerlegen, liss alles 
nach^).' Er setzt Gottes Wort dem heiligen Veit entgegen und meint 
wohl den Einfluss der Reformation. 

Der Strassburger Veitstanz begann demnach acht Tage vor Maria 
Magdalentag ('iL'. Juli), also am 15. Juli, und dauerte weit länger, als man 
bisher annahm, mindestens bis nach Adolphi, dem 29. September löliS. 

Anlagen zum StrassburiS^er Veitstanz. 
I. 

„Vff Fritag post Marie Magdalene in presentia Herrn Gladi Bocklin, Caspar 
Hoffraeisters vnd Martin Berlin als verordent Herren ist geratslagt der armen 
menschen halb so izt dantzen. 

Haben sy anfenglich gcradtslagt die Burger so kind daby haben zu beschicken 
vnd sagen, das sy jr kind versorgen by jn haben oder aber nach anzall costen 
mittheilen. 



1^ Wencker, Extractus 1892. - 2) Schnegans 1802. 



Geschichte der Tanzkrankheit in Deutschland. 125 

Staden Jerg daruff beschickt vnd jra solchs furgehalten, sagt, er sy selber ein 
armer dienstknecht, sy in sym vermugen nit jn zu jra zu halten und nemen, bit 
aber jn by den andern zu behalten, oder zu dem Heiligen zu füren, wil er nach 
sym vermiegen nach miner Herren erkantnus vnd willen leben. Sin mume hab 
auch dem knaben, sim son XV. ß gesamlet, die haben die uff der Zimmerlüt 
Stuben hinder sich genomen. 

Wither geradtslagt die armen personen in dry huffen theilen vnd nach ein- 
ander zu dem Heiligen schicken, vnd so es sin mag dry gesungen Empter singen 
lassen, so nit, eins singen vnd zwey lesen lassen, von eim Ambt XVJII Pfenning 
geben für eins, darzu 1. pfenning zu pfrymen') vnd 1. pfenning zu opfern dem 
Heiligen geben, vnd 1. pfenning in stock für das opffer. 

Balthasar Burgawer der Lermeistcr hinder den Barfußen beschickt vnd jm 
solchs ouch furgehalten. Sagt, sin Son Bernhart hab zugesehen und hüt morgen 
angefangen dantzen, do er jm die kindt solt helfl'en vnderwisen; hab er jn ge- 
dutzset bitz nachmittag, nach den zweyen hab er zu dem dantz geweit, hab jn 
dohin müssen füren. Erbüt sich nachmals sin costen so uff sin Son godt ußzu- 
richten, dan er dhein Prauw noch gesind hab, könne ouch von sin lerkinden nit wichen. 

Antheng Silinger der Wagener Apolonigen Hußwürt so dantzt, uff der Zimer- 
lut Stuben befragt, Er sy uß der Erne kommen, sy sin frauw in der stuben ge- 
standen vnd uffgehüpfft, hat sy dryer gefragt, wie jr sy, vnd geachtet, sy wer 
abermals, als sy dan vormals ouch gewesen, von Sanct Martzolff [Epilepsie] be- 
laden, vnd nider gedutscht vnd nach die armen lüte mit einer Sackpfiffen kommen, 
sy sy uffgewust vnd jn nachgelouffen, wol gern sin frauw do hinfüren, sy sonst 
ein arme mensch. 

Item Hanß Eckart von Brüssel got dem Almusen noch, hat ein Dochter by 
dantz, genant Apolonia, Sagt, er sy ein armer alter gebrochner Man, wil aber gern 
die dochter hin zum Heiligen füren, wen es min Herren wellen, vnd als er ein 
armer s wacher man, haben jm die Herren miner Herren meynung gesagt vnd er- 
laubt heim zu gon. 

Karle Schansleben [Lesart zweifelhaft] sins sons halb beschickt, sagt er sy 
ein armer gesel, sy mer schuldig, dan er in lip und gut hat. 

Dem Schaffner im spital gesagt, gerust zu sin mit dry pferden und 1 wagen 
und warten uff die subent ure uff bescheidt. Dem Schaffner uf unser frauenhus'-') 
gerust zu sin mit 2 wegen und in jden dry pferd. 

Dilchin und Heintz zum ersten huffen, Peter von Rixingen zum andern huffen 
und Pantaleon zum dritten huffen zu ritten verordnet. Hans Wagner zum ersten, 
Jacob Buckenheim zum andern und Barthel Schryner zum dritten huffen. Und 
denselben bevelch geben zu handeln lut ingelipter instruction." 

Strassburgcr Stadtarchiv G U P 200, Bei Schilter unvollständig und mit sinn- 
störenden Fehlern. 

II. 

„Instruction der armen dantzen[den] Personen so zu Sant Vit ge- 
schickt. Veneris post Magdalene etc. XVIH. Gedencken angfenglich die armen 
menschen in den dryen huffen, wie sy dan gerodt [soll wohl heisscn: „in Rotten 
eingeteilt"] werden, zu behalten. 



1 Bedeutung von 'pfrymen' ist unklar. Vgl. Scherz, Glossarium: Brinckmeyer, 
Glossarium diplomaticum etc. — 2 Das Frauenhaus oder Stift Unser Frauen Werk diente 
zur Bauuntcrhaltun«- des Münsters. 



124 Martin: 

Vnd das die knecht so uff die armen lüt bescheiden, derselbigen warten vnd 
by jn bliben. 

Vnd so sy gon Zabern nohen, der ein zu Zabern in ryten vnd do dry oder 
vier Priester mit rat des Dechans zu Zabern, bestellen, die do ider Rotten in- 
sonders noch einander gesungen empter halten. 

Vnd wann je ein Ambt einer rotten gesungen, sollen dieselbigen armen lüt 
in derselbigen rotten umb den Altar gefürt werden, vnd ein iedes kranckes mensch 
ein pfennig pfrymen, desglichen dornach ouch opfern, vnd so ein person nit so 
geschickt wer, das es solchs thun mecht, sol der jhin so es umb den altar fürt, 
für jn darlegen. 

Vnd also demnach je ein Kot nach der andern also vrabgefürt und gehalten 
werden. 

Vnd wan die dry empter also volbracht, sollen sy Erlich nach rat des Dechans 
usgericht werden. 

Daryn jdes armes mensch 1 pfennig in den stock geben, vnd solchs von dem 
almusen gelt, so den armen lüten geben ist, ußrichten. 

Vnd was uberig blibt in den stock ouch stossen." 

Auf der Rückseite: „üantzende arme personen sozuSanctVit zum Holenstein 
geschickt." 

Strassburger Stadtarchiv G U P 200. Bei Schilter unvollständig und mit Lese- 
fehlern, dann aus Schilter bei Boersch und bei Häser (über deren Abänderungen 
siehe oben). 

2. Die Tauzkrankheit nach 1518. 

Dieselbe Methode des Niedertanzens mit Ausschluss der Hilfe eines 
Heiligen, wie sie anfänglich der Strassburger Rat gebrauchte, wandte 
einige Zeit später die Stadt Basel an. Der dortige Professor Felix 
Plater, der 1536 geboren wurde ^), erzählt in seinen Observationen unter 
St. Yits Dantz: 

„Als ich noch ein Knabe war, wurde eine an dieser schrecklichen Krankheit 
leidende Frau aus dem niedern Volk der Aschenvorstadt hier zu Basel zu einem Hause 
zum Rupff [in seiner Praxis medica sagt er 'an einen öffentlichen Ort'"'^)], nicht weit 
vom Hause des Vaters, von den Stadtdienern geführt, welchem Weibe die Obrigkeit, 
wie ich in meiner Praxis^) bemerkt habe, einige starke Männer bestimmte, welche 
abwechselnd (wenn einer müde geworden, folgte der andere) mit ihr Tage und 
Nächte tanzten, was beinahe den Zeitraum eines Monats unter dem Zuschauen vieler 
mit seltener Unterbrechung dauerte, obgleich die Haut ihrer Fasse abgerieben war. 
Und wenngleich sie bisweilen, um Speise zu nehmen und vom Schlaf ergriffen, zu 
sitzen gezwungen war, bewegte sich dennoch durch unruhige Haltung und Be- 
wegung zeitweise nichtsdestoweniger der Körper wie tanzend, bis sie nach Verlust 
ihrer Kräfte, sodass sie nicht einmal mehr stehen konnte, mit dem Tanz aufzuhören 
genötigt war und ins Hospital gebracht wurde, wo sie gekräftigt und allmählich 
wieder gesund geworden ist'')." (Übersetzung aus dem Lateinischen.) 



1) J. Pagel, Einführung- in die Gesch. d. Medizin. Berlin 1898.— 2 Felicis Plateri 
praxeos medicae opus. Basel KIGG. — )1; Observationum Felicis Plateri quondam archiatri 
et profess. Basil. libri tres. Basel 1680. 



Geschichte der Tanzkraiikheit in Deutschland. 125 

Grossi) bringt in seiner Basler Chronik einen Auszug dieses Berichtes unter 
Zugrundelegung der ersten Ausgabe der Observationen, während ich eine spätere 
benutzte. Dem Grossschen Auszug nach sollen die von der Obrigkeit verordneten 
Männer in roten Kleidern und mit weissen Federn auf dem Hute getanzt haben. 
Es wäre nachzuprüfen, ob das bei Plater ursprünglich stand oder von Gross hinzu- 
gefügt ist, weil auch zu St. Veit bei Zabern die rote Farbe (rote Schuhe) eine 
Rolle spielte. 

Während Gross richtig angibt, dass der Tanz in der Kindheit Platers geschah, 
und bemerkt, den Bericht habe er aus den 1614 ausgegangenen Observationen 
genommen, verlegt Böhme^) unter Hinweis auf Gross den Tanz ins Jahr 1615. 
Wir müssen ihn am Anfang der vierziger Jahre des 16. Jahrhunderts annehmen. 

Ich lasse nun die Berichte folgen, bei denen Heilige in Frage 
kommen. 

Philipp Camerarius (geb. 1537 in Tübingen, seit 1573 Rats- 
konsulent in Nürnberg, hier 1624 gestorben)^) schreibt 1610, als er von 
Tanzkrankheiten im allgemeinen gesprochen hat: 

„Aber damit wir nicht zu viel Beispiele bringen, ich denke an die bei uns, 
die nicht vor langem [vielleicht die Strassburger oder die nachher geschilderten 
in Schwaben] geschah und die im untern Deutschland [hier ist die Epidemie im 
14. Jahrhundert gemeint], die einstmals stattfand, die durch eine Raserei, welche 
das Volk die Krankheit des heiligen Veit oder Modestus [Lehrer des hl. Veit], 
wir in unserer Gelehrtensprache Veitstanz nennen, Verwirrung brachten ... Es 
wird wirklich noch jetzt eine Kapelle auf einem Berge bei der Stadt Ravensburg 
in Schwaben gezeigt, auf welchem eine berühmte Burg [die Stammburg der 
Weifen] erbaut ist, der nach St. Veit heutigen Tags genannt wird [heute heisst 
der Berg nicht mehr Veitsberg, sondern Veitsburg], weil in einzelnen Jahren 
vor nicht so langem die Schar der Tanzenden gleichsam jenem Heiligen 
Opfer brachte, mit dessen Hilfe gesund" wurde und gewohnt war, hierher mit 
Tanzen Zuflucht zu nehmen. Aber da der Zutritt verhindert wurde und 
jene Kapelle zu anderem Gebrauch bestimmt wurde, hörte der Zulauf bis jetzt 
auf*)." (Übersetzung aus dem Lateinischen.) 

Ziemliche Verwirrung hat eine Beschreibung von Schenk von Grafen- 
berg^) gegeben. Er lebte von 1530 bis 1598 und war Stadtarzt seiner 
Vaterstadt Freiburg im Breisgau*). 

Er berichtet zunächst, dass 'nach der Erinnerung unserer Väter' damals lange 
und heftig eine furchtbare Art des Wahnsinns sowohl anderswo als besonders in 
Deutschland wütete. Und dann beschreibt er deutlich und ziemlich eingehend 
die Epidemie im 14. Jahrhundert und kürzer den Strassburger Veitstanz, ohne 
allerdings Ort und Zeit zu nennen. Er trägt auch Nachrichten, die wir vom 
Tarantismus haben (z. B. das blinde Hineinstürzen in Gewässer), in den deutschen 
Veitstanz hinein. 



1) Joh. Gross, Kurtze Basier Chronik. Basel 1614. — 2) Franz M. Böhme, Geschichte 
des Tanzes in Deutschland. Leipzig: 1886. — o) Allg. Deutsche Biographie 3. J^eipzig 
187(). 4) Ph. Camerarius, Operae horariim subcisivanim, sive meditationes historicae. 

Centuria altera. Frankfurt KlOl. — 5) Joannis Schenckii a Grafenberg observationum 
medicariim variarum libri VII. Frankfurt 1665. — 6) Hecker-Hirsch a. a. 0. 



■^2Q Martin: 

Da Hecker^) die Vorgänge für das IG. und den Ausgang des 15. Jahr- 
hunderts gelten lässt, den Strassburger Veitstanz auf 1418 festsetzt und ihn 
anders, als er wirklich war, schildert, so gibt er uns von der im Laufe der Zeit 
geschehenen Änderung im Wesen der Tanzkrankheit ein falsches Bild. 

Leider ersieht man bei Schenk den Übergang von der Zeit der Yäter 
zu seiner Zeit nicht deutlich. 

Durch 'neuere Beispiele' ist belegt, „dass schwangere Frauen, den übergrossen 
Leib mit erweitertem Gurt umspannt, auf- und niederwärts ohne Schaden für die 
Frucht in auffallenden Sprüngen unter den andern dahinliefen. Die Unsrigen ver- 
sichern, dass dies [Tanzen] auch durch Musikinstrumente so in Bewegung gesetzt 
und hervorgerufen werde, dass der Magistrat aus öffentlichen Mitteln nicht sowohl 
Pauker und andere Musiker beordert hat, als auch einige sehr starke Leute, welche 
die Tänze durch Führen der Rasenden solange, bis die Wut ausgetobt hatte, aus- 
trieben. Die Unsrigen wurden auch beobachtet, wie sie oft ihre eigenen Kleider 
zerrissen. Aber die mit Rot Bekleideten halten sie für so feindlich, dass sie die 
schon von weitem Erblickten anzufallen und feindlich anzugreifen sich bemühten, 
wenn sie nicht gehindert wurden. Daher ist es ernstlich zu vermeiden, dass jemand 
mit Rotem bekleidet sich erblicken lässt und eine weitere Gelegenheit zur Raserei 
bietet. Einen Grund zu dieser Antipathie kann niemand leicht nennen. Die 
Reicheren führen auf eigene Kosten Begleiter, welche aufpassen, dass nicht 
andern oder ihnen selbst eine Gefahr zustosse, welche gleichsam als Tanzführer 
die Reigen der rasenden Genossen leiten." 

Dann kommt wieder eine Stelle aus der Epidemie des 14. Jahr- 
hunderts. Und weiter sagt er, es sei auch sicher, dass die meisten vom 
Veitstanz so geschwächt und von gebrochenen Kräften sind, dass sie oft 
kaum durch belebende Mittel wiederhergestellt werden können. 

Schliesslich berichtet er Lokales:' 

„Die Unsrigen nehmen auch zu heiligen Helfern, zum heiligen Veit oder zu 
Johannes dem Täufer ihre Zuflucht in der Hofl'nung, die Gesundheit zu er- 
langen. Die, welche in unserm Breisgau und der Nachbarschaft dieser Raserei 
unterworfen sind, kommen alljährlich am Vorfeste Johannes des Täufers 
an zwei Heiligtümern, das eine ist in Blessen, dem heiligen Veit geweiht und 
Breisacher Herrschaft, das andere sehr nahe bei W äsen weil er, aber diesseits 
des Rheins gelegen und dem heiligen Johannes dem Täufer geweiht, zusammen, 
wo die eilig Herbeigeeilten sich nach deutschem Reigen [also zum deutschen 
Tanz, der später Allemande genannt wurde] ordnen, sei es, dass sie durch ein 
abzuleistendes Gelübde gehalten werden, sei es, weil sie von jenen Heiligen Hilfe 
zur Unterdrückung ihrer Raserei erhoffen. Und worüber man sich wundert, sie 
gehen allgemein in jenem Monat, welcher dem Feste des heiligen 
Johannes vorausgeht, sehr traurig, furchtsam, ängstlich, nur mit ge- 
drücktem Geist einher und spüren am ganzen Körper rupfende und 
gleichsam hüpfende Schmerzen wie Vorspiele und Zündstoff dieses 
Übels. Sie sind davon überzeugt, dass sie im übrigen nie beruhigt und 
befreit werden würden, wenn sie nicht durch Tanzen bei der Stätte 
des Heiligen diese Krankheit herausschütten könnten, indem der Erfolg 



1) Hecker-Hirsch a. a. 0, 



Geschichte der Tanzkrankheit in Deutschland. 127 

die Sache bestätigt. Freilich werden sie nach Vollendung dieser jährlichen 
Tanzereien, welche sie vorzüglich im Zeitraum von drei Stunden vor- 
nehmen, in der Regel von dieser Raserei im selben Jahr frei gesehen^)". (Über- 
setzung aus dem Lateinischen.) 

Horstius^) (geb. 1578 in Torgau, von 1608 — 1G22 Professor in Giessen, 
später Stadtphysikus in Ulm, wo er 1636 starb, ^) schreibt: 

„Ich entsinne mich, im vorigen Frühjahr mit einigen Frauen gesprochen zu 
haben, welche alljährlich die St. Veitskapelle, die in Drefelhausen ist, 
nicht weit von Geislingen bei Weissenstein im Ulmer Gebiet in Rechberger 
Herrschaft, besuchen und dort Tag und Nacht mit verwirrten Sinnen tanzen, 
bis sie in Ekstase zusammenbrechen, auf welche Weise sie wieder hergestellt 
erscheinen, dass sie ein ganzes Jahr hindurch wenig oder nichts spüren bis zum 
nächsten Mai, wo sie durch Unruhe der Glieder gequält werden, wie 
sie berichten, dass sie wieder gezwungen werden, sich um die Zeit des heiligen 
Veits festes zu dem genannten Ort des Tanzes wegen zu begeben, wie eine von 
diesen Frauen 20 und mehr, eine andere 32 Jahre hindurch dort jährlich getanzt 
haben soll . . . Ich habe ein ehrbares Mädchen kennen gelernt, die Tochter eines 
Kaufmanns in dieser Gemeinde, welche schon einige Jahre hindurch zur Frühjahrs- 
zeit mit einer allerdings leichten Geistesstörung an einer ähnlichen Affektion 
leidet, dass sie unruhig bald dies, bald das Glied zu bewegen gezwungen wird, 
indem öfter auch die Zunge und das Sprachvermögen unterbrochen ist, die von 
einer Stelle zur andern bald hierhin, bald dorthin bewegt wird, was durch einige 
^^'ochen in einzelnen Jahren Tag und Nacht anhält. Ich fürchte sehr, dass hier 
noch etwas Schwereres zu erwarten ist. Obgleich ich von einigen Autoren weiss, 
dass sie am Veitstanz nichts Konvulsivisches zugeben wollen, im Gegensatz zu 
den arabischen Autoren, insofern ihnen eine geistige Erkrankung vorzuliegen 
scheint, wodurch der perverse Drang und das Verlangen nach Tanz entsteht, so 
stelle ich nichtsdestoweniger, wenn jenen Frauen, mit welchen ich über die Sache 
im vergangenen Frühling geredet habe, Glauben beizumessen ist, fest, dass hier 
konvulsivische Bewegungen statthaben, zumal sie versicherten, dass sie während 
mehrerer Wochen, ehe sie zur St. Veitskapelle kamen, an spannenden Schmerzen 
aller Glieder zusammen mit von selbst eingetretener Mattigkeit und Schwere des 
Kopfes gelitten hätten, worin sie verblieben wären, bis sie zum gewohnten 
Tanzort hinzutretend das Musikinstrument gehört, das für sie ge- 
schlagen wurde, wo sie mehr und mehr im Geiste verwirrt (vielleicht durch 
das hinzutretende seelische Einwirken der stärkeren Einbildung, die Hoffnung 
auf Genesung) zu tanzen gezwungen wurden". (Übersetzung aus dem Latei- 
nischen). 

Als neu kommt jetzt liinzu, dass auch Johannes der Täufer Krank- 
lieitspatron war, und vor allem, dass nicht nur eigentliche Tanzkranke 
zur Heilung tanzten, sondern auch sonst anscheinend Güesimde, die an ge- 
wissen Tagen tanzten, am Johannistag (24. Juni) und am Veitstage 
(15. Juni), worüber später noch berichtet wird, um von allerlei un- 
angenehmen Empfindungen in den Muskeln und seelischer Verstimmung 



1) Schenck a. a. 0. — 2) Gregorii Horstii observationum medicinalium singularium 
libri quatuor. Ulm 1625. — 3) Hirsch, Biogr. Lexikon der hervorragenden Ärzte 3. Wien 
und Leipzig 188(i. 



128 Martin: 

befreit zu werden. Diese krankhaften Veränderungen stellten sich aber 
erst ein, wenn der Tanztag herannahte. 

Sind die eigentlichen Tänzer Leute, die die Zwangshandlung des 
Tanzens vornehmen, so haben wir es hier mit Krauken zu tun, die unter 
dem Zwangsgedanken stehen, am Johannis- oder Veitstag tanzen zu 
müssen. Von der Zwangsidee zur Zwangshandlung ist nur ein kleiner 
Schritt und die Krankheit in beiden Fällen dieselbe, der Veitstanz. Das 
möchte ich Wicke ^) gegenüber hervorheben, der meint, dass die zu den 
Kapellen wallfahrenden Kranken keine Veitstänzer waren (siehe später 
Brueghels Bild, das das Gegenteil beweist), der Veitstanz sei hier nur 
Heilmittel gewesen. 

In Italien, namentlich in Apulien [dem Stammlande des hl. Veit], haben wir eine 
Parallele des Veitstanzes im Tarantismus. Die ersten Nachrichten darüber stammen 
aus dem 15. Jahrhundert, es wird aber da schon von ihm als einem bekannten 
Übel gesprochen. Die von der Tarantel Gebissenen, oder die sich gebissen 
glaubten, verfielen gewöhnlich in Trübsinn und waren wie betäubt, ihres Verstandes 
kaum mächtig. Bei den ersten Tönen der Musik sprangen sie aber jauchzend 
vor Freude auf und tanzten ohne Unterlass so lange, bis sie erschöpft und halb 
leblos niedersanken. Es bestand der Glaube, jedes Jahr wieder tanzen zu müssen, 
und so wurde die Heilung der 'Tarantati' ein wahres Volksfest, das man mit un- 
geduldiger Freude erwartete. Man nannte die Zeit des Tanzes und des Spiels 
— die Sommermonate — im 17. Jahrhundert den kleinen Karneval der Frauen, 
weil diese meist ergriffen waren ^). 

Was war überhaupt der Veitstanz für eine Krankheit, und wer waren 
die Veitstänzer? 

Der Veitstanz als Krankheit, mit dem wir es zu tun haben, ist eine 
Hysterie. Er heisst auch der grosse Veitstanz und führt den wissen- 
schaftlichen Namen Chorea hysterica rhythmica^). Sicher fanden sich 
unter den Veitstänzern auch ausgesprochen Geisteskranke: Maniakalische 
(im heutigen Sinne) mit grossem Bewegungsdrang und froher Stimmung, 
chronisch Verrückte, die infolge von Wahnideen tanzten, Katatoniker mit 
dauernd wiederholten Bewegungen einzelner Körperteile. Das waren wohl 
die Kranken, die in Strassburg den Tanz begannen, denen es Hysterische 
nachmachten, und vor allem waren sie es, die sich zu Tode tanzten. 

Selbst die Tollwut fasste die Anschauung der Zeit als eine Art Veits- 
tanz auf. Der berühmte Züricher Naturforscher und Arzt Conrad 
Gessner schreibt 1551: „Aus dem Biss eines tollwütigen Hundes wird 
bisweilen anteneatmos (der Name ist verderbt), eine Art der Wut, an die 
Gariopontus (gest. 1056*) I. H erinnert; die Unsrigen nennen sie gewöhn- 
lich St. Veitstanz")". Baglio (Diss. de Tarantel, c. 12) erwähnt, dass, wer 



1) E. C. Wicke, Versuch einer Monographie des j;rossen Veitstanzes. Leipzig 1844. — 
2) Hecker a. a. 0. - 3) H. Eichhorst, Handb. d. spez. Patholo^jie''' ;5, 2. Berlin und Wien 
1907. — 4) Hecker a. a. 0. — 5) Coiuradi Gesneri historiae animaliuin üb. I. Zürich 
1551. 



Geschichte der Tanzkrankheit in Deutschland. 129 

vom tollen Hunde gebissen, vor dem 40. Tage sich zu der Stadt des 
hl. Yeit begibt und dort aufrichtig betet, durch die Fürbitte dieses 
Heiligen bald befreit werde, wie jeder in Apulien wisse ^). 

Die Kranken, welche am Veits- oder Johannistage zu den Kapellen 
jener Heiligen wallfahrteten, waren nur zum kleinsten Teile eigentliche 
Yeitstänzer (denn die gingen hin, wenn sie krank waren, ohne sich an 
den Tag des Heiligen zu halten). Es waren an der Zwangsidee des 
Veitstanzes Leidende, sonstige Hysterische (besonders mit hysterischen 
Krämpfen), Kranke, die am kleinen Veitstanz, der sogenannten Syden- 
h am sehen Chorea, litten (wie das Mädchen, bei der Horstius vermutet, 
dass etwas Schwereres vorliegt), allerlei Schwachsinnige, vor allem 
Epileptiker, und andere Kranke, bei denen unnatürliche Muskelbewegungen 
das Krankheitsbild beherrschten. 

Ausser in den drei letzten Berichten haben wir das bei der Be- 
schreibung der Wallfahrt zum hl. Veit bei Zabern gesehen, vor allem tritt 
es heute noch in der Springprozession von Echternach zutage, die 
ursprünglich weiter nichts als ein Heiltanz der genannten Krankheiten ist. 

Die Prozession findet alljährlich am dritten Pfingstfeiertage zu 
Echternach im Luxemburgischen zu Ehren des hl. Willibrord statt. 
Angetreten wird an der Sauerbrücke. Der Klerus stimmt die Willi- 
brorduslitanei ('Hl. Willibrord, bitte für uns') an und eröffnet den Zug. 
300 bis 1000 Sänger schliessen sich ihm an. Hinter sie reiht sich die 
Echternacher Stadtmusik und spielt die Springmelodie [welcher der Volks- 
mund den Text 'Adam hatte sieben Söhne' untergelegt hat, der aber 
nicht gesungen wird]. Die Leute verbinden sich untereinander mit 
Tüchern, die aus der Nähe gekommenen Marxweiler gar mit Regen- 
schirmen, und nun wird nach der Musik gesprungen, zwei Schritte vor, 
einen schräg rückwärts. Die Ordnung wird durch die Stadtkapläne auf- 
recht gehalten. Im Zuge befinden sich mehrere Musikkapellen oder 
wenigstens Trommler und Pfeifer. Er bewegt sich durch die Strassen 
die Ortschaft hindurch. Aber anstatt in die Basilika zu gehen, springt 
man die r>2 Stufen des Petersberges zur Pfarrkirche hinauf, zur Evan- 
gelienseite der Pfarrkirche hinein, um das Grab des Heiligen, wo ge- 
wöhnlich zwei Geistliche den Pilgern ihre Devotionalien anrühren, zur 
Türe der Epistelseite wieder hinaus, um mit dreimaligem Umspringen 
des grossen Holzkreuzes auf dem ehemaligen Friedhofe die Prozession 
zu beenden. Die Länge des zurückgelegten Weges beträgt 1'225 Schritt, 
die Dauer ist zwei bis drei Stunden. 

Die meisten Wallfahrer tragen einen schweren Kummer auf dem 
Herzen, da meist ein wegen fallender Sucht oder 'Wilvertskrankheit' 



1^ R. J. Camerarii et Th. Ch. Scharf Dissert. de Alysso clavo, Tübingen 1709. 
Albrecht v. Hallers Sammlung akad. Streitschriften, in einen vollständigen Auszug ge- 
bracht und mit Anmerkungen versehen v. Lorenz Grell. 1. Bd. Helmstedt 1779. 
Zeitschr. (I.Vereins f. Volkskunde. 1914. Heft 2. 9 



130 Martin: 

[Epilepsie] gemachtes Gelübde sie hierhergeführt. Unter 10 000 Mit- 
springeru, von denen viele von Kindheit an mit der Fallsucht und anderen 
epileptischen Krankheiten behaftet sind, die aber selbst im Arm ihrer 
Verwandten raitspringen wollen, kommt es vor, dass einer oder der andere 
wieder einen Anfall seiner Krankheit erleidet oder in Ohnmacht fällt. 
So selten aber geschieht dies, dass mein Gewährsmann Keiners^), der 
sieben Jahre die Ordnung der Prozession mit überwachte, kaum jedes 
Jahr ein bis zwei Fälle gesehen hat. Man frage nur den ersten besten 
Springer, sagt er, entweder verdankt er selbst dem hl. Apostel die Ge- 
sundheit und kommt aus Dank alljährlich zu springen, oder er springt, 
weil er sich für einen Bruder, ein Kind usw. zu springen vor- 
genommen hat. 

Reiners sagt, dass viele der Springer mit Fallsucht [Epilepsie] und 
anderen epileptischen Krankheiten behaftet sind. Unter diesen sind die 
oben genannten Bewegungskrankheiteu zu verstehen. Vom Springen 
gegen Veitstanz und auch gegen Schwachsinn ist mir berichtet worden. 
Die Prozession ist also der Heiltanz, wie wir ihn kennen. 

Keiners will allerdings in der Prozession eine Buss- und Sühneandacht sehen 
und im Springen mit Musik ein sehr mühevolles Gebet. Wenn Leute, wie ich 
erzählen hörte, den stark mit Steinen beschwerten Korb auf dem Rücken, mühe- 
voll mit blaurotem Gesicht springen, so ist das sicher eine Bussübung. Das kann 
später hinzugekommen sein, wie dies bei dem Schritt rückwärts, der die Prozession 
so sehr erschwert, der Fall ist, obwohl ja bei manchen Tänzen nicht nur vor-, 
sondern auch rückwärts gegangen wird. Die von Reiners herangezogene Parallele, 
nach der eine Königin von Prankreich gelobte, beim Gelingen eines Unternehmens 
einen Pilger nach Jerusalem zu Puss zu senden, der immer drei Schritte vor und 
einen rückwärts ginge, beweist deshalb nichts. 1842 sprang man einen Schritt 
rechts, einen links und einen vorwärts^). Man sprang auch drei vor, einen zurück 
oder fünf vor und zwei zurück^). Reiners selbst sagt, dass die Prozession, 1786 
unterdrückt, nach dem Tode Josephs II. wieder gehalten wurde, aber ein anderer 
Sprung in Übung kam, indem man nunmehr einen Schritt schräg zurücksprang. 
Wie's vorher war, gibt er nicht an, wahrscheinlich war doch der Rücksprung weg- 
geblieben. 

Übrigens tanzten schon zur Zeit Schenk von Grafen bergs*) Leute im 
Veitstanz mit, die durch ein abzuleistendes Gelübde dazu gelialten waren. Auch 
die von ihm berichtete kurze Dauer des Tanzes von drei Stunden und das Auf- 
rechterhalten der Ordnung durch Reigenführer erinnert sehr an die Echternacher 
Prozession. 

Noch einige Angaben nach anderen Quellen über die Springprozession. 
Sie begann auf der Brücke, die die luxemburg-preussische Grenze bildet^). 



Ij Adam Reiners, Die Springprozession zu Echternach, Haffners Frankfurter Zeit- 
gemässe Broschüren, N. F 5. Frankfurt a. M. 1884. - 2 Hecker a. a. 0. — 3) Paul 
Richer, L'art et la medecine. Paris (o. J.;. — 4) Observ. medic. 1665. — 5) Hecker 
a. a. 0. 



Geschichte der Tanzkrankheit in Deutschland. 131 

M. Majerus, Richter in Luxemburg, berichtet aus eigener Anschauung, 
dass man für sich, für andere, Angehörige, Freunde, sogar für Tiere 
springt. Wer zu alt, zu krank ist, bezahlt Echternacher Burschen, die für 
12 — 20 Sous springen, häufig für mehrere Pilger und Pilgerinnen. Man 
sieht nicht selten epileptische Krämpfe 0- Ich weiss, dass gebildete Leute 
für ihr schwachsinniges Kind springen li essen. 

Der Übernahme durch bezahlte Leute ist nichts Auffallendes. Sie kam auch 
bei anderen Heilverfahren vor Im kalten Bad auf der Rischi-Alp hinter der Eck 
in Unterwaiden (Schwendi-Kaltbad), das bis ins 19. Jahrhundert schwer zugänglich 
war, bestand vormals, wne Ziegler 1799 schreibt, die Sitte, Leute für Geld zu dingen, 
um sich für einige Minuten ins kalte Bad zu setzen für Rechnung und Frommen 
irgend eines Kranken, welcher diese Verrichtung an dem wilden, sehr entlegenen 
Orte selbst nicht übernehmen wollte oder konnte^). 

Die Springprozession wird von der nicht unbedeutenden Anzahl namhafter 
Geschichtsschreiber der Echternacher Benediktinerabtei, die oft bis in kleinste 
Einzelheiten die Erlebnisse der Abtei berichten, nicht erwähnt. Selbst der Abt 
ßertels (gest. 1607) spricht von den unbedeutendsten Dingen, über Volkssitten, 
religiöse Feste, sogar von dem religiösen Tanz auf dem Johannisberg bei Luxem- 
burg, erwähnt sie aber mit keiner Silbe ^). 

Die erste schriftliche Nachricht von der Echternacher Springprozession 
gibt der triersche Historiker Brower (gest. 1617), der als gangbare Er- 
zählung mitteilt, dass seine Zeitgenossen als Knaben von den ältesten 
Leuten gehört hätten, bei jeweiliger Unterlassung des Gelöbnisses der 
Votiv-Springprozession habe das Vieh in den Ställen zu tanzen an- 
gefangen und nicht eher abgelassen, bis die Springprozession abgehalten 
war*), also der Abwehrtanz gegen Bewegungskrankheiten. Dass man 
auch für derartige Erkrankungen des Viehs in Echternach springt, wurde 
oben erwähnt. 

Weiteres über Echternach folgt im nächsten Abschnitt. 

Aus dem Jahre 1564: besitzen wir eine Abbildung von Tanzkranken 
auf einer Handzeichnung in der Albertina zu Wieu von Pieter Brueghel 
d. Ä. Romdahl hat sie veröffentlicht (siehe Abb. 1) und sie für eins 
der bedeutendsten Werke des Meisters erklärt. Es ist eine grössere (ein 
wenig mit Weiss gehöhte) Federzeichnung auf blaugrauem Papier, die 
von Brueghel eigenhändig mit einer Unterschrift versehen ist^). Sie 
lautet: dit sin dye pelgerommen die up sint Jans dach buyten bruessel 
de muelebeec danssen moeten ende als sy ouer een brugge gedanst oft 
gesprongen hebben dan sin sy genesen vor een heel Jaer van sint Jans 
siechte . bruegel • M • ccccc • Ixiiij . 



1~^ Richer a. a. 0. — 2) A. Martin, Deutsches Badewesen in verjjangenen Tagen, 
Jena 190G. — 3) Reiners a. a. 0. — 4) Ebenda. — 5"^ Axel L. Romdahl, Jahrb. der 
kunsthist. Sammlungen des Allerh. Kaiserhauses 24, 3. Wien und Leipzig 1905. 

9* 



132 



Martin: 



's Rijks Prentenkabinet in Amsterdam besitzt eine Zeichnung, die sich im 
Bild beinahe mit der in der Albertina deckt. Sie trägt rechts unten die (falsche?) 



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Signatur ^brueghel', und die Unterschrift ist durch eine horizontale Linie von der 
Komposition getrennt (wie das vielfach auf Stichen vorkommt). In der mir mit- 
geteilten Unterschrift fehlt hinter 'buyten bruessel' die nähere Ortsangabe 'de 



Geschichte der Tanzkrankheit in Deutschland. 



133 



muelebeec'. Das Bild ist in dem zweibändigen Handzeichnungswerke des Amster- 
damer Kupferstichkabinetts auf Tafel 22 von E. W. Mo es herausgegeben worden. 
(Mitteilung des Kupferstichkabinetts in Amsterdam). Nach Romdahl ist es 1569 
(nicht 1564 wie das in der Albertina) datiert. 

1642 hat Hondius die Brueghelsche Zeichnung in drei Stichen (im Spiegel- 
bild) reproduziert. Zwei davon sind bei Holländer^) und Richer^) (die linke Tanz- 
gruppe) und bei Hovorka und Kronfeld ^) (die rechte Tanzgruppe) abgebildet; sie 
zeigen weit mehr und zum Teil andere Zeichnung als das Original (siehe Abb. 2 u. 3). 

Romdahl sieht in den dargestellten Frauen Fallsüchtige [Epileptiker]; 
Richer, der Umrisszeichnungeu des Bildes ohne die Unterschrift bringt, 
behauptet, ßrueghel habe die Echteruacher Springprozession gezeichnet^). 




Abb. 2 und 3. Stiche von Hondius von 1642 nach Brueghel. 
(A.US Spemanns historischem Medizinal[abrciss]kalender.' 

Uns illustriert die Abbildung das, was wir bereits von anderen Orten 
wissen. Romdahl nennt den Ort des Vorgangs Molenbeck Siut Jans in 
der Nähe von Brüssel. Die dortige Kirche wird also dem hl. Johannes 
geweiht sein. An seinem Tage tanzen dort Frauen in geordnetem Zuge 
unter Öackpfeifenbegleitung, jede mit zwei gesunden Mittänzern. 

Wo die Kräfte versagen, stützen die Mittänzer. Die Prozession musste 
auf jeden Fall über die Brücke hinwog, dann trat Gesundung ein auf ein 
Jahr. Die Frauen waren also erst kurz vor St. Johannestag krank ge- 
worden. Ihr Zustand gleicht dem der Frauen, von denen Schenk von 
Grafenberg und Horstius berichten. 



1) Die Medizin in der klass. Malerei. — 2) L'art et la medecine. 
3^ Vgl. Volksmed. 2. 



134 Ebermann: 

Im Hintergrunde sehen wir eine Kirche, die auf dem Hondiusschen 
Stiche fehlt. Auffallend sind zwei neben dem Zuge vorwärtsstürmende 
Personen, ein Mann und eine Frau, die jeder in den Händen vorsichtig 
eine Schale halten. Von den Tänzerinnen hat eine den Mund weit ge- 
öffnet, sie ringt nach Atem oder schreit, eine andere sinkt ermattet um, 
bei einer dritten treten Krämpfe auf, die den ganzen Körper verzerren. 

Hier gesellt sich zu den krankhaften rhythmischen Bewegungen des 
Tanzes, dem Charakteristikum des grossen Veitstanzes, noch ein weiteres 
hysterisches Zeichen, der hysterische oder hystero-epileptische Krampf. 
Von ihm werden wir später noch hören. Man beachte auch die Mittänzer, 
wie sie überanstrengt sind und teils mit sorgenvollen Gesichtern die 
Kranken unterstützen. Bei den Musikanten sieht man fast den Schweiss 
an den Haaren herunterlaufen. Das Original charakterisiert dies alles 
viel feiner als der Stich. 

Bad-Nauheim. 

(Schluss folgt.) 



Le Medecin des Pauvres. 

Von Oskar Ebermann. 



Die Kommission für Sammlung der deutschen Zauber- und Segens- 
sprüche hat in dankenswerter Weise auch die Erforschung der Entwicklung 
der volkstümlichen Segensbücher mit in ihr Arbeitsprogramm einbezogen. 
■Gerade diese Untersuchungen werden aber voraussichtlich auf besondere 
Schwierigkeiten stossen. Die Zauberbücher geben nur in seltenen Fällen 
Ort und Jahr ihrer Entstehung richtig an, suchen .vielmehr auf die 
gläubigen Benutzer durch Angabe eines frühen Erscheinungsjahres und 
«ines entlegenen Druckortes Eindruck zu machen. Die Bibliotheken haben 
diesen interessanten Zweig volkstümlicher Literatur leider wenig oder gar 
nicht beachtet, so dass Material aus älterer Zeit nur mit grossen Schwierig- 
keiten aus Privatbesitz zu erlanoren ist. Schliesslich — und das ist für 
die Untersuchung das Wichtigste — haben diese Bücher zwar den Titel 
meist mit ängstlicher Gewissenhaftigkeit bewahrt, dagegen ist zuweilen 
der Inhalt stark verändert worden, so dass Bücher gleichen Titels ge- 
legentlich inhaltlich kaum etwas miteinander gemein haben. So gibt es 
neben Ausgaben des Albertus Magnus, die in vier Teilen fast ausschliess- 
lich Segenssprüche enthalten, auch solche, in denen keine einzige derartige 
Formel vorhanden ist. 



Le Medecin des Pauvres. I35 

Wie in Deutschland, so werden auch in Frankreich Zauberbücher 
noch massenhaft durch gewissenlose Buchhändler vertrieben, und Hefte 
wie "La poule noire aux ceufs d'or', 'Le Grand Grimoire', 'Cla- 
vicule de Salomon', 'La baguette divinatoire', 'Le dragon 
rouge*, 'Les raerveilleux Secrets du Petit Albert', 'L'enchiri- 
dion du Pape Leon III', 'Curiosites infernales et occultes' u. a. sind 
in Paris bei den Bouquinisten der Seinequais stets zu billigen Preisen zu 
haben. Auf der Suche nach derartigen Heften wurde ich im Jahre 1904 
von dem nunmehr verstorbenen, um die französische Volkskunde hoch- 
verdienten Emile Rolland auf ein in Frankreich weitverbreitetes Heftchen 
'Le Medecin des Pauvres' aufmerksam gemacht. Von den 17 in der 
Bibliographie de la France bis zum Jahre 1001 angeführten Heften enthält 
die Bibliotheque Nationale 15, so dass sich der Entwicklungsgang eines 
solchen Segensheftes — denn um ein solches handelt es sich — für den 
Verlauf des letzten Jahrhunderts einigermassen übersehen lässt. 

Ich gebe zunächst eine Übersicht in zeitlicher Reihenfolge, wobei die 
einzelneu Hefte durch den Erscheinungsort unterschieden werden. 

1. Valence, de Timprimerie de J.-F. loland. 4 p. 18'21. 

2. Coulommiers, Impr. de Brodard. 8 p. 18'27. 

3. St.-Quentin, Impr. de Cottenest. 8 p. 1828, 

4. Epinal, Impr. de Faguier. 8°, d'une demi-feuille. (Bibliogr, de 
la France 1832.) 

5. Doudeville, chez Patin. Impr. de Delamarre, 12°, d'un tiers de 
feuille. 1 833. 

6. Paris, Librairie populaire des villes et campagnes, 18 p, 12°. 
1848. (Nisard 2, 78.) 

7. Laon, Typ. Ern. Marechal, rue Chätelaine, 16. 8 p. 8**. 1850. 

8. Rouen, Imp. veuve A. Surville, rue des Bons-Enfants, 46. (Stem- 
pel der Bibl. Nation, vom J. 1851.) 

9. Chälons-sur-Saöne, Typ. Montalan. 16 p. 16". 1857. 

10. Troyes, chez Baudot. Imp. Libraire. Rue du Temple, 30. 11p. 
12«. 1858. 

11. Paris, Impr. de Gosse et J. Dumaine, rue Christine, 2. 8 p. 
8^ 1862. 

12. Paris, Impr. Prissette, passage Kuszner, 17. — Maison passage 
du Caire, 17. 8 p. 8°. 1863. 

13. Beaune, Autographie Boutton. 1868. 

14. Argenteuil, Typogr. Worms. Henry, Lithographe ä Argenteuil. 
8 p. 8°. 1868. 

15. Mäcon, Impr. Protat. 24 p. 16°. 1868. 

16. Macon, Impr. Romand. 64 p. 16°. 1875. 

17. Orleans, Impr. Morand, rue Baunier, 47. (Stempel der Bibl. 
Nation, vom Jahre 1896.) 



136 Ebermann: 

Ferner werden in der Revue des traditions populaires (7, 243) zwei 
Hefte erwähnt unter dem Titel 'Medecine des Pauvres', und zwar: 

18. Paris, chez Moronval, rue Galande. 12 p. 32 ^ 

19. Youziers, par Auguste Lapie. 

Schliesslich sind wegen der Ähnlichkeit des Titels noch zu er- 
wähnen: 

20. Le Medecin des Pauvres. Dans les Communes rurales des 
Basses-Pyrenees, par M. Blandin, Pau, 1852. (Eine Wohltätigkeitsschrift, 
die mit den übrigen Heften nichts gemein hat als den Titel.) 

21. Le Medecin du Yillage. Contenant un choix de Moyens 
simples et efficaces pour la guerison de plus de cent Maladies. Amiens, 
1851. (Enthält Rezepte.) 

Diese Aufzählung ist sicher sehr lückenhaft*), denn viele Auflagen 
des Heftes werden wegen ihres geringen Umfanges der Statistik entgangen 
sein, und dann fehlen alle diejenigen, die auf französischem Sprachgebiete 
ausserhalb Frankreichs erschienen sind^). 

Ich lasse nunmehr den Inhalt der einzelnen Hefte, soweit ich ihrer 
habhaft werden konnte, in der Weise folgen, dass ich jeder Formel ein 
Varianten Verzeichnis beigebe. Yon der obigen Reihenfolge bin ich ge- 
zwungen abzuweichen. 

I. Le Medecin des Pauvres. (Oben Nr. S.) 

Titelbild. 

Christus regnat. Christus imperat. 

J.-C. regne. J.-C. comraande. 

Christus vincit. 

J.-C. est vainqueur. 

En Dieu la confiance. 

1. Friere pour arreter le mal de dents. 

Sainte Apolline assise sur la pierre de marbre, Notre-Seigneur, passant par lä, 
lui dit: Apolline, que fais-tu lä? Je suis ici pour mon chef, pour mon sang et 
pour mon mal de dents. Apolline, retourne-toi; si c'est une goutte de sang, eile 
tombera; si c'est un ver, il mourra. — Dites cinq Pater et cinq Ave Maria en 
l'honneur et en Tintention des cinq plaies de N.-S.-J.-C, et faites le signe de 
croix sur la joue avec le doigt, en face du mal que vous ressentez, disant: Dieu 
t'a gueri; et en tres peu de temps vous serez gueri. 

Vgl. Ch. Nisard, Histoire des livres pop. 2, 76; Aug. Hock, Croyances et re- 
medes pop. (3. Aufl.) S. 42; Meyrac, Traditions, coutumes etc. des Ardennes S. 179 
nr. 95; Reinsberg-Düringsfeld, Calendrier beige 1, 108 Anm. 1; Sauve, Folk-Lore 
des Hautes-Vosges S. 35; G. Vicaire, Etudes sur la poesie pop. S. 73; Melusine 3, 



1) Nisard 2, 78 f. erwähnt noch eine Auflage aus Montereau, 12 p. 12". o, J. und 
druckt daraus einige Formeln ab, die in den unten angeführten Heften nicht ent- 
halten bind. 

2) Vgl. Hock, Croy. pop. S. 42; Monseur, Folkl. wallon S. 23; Wallonia 5, 112. 



Le Medeciu des Pauvres. 137 

114 nr. 10a: Rev. celt. 6, 73 nr. 8; Rev. des trad. pop. 1, 3G; 0ns Volksleven 12, 97; 
J. W. Wolf, Beitr. z. deutschen Mytbol. 1, 260 nr. 34. — Spanisch: Nisard, Hist. 
des livres pop. 1864 2, 82; F.-R. Marin, Cantos pop. espanoles (Sevilla 1882) 1, 445 
nr. 1063 — 64. — Der Name derApollonia ist in diese Formel eingedrungen wegen 
der Beziehung auf das Martyrium dieser Heiligen. In den älteren, lateinischen 
Fassungen dieses Segens wird statt ihrer Petrus genannt. Vgl. dazu: R. Köhler, 
Kl. Sehr. 3, 544 ff.; 0. Ebermann, Blut- u. Wundsegen S. 19 f.; Fr. Hälsig, Der 
Zauberspruch bei den Germanen S. 79ff.; H. Affre, Lettres ä mes neveux (Ville- 
franche 1858) 2, 73; Derselbe, Dictionnaire des institutions etc. duRourge (Rodez 
1903) S. 388. 

2. Friere pour arreter le sang de teile coupure que ce soit et de toute sorte 
de plaie. 

Dieu est ne la nuit de Noel, ä minuit; Dieu est mort; Dieu est ressuscite; Dieu a 
commande que le sang s'arrete, que la plaie se ferme, que la douleur se passe, et que 
cela n'entre ni en matiere, ni en senteur, ni en chair pourrie, comme ont fait les cinq 
plaies de N.-S.-J.-C. NATUS EST CHRISTUS; MORTÜUS EST ET RESUR- 
REXIT CHRISTUS. — On repete trois fois ces mots latins, et, a chaque fois, on 
soufl'le, en forme de croix, sur la plaie, en nommant le nom de la personne, 
disant: Dieu t'a gueri. Ainsi soit-il. On commencera ensuite la neuvaine u jeun, 
ä l'intention des cinq plaies de N.-S.-J.-C. 

Vgl. Hock, Croyances pop. S. 43; Sauve, F.-L. des Hautes-Vosges S. 230^ 
Melusine 3, 114 nr. 9a; Schweiz. Arch. 10,53; Rev. des trad. pop. 1,39. 

Die französische formelhafte Einleitung und der entsprechende lateinische 
Schluss sind nicht diesem Segen eigentümlich, sondern werden auch oft anderen 
Formeln vorausgeschickt oder angehängt, z. ß. Melus. 6, 282. — Vgl. den deutschen 
Segen gegen Seuchen und Geschwülste (1460) in Mitt. d. Schles. Ges. f. Vk. Heft 18, 24. 
Die Worte sind schon früh in deutsche Reime gebracht worden: ZfdA. 4, 577 (1405) 
oder in anderer Weise Germania 26, 230. Vermutlich hat sich daraus der Typus 
der Segen von den drei glückseligen Stunden entwickelt; vgl. Ebermann, Bl. u. W. 
S. 71 ff. — Der Teil des Segens, der den Wunsch ausdrückt, dass die Wunde sich 
nicht verschlimmern möge, geht auf eine lat. Formel zurück. Vgl. Ebermann, Bl. 
u. W. S. 52 f.; Hälsig a. a. 0. S.85ff. 

3. Oraison pour guerir les rhumatismes ou douleurs quelconques. 

Sainte Anne, qui enfanta la Vierge Marie, la Vierge Marie qui enfanta Jesus-Christ, 

Dieu te benisse et te guerisse, pauvre creature, N de renouure, blessure, rompure, 

d'entraves et de toutes sortes d'infirmites quelconques, en l'honneur de Dieu et de 
la Vierge Marie, de Saint Come et Saint Damien. Amen. — Dites trois Pater et 
trois Ave pendant neuf jours, tous les matins a jeun, en l'honneur des angoisses 
qu'a souffertes N.-S.-J.-C. sur le calvaire. 

Vgl. Sauve a. a. 0. S. 266; J.-B. Thiers, Traite des superst. (3. Aufl.) 1,412; 
Rev. des trad. pop. 1,36; 1,37 nr. 8; 19,488. — Die zahlreichen lateinischen 
Varianten dieser Formel, die ursprünglich ihrem Inhalt entsprechend als Segen 
zur Erleichterung der Geburt Verwendung fand, lassen sich bis in das 10. Jahrh. 
zurückverfolgen. Vgl. ZfdA. 52, 171; Hälsig, Der Zauberspruch bei d. Germ. 
S. 96ff.; Ad. Franz, Die kirchl. Benediktionen im Ma. 2, 198f. 

4. Friere pour la teigne. 

Paul, qui est assis sur la pierre de marbre, N.-S. passant par lä lui dit: Paul, 
que fais-tu lä? Je suis ici pour guerir le mal de mon chef. Paul, leve-toi et va 
trouver sainte Anne; qu'elle te donne teile huile quelconque, tu t'en graisseras 



138 Ebermann: 

legerement ä jeun, une fois le jour et pendant un an et un jour. Celui qui le 
fera n'aura jamais ni rogne, ni gale ni teigne, ni rage. — II faut repeter cette 
oraison pendant un an et un jour, sans y manquer, tous le matins, ä jeun, et, 
au bout de ce teraps. vous serez radicalement gueri et exempt de tous ces maux 
pour la vie. 

Vgl. Hock a. a. 0. S. 44; Monseur, Folklore wallon S. 28; Rev. des trad. 
pop. 1, 37 nr. 11. Ähnlich auch Sauvo a. a. 0. S. 350: Saint Pierre sur le pont 
de Dieu s'assit. — Notre-Dame de Caly vint et lui dit: — Pierre, que fais-tu lä? 
— Dame, c'est pour le mal de mon chef que je me suis mis lä. — Saint Pierre, 
tu te leveras, — A Saint- Agie tu t'en iras; — Tu prendras le saint onguent — 
Des plaies mortelles de Notre-Seigneur, — Tu t'en graisseras, — Et trois fois tu 
diras: — „Jesus, Maria." — J. W. Wolf, Beitr. z. deutschen Myth. 1, 2»J1 Nr. 39. 

5. Oraison pour couper et guerir toutes sortes de fievres. , 
Quand J.-C. porta sa croix, il lui survint un juif nomme Marc-Antoine, qui 

lui dit: „Jesus, tu trembles?" Jesus lui dit: „Je ne tremble ni ne frissonne." 
Et celui qui dans son coeur ces paroles prononcera, jamais fievre ni frisson n'aura. 
Dieu commande aux fievres tierces, fievres quartes, fievres intermittentes, fievres 
purpureuses, de se retirer du corps de cette personne. JESUS, MARIA., JESUS! 
II faut faire une neuvaine ä jeun, ä l'intention de la personne, en memoire des 
souffrances qu'a endurees N.-S.-J.-C. sur le calvaire. 

Vgl. A. Meyrac, Traditions, coutumes etc. des Ardennes S. 179 nr. 96; Sauve 
a. a. 0. S. 269; Melus. 3, 111 nr. 4; Rev. d. trad. pop. 1, 36 nr. 6; 18, 298. — 
Ähnlich: Rolland, Faune pop. 5, 106; Mel. 3, 197; Schw. Arch. 14,259 (18. Jh.); 
Thiers, Traite 1,412: Hock. Croy. pop. 1,412. — Engl.: W. Henderson, Notes on 
the Folk Lore of the Northern Counties of England S. 137.— In deutschen Fieber- 
segen ist das Motiv des Zitterns vor dem Kreuz seit dem 15. Jh. nachweisbar: 
ZfdA. 17, 429; Alem. 25, 266 (16. Jh.); J.W. Wolf, Beitr. z. deutschen Myth. 1,257 
Nr. 17. — Cechisch: Grohmann, Abergl. etc. S. 164 nr. 1157. 

6. Oraison pour guerir promptement la colique. 

Mettez le grand doigt de la raain droite sur le nombril, et dites: Marie qui 
etes Marie, ou colique, passion qui etes entre mon foie et mon coeur, entre ma 
rate et mon poumon, arrete, au nom du Pere, du Fils et du Saint-Esprit. Dites 
trois Pater et trois Ave, et nommez le nom de la personne, disant: Dieu t'a gueri. 
Ainsi soit-il. 

Vgl. Meyrac a. a. 0. S. 175 nr. 68: Monseur, Folkl. wallon S. 23; Rev. des 
trad. pop. 1, 36 nr. 7; 19, 488; Musee Neiichätelois 34, 57. 

Es hat den Anschein, als ob im Anfang dieser Formel Maria angerufen würde, 
indessen hat ursprünglich dafür zweifellos ein Ausdruck gestanden, der dem 
lateinischen matrix entspricht. Es begegnen in Segen die Formen amarry, matrice, 
mare, maire, mere u. a. Auch marris ist zu belegen in der Bedeutung 'Maladie 
de la matrice.' (La Curne de St.-Palaye, Dict. de l'ancien langage frano. 7, 291). 
Demnach entspricht unsere Formel genau den zahlreichen deutschen Segen für 
die Bermutter. Diesen liegt die Anschauung zugrunde, dass die Kolik dadurch 
entsteht, dass die Gebärmutter gegen das Herz aufsteigt (vgl. M. Höfler, Deutsches 
Krankheitsnamen-Buch S. 427). Die aufsteigende Gebärmutter wird in den Segen 
aufgefordert anzuhalten und an den ihr von Gott bestimmten Platz zurückzukehren. 
Dieselbe Vorstellung finden wir in mehreren französischen Koliksegen. Vgl. Schweiz. 
Arch. 10, 49 nr. 58; 12, 104 nr. 43. — Die folgende Formel findet sich bei 



Le Medecin des Pauvres. 139 

M. L. Joubert, La premiere et seconde partie des erreurs populaires, touchant la 
Medecine et le regime de sante. Rouen 1601. 

Conjuration de l'amarry delouee, en langue Angenoise. 

Mayre mayris, que as cinquanto dos rasits, 

Et uno raays que l'on non dits: 

Tiro te das coustas, 

A qui non son pas tas estas. 

Tiro te de las esquinas. 

A qui non son pas tas esinas. 

Tiro te del son de ventre: 

A qui non te podes estendre. 

Mais bouto te u Fambonnil. 

La ou la Vierge (Marie) portet son (car) fil. 

Cric, croe, Mairo torno tel al loc. 

Pater noster. Ave Maria. Faut reiterer cela par trois fois. 

C'est ä dire en Franoois. 
Amarry merasse, qui as cinquante et deux racines, 
Et une plus que l'on ne dit, 
Tire toy aux costez: 
Ce ne sont pas lä tes estres, ou places. 
Tire toy vers l'eschine: 
Yci ne sont pas tes aises. 
Tire toy au fond du ventre: 
Yci tu ne te peux estendre. 
Mais boute toy au nombril, 
La oü la vierge (Marie) porta son (eher) fils. 
Cric, croc, maire retourne ä ton lieu. 
Pater noster etc. 

7. Oraison pour guerir et arreter toutes sortes de brülures. 

Par trois fois differentes, vous soufflerez dessus eri forme de croix et direz: 
Feu de Dieu, perds ta chaleur-comme Judas perdit sa couleur-quand il trahit 
N.-S.-au Jardin des Olives; et nommez le nom de la personne, disant: Dieu t'a 
gueri par sa puissance; sans oublier la neuvaine ä l'intention des cinq plaies de 
N.-S.-J.-C. Ainsi soit-il. 

Vgl. Hock, Croyances pop. S. 130; Sauve, Folk-Lore des Hautes-Vosges S. 215; 
Thiers, Traite des superst. 1,409; Melus. 1, 400; 3, 112; Musee Neuchätelois 34, 56; 
Rev. de l'Avranchin 2, 364; Rev. d. trad. pop. 1, 38; 15, 380; 18, 298; 19, 489; 
Schweizer Arch. 12, 102. — In deutschen Segen ist mir das Motiv nur einmal be- 
gegnet: Gegen das wilde Feuer. 

Feuer, feuer, feuer, 

verliere deine hitz, 

wie der Judas seine färb verloren hat, 

als er den herrn Jesum Christum verrathen hat. 

ZfdA. 7, 536 nr. 14. 

8. Oraison pour l'epine. 

Pointe sur pointe. — Mon Dieu guerissez cette pointe comme saint Cöme et 
Saint Damien ont gueri les cinq plaies de N.-S.-J.-C. au Jardin des Olives. 
NATUS EST CHRISTUS, MORTUUS EST ET RESURREXIT CHRISTUS. — 



240 Eberinanü: 

Apres que vous aurez dit cette oraison, vous prendrez un linge d'homme, blanc de 
lessive, que vous couperez long et large comine le doigt, puis vous le mettrez en 
croix sur l'epine, et ensuite vous l'envelopperez comme il est dit; ensuite le 
souffrant fera une neuvaine a, jeun, a l'intention des souffrances qu'a endurees 
N.-S.-J.-C. sur le calvaire. 

Vgl. Hock a. a. 0. S. 478; Rev. d. trad. pop. 1, 38 nr. 15; Musee Neuchät. 35, 68; 
J. W. Wolf, Beitr. z. deutschen Myth. 1, 'Hil nr. 41. 

9. Oraisons ä saint Antoine de Padoue, pour les pestes et autres besoins que 
nous avons chaque jour. 

Pere et patron, saint Antoine de Padoue, 
Qui vous invoque au besoin evident, 
Peril de raort et de calamites, 
Remedie ä mort subite et peste, 
En terre et mer, en foudre et tempete. 
Pour retrouver toutes choses perdues, 
Des bonnes sont par vous defendues, 
Et bien souvant aux pauvres innocents 
Faites gagner proces tous contents; 
Jeunes et vieux, qui ä vous ont recours, 
A leurs besoins vous donnez tous secours. 
Priez pour nous, qu'en sortant de ce monde, 
Dans le ciel, en joie et paix durable, 
Toujours en repos delectable. Ainsi soit-il. 

Dieses verdorbene Stück besteht offensichtlich aus zwei Gebeten, so dass die 
Mehrzahl 'oraisons' in der Überschrift gerechtfertigt ist. Zeile 6 ist die Über- 
schrift des zweiten Gebetes; zu diesem vgl. Rev. d. trad. pop. 12, 511: 

Saint-Antoine de Padoue 
Qui etes si bon et si doux 
Et qui faites qu'on retrouve toujours tout, 
Faites que je retrouve (l'objet perdu). 

Nisard, Bist, des livres pop. 2, 54 zitiert: Prieres et oraisons en l'honneur de 
saint Antoine de Padoue, pour les ämes devotes qui les diront ou qui les porteront 
sur elles dans toutes leurs necessites, raaladies, adversites et perils, 32"; 23 pages. 
Toulouse, Ronnemaison et Fages. o. J. — Der Grund, weshalb Antonius Ver- 
lorenes wiederfindet: Nisard 2, 55. 

10. Friere pour dissiper les mauvais esprits. 

Chaque raatin, ä votre lever. — Pere tout-puissant, Mere la plus tendre 
des meres, ö exemple admirable des sentiments et de la tendresse de toutes les 
meres; 6 Fils, la fleur de tous les fils, 6 femme de toutes les femmes; ärae, esprit, 
harmonie; 6 nombre de toutes choses, conservez-nous, protegez-nous, et soyez- 
nous propice en tous temps et en tous lieux. 

Puis vous direz par trois fois: Mon Dieu, j'espere en vous, le Fils et le Saint- 
Esprit, et en moi. Ainsi soit-il. 

11. C'est ici la mesure de la plaie du cote de N.-S.-J.-C. 

(Stilisierte Abbildung einer Wände.) 

Laquelle fut apportee de Constantinople ä l'empereur Charlemagne. dans un 
coffre d'or, comme relique tres-precieuse. Elle a teile vertu, que celui qui la 



Le Medecin des Pauvres. 141 

portera sur soi, avec respect et devotion, bravera tout danger, ne perira ni en feu 
ni en eau, ni en bataille, et aura bonheur et victoire sur tous ses ennemis; et 
celui qui toujours la portera, de mauvaise raort ne mourra. 

Vgl. Ch. Nisard, Hist. des livres pop. 2, 5. Das beinahe wörtlich gleich- 
lautende Zitat stammt aus: Le Trepassement de la Sainte Vierge, contenant les 
litanies et plusieurs oraisons; ensenible la plaie du cote de Notre-Seigneur; 
36 pag. 24°. Epinal, Pellerin, s. dat. — Thiers, Traite 1, 312: Haec est mensura 
plagae quae erat in latere Christi delata Constantinopoli etc. 

12. L'oraison suivante a ete trouvee sur le sepulchre de Notre-Dame, en la 
vallee de Josaphat, et a tant de vertus et de proprietes, que celui qui la lira ou 
la fera lire une fois le jour, ou qui la portera sur soi en bonne intention et 
devotion, ne peut perir ni par le feu, ni par l'eau, ni en bataille; il aura bonheur 
et victoire sur ses ennemis; on ne peut lui faire ni dommage ni gene; et a tant 
d'avantages, que si une personne etait tombee en peche mortel, Dieu lui donnera 
la grace de s'en relever avant sa mort; eile verra la vierge Marie ä son aide et 
reconfort. 

Oraison precieuse pour dissiper les nuages, en la repetant trois fois, comme 
ayant trois proprietes differentes. 

glorieuse vierge Marie, Mere de Dieu, dame des anges, benigne et pure 
esperance et reconfort de toute bonne creature; 

Plaise a vous, dame et mere et mere des anges, nous garder le corps et l'äme. 
Nous prions votre precieux fils qu'il veuille nous garder de tout peril et de tout 
danger, de l'ennemi, d'enfer et de tentation, par les merites de son amere passion; 
fasse cesser raortalite, guerre, et conserve les fruits de la terre, afin que nous 
puissions vivre en concorde. mere de Dieu, pleine de misericorde, ayez pitie 
des pauvres pecheurs et gardez-nous de l'infernal tourment et menez-nous au 
royaume Celeste oü nous nous trouverons tous devant Dieu, le pere tout-puissant, 
ä qui ä genoux nous demanderons pardon; et lui plaise nous pardonner comme 
ä la Madeleine et au bon larron, lorsqu'il demanda pardon sur l'arbre de la croix. 

Une ferame en travail d'enfant, en mettant la dite Oraison sur eile, sera 
d'abord delivree. 

13. Oraison pour guerir le mal d'yeux. 

Bienheureux saint Jean passant par ici, trois vierges sur son chemin, leur 
dit: „Que faites-vous lä?" „Nous guerissons de la maille." Guerissez, vierges; 
guerissez l'oeil ou les yeux de N . . . Puis faisant le signe de la croix et soufflant 
dans Toeil, on dit: „Maille, feu, grief ou que ce soit ongle, graine ou araignee, 
Dieu te commande de pas avoir plus de puissance sur cet oeil, que les Juifs, le 
jour de Paques, sur le corps de N.-S.-J.-C; puis on fait encore un signe de 
croix en soufflant dans les yeux de la personne, disant: Dieu t'a gueri; sans 
oublier la neuvaine ä l'intention de la bienheureuse sainte Ciaire. 

Vgl. Hock a. a. 0. S. 44; Sauve a. a. 0. S. 188; Melus. 3, 113 nr. Sa; Rev. 
d. trad. pop. 19, 49; 22, 453; Schw. Arch. 14, 260; J. W. Wolf, Beitr. z. deutschen 
Myth. 1, 260 nr. 36; Enchiridion du pape Leon III nr. 7 (arg verstümmelter Über- 
rest). — Die Segen von den drei Frauen werden auch in Deutschland häufig gegen 
Augenleiden gebraucht, z. B.: Bartsch, Mekl. 2, 11; das. S. 358 ff.: Curtze, Volks- 
überlieferungen aus . . . Waldeck S. 424; Engelien und Lahn, Der Volksmund in 
derMark Brandenburg S. 153; K. MüUenhoff, Sagen usw. S. 516; Alem. 16,56; Ndd. 
Korrespbl. 21, 23; ZfdPh. 6, 160; oben 7, 54; Zs. f. rhein. u. westf. Vk. 1, 217. — 
Dasselbe Motiv zum Stillen von Blutungen: Ebermann, Bl. u. W. S. 80ff. 



]42 Ebermann: 

14. Friere pour guerir les tranchees des chevaux. 

Cheval noir ou gris (car il faut distinguer la couleur du poil de la bete), 
appartenant ä N., si tu as Jes avives, de quelque couleur quelles soient, ou 
tranchees, ou rouges, ou trente-six sortes d'autres maux, en cas qu'ils y soient, 
Dieu te guerisse et le bienheureux saint Eloi; Au nom du Pere, du Fils et du 
Saint-Esprit. Ainsi soit-il. 

Et vous direz cinq Pater et cinq Ave pour remercier Dieu de sa grace. 

Vgl. Hock a. a. 0. S. 476; Volkskunde (ndl.) 7, 139; Rev. d. trad. pop. 19, 490. 

15. Lettre miraculeuseraent trouvee dans un lieu nomme Arois, ä trois lieues 
de Saint-Marcel, ecrite en lettres d'or par la main de notre Sauveur et redempteur 
Jesus-Christ. 

Umfangreicher Himmelsbrief, abgedruckt Wallonia 5, 112. — Über Himmels- 
briefe ygl. Hess. Bl. f. Vk. 8 (1909) 81 ff.; Mitt. d. Schles. Ges. f. Vk. Heft 19. 45ff.; 
Wiener Akademie (philos.-hist. Kl.) 1901, wo eine umfassende Bearbeitung der H. 
in Aussicht gestellt wird. 

16. Oraisons au saint-sepulchre de N.-S. Jesus-Christ. 
Lange Gebete ohne volkskundliches Interesse. 

17. Saint Roch, qui ne fut jamais invoque en vain dans les contagions, 
n'aquit (!) a Montpellier en 1284. Ayant perdu ses parents ä Tage de vingt ans, 
il distribua ses biens aux pauvres; deguise en pelerin, il prit le chemin de Rome, 
en passant par Aqua. Cependant il apprit que la peste y faisait de grands 
ravages; il s'offrit pour soigner les pestiferes qu on transportait a l'hopital. A peine 
fut-il parmi les malades, que la peste disparut de l'hopital et de toute la ville; 
le fleau ayant passe ä Cesane, il y va, et sa presence fait cesser la maladie: la 
contagion ayant penetre dans Rome, ce fut un motif pour presser notre saint d'y 
aller. A son arrivee le mal cessa encore. De la il se rendit ä Plaisance, ou une 
maladie epidemique desolait toute la ville; il y signala sa charite. 11 fut attaque 
lui-meme d'une fievre ardente et d'une douleur cruelle dans la cuisse gauche, ce 
qui l'obligea a se retirer dans une hutte au fond d'un bois jusqu'a sa guerison. 
l\ retourna dans son pays ou il mourut en odeur de saint, apres avoir re^u 
pieusement les sacraments de l'eglise. Apres sa mort on trouva ces mots ecrits 
pres de son corps: Ceux qui, frappes de la peste, invoqueront mon serviteur Roch 
seront gueris. 

Seigneur, qui avez glorieusement recompense les vertus de saint Roch en 
rendant sa protection si puissante et si salutaire pour les pestiferes, exaucez dans 
votre grande misericorde les voeux ardents de votre peuple afflige, qui implore 
aujourd'hui avec confiance la protection de votre illustre serviteur: daignez preter 
l'oreille ä nos humbles supplications et nous accorder, par les merites de saint 
Roch, d'etre preserves de toute maladie, des epidemies et surtout du peche, le 
plus grand de tous les maux; nous vous en prions par Jesus-Christ, notre seigneur, 
notre refuge, notre consolateur. Ainsi soit-il. 

ORAISON. 

Jesus-Christ, fils du Dieu vivant, ayez pitie de moi; Sauveur du monde, sauvez- 
moi; Vierge sainte, priez pour moi votre eher fils bienaime; Reine des anges et 
des bienheureux, aidez-moi; et a. l'heure de ma mort, oü mon äme sortira de mon 
Corps, priez pour moi votre eher fils, afin qu'il daigne me pardonner mes peches. 

Rouen, imp. veuve A. Surville, rue des Bons-Enfants, 46. — Stempel der 
Bibl. nat. von 1851. 



Le Medecin des Pauvres. 143- 

II. Le Medecin des Pauvres ou recueil de prieres et oraisons precieuses 
contre le Mal de Dents, les Cöupures, les Rhumatismes, les Fievres, la Teigne^ 
la Colique, les Brülures, les Mauvais Esprits etc. (Ohne Angabe des Jahres; 
Stempel der Bibliothek von 1896. Am Schlüsse Orleans. — Imp. Morand, rue 
Baunier, 47). — (Oben nr. 17.) 

1. Oraison pour toutes sortes de brülures. 

Par trois fois differentes, vous soufflerez dessus en forme de croix et vous 
direz ä saint Laurent: Sur un brasier ardent, — vous retourniez et n'etiez pas 
souffrant, — faites-moi la grace — que cette ardeur se passe, — feu de Dieu, perds 
ta chaleur — comme Judas perdit sa couleur, — quand pour sa passion juive, — 
il trahit Jesus au jardin des Olives, — et apres avoir nomme la personne vous 
ajouterez: Dieu t'a gueri par sa puissance. — Sans oublier la neuvaine a l'intention 
des cinq plaies de N.-S. Jesus-Christ. Ainsi soit-il. 

Der hl. Laurentius wird mit Beziehung auf sein Martyrium in deutschen und 
niederländischen Formeln gegen Brandwunden angerufen, z. B. Frischbier, Bexenspr. 
und Zauberb. S. 40; Ganzlin, Sächsische Zauberformeln. Progr. Realsch. Bitterfeld 
1902. S. 9; Alera. 22, 122; 25, 127; Hess. Bl. 1, 17; 2, 18;Mitt. d. schles. Ges. f.Vk. 
Heft 6, 31; Pfarrhaus 16, 104: Schweiz. Arch. 4, 322; 7, 48; oben 7, 65—66 
nr. 4a — c; Zs. f. rh. u. wf. Vk. 2, 286; 6, 289; 8, 77; Verdam, Over Bezwerings- 
formulieren S. 26 und 32; Biekorf4, 176; 0ns Volksleven 6,58. — Zur zweiten 
Hälfte unseres Segens vgl. oben S. 139 nr. 7. 

2. Oraisons pour les epines et echures et pour le bourbillon des clous et 
furoncles. 

Doux Jesus, la couronne d'epines qui fut posee sur votre front n'y laissa que 
trous de gloire, pourtant l'epine est raalfaisante, mais oü regne la foi, eile n'est 
qu'innocente: j'espere en vous et vous prie ä mains jointes, que vous retiriez 
cette pointe; mon Dieu, commandez qu'elle sorte, et pour tout dire, ouvrez la 
porte (nommez la personne) per Christum natura mortuum resurrectum et vivum 
in aeternum exi spina aut vermiculuni. 

Cette oraison dite, vous prendrez du linge d'homme, blanc de lessive, vous en 
taillerez deux morceaux que vous poserez en croix sur l'epine, et en ayant soin 
d'en envelopper le doigt, avant comme apres l'oraison, vous soufflerez trois fois 
sur l'epine, sur le clou ou le furoncle, le patient fera une neuvaine a jeun en 
memoire des souffrances de Jesus-Christ sur le Calvaire. 

3. Priere pour arreter la rage de dents, pour guerir un mal de tete ou un 
mal d'oreilles. 

Der Segen entspricht dem ersten des vorigen Heftes (S. 136), ist aber vrie die 
ersten fünf Formeln des vorliegenden Heftes durchgereimt; er ist abgedruckt bei 
Nisard, Hist. des livres pop. 2, 76 und R. Köhler 3, 548. 

4. Oraison pour mal d'aventure et panaris. 

Apres avoir plonge le doigt dans l'eau bouillante, couvrez-le d'un linge que 
vous aurez fuit toucher a une relique de saint et dites: qui bout, qui bat, qui cuit 
sous cette peau" — m'ote sorameil et repos. — C'est germe venu de Satan — qui me 
cause un si grand tourment, — j'ai croyance et mon äme est pure, — soulage- 
moi, Saint Bonaventure. 

On recitera cette priere jusqu'ä ce que guerison s'ensuive. — Vgl. Nisard 
2, 76. 



144 Ebermann: 

5. Oraison pour le mal d'yeux. 

Le bienheuieux saint Jean, — s'en allait cheminant et meditant, — trois 
vierges il vit qui lui passaient devant, — que faites-vous seant purete et lumiere. 
Nous guerissons de souffrir et mal voir. — Vierges guerissez l'oeil ou les yeux 
de (on nomme la personne en lui soufflant dans l'oeil) et l'on dit en faisant le signe 
•de la croix: mal-orbit, dragon, taie, feu gregeois, ongle, graine, pouron, araignee 
ou poussiere, ongle ou paille de fer. Dieu te commande de n'avoir pas plus de 
puissance sur cet oeil que les juifs apres l'Ascension sur le corps de Notre 
Seigneur Jesus Christ. On fait un second signe de croix en soufflant de nouveau 
dans l'ceil du malade, et l'on dit: Dieu t'a gueri. Si le mal persiste, on fait une 
neuvaine a l'intention des bienheureuses sainte Ciaire et sainte Luce. — Vgl. 
oben S. 141 nr. 13. 

6. Oraison contre le cholera, le typhus, la suette, la scarlatine, la veröle, et 
toute espece de contagion. 

Umfangreiches Gebet ohne volkskundliches Interesse. 

7. Oraison a la vraie croix. 

Elle doit etre recitee avec grande devotion par le malade et par les personnes 
qui l'assistent. 

1. — Sainte vraie croix arrosee du sang du juste. 

2. — Bois sacre qui fut orne du corps de Dieu ä l'heure supreme de la 

Passion. 

3. — Relique precieuse et sans pareille, defends mon corps de mal engence 

de putridite et de souffrance. 

4. — Et donne ä mon äme allegeance. 

5. — Par les larmes des saintes ferames. 

6. — Par ton signe glorieux. 

7. — Par la couronne d'epines. 

8. — Que mort ne me surprenne et me mette au cercueil que confesse et 

administre. Ainsi soit-il. 

8. Oraison contre la maladie des pommes de terre. 
Abgedruckt bei Nisard 2, 77. 

9. Oraison pour la femme qui est en mal d'enfant, afin d'obtenir prompte et 
heureuse delivrance. 

La femme enceinte doit toujours avoir sur eile cette oraison, et quand vien- 
dront les douleurs, eile devra la lire ou se faire lire, et la repetera a mesure 
qu'on la lui lira. 

Anne a enfante Marie; Marie le Sauveur; Elisabeth, saint Jean-ßaptiste; 
Marie Jacobe, Jacques de Galice; ainsi pauvre femme qui soulTre enfantera comme 
elles enfanterent, sans qu'il y eüt trace de vives douleurs; au nom du divin 
Sauveur, enfant qui est dans le ventre, male ou femelle, viens au bapteme oü 
t'appellent Jean et Jesus, viens au bapteme te laver et te purifier, que l'eau efface 
le peche. Femme qui enfante est en angoisse et en tristesse parce qu'elle craint 
deux morts en ce moment; mais est-elle delivree eile n'a memoire de la torture 
et tout est joie en eile, car l'homme est ne en ce monde et Jesus triompfiant 
fera repandre sur son chef l'eau de misericorde. Jesus de Nazareth, roi des Juifs, 
ayez pitie de nous; Jesus le commencement et la fin ne nous abandonnez pas; 
Jesus, regnez et soulagez, Jesus fermez la plaie. Ainsi soit-il. 



Le Medecin des Pauvres. 145 

On recitera cinq Pater et cinq Ave, en memoire des cinq plaies de Notre 
Seigneur, et ä chaque etoile marquee ci-dessus (?), on devra faire le signe de la 
croix. 

Zum Anfang dieser Formel vgl. S. 140 nr. 3. 

10. Oraison contre les crouelles, scrofules, humeurs froides et mauvaises 
humeurs. 

Jesus qui avez gueri le lepreux, delivrez votre serviteur du vilain mal qui 
l'afflige. 

Grand saint Louis, vous qui touchiez les scrofuleux et les renvoyiez sains et 
purs en leur logis, faites descendre votre esprit sur le pauvre monde, et que toutes 
plaies soient fermees. 

Bienheureux saint Maclou, soulagez ceux qui vous venerent et renouvelez en 
leur faveur le miracle de Reims. 

On repetera cette oraison soir et matin, la veille de toutes les grandes fetes 
et apres avoir recite cinq Pater et cinq Ave, on dira trois fois: Mon Dieu, je 
vous offre mes aCfections comme Job sur son fumier vous offrit les siennes. Mon 
Dieu, j'eleve mon äme ä vous comme Job elevait la sienne. Mon Dieu, ayez 
pitie de moi. 

11. Oraisons ä saint Hubert, contre les betes enragees, scorpions, basilice, et 
autres animaux venimeux. 

grand saint Hubert, veillez sur nous, et qu'aucune bete enragee ou veni- 
meuse ne puisse nuire ä nous, ä nos parents, amis ou connaissances. — Ö grand 
saint Hubert, preservez-nous de tous dangers par les champs, par les chemins, 
par les bois, par les vallees, par les monts et en autres lieux. — grand saint 
Hubert, preservez aussi toutes les betes de notre maison, et qu'aucune d'elles ne 
soit atteinte ou mordue. — grand saint Hubert, guerissez-nous, soufflez de votre 
esprit sur la plaie et sur le venin, que la plaie se forme et que le venin se 
dissipe. — Ce dernier verset ne doit etre prononce que quand la personne a ete 
mordue. Apres avoir bien lave avec de l'eau et du sei la plaie faite par la 
morsure, sur etendue de laquelle on appliquera en appuyant forteraent a plusieurs 
reprises une grosse clef de fer rougie au feu; pendant qu'on fera cette Operation, 
on recitera le Miserere. 

Über die Anrufung des heiligen Hubertus zum Schutz gegen den Biss toller 
Hunde vgl. die ausgezeichnete Monographie von H. Gaidoz, La Rage et St.-Hubert. 
Paris 1887 (Bibliotheca Mythica L), worin jedoch das vorliegende Gebet nicht 
enthalten ist. Ähnliche Anrufungen des hl. Hubert s. Wallonia •>, 100 f.; E. Rolland, 
Faune pop. 11, 69. — Über den im Schluss unserer Formel erwähnten Hubertus- 
schlüssel vgl. Gaidoz a. a. 0. S. 126 ff.; Thiers, Traite des superst. 1, 371 ; P. Lebrun, 
Histoire critique des pratiques superst. Paris 1702, p. 358; oben 11, 207 und 342. 

12. Oraison aux deux Genevieves pour obtenir que tous les troupeaux soient 
preserves des loups et de toutes mauvaises maladies. 

Sainte Genevieve de Paris vous qui gardiez les brebis comme jadis Joseph a 
garde les troupeaux de Pharaon en Egypte, donnez votre houlette au berger pour 
que le loup ni aucune mechante bete ne le puisse approcher. — Sainte Genevieve 
de Brabaut, dont Jesus et votre bon ange garderent votre biche de tout peril et 
votre personne de la fureur de Golo, veillez sur les brebis du Bon Pasteur et 
defendez-les du loup devorant. — Jesus notre doux sauveur, qui naquites dans la 

Zeitschr. d. Vereins f. Volkskunde. 1914. Heft 2. 10 



146 



Ebermann : 



creche de Bethleem, ne souffrez pas, nous vous en conjurons, que mal arrive a 
aucun des animaux qui furent les premiers temoins de votre venue en ce monde. 

Sainte Genevieve de Paris, intercedez pour nous. 
Sainte Genevieve de Brabant, priez pour nous. 

Le troupeau dont le berger portera sur lui cette oraison, qu'il devra reciter soir 
et matin, ne sera jamais attaque. 

Eine dem ersten Teil unseres Gebetes ähnliche Formel verzeichnet Sauve, 
F.-L. des Hautes-Vosges S. 15. Daher Rolland, F. pop. 8, 85. — Andere Formeln 
zum Schutze des Viehes gegen Wölfe sind im Französischen recht häufig, vgl. 
z. B. Rolland, Faune pop. 1, 124ff. u. 8, 84ff. 

13. Oraison contre toutes sortes de charmes, enchantements, sortileges, visions, 
illusions, possessions, obsessions, empechements, maleftces de mariage, et tout ce 
qui peut arriver par le malefice des sorciers, ou par l'incursion des diables et 
aussi tres profitable contre toutes sortes de malheur qui peut etre donne vent aux 
chevaux, juments, boeufs, moutons, brebis, et autres especes d'animaux. 

Lange Beschwörung ohne volkskundliches Interesse. 

14. Friere pour l'hydropsie, les päles couleurs et les boules d'eau dans 

la tete. 

Mon Dieu, ordonnez ä l'eau de se retirer de mon sang, comme vous retirätes 
autrefois les eaux du deluge et l'eau du Jourdain. Mon Dieu, changez en sang 
l'eau de mon corps, comme vous changez en vin l'eau des cruches aux noces de 
Cana. Mon Dieu, ne me refusez pas ce miracle, et qu'il s'opere enfin, per Dominum 
nostrum Jesum Christum. 

Nr. 15—19 entsprechen Heft I nr. 2— G; 20—21 entsprechen I, 9—10. 

22. Oraison precieuse pour la parfaite guerison du charbon. 

Jesus, mon Sauveur, vrai Dieu et vrai homme, je crois fermement que 
vous avez repandu votre sang pour nous; je crois dans l'Eucharistie, avoir souffert 
pour nous, repandu votre sang precieux de votre gräce et ne m'oubliez pas dans 
votre sainte gräce pour ma maladie dont j'implore notre saint patron, intercedez 
pour nous. Ainsi soit-il. — Au pied de l'autel, il faut interceder le patron de 
l'endroit oü est le malade, et ensuite vous prendrez du lierre le plus proche de 
la terre, du savon qui n'a point servi, vous le battrez le tout ensemble avec de 
la jeune creme, vous appliquerez cela avec l'oraison et on est promptement 
gueri. 

Nr. 23 entspricht I, 14; nr. 24 entspricht I, 12. 

III. Auf dem Titelblatt eine Darstellung der Kreuzigung, umrahmt von einer 
Dornenkrone. Darunter 'Christus regnat' etc. wie bei Heft I. Am Schluss: A Va- 
lence, de l'imprimerie de J.-F. Joland. Erscheinungsjahr 1821. (Oben Nr. 1.) 

Das Heft enthält vier Formeln, die mit geringen Abweichungen den nr. 1 — 2 
und 4—5 des Heftes I gleichen. An die vierte Formel schliesst sich eine Er- 
mahnung an Väter und Mütter, die Kinder zu gottesfürchtigen Menschen zu er- 
ziehen, die so schliesst: Portons sur nous le Saint-Suaire de Notre Sauveur Jesus 
Christ,' cette image sainte et salutaire sera en tout lieu notre appui; eile met les 
Chretiens a l'abri du feu du ciel et du tonnerre; portons les armes du Seigneur,. 
pour nous preserver de malheur. 



Le Medecin des Pauvres. 147 

Journee-Pratique. 

Chretien, 

Souvieus-toi que tu as aujourd'hui : 

ün Dieu ä glorifier, 

ün Jesus ä imiter, 

La Vierge et les Saints a prier, 

Les bons Anges a honorer, 

Une äme ä sauver, 

Un Corps ä mortifler, 

Des vertus a demander, 

Des mechans ä expier, 

Un Paradis ä gagner, 

Un enfer ä eviter, 

Une eternite a mediter, 

Un temps a menager, 

ün prochain a edifler, 

Un monde a apprehender, 

Des demons ä combattre. 

Des passions a abattre, 

Peut-etre la mort a souffrir. 

Et le jugement a subir. 

IV. Das Titelbild zeigt Gott Vater umgeben von Wolken und Sternen. 
Darunter: Laissez dire et faites le bien. Quiconque me meprisera plus tard s'en 
repentira. Christus regnat usw. 8 Seiten. Am Schluss: Imprimerie de Brodard, 
a Couloramiers. (Oben Nr. 2.) 

Inhalt: Nr. 1—10 wie Heft I, 1—10. Nr. 11 wie Heft H, 22. Nr. 12 wie II, 
24. Nr. 13 wie 11, 5. Nr. 14 wie 11, 23. Nr. 15 wie I, 15. 

V. St.-Quentin. Impr. de Cottenest, 1828. (Oben Nr. 3.) — Der Inhalt ist 
derselbe wie der des vorigen Heftes, nur steht an Stelle von Nr. 15 folgendes 
Gebet: Oraison a Notre-Dame des affliges. — Dieu, infiniment misericordieux, 
qui ne voulez pas que le pecheur perisse, mais qu'il se convertisse, et qu'il vive, 
accordez-nous par Tintercession de Notre-Dame des Affliges, consolatrice des 
malheureux, secours de tous nos maux, tant de l'äme que du corps; nous vous 
supplions, avec une parfaite resignation a sa sainte volonte. Par Jesus-Christ, 
notre Seigneur. 

VI. Titelblatt ähnlich den übrigen. Chälons-sur-Saöne, typ. Montalan, 1857. 
16 Seiten. (Oben Nr. 9.) 

1. Priere pour guerir de l'enflure. 

Dieu et la bonne Sainte Notre Dame se promenant parmi les champs ren- 
contrerent le bienheureux St.-Pierre qui gardait son troupeau, et lui dirent: Bien- 
heureux St.-Pierre que fais-tu la? — Mon bon grand Dieu et ma bonne Sainte 
Notre Dame, je garde mon troupeau qui est attaque de l'entlure; je crois que j'ai 
mal garde et qu'il en perira. — Dieu et la bonne Sainte Notre Dame lui repondi- 
rent: Mon bienheureux Saint-Pierre, va-t-en, et pendant que tu t'en iras et que tu 
reviendras, ta bete se guerira. 

10* 



148 Ebermann: 

2. Remede contre la rage. 

Vous prendrez quatre oeufs frais et du jour, vous enoterez les germes. 
Vous prendrez des verses pilees, que vous trouverez sous l'ecorce d'un vieux ebene 
abbatu depuis 7 ä 8 mois; vous ferez secher cette poudre et apres l'avoir tamisee, 
vous en prendrez une pleine cuillere que vous mettrez dans l'omelette. Vous 
fricasserez l'omelette avec de l'huile de noix pure. Vous la luangerez sans 
crainte et vous serez gueri pour la vie. — Nota: Ce remede est celui de madame 
Morange, de la commune d'Ige. 

S. Friere pour les cochons malades. 

Quand vous voyez votre cochon malade, jetez-le ä terre, et mettez-lui dans la 
gueule un morceau de bois, de crainte qu'il vous morde. Mettez ensuite votre 
main sous le gueuloyon, et votre cochon sera gueri du poil du loi(?), du rouge et 
du charbon. Continuez de tenir votre main sous le gueuloyon, jusqu'u ce que la 
priere soit achevee, en disant: Ronfe, saute a la moelle, ce qui est a la moelle 
saute aux os, ce qui est aux os saute a la chair, ce qui est a la chair saute ä la 
peau, ce qui est ä la peau saute au poil, ce qui est au poil saute a bas, je te 
souhaite, et dire trois fois sur le cochon, au nom du Pere, du Fils et du St. Esprit 
et ne pas ajouter: Ainsi soit-il. Saignez votre cochon ä la gueule ou ä la queue et 
il sera gueri. 

Das stufenweise von innen nach aussen Zaubern dieser F'ormel, das dem Rück- 
wärtszaubern ähnlich ist, habe ich sonst in französischen Segen nicht gefunden, 
dagegen ist es in deutschen Formeln nicht selten. So lautet ein Segen 'für die 
wilden Geschoss oder bösen Luft', der im Jahre lfil7 aufgezeichnet ist, folgender- 
massen: 'Wilde schoss, ich gebeut dir aus dem Markh in das Bain, wilde Ge- 
schoss, ich gebeut dir aus dem Bain in das Flaisch, w. G. i. g. d. aus dem Flaisch 
in das Bluot (die Anfangsbuchstaben werden bei jedem folgendem Satze wieder- 
holt), aus dem Bluot in die Haut, aus der Haut in das Haar, aus dem Haar in die 
Erden, neun Claffter tief!' Mones Anzeiger 6 (1837) 470 nr. 27. Daselbst noch 
zwei andere Lesarten. Vgl. ferner: Alemannia 15, 123 (1650); Germ. 26, 235 nr. 33; 
31, 345 nr. 2; oben 11, 84; Zföst. Vk. 6, 6; ZdVfrh. u. wf. Vk. 2, 29G; 8, 68 nr.9; 
8, 70 nr. 21; Hovorka u. Kronfeld, Vergleichende Volksmedizin 2, 864. Vgl. auch 
M. S. Dkm. 1, 17 Nr. 5. 

4. Remede pour la fievre. 

Prenez trois cuillerees de miel et trois verres d'eau, prenez aussi trois petits 
bouquets de saule, faites reduire le tout a un verre, et donnez le au malade qui 
sera bientot gueri. 

5. Recette pour detruire les mouches qui tourmentent les animaux. 

Prenez des feuilles de noyer, faites-les bouillir ou tremper, frottez avec un 
Chiffon votre betail, et jamais mouche ou taon ne le tourmentera. — Pour detruire 
les mouches des raaisons, prenez du sucre avec du poivre, reduisez le tout en 
poudre et faites-en un melange que vous deposerez sur une assiette. Le mouches 
tres avides de ce remede, l'avaleront et periront infailliblement. 

6. Priere pour guerir la matrice. 

Monsieur de St.-Jean, madame St.-Jean et le fils St.-Jean, j'espere que vous 
guerirez cette personne, comme je crois que la Ste-Vierge est la mere de notre 
Sauveur, Jesus-Christ. Au nom du Pere etc. 



Le Medecin des Pauvres. 149 

7. Friere pour le scorbut. 

Chancre blanc, chancre rouge, chancre noir et toutes sortes de chancres ma- 
lins, je referme le scorbut dedans, je te jure et je te conjure de t'en aller aussi 
vite devant moi que la rosee s'en va devant le soleil le jour de la St. -Jean, en 
soutflant pendant trois matins de suite dans la bouche de la personne avant le 
soleil leve. — Vgl. Melus. 3, 116 nr. 15; Rev. d. trad. pop. 7, 243; 7, 247 nr. 17; 
Schweiz. Arch. 12, 104; 14, 2G5. — Der Wunsch, dass die Krankheit so schnell 
verschwinden möge, wie der Tau vor der Sonne, ist ein in französischen Segen 
häufig wiederkehrendes formelhaftes Elen\ent. 

8. Recette pour avoir de beaux bwufs exempts de maladie pendant un an. 
Prenez une fourche de noisetier que vous couperez au lever du soleil, et 

arrangerez promptement le matin de la premiere Notre-Dame. Vous entrerez ensuite 
dans l'ecurie et vous direz trois fois: Bonjour mes boeufs, mes boeufs mangeront, 
boiront, y tireront et y seront victorieux comme moi. Donnez ä manger ä vos 
bceufs avec la fourche que vous avez coupee. Cinq Pater et cinq Ave a l'honneur 
de St.-Thomas. Au nom etc. 

9. Friere pour les convulsions. 

Dieu y a part et la Sainte Vierge aussi. St. -Jean de Bresi, convulsion, va-t-en 
d'ici, nous ne t'avons pas ete querir. 

10. Friere pour faire rendre le lait. 

Achetez un pot neuf, allez sous votre vache, et tirez la premiere fois du lait 
dans le furnier, disant: Rendez ä Cesar ce qui est ä Cesar. Tirez ensuite dans 
le pot: rendez a Cesar ce qui appartient ä Cesar; tirez enfin dans le furnier: rendez 
ä Cesar ce qui appartient ä Cesar. Apportez votre lait a la maison et passez le 
pot derriere la cremaillere d'une main et reprenez le de l'autre. Alors vous rous 
mettez ä genoux devant votre pot, et vous dites: Dieu est ne la nuit de Noel ä 
minuit, puis benissant le pot vous repetez: Au nom etc. Jetez dans le feu tout 
le lait qui est dans le pot, et Jamals sortilege n'aura pouvoir sur votre lait. — Zu 
dem Durchziehen der Milch hinter dem Kesselhaken vgl. Schweiz. Arch. 12, 119 
nr. 4. — Milch auf den Mist giessen als Schutz gegen Milchhexen vgl. Mitt. u. 
Umfragen z. bayrischen Vk. 1910 S. 36. 

11. Moyen de degonfler subitement le betail. 

Four degonfler un boeuf, une vache ou un mouton, ouvrez-lui promptement la 
gueulo, faites un petit cornet du surot, et soufflez-lui trois fois dans la gorge. 
Aussitöt qu'ils ont recu du vent de chretien, ils sont promptement gueris. 

12. Pour l'accouchement des femmes. 

Prenez un poulet tout vif, que vous ouvrez. Otez-lui le coeur, et mettez le 
sur la poele pour le faire griller pendant une minute. Faites-le prendre par la 
personne souffrante dans du vin et du bouillon, et dites: Ste-Notre-Dame, 
prenez pitie de cet accouchement, et abbattez tranchees contre tranchees. Au 
nom etc. 

13. Four regogner. 

Vous dites: Veine ä l'aise, veine a l'aise, veine ä l'aise, va de l'cndroit oü tu 
etais, que ce soit de la droite ou de la gauche. Au nom de la Sainte-Vierge et 
au nom du patron de la personne. Dire trois fois, au nom etc. 



1'50 Ebermann: 

14. Pour le sang. 

Demandez le prenom de la personne, et dites trois Notre-Dame pour le sang. 
La premiere Notre-Dame dit, en repetant le prenom: Jaques ou Pierre perd tout 
son sang, au nom etc.; la seconde Notre-Dame dit: mon Dieu nous le guerissons, 
au nom etc.; la troisieme repond: Mon Dieu, il est gueri au nom etc. 

15. Conjuration de la colique. 

On doit dire: colique cordee, colique tranchee, colique tranchee rouge, colique 
tranchee noire, colique tranchee jaune, colique tranchee verte, colique tranchee 
bleue, colique tranchee grise, colique tranchee blanche, colique tranchee qui est 
venue, ou qui a ete donnee, je te renvoie comme tu est venue ou donnee. — Coli- 
que tranchee ou cordee, je te decorde, colique tranchee je te deboucle, colique 
cordee qui es dans les entrailles, je te detranche. — Colique tranchee cordee que 
Dieu te tranche, comme je te tranche. 

VII. Le Medecin des Pauvres ou Recueil de Prieres pour le soulagement 
aux maux d'estomac, Charbon, Pustule, Fievres, Plaies, Flux de sang, Hydropsie, Rhu- 
matismes, Asthmes, Etouffements, Rompures, Convulsions des enfants, Cholera, 
Typhus, Scarlatine, Suette, Veröle, Piqüres ou Morsures, Maux de dents, mauvaises 
Humeurs, Gales, Dartres etc. — Das Titelbild zeigt den im Tempel lehrenden 
Jesus. — A Troyes, chez Baudot, Imp. Libraire; rueduTemple, 30. (Oben Nr. 10.) 

Preface. 

Loin de nous ces idees de malefices et enchantements, de semblables croyances 
ne peuvent qu'irriter le Seigneur. — Que l'on accepte donc cette nouvelle edition 
du Medecin des Pauvres comme seule digne de l'homme pieux et de bon sens, 
ce petit livre nous rapprochera de Dieu et pourra nous en attirer toutes les gräces, 
s'il y a foi et piete dans la recitation de ces prieres. — Sur terre il n'y a jamais 
eu que Dieu visible ou invisible et l'homme; croire aux reveiiants est absurde, on 
a pendant des siecles abuse de la faiblesse des intelligences, on a fait jouer des 
pantins, ou on a fait parier ou gemir dans l'ombre; tout cet echafaudage d'une 
sorcellerie organisee aurait pu etre souvent renversee par la simple balle d'un 
pistolet; un enfant de notre epoque eut fait, avec son sabre de fer-blanc, fuir ces re- 
venants qui tromperent si longtemps la credulite publique. 

1. Oraison pour demander la guerison du mal caduque, de la danse de saint 
Gui, et des maux d'estomac. 

Le malade dira ou bien l'on dira ü son Intention la priere que voici: Comme 
David avec sa harpe guerit le roi Saul, Dieu, guerissez le cerveau du pauvre en 
son affliction; bienheureux saint Gui, intercedez pour celui qui a perdu son guide 
et la liberte de son mouvement. 

2. entspricht Heft 11 nr. 22. Nr. 3 entspricht I nr. 5. 

4. Priere pour arreter le sang d'une coupure ou d'une plaie, le flux de 
sang etc. 

Dieu est ne la nuit de Noel a minuit, Dieu est mort, Dieu est ressuscite, 
Dieu a commande au sang de s'arreter, le sang ne coula plus, ä la marque des 
clous; il dit de s'efl'acer et cette marque disparut, sta sanguis, ut sanguis Christi, 
ut sanguis Christi, sta sanguis. On repete cinq fois ces mots latins en memoire 



Le Medecin des Pauvres. 151 

des cinq plaies de Jesus, 6 Seigneur nous vous supplions pour celle de . . . (dire 
le nora du malade}, 

5. wie II, 14. 

6. Oraison pour demander guerison des rhumatismes, fraicheurs, douleurs, 
rhumes, toux, asthmes, coquetuches, etouffements, nouures, rompures, blessures et 
aütres infirmites. 

Par la bienheureuse sainte Anne, mere de la vierge Marie qui enfenta Jesus, 
par les merites de la Passion, par les miracles de la croix de salut, nous prions 
Dieu de guerir (on nomrae la personne) comme par ta gräce saint Come et saint 
Damien ont gueri les plaies du Maitre divin. 

7. Oraison pour demander guerison des convulsions des enfants et des 
entorses. 

mon Dieu, nous supportons tout pour l'amour de vous, cependant des que 
nous vous en supplions, repandez sur nous votre benediction, dissipez ces maux 
qui nous assiegent. mon Dieu, daignerez-vous guerir (dire le nom du malade). 
On recite ensuite cinq Pater et cinq Ave. 

Nr. 8 wie 11, 6. — 9 wie II, 2. — 10 wie I, 1. — H wie II, 10. — 12 wie 
1, 4. — 13 wie II, 12. — 14 ähnlich II, 21, aber kürzer. 

15. Oraison pour demander la guerison de la pierre, des retentions d'urine et 
des maux de reins. 

Mon Dieu qui lites tomber les rochers de Jericho, brisez les pierres qui fönt 
souffrir votre serviteur, et que par l'efficacite des rocbs de hirim et thumim por- 
tees par le grand-pretre Melchisedec en l'arche d'alliance, elles eclatent en poussiere 
et ne puissent se reformer. Amen. 

Abgedruckt bei Nisard, Hist. des livres pop. 2, 80. 

16. Oraison ä saint Antoine de Padoue, pour quand on est dans le besoin ou 
qu'on implore quelques objets perdus ou voles. 

Grand Saint que partout on loue, 
Vertueux saint Antoine adore ä Padoue, 
Daigne nous preserver de calamites, 
De fievres, tourments, lepre et- infirmites. 
Pais que nous ne soyons frappes de mort subite. 
Et ne soyons atteints des maux que l'on evite; 
Jeunes et vieux, en toi s'ils ont recours 
Esperent tous d'avoir ton bon secours. 
En terre en raer, prie que toutes tempetes 
Se detournent et fuient loin nos tetes. 
Aux bons et innocents, prie pour gain en proces, 
Aux travailleurs procure bon succes. 
A qui te prie, rends-toi si favorable, 
Que tu voudras nous etre secourable, 
Nous t'invoquons, daigne nous ecouter. 
Et de tout ton pouvoir au moins nous proteger, 
Pour retrouver toutes choses perdues, 
Pais que nos voeux de Dieu soient entendus; 
Pour que l'objet cherche, si cache nous soit-il, 
Nous puissions retrouver bientöt. Ainsi soit il. 
Vgl. oben Heft I, 9. 



152 Ebermann: 

17 wie II, 11. 

18. Precieuse oraison pour demander la preservation de tous maux et dangers 
glorieuse Vierge Marie, raere de Dieu, plaise ä vous, dame et mere des 
anges, nous garder le corps et l'ärae! Nous prions votre precieux fils, qu'il nous 
reuille garder de tout peril et danger. mere de Dieu, pleine de raisericorde, 
ayez pitie des pauvres pecheurs, et nous menez au royaume Celeste oü nous nous 
trouverons tous devant Dieu, le pere tout-puissant. 

Maria virgo, ora pro nobis, 
Jesus gloria coeli, exaudi nos. 

Vni. Titelblatt wie gewöhnlich, ohne Bild. Laon, Typ. Ern. Marechal, rue 
Chätelaine, 16. — 1850. — 8 Seiten. 8°. (Oben nr. 17.) 

1. Friere de saint Bernard a la sainte Vierge. — Gebet um Erhörung. 

2. Friere ä Saint Roch. — Gebet um Abwendung der Fest. 

3. Friere ä saint Sebastien. — Gebet um Befreiung von ansteckenden 
Krankheiten. 

Nr. 4— 13 wie IV, 2—11. — 14 wie I, 13. 

15. Four guerir le chancre. 

Chancre blanc, chancre rouge, chancre douloureux, eteins ton feu et ta rougeur 
comme Judas a perdu sa couleur quand il a trahi Notre Seigneur. — Vous dites 
l'oraison trois fois, vous soufflez en croix sur la bouche de la personne et vous 
trouvez une parfaite guerison. — Vgl. VI, 7 und I, 7. 

16 wie 11, 24. — 17 wie I, 14. 

18. Oraison pour guerir l'entorse. 

Vous dites trois fois: Et te, super ante, super ante te, puis vous soufflez en 
croix sur l'entorse et ä la fin de chaque oraison, vous ferez la raeme chose pour 
un faux ecart u un cheval. 

Diese letzte Formel ist in der auf dem Titelblatt verzeichneten Inhaltsangabe 
nicht enthalten. — Die anscheinend sinnlosen lateinischen Worte dieser Formel 
finden sich — mit geringen Änderungen — nicht selten. Vgl. Vicaire, Etudes 
S. 68; Melus. 1, 499; Rev. des trad. pop. 7, 247; 17, 413; 19, 489; 21, 3U7; 22, 4.31; 
23,268; Schweiz. Arch. 10, 52. Auch wenn in der niederländischen 'Volkskunde' 
7, 140 gegen Fussverrenkung beim Fferd die "Worte empfohlen werden: aule, aulele, 
super aule, so sind diese Worte zweifellos durch A^erlesen aus unserer Formel 
entstanden. 

IX. Paris. — Imprimerie de Gosse et I. Dumaine, Rue Christine, 2. — 1862. 
— 8 Seiten. 8". (Oben nr. 11). 

Nr. 1 — 13 entsprechen denselben Nummern in Heft IV, wo auch diese 
Formeln durch einen auf nr. 13 folgenden Strich als besonderer Abschnitt ge- 
kennzeichnet sind. Aber nr. 9 des vorliegenden Heftes stimmt im Wortlaut nicht 
mit der entsprechenden Formel von IV, sondern von I überein. 

14. Oraison pour le Tonnerre, u saint Donat, eveque et martyr. Langes 
Gebet ohne besonderes Interesse. 

15 wie I, 15. 



Le Medecia des Paovres. 153 

X. Paris. — Imprimerie Prissette, passage Kuszner, 17. — Maison passage 
du Caire, 17. — 1863. — S Seiten. S». (Oben nr. 12.) 

Wortgetreuer Abdruck von Heft IX. 

XI. Beaune. — Autographie Boutton. 1868. (Oben nr. 13.) 

Diese schriftliche Vervielfältigung stimmt inhaltlich mit Heft IV überein; am 
Schluss ist hinzugefügt: 

Priere pour reraettre les Entorses, les Hernies et les Cassures. 

Les quatre Evangelistes St.-Jean, St.-Luc, St.-Mathieu et St.-Marc sont ici 
presents pour remettre cassures et demetures, faire le signe de la croix sur le 
mal en disant trois fois ces paroles. — Pendant la neuvaine dire cinq Pater et 
cinq Ave, a jeun. 

Xn. Argenteuil, Typographie Worms. Henry, Lithographe a Argenteuil. 
(Oben nr. 14.) 

Nr. 1 — 8 stimmen überein mit den entsprechenden Nummern von Heft IV. 

9. Oraison pour nous preserver des ennemis qui nous environnent, comme 
ennemis ou allies, et qui nous persecutent. 

Fils de Dieu vivant, ayez pitie de moi! que la puissance de Dieu paraisse, 
que l'ennemi se dissipe, et que tous ceux qui me haissent fuient de moi et de ma 
presence, comme la fumee se dissipe par les vents, comme la cire fond au feu! 
De meme que les pecheurs perissent en la presence de Dieu, et que Jesus soit 
eleve et rejoui en la presence de Dieu! Gloire soit au Pere etc. 

10 wie I, 11. — 11 wie II, 24. — 12 wie I, 13. — 13 wie I, 15. 
Am Schluss: Vu et perrais d'imprimer, Sans, le 8 septembre 1817 (!). Signe 
Ferrand, sous-prefet. 

Xm. Mäcon, imp. Protat. — 1868. — 24 Seiten. 16°. (Oben nr. 15). 

1 wie I, 1. — 2 wie I, 6. — 3 wie I, 2. — 4 wie I, 3. — 5 wie I, 7. — 
6-7 wie I, 8—9. — 8 wie I, 4. — 9 wie I, 5. — 10 wie I, 10. — 11 wie II, 22 — . 
12 wie I, 12. — 13 wie I, 14. — 14 wie I, 13. — 15 wie I, 15. 

16. Priere pour le mal de dents. 

On offre neuf Pater et neuf Ave Maria pendant neuf jours, ä l'honneur de la 
mort et de la passion de notre Seigneur Jesus-Christ, pour le repos des ames 
dans le Purgatoiro; ä l'honneur de sainte Appoline et de saint Lazare. On se 
met un doigt sur la dent, en disant: Dent malade que tu guerisses selon la 
volonte de Notre Seigneur Jesus-Christ et de la Tres-Sainte Vierge. Et, faisant 
trois signes de croix, on repete trois fois: Au nom etc. 

17. Priere pour guerir l'entorse. Ante, au nom du Pere, du Fils et du Saint- 
Esprit. Ante te, au nom etc. Per super ante te, au nom etc. Ainsi soit-il. — 
Vgl. Heft VIII, 18. 

18. Contre la colique. 

On prend un morceau de pain que Ton met sur la main, en disant: Pain, je 
te benis, que Dieu et la Sainte Vierge tc benissent aussi. Au nom etc. On omet 
Ainsi soit-il. — En repetant ainsi trois fois les memes mots: Au nom etc. La 
derniere fois on ajoute Ainsi soit-il, en disant: Que Dieu tc guerisse vite, s'il lui 
plait; ensuite vous donnez le morceau de pain au malade. 



3^54 Ebermann: 

19. Friere pour guerir l'entorse. 

Entorse, detorse, veines nerfs, veines sautees, tressautees, je prie Dieu et la 
bonne Notre-Dame de Mars d'y remettre dans l'endroit oü eile etait. Au nom etc. 

20. Friere pour la brülure. 

Notre Seigneur Jesus- Christ, un jour se promenant avec Saint Simon, 
rencontrerent une personne qui souffrait beaucoup; Saint Simon lui dit: Seigneur, 
voilä une personne qui souffre bien. Jesus-Christ lui repondit: Si tu voulais, Simon, 
tu la guerirais bien. Seigneur, je n'ai pas celte puissance. Simon, approche 
d'elle, tu souffleras trois fois sur la brülure et eile sera guerie. Au nom etc. 

21. Four la guerison des bestiaux. 

Saint Fierre et saint Jean, s'en allant parmi les champs, rencontrerent un 
berger. Berger gardes-tu bien? Non, pas trop, j'ai une bete qui est bien malade, 
peut-etre qu'elle en va perir. Non, berger (en pronogant le nom de la bete), que 
ce qui est a la gorge saute au pansigot; ce qui est au pansigot saute ä la moelle; 
ce qui est a la moelle saute aux os; ce qui est aux os saute a la chair; ce qui 
est ä la chair saute au poil; ce qui est au poil saute a bas. Au nom etc. 

Vgl. Heft VI, 3. ~ Ähnlich Melusine 3, 115 nr. 14; Rev. des trad. pop. 25, 
390. — Schweiz. Arch. 12, 108 nr. 58. 

22. Friere contre la morsure de la vipere, 

Saint Simon s'en va ä la chasse; il a chasse, lui et ses chiens, trois jours et 
trois nuits, sans rien trouver qu'une mauvaise bete venimeuse de plusieurs 
Couleurs, qui Ta raordu lui et ses chiens; Saint Simon a fait un si haut cri que 
Notre Seigneur Jesus-Christ l'a entendu et lui a dit: Simon, qu'as-tu donc? Mon 
Seigneur, j'ai chasse trois jours et trois nuits sans avoir trouve qu'une mauvaise 
bete venimeuse de plusieurs couleurs qui m'a mordu moi et mes chiens. Notre 
Seigneur Jesus-Christ lui a dit: Va-t-en, Simon, tu prendras neuf feuilles de ronces 
et de la graisse de porcelin, et tu frotteras la plaie de chaque feuille jusqu'a neuf, 
en mettant un morceau de graisse dessus, tu gueriras toi et tes chiens et la bete 
en perira. Au nom etc. 

Vgl, Holland, Faune pop. 11, 68—69; Vicaire, Foes. pop. S. 159. 

23. Four guerir l'erisipele. 

On prend trois cuillerees d'huile de noix et trois cuillerees d'eau qu'on bat 
bien ensemble, et l'on s'en frotte la plaie avec une plume plusieurs fois, et on 
est gueri. 

' 24. Friere pour guerir la matrice. 
La Sainte Vierge s'en va promener de bon matin, et rencontre son fils Jesus. 
Bonjour mon fils. Bonjour ma mere; oü allez-vous ma mere? Je m'en vais 
guerir la fille d'un tel, qui est derangee de la matrice. Retournez-vous-en, ma 
mere, vous prendrez de la graisse de porcelin et vous lui en frotterez les flaues 
et les cotes, en disant que Dieu et la bonne Notre-Darae de Mars la remettent 
dans l'endroit oü eile etait. Au nom etc. 

XIV. Macon. — Imp. Romand. — 1S75. — 64 Seiten. IG". (Oben nr. 16.) 
1 — 4 volkstümliche abergläubische Vorschriften. 
5. Friere pour faire degonfler les bestiaux. 

11 faut prononcer ces mots: Fierre ronde, la mere de Dieu te commande que 
la gonflure de la vache blanche (on indique la couleur de la bete) fonde comme 



Le Medecin des Pauvres. 155 

le sei dans l'onde, au secours de St.-Antoine de Berry, puis reciter trois Pater et 
trois Ave Maria an l'honneur de St.-Antoine de Berry; si on ne peut pas voir la 
bete, on dit: quel poil que oa soit. 

6. Friere pour empectier le sang ä couler. 

Notre Seigneur Jesus-Christ est ne le jour de Noel, Jesus-Christ a ete 
circoncis le jour de la circoncision, Jesus-Christ est mort le Vendredi-Saint, Jesus- 
(]hrist est monte au Ciel le jour de l'Ascension, Jesus-Christ a envoye le Saint- 
Esprit a ses apötres le jour de la Pentecote; Jesus-Christ commande que le sang 
s'arrete. A chaque verset on fait le signe de la croix. 

7. Priere ä Saint-Hubert. 

Saint-Hubert a des vertus et bienheureux toutes choses, nous defend de 
l'ennemi et le serpent, toute bete sauvage ne puissent nous approcher de 
cinquante-deux pieds et derai, moi et (hier bricht die stark verstünamelte Formel 
plötzlich ab.) 

8. Priere pour arreter le mal en buvant dans les rivieres, fontaines ou 
ruisseaux. 

Voilä de l'eau, c'est le Bon Dieu qui l'a faite. La bonne Vierge a bu, eile 
n'a pas pris de mal, ni moi non plus, s'il plait ä Dieu. Au nom etc. 

9. Priere pour l'entorse. 

Entorse maudite, entorse rentre dans ton endroit comme Jesus-Christ aux 
Oliviers. Au nom etc. 

10 — \o. Anweisungen. 

14. Remede par les prieres et oraisons du pape Leon. 

Sagaroth + Aspanidore + paatia + vra jodion + Samacron -f- Fondon Aspargon 
Alamar Bourgavis Veniat. Serebonis, on ajoute le verbe qui a ete fait chaire et 
habite parmi nous. 

In meinem Exemplar des Enchiridion du Pape Leon III ist diese Formel 
nicht enthalten. 

15. Pour les brülures de feu. 

Notre St.-Pere sauva par une voix cet enfant d'un brasier ardent; prenez du 
sang de porc, frottez-en trois fois le sang de votre corps et le feu sera dehors. — 
Diese Formel steht vollständig bei Nisard, Hist. d. livres pop. 1, 188: Notre Saint- 
Pere s'en va une voie, trouve un enfant qui crie: Pere, qu'a cet enfant? II est 
chu en braise ardente. Prenez du sang de porc et trois fascines de votre corps, 
et le feu en sera dehors. 

16. Entorse. 

Dites, ce que Dieu a fait est bien fait, os desosse, veine noire, nerf foule, 
entresaute, que Dieu et la bonne Notre-Dame de Mars le remette dans l'endroit 
oü 11 etait. Au nom etc. — Repeter trois fois les raots suivants: forcure, blessurc, 
foulure, sang, humeur, chaud et froid, ne fais pas plus de mal que la Sainte- 
Vierge n'en a pas fait quand eile a marche sur terre. 

17. Contre la maille. Entspricht I, 13. 

18. Pour hv piquüre de la couleuvre. 

Martin sen va a la chasse avec son chien, il a rencontre N.-S. J.-C. qui lui 
dit: j'en ai bien le sujet de l'etre. — N.-S.: Pourquoi donc Martin'? — Mon chien 



156 Ebermann: 

a ete pique ä mort. N.-S. lui dit: Martin, retourne ä ta maison, tu prendras des 
feuilles de l'angiles (?), de la graisse de porcelin, tu en frotteras de haut en bas, 
la couleuvre en perira, ton chien en guerira et toi aussi. 

Wie in vielen anderen Formeln dieses Heftes, so ist auch in dieser der 
"Wortlaut arg entstellt. Hinter 'dit' ist etwa einzuschieben: Martin, pourquoi es-tu 
si triste? — Vgl. Heft XHI, 22. 

19. Friere pour les dartres. 

Dites: dartres rouges de neuf racines, de neuf ä huit, de huit a sept, de sept 
a six, ... de une ä rien, dites: que toutes se passent, comme elles sont venues; 
dites une neuvaine de dix jours ou de dix-huit jours, et 5 Pater et 5 Ave Maria. 

Vgl. Melus. 9, 210; Rev. Celt. 3, 203 nr. 908; 6, 70 nr. 4; Rev. des trad. pop. 
1, 37; 25, 392. — Das in dieser Formel empfohlene Rückwärtszaubern scheint 
über ganz Europa verbreitet zu sein, was sich aus der lateinischen Herkunft der 
Formel — sie wird zuerst von Marcellus erwähnt — erklärt. Vgl. P. Drechsler, 
Das Rückwärtszaubern im Volksglauben (Mitt. d. Schles. Ges. f. Vkd. Heft 7, 
45 ff.); Hälsig, Zauberspruch bei d. Germ. S. 103 ff. 

20. Pour les vers. 

Notre-Seigneur s'en va avec St.-Pierre faire une neuvaine, soit dans un champ, 
il trouve trois vers, un blanc, un rouge et un noir. Vers rongeurs, je vous defends 
de ne plus gäter le sang de N. Dites trois Pater etc. 

Verwandte Wurmsegen sind in Deutschland ungemein häufig, vgl. z. B. Hälsig, 
Germ. Zauberspr. S. 92 ff. 

21. Anweisung. 

22. Contre l'hydropisie. (Adresser une priere fervente a, St.-Eutroque). 

23. Contre la goutte. 

Dites neuf mois (!) ä jeun: terra, pastem, tenere, satene, falerene, salenes, 
monetes, his, hirco, pedibus; puis, baisez la terre et crachez dessus, frottez d'une 
goutte, les membres atteints, avec de la colle volatile pendant sept jours. 

24. Anweisung. 

25. Pour le mal caduc. 

Soufflez dans l'oreille droite, dites ces paroles: Jaspare, fers, migraine, thus, 
malechiar, balthazard, ou ronce, il restera une heute pour le guerir, il faut avoir 
trois clous de la longueur du petit doigt, enfoncez-les profondement au lieu de sa 
premiere chute, sur chacun d'eux nommez le nom de la personne. Cinq 
Pater etc. 

In dieser Formel sind noch die verstümmelten Überreste des Dreikönigssegens 
erkennbar, der folgendermassen lautet: 

Gaspar fert myrrham, thus Melchior, Balthasar aurum. 
Haec tria qui secum portabit nomina Regum 
Solvitur a morbo Christi pietate caduco. 

Vgl. H. Affre, Dictionnaire . . du Rourgue S. 387; H. Affre, Lettres ä mes 
neveux 2, 71; Reinsberg-Düringsfeld. Cal. Beige 1, 22; Rolland, Faune pop. 
4, 198 nr. 58; Thiers, Traite 1, 107; Melus. 3, 115; Wallonia 5, 186ff. — Hälsig, 
Germ. Zauberspr. S. 98. 

26—30. Anweisungen: Contre mal caduc. 31—32 desgl. contre mal de tete. 



Le Medecin des Pauvres. 157 

83. Pour la teigne. 

Dites pendant dix jours ce qui suit: Saint Pierre sur le pont de Dieu s'assit. 
Notre-Dame de Calais vint et lui dit: Pierre que fais-tu lä? — A, dame, c'est 
pour le mal de mon chef que je suis mis lä. — Pierre tu te leveras; ä saint 
Oyer, tu t'en vas, tu prendras du saint onguent des plaies mortelles de Notre- 
Seigneur, tu t'en graisseras, tu diras trois fois: Jesus, Maria etc. 

Vgl. Heft I, 4. 

32. Pour le flux de ventre. 

II faut boire ä jeun, trois jours de suite, du plantin des pies et dire ce qui 
suit: je suis au tres-saint Jardin des Oliviers, j'ai rencontre sainte Elisabeth; eile 
me parla du flux de son ventre; je lui ai deniande gräce pour le mien et eile 
m'a ordonne de dire trois Pater etc. 

33. Pour le flux de sang. 

Huvez deux onces de jus d'ortie (sa fleur rouge) et dites: Omnia, peruvie, 
Marianne, Elisabeth, peruvis, Joannem, Maria, Antem, Christini in nomine, Jesum 
cessit, sanguis ad hoc omelo ou ab hoc famula. — Der verstümmelte lateinische 
Text wird etwa so zu lesen sein: Anna peperit Mariam, Elisabeth peperit Joannem, 
Maria autem Christum. In nomine Jesu cesset (?) sanguis ab hoc famulo vel ab 
hac famula. 

34. Pour la colique. 

On dit: Colique passez, colique fache, colique, vat-t-en comme Judas a trahi 
Notre Seigneur au Jardin des Olives et faites le signe de la croix. Vous serez 
gueri. 

35. Pour la colique. 

Saint Blaise, serviteur de Dieu, je te coromande de faire descendre la matrice 
et le ventre de N. Au nom etc. — Vgl. Schw. Arch. 10, 49 und 58; 12, 104 
nr. 43. Oben Heft I, (3. 

36. Pour les hemorroides. (Ohne Interesse.) 

37. Pour arreter le sang. 

Au sang d'Adam ne la mit au sang, es-tu lä? 6 sang, arrete-toi! aussitot bände, 
il faut le voir. 

Die Formel ist unheilbar verdorben. War sie vielleicht verwandt mit dem 
Blutsegen 'in sanguine Adae orta est mors' etc.? Vgl. Ebermann, Blut- und Wunds. 
S. 78 ff. 

38. Pour arreter le sang. (Ohne Interesse.) 

39. Pour la coupure. — Das Auflegen von Spinngewebe wird empfohlen. 
Vgl. dazu Hovorka-Kronfeld, Vergleiehende Volksmedizin 2, 3.")8. 

40—41. Anweisungen. 

42. Pour le mal de dents. 

On offre neuf Pater et neuf Ave Maria pendant neuf jours en l'honneur de 
la sainte mort et la passion de Notre Seigneur Jesus-Christ pour le repos des 
ämes du purgatoire, en l'honneur de sainte Brigitte, sainte Appoline et saint 
Laurent. On se met le doigt sur la dent en disant: Dent, je veux Que tu 



158 Ebermarm: 

guerisses comrae les plaies de N. S. J.-C. et les maux de la sainte Vierge vous a 
gueri par la permission de Dieu. On fait le signe de Ja croix en disant: Äu 
iiom etc. 

43. Contre le mal de dents. (5 mal Pat. nost. ; 5 mal le Salue Marie.) 

44. Pour le mal d'yeux. 

Saint Jean traversant la mer Rouge rencontra Notre Seigneur qui lui dit: Saint 
Jean, ou allez-vous? Monseigneur, je vais chercher la guerison pour mes yeux, 
soit pour les rougeurs, soit pour la chaleur. Saint Jean, retourne-toi, car il ne 
reste aueun mal. Au nom etc. 

45. Pour les meurtrissures des yeux. (Anweisung.) 

46. Pour les paillettes de fer dans les yeux. 

Dites ou faites dire l'oraison suivante, adressee ä sainte Ciaire, vierge dont 
on celebre la fete le 13 aoüt: Bienheureuse sainte Ciaire qui etes morte dans les 
sentiments de piete si pure et si mere que Dieu a voulu que vous soyez calomniee, 
faites que, par votre efficace intercession, j'obtienne la prompte guerison des maux 
que j'endure. Durant cette priere, tu te seras procure un fort aimant. Tu le feras 
mettre sur les paupieres ouvertes, tandis une personne promenera l'aimant tant 
pres que possible. Si la priere ä sainte Ciaire a ete fervente, tu seras bientot 
gueri. A defaut d'aimant, on racle un morceau de papier blanc, de maniere que 
d'un cöte il forme une pointe, qu'avec cette pointe, la personne remuant la 
paillette bien doucement vers le coin de l'oeil, on l'enleve. 

47. Pour les yeux. Verstümmeltes Bruchstück von I, 13. 

48. Dieu est venu au raonde pour nous racheter de nos peches. II a jeüne 
pendant trois ans et trois jours. II a ete vendu aux Juifs trente deniers. Fievres 
tierces, fievres quartes, fievres de quelle qualite qu'elles soient ne puissent demeurer 
sur mon corps, ä l'arbre de la croix, oü il a repandu son sang juste pour nos 
peches. Etc. 

49. Pour les fievres. (Ähnlich I, 5.) 
50 — 52. Anweisungen. 

53. Pour se debarrer. 

Je me barre, je me debarre, au nom du Pere et du Pils et du bardebarre et 
contredebarre, au nom du Saint-Esprit. Trois Pater etc. 

54 — 55. Anweisungen: Pour les ecrouelles und Pour les envies des enfants. 

56. Oraison pour guerir toutes sortes de maladies. (Lateinisches Gebet.) 

57. Pour les betes a cornes. (Anweisung.) 

58. Pour les betes a cornes. 

II faut arracher 7 brins de crin de la queue de la bete, disant a chaque 
brin: Venin, sens respire (?) ne sont plus. Les tordre ä gauche et les mettre dans 
l'oreille gauche de la bete. 

59. Pour les sorts. (Anweisung.) 

60. Pour lever le sort qui est dans une ecurie. (Anweisung.) 

61. Pour lever toutes sortes de sorts. 

Prenez un coeur de mouton et le percer de clous, le suspendre ä la cheminee, 
disant: Restia clasta, avarro, chasta, castadia, dara, N . . . II faut dire ces memes 



Le. Medecin des Pauvres. 159" 

paroles sur le corps: II nye et bovuite (!). Un jour ne passera pas que le sorcier 
qui a jete le sort, s'il en a ete jete, ne vienne presser le laisser le coeur, parce 
qu'il sent de grandes douleurs au sien, celui qui demandera d'oter le sortilege, 
et il demandera quelques animaux pour lui jeter, ce que tu pourras lui aecorder, 
sinon il crevera par le miliard du coq';(le milieu^du corps?), et dites la priere des 
Commandements de Dieu et de l'Eglise. 

G2— 65. Pour les sorts. (Anweisungen.) 

66. Pour le lait caille. (Anweisung.) 

67. Pour rompre tout uialfaisant. 

Prenez une tasse de sei, plus ou moins, selon la quantite des animaux 
malfaisants. Prononcez dessus: Herego, gomet, hum guerdon visseront deliberont. 
Paites trois tours autour des animaux en commencant du cöte du soleil levant et 
continuant suivant le cours de cet astre, les animaux devant vous et faites les 
memes paroles, disant: Delivrez-moi, Seigneur, s'il vous plait, Seigneur de tous 
les maux, et ä l'avenir ayez recours a Dieu dans toutes vos entreprises. Dieu 
soit loue. 

Von der verstümmelten lateinischen (?) Formel werden Melus. 18, 301 und 305 
zwei ähnliche, gleichfalls verdorbene Lesarten mitgeteilt. 

68. Oraison merveilleuse pour faire raarcher une voiture qu'un cheval ne peut 
pas bouger. 

Chostia, Sacra, vego, cavrum. En deposant le grand Putiphar des embarras 
tout pour l'enchantement et caractere qui ont ete. Dites-lui et celebrer sur le corps de 
nies vifs chevaux. Apres cela, vous reciterez le verbe: Que le Seigneur soit avec 
vous etc. 

Die Eingangsworte der Formel haben vermutlich gelautet: 'Hostia sacra veho 
carrum', der Rest ist rettungslos verdorben. 

69. Pour faire perir les chenilles. 

II faut ecrire sur un morceau de papier ce qui suit et entourer Tarbre et 
dites: Christus regnat, Christus imperat, Christus vincit, Christus, vobis (Christus) 
imperat ibi acciderunt qui Operator. Gloire ä Dieu. 

70. Pour la grele, 

Dites: Uno, apotre un abe, un apotre, coro me. Que Dieu nous garde de 
la grele, de l'orage du ciel, temps, deux apotres, deux sobe(?), deux apotres cou- 
ronnes. Que Dieu nous garde de la grele, de l'orage, du mauvais temps. Que 
Dieu nous garde de l'orage du ciel, tempete du ciel. Continuez jusqu'ä douze fois 
apotres, etc. 

71. Puur arreter le feu du ciel. 

II faut prendre un oeuf du jour de Noel et le jeter contre le feu du ciel, 
en disant: Que Dieu t'arrete, commc Judas arreta Jesus-Christ au Jardin des 
Oliviers. 

72. Pour arreter le feu d'une raaison. 

Qu'il arrete, qu'il arrete, qu'il arrete. J'espere en Dieu; il confondra tout 
pour sa gloire dans reternite qui lui appartient. In te domine speravi, non con- 
fundo in aeternum. Dieu de bonte, protegez-moi. Dieu de misericorde. 



160 Ebermann: 

73. Pour tirer un bon numero. 

Seigneur, qui n'avez pas voulu que votre robe fut dechiree, raais jetee au 
sort, faites-moi la gräce de m'acquitter aujourd'hui que je suis exempt. Seigneur, 
exemptez-moi, s'il vous plait. 

74. Pour ses ennemis. 

In nomine patris . . . amen. Jn nomine domini Jesus-Christi crusifl, sigo 
(sie!) qui me odini perti osesimo quinipe me regati benedicit custodiat possidiat 
hac horate, et die in semper ut in super una voluntate sua seraper fiat. Amen. 

75. Pour deposseder. (3 Seiten.) 

76. Grande Oraison. (S'/o Seiten.) 

77. Pour dompter les animaux. (Kurze Anweisung.) 

Amen. 

Über die Entstehung dieser Hefte ist bisher nichts bekannt. Zwar 
lässt sich der Titel in ähnlicher Form weiter zurückverfolgen, aber wenn 
Nisard (Hist. des livres pop. 2, 79) behauptet: 'C'est un tres-mince 
extrait d'un livre celebre: La Medecine et la Chirurgie des pauvres, par 
Dom Nicolas- Alexandre, Paris 1714, in — 12; souvent reimprime', so ist 
diese Angabe irrig. Herrn Prof. Dr. J. Bolte, der die Güte hatte, diese 
Angabe nachzuprüfen, verdanke ich darüber folgende freundliche Mit- 
teilung: 'Barbier, Dictionnaire des ouvrages anonymes, 1875 (3, 100) 
zitiert drei Werke ähnlichen Titels: 

1. [Dom Nicolas Alexandre,] La medecine et la Chirurgie des 
pauvres, qui contiennent des remedes choisis, faciles ä preparer & sans 
depense, pour la pluspart des maladies internes & externes qui attaquent 
le Corps humain. Par ^*^. Paris 1714. — Ferner Paris 1740. 1753. 1758. 
Rouen 1818. Avignon 1820. Lyon 1822. Avignon 1823. 1835. Paris 
1869. Avignon 1868. 

2. Phil. Hecquet, La medecine, la Chirurgie et la pharmacie des 
pauvres. Paris 1740 u. ö. 

3. Dube, Le medecin et Chirurgien des pauvres. Paris 1669. 
Diese drei Werke enthalten nur wirkliche Heilmittel, aber keine 

Wundsegen, Krankheitsbesprechungen und Gebete, und kommen daher 
als Quelle unserer Hefte nicht in Betracht'. Es ist auch von vornherein 
unwahrscheinlich, dass diese Heftchen Auszüge aus umfangreichen Büchern 
darstellen, näher liegt die Annahme, dass sie zusammengestellt sind aus 
Flugblättern ähnlichen Inhaltes. Solche sind schon im Anfang des 
16. Jahrhunderts sicher bezeugt: 'Nicol. Le Rouge Fimprimeur a Troyes 
(wird am 26. Juni 1521 bestraft, weil) . , . il a imprime depuis, en grande 
qualite (quantite?), un papier sur lequel il y avait une croix, avec 
certaines oraisons ecrites en latin et en franeois et qui sont super- 
stitieuses'. (Rev. des trad. pop. 6, 691). 



Le Medecin des Pauvres. 161 

Ein Vergleich des Inhaltes der verschiedenen Hefte zeigt, dass 
«eine bestimmte Zahl von Formeln sich durch die meisten von ihnen 
hindurchzieht. Es sind das besonders die Formeln 1 — 8 des Heftes I, 
die nur in VI und XIV ganz fehlen. Sie finden sich in der gleichen 
Keihenfolge wie in I auch in IV, V, VIII, IX, X, XI und besonders auch 
in XII, das am Ende eine Druckerlaubnis vom Jahre 1817 anführt. Die- 
selben Formeln sind auch, wie sich aus den Anmerkungen ergibt, am 
häufigsten aus dem Volksmunde aufgezeichnet worden, in ihnen werden 
wir mithin den ältesten geschlossenen Kern unserer Hefte erblicken 
dürfen. Auch die in I vorhandenen Gebete wiederholen sich in mehreren 
Auflagen. Trotz dieser mannigfachen Übereinstimmungen, die die Ab- 
hängigkeit der verschiedenen Auflagen von den früheren gewährleisten, 
ist es selten, dass ein Heft dem anderen so vollkommen gleicht, dass es 
als einfacher Abdruck desselben angesehen werden muss. In dem vor- 
liegenden Material ist das nur bei IX und X der Fall. Sonst haben sich 
die Herausgeber bemüht, durch Auslassungen, Umstellungen und besonders 
durch Hinzufügung neuer Formeln ihrer Auflage eine gewisse Selbständig- 
keit zu o;eben. Zuweilen sind auch besondere Gründe für die Änderungen 
massgebend gewesen. So werden im Vorwort zu Heft VII die in früheren 
Heften gleichen Titels enthaltenen abergläubischen Vorstellungen aus- 
drücklich verworfen, und die Formeln dieses Heftes nähern sich deshalb 
dem kirchlichen Gebet. Heft VI versucht offenbar, sich den Bedürfnissen 
ländlicher Benutzer anzupassen, und dass der Medecin des Pauvres 
auf dem Lande sich einer sehr grossen Verbreitung erfreut, wird mehrfach 
hervorgehoben^). Heft XIV hat gegenüber den übrigen bedeutend an 
Umfang gewonnen, was darauf zurückzuführen ist, dass — in sehr ver- 
stümmelter Gestalt — lateinische Formeln anscheinend aus einer Fassung 
des Enchiridion du Pape Leon III darin abgedruckt sind. Der ver- 
wahrloste Zustand, in dem sich die lateinischen wie auch die französischen 
Segen dieses Heftes befinden, lässt vermuten, dass die Vorlage, nach der 
es gedruckt wurde, durch handschriftliche Verbreitung unter einfachen 
Leuten zustande gekommen ist. 

Zuweilen scheint auch der Titel der Hefte geändert worden zu sein, 
denn Monseur (a. a. 0.) berichtet von dem Medecin des Pauvres: 'II a ete 
edite tres souvent dans ce siecle; nous en connaissons une cdition de Huy 
et deus (!) de Nivelles, dont Tuue sous le titre ordinaire, l'autre sous celui 
de Les heureux secrets, tresor des menages (V2 pages sans date 
ni nom d'imprimeur)\ Indessen ist hier noch die Möglichkeit gegeben, dass 
es sich um ein Heft ähnlichen Inhaltes gehandelt hat, das aber nicht in 
unmittelbarer Abhängigkeit von dem Medecin des Pauvres stand, denn 



1 Monseur, Folkl. wallon S. 23; Hock, Croy. pop. S. 42. 

Zeitschr. d. Vereins f. Volkskunde. 1914. Heft 2. 11 



162 Buturas: 

wenn wir in diesem wohl das Hauptarsenal der französischen Segensprecher 
vor uns haben^ so ist die Zahl der anderweitig veröffentlichten Segen, die 
in unserem Material nicht enthalten sind, doch so bedeutend, dass wir 
annehmen müssen, dass noch andere, ähnliche volkstümliche Segens- 
bücher vorhanden sind. 

Abschliessend mag noch bemerkt werden, dass die hier gemachten 
Feststellungen nicht ohne weiteres auf die entsprechenden deutschen Ter- 
hältnisse übertragen werden dürfen. Vielmehr scheint hier, soweit ich 
das Material zu übersehen vermag, der wörtliche Abdruck älterer Segens- 
bücher im allgemeinen bis heute noch die Regel zu sein. 

Berlin -Haiensee. 



Neugriechische Spottnamen und Schimpfwörter'). 

Von Athanassios Buturas. 



Yorbemerkungen. 

Die Erforschung des Lebens, der Sprache und der Überlieferungen 
der Neugriechen beweist, dass sie alle geistigen, sittlichen und kulturellen 
Vorzüge ihrer Vorfahren, der Altgriechen, geerbt haben und sie allmählich 
auch in die Tat umsetzen. Trotz der grossen Last einer Überlieferung- 
von Jahrtausenden und nationaler Missgeschicke trifft man bei dem neu- 
griechischen Volke auf Schritt und Tritt denselben fröhlichen Geist in 
den Einrichtungen des sozialen Lebens, eine ähnliche Beweglichkeit und 
Kraft in der Gestaltung der sprachlichen Elemente und eine ebenso grosse 
Phantasie in Metaphern und Vergleichungen wie sie für die Altgriecheu 
charakteristisch sind^). Gerade wie der seinen Nachbarvölkern kulturell 
überlegene, das Schöne in der Natur verstehende und Harmonie in die 



1) Diese Abhandlung ist als Supplement der vor Jahren von Prof. S. Lampros 
unter den Titel 'EOvixal vßQFig veröffentlichten zu betrachten, welcher gründlicher den 
Spott bei den Altgriechen und den Byzantinern untersucht hat. Ein grosser Teil des 
Materials derselben stammt aus dem Nachlasse meines in dem letzten Kriege gefallenen 
Freundes Dr. K. Gunaris, der in den vor Jahren mit dem Preis der Fhoocixi] 'Eraioeia 
zu Athen gekrönten und seitdem unediert gebliebenen Sammlungen sprachlichen und 
volkskundlichen Materials aus den neugriechischen Idiomen viele darauf bezügliche Be- 
merkungen gemacht hat. Ausserdem sind auch die unedierten volkskundliclien Samm- 
lungen des 'Ekhpnxo? <PdoXoyLxo: Sv'/loyoQ KcovotuviivovjiöIeco? berücksichtigt worden. 

2) Vgl. meine zwei Abhandlungen Tu 6v6f.iuTa tmv fujvtov h xf] jS^eoe/.bjrixfj, Athen 1910 
und Ta AsosV,rjvixä xvoia ovo/naia, Athen 1912. 



Neugriechische Spottnamen und Schimpfwörter. 163 

Gesellschaft bringende Altgrieche, hat auch der Neugrieche, sein echter 
und mit denselben Eigenschaften begabter Nachkomme, die seinem Ge- 
schmacke widerstrebenden geistigen und körperlichen Mängel seiner 
Nachbarvölker und mancher seiner Laudsleute bemerkt, fröhlich ver- 
spottet und scharfsinnig kritisiert. Der Spott, welcher sehr oft im alltäg- 
lichen Leben gegen einzelne Individuen gerichtet wurde, gestaltete sich 
allmählich zu einer der Hauptquellen der mittel- und neugriechischen Zu- 
namen, die jetzt eine reiche und ausserordentlich wichtige Quelle der 
Forschung darstellen und unbedingt systematisch erforscht werden müssen, 
weil sie das ganze Leben des Mittel- und Neugriechentums repräsentieren. 
Von diesem wichtigen Abschnitt der mittel- und neugriechischen Forschung 
wird in dieser Abhandlung nicht die Rede sein, da diese Fragen mit dem 
ganzen Material der Zunamen zusammen behandelt werden müssen, wie ich 
es nächstens in einer grösseren Arbeit zu tun gedenke. Hier soll allgemeiner 
die Rede sein erstens von der Verspottung der schlechten Eigenschaften 
von Fremdvölkern, die zu den Neugriechen in irgend eine geschichtliche 
Verbindung getreten sind, und zweitens von der Verspottung mancher in 
der neugriechischen Gesellschaft selbst zu bemerkenden Tendenzen und 
Mängel. 

1. Fremd Völker. 

L Asiaten. Trotz seines nationalen Missgeschicks seit der zweiten 
byzantinischen Periode und des Verlustes seiner Freiheit durch den Fall 
von Konstantinopel hat das neugriechische Volk niemals die Überzeugung 
aufgegeben, dass es im Orient allen anderen Völkern geistig und kulturell 
überlegen sei, gerade wie die Altgriecheu, die darin soweit gegangen 
sind, dass sie alle anderen Nationen als ßdgßagoi kennzeichneten, und wie 
später auch die Byzantiner. Obwohl die Neugriechen sich nach der 
byzantinischen Auffassung geographisch in den Orient einrechnen und 
Westeuropa bloss mit dem Namen EvQCOJirj kennzeichnen, rechnen sie sich 
doch kulturell zu den westeuropäischen Völkern und unterscheiden sich 
in (lieser Beziehung scharf von den Orientalen. Mit dem Namen 
"AvaroXm]^ 'der Orientale' benennen sie hauptsächlich den Kleinasiaten, 
den sie als schwerfällig und dumm ansehen und deswegen mit der Be- 
nennung "AvaToMrixo öovio 'orientalischer Dummkopf und gleichbedeutenden 
Adjektiven wie Xalnovm]^ und öov6ovi.ii]g belegen. Von den Arabern 
haben sie nur eine dunkle Vorstellung. Ihren Namen "AQU7i)]g haben sie 
auf die nordafrikanischen Völker im allgemeinen übertragen (s. weiter 
unten), weil die Araber diese Völker einst beherrscht haben. Ihre byzan- 
tinische Überlieferung stellt die Araber als Eindringlinge und Seeräuber 
und besonders als Verfolger der christlichen Religion dar. Deswegen 
benennen die Neugriechen dieselben ausschliesslich mit den Religions- 
bezeichnungen Jagaxip'oi und 'AyaQrjvoi, welche sie auch auf die moham- 

11* 



164 Buturas: 

medanischen Türken übertrugen und welche den Begriff der Härte und 
Ungläubigkeit in sich schliessen, wie der sprichwörtliche Ausdruck 
'Agarenische Hunde' bezeugt. Aus diesem Gruud wird Zagarnive in Syros 
als Schimpfwort gebraucht, und ^aoayjp'ot werden in Kreta die bösen 
Dämonen genannt. Die Armenier werden von dem neugriechischen Volke 
als Häretiker betrachtet und durch die Adjektive jiiayaQio^uevoi 'besudelt' 
und jujiot'iidsg 'Mistesser' (von türk. bok 'der Mist') verspottet, weil sie nach 
einer Yolksüberlieferung, als sie einmal mit den Orthodoxen über Eeligions- 
sachen stritten, die Wette verloren und danach gezwungen wurden Mist 
zu essen. Deswegen glaubt jetzt das Yolk, dass die Armenier eine 
Gelegenheit suchen sich dafür zu rächen, und mahnt jeden Griechen zur 
Beherzigung des Sprichwortes 'Iss im Hause des Juden und schlafe bloss 
(nicht: iss) im Hause des Armeniers'. Ausserdem wird der Armenier als 
viel zu sanft und mutlos angesehen, und so verspottet ihn das auch sonst 
gebräuchliche Sprichwort 'Schlachte mich, mein Herr und Gebieter 
(= Türke), damit ich ein Heiliger werde'. Ebenso werden die Armenier 
als sehr feige betrachtet und spottweise Tiuiegieg 'PfefiFerbaumfrüchte' 
genannt, weil sie nach der Volksüberlieferung bei den zur Zeit des Auf- 
standes von 1821 von den Türken unter den Griechen angerichteten 
Gemetzeln zur Unterscheidung von ihrem Ees eine Pfefferbaumfrucht 
baumeln Hessen. Sie werden auch als lästig verspottet, wie es der sprich- 
wörtliche Ausdruck 'ÄQjLievixr} ßi'Qira 'armenischer (= lauger) Besuch' zum 
Ausdruck bringt. Die armenischen Frauen sind auch als sehr schlimm 
und hart gegen die Kinder verschrieen, was den Ausdruck oäv 'Aojim'iooa 
'wie eine Armenerin (schlimm)' entstehen Hess. Von den anderen asiatischen 
Völkern hat das Volk bloss von den Tataren (Täragrjg oder TdoraQijg) eine 
dunkle Vorstellung und verspottet sie als ungebildet und grob. Die 
Perser aber sind in dem Bewusstsein des Volkes mit den Türken in ein 
Volk verschmolzen (vgl. weiter unten). Über die Hebräer und Türken 
wird noch später die Rede sein. 

H. Afrikaner. Von diesen kennt das neugriechische Volk bloss die 
Bewohner der nördlichen Küsten, die es mit dem allgemeinen Namen 
der ehemaligen Beherrscher derselben Araber Agarnjöeg nennt, wie auch 
Afrika 'Aoajim genannt wird. Sie werden allgemein als wild betrachtet, 
was der Spottname derselben Kaxdgajiag 'schlimmer Araber' zum Ausdruck 
bringt. Ebenso werden sie als hartnäckig und eigensinnig angesehen, wie 
der sprichwörtliche Ausdruck ror e'jTiaoe tö äQdmxo 'das Arabische hat ihn 
eingefangen (= er verharrt hartnäckig bei seiner Idee)' und der gleich- 
bedeutende dgaTTixo junovgi 'arabischer Eigensinn' bezeugt. Auch sonst 
werden sie wegen ihrer schwarzen Farbe verspottet, und daher bedeutet 
ägd7T7]g im Neugriechischen den schwarzen Menschen. Von den einzelnen 
Völkern Nordafrikas hat das neugriechische Volk nur eine sehr dunkle 
Vorstellung. Die Ägypter kennt es bloss von den obdachlosen Wanderern 



Neugriechische Spottnamen und Schimpfwörter. 165 

FvcfTot (■= AiyvTinoi). welche die griechischen Länder durchziehen und sich 
fast ausschliesslich mit Schmiedehandwerk beschäftigen, so dass der 
Gattungsname yvcprog jetzt im Neugriechischen den Schmied bedeutet, 
während ihre Frauen Zauberei treiben. Auch sie werden wegen ihrer 
halbschwarzen Farbe verspottet, und yvqnog bedeutet in der neugriechischen 
Sprache fast dasselbe wie das oben erwähnte dgdm]^. Ausserdem gelten 
sie als höchst schmutzig, weshalb das Wort yvcpTtla im Xeugriechischen 
den schlechten Geruch bedeutet. Eine Sprache haben sie nach der 
Meinung des Volkes nicht. Sie wurden nämlich nach der Yolksüber- 
lieferung von Gott durch Sprachlosigkeit bestraft, weil sie die Nägel 
schmiedeten, mit denen Jesus Christus ans Kreuz genagelt wurde. Ab- 
gesehen davon, dass sie als immer mittellos gelten, sind sie auch als sehr 
geizig verschrieen, und diese Bedeutung haben im Neugriechischen die 
Wörter yvcprog, yvcprid, yvcpncika und yvqnoXaouj.. Sie werden spottweise 
auch 0agaol genannt von dem Titel ^agacj der alten Ägypterkönige, 
weshalb das Wort q:aoac6v}]g im Neugriechischen den tyrannischen und 
unersättlichen Menschen bedeutet. Im übrigen werden sie als ein und 
dasselbe Volk mit den Zigeunern betrachtet, obwohl letztere eine eigene 
Benennung "Axoiyyavoi oder Toiyyavoi oder Toeyyevedeg oder KazoißEXoi haben. 
Auch diese werden wegen ihres Wanderlebens, ihrer Armut und Schmutzig- 
keit verspottet, weshalb das Wort jor/yavnjL im Neugriechischen Schmutzig- 
keit bedeutet. Wegen ihrer Geizigkeit haben diese Bedeutung auch die 
Wörter daoiyyavoi; und roeyyeveg und die daraus entstandenen raiyyovvi]g, 
TOtyyovvid, roiyyovvevofiac. Die Tripolitaner, Tunesier und Algerier 
(M:Tagju^-iaotCoi, '"Ä/aOoivoi) kennt das neugriechische Volk bloss vom Hören- 
sagen als Seeräuber und betrachtet ihr Land als ungastlich, wie der Fluch 
jUJiaojiiJiaQid xal rovvs^a vd oe Jüdorj beweist. Die Mamelucken werden 
wegen ihrer Schwelgerei verspottet, und diese Bedeutung hat das Wort 
ua/taÄovxog. Die Bengasier aber, von denen ein Teil in Kreta ein- 
gewandert ist, werden wegen ihrer Art, durch die Kehle zu sprechen, 
verspottet und deswegen ya/uy.ovxeg aus dem Tone 'häl-häl' genannt. 

IIL Balkanvölker. Diese Völker hat das Griechentum seit dem 
Falle von Konstantinopel und während der ganzen Periode der traurigen 
Türkenherrschaft unter seine Fittiche genommen und als cliristliche durch 
sein Patriarchat ebenso wie sich selbst verwaltet. So ist mit dem Namen 
Rum (= 'Fcojiialoi), womit die Türken die um ihr nationales Dasein 
kämpfende griechische Nation benannten, auch die Nationalität dieser 
Völker gerettet worden. Die Griechen übten natürlich eine ungeheure 
Einwirkung auf diese Völker aus, und so entstand eine gemeinsame Kultur 
mit denselben Überlieferungen aus der verfallenen byzantinischen Welt, 
eine Kultur, welche die natürlichen Gegensätze zwischen ihnen grossen- 
teils ausglich. So erklärt sich die Tatsache, dass diejenigen Völker, 
welche auf dem Baliian in keinen Gegensatz zu den Griechen, besonders 



Ißß Buturas: 

in religiöser Beziehung, getreten sind, auch vom neugriechischen Volke 
versöhnlich und freundlich behandelt werden, wie es mit den Serben der 
Fall ist, die dem Patriarchat immer treu geblieben sind, und mit den 
Rumänen, deren Land den Griechen gegenüber immer gastfreundlich 
geöffnet war. Anders verhält sich die Sache mit den turanischem Ursprung 
entstammenden und von Natur aus viele schlechten Eigenschaften be- 
sitzenden Bulgaren, mit den zum Islam übergetretenen und seiner Ein- 
wirkung entgangenen Albanesen und mit dem aus dunklem Ursprung 
hervoraeo^ano-enen nomadischen Hirtenvolke der Walachen oder Arro- 
munen, welche sich frühzeitig unter den Griechen niedergelassen haben. 
Diese alle werden schon seit den byzantinischen Zeiten mit scharfen Aus- 
drücken beschimpft und verspottet. Besonders verachtet das neugriechische 
Volk als wild, treulos und häretisch die Bulgaren, die es mit dem 
Spottnamen äQxovöeg 'Hirsche' belegt, welche Benennung zugleich ihre 
Hässlichkeit verspottet. Um ihre durch viele Mordtaten und Plünderungen 
bezeugte Wildheit und Unersättlichkeit auszudrücken, hat der Grieche 
kürzlich das Wort ßoidyaQiofiög geprägt, welches mit 'Vandalismus' gleich- 
bedeutend ist. Sie werden auch als sehr schmutzig betrachtet und es 
gibt ein Gedicht, worin der Dichter erzählt, er habe 'Läuse wie Büffel 
auf bulgarischen Köpfen gesehen'. Um ihre Grobheit und Unwissenheit 
zu verspotten, gebraucht das Volk ein mit ihrem Namen fast gleich- 
lautendes bulgarisches Wort und sagt BovQydgoi juayxaQi 'die Bulgaren 
sind Esel', und um ihre Nichtswürdigkeit und Hässlichkeit auszudrücken, 
sagt es spottweise 'Bulgare, ungesalzen und mit einem Zwiebelkopf. Er 
wird sogar als unwürdig, wie ein Mensch zu leben und sich zu nähren, 
verspottet mit dem Sprichwort 'wir (Griechen) essen Käse und Fische, 
und du (Bulgare) frissest die Kruste des Esels'. Die Albanesen werden 
wegen ihrer Rauheit und Rachsüchtigkeit verspottet, die auch das Wort 
äQßavm]g im Neugriechischen ausdrückt. Sie werden auch als Analphabeten 
verlacht, denn als Gott nach der Volksüberlieferung den Menschen die 
Buchstaben gab, kamen zuletzt auch die Albanesen, ihr Alphabet von ihm 
zu bekommen; da er aber kein Papier mehr bei sich hatte, schrieb er 
die albanesischen Buchstaben auf ein Kohlblatt, welches aber bald aus 
Unvorsichtigkeit der Albanesen von einer Kuh gefressen wurde, so dass 
dieselben ohne Buchstaben blieben. Die Walachen = BXdxoi, von denen 
ein grosser Teil, besonders die' sogenannten Kutzowalachen, hoUenisiert 
wurden, werden als grob und ungeschliffen verspottet, welche Bedeutung 
auch die Wörter ßXdyog, ßlaym im Neugriechischen haben. Da die meisten 
Hirten sind, gelten sie als schlecht riechend, was auch durch das Wort 
ßXayJXa im Neugriechischen ausgedrückt wird. 

IV. Westeuropäer. Von den westeuropäischen Völkern hat das 
neugriechische Volk bloss eine dunkle Vorstellung. Es betrachtet sie als 
ein fast ffleichmässio;es Ganzes und gibt ihnen ohne Unterschied von Nation 



Neugriechische Spottnamen und Schimpfwörter. 167 

und Religionsdogmen den gemeinsamen Namen Franken {(pQuyxoi). Da 
es täglich die Erfahrung macht, dass alles Gute für seine Lebenshaltung 
aus fpgayxid oder Evqcotii] kommt, so betrachtet es sie als auf ähnlicher 
Kulturstufe mit ihm stehend. Die Vorwürfe gegen sie sind entweder 
Reminiszenzen aus den byzantinischen Zeiten oder entstanden infolge 
dogmatischer Spaltung in Religionsangelegenheiten und der Abweichung 
in manchen Lebenseinrichtungen, hauptsächlich aber infolge der katho- 
lischen Propaganda im Orient, in welcher man eine Gefahr für seine 
heilige Orthodoxie und Nationalität zu sehen glaubte. So entstanden die 
Benennungen oi Aaxivoi tu oxvlhjx 'die Hundelateiner' oder ^xvlXöqpQayxoi 
'Hundefranken', womit der Abscheu gegen die kirchlichen und politischen 
Angriffe der westeuropäischen Völker auf das Byzantinische Reich seit den 
Kreuzzügen ausgedrückt wird. Von der katholischen Propaganda im 
Orient werden besonders geringschätzig diejenigen betrachtet, welche sicli 
im Orient ständig niedergelassen haben und mit dem fast spöttischen 
Namen ^gayxohßavrTvoi 'orientalische Franken' benannt werden, von denen 
manche der griechischen Nationalität angehören. Diese werden beschul- 
digt, weil sie sich in den Freiheitskämpfen feindselig gezeigt haben und 
manclimal den Türken die Absichten und Pläne der Griechen verraten 
haben. Daher kommt es, dass sie als listig betrachtet werden, wie hervor- 
geht aus den sprichwörtlichen Ausdrücken 'den Franken kannst du zum 
Freund haben, aber es ist nicht gut ihn als Nachbarn zu haben' und 
Mooie xai Mioik oro omn oov fij) ßuQi]? 'nimm du nicht in dein Haus den 
Mosche und Mische'. Die Geistlichen derselben, die fpgaQOi oder ^Mqoi, 
werden ebenfalls verspottet, wie der gemeingriechische Fluch tov xaxo oov 
TÖ (f}Aoo und die Bedeutung des Wortes rphigos 'Teufel' in Kastellorizo 
beweisen. Sie werden ausserdem als unrein betrachtet, weil sie Frösche 
und Schildkröten essen. Auch ihre Vorliebe für die Maccaroni wird ver- 
spottet durch den Spielvers ^gdyxo vre vrio, dcod tojv Jiaidlco, vd cpdye 
fiaxaQovWL 'Herrgottsfranke, gib den Kindern, Maccaroni zu essen'. 

V. Hebräer. Obwohl das neugriechische Volk fast nur die unter 
ihm lebenden spanischen Juden kennt, so hat es doch starke religiöse 
Reminiszenzen, dass es bei den '^Q.xnQn'EßQo.Toi — 'Oßonloi —OßQioi—'Oßgoi sich 
hauptsächlich der gegen seinen Religionsstifter von diesem Geschlecht be- 
gangenen Freveltaten erinnert. Die Juden werden also ohne Rücksicht 
auf ihre Herkunft als lästerlich betrachtet, weil sie unseren Herrgott ans 
Kreuz schlugen, und mit der Benennung KaQcpoxQiojoi 'Kreuziger Christi' 
und lldära vom Namen des Pontius Pilatus, der im Neugriechischen 
gleichbedeutend mit 'Quäler' ist, belegt. Das Volk unterlässt keine Ge- 
legenheit seinen Abscheu gegen sie zu zeigen, und besonders ist dies der 
Fall während der Osterfeiern, wenn von den Bauern das Bild des 
Judas, dessen Name gleichbedeutend mit 'Verräter' ist, öffentlich auf einem 
Esel verspottet und endlich erschossen wird. Sie werden als desto ab- 



168 Buturas: 

scheulicher betrachtet, weil sie nach der Yolksüberlieferung noch jetzt 
das Blut christlicher Kinder gemäss ihren lieligionsvorschriften trinken. 
Wegen ihrer Freveltat gegen Christus sind nach dem Glauben des Volkes 
die Juden von Gott zu nationaler Zerrissenheit verurteilt. Sie werden 
deswegen auf immer vereinzelt umherirren, und der sprichwörtliche Aus- 
druck ijifjye xaTu 'loQaijX 'er ging in der Richtung von Israel' bedeutet im 
Neugriechischen 'er ist ruiniert'. Man glaubt sogar, dhv Jiedmrow äX}.d 
y>o(povv 'sie sterben nicht (wie die Menschen), sondern sie verrecken (wie 
die Tiere)'. Sie werden ebenso wie Judas als verräterisch und intrigant 
betrachtet; dies wird durch den sprichwörtlichen Ausdruck 'der Hebräer 
wird ausgehen, um Nüsse zu verkaufen' ausgedrückt, was von Leuten ge- 
sagt wird, die kein Geheimnis behalten können. Sie werden als unge- 
tauft, schmutzig und schlecht riechend angesehen, wie aus dem sprich- 
wörtlichen Ausdruck 'schlecht riecht der Jude und auch sein guter Anzug' 
hervorgeht. Sie werden als die feigsten Menschen verspottet, man sagt 
von einem Feigling rge/uei oäv 'Eßgaloq 'er zittert wie ein Jude'. Trotzdem 
glaubt man, dass sie, wenn sie vereinigt sind, keine Gelegenheit unter- 
lassen, ihre Härte gegen die Christen zu zeigen, und besonders werden 
als solche die Juden aus Saloniki betrachtet, wie der spöttische Ausdruck 
Ealovixibg 'EßgaTog bezeugt. Ihre Unfähigkeit, etwas Mannhaftes zu denken, 
wird durch den sprichwörtlichen Ausdruck 'der Jude auch hat eine Salbe' 
verspottet. Ihr einziger Gedanke ist das Geld, und diese Nebenbedeutung 
hat das Wort 'EßQolog im Neugriechischen. Um Geld zu verdienen, werden 
sie als jeder Lüge und Schmutzigkeit fähig betrachtet, gerade wie ihr 
Vorfahre Judas. Besonders beim Verkaufen wird vor ihrem Geiz und 
ihrem Wucher gewarnt, welche Eigenschaften durch den sprichwörtlichen 
Ausdruck eßgauxa naCdgia 'jüdische Verhandlungen' verspottet werden. 
Diese Eio-enschaften bedeuten im Neugriechischen die aus ihren türkischen 
Benennungen re/ovvTijg und Toicpomi^g entstandenen Wörter yeyovvTid, 
xoi(povrt]g, Toi(povrm. Endlich werden sie als Lärmmacher verspottet, und 
diese Bedeutung haben die sprichwörtlichen Ausdrücke odi' 'Eßgaun y.dvsTe 
oder odv XaXdaXoi xdvere 'sie machen's wie Juden (oder Chaldäer)', was 
auch die Benennung roKpovrrjg bedeutet. Dieselbe Nebenbedeutung hat 
das Wort ydßqa 'Synagoge' in den sprichwörtlichen Ausdrücken fc-r5fö elvai 
xdßga 'hier ist es zu lärmend', wie auch der Name ihres Geistlichen 
Xaxdfxrjg. 

VI. Türken. Seine Eroberer unterschied das neugriechisclie Volk 
von sich hauptsächlich hinsichtlich der Religion. Deswegen umfasste es 
unter dem Namen Tovqxoi alle mohammedanischen Völker und hauptsäch- 
lich die zwei grösseren, die Araber und die Perser. Die oben erwähnten 
Benennungen der Araber IJagaxip'oi und 'Ayagrjvot werden deswegen auch 
für die Türken gebraucht. Als Hauptkennzeichen der Türken betrachteten 
die Griechen ihren Fanatismus gegen die christliche Religion und be- 



Neugriechische Spottnamen und Schimpfwörter. 169 

schimpften sie deswegen mit oxvÄbd 'Hunde' oder Zy.vVMTouQy.oi 'Hunde- 
türken'. Auf ihre Wildheit und Härte deutet die Benennung des scharfen 
Essigs durch lovgxog im Neugriechischen. Als wildeste unter diesen werden 
die Kurden, die Zirkassier (= TosgyJCoi) und die in Kreta lebenden Türken 
(= TovQxoxoijxeg) angesehen. Berüchtigt wegen ihrer Grobheit aber sind 
die Geschlechter der KoviagT^deg und riovQovxi]deg, woraus das Wort 
yiovQovx7]g im Neugriechischen entstanden ist, welches 'ungeschickt' be- 
deutet. Besonders hat das neugriechische Volk die Härte und Willkür 
der türkischen Soldaten schmerzlich empfunden, und deswegen sind auch 
die Namen von verschiedenen Armeeabteilungen unvergesslich in dem Be- 
wusstsein des Volkes haften geblieben. So sind die Wörter yeviroaoog 
und yeriToaQiojiidg nach den Janitscharen jetzt gleichbedeutend mit 'Roh- 
heit', d.rCou:rcddeg nach den Azapen werden in Kreta die bösen Geister ge- 
nannt, vTafjg nach den Dais bedeutet einen Arroganten, vTelfjg nach den 
Delis einen Tollen, und ßaoißov'Qovxog, ßaoißovCovxiopidg nach den Baschi- 
bosuks ist gleichbedeutend mit Ruine. Die verschiedenen Fehler der 
Türken kennzeichnen die Griechen durch die türkischen Fremdwörter 
jjLovQT&ii^g, /ouvzovrrjg, dQjuovT7]g, juJiovgjLiäg u. a. Ihre Schwelgerei wird auch 
sprichwörtlich erwähnt. Besonders aber wird ihre Religion verabscheut 
und als grosser Eid gilt Tovgxog (oder 3Iovxajn£^i]g} vd ne&dvco 'wenn ich 
mein Versprechen nicht halte, so will ich als ein Türke (oder Mo- 
hammedaner) sterben'. Sie werden deswegen ebenso wie die Juden ver- 
spottet, dass sie 'nicht sterben, sondern verrecken', und als ämoroi 'Un- 
gläubige' und oxarö T//g Mexxag 'Mist von Mekka' beschimpft. Sie werden 
ausserdem mit dem Spottnamen yovQovvojuvT}]g 'Schweinsnasler' benannt 
wegen der Volksüberlieferung, dass die Absicht Mohammeds, den Moses 
nachzuahmen und mit List aus versteckten Schläuchen Wasser hervor- 
springen zu lassen, durch die Schweine vereitelt wurde, die mit ihren 
Rüsseln die Schläuche durchbohrten, und das Wasser während der Nacht 
zum Auslaufen brachten. Der türkische Geistliche aber, der yorCag, spielt 
in dem Bewusstsein des Volkes immer eine lächerliche Rolle. Endlich 
werden die Türken von jeher vom Volke stark verachtet und immer nur 
als provisorische Eroberer des Byzantinischen Reiches betrachtet, die aus- 
schliesslich deswegen dazu gekommen sind, weil 'es Gottes W^ille war, 
dass Konstantinopel (provisorisch) türkisch würde', wie ein Volksgedicht 
sagt. Das Volk hält unerschütterlich an dem Glauben fest, dass früher 
oder später die Türken von den Griechen wieder aus Konstantinopel, 
Brussa und Ikonium nach der Köxxivrj Mif/jd 'Roter Apfelbaum (= Persien)' 
verjagt werden, weil es ihm prophezeit wurde, dass 'nach Jahren diese 
Städte wieder in unsere Hände fallen werden', wie dasselbe Volksgedicht 
besagt. 



170 Buturas: 

2. riechen. 

I. Nationalnamen der Griechen. Infolge der in verschiedenen 
Epochen erfolgten Veränderung der Religions- und Lebensauffassungen 
der griechischen Nation wurden auch ihre Nationalnamen gewechselt und 
haben Anlass zum Spott gegeben. Es ist bekannt, dass nach dem Verfall 
des Klassizismus und dem Siege des Christentums die Kirche dem Namen 
^'EÄb]v die üble Bedeutung 'Heide' gegeben hat und dass die Griechen 
ihren Nationalnameu gegen die Bezeichnung ihrer römischen Staatsange- 
hörigkeit ausgewechselt haben und sich seitdem 'PcojLiaToi nannten. Während 
der ganzen byzantinischen Periode, als die griechische Gesellschaft ihr 
theokratisches Zeitalter durchlief und im Mittelpunkt ihrer sozialen 
Fragen die Religionsangelegenheiten standen, wurde der Nationalname 
*'E/M]veg der einer anderen Religionsauffassung huldigenden Vorfahren ver- 
mieden und verspottet, wenigstens von der Kernmasse der griechischen 
Nation, während einige ferngelegene Zweige eine Ausnahme machten, wie 
z. B. Pontus, wo der alte Nationalname immer seinen Glanz be- 
wahrt hat. 

Als sich nun nach den Freiheitskämpfen der Brennpunkt der sozialen 
Ideen verschob und den Griechen wieder der Glanz der alten Hellas vor- 
zuschweben begann, nahmen sie den alten Nationalnamen wieder an. Und 
da der bisherige Nationalname 'PcojuaToi — "Pcojliioi einerseits der fremden 
römischen Herrschaft seinen Ursprung verdankte und anderseits an die 
lange Türkenherrschaft und die nationalen Leiden der Griechen erinnerte, 
nahm er allmählich eine üble Nebenbedeutung an und bezeichnet jetzt 
spottweise jede schlechte Gewohnheit und jede Unordnung in dem neu- 
errichteten griechischen Staat und der neubelebten griechischen Gesell- 
schaft. 

Ebenso hat auch der Name der byzantinischen Griechen BvCavTiroi, 
deren Kultur von den jüngeren Gelehrten zu Unrecht nach den jetzigen 
Kulturzuständen beurteilt und folglich als rückständig betrachtet wurde, 
eine üble Nebenbedeutung angenommen und drückt Rückständigkeit, 
eitle Zeremonien und komplizierte bureaukratische Organisation im Staats- 
wesen aus. 

IL Öffentliches und privates Leben. Auch die Lebensweise der 
Neugriechen gab Anlass zu allgemeinem oder gegenseitigem Spott. Da 
wegen der langen Sklaverei unter den Türken und der langen Dauer des 
Befreiungskrieges die finanzielle Lage ebenso des Staates wie auch der 
einzelnen lange Zeit nicht eben günstig und blühend sein konnte, gab 
sie Veranlassung zu allgemeiner Verspottung der Armut des Staates 
durch Wo)Qoxd)OTaiva 'krätzige Frau Konstantins' wie auch des Adels, 
welcher, wie seine Titel, in Griechenland nicht anerkannt ist, durch 
xi)cooox6in)ig 'krätziger Graf, XijuoxovrÖQog 'hungriger Graf und /Modoy.6(fT}]g 



Neugriechische Spottnamen und Schimpfwörter. 171 

'der von grossem Hunger gepeinigte Lord"^). Mit der Armut ist gewöhn- 
lich auch die Unreinlichkeit verbunden, weswegen die Griechen sich selbst 
mit dem Spottnamen ipeiQooy.oTOJvi]? 'Läusemörder' verspotten. Nur in 
Maue werden die Bewohner in zwei Klassen geteilt, in Adelige, die 
Nix/Jüvoi, und ünadelige, die (Pafxeym heissen. Bevor sich ein erheblicher 
Teil des Landes der Schiffahrt, dem Handel und der Industrie zuwandte, 
was ebenso für den Staat wie für die einzelnen eine Quelle finanzieller 
Hebung und Veränderung der sozialen Verhältnisse war, beschäftigten sich 
die Bewohner Griechenlands hauptsächlich mit Landwirtschaft und Vieh- 
zucht, und die Bergbewohner unterschieden sich scharf von den auf dem 
flachen Lande Wohnenden. Die Bergbewohner, stolz auf ihre Selbst- 
benennuug ßovv})om, welche die Nebenbedeutung der 'Stärke, Gesundheit 
und Willenskraft' hat, betrachteten die anderen als schwächlich und un- 
gesund, und diese Nebenbedeutung hat das Wort xa/umpiog im Neu- 
griechischen, wie auch das Wort roojisAog = xojzeÄog in Messenien, womit 
von den Bauern spöttisch die in der Stadt Lebenden bezeichnet werden. 
So halten die Bewohner der Berge Pindos und Olymp die Thessalier für 
geistig niedriger stehend als sie selbst. Die Bewohner der Berge von 
Olympia verspotten die Bewohner der Triphyllia als schw^erfällig und faul 
unter dem Spottnamen fj,7iaxavidg}]deg. Die Bewohner von Levadia werden 
von den Bergbewohnern jLmaxohßadheg, die Bewohner von Naxos von den 
Bewohnern der Insel Tenos ^ujiaxova^icüzeg genannt. Ausserdem verspotten 
die Bergleute die anderen als nicht so reine Griechen wie sie selbst, weil 
sie sich angeblich mit den Türken, mit welchen sie verkehrten, ver- 
mischten, weswegen sie auch als tovqxöojioqoi 'Türkenprodukte' verspottet 
werden. Anderseits verspotten die Bewohner der Städte und der Ebene 
die Bergleute als arm, ungehobelt und grob und nennen sie spöttisch 
ß)Ayoi. Die Bewohner von Triphyllia nennen ihrerseits die Berg- 
bewohner von Olympia oxaojueveg (pregveg 'zersprungene Ferse' wegen 
ihrer harten Lebensart. Die Armut der Bergleute von Arkadien wird ver- 
spottet durch den sprichw^örtlichen Ausdruck TreJra Aohav'nixi]. Kaojgkixi] 
ij'f-Tga 'Hunger von Doliana und Laus von Kastri (sind berühmt)', ebenso 
wie die Altgriechen ÄijuodojQisig spöttisch gebrauchten. Die Bewohner des 
Dorfes Kalamion in Attika, die sich von Feigenbrot nähren, werden mit 
dem Spottnamen ofvjxouatö' gehöhnt. Endlich hat auch die verschieden- 
artige Traclit manchmal Anlass zu gegenseitigem Spott gegeben. So wird 
die ßgdxa der Inselbewohner verspottet und werden diese von den Be- 
wohnern des Festlandes spöttisch ßQnxocpoooi genannt, wie diese umgekehrt 
die (fovciavüla der anderen verspotten und sie 'AgßariTeg 'Albanesen' 
nennen. Die Peloponnesier verspotten die Rumelioten durch .laboxanoxeg 



V Dieses Wort hat als erstes Kompositionso:lied den Namen ?.öo8o^ 'Lord' mit An- 
spielung auf Xooda 'grosser Hunger, auf welches das zweite Kompositionsglied sich bezieht. 



172 Buturas: 

wegen der >ian6xa 'bäuerlicher Mantel' und letztere wieder die ersteren 
durch xaroov/iia wegen der spitzigen Kapuze, die sie an ihrem Mantel 
haben. 

III. Eigenschaften. Die Einfälle verschiedener barbarischer Völker 
und dann die lange Knechtschaft unter den Türken hatten als Ergebnis 
die Vernachlässigung der Wissenschaften und des Unterrichts und infolge- 
dessen die ehemals in grossem Umfange anzutreffende Verbreitung von 
Unwissenheit bei dem Volke. Selbst die Geistlichen, die immer mehr 
oder weniger gebildet waren und für die Bildung des Volkes sorgten, 
wurden oft als ungebildet verspottet. So verspottet ein Sprichwort die 
Geistlichen, die nicht lesen konnten, durch äßißXog jiajiäg jiieydlog rpevTrjg 
'Ein Pfarrer, der keine Bücher kennt, ist ein grosser Lügner'. Viele Ver- 
höhnungen gibt es für Geistliche, welche das Evangelium missverstanden 
oder das für jedes Fest geeignete Stück nicht finden konnten oder den 
Tag, wann diese gefeiert werden sollten, nicht wussten. Die Mediziner 
wurden verspottet mit der Benennung y.oiinoyiavvm]?, was den Unwissenden 
und zugleich den Betrüger bedeutet. Als Folge der Unwissenheit ward 
die Dummheit verspottet, die in unbestimmter Weise verschiedenen Pro- 
vinzialen zugeschrieben wurde, welche einst angeblich den Mond aus dem 
Ziehbrunnen durch einen Haken zu ziehen versuchten oder Salz säten 
oder eine Sardine in einen Käfig setzten, damit sie singe. Besonders 
sind die Chioten Ziel derartigen Spottes, wie auch das Sprichwort 
'Alle Chioten sind Narren, der eine weniger und der andere mehr' be- 
zeugt. Eine weitere Folge der Vernachlässigung der allgemeinen Bildung 
waren verschiedene schlechte Eigenschaften, die jetzt manchen Landsleuten 
spottweise zugeschrieben werden. So werden die Bewohner des Peloponnes 
als Lügner und charakterschwach verspottet, welche Nebenbedeutung auch 
ihr Name McoQaijrjg 'Peloponnesier' hat. Die Bewohner von Naxos werden 
als Diebe verspottet und Kkeqpta^iöjreg 'diebische Naxioten' genannt. Fast 
in jeder Provinz gibt es ein oder mehrere Dörfer, deren Bewohner wegen 
verschiedener schlechter Eigenschaften verspottet werden. Die Athener 
und die Bewohner von "Agra werden als schlimm gebrandmarkt durch den 
sprichwörtlichen Ausdruck 'Gott behüte dich vor einem Juden aus Saloniki, 
einem Türken aus Euböa und einem Griechen aus Athen (oder Arta)'. 
Die Bewohner von Kravara werden als Bettler verspottet, und das Wort 
KQaßßagiTt]g hat diese Nebenbedeutung in der Sprache bekommen. Be- 
sonders werden in dieser Beziehung die Kreter, die Manioten und die 
Bewohner von Kephallonia verspottet, indem die Volksüberlieferung 
zu erzählen weiss, dass 'der Teufel drei Kinder hatte, deren eines 
sich in Mane, das andere in Kreta und das dritte in Kephallonia nieder- 
liess'. 

IV. Sprache. Besonders aber stammen die gegenseitigen Ver- 
spottungen der Neugriechen aus der mundartlichen Einteilung der neu- 



Neugriechische Spottnamen und Schimpfwörter. 173 

griechischen Sprache. Diese Einteilung hat sich ganz natürlich vollzogen, 
und diejenigen irren sich stark, welche sie als eine Folge der nationalen 
Verhängnisse und die Mundarten als durch fremden Einfluss verdorben be- 
trachten. Die nationalen Missgeschicke und besonders die Knechtschaft 
unter den Türken haben bloss dazu beigetragen, die schnellere Yervoll- 
ständigung, Bereicherung und Verbreitung der Gemeinsprache (Koivf']) zu 
hemmen. Diese Tatsache ist auch die Hauptursache der jetzigen Doppel- 
sprachigkeit in Griechenland, weil die Gelehrten des 17., 18. und 19. Jahr- 
hunderts deswegen eine Schriftsprache aus der gelehrten Überlieferung 
einführten und die gesprochene Gemeinsprache vernachlässigten. Diese 
existierte immer beim Volke, und es ist ein Irrtum, die Spielereien in 
der Baßvhovia des K. BvCdvriog ernst zu nehmen. Sie will nicht zum 
Ausdruck bringen, dass es nach dem Befreiungskrieg in Griechenland 
keine Gemeinsprache gab, sondern verspottet nur in grösserem Umfange 
die Idiomatismen, wie dies jetzt noch manchmal hie und da verschiedene 
Komiker in Griechenland tun. Diese Abweichungen von der üblichen 
Norm verspottet das Volk ebenfalls, entweder allgemein oder speziell. Das 
Volk, das seine Schriftsprache leicht zu verstehen wünscht, duldet keine 
übertriebene Archaisierung derselben noch die Anwendung einer solchen 
im gewöhnlichen Gespräch und verspottet beides als "EkXiiviKovQEs 'tiefes 
und unverständliches Altgriechisch'. Da es seine Schriftsprache zu achten 
gelernt und in dieser seine ganze Bildung gewonnen hat, kann es nicht 
verstehen, was die Anhänger der Volkssprache wollen und verspottet sie 
mit der Benennung uaXhaQol 'die Haarigen'. Diejenigen, die in einem 
grossen Zentrum ihre Ortsmundart sprechen und sich den Regeln der 
gemeiugriechischen Sprache nicht anpassen, werden als jiuooyhooooi 'Halb- 
spracliige" verspottet. Diejenigen, welche unverständlich oder gebrochen 
sprechen, werden verspottet als ZxaQnad^ubxixa 'die Sprache der Insel 
Karpathos (die sehr idiomatisch ist)' oder als "Eßgaiixa 'Hebräisch' oder 
Kd'tCiy.a 'Chinesisch' oder 'AQßavlvrixa 'Albanisch' oder 'AkajujtovQveCixa 
'ganz verwirrt' sprechend. Diejenigen, welche grob und unfein sprechen, 
werden mit ßldxog (s. oben) verspottet, diejenigen endlich, welche eine 
schreiende Sprechweise haben, mit 'EßgaTog oder XaXdaiog (vgl. oben). 
Viel ausgedehnter sind die speziellen Verulkungen verschiedener Orte. 
So wurden die Athener von verschiedenen Gelehrten und Reisenden 
wegen ihrer stark idiomatischen Sprechweise getadelt. Das Idiom 
von Kastellorizo wird von den Nachbarn, den Bewohnern von Division 
als juio)] judä 'halbe Sprache' verspottet im Gegensatz zu dem ihrigen, 
das fiJiovTouv fjida 'ganze Sprache' ist. Fast in jeder Provinz werden 
ein oder mehrere Dörfer Ziel des Spottes wegen ihrer ungewöhnlichen 
Sprechweise. Allgemein wird verspottet die Sprechweise der Lesbier, 
Kyprioten, Kreter, Tzakoner, Pontier und Kappadokier. Die nördlichen 
Griechen, welche die unbetonten Vokale u und i ausfallen lassen, werden 



j^'j'4 Buturas: Neugriechische Spottnamen und Schimpfwörter. 

als unverständlich sprechend verlacht durch den Ausdruck txXm nlb 
= 7iovl(b rn^lo 'ich verkaufe Lehm', wo beide Wörter nach dem Ausfall 
der Vokale gleich lauten; ebenso die Bewohner von Tenos, deren Mund- 
art im Gegensatz zu denen der naheliegenden Inseln des Ägäischen Meeres 
den nördlichen Sprachgesetzen folgt, von ihren Nachbarn durch nanäq 
doi 1} ji?Mo 'bist du ein Geistlicher oder ein Füllen', was als von einem 
Tenier gesprochen gemeint ist. Wegen der häufigen Anwendung des 
Suffixes -ük für Hypokoristika in Lesbos werden die Lesbier spöttisch 
juojQÜXm xal jiaiöelha genannt. Die Zakynthier werden verspottet wegen 
des Suffixes -ta, das sie ohne Synizesis ausspreclien, ebenso die Mainoten, 
die deswegen scherzhaft naiöia xal jroidia genannt werden. Ebenso wurden 
die Athener, die das Suffix -ea einst ohne Synizesis aussprachen, ver- 
spottet durch ägm xal nlajea. Die Anwendung des alten Suffixes -ovoi 
und -aoi statt des modernen -ovv und -av wird verspottet besonders bei 
den Mainoten durch av ig^ovoi xal (pegovoiv änb xeivo jtov xQcbyovoiv oi 
Xiovgoi xal jTfjöovoi /<>/ ocooovoi xal egd^ovoi' jiid av qpeQovm änb xeTvo jtov 
jQiooiv Ol d&QCOTioi xal Cotoi raXcog vä Iq&ovoi. Die Epiroteu und West- 
makedonier werden verspottet wegen des Suffixes der ersten und zweiten 
Person Pluralis -a/Auv, -axav statt des gemeinen -a/iie, -are. Diejenigen, 
welche tö statt x aussprechen, werden spöttisch roeroegijöeg und roojieXoi 
genannt. 

Ebenso wird die häufige Anwendung mancher Wörter oder Aus- 
drücke in verschiedenen Orten Griechenlands verspottet, so wegen der 
häufigen Anwendung von öge (ovge) 'du, höre' in Rumelien und Epiros 
diese Provinzen als rÖTiog xov öge 'Ort des ore'. Solche häufigen An- 
wendungen, über die man sich lustig macht, sind für Korfu ym^^^^ 'nun', 
für Zakynthos /tdT?a iJ.ov 'meine Augen', für Attika xovfijcdge 'mein Pate', 
für Olympia xaU 'mein Guter', für Chios ö/owobg '0 weh' und evro 'dies 
ist', für die ägäischen Inseln und besonders für Kreta elvta 'was", für 
Pontes 'xl 'nein'. Die ausserordentlich häufige Anwendung des Eigen- 
namen Nioviog in Zakynthos hat dazu beigetragen, dass spöttisch jeder 
Zakynthier Nm'iog genannt wird. Das häufige Vorkommen der Eigen- 
namen navrelrig in Chios, Nixifpag in Syme und Mavolrjg in Kreta wird 
verspottet durch das Sprichwort ötiov Zvjumxbg Nix)']rag xf onov XmTijg 
IlavreArjg xf ojiov KgrjTixbg Mava'ürjg 'wenn du jemanden aus Syme triffst, 
der wird Nixijrag heissen, wie der aus Chios üavreXfjg und der aus Kreta 
Mavökr]g\ 

Hierher gehören auch manche Verspottungen, die durch eine Art 
von Volksetymologie zu anderen gleichlautenden Wörtern entstanden 
sind, wie auch die Altgriechen den Namen 'O^oXag aus öCm 'riechen' 
und den Namen Ahw?^oi aus ahco 'verlangen' herleiteten. So sind spöttisch 
Äegog mit ?Jga 'Schmutz', Nd^og mit ävd^iog 'unfähig', AißgaTog mit big 
'EßgaXog 'zweimal Jude', Xaoicorrjg mit iaoo}.dgY]g 'Faulenzer', Zy\xovvi mit 



Hellwig: Misshandlung eines Gespenstes. 175 

C)]T0J 'verlange', IJägog mit TiaiQvw 'nehme', Tijvog mit divco 'gebe' in Zu- 
sammenhang gebracht worden, weshalb auch folgender Spottvers auf die 
Geizhälze entstanden ist: Jh> eljuai äjtb vip' Tfjvo, ynl vä divco, eJjLiai anb 
rijv nÖLQo, ym vä ^rdgcü 'ich bin nicht aus Tenos, damit ich (etwas) gebe^ 
ich bin aus Faros, damit ich (immer) nehme'. 

Athen. 



Misshandlung eines Gespenstes. 

Von Albert Hellwig. 



Der Gespensterglaube gehört zu denjenigen Formen des kriminellen 
Aberglaubens, mit welchen sich der Kriminalist verhältnismässig selten zu 
befassen hat, wenn man von den Frozesseu gegen betrügerische Medien 
absieht, da es sich hierbei um eine moderne Form des Aberglaubens 
handelt, die zwar mit dem alten Volksglauben an Gespenster gewisse Be- 
rührungspunkte hat, sich aber immerhin wesentlich von ihr unterscheidet. 

Ahnlich wie der Hexenglaube kann auch der Gespensterglaube in 
verschiedener Form vor das Forum des Kriminalisten kommen. Einmal 
ist es nämlich möglich und kommt auch vor, dass der Gespensterglaube 
von Betrügern, Dieben, selbst Falschmünzern usw. benutzt wird, um ihrem 
unsauberen Handwerk ungefährdet nachgehen zu können; und auf der 
andern Seite begehen die Gespenstergläubigen selbst infolge ihres Aber- 
glaubens Handlungen, die sie mit dem Strafgesetz in Konflikt bringen. 
Ein derartiger Fall, in welchem sich drei Gespenstergläubige wegen ge- 
fährlicher Körperverletzung zu verantworten hatten, beschäftigte das 
Schöffengericht zu Wasungen am 13. Februar 1907. Der Angeklagte 
Wilhelm Bach wurde durch das Schöffengericht freigesprochen, die 
beiden andern Angeklagten dagegen verurteilt, und zwar Adolf Bach 
wegen gefährlicher Körperverletzung zu sechs Monaten Gefängnis und 
Schellenberger wegen Beihilfe dazu zu einer Woche Gefängnis; beide 
auch zur Zahlung einer Busse von 445,25 Mark an den Verletzten. 

Gegen dieses Urteil legten die beiden Verurteilten Berufung ein und 
beantragten ihre Freisprechung. Durch Urteil vom 11. Juli 1907 sprach 
die 1. Strafkammer des Landgerichts Meiningen — Nr. 1 46/07 (37/07) — 
Schellenberger frei, verwarf aber die Berufung des Adolf Bach. 

Über diesen sehr interessanten Fall habe ich vor Jahren schon auf 
Grund von Zeitungsberichten über die Hauptverhandlung berichtet^). Ich 



1) A. Hellwig, Ist Misshandlung eines Gespenstes strafbar? Archiv f. Krirainal- 
anthropologie und Kriminalistik ol, lOöff. 



176 Hellwig: 

knüpfte daran einige Bemerkungen über die juristisclie Seite der Frage, 
ob und unter welchen Voraussetzungen ein Abergläubischer, der ein Ge- 
spenst, an das er glaubt, misshandelt, wegen vorsätzlicher Körperverletzung 
bestraft werden kann. Die gleiche Frage hat im Anschluss an diesen 
Fall auch Professor Reichel^) erörtert. 

Leider ist es mir nicht möglich gewesen, die Akten zur Einsicht zu 
erhalten, dagegen war der Herr Oberstaatsanwalt so liebenswürdig, mir 
eine Abschrift des Urteils der Strafkammer zugehen zu lassen^). Ich muss 
mich deshalb darauf beschränken, an Stelle einer aktenmässigen Dar- 
stellung in folgendem nur den Auszug aus dem Urteil der Strafkammer 
zu veröffentlichen; ich hoffe, dass dies aber auch genügen wird, um die 
volkskundlich besonders interessanten Begleitumstände zu erkennen, und 
um es uns zu ermöglichen, die juristische Frage, die sich an diesen, 
meines Wissens bisher einzigartigen Fall anknüpft, auf sicherer Grund- 
lage zu erörtern. 

„Auf Grund des eidlichen glaubwürdigen Zeugnisses des Landwirts Bern- 
hard Günkel in Wasungen, der glaubhaften Angaben und des Gutachtens des 
praktischen Arztes Meyer daselbst und des Augenscheins an der vom Zeugen 
Günkel vorgelegten Laterne und an der von demselben vorgelegten Mütze in Ver- 
bindung mit einigen Angaben des als Zeugen vernommenen Wilhelm Bock und 
der beiden anderen Angeklagten ist folgender Sachverhalt für erwiesen zu er- 
achten. 

Am Abend des 31. Dezember 1906 waren die drei Angeklagten, der Ziegelei- 
arbeiter König von Wasungen und mehrere Familienangehörige der Angeklagten 
Bach in der Wohnung des Vaters der letzteren beisammen. Während der Unter- 
haltung kam das Gespräch auf Gespenster- und Geistergeschichten, wobei die An- 
geklagten bemerkten, dass sie nicht an Gespenster und Geister glaubten. Dies 
veranlasste den König, eine eigene Wahrnehmung mitzuteilen; er erzählte, auch 
im Wasunger Friedhof spuke ein Geist, jedesmal in der Neujahrsnacht um Mitter- 
nacht erscheine dort in der Nähe ein Licht und gehe um; das habe schon der 
frühere Turmwächter vor Jahren gesehen, und er habe es in den letzten Neujahrs- 
nächten selbst wahrgenommen. Dies bestritten die Angeklagten, insbesondere 
Adolf Bach, so dass König schliesslich zur Bekräftigung seiner Mitteilung erklärte, 
er wolle ihm — Adolf Bach — 20 Liter Bier bezahlen, wenn das, was er gesagt 
habe, nicht wahr wäre. Darauf beschlossen die drei Angeklagten und noch ein 
Bruder und zwei Schwestern der Bachs, vor Mitternacht auf den Friedhof zugehen, 
um zu sehen, ob sich dort in der Nähe wirklich ein Licht zeigen würde. Kurz 
vor 12 Uhr, bei klarem Mondscheine, dessen Helligkeit durch die Schneedecke der 
Landschaft noch gesteigert wurde, begaben sich denn auch die genannten sechs 
Personen, und zwar Adolf Bach mit einem Taschenrevolver, Wilhelm Bach mit 
einem Stocke und der dritte Bach mit einem schweren scharfen Säbel versehen, 
nach dem P'riedhof. Als sie am Zaun angekommen, bemerkten sie auf dem hinter 
dem Friedhof gelegenen Gebäude Licht. Die beiden Schwestern der Bachs gingen 
infolgedessen wieder auf die Landstrasse, die in der Nähe des Friedhofes vor- 



1) Arch. f. Kriminalanthropologie u. Kriminalstatistik 29, 344: f. — 2) Inzwischen 
sind mir die Akten doch noch zugänglich gewesen; über ihren weiteren Inhalt werde ich 
im Arch. f. Kriminalanthropologie berichten. 



Misshandlung eines Gespenstes. 177 

überführt, zurück, die drei Gebrüder Bach und Schellenberger dagegen über- 
schritten den Friedhof, stiegen über die Mauer ins Feld und gingen nach dem 
Lichte zu. Als sie noch ein Stück davon entfernt waren, riefen sie: y|Hoh! Hohl'" 
und Adolf Bach gab aus dem Taschenrevolver zwei Schüsse in die Luft ab. Da 
sich daraufhin niemand vernehmen Hess, gingen sie weiter auf das Licht zu. 
Dieses befand sich in dem von einer Hecke umschlossenen Garten des Zeugen 
Günkel und kam von einer mit einem farblosen, die Flamme nach allen Seiten 
durchleuchten lassenden, bauchigen Glaszylinder versehenen sogenannten Sturm- 
laterne her. Diese trug Günkel in der an der Körperseite herabhängenden linken 
Hand. Günkel war nämlich infolge eines alten Aberglaubens, dass Rreuzdorn- 
zweige, schweigend in der Neujahrsnacht um 12 Uhr herum gebrochen und nach 
Hause gebracht, gut gegen Krankheiten von Menschen und Vieh seien, in herge- 
brachter Weise in seinen Garten gegangen und hatte, als es 12 Uhr geschlagen 
hatte, Kreuzdornzweige gebrochen, um sie nach Hause zu bringen; die Laterne 
hatte er trotz des hellen Mondscheines mitgenommen, um beim Brechen der 
Zweige in die Kreuzdornhecken zu leuchten, damit er sich nicht an den Dornen 
verletze. Bekleidet war er mit einem dunklen Anzüge und einer Arbeitsschürze, 
und auf dem Kopfe trug er eine dunkelgrüne Mütze, vermummt war er nicht. Da 
infolge des Läutens der Glocken in den umliegenden Ortschaften und der Neu- 
jahrsrufe, die er aus der Stadt hörte, eine feierliche Stimmung über ihn ge- 
kommen war, verweilte er, nachdem er die Zweige gebrochen hatte, noch einige 
Zeit in seinem Garten. Plötzlich hörte er zweimal Schiessen und Leutestimmen, 
insbesondere „höh höh" rufen, und bemerkte aus der Richtung, aus der die 
Stimmen herkamen, mehrere Personen über das vor seinem Garten gelegene Feld 
kommen. Er kümmerte sich nicht weiter darum, sondern hörte weiter auf das 
Läuten der Glocken. Plötzlich sah er ganz nahe vor sich einige männliche Per- 
sonen auftauchen und erhielt unmittelbar darauf, ohne dass jemand etwas zu ihm 
gesagt hatte oder er etwas hat sagen können, zwei bis drei starke Hiebe über den 
Kopf. Infolgedessen stürzte er zusammen. Daliegend rief er: „Was schlagt ihr 
mich denn!" und hielt zum Schutze gegen weitere Hiebe seinen linken Arm mit 
der Laterne empor. In dieser Lage erhielt er weiter noch mehrere Hiebe auf den 
linken Arm, die linke Hand und auf den Kopf. Dann wurde von ihm abgelassen. 
Aber als er nun den davonlaufenden Personen nachrief : „Ich kenne euch!" drehte 
sich einer von ihnen um, kam einige Schritte zurück und sagte: „Wenn du nicht 
ruhig bist, so steche ich dich tot!^ — Die Personen, die an Günkel herange- 
kommen waren, waren die drei Angeklagten, die durch eine Lücke in der Hecke 
neben dem Tor in den Garten eingedrungen waren. Der dritte der Gebrüder 
Bach war nicht mit in den Garten gegangen, vielmehr vor der Hecke stehen- 
geblieben. Von ihm hatte sich vorher Schellenberger den Säbel, den er mitge- 
nommen hatte, geben lassen. Kaum waren die Angeklagten in den Garten ge- 
kommen, als der Angeklagte Adolf Bach, der einige Schritte voraus war, zu 
Schellenberger zurückging und ihm mit den Worten: „Gib doch mal das Ding 
her, ich will mal sehen, ob's ein Mensch oder ein Geist ist", den Säbel aus der 
Hand nahm. Mit diesem ging nun Adolf Bach auf den Träger des Lichtes los 
und schlug auf ihn ein, Hess auch auf den von ihm gehörten Ruf des, wie er 
sah, hach den ersten Schlägen hingestürzten Laternenträgers: „Was schlagt ihr 
mich denn?" sich nicht abbringen, noch weiter auf ihn loszuschlagen. Er war es 
auch, der nach dem Rufe Günkels: „Ich kenne euch!" sich umwandte und die 
obengenannte Drohung ausstiess. — Durch die Schläge mit dem Säbel wurden 

Zeitschr. d. Vereins f. Volkskiinrlc. 19U. Heft 2. 12 



178 Hellwig: 

nach Durchtrennung der Mütze und des linken Rockärmels an verschiedenen 
Stellen dem Günkel folgende Verletzun^-en beigebracht: 

a) Durch drei Schläge wurde auf dem Hinterkopf an drei Stellen die Kopf- 
haut oberflächlich durchtrennt. 

b) Durch einen über die rechte Gesichtsseite geführten Hieb wurden Haut 
und Muskeln vom Schläfenbein zur Mitte der Backe bis auf den Knochen durch- 
schlagen. 

c) Durch drei über den hinteren Vorderarm geführte Schläge wurden die 
Muskeln auf der Streckseite gleichfalls bis auf den Knochen durchtrennt, durch 
einen von ihnen wurde das Ellenbogengelenk freigelegt und durch einen andern 
die Ellenschlagader durchschnitten. 

d) Durch einen Hieb über die linke Hand wurde das mittlere Gelenk des 
kleinen B''ingers durchtrennt bis auf die Kapsel. 

e) Durch einige flache Schläge wurden auf dem linken Oberarm einige un- 
blutige, aber blutunterlaufene Muskelschwellungen verursacht. 

Sämtliche Wunden sind wieder gut geheilt und vernarbt, nur der verletzte 
kleine Finger bleibt dauernd steif, so dass er zum Arbeiten nicht mehr ordentlich 
verwendet, insbesondere nicht zum umfassen von Gegenständen gebraucht werden 
kann. — Es unterliegt keinem Zweifel, dass der Angeklagte Adolf Bach, als er 
auf Günkel in der geschilderten Weise losschlug, gewusst hat, dass er in dem 
Träger des Lichts einen Menschen vor sich hatte. Denn es war sehr hell, wie 
der Angeklagte selbst in der Hauptversammlung erklärt hat, „beinahe so hell wie 
jetzt," also fast tageshell, so dass er in dem Laternenträger, der gewöhnliche 
dunkle Kleidung trug, sich also von dem schneebedeckten Boden scharf abhob, 
einen Menschen hatte erkennen müssen. Diese Wahrnehmung hat er um so mehr 
machen müssen, als er sah, dass infolge der ersten zwei bis drei Schläge der 
Laternenträger zu Boden fiel, und erhörte, dass dieser rief: „Was schlagt ihr mich 
denn!" Auch aus der von ihm ausgestossenen Drohung: „Wenn du nicht ruhig 
bist, erschlage ich dich!" geht klar hervor, dass er gewusst hatte, einen Menschen 
zu schlagen. Die Angaben des Angeklagten Adolf Bach, er habe, weil die Laterne, 
die seiner Meinung nach eine Blendlaterne gewesen sei, ihm von deren Träger in 
Gesichtshöhe entgegengehalten und er dadurch geblendet worden sei, nicht er- 
kennen können, wer die Laterne gehalten habe, ob ein Mensch oder ein Geist, 
und er habe das letztere angenommen, da auf seinen Anruf: „Bist du ein Mensch 
oder ein Geist? Bist du ein Mensch, so antworte," keine Antwort erfolgt sei; 
diese Angaben erscheinen daher ganz unglaubwürdig. 

Hiernach ist festzustellen, dass der Angeklagte Adolf Bach zu Wasungen am 
1. Januar 1907 den Landwirt Günkel daselbst vorsätzlich mittels einer Waffe körper- 
Jich misshandelt und an der Gesundheit geschädigt hat. 

Nicht dagegen ist festzustellen, dass der Angeklagte Schellenberger dem Adolf 
Bach zur Begehung der Körperverletzung durch die Tat wissentlich Hilfe geleistet 
hätte, indem er diesem zum Zwecke der Misshandlung den Säbel gegeben hätte, 
wie ihm durch Anklage und Eröffnungsbeschluss zur Last gelegt ist und wie das 
Schöffengericht für erwiesen erachtet hat. 

Denn nach den übereinstimmenden Angaben der Angeklagten Adolf Bach und 
Schellenberger und nach den von ihnen dem Gericht vorgeführten Bewegungen, 
die ersterer gemacht hat, um den Säbel in seinen Besitz zu bekommen, hat 
Schellenberger dem Bach den Säbel nicht gegeben, sondern dieser hat nach der 
Hand des ersteren gegriffen, den Säbelgriff erfasst und mit der oben angeführten 



Misshandlunsf eines Gespenstes. 179 

Bemerkung den Säbel mit einem Ruck weggenommen, ohne dass Schellenberger 
eine hinreichende Bewegung gemacht hat. 

Es ist daher der Angeklagte Schellenberger freizusprechen, und mithin das 
angefochtene Urteil, soweit es ihn betrifft, aufzuheben. Dagegen ist der Ange- 
klagte Adolf Bach auf Grund des § 223 a StGB, zu verurteilen, wie dies das 
Schöffengericht getan hat. Die von diesem ausgesprochene Strafe erscheint mit 
Rücksicht auf die Roheit der Tat, die erheblichen, beinahe lebensgefährlichen 
Verletzungen und auch die Vorstrafen des Angeklagten wegen gleicher Vergehen 
keineswegs zu hoch, vielmehr gering. Da der Verletzte in gesetzlicher Weise die 
Zuerkennung einer Busse beantragt hat, hat ihm das Schöffengericht eine solche 
auf Grund des § 231 StGB, mit Recht zugesprochen. Gegen den zugesprochenen 
Betrag von 444 Mark 25 Pfennig hat der Angeklagte für den Fall seiner Ver- 
urteilung zur Strafe keine Einwendung erhoben, und besteht gegen ihn auch aus 
den im angefochtenen Urteil angeführten Gründen, die das Berufungsgericht auf 
Grund derselben Feststellungen zu den seinen macht, kein Bedenken. Die Be- 
rufung des Adolf Bach ist daher zu verwerfen." 

Mit einigen Bemerkungen sei es gestattet, auf die volkskundliche 
und juristische Seite dieses Prozesses noch ein wenig näher einzu- 
gehen : 

Was zunächst das volkskundlich Interessante anbetrifft, so können 
wir vor allem darauf hinweisen, dass der Prozess ein neuer Beleg dafür 
ist, dass der Gespensterglaube, auch wenn man von seiner modernen Form, 
dem Spiritismus, absieht, im Volke noch lebendig ist. 

Wenn die drei Angeklagten auch erklärt hatten, sie glaubten nicht 
an Gespenster und Geister, und wenn auch das Gericht offenbar davon 
ausgegangen ist, dass sie den Misshandelten für ein Gespenst nicht ge- 
halten haben, so steht doch jedenfalls fest, dass König des festen Glaubens 
war, es gebe Gespenster und Geister. Es will mir sogar scheinen, als 
seien auch die Angeklagten vom Gespensterglauben keineswegs frei ge- 
wesen. Es wäre sonst kaum verständlich gewesen, weshalb sie sich sämt- 
lich bewaffnet hätten, als sie um mitternächtliche Stunde zusammen den 
Friedhof aufsuchten. Man könnte allerdings gerade die Mitnahme von 
Waffen dafür anführen, dass die Angeklagten an Gespenster nicht ge- 
glaubt hätten; doch würde dies fehlgehen, da auch sonst uns aus dem 
Volksglauben bekannt ist, dass man Gespenster, trotzdem sie keine 
Menschen von Fleisch und Blut sind, doch auf recht irdische Weise durch 
Waffengewalt vertreiben kann. Für die Annahme, dass die. Angeklagten 
den Günkel für ein Gespenst gehalten haben, spricht auch, dass sie ihn 
vorher angerufen haben und angeblich gerade aus seinem Schweigen den 
Schluss gezogen haben, dass es ein Gespenst sei. Man glaubt in der Tat, 
dass Geister auf derartige Anrufe sich schweigend verhalten. Dass 
Günkel von einem derartigen Anruf nichts gehört haben will und sicher- 
lich auch nichts gehört hat, kann die Angabe der Angeklagten m. E. 
nicht entkräften, da Günkel einmal seine Aufmerksamkeit auf ganz etwas 

12* 



180 Hellwig: 

anderes lenkte, die Äusserung der Augeklagten also auch aus diesem 
Grunde leicht überhört haben kann, und da ausserdem ja gerade die 
Glocken läuteten. 

Wenn Günkel auch nach den Feststellungen des Urteils in seiner 
Kleidung nicht dem entsprach, wie man sich ein Gespenst vorzustellen 
pflegt, so ist damit doch nicht ausgeschlossen, dass er von den Angeklagten 
für ein Gespenst gehalten worden ist. Denn es kommt nach dem Volks- 
glauben auch vor, dass der Teufel, Dämon oder Gespenster Menschen- 
gestalt annehmen. Endlich spricht gegen die Angeklagten nicht unbedingt 
die Äusserung, die sie auf die Bemerkung Günkels hin taten, er kenne 
sie und werde sie anzeigen; denn diese Äusserung ist erst erfolgt, nach- 
dem die Misshandlungen schon beendet waren. Wenn es nun auch mög- 
lich, ja sogar wahrscheinlich ist, dass sie nach erfolgter Misshandlung des 
Günkel diesen erkannten, so ist damit natürlich noch nicht dargetan, dass 
sie auch schon im Momente der Misshandlung sich bewusst waren, einen 
Menschen vor sich zu haben, nicht ein Gespenst. 

Aus diesen Gründen scheint es mir — soweit man auf Grund des 
mir ja allein zur Verfügung stehenden Urteils sich über diese Frage ein 
Urteil überhaupt bilden kann — keineswegs als ausgeschlossen, dass 
Günkel von den Angeklagten im Momente der Körperverletzung für ein 
Gespenst gehalten wurde. 

Interessant ist andererseits vom volkskundlichen Standpunkt aus, dass 
Günkel nach altem Volksglauben alljährlich in der Neujahrsnacht still- 
schweigend sich Kreuzdornzweige holte, in dem Glauben, dass diese bei 
allerlei Krankheiten dienlich seien. 

Was nun die juristische Betrachtung anbelangt, so ist es für sie 
von ganz wesentlicher Bedeutung, ob wir mit dem Urteil davon aus- 
gehen, dass die Angeklagten zur Zeit der Körperverletzung gewusst 
haben, dass sie auf einen Menschen losschlugen oder ob man es für 
wahrscheinlich oder doch für nicht widerlegt erachtet, dass sie den Günkel 
zur Zeit der Misshandlung für ein Gespenst gehalten haben. 

Geht man von der ersten Voraussetzung aus, so liegt die Sache 
einfach, da dann daran nicht zu zweifeln ist, dass es sich um eine vor- 
sätzliche Körperverletzung handelt. Dies ist auch der Standpunkt des 
Urteils. 

Schwieriger ist die Frage, wenn man davon ausgeht, dass die Ange- 
klagten des Glaubens waren, ein Gespenst zu misshandeln. Wie ich 
schon früher ausgeführt habe, kann in derartigen Fällen m. E. von einer 
vorsätzlichen Körperverletzung gar keine Rede sein, da diese nur dann 
vorliegen kann, wenn sich der Täter bewusst ist, dass er einen Menschen 
misshandelt. Glaubt man aber an Gespenster, so ist man der Über- 
zeugung, dass dies Menschen jedenfalls nicht seien. Hieraus ergibt sich 
ohne weiteres, dass Handlungen, welche der Abergläubische als Angriti' 



Misshan dlung eines Gespenstes. 181 

auf Gespenster auffasst, als Körperverletzungen in seinem Vorsatz nicht 
aufgenommen werden. Es handelt sich in solchen Fällen zwar objektiv 
um Körperverletzungen, doch kann dem Abergläubischen gemäss § 59 StGB, 
diese Körperverletzung nicht zugerechnet werden, da er sich dessen nicht 
bewusst gewesen ist, dass er einen Menschen verletzte. 

Nach dieser Richtung hin unterscheiden sich die Misshandlungen an- 
geblicher Gespenster wesentlich von den Misshandluugen angeblicher 
Hexen. Während bei ersteren, wie bemerkt, eine vorsätzliche Körper- 
verletzung nicht in Frage kommen kann, ist sie bei Misshaudlungen von 
Hexen stets gegeben. Im Gegensatz nämlich zu Gespenstern werden die 
Hexen und Zauberer im Volksglauben auch für Menschen gehalten, aller- 
dings für Menschen, die besonderer Zauberkräfte teilhaftig sind; dadurch 
scheiden die Hexen und Zauberer aber noch nicht aus der Kategorie der 
Irdischen aus und werden noch nicht zu überirdischen Erscheinungen, wie 
es Gespenster und Geister nach dem Volksglauben und dem ihm analogen 
Glauben der Spiritisten sind. 

Wenn wir mithin, von jeuer Voraussetzung ausgehend, eine vorsätz- 
liche Körperverletzung der Angeklagten nicht für gegeben erachteten, 
so würde damit doch noch nicht gesagt sein, dass die Tat der Ange- 
klagten strafrechtlich überhaupt gleichgültig wäre. Es kommt nämlich 
in Frage, ob in der Misshandlung eines Gespenstes nicht eine fahr- 
lässige Körperverletzung liegt. Soviel lässt sich jedenfalls sagen, dass 
unter Umständen ein Abergläubischer, der ein Gespenst misshandelt oder 
ein Gespenst tötet, sich wegen fahrlässiger Körperverletzung oder fahr- 
lässiger Tötung wird verantworten müssen; andererseits kann man sagen, 
dass nicht in allen derartigen Fällen eine dem Abergläubischen zuzu- 
rechnende Fahrlässigkeit gegeben sein wird. Wann der Abergläubische 
wegen fahrlässiger Körperverletzung oder fahrlässiger Tötung wird be- 
straft werden können und wann dies nicht der Fall ist, wird auf die Um- 
stände des einzelnen Falles ankommen. Es ist dabei zu berücksichtigen, 
dass der Abergläubische bei Anwendung der gehörigen Sorgfalt hätte er- 
kennen können, dass er es im konkreten Falle mit einem Gespenst nicht 
zu tun hatte. 

Ob in dem vorliegenden Falle die Augeklagten fahrlässig gehan- 
delt haben, lässt sich auf Grund der festgestellten Tatsachen schwer 
entscheiden. Wenn man davon ausgeht, dass sie gespenstergläubisch 
waren, wenn man berücksichtigt, dass sie von König erfahren hatten, 
schon mehrere Jahre habe sich in der Xeujahrsnacht das Gespenst mit 
einem Lichte gezeigt, wenn man bedenkt, dass sie auch diesmal wieder 
das Licht sahen, wenn man beachtet, dass sie W^arnungsschüsse abgaben, 
und dass sie ihrer wohl kaum widerlegten Angabe nach das Gespenst zu- 
nächst anriefen, eine Antwort nicht erhielten und daraus gemäss ihrem 
Aberglauben entnehmen mussten, dass es sich tatsächlich um ein Gespenst 



182 Hellwig: Misshandlung eines Gespenstes. 

handle, so wird man kaum sagen können, dass sie bei Anwendung ge- 
höriger Sorgfalt hätten erkennen müssen, dass Günkel ein Mensch 
und nicht ein Gespenst sei. Wenn man allerdings andererseits bedenkt, 
dass heller Mondschein war, dass Günkel nichts Gespensterhaftes an 
sich hatte und dass auf ihn auch dann noch losgeschlagen wurde, als 
er zu schreien begann, so wird es wiederum zweifelhaft, ob die Ange- 
klagten nicht hätten erkennen können, dass sie einen Menschen miss- 
handelten und nicht ein Gespenst; das, was an konkreten Tatsachen uns 
bekannt ist, lässt m. E. also eine hinreichend sichere Beantwortung dieser 
Frage für den konkreten Fall nicht zu. Im allgemeinen aber möchte ich 
noch bemerken, dass der Gespeusterglaube an sich m. E. niemals als ein 
fahrlässiges Verhalten des Betreffenden angesehen werden darf. Denn 
wenn es auch uns, die wir nicht abergläubisch sind, so scheinen will, als 
müsse doch jeder nicht gerade geistesschwache Mensch bei Anwendung 
gehöriger Sorgfalt sich davon überzeugen können, dass es Gespenster 
nicht gäbe, so ist in Wirklichkeit die Sache doch nicht so einfach, was 
auch derjenige, der mit der Macht des Aberglaubens und mit seinen 
psychologischen Vorbedingungen nicht hinreichend vertraut ist, doch dar- 
aus wird ersehen können, dass sich der Aberglaube, insbesondere auch 
der Gespensterglaube, keineswegs auf die ungebildeten Kreise beschränkt; 
auch zahlreiche akademisch Gebildete, selbst Gelehrte von Weltruf, zählen 
oder zählten zu den Anhängern des Spiritismus und Okkultismus. Wenn 
selbst solche Persönlichkeiten, denen man im allgemeinen doch eine hin- 
hinreichende Urteilsfähigkeit wird zutrauen müssen, sich aus dem Banne 
des Aberglaubens nicht vermocht haben freizumachen, so wird man es 
ungebildeten Leuten sicherlich nicht zum Vorwurf machen dürfen, wenn 
es ihnen nicht gelingt, die Unhaltbarkeit ihrer abergläubischen Vor- 
stellungen zu erkennen. Dessen muss man sich immer bewusst bleiben, 
wenn es sich darum handelt, die Handlungsweise eines Abergläubischen 
strafrechtlich zu bewerten. 

Berlin -Friedenau. 



Müller; Kleine Mitteilungen. Igg 



Kleine Mitteilungen. 



Naclibarreime aus Obersachsen. 

(Vgl. 24, 90—94.) 

B. Nachbarreime gegen mehrere Personen. 

oG. Bei Richtern homse e böses Haus, da treibt dr Wind de Schoben 

(Strohdach) naus. 
Renger hat ein böses Kind, und durch die Schoben pfeift der Wind. 

(Haiuewalde b. Zittau.) 

37. Dreimal drei is nenne, Schimch (= Schönbach) ging a de Scheune, 
Hohlfeld trieb die Pferde aus, Schimch dar macht an Narren draus. 

(Sohland a. d. Spree.) 

38. Kowarjowa konja kowa, Smisowa tarn na nju wola. 

(Die Schmiedin beschlägt die Pferde, die Schmeißin ruft ihr zu.) (Radibor.) 

39. Solta jedze z haza, do kholow so Zmaza 
prindze podla Wrobelec, Wrobl praji: Solta, 
twoja ric je zoltal 

(Schulze kommt aus Lohse, versudelt sich die Hose, 
kommt bei Sperlingsdamm vorbei. Sperling sagt: Schulze, ei, 
dein Hinterer ist gelbe.) (Radibor.) 

40. Grahl wohnt im Winkel, und Liebsheim sieht kein Finkel 

(= kein bisschen), (Mühlbach.) 

41. An Kratschen (Kretscham, Wirtshaus) schlachten se a Kalb, Olbert dar 

uemmt's holb, 
Rudolph nemmt's Gekriese, der Poster spricht: 's schmeckt biese. 

(Jonsdorf, Oberlausitz.) 

42. Rätz's Hanne is schneid'g, Heng's (= Hennigs) Honne is geiz'g, 
Kaisers hon a engs Schüppel (Schuppen), Woiners Klenns (Wagners Kleines) hon ka 

Hühnertippel. (Cunewalde, Oberlaus.) 

43. Der Kaiser leeft am Bachrand rim, der König der fährt Apun rim, 
der Herzog der is abgebrannt, und seine Frau is fortgerannt, 

(Großschönau, Oberlaus.) 

44. An Hübel schlachtens a Kolb, Zimmer nimmts holb, 
Schramms nahms Geschlinke und hangs 'n Bücken an de Klinke. 
Schubert Armt nimmts Gekriese, Wondlers Korle spricht: 's schmeckt biese. 
Filvs hon a enges Gassei, Ochsefriedeis hon ka Ziegefassel. (Cunewalde,) 



134 Müller: 

45. N Schlacht a Kolb, dar nimmts holb, 
P nimmts Gekriese, Q spricht: 's schmeckt biese. 

K nimmt de Plauze und heb's 'n im de Schnauze. (Oberlaus.) 

46. Genau so, nur 4. — und hebt se Gottin im de Schnauze. 

(Oberkunnersdorf, Oberlaus.) 

47. Alberschlobel Schlacht an Hund, der gab dr Frölch'n o a Pfund. 
Müllerschuster kriegts Gegriese, Schneiderschgottlieb sagt: "s schmeckt biese. 
Jahnlobl kriegt de Plauze, der hieb se Siegfriedn im de Schnauze. 

(Ebersdorf, Oberlaus.) 

48. Fahrig schlacht e Kalb, der Pastor der kriegt's halb, 

Ulbricht kriegt's Gekröse, und Schlegel der is böse. (Hermsdorf b. Rochlitz.) 

49. Wauer aus dem Grunde, Beiger mäst't de Hunde, 
Hase hat e buch Haus, Grafs Friedel schaßt zum Fenster naus. 
usw. (Forts, unbekannt). (Bischdorf b. Löbau.) 

50. Dokters schlachten e Kalb, Körners kriegens halb, 
Kartens kriegens Gekröse, Hahns sind darum böse, 

de Kretschmarn guckt zum Fenster raus, Stocks denken, 's is ne Fledermaus. 

(Kehren.) 

51. Der Goldschmied schlacht a Kalb, Eger nimmt's halb, 
Schneider nimmt's Geschlinke, hängt's ba Micheln a de Klinke, 
Köhler guckt zum Fenster raus. Dreßler treibt de Froe ims Haus. 

(Spitzkunnersdorf, Oberlaus.) 

52. Bei Benndorfs an der Ecke, Dietels flicken Säcke, 

Grauls ham e großes Haus, Kretschmar macht sich garnichts draus. 
Bühnau hat ein'n großen Garten, Vogtländer müssen die Kinder warten, 
Staude hat e schlechtes Haus, bei Kretschmarn guckt der Kobold raus. 

(Brandis b. Leipzig,) 

53. Der Hartmann is e grober Maa, der alte Tülle Kerling hat e 

Buckeln dra, 
und der Fritschaugust der führt en großen Rang, und bei der Pollackmathilde 

da stehts an Schrank. 
Der Gräßler der bot de Habergritzenmühl und der gibt den Bettlern net viel. 

(Rittersgrün i. Erzg.) 

Auf Bewohner von Glauchauer Strassen: 

54. Mätersch schlachten e Kalb, Werncrsch kriegens halb, 
der Hertsch der kriegt's Gekriese, der Landgraf wird sehr biese, 

der Ebersbach guckt zum Fenster naus, bei Heinzes is großer Kaffeeschmaus. 
Der Erler hat ne Metze, der Braune hat ue Petze (Hündin), 
der Blei verkauft gute backue Birn, der Blechschmidt aber Helfenzwirn, 

(Glauchau,) 

55. Bei Salgern schlachten se e Kolb. bei Puschen nahm se's holb, 
bei Friedrichen nahm se's Geschlinke, se hängs bei Bairigen a de Klinke, 
der Schuster wuUts ne leiden, do müßt's Korle wegschneiden, 

Ben Vurstande hatten se's Gekriese, dr Bäcker soite 's schmeckt biese. 

(Ebersbach b. Löbau.) 



Kleine Mitteilungen. 185 

Auf die Häusler des Ortsteils Schneidenbach bei Sohland a. d. Spr. 

56. Fischer schlacht't e Kalb, dr Bäcker nahm''s halb, 
Hans Aden nahms Gekröse, Liebsch sagt: das schmeckt böse. 
Eckardt der bäckt Haferbrot, Christophe hat keene Not, 
Schmarrn weist den Weg, Schulze frißt den Dreck, 

Eisert sitzt auf dem Berge, Thonig niest auf die Quärge, 
Wemmanns Jahns is e alter Man, Haarig is der Kapphahn. 

(Sohland a. d. Spr. Pilks Sammlung.) 

57. Horsts schlachten e Kalb, Wingers kriegen's halb, 
Richters kriegen's Gekriese, Secherminne wird biese, 

Vogts Vater hat en dicken Bauch, Obenaus guckt zum Bornloch raus, 
Obenaus is e braver Mann, Baßchensbauer mag die Frau nich hau, 
Hyns ham en grüßen Huf, Wendchens Vater gieht seegen (= pissen) druff, 
Kaichens backen weißes Brut, Schmiederhasens schlän die alten Weiber tut, 
mir wohn'n an der Ecke, der alte Kunze flickt de Säcke. 

(Priestewitz b. Meißen.) 

58. Mibs (Möbius) wohnt an der Ecke, Gastschuster der tlickt Säcke, 
Dietrich guckt zum Fenster raus, der Schmieder macht sich garnischt draus. 
Sammig hat an lächr'gen Hut, Teich'n schmeckt der Tabak gut, 

Haub'l'd hat viel Kinger, Biehme is der Läuseschlinger, 

Schuster schlät den Uchsen tut, Glambrich spricht: Guttschwerenut. 

(Churschütz b. Lommatzsch, um 1870 bek.V « 

59. Großenernst wohnt in der Ecke, Schulzenmelcher flickt de Säcke, 
Hanschrist säuft den Kaffee aus, Quaaslob guckt zum Fenster raus. 
Moosdorf hat ne schiene Schäcke (Kuh), Großenlob der sitzt im Drecke, 
Soms hom e schie Gescherre, Klugenfriedrich wird de Fro nich herre. 
Jakobs schlachten e Kalb, Ebers kriegens halb, 

Ehrlichs lob's Gekriese, Heimeremil wird drieber biese. (Terpitz b. Kohren.) 

60. Vogtsgottlieb schlacht a Kalb, Schreiber nimmt's halb. 
Schenker nimmt's Gekriese, Palmer spricht: 's schmeckt biese. 
Schimbch is a ormer Mon, Klix dar kreucht zur Froe ro, 
Barth das is dar Baseubinder . , . ? 

ba Hinliche treiben se 'n Teifel ins Haus, ha Grunerten beißen se de Tischecke o, 
ba Hantsche schreit der Kikerikihohn, Wahrgüttier (Güttier am Wehre) is a 

aler Mun, 
Wolf dos is a bieser Hohn . . . ? 

ba Wulfe gihts gor feine zu, ba Ritge stuppen se de Mäuselöcher zu, 
Ritg dos is a Bohnorbeiter, Weise is der Eirichtemon, 
ba Richtern lussen se'u Zug arbei, a dr Ziegelei lussen se de Siffliche (Süffel) rei. 

(Neufriedersdorf b. Löbau.) 

61. Sachsens wohn'n in der Ecke, Schönfelds flicken Säcke, 
Schlegels backen Weißbrot, Strobel hat die Kindernot, 
Petzold hat en großen Hund, Ae verliert den Hosenbund, 
Scheibe hat ene große Scheune, Wickert guckt zun Fenster raus, 
die Krebsen hat e großes Haus, de Külni' macht sicli nichts daraus. 

62. Dr Montag hot no viel zu Iiufen, be Kerns do is de Kotz ersuff'n, 
be Neugartners hon se keene Kinder, Mälzer is a Weibcrscliiuder, 

be Eiselts is dr weise Rot, be Herrmanns is dr Advukat, 
be Karassürs is a enges Gassei, Gokschtrauguk ho kee Ziegenfassel. 

(Weigsdorf, Bez. Bautzen.) 



186 Müller: 

63. Wolf is dr Hundebauer, und Blaasche is dr Grußbauer, 
und Donath is dr Hasenbauer, und Winkler hat a Grußpferd, 
und Liebscher dar is ganz aalt . . . ? 

Gitterschgirge hot zwee weiße Schimmel, un Baschehansgörge fährt an Himmel, 
Grohe hot a grüß Haus, bei Richter gucken de Meise zun Fenster raus. 

(Niederfriedersdorf, Oberlaus.) 

G4. Köhler is der Tagewähler, Baukelts Junge wird immer schlechter, 
ba Eisoltn da is miserabel, ba Mühlu assen se all mit dr Gabel, 
ba Exnern assen se lauter Quark, Gulich dar is gor ne stark, 
bau Schuster roochen se lauter Schwartel, Clemense die hau a schie Gartel, 
der Mitterbäcke bäckt schie Brut und Tietze dar sieht aus wie dr Tud. 

(Spitzkunnersdorf, Oberlaus.) 

65. Streubel schläft bis um sieben, Seidel frißt ne Eübe, 
Sonntagens kochen Ebernbrei, Pöge schläft bei'n Pferden ei, 
Wagner hat zwee große Ochsen . . . ? 

Hankens fahrn bis nach Mutschen, Richter muß aufm Arsche rutschen, 
Zimmermann hat ein großes Haus, die Schön guckt zum Fenster raus, 
Niese der is garnich dumm. Kern der mahlt das ganze Korn, 
Brinschwitz fährt mit'n Luftballon, Lehmanns hab'n en kleenen Jung'n. 

(Kühren, Bez. Grimma.) 

66. In der Uchsenmühle gihts klipp klapp, bein Fleescher gihts schnipp 

schnapp, 
bei Bernerts werd der Quark ni sauer, der Zimmer is a grußer Bauer. 
Gritzners sinn de Hihnerspitze, bei Bienertsherrmann is de Frau nischt nitze, 
de Guttermiene hot drackgc Beene, bei Bars do is der Monn alleene, 
der Brachmann is e Distlkupp, der Mendenhelf is recht grub. 

(Dorfhain. Bruchstück.) 

67. Hampels Christoph dar hot dn Hut uf dr Seite, dr Erbrhampel hot de 

Frau uf dr Weide, 
de Katherin macht grüße Bissen, Wenchs Guttlieb will vill wissen, 
Rudolfs Korle gibt mit der Flinte aus, dr ale Rudolf fällt mit der Fro as 

Haus, 
ba Tim han se ock ene Könne, ba Fehlern hon se ene schine Honne. 

(Eibau, Oberlaus.) 

68. A wohnt in der Ecke, B's flicken Säcke, 
C's backen Weißbrot, D hat keene Not, 

E hat en klen Garten, F muß de Kinder warten, 

G hat kee Taubenhaus, H guckt zum Fenster raus, 

I hat en grauen Bart, J . . . ? 

K hat Ratten in der Kammer, L scblät sie mit'n Hammer. 

M is e guter Mann, N hat graue Hosen an, 

O's haben viele Kinner, P haben bloß drei Hinner, 

Q hat ne gelbe Kuh, R hat de Fenster zu, 

S hat bloß enen Burn, T geht Kuchen schnurrn, 

U bläst das Nachtwächterhorn, 

V hat ene klene Scheune. W hat nur drei Schweine, 

X bringt das Bauchgurt im. (Kühren, Bez. Grimma.) 

60. Kicßlings in der Ecke, Teichgräbers ilicken Säcke, 
Vetters backen Weißbrot, de Reimern schlägt den Teifel tot, 
Pretschmanns schlachten e Kalb, Günthers kriegen's halb. 



Kleine Mitteilungen. Igj 

Prosts kriegen's Gekröse, Kießigs sind drüber böse, 
Rothens ham en großen Garten, Dögens müssen Kinder warten, 
Fleckeis is e braver Mann, Neider will de Frau nich ham, 
Kärtchens ham e Tuch verlorn, Antrags ham de Ohrn erfrorn. 
De Gindeln hat e großes Haus, de Merkein guckt zum Fenster raus. 

(Stockhausen b. Döbeln.) 

70. Der Müller is der Mehldieb, Bruchelt hat seine Fraa lieb, 
Schoke wohnt ufm Bärge, Schöne macht spitze Quarge, 

Funke is der ale Vater, N is der Bankhader, 

Uhlemann wohnt in der Gasse, Grusche hat keene reen Fasse, 

de Kretzschmarn tut gern Schweine schlachten, Gruschen Karl tut nach Gelde 

trachten, 
Pietzsch hat ene schwarze Pfütze, Rabe is uf der Walt nischt nütze, 
Lehnert is e Lügenmaul, Leuschner Lieb is lang und faul, 
Fischer der hat weite Hosen, Rilker hot s'n aufgebloseu, 
Graf hat ene scheene Fraa, der Schmied spielt gerne Kuntra, 
Weißig hat en kahlen Kupp, Kühne is e Hundsfutt, 
Löwe is der Hengstreiter, Hermann is der Hackschschneider, 
Rückert der wohnt ganz alleene, bei Hilligs is de Stube nich reene, 
Krausgen Lieb hat keene Kinder, Beger is der Pferdeschiuder, 
Beckert hat nur eene Kuh, Pretzschens machens Falltor zu, 
Rumpelts ham e Wachtelhaus, bei Mendens guckt der ? raus, 
der Schäfer treibt de Schafe aus, der Schulmeester prügelt de Kinder aus. 
(Sachsdorf b. Wilsdruff. Mitt. f. Sachs. Volksk. 1910 S. 195 f.) 

71. Geisel ime der Ecke, Peschel flickt de Säcke, 
Philipp Schlacht ne schöne Kuh, Gläsche gibt neu Taler zu, 

de Dämmigen kriegt's Gemüse, dadrüber werd de Schneidern biese, 
Kost guckt zum Fenster raus, Franke macht sich garnischt draus. 
Scheller in der Zippelmütze, Heibig is ooch garnischt nütze. 

(Riemsdorf b. Meißen. Dähnhardt, Volkstüml. aus Sachsen 2, 145.) 

72. Grenkel wohnt in der Ecke, Ohmich flickt Säcke, 
Kaiser hat en schönes Haus, Höde guckt zum Fenster raus, 
Platz scjilacht en Kalb, Naumann kriegt's halb, 
Albrecht kriegt's Gekröse, Lamprecht ist darüber böse, 

Thomas hat zwei schöne Schimmel, Kurth der denkt, er ist im Himmel, 
Berger der trinkt Bier und Wein, Richter denkt, das muß so sein, 
die Krausen hat en schönen Mann, die Schüttgen möcht en gerne han, 
bei Otten sin de Läden krumm, bei Mains is 's Mädchen dumm, 
bei Kuhnerts führt ne Straße naus. Metzlers wohn' im Spittelhaus. 

(Luppa bei Dahlen. Dähnhardt a. a. 0. 2, 147.) 

73. Altemanns wohn' in der Ecke, Straubens flicken Säcke, 
Hamann hat eene schöne Katze, Klemm leckt de Tatze, 

der Schmidt hat e hohes Haus, Ulbricht guckt zum Fenster raus, 

Kerbachs backen Weißbrot, Lippmann schlät den Teifel tot, 

Höpner trinkt gern e Gläschen Wein, Hübler spricht: es muß so sein. 

Bartheis haben hohe Tor'n, Gelljig is im Backofen erfrorn, 

Goldammer denkt, er hat 'ne schöne Frau, Schubert spricht: se is nich ennen 

Teifel wert. 
Scheunert . . . ?, Jäbel guckt in de Kaffeekanne, 
Langes haben Wanzen, Frankens können schön tanzen. 

(Schraalbach b. Roßwein, Dähnhardt a. a. 0. 2, 146.) 



188 



Müller, Stratil: 



Parallelen ausserhalb Sachsens i): 

74. Lammert Schlacht e Schwien, Heckert kriegt Trichin, 
N kriegt en Knocheu, Winks habens gerochen, 
Graupener kriegt en Schwanz, Zimmermann der hält Tanz, 
Leser kriegt de Darm, Petzold schlägt den Lärm, 
Krüger kriegt en Schinken, Dutke kriegt de Wurst, 
Fries kriegt en großen Durst. (Sondersliausen.) 



Leipzig. 



Curt Müller. 



Weihnachtslieder aus Mähren. 

[Über die Entstehung des dramatischen Weihnachtsliedes aus lateinischen Hymnen 
und seine verschiedenen Gattungen s. K. Weinhold, Weihnacht-Spiele und Lieder aus 
Süddeutschland und Schlesien, Wien 1875: F. Vogt, Die schlesischen Weihnachtspiele, 
Leipzig 1901; vgl. auch Häuften oben 4, 29. Die beiden hier mitgeteilten Lieder ent- 
sprechen zum Teil wörtlich den von Weinhold S. 34f. und S. 104f. aus Schlesien auf- 
gezeichneten. Das erste wird, wie Herr Stratil angibt, noch jetzt in mehreren Varianten 
von verkleideten Burschen und Mädchen gesungen, die zur Weihnachtszeit von Haus zu 
Haus ziehen und auch in den Nachbardörfern auftreten.] 



I. Weihnachtslied aus Stachenwald bei Fulnek. 



Gabriel: 
Gelobt sei Jesus Christus! 
Ein' schön' guten Abend geh euch Gott, 
ich bin ein ausgesandter Bot', 
bin ausgesandt aus Engelland, 
der Engel Gabriel werd' ich genannt, 
den Zepter trag' ich in meiner Hand, 
den hat mir Gottes Sohn ernannt, 
die Krön' trag' ich auf meinem Haupt, 
die hat mir Gottes Sohn erlaubt. 
Wer reicht dem König einen Stuhl, 
darauf soll sitzen Gottes Sohn? 
Der heiige Christ ist auch mit mir, 
er steht schon draußen vor der Tür, 
er steht schon draußen, er will schon 

rein 
zu diesen kleinen Kindelein. 

(Hinausrufend): 
heiiger Christ, geh' doch herein, 
laß hören deine Stimme fein. 

Christkind: 
Gelobt sei Jesus Christus! 
Ein' schön' guten Abend, ihr lieben Leut', 
die ihr allhier versammelt seid, 



ich komm' herein getreten, 
will schauen, ob die Kinder fleißig beten. 
Wenn eure Kinder fleißig beten und singen, 
werd' ich ihnen Äpfel und Nüsse bringen, 
wenn sie aber nicht fleißig beten und 

singen, 
wird die Ruf um sie herumspringen. 
Der heiige Josef ist auch mit mir, 
er steht schon draußen vor der Tür. 
er steht schon draußen, er will schon rein 
zu diesen kleinen Kindelein. 

(Hiuausrufend): 
Ach Josef, liebster Josef mein, 
geh' doch herein zum Kindelein. 

Josef: 
„Gelobt sei Jesus Christus! 
Ich komm' herein geschritten 
mit höflichen Tritten, 
ich bin der Pflegevater übers kleine Kind, 
das man in der Krippe findt!" 

Christkind: 
„Ach Josef, liebster Josef mein, 
erzähl' mir was von'n Kindelein!" 



1) Beisp. a. d. Grafschaft Glatz oben 9, 446; Vierteljahrsschr. f. d. Gesch. d. Grafsch. 
Glatz 9, 17. Niederlausitz: Niederlaus. Mitt. 5, i;579ff. — Böhmerwald: Das deutsche 
Volkslied 7, 62, — Gegend von Braunschweig: oben 6, 367 f.; Andree, Braunschweiger 
Volkskunde S, 459 ff. 



Kleine Mitteilungen. 



189 



Josef: 
„Ich möcht' darüber wohl überzeugen [!], 
kann aber nicht mehr stille schweigen; 
wenn die Kinder aus der Schule gehn, 
bleiben sie auf allen Gassen stehn, 
Blätter aus den Büchern reißen 
und in alle Winkel schmeißen: 
solche Possen treiben sie. 

Christkind: 
, Blätter aus den Büchern reißen 
und in alle Winkel schmeißen. 
Solche Possen treiben sie? 
Ei hätt' ich dies zuvor gehört, 
80 war* ich hier nicht eingekehrt, 
so will ich mich bedenken 
und will den Kindern gar nichts schenken," 

Josef: 
„Ei, lieber Ohrist, sei nicht so hart, 
die Kinder sind nicht nach deiner Art, 
die Kinder werden insgemein 
den Eltern wieder gehorsam sein." 

Christkind: 
„So will ich mich bedenken 
und will den Kindern etwas schenken. 

(Zu Gabriel): 
Ei Engel, liebster Engel mein, 
reich' her mir doch das Körbelein, 



ich will ihn' geben diese Gab', 

die ich vom hohen Himmel hab'. 

Draußen hab' ich Schlitten und Wagen, 

d'rauf hab' ich köstliche Gaben 

für junge Mädel und junge Knaben." 

Alle: 
Laufet ihr Hirtlein, laufet alle zugleich, 
nehmet Schalmeien und Pfeifen mit euch, 
laufet alle zumal 
mit freudenreichem Schall 
zum Kindelein, 
zum Krippelein; 
zu Betlehem im Stall, 
ein Kindelein gesehen [!], 
wie ein Engel so schön, 
dabei auch ein alter Vater tut steh'n, 
eine Jungfrau so zart, 
nach englischer Art, 
das tut mich erbarmen 
gottsjämmerlich hart; 
der Weg ist uns mit Rosen gebaut, 
wir wollen uns wieder gegen Himmel 

umschaun. 
Der Himmel ist ein schönes Haus, 
Gottes Segen wohnt in eurem Haus, 
wir danken euch für diese Gaben, 
die wir von euch ererbet haben, 
und lebet alle recht froh beisammen, 
wir geh'n jetzt wieder in Gottes Namen. 



2. Christkindlsingen aus Waltersdorf bei Fulnek. 



Laufer: 
Ein" schön" guten Abend geh' euch 
Gott, 
Ich bin ein ausgesandter Bot'. 
Von Gott bin ich daher gesandt. 
Der Laufer, der werd ich genannt. 
Die heiligen Engel schicken mich herein, 
Sie wer"n wohl auch nicht weit mehr sein. 
Ach, ihr heiligen Engel, tretet doch herein 
Und laßt eure Stimme hören fein, 
(Er läutet.) 

Zwei Engel: 
Ein" schön' guten Abend geh' euch Gott, 
Wir sind zwei ausgesandte Bot', 
Von Gott sind wir daher gesandt. 
Die heiligen Engeln werden wir genannt. 
Das Zepter tragen wir in unser' Hand, 
Die Krön' tragen wir auf unserem Haupt, 
Die hat uns Gottes Sohn erlaubt. 
Der kleine Christ schickt uns herein, 
Er wird vielleicht nicht weit mehr sein, 
(Lauter läutet, das Christkind tritt ein.) 



Christkind: 
Ich komm' herein getreten, 
Komm' sehn, ob die Kinder fleißig beten 

und singen, 
Und wenn dieKinderfleißig beten und singen, 
So will ich ihnen eine Gabe bringen. 

(Zum ersten Engel): 
„Ach Gabriel, du Engel mein. 
Sag, wie verhalten sich die Kindelein?" 

Gabriel: 
„Ach Christ, wenn ich dir sagen soll. 
Die Welt ist böser Kinder voll. 
Die Kinder tun nichts als schelten und lügen, 
Die Eltern bis in den Tod betrügen." 

Christkind: 
„Ach hätt' ich diese Eed zuvor gehört. 
So wären wir nicht eingekehrt." 

Die zwei Engel: 
„Ach kleiner Christ, sei nicht so hart, 
Die Kinder sind wohl nicht nach deiner Art 



190 



Stratil, Knoop: 



Und auch nicht nach deinen Sitten, 
Drum wollen wir um eine Gabe bitten." 

Christkind: 
„Und wenn mich die Engelein so schön 
bitten, 
So will ich ihn' eine Gabe schicken. 
Draußen hab ich Eoß' und Wagen, 
Drauf hab ich gar köstliche Gaben. 
Wohl für die kleinen Mädelein 
Und für die kleinen Knäbelein." 
(Maria und Josef tretea auf.) 

Maria: 

„Ach Josef, liebster Josef mein. 

Komm rein und wieg das Kindelein!" 

Josef: 
„Ach soll ich denn schon wieder wiege, 
Ich konn doch ka(u)m dau Pockel biege. 
Hulei, Hulei, Hulei." 

Maria: 
„Ach Josef, liebster Josef mein, 
Wie soll dem Kind der Name sein? 

Josef (macht eiue Kniebeuge und sagt): 
„Jesus soll der Name sein," 

Maria: 
„Nun so sei es, Josef mein, 
Jesus soll der Name sein. 
Ach Josef, liebster Josef mein. 
Wer kocht dem Kind das Papelein?" 

Josef: 
„Josef kocht das Papelein." 

Maria: 
„Ach Josef, liebster Josef mein, 
Was hat das Kind für Windelein?" 

Josef: 
„Schneeweiße Windelein, schneeweiße 
Windelein." 



Maria: 

„Nun so sei es, Josef mein, 
Schweeweiße Windelein. 

Maria: 
„Ach Josef, liebster Josef mein. 
Was hat das Kind für Schnürelein?" 

Josef: 
„Rosarote Schnürelein." 

Maria: 
„Nun so sei es, Josef mein, 
Rosenrote Schnürelein. 
Ach Josef, liebster Josef mein. 
Was hat das Kind für Dienerlein?" 

Josef: 
„Ochs und Esel soUn die Diener sein." 

Maria: 
„Ach Josef, liebster Josef mein. 
Was hat das Kind für Wiegelein?" 

Josef: 
„Die Krippe soll die Wiege sein." 

Maria: 
„Ach Josef, liebster Josef mein, 
Wo werden wir denn kehren ein?" 

Josef: 
„Im Stalle werden wir kehren ein!" 

Alle: 
Habt Dank, habt Dank, ihr Eltern 
mein, 
Daß ihr uns habt gelassen ein 
Zu euren Kindern groß und klein. 
Gloria, Gloria; uns ist der Weg auf fiosen 

gebaut, 
Wir wollen gegen Himmel naufschauen. 
Gelobt sei Jesus Christus. 



Das Ganze im singenden Ton nach folgenden Melodien: 

-- Nj = — -r-P- 







Ein' schön' gut'n A-bend geb euch Gott, ich bin ein aus - ge - sandter Bo', 
Von Gott bin ich da- her ge-sandt, der Lau-fer, der werd ich ge-nannt usw. 



cB=3 



Ach Jo - sef, lieb- ster Jo - sef mein, 
Komm rein und wieg das Kin - de - lein usw. 

Das Christkind singt nicht, es spricht nur. Die AntM'orten Josefs sind mürrisch, 
brummig und im Dialekt. 



Fulnek (Mähren). 



Do mit ins Stratil. 



Kleine Mitteilungen. 191 

Die kluge Königstochter, 

ein polnisches Märchen. 

Es war einmal eine Königstochter, die war sehr gescheit. Sie war des 
Königs einziges Kind. Da nun ein Königreich einen König haben muss, so 
musste sie sich, um Königin zu worden, verheiraten. Doch weil sie selbst so 
klug und gescheit war, wollte sie auch keinen dummen Mann heiraten; wenigstens 
sollte er eben so gescheit sein wie sie selbst. Da kamen nun jeden Tag viele 
Freier, um sich der Königstochter vorzustellen; aber sobald sie gar klug zu fragen 
anfing, wussten sie nichts zu antworten und mussten beschämt von dannen ziehen. 

In demselben Königreich lebten auch drei Brüder. Die beiden älteren waren 
klug, ja man sagte sogar von ihnen, sie wüssten, wo der Teufel seine Jungen 
habe. Das wussten sie zwar nicht, sondern die Leute redeten es nur so. Der jüngere 
war dumm. Wenigstens sagten es dieselben Leute, und man glaubte es ihnen. 
In AVirklichkeit aber war er nicht so dumm. Diese Brüder hörten auch von der 
klugen Königstochter, und die beiden älteren beschlossen, ihr Glück zu ver- 
suchen. Sie zogen sich schöne Kleider an und machten sich auf die Reise zum 
Schlosse. 

Als der Dumme das sah, ging er mit. Zwar lachten ihn die älteren Brüder 
aus und trieben ihn fort, aber er ging doch hinter ihnen her, und schliesslich 
mussten sie ihn gehen lassen. So von ungefähr lag auf dem Wege ein toter 
Spatz. Die beiden Älteren zogen vorbei, ohne ihn anzusehen; der Jüngere aber 
blieb stehen, rief die beiden andern zurück und zeigte ihnen, was er gefunden 
hatte. Sie sahen sich den Spatz an und gingen dann ärgerlich weiter. Der 
Dumme aber steckte den Spatz in seine Tasche. Nicht weit waren sie gegangen, 
da sah der Jüngere einen Keil liegen, und wieder rief er die Brüder zurück und 
zeigte ihnen seinen Fund, den er glückstrahlend in der Hand hielt. Da wurden 
sie gar böse und prügelten ihn durch. Als er nun noch einen Reifen und einen 
Dreckhaufen fand, da rief er die Brüder nicht erst zurück, sondern steckte diese 
Dinge stillschweigend in seine Tasche und folgte den Voranschreitenden. 

Sie kamen nun vor das Schloss. Die beiden älteren Brüder, die zugleich 
angekommen waren, wurden auch zugleich vorgelassen. Die Königstochter bewill- 
kommnete sie freundlich, aber sie wussten nicht viel zu sagen, obwohl sie sich 
auf eine schöne Rede vorbereitet hatten; und als sie gar anfingen, vom Wetter 
zu reden, da mussten sie das Gemach verlassen. 

Jetzt kam der Dumme an die Reihe. Als er in das erwärmte Gemach trat, 
rief er: „Holde Königstochter, wie warm habt Ihr es hier!" „Im Hintern ist's 
noch wärmer," antwortete darauf die Königstochter. ,,Da kann ich wohl meinen 
Spatz darin braten?" sagte der Dumme. „Ja, aber es wäre schade um das schöne 
Fett, das herauslaufen würde," erwiderte die Königstochter. „Dafür habe ich 
gesorgt," sagte darauf der Dumme; „hier hab ich einen Keil zum Zustopfen mit- 
gebracht." „0," rief da die Königstochter, „davon" könnte aber der Hintere 
platzen!" ,, Keine Sorge," war die Antwort, „ich habe einen Reifen mitgebracht, 
der das Platzen verhindern wird." „Ja, aber wo bleibt denn der Dreck?" fragte 
die Königstochter. Kaum war die Frage gestellt, da griff der Dumme in seine 
Tasche, nahm den mitgebrachten Dreckhaufen heraus und, klatsch, lag dieser auf 
dem Fussboden. Infolge seiner Schiagfertigkeit gefiel der Dumme der Königs- 
tochter, und sie wollte ihn schon am nächsten Tage heiraten. 

Aber damit war der Minister, der auch gern König werden wollte, nicht ein- 
verstanden, und als er am Abend dem Dummen eine Stube zum Nachtquartier 



192 Knoop, Müller-Küdersdorf: 

anweisen sollte, führte er ihn anstatt in ein Zimmer in den Zwinger, in dem ein 
Löwe gehalten wurde, und machte das Tor zu. So, glaubte er, werde der Löwe 
den Dummen auffressen. Aber dieser hatte sich wohl vorgesehen; denn er hatte 
sich, um sich während der Nacht die Zeit zu vertreiben, mehrere Nüsse, einen 
Stein, einen Stubben, ein Beil, eine Geige, eine Peitsche und eine Schere mit- 
genommen. 

Als er den Löwen bemerkte, der sich zum Sprunge duckte, warf er ihm eine 
Nuss hin; denn er glaubte, der Löwe habe Hunger. Der Löwe frass sie auf und 
verlangte mehr davon, denn die Nuss schmeckte ihm. Er warf ihm eine zweite 
hin, und wieder wurde sie verzehrt. Dann warf er ihm den Stein hin und sagte: 
,,Die Nuss kannst du dir selbst aufknacken!" Der Löwe suchte den Stein zu 
zerbeissen, aber er konnte es nicht; und da der Dumme vorhin so leicht jede 
Nuss aufgeknackt hatte, so glaubte der Löwe an eine grosse Stärke des Menschen 
und trat näher zu ihm, um ihn sich ordentlich anzusehen. 

Jetzt nahm der Dumme die Geige und spielte dem Löwen ein lustiges Stück 
vor. Dem Löwen gefiel das, und er wollte das Spielen auch erlernen. Der 
Dumme gab ihm den Bogen in die Tatze, und der Löwe versuchte zu spielen; 
aber es gelang ihm nicht. Da sagte der Dumme: „Mit solchen ungeschickten 
Krallen kannst du es zu nichts bringen." Und nun spaltete er mit dem Beile den 
Stubben und bedeutete dem Löwen, seine Tatze in den Spalt zu legen. Der 
Löwe ahnte nichts Böses und legte seine Tatze in den Spalt hinein. Darauf hatte 
der Dumme nur gewartet. Schnell zog er das Beil heraus, und nun sass der 
Löwe fest und konnte ihm nichts mehr anhaben. Jetzt schnitt er ihm auf dem 
Rücken die Haare ganz kurz, nahm dann die Peitsche und gerbte ihm damit 
ordentlich das Pell, so dass er laut brüllen musste. Darauf legte er sich hin 
und schlief bis zum Morgen. 

Als es Tag wurde, kam der Minister an das Tor, klopfte an und rief den 
Dummen, um sich zu überzeugen, ob der Löwe ihn schon gefressen habe. Da 
aber brüllte der in den Stubben eingeklemmte Löwe und rief: 

„Cicho, kpie! 
Ci dupe okrzojq, 
Kantorem wykrzoja 
Jak mnie."') 

Als der Minister das vernahm, eilte er schnell davon. Der Dumme aber ver- 
liess unversehrt den Zwinger, ging in das Rönigsschloss und hielt Hochzeit mit 
der Königstochter. 

Aufgezeichnet von Herrn Lehrer A. Szulczewski in Brudzyn bei Janowitz. Über 
<lie Eedeweise: „Er weiss, wo der Teufel Junge hat" vgl. meine Posener Dämonensagen 
(Rog. Programm 191'J) Nr. 5 und Bog. Familienblatt 10, 55. — [Das Märchen ist eine 
Variante des Redekampfes zwischen der Prinzessin und dem Dummling, über 
den R. Köhler, Kleinere Schriften 2, 465 und Bolte-Polivka, Anmerkungen zu Grimms 
Märchen 1, 201 (1913) handeln; vgl. auch Carstens oben ö, 458. Zur Überlistung des 
Löwen vgl. Bolte-Polivka 1, GS.] 

Rogasen. Otto Knoop. 



1) Still, Dummkopf! Sie werden dir den Hintern scheren, Mit der Peitsche durch- 
prügeln Wie mich. 



Kleine Mitteilungen. 193 



Acker und Garten im Aberglauben des Isergebirges. 

Zu dem in dieser Zeitschrift bereits erschienenen Kapitel 'Die Haustiere im 
Aberglauben des Isergebirges' (oben 23, 181) bildet die Darstellung der im gleichen 
Landschaftsgebiete verbreiteten Sitten und abergläubischen Regeln betreffs Acker 
und Garten ein nicht minder reichhaltiges Seitenstück. 

Ehe der Ackerbau treibende Isergebirgler mit der Aussaat beginnt, steckt er 
einige Samenkörner in einen Blumentopf. Von ihrer Entwicklung schliesst er auf 
das Keimen im Acker. Soll die Saat viel Frucht treiben, so darf man nach 
seiner Meinung nicht im Neumond säen. Blumensamen streut man am besten 
zur Zeit des Vollmonds aus, weil diese eine volle Blüte verheisst. Damit die 
Zimmerpflanzen reich und voll blühen, beschneidet man sie während des Christ- 
monats (Dezember). Den Acker sucht man dadurch besonders ertragreich zu 
machen, dass man den Dünger am ersten Freitag während des Neumonds auf das 
Feld schafft. Auch die jungen Obstbäume düngt man an den Tagen des zu- 
nehmenden Mondes. Als besonders günstig zum Pflanzen eines Ablegers oder 
jungen Baumes betrachtet man die Zeit des Vollmonds. Demjenigen, der die 
Weiden während des Vollmonds beschneidet, verheisst man viel neue und volle 
Stöcke. Damit Gras und Blumen gut gedeihen, soll man bereits beim Umgraben 
des Gartens einige Saatkörner verstreuen. Bemerkt man auf seinem Saatfelde 
oder an einer anderen verbotenen Stelle seines Grundbesitzes eine Pussspur, so 
misst man sie zuweilen. Man glaubt, dadurch käme über den, der sie getreten, 
die Strafe einer Fasskrankheit. — Soll ein junger Baum glücklich gedeihen, darf 
man beim Pflanzen nicht fluchen. Mit seinen Wurzeln soll man ein Stück Eisen, 
eine Kohle und einen entsprechenden Fruchtkern eingraben. Man sagt: das Eisen 
kühlt den Baum während der Sommerhitze, die Kohle schützt ihn vor nagenden 
Tieren, und der Kern ist ihm die stärkende Kraft. Beim Pflanzen eines Nuss- 
baumes schnitt man früher von demselben drei Zweige ab und sprach: 

'Du lieber Nussbaum, sei uu mein, 
an bring' mir viele Früchte ei'!' 

Den Obstbäumen glaubt man mit dem Wasser, in dem man ein geschlachtetes 
Schwein gebrüht hat, eine recht kräftige Nahrung zuzuführen. Eisengehalt sucht 
man den Bäumen dadurch zu geben, dass man ihnen Nägel einschlägt. Damit 
ein junger Obstbaum künftig viel schöne Früchte bringt, gibt man sein erstes 
Obst einer jungen Frau zu essen. [Vgl. Sartori, Sitte und Brauch 2 (1911), 121.] 
Kommen im Winter Hasen oder Fasanen in den Garten und nagen die Rinde der 
jungen Bäume ab, so soll man sie dadurch unschädlich machen, dass man sagt: 
'Labst ne mih' lang' ! Geht ein Baum, der äusserlich keine Beschädigung zeigt, 
plötzlich ein, so befürchtet man einen baldigen Todesfall im Hause. Von einem 
Apfel oder einer Birne soll man die 'Krutsch' (das Kernlager) mitessen. Man 
sagt, 'darin sind die zehn Gebote enthalten'. Damit der Obstbaum nicht eingeht, 
darf man nach dem Aberglauben des Isergebirglers von seinen Früchten keine 
'Krutsch' verbrennen. Überhaupt soll man niemals frische Zweige ins Feuer 
werfen oder ihre Blätter dem Vieh zu fressen geben. — Dürre Äste, die noch 
Früchte tragen, müssen noch ein Jahr lang liegen bleiben. Myrtenzweige, die man 
beim Begräbnis eines jungen Toten gebraucht hat, soll man wieder einpflanzen; 
sie treiben weiter. 

Zeitschr. d. Vereins f. Volkskunde. 1914. Heft 2. 13 



J9^ Müller- Rüdersdorf, Witt: 

Bei der Ernte darf man nicht mit dem Rechenstiel ins Heu stechen. Man 
sagt, sonst regnet es hinein. Liegt ein Rechen mit den Zinken nach oben, so 
erwartet man baldiges Regenwetter. Früher war es im Isergebirge verschiedentlich 
Sitte, beim Umackern des Stoppelfeldes zu sprechen: 'Im Namen des Vaters, 
des Sohnes und des Heiligen Geistes.' Dem, der Schnee mit umackert, 
prophezeit man eine schlechte Ernte für das nächste Jahr. Manche Leute dreschen 
am letzten Jahrestage in der Meinung, dass sie dadurch die Ratten und Mäuse 
aus Scheune und Haus vertreiben. Wer beim letzten Dreschen den letzten Schlag 
tut, ist der 'Scheunesel'. Er muss Branntwein zum besten geben und wird tüchtig 
gehänselt. [Vgl. Sartori 2, 100 f.] 

Charlottenburg. Wilhelm Müller-Rüdersdorf. 



Doppeldeutige Volksrätsel aus Schleswig-Holstein. 

Als Ergänzung zu den früheren Mitteilungen Jungwirths (oben 20, 83) und 
Andraes (oben 22, 96) kann ich eine Reihe doppeldeutiger Rätsel, die noch heute 
auf der Halbinsel Schwansen durchaus bekannt sind, mitteilen. Aus meiner 
Schulzeit erinnere ich mich, dass gerade Rätsel mit recht derben Anspielungen 
auf geschlechtliche Vorgänge u. dgl. sehr beliebt waren. Unter den 20 bis 
30 Rätseln meiner volkskundlichen Sammlungen aus meinem Heimatsdorf haben 
die meisten eine derartige Doppeldeutigkeit. Ich lasse einige Rätsel aus Damp 
in Schwansen folgen, wie ich sie seinerzeit aus dem Gedächtnisse oder dem Volks- 
mund aufgezeichnet habe. 

1. Mit een Wuppdi 
Sitt ik up di. 

Du büst ünner mi, 
Ik sitt up di, 
Ik heff een Ding 
Dat kettelt di. 

(Reiter und Pferd; Sporn.) — Vgl. Wossidlo, Mecklenburgische Volksüberlieferungen 
1, 44 nr. 74. 

2. Ruch an Ruch, 
Buk an Buk, 
Stick twischen dör, 
Rummel achteran. 

(Pferde und Wagen.) — Wossidlo 1, 64 nr. 119. 

3. Veer runne Runsein, 
Zwee fette Bunzeln, 
Brotschapp, 
Schniick-Schmack, 
Klisterbüdel in'n Bummelsack. 

(4 Räder, 2 Pferde, Kutscher, Peitsche, Teerquaste unter dem Wagen.) — Wossidlo 1, 
nr. 120. 

Neben diesem Pferd- und Wagenmotiv ist besonders das Alte-Frau-Motiv, 
wenn ich diesen kühnen Ausdruck gebrauchen darf, beliebt. Drei Varianten davon 
sind mir noch bekannt: 



Kleine Mitteilungen. 195 

4. Een ol Fru seet up een Block 
Un bekeek pr Jjock. 

Un dacht in or Sinn: 
Harr'k dat lang Dert man pts rin. 
Frau fädelt einen Faden ein.) — Wossidlo 1, nr. 4o4b. 

5. Dor seet mal 'n Fru achder de Tun 
Un beseeg pt Brun. 

Se dach in fr Sinn, 

Harr'k man een dicken fetten dorin. 

(Die Frau besah im Garten den Kohl [in Schwansen meist 'Brunkohl' genannt] und 
wünschte sich Speck zu einer Mahlzeit Kohl.) — Wossidlo 1, nr. 434 a. 

6. Dor sitt een Fru up't Is 
Un schüert er Kapis 

Un denkt in er Sinn: 
Harr'k man een rin. 
(Eine Frau will bei einem Loch im Eise Aal fangen.) — Wossidlo 1, nr. 434c. 

Zum Schluss noch einige andere zweideutige Rätsel: 

7. Ik stünn un pampluse mi, 
Dor keem een lütte Liumlütt 
ün stött' mi an min Pliumplütt. 
„Na, du Deuwel Liumlütt, 

Wat stöttst mi an min Pliumplütt?" 
(Eine Ente plustert sich und wird dabei von kleinen Entlein gestört.) — Wossidlo 1, nr.l3. 

8. Lange Johann, 
Stieg up de Stang! 
Weiht de Wind, 

So bummelt din Ding. 

(Hopfen an der Stange.) — Wossidlo 1, nr. 189 d. 

9. Rüche räche rip. 
Gel is de Pip, 
Swart is de Sack. 
Ra, wat is dat! 

(Gelbe Wurzel in der Erde.) — Wossidlo 1, nr. 121. 

Das von Andrae unter Nr. 6 angebene Rätsel ist wohl kaum zu der Gruppe 
der doppeldeutigen zu rechnen. Mir ist folgende Passung bekannt: 

10. Tweebeen nehm Dreebeen, schmeet Verbeen dormit, 
Dat Dreebeen een Been verlor. 
(Das Melkmädchen wirft nach der Kuh mit dem Melkschemel.) 

Ausser bei Rätseln sind in der von mir durchforschten Gegend geschlechtliche 
Anspielungen zum Teil der allerdeutlichsten Art besonders häufig in Umdichtungen 
hochdeutscher Lieder und in Begleitreimen zu beliebten Tanzweisen (z. B. Vater 
Michel, Schlachtertanz). Die Tänze sind oftmals längst vergessen, die Reime 
aber leben fort. 

j^jgl Arthur Witt. 

13* 



2gg Brandsch: 



Noch ein Torschlag zur lexikalischen Anordnung von Volksnielodien. 

Wieviel wäre doch der vergleichenden Melodienforschung damit gedient, wenn 
jede der vielen Volksliedersaramlungen am Schluss neben dem Verzeichnis der 
Textanfänge auch einen Index der Melodien enthielte, so dass der Forscher mit 
einem einzigen Blick eine ganze Seite des Verzeichnisses überfliegend, in wenigen 
Sekunden die gesuchte Melodie herausfände, statt jedesmal die oft recht dick- 
leibigen Bände von Anfang bis zu Ende durchblättern zu müssen, wenn ihm der 
Textanfang zu der gesuchten Melodie zufällig aus dem Gedächtnis entschwunden 
ist! Der Mangel der mir bisher bekannt gewordenen Methoden lexikalischer An- 
ordnung von Melodien beruht in der ungenauen und schwer lesbaren Form der 
Wiedergabe der Melodien durch Ziffern. Sowohl 0. Koller (Sammelbände der 
Internationalen Musikgesellschaft 4, 1) als auch R. Zoder (oben 18, 307) bedient 
sich der Ziffern, wobei ersterer die metrischen Werte der einzelnen Töne gar 
nicht, letzterer in gewissem Grade berücksichtigt. Der Auftakt am Beginn der 
Melodien wird* wegen seiner in der Tat grossen Variabilität von beiden Forschern 
fortgelassen. Um aber ein Gebilde wie dieses VIP 2 V im | VIP 2 vi zu lesen, 
dazu bedarf es, mindestens für den Ungeübten, eines anstrengenden Denkprozesses, 
so dass sich diese Methode schwerlich allgemein einbürgern dürfte. 

Der Vorschlag, den ich hiermit zur Prüfung und versuchsweisen Anwendung 
empfehlen möchte, ist so einfach und liegt so nahe, dass es ein Wunder wäre, 
wenn er nicht schon irgendwo wenigstens in ähnlicher Form aufgetaucht wäre. 
In der Tat hat J. Po mm er in seinen mir erst nachträglich bekannt gewordenen 
'444 Jodlern und Juchezern' (Wien 1906) die einzelnen Melodien nach fast genau 
denselben Grundsätzen innerhalb seiner Sammlung angeordnet, die ich bei der 
Zusammenstellung meines Melodienlexikons befolgte. Freilich ist Pommer sozu- 
sagen auf halbem Wege stehen geblieben und hat auf einen Index am Schluss 
der Sammlung, der erst eine rasche Übersicht ermöglicht hätte, verzichtet. 

Zu meiner über 800 Melodien umfassenden Volksliedersammlung legte ich 
den Zettelkatalog in folgender Weise an: 

1. Jeder Zettel enthält die 1. Zeile einer Melodie, und nur im Falle der Über- 
einstimmung mehrerer Melodien in der 1. Zeile wird über den Schluss derselben 
hinausgegriffen. 

2. Sämtliche Melodien sind im Katalog (nicht in der Sammlung) nach 
C-dur, beziehungsweise nach A-moU transponiert. Die wenigen äolischen und 
dorischen Melodien wurden dabei als Mollmelodien behandelt. 

3. Die Melodien sind nach dem Anfangston in aufsteigender Reihe angeordnet. 



in der Weise, dass zuerst die mit F /H — ^ und zuletzt die mit Ffa — ' 




beginnenden Melodien folgen. Durch Transposition sämtlicher Melodien in diese 
mittlere Tonlage erreichen wir, dass die Melodien weder nach oben noch nach 
unten allzuweit über das System der gebräuchlichen Notenlinien hinausgehen, 
wenn sie im G-Schlüssel notiert werden. 

4. Innerhalb einer mit demselben Anfangston beginnenden Gruppe sind die 
Melodien ebenfalls genau nach der Tonhöhe in aufsteigender Reihenfolge an- 
geordnet, wobei natürlich auch Tonversetzungen durch ^ oder j? berücksichtigt 
werden. 



Kleine Mitteilungen. 



197 



Zur Veranschaulichung möge der Anfang und Schluss des nach diesen Grund- 
sätzen zusammengestellten Verzeichnisses zu meiner Sammlung hier folgen, wobei 
die Seitenzahlen, da die Sammlung nicht gedruckt, sondern nur im Manuskript 
vorliegt, fingiert sind. 









S. 45. 



-n. i_45 — 0—0 — L-0 — — _ 1 — 0-J 



=3^3 S. 250 ,251). 



-8— •- 






S. 23. 



--8— *— l-jy— ^*— f-g ^— j ^— ä—f^ — •— jl^-H— * — 



S. 251 (250). 









S. 5«, 98. 



i^mM 



--s — [^ — ^~^^^^~*~t *~^~j — 



S. 15, 24, 113. 



m^^: 






S. 60. 



:äziiN=::i^zq=a: 
-4r—* — ä — j — *- 






S. 121. 






S. 14. 






-K \- 



-0- :\Z0—^ — ^-#-1^ — *— * — 



S. 304. 



--3- — fK — s- 



[-^ — k^ — >- 



S. 76. 



a=^- 






:i— 



S. 105. 



-N — ^- 



-^-0- 



5-1- - — j s 5 i 0—^^f^ ß- 



S. 217, 41. 



198 



Brandsch, Fränkel: 



:£=g=:iv=i_li^=:ip=f=f=:rsilz^?=f: 



S. 12. 



Aus dem Schluss des Verzeichnisses: 







S. 52. 



S. 115. 



S. 73. 



S. 98. 



Wo einer Melodie mehrere Seitenzahlen beigefügt sind, da ist ersichtlich, dass 
dieselbe Melodie zu verschiedenen Texten wiederkehrt; Seitenzahlen in Klammern 
bezeichnen eine nahe verwandte Melodie oder ein Melodiefragment usw. 

Der nächstliegende Einwand, der gegen diese Art der Registrierung der 
Melodienanfänge am Schluss der Liedersammlungen erhoben werden wird, ist buch- 
händlerisch-praktischer Natur. Eine Notenzeile in dem gebräuchlichen Fünflinien- 
system ist bei engem Druck ungefähr vier- bis fünfmal so breit als eine klein- 
gedruckte Textzeile; dementsprechend würden sich auch Umfang und Kosten eines 
Melodienregisters etwa vier- bis fünfmal so hoch stellen als die des Textregisters 
zu derselben Sammlung. Darf dieser Gesichtspunkt entscheidend ins Gewicht 
fallen gegenüber der grossen Ersparnis von Kraft und Zeit, die für die Melodien- 
forschung aus der Einführung von Melodienverzeichnissen in obiger Art erwachsen 
würde? 

Alle anderen Einwände, die sich etwa noch geltend machen Hessen und die 
zum Teil schon (von Zoder gegen Pommer) geltend gemacht worden sind, treffen 
meines Erachtens die Textverzeichnisse der Lieder genau ebenso wie die Melodien- 
verzeichnisse. Wird auf die grosse Variabilität der Melodienanfänge hingewiesen, 
so darf ich wohl entgegnen, dass die Textanfänge nicht minder veränderlich sind. 
Ein und dasselbe Lied (vom Wettstreit zwischen Wasser und Wein) wird bei- 
spielsweise in Siebenbürgen allein mit folgenden verschiedenen Textanfängen ge- 
sungen: 'Es waren zwei Gesellen fein', 'Merkt auf, ihr Christen und Leute', 'Hört 
zu, ihr Christen und Leute', 'Ich sing ein Liedchen hübsch und fein'. Dazu 
kommen aus Deutschland folgende Varianten: 'Wir woU'n eins singen so hübsch 
und so fein' (Ditfurth, Fränkische Volksl. 2, nr. 352), 'Ich weiss mir ein Liedlein 
hübsch und fein' (A. Bender, Oberschefflenzer Volkslieder nr. 142), 'Jetzt lasst 
uns mal singen' (Becker, Rheinischer Volksliederborn nr. 27). Zieht man noch 
in Betracht, dass ein und dasselbe Lied hier mit der ersten, dort aber mit der 
zweiten oder dritten Strophe begonnen wird, so wird man nicht sagen können, 
dass die Mannigfaltigkeit in der Variation bei den Melodieanfängen eine grössere 
sei als bei den Textanfängen. Ein genaues Melodienregister wird eben nach 
Möglichkeit ebenso wie ein genaues Textregister alle in der betreffenden Sammlung 



Kleine Mitteilungen. 199 

enthaltenen Varianten, auch wenn sie nur zum Vergleich herangezogen werden, 
aufnehmen. In ähnlicher Weise erledigt sich ein anderer irgendwo laut ge- 
wordener Einwand gegen eine Registrierung der Melodie an fange, dass nämlich 
zuweilen nicht der Anfang, sondern eine später auftretende Wendung der Melodie 
sich durch ihre charakteristische Form dem Gedächtnis am festesten einpräge, 
einfach durch den Hinweis auf dieselbe Möglichkeit auch bezüglich der Liedertexte. 

Alles in allem sollte man meinen, dass die hier in Vorschlag gebrachte 
Methode der Registrierung schon infolge ihrer, ich möchte sagen, Selbstverständ- 
lichkeit nach Analogie der Textregister sich in kurzem allenthalben einbürgern 
müsste. 

Kleinscheuern b. Hermannstadt (Siebenbürgen). Gottlieb Brandsch. 



Auffrischung alter Fastnachtsfeiern in der Rheinpfalz. 

Zwei alte volkstümliche Bräuche wurden heuer bei Fastnachtsschluss hier 
zu Lande mit Eifer neu belebt: ein christlicher aus dem 17. Jahrhundert und 
ein wesentlich älterer wohl aus altgermanischer Zeit. Auf den lustigen Paschings- 
dienstag, den 24. Februar, fiel diesmal in Wattenheim der Matthias- oder 
Viehdienstag, ein örtlicher Buss- und Bettag der zwei christlichen Konfessionen, 
der mit vormittägigem Gottesdienst in beiden Pfarrkirchen, namentlich aber seitens 
der Katholiken gefeiert wird, wozu sich dann eine grössere Anzahl beicht- 
hörender Geistlichen und viele Beichtkinder aus den Nachbarorten einfinden. Die 
Einwohner Wattenheims, besonders die bäuerlichen, halten ernst an diesem Buss- 
tage fest, der der Überlieferung zufolge zur Erinnerung an ein ausgedehntes Rind- 
viehsterben eingesetzt wurde, als dieses die Altvordern einst in arge Not ver- 
setzte. Wahrscheinlich reicht dieser Feiertag bis zum Ausgange des sogenannten 
orleanischen (Pfälzer Raub-) Kriegs oder gar des 30jährigen zurück. Eine einzige 
milchende Kuh soll damals übriggeblieben sein. Darum hat das Rindvieh am 
Matthiastag Ruhe. Es wird nicht eingespannt, ja kommt überhaupt nicht vor den 
Stall, da dies Unheil bringen könnte. Die Viehbesitzer fasten da oft bis nach 
dem Frühgottesdienste, und oft wird auch dann erst dem Vieh das Morgenfutter, 
und zwar früher zuerst Brot und Salz, gegeben. Indem die Wattenheimer an diesem 
Feiertage neuerdings festhalten, hatten sie das deutliche Bewusstsein, einen ehr- 
würdigen Akt der Pietät gegen ihre frommen Ahnen zu erfüllen. — Und an dem- 
selben Datum abends VgT Uhr flammte auf dem Felsen des sagenurasponnenen 
Brunholdisstuhles in der vorderen Haardt ein mächtiges Fastnachtsfeuer 
auf, das über eine Stunde lang weit in die Rheinebene hinausleuchtete. Schon 
in frühen Zeiten wurden hier Holzreiser und Zasseln in der Fastnacht auf- 
geschichtet und angezündet. Alt und jung tanzte vergnügt im Kreise um die 
Flammen, und Feuerräder wurden weit in die Ebene hinausgerollt. Dieser Brauch 
wurde noch um 1820 betätigt, obwohl eine Visitationsordnung des Pfalzgrafen 
Johann von Zweibrücken vom 12. Dezember 1579 ausdrücklich verbot „Haifeuer 
am Rhein, Redder schieben, Braten heischen, verbutzen und dergleichen Fast- 
nachtsspiel und Gauckelwerk." So lebt jetzt nach längerer Zeit dieser Brauch, 
der zweifellos in gar altem Herkommen fusst, wieder auf. Die uralte Thingstätte an 
der vorderpfälzischen Heidenmauer übt augenscheinlich noch ihre starke Anziehungs- 
kraft aus. 

Ludwigshafen a. Rh. Lutiwig Fränkel. 



200 



Höfler, Zachariae: 



Yernageln. 

(Mit einer Abbildung.) 

Die beiden hier abgebildeten alten, eng aneinanderstehenden Föhrenbäume be- 
finden sich nahe dem Punkte, an dem sich die Grenzen der Gemeinden Tirschen- 
reuth, Gumpen und Hohenwald treffen, im Gemeindewald Tirschenreuth, Kr. Ober- 
pfalz, fern von Verkehrsstrassen. Die eine Föhre trägt ein aus Bretterholz aus- 
gesägtes, vor drei bis vier Jahren renoviertes Kruzifix mit darunter befindlichem 




Marien- und Fegefeuerbild (in einem Stück). Beide Bäume sind nahe am Erd- 
boden, an der Stelle, an der sie ursprünglich sich berührten, durch Axthiebe der 
Rinde entblösst, und zwar jeder Baum ziemlich bis zur gleichen Höhe — etwa 
IV2™ vom Erdboden — auf beiden Seiten (auf der Rückseite also ebenso wie 
auf der Vorderseite). Während die Behauung auf den beiden Vorderseiten und 
auf der Rückseite mit Gesicht gegen den Baum auf der rechten Seite alt und 
wettergrau ist, ist auf der linken Rückseite eine erst einige Wochen alte, frische 
Behauung vorgenommen worden. Die Axtspuren sind deutlich zu erkennen, die 
Holzteile sind entfernt. Soweit der Baum von Rinde entblösst ist, sind etwa 
120 Hufschmiedenägel und Nägel mit kleinerem Kopf (sog. Zimmermannsnägel) 
eingeschlagen (auf dem Bilde als schwarze Punkte sichtbar). Auch in der Rinde 



Kleine Mitteilungen. 201 

sind, soweit sichtbar, etwa 30 Nägel eingeschlagen; manche werden von der 
Rinde überwachsen sein (dies zu verhindern wohl die Behauung). An der frischen 
Hauptstelle befindet sich kein Nagel, doch sind Nagelspuren (Löcher) älteren 
Ursprungs sichtbar. 

Der Baum (und'jdas Bild) haben keinen Namen; etwa 2 km entfernt befindet 
sich ein wundertätiges Marienbild 'Maria -Weiher', zu dem Einheimische und Aus- 
wärtige (Böhmen) mit Wachsopfern wallfahrten. 

Über den Gebrauch des Nageleinschlagens konnten hiesige, mit der Bevölkerung 
vertraute Persönlichkeiten keinen Aufschluss geben. Die Tatsache ist überhaupt 
sonst hier unbekannt. 

(Mitteilung von Herrn Daxenberger in Tirschenreuth vom 9. Juni 1909.) 

Es ist ein 'Stock im Eisen', wie das einstmals so hochgehaltene Wahrzeichen 
Wiens hiess; die Krankheiten wurden so insgeheim in den frischen rindenlosen 
Holzstock 'vernagelt', namentlich in der Nähe von Kultquellen. 

Bad Tölz. Max Höfler. 



Das kaudinische Joch. 

Am Schluss meines Aufsatzes über Scheingeburt^) oben 20, 141 — 181 habe 
ich den Durchzug eines kriegsgefangenen Heeres durch das sogenannte iugum, 
gr. ^v/6v oder :ivh] 'Torweg', behandelt und dieses Durchziehen oder 'Durch- 
kriechen' im Anschluss an eine Bemerkung Frazers in seinem Golden Bough als 
eine Reinigungszeremonie bezeichnet. Zum Vergleich mit dem iugum habe 
ich die porta triumphalis und das tigillum sororium herangezogen (S. 177 
A. 4 und S. lyO). Der Durchzug eines heimkehrenden Heeres durch die porta 
triumphalis kann ebenfalls als eine Reinigungszeremonie betrachtet werden, als 
eine Zeremonie, die die Reinigung des Heeres von der Befleckung des Krieges 
und zugleich die Zurückführung des Heeres aus dem Kriegszustand in den Friedens- 
zustand bezweckte. Die von mir a. a. 0. zitierten Äusserungen^) von Alfred 
V. Domaszewski in seinen Abhandlungen zur römischen Religion S. 222 f. waren 
es, die mich zu dieser Auffassung bestimmten, und ich bedaure nur, dass ich 
mich früher mit einem blossen Hinweis auf die porta triumphalis begnügt und 
meine Auffassung des Brauches nicht genauer formuliert habe. Nachtragen möchte 
ich hier einen Verweis auf die Bemerkungen von Arnold van Gennep über den 
römischen Triumphbogen^) in seinem Buche Les rites de passage, Paris 1909 p. 28, 
und auf den ausgezeichneten Artikel 'Door' in der Encyclopaedia of Religion and 
Ethics 4, 846—852. 



1) Zum indischen Hiranyagarbha-Ritus (S. 159 ff.) hätte ich auf den Aufsatz von Emil 
Schmidt: Die Wiedergeburt der Herrscher von Travaucore, Globus 63, 21fif., verweisen 
sollen. Man sehe jetzt auch Frazer, Totemism and Exogamy 1, 32. 4, 208 ff. 

2) Die Ausführungen Domaszewskis (die sich in erster Linie auf den Durchzug des 
Heeres durch die Porta (Jarmentalis beziehen sind kritisiert worden von Wissowa, Deutsche 
Literaturzeitung 1909 Sp. SfloiJf. und von Deubner, Archiv für Religionswissenschaft 13, 502. 

3) Cette meme ovolution, du portique inagique au monument, semble avoir ete 
Celle de l'arc de triomphe romain, le triomphateur ayant d'abord, par une serie de 
rites, ä se separer du monde cnnemi, pour pouvoir rentrer par son passage sous l'arc 
dans le monde romain, le rite d'agrogation etant ici le sacrifice ä Jupiter Capitolin et 
aux divinites protectrices de la citti. — Vgl. S. 30 Anmerkung. 



202 Zachariae : 

Über das tigillum sororium, den 'Schwesterbalken', habe ich auf S. 180 meines 
Aufsatzes gehandelt, im Anschluss an die Ausführungen von W. F. Otto im 
Rheinischen Museum für Philologie 64, 466 ff. Dabei habe ich mich leider einer 
Unterlassungssünde schuldig gemacht. Ich hätte auch auf Roschers Lexikon 
der griechischen und römischen Mythologie 2, 21 verweiset sollen^). 'Wie alt 
dieses bis ins 5. Jahrh. nachweisbare Heiligtum (das tigillum) war', schreibt 
Röscher hier, 'ersieht man aus der Legende, wonach die Errichtung des Tigillum 
und der beiden Ahäre auf die Sühne des von dem letzten Horatier begangenen 
Schwestermords bezogen wurde. Zum Verständnis der Legende erinnere ich an 
die von Grimm DM. ^ 1118 erörterte Sitte, einen verderblichen Zauber (Fluch) 
dadurch zu lösen, dass man durch gespaltene Bäume, durch Erd- und Felsen- 
höhlen hindurchging oder -kroch'. Röscher fasst also das Durchgehen unter 
dem heiligen Schwesterbalken als ein 'Durchkriechen' auf, das zur Entsühnung 
vorgenommen wurde. Und so schreibt denn auch Wissowa in der zweiten 
Auflage seines Buches über die Religion und den Kultus der Römer 1912 S. 104, 
dass das Durchgehen unter dem Balken 'eine Sühnzeremonie gewesen sein mag'; 
zum Durchgehen durch ein enges Tor oder einen Spalt als Reinigungs- 
zeremonie verweist er, wie W. P. Otto a. a. ü., auf Frazer, The golden bough 2 
3, 399ff. (in der 3. Auflage: 7, 2, 175ff.). 

Sonst wüsste ich dem, was ich in meiner Abhandlung namentlich über die 
ursprüngliche Bedeutung des Jochganges gesagt habe — wobei mein Bestreben 
war, den Weg für Prazers Erklärung zu ebnen — , nichts hinzuzufügen. Wenn 
ich dennoch hier noch einmal auf den Gegenstand zurückkomme, so geschieht es, 
um meine Befriedigung darüber auszudrücken, dass Frazer in der dritten Auf- 
lage des Golden Bough 7, 2, 193ff. (1913) seine Erklärung des Jochganges wieder- 
holt und, übrigens ohne meine Abhandlung zu kennen, nunmehr auch das 
Tigillum sororium und die Porta triumphalis zum Vergleich mit dem Jugum 
herangezogen hat. Da ich bei den Lesern einer Zeitschrift für Volkskunde Interesse 
für Frazers Ansichten voraussetzen darf, so erlaube ich mir ausführlich mitzuteilen, 
was Frazer a. a. 0. über den Schwesterbalken und die Triumphpforte bemerkt hat. 

Zunächst weise ich darauf hin, dass Frazer seine Vermutung, der Jochgang 
sei ursprünglich eine Reinigungszeremonie gewesen, nicht, wie in der 2. Auf- 
lage des Golden Bough, in eine Anmerkung versteckt, sondern jetzt in den 
Text gesetzt hat-). An seine Erklärung des Jochganges schliesst Frazer S. 194 
die folgenden, in der 2. Auflage noch fehlenden Bemerkungen: 

This conjectural explanation of the ceremony is coufirmed by the tradition that Ihe 
Roman Horatius was similarly obliged by bis feliow-countrymen to pass under a yoke as 
a form of purification for the murder of Ms sister. The yoke by passing under which he 
cleansed himself from his sister's blood was still to be seen in Rome when Livy was 
writing his history under the emperor Augustus. It was an ancient wooden beam 
spanning a narrow lane in an old quarter of the city, the two ends of the beam being 
built into the masonry of the walls on either side; it went by the name of the Sister's 
Beam, and whenever the wood decayed and threatened to fall, the veuerable monument, 

1) Das Zitat ist gegeben worden von Fowler, Classical Review 27, 50 und fast gleich- 
zeitig von Frazer, Golden Bough ^ 7, 2, 194. 

2) Im Wortlaut besteht zwischen dem, was Frazer ^ 3, 40G Anm. und neuerdings in 
der 3. Auflage 7, 2, 193 f. sagt, kaum ein Unterschied. In der 3. Auflage steht am Rande 
der Seite die folgende Inhaltsangabe: The ancient Roman custom of passing 
enemies under a yoke was probably in origin a ceremony of purification 
rather than of degradation. 



Kleine Mitteilungen. 203 

which carried back the thoughts of passers-by to the kingly age of Rome, was repaired 
at the public expense^). If our Interpretation of these customs is right, it was the ghost 
of his murdered sister whom the Roman hero gave the slip to by passing under the 
yoke; and it may have been the angry ghosts of slaughtered Romans from whom the 
enemy's soldiers were b'elieved to be delivered when they marched under the yoke before 
being dismissed by their merciful conquerors to their homes. 

In a former part of this work we saw that homicides in general and victorious 
warriors in particular are offen obliged to perform a variety of ceremonies for the pur- 
pose of ridding them of the dangerous ghosts of their victims^). If the ceremony of 
passing under the yoke was primarily designed, as I have suggested, to free the soldiers 
from the angry ghosts of the men whom they had slain, we should expect to find that 
the victorious Romans themselves observed a similar ceremony after a battle for a 
similar purpose. Was this the original meaning of passing under a triumphal arch? 
In other words, may not the triumphal arch have been for the Victors what the yoke 
was for the vanquished, a barrier to protect them against the pursuit of the spirits of 
the slain? That the Romans feit the need of purification from the taint of bloodshed 
after a battle appears from the opinion of Masurius, mentioned by Pliny, that the laurel 
woru by soldiers in a triumphal procession was intended to purge them from the slaughter 
of the enemy"). A special gate, the Porta Triumphalis, was reserved for the entrance of 
a victorious army into Rome*); and it would be in accordance with ancient religious 
views if this distinction was originally not so rauch an honour conferred as a precaution 
enforced to prevent the ordinary gates from being polluted by the passage of thousands 
of blood-guilty men. 

Es ist wohl kaum zu bezweifeln, dass Frazer im Rechte ist, wenn er das 
iugum und das tigillum auf eine Stufe stellt. Die Entscheidung darüber, ob er 
mit seiner Ansicht über die ursprüngliche Bedeutung des Durchzugs durch die 
porta triumphalis das Richtige getroffen hat, wird wesentlich von der Beant- 
wortung der Frage abhängen: Fühlten die Römer wirklich 'die Notwendigkeit der 
Reinigung von dem Makel des Blutvergiessens nach einer Schlacht', hielten sie 
eine Entsühnung der heimkehrenden Krieger — und zugleich ihrer Streitrosse, 
Waffen usf. — für nötig? Man hat diese Frage meist im bejahenden Sinne be- 
antwortet; und, wie ich meine, mit vollem Recht. Ich verweise nur auf die Er- 
örterungen von W. Warde Fowler in seiner Vorlesung über die Lustration^) 
und auf die von Ludwig Deubner (der die Kriegsbräuche der neuseeländischen 
Maori heranzieht) in seinem Vortrag Zur Entwicklungsgeschichte der altrömischen 
Religion«^). Soweit meine Kenntnis der einschlägigen Literatur reicht, hat nur 



1) In der Anmerkung zitiert Frazer die klassischen Stelleu, wo das Tigillum sororium 
erwähnt wird, und ausserdem beruft er sich auf Roschers Lexikon der Mythologie 2, -21 
und auf Wissowa, Religion und Kultus der Römer ^ S, 104. 

2) Frazer zitiert: 'Taboo and the Periis of the Soul', pp. 165 sqq. Gemeint ist der 
zweite, mir jetzt nicht zugängliche Teil der 3. Auflage des Golden Bough. In der 
2. Auflage entspricht: 1, 331—341, eine Stelle, worauf ich in meiner Abhandlung über 
Scheingeburt oben 20, IHO'^ bereits verwiesen habe. 

3} Frazer zitiert: Plinius u. h. 15, 135 'Quia suffimeutum sit caedis-hostium et pur- 
gatio.' — Vgl. die oben 20, 180^ von mir angeführte Stelle Festus p. 117, 13 Laureati 
milites sequebantur currum triiimphantis, ut quasi purgati a caede humana mtrarent 
ürbem. 

4) Frazer zitiert: Cicero, in Pisonem 23, 55; Josephus, Bellum Judaicum T, 5, 4. 

5) Die Anthropologie und die Klassiker, sechs Vorlesungen .... übersetzt von 
Johann Hoops, Heidelberg 1910 S. 205. 223. 

0) Neue Jahrbücher für das klassische Altertum, Geschichte und deutsche Literatur 
14, 324 ff. 



204 Zachariae: 

J. S. Reid die oben gestellte Frage mit Entschiedenheit verneint. 'It can hardly 
be supposed', schreibt er, 'that the Romans ever regarded the triumph as in any 
way a lustral ceremony. The lustratio is a means of putting away guilt and 
winning favour from the gods; but an army which has ji'st been vouchsafed a 
victory in answer to vows has ample proof that the cour.tenance of heaven has 
been secured, and the shedding of blood in a iustum bellum did not, 
to the Roman mind, call for purification' (The Journal of Roman Studies 
2, 46). Ich sehe aber nicht ein, weshalb wir den Römern einen Glauben ab- 
sprechen sollen, den wir bei anderen Völkern reich genug vertreten finden. Wie 
weit verbreitet die Anschauung war und noch ist, dass Krieger, die Blut ver- 
gossen haben, entsühnt werden müssen, hat ja Frazer im Golden Bough ^ 1, 331 ff. 
unter der Überschrift 'Manslayers tabooed' gezeigt und mit vielen Beispielen 
belegt. Zu der von Frazer S. 335 und auch von Fowler (Die Anthropologie und 
die Klassiker S. 223) zitierten Stelle Numeri 31, 19f. (Lagert euch ausserhalb des 
Lagers sieben Tage, jeder, der Menschen getötet oder Erschlagene angerührt hat, 
und entsündigt euch am dritten und siebenten Tage, ihr samt euren Ge- 
fangenen. Alle Kleider sowie alle Geräte von Leder, Ziegenhaar und Holz müsst 
ihr entsündigen) vergleiche man auch die Kapitel 'Verunreinigung durch Leichen' 
und 'Rückkehr in den profanen Stand' in Friedrich Schwallys Semitischen 
Rriegsaltertümern 1, 66 f. 106 ff. sowie Robertson Smiths Lectures on the Religion 
of the Semites^ 491. 

Zum Schluss muss ich noch auf ein merkwürdiges Zusammentreffen hinweisen. 
Die von mir mitgeteilten und besprochenen Ausführungen Frazers über das iugum, 
das tigillum und die porta triuraphalis waren von ihm niedergeschrieben aber noch 
nicht dem Druck übergeben, da erschien ein Artikel von W. Warde Fowler mit 
der Überschrift Passing under the yoke in der Classical Review 27 (1913), 
48 — 51. Ähnlich wie ich selbst vor vier Jahren, so geht dieser Autor von Frazers 
Vermutung über den Jochgang (Golden Bough ^ 3, 406) aus und zeigt, dass das 
Durchgehen unter dem Schwesterbalken und der Durchzug durch die Triumph- 
pforte mit dem Jochgang auf eine Stufe gestellt, dass alle drei Bräuche auf den- 
selben Grundgedanken zurückgeführt werden können. Merkwürdig ist dieses 
Zusammentreffen von Frazers und Fowlers Ansichten allerdings; 'the closeness of 
the coincidence between our views is a welcome confirmation of their truth', 
bemerkt Frazer im Golden Bough ^ 7, 2, 195, Anra. 4. Im übrigen habe ich nicht 
die Absicht, alle die Gründe hier zu wiederholen, mit denen Fowler seine Auf- 
fassung gestützt hat. Doch will ich besonders hinweisen auf die Bemerkungen 
Fowlers über die älteste Form der porta triumphalis und das herausheben, was 
er am Schluss seines Artikels über die Bedeutung des Jochganges sagt. Was für 
einen Zweck hatte man wohl im Auge — so fragt er — , wenn man die Kriegs- 
gefangenen dieselbe Zeremonie durchmachen liess, wie den Mörder (z. B., der 
Sage nach, den Horatier) oder das siegreiche Heer? Nach Frazer wollte man die 
Gefangenen, ehe man sie nach Hause entliess, von ihren 'malignant and hostile^) 
powers' befreien. 'I do not see', bemerkt Fowler hierzu, 'that we can find a 
better explanation, though I might put it somewhat differently. They had to 
be brought out of one status into another; they must not be any longer 
the same beings they were before the deditio; just as in historical times the 
dediticius passed out of his former status into a new one, and became absorbed 
in the body politic of the conqueror, to be henceforward harmless.' Oben 20, 179 



1) 'Some uncanny powers' sagt Frazer in der 3. Auflage des Golden Bough 
7, 2, 194. 



Kleine Mitteilungen. 205 

hatte ich die Vermutung ausgesprochen, dass das Durchgehen unterm Joch die 
Zurückführung der Kriegsgefangenen in ihre frühere Stellung bezweckte. 
Aber das sollte nur eine Vermutung sein. Denn da das 'Durchkriechen' den 
verschiedensten Zwecken dient, so kann man allerdings über den ursprüng- 
lichen Sinn des Jochganges verschiedene Ansichten aufstellen. Aber damit scheint 
mir Frazer durchaus das Richtige getroffen zu haben, dass er die gewöhnliche 
Annahme, der Jochgang sei eine Zeremonie der Erniedrigung oder Demütigung 
gewesen, zurückgewiesen hat. Das möchte ich besonders betonen. Wer dem 
genialen englischen Forscher nicht beizupflichten vermag, dem wird nichts anderes 
übrig bleiben, als zur 'Symbolik' seine Zuflucht zu nehmen. Schon Livius be- 
hauptet an der Stelle, wo er das iugum zum ersten Male erwähnt (3, "28: Sieg 
der Römer über die Aequer), dass die Kriegsgefangenen unter dem Joch davon- 
ziehen mussten, 'ut exprimatur confessio subactam domitamque essegentem'; 
und H. Nissen gibt in seiner Beurteilung des Jochganges der Römer bei Caudium 
allerdings zu, es sei kein besonderer Schimpf gewesen, den C. Pontius den ge- 
fangenen Legionen antat, wenn er sie das Joch passieren liess; aber dann fügt er 
hinzu: die Symbolik deutet an, dass sich die Römer als kriegsgefangen und nur 
durch Gnade in Freiheit gesetzt bekannten^). Ähnlich erklärt Henri Gaidoz in 
seinem Buche über das Durchkriechen") den Jochgang für einen Unterwerfungs- 
ritus (rite de soumission). Er geht aus von dem Rasen gang, der als ein Heil- 
ritus und auch als ein Zeichen der Unterwerfung vorkommt (oben 20, 148f.; 
177), erinnert an das Werfen auf die Erde, an Ausdrücke wie Mordre la poussiere 
ou la terre, Ins Gras beissen usf., und unter den Belegen teilt er mit, was 
Baber in seinen Denkwürdigkeiten von den Afghanen erzählt^). Als Kaber 
Afghanistan erobert hatte, und als die Afghanen einsahen, dass weiterer Wieder- 
stand vergeblich sein würde, da erschienen ihre Gesandten vor Baber, Gras im 
Munde haltend. Das sollte bedeuten: Wir gehören dir, wir sind dein Vieh*). 
'C'est ainsi', bemerkt Gaidoz dazu, 'que ce rite de soumission etait compris: c'est 
un rite representatif d'asservissement, oü l'homme asservi est ravale au rang de 
betail, rite identique, par l'intention, a celui des Romains quand ils 
faisaient passer l'ennemi vaincu sous le joug, c'est-a-dire l'assi- 
milaient a une bete de labour'. Aber jenes torartige Gerüst oder Gestell, 



1) Gegen diese Erklärung habe ich mich bereits oben 20, 179 ausgesprochen. So 
wendet sich auch Schwally bei der Besprechung von gewissen Bundschliessungsriten 
(vgl. oben '20, 150 ff.) mit Entschiedenheit gegen die symbolische Theorie. 'Wenn auch 
bereits sehr früh aus diesen Riten ein symbolischer Sinn lierausgefühlt wurde, so niuss 
derselbe doch schon um deswillen sekundär sein, weil religiöse Motive immer älter 
sind als symbolische' (Semitische Kriegsaltertümer 1, 54f.). Ich verweise noch auf 
die treffenden Bemerkungen von W. Kroll in den Göttingischen Gelehrten Anzeigen 1905, 
243 f. und von P. Sartori, Sitte und Brauch 1, 15 f. 

2) Un vieux rite medical 1S92 p. 83. Ich habe mich zwar schon früher über die 
von Gaidoz hier vorgetragene Ansicht geäussert, halte es aber für erspriesslich, hier noch 
einmal darauf zurückzukommen; ist doch Un vieux rite mödical ein seltenes, durchaus 
nicht allgemein zugängliches Buch. Übrigens vergleiche man auch den Artikel 'La 
soumission par le symbole de l'herbe', den Gaidoz in seiner Melusine 9, 33—34 ver- 
öffentlicht hat (mir jetzt nicht zugänglich). 

3) Ich benutze hier auch eine Mitteilung von G. A. Grierson, Indian Antiquary 20 
(1891), 338 f. 

4) Zu diesem Ausdruck vergleiche man R. Pischel (der übrigens den von Gaidoz 
aus Babers Denkwürdigkeiten beigebrachten Beleg nicht kennt) in seiner Abhandlung 
über die Redensart 'Ins Gras beissen', Sitzungsberichte der Berliner Akademie 1908, S. 448. 



206 Zachariae, Boehm: 

unter dem besiegte Feinde hindurchgeben mussten, ebe sie nacb Hause entlassen 
wurden, ist wohl einem Joch ähnlich und wird geradezu Joch genannt, aber es 
ist darum kein Joch im eigentlichen, gewöhnlichen Sinne des Wortes; es ist 
nichts weiter als ein 'extemporised arch', um Powlers sehr glücklichen Ausdruck 
zu gebrauchen (Classical Review 27, 48). Einen solchen Bogen mit drei Speeren 
zu bilden, von denen zwei in die Erde gesteckt und einer quer darüber gebunden 
wurde, lag draussen im Felde nahe genug. Sehr wenig unterscheidet sich das 
Gestell, das die Römer iugum nannten, von dem, das die Tartaren errichteten 
(duas hastas ponunt iuxta ignes, et unam cordam in summitate hastarum) und 
unter dem sie nach einem Todesfalle hindurchschritten, um sich zu reinigen; und 
dieses Gestell wiederum ist sehr nahe verwandt dem Bogen — oder dem 'Joch', 
wie es Oldenberg nennt — , unter dem in Indien die Angehörigen eines Ver- 
storbenen, wenn sie von der Verbrennungsstätte zurückkehrten, hindurchgehen 
mussten: zwei Äste eines heiligen Baumes werden in den Boden geschlagen und 
oben mit einer dünnen Schnur zusammengebunden (oben 17, 470; 20, 180 f.). 

Halle a. S. Theodor Zachariae. 



Zur Pflege der Tolkskunde in Italien. 

Unter den mannigfaltigen Veranstaltungen, mit denen im Jahre 1911 das 
50jährige Jubiläum des Königreichs Italien gefeiert wurde, stand die auf der 
Piazza d'Armi in Rom errichtete 'Mostra Etnografica' an einer der ersten 
Stellen. Sie war der 'Etnografia Italiana', der italienischen Volkskunde, gewidmet 
und zerfiel, wenn man von dem üblichen Vergnügungspark u. dgl. absieht, in 
zwei Hauptteile: Einmal waren die historischen Provinzen des Königreichs durch 
besondere Gebäude vertreten, die jedesmal in der für ihre Gegend charakteristischen 
Bauart errichtet waren und in ihrem Inneren in ebenfalls charakteristischem 
Rahmen Sonderausstellungen der bezeichnenden Industrie-, Handwerks- und Heim- 
arbeitserzeugnisse enthielten, zum Teil diese sogar (Flechtereien, Gewebe u. dgl.) 
vor den Augen der Besucher entstehen Hessen. Neben vielem Interessanten und 
Hübschen gab es hier auch manche Geschmacklosigkeiten, so Wiedergaben von 
Teilen des Dogenpalastes in Venedig, des Palazzo Vecchio in Florenz, die bei 
der selbstverständlichen Verkleinerung der Masse und der ünechtheit des Materials 
unschön wirkten. — Den zweiten Teil der Ausstellung bildete eine in einem 
besonderen, würdigen Gebäude untergebrachte Sammlung von Volkstrachten, 
Handarbeiten, Geräten und anderen volkskundlichen Gegenständen, die wegen der 
Fülle des aus ganz Italien zusammengebrachten Materials und dessen wissen- 
schaftlicher Anordnung einen vorzüglichen Eindruck machte und sehr interessant 
und lehrreich war. Besonders reichlich waren die Gruppen der volkstümlichen 
Drucke, Flugblätter usw. sowie der Amulette beschickt. 

Den Kern dieser Sammlungen bildete das von Dr. Lamberta Loria am 
20. September 1906 in Florenz begründete Museo di Etnografia Italiana. 
Dieser Gelehrte, der mit unermüdlichem Fleisse und selbstloser, unerschütterlicher 
Begeisterung für die Belebung der volkskundlichen Studien in Italien tätig ge- 
wesen ist, wurde im Jahre 1855 zu Alexandria in Ägypten geboren, von wo sich 
sein Vater bald nach Pisa begab. Hier genoss L. seine Ausbildung, die 1881 mit 
der Erwerbung der Doktorwürde ihren Abschluss fand. Ursprünglich Mathematiker, 



Kleine Mitteilungen. 207 

wandte er sich allmählich der Völkerkunde zu und machte mehrere grosse wissen- 
schaftliche Reisen, 1883 nach Lappland, Russland, dem Kaukasus und Turkestan, 
1886 nach Indien, 1889 und 1891—1898 nach Neu-Guinea, von wo er bemerkens- 
werte zoologische, ethnographische und kraniologische Sammlungen heimbrachte, 
1905 nach Erythrea. Auf dieser letzten Auslandsreise reifte in ihm der Entschluss, 
sich für den Rest seines Lebens der Ethnographie seines Heimatlandes zu widmen, 
wofür er in einem seiner Reisebegleiter, Aldobrandino Mocchi, einen von gleichen 
Plänen erfüllten Mitarbeiter fand. Mocchi hatte sich bereits im Laufe der Zeit 
eine kleine Sammlung volkskundlicher Gegenstände angelegt, die den Grundstock 
des bald darauf von Loria begründeten Museums bildete. Dieser befand sich 
selbst in einer finanziell günstigen Lage, so dass er seine ganze Zeit und einen 
grossen Teil seiner Mittel dem neuen Unternehmen widmen konnte, ausserdem 
gewann er in dem Grafen Bastogi einen hochherzigen Förderer seiner Sache, der 
ihm die pekuniäre Sicherung des neuen Museums gewährleistete. Dieses wurde 
in Florenz in Privaträumen untergebracht und umfasste schon ein Jahr nach 
seiner Begründung etwa 2000 Gegenstände, die von Loria und Mocchi gründlich 
katalogisiert waren. 

Im Jahre 1908 Hessen unverschuldete finanzielle Verluste des Grafen Bastogi 
den Fortbestand des Museums ernstlich gefährdet erscheinen. Da eröffnete sich 
eine neue, glänzende Aussicht für Lorias Pläne, indem er von dem offiziellen 
Komitee zur Vorbereitung der Jubiläumsveranstaltungen in Rom den Auftrag 
erhielt, seine Museum ssammlungen 1911 auf der Mostra Etnografica auszustellen, 
und zu deren Vervollständigung mit reichlichen Geldmitteln versehen wurde. Er 
begann nun eine rastlose Tätigkeit, reiste in ganz Italien umher, um zu sammeln, 
und vor allem, um sammelnde Mitarbeiter in allen Volksschichten zu gewinnen. 
Ein besonders tätiger Helfer bei diesen Vorbereitungen war ihm sein Freund 
Prof. Francesco Baldasse roni. Um das durch ihn neu erweckte Interesse an 
volkskundlicher Sammel- und Porschungstätigkeit dauernd wachzuhalten und ihm 
einen literarischen Mittelpunkt zu geben, gründete Loria am I.Juli 1910 die 
Gesellschaft für italienische Volkskunde, Societä d.i Etnografia Italiana 
deren Vorsitz er übernahm und deren Organ, die Zeitschrift 'Lares', von der 
später noch ausführlicher berichtet werden soll, er herausgab. 

Lorias vorbereitende Tätigkeit war von bestem Erfolge gewesen. Der Katalog 
der Volkskunde-Ausstellung (Bergamo, Istituto Italiano di Arti Grafiche 1911), 
verfasst zum grössten Teil von Baldasseroni und erschienen leider erst eine Woche 
vor Schluss der Ausstellung (s. Lares 1, 1 S. 103 f.). umfasst gegen 40000 Gegenstände. 
Vom 19. bis U. Oktober 1911 tagte in Rom der erste Kongress für 
italienische Volkskunde unter Lorias Leitung. Die Verhandlungen sind unter 
dem Titel 'Atti del primo Congresso di Etnografia Italiana' als stattlicher Band 
erschienen (Perugia, Unione Tipogr. Coop. 1912). Da es unmöglich ist, an dieser 
Stelle über jeden Vortrag ausführlicher zu berichten, so seien nur die Haupt- 
themata und -vortragenden genannt: Es berichteten H. Schuchardt über 'Sachen 
und Wörter' (der Vortrag wurde in Abwesenheit des Verfassers von Baldasseroni 
verlesen), A. de Gubernatis über die Geschichte in der Ethnologie, C Puini über 
Trauerbräuche, R. Corso über Hochzeitsbräuche, A. Baragiola über das Bauern- 
haus, G. Bellucci über Amulette, F. Novati über volkstümliche Drucke, A. Niceforo 
über Sondersprachen und ähnliches, A. Andriulli über die albanesischen Siedlungen 
in Italien u. a. m. 

Loria hegte die nicht unbegründete Hoffnung, dass die mit so grosser Mühe 
zusammenaiebrachte Sammlung auch nach dem Schluss der Ausstellung erhalten 



208 Boehm: 

bleiben, vomStaate übernommen und zu einem Nationalmuseum für italienische 
Volkskunde ausgestaltet werden würde; in der Schlusssitzung des Kongresses am 
24, Oktober wurde eine dahingehende Entschliessung einstimmig angenommen und 
der Vorstand beauftragt, dem Unterrichtsministerium davon Mitteilung zu machen. 
Dieselbe Sitzung brachte eine auch für weitere Kreise interessante Besprechung 
der Frage, nach welchen Grundsätzen das zukünftige Nationalmuseum gestaltet 
werden solle, ob die Gegenstände nach stofflichen oder nach geographischen 
Gruppen angeordnet werden sollten. Beide Standpunkte wurden von ihren Ver- 
tretern lebhaft verteidigt, Baldasseroni trat sehr energisch für die Aufstellung nach 
Materien ein, während das geographische Prinzip besonders von Prof. Pigorini 
empfohlen wurde, in dessen Sinne auch schliesslich eine Tagesordnung beschlossen 
wurde. 

Die Bemühungen Lorias schienen dem Ziele nahe, und schon teilte er seinen 
Freunden mit, dass bald, mit finanzieller Unterstützung der Stadtverwaltung von 
Rom, das neue Museum in der Hauptstadt, voraussichtlich in der Valle Giulia, 
erstehen werde. Da riss ihn am 4. April 1912 der Tod mitten aus seiner Tätigkeit 
heraus, zur tiefsten Betrübnis der ihm nahestehenden Forscher und aller für die 
Volkskunde Italiens Interessierten. Die Societä, deren Vorsitz nach Lorias Tod 
an Prof. Francesco Novati überging, sieht jetzt ihre vornehmste Aufgabe darin, 
den Plan ihres Begründers zu verwirklichen. Wie mir Herr Dr. Giovanni Ferri, 
der Schriftführer der Gesellschaft, mitzuteilen die Freundlichkeit hatte (am 
2, März d. J.), sind die Aussichten auf Erfolg zurzeit nicht ungünstig, indem der 
Staat zunächst die provisorische Aufbewahrung der Sammlungen Lorias, die im 
Palazzo delle Belle Arti in Valle Giulia untergebracht worden sind, übernommen 
hat. Herrn Dr. Ferri danke ich an dieser Stelle für diese und andere freundliche 
Auskünfte aufs verbindlichste. 

Hoffen wir, dass die Bemühungen der Societä, die auch unserem Vereine 
alsbald nach ihrer Begründung als dauerndes Mitglied beigetreten ist. bald zum 
Erfolge führen. Italien bietet bei der Mannigfaltigkeit seiner Bewohner in Mund- 
art, Sitte, Tracht usw. ein so unendliches reiches Gebiet für die Forschung, dass 
die Errichtung eines grossen Museums in Rom als eines Zentralpunktes der ge- 
samten volkskundlichen Forscher- und Sammeltätigkeit, nicht nur in Italien sondern 
allenthalben nur mit der grössten Sympathie begrüsst werden kann. 

Unter den Namen der Männer, die hier als die Hauptträger der neuen volks- 
kundlichen Bewegung in Italien genannt wurden, wird man vielleicht den des 
Altmeisters der italienischen Volkskunde, Giuseppe Pitres, mit Verwunderung 
vermisst haben. Sind doch die Verdienste dieses Gelehrten um die italienische 
Volkskunde so hoch, dass es in jeder Beziehung zu bedauern wäre, wenn er dem 
von Loria begonnenen Werke gleichgültig oder gar ablehnend gegenüberstände. 
Zum Glücke ist dies keineswegs der Fall, wenn auch traurige Umstände eine 
aktive Beteiligung Pitres unmöglich machen. Loria, der mit Pitre nahe befreundet 
war, bat ihn, für das erste Heft der Lares um eine Besprechung des Buches von 
R. Pettazzoni über die primitive Religion in Sardinien, da er der Ansicht war, 
dass 'die Erstlingsnuramer einer Zeitschrift, die die Volkskunde unseres Volkes 
behandelt, irgend einen Beitrag von Giuseppe Pitre enthalten müsse' (Lares 1, 1 
S. 8). Leider erklärte sich Pitre in einem wehmütigen Brief an Loria für ausser- 
stande, diese Bitte zu erfüllen. Er stehe, so schreibt er, noch immer unter dem 
niederdrückenden Eindruck des unsäglichen Unglücksschlages, der ihn getroffen 
[der Tod seines Sohnes], und lebe nur noch, um den Wunsch seines angebeteten 
Sohnes, die Vollendung der 'Biblioteca delle tradizioni popolari siciliane', zu 



Kleine Mitteilungen. 209 

erfüllen. Für Zeitschriften zu schreiben fühle er sich geistig und physisch unfähig. 
An dem Kongresse nahm er aus denselben Gründen nicht teil, wenn sich auch 
sein Name auf dem 'Elenco degli inscritti al Congresso' befindet. Auf ein herz- 
liches und seine Verdienste hervorhebendes Begrüssungstelegramm von der Er- 
öffnungssitzung antwortete Pitre ebenso herzlich und wünschte dem 'weisen und 
patriotischen Werk' Lorias besten Erfolg. Dass diese Wünsche des verehrungs- 
würdigen Meisters die neue Bewegung begleiten, darf man gewiss als ein glück- 
liches Omen betrachten. 

Eines der Hauptverdienste Pitres um die italienische A^olkskunde war die 
Herausgabe des 'Archivio per lo studio delle tradizioni popolari'. Leider hat 
diese Zeitschrift, wohl aus den oben von Pitre selbst bezeichneten Gründen, mit 
dem 2. Hefte des 24. Bandes, das im Frühjahr 1910 ausgegeben wurde, ihr Er- 
scheinen eingestellt, was jeder, der sich mit der italienischen Volkskunde be- 
schäftigt, tief bedauern wird. Die Aufgabe, ein ganz Italien umfassendes Organ 
volkskundlicher Wissenschaft zu bieten, hat nun die Societä di Etnografia Italiana 
mit der Zeitschrift 'Lares' übernommen, deren erster stattlicher und schön 
ausgestatteter Band im Jahre 1912 erschien (267 S., bei E. Loescher & Co. 
[W. Regenberg] in Rom). Vom 2. Bande liegt mir das erste, nach Lorias Tod 
von Prof. Francesco Novati herausgegebene Heft vor, das zweite dürfte nach 
einer Nachricht von Herrn Dr. Ferri auch schon erschienen sein, ist mir aber 
noch nicht zugegangen. — Den Namen der Laren, der altitalischen Haus- und 
Flurgottheiten, wählte man, einer Anregung Novatis folgend, im Hinblick auf das 
Ziel der neuen Zeitschrift, die Ursprünge und Entwicklungen der Überlieferungen 
und Bräuche und des äusseren Lebens des italienischen Volkes zu erforschen. 
Sie, die das Leben der Vorfahren von der Wiege bis zum Grabe begleiteten und 
verehrt wurden, wo nur eine menschliche Ansiedlung sich erhob, sollen auch auf 
dem Wege der heutigen Erforschung des Volkslebens in allen seinen Äusserungen 
schützend und segnend voranschweben. 

Auch in bezug auf die Lares verbietet es sich, im Rahmen dieser kurzen 
Mitteilungen auf die einzelnen Aufsätze näher einzugehen. Der 1. Band wird 
durch einen programmatischen Artikel von Loria eingeleitet, in dem er zunächst 
von der Entstehung der Societa und der Ausstellung spricht und der Hoffnung 
Ausdruck gibt, dass das Nationalmuseum bald errichtet werde. Dann erläutert er 
den Begriff der Etnografia Italiana als einer Wissenschaft, die sowohl die geistige 
wie die materielle Kultur des italienischen Volkes umfasse; das letztgenannte 
Gebiet sei bis jetzt ziemlich vernachlässigt, jedenfalls nicht genügend in 
organischem Zusammenhang mit dem ersten, dem der 'Polkloristen', betrachtet 
worden. Die Behauptung, dass es die hier definierte Wissenschaft bis jetzt in 
Italien überhaupt nicht gegeben habe, klingt zwar kühn, ist aber ohne Zweifel 
schwer zu bestreiten, da es eben an einer Zentralorganisation gefehlt hat, die die 
Ergebnisse der verschiedenen Wissensgebiete, die ein einzelner kaum noch zu 
umfassen vermag, sammelte und durch eine Zeitschrift wie durch Kongresse u. dgl. 
einen Austausch der Meinungen und Resultate ermöglichte. Pitres Archivio war 
fast ausschliesslich der Folklore im engeren Sinne gewidmet; Pitre selbst be- 
zeichnet bekanntlich seine Wissenschaft als Demopsicoiogia und versteht darunter 
das Studium des moralischen und materiellen Lebens der zivilisierten, nicht- 
zivilisierten und wilden Völker, zieht also die Grenzen ausserordentlich weit. — 
Es folgt eine Übersicht über die Verhandlungen des Kongresses von Mocchi, eine 
Abhandlung von Baldasseroni über die Frage der Anordnung in dem zukünftigen 
Museum, in der er seinen oben gekennzeichneten Standpunkt — Aufstellung nach 

Zeitschr. d. Vereins f. Volkskunde. 1914. Heft 2. 14 



210 



Michel, Hahn: 



Materien — verteidigt. Dann eine Reihe von Aufsätzen, deren Titel hier folgen: 
A. Baragiola, Una leggenda di Pormazza; R. Pettazzoni, Sopravvivenze del rombo 
in Italia; L. Salvalorelli, Andrew Lang; G. Nicasi, Le credenze religiöse delle 
popolazioni dell' Alta Valle del Tevere; G. A. di Cesarö, II valore occulto di 
superstizioni ecc.; A. Solmi, Sulla interpretazione dei riti nuziali; A. Baragiola, 
A proposito di una pubblicazione di Ewald Paul; A. Balladoro, Una leggenda 
della morte; L. Loria, L' Etnografia strumento di politica interna e coloniale. Den 
Schluss machen Bücherbesprechungen, bibliographische Notizen, Anfragen und 
Antworten. — Das erste Heft des zweiten Bandes bringt zunächst einen Nachruf 
aufljoria von Baldasseroni mit zwei Porträts des Verstorbenen, dann Abhandlungen 
von F. Novati, La raccolta di stampe popolari italiane della biblioteca di Fr. Reina; 
A. Levi. Contributi della Societa di Etnografia Italiana allo studio del diritto e 
della coscienza giuridica popolare; G. B. de Gasperi, Appunti sulle abitazioni 
temporanee della Majella. Es folgen einige kurze Mitteilungen, Besprechungen usw., 
wie im ersten Bande. 

Der Bezugspreis der Zeitschrift (jährlich 16 Bogen mit 16 Tafeln) beträgt für 
das Ausland 17 Lire; einzelne Hefte werden für 7 Lire abgegeben. 

Der erste Band ist mit einer schönen Wiedergabe der Larenstatuette aus der 
Ambrosiana geschmückt und trägt als Motto das uralte 'Enos Lares iuvate!', die 
Bitte um Segen und Gedeihen. Dass diese Bitte in Erfüllung gehe und die von 
Loria mit soviel Liebe ins Leben gerufene und geförderte Bewegung weitere 
Portschritte mache und schöne Früchte trage, ist gewiss der Wunsch aller volks- 
kundlich Interessierten und Tätigen. 

Berlin-Pankow. Fritz Boehm. 



Bticheranzeigen. 



Friedrich Seiler, Die Entwicklung der deutschen Kultur im Spiegel des 
deutschen Lehnworts. I. Teil. Die Zeit bis zur Einführung des Christen- 
tums. Dritte gänzlich umgearbeitete und stark vermehrte Auflage. 
Halle, Waisenhaus 1913. XL, 268 S. 8". 4,60 Mk. 

Dass dies vortreffliche Werk, auf das ich in dieser Zeitschrift schon mehrfach 
empfehlend hingewiesen habe (oben 21, 431 f. 23, 208 f.), nach verhältnismässig 
kurzer Zeit in 3. Auflage erscheinen kann, dazu darf man den Verfasser, die 
Verlagsbuchhandlung, aber auch das Publikum aufrichtig beglückwünschen. Der 
vorliegende 1. Band ist gegen die 2. Auflage, die 1905 erschien, um ungefähr das 
Doppelte gewachsen. Seiler hat sich die Arbeit nicht leicht gemacht und ist den 
Forschungen des letzten Jahrzehnts mit grosser Gewissenhaftigkeit gefolgt: 
namentlich die Arbeiten von Schrader, Hoops, Hirt, Meringer, Gramer, Feist und 
zuletzt noch Kauffnianns 'Deutsche Altertumskunde' haben ihm zahlreiche An- 
regungen geboten und wichtiges Material vermittelt. Vermisst habe ich die 
Heranziehung des lehrreichen und scharfsinnigen Buches von Gradmann: 'Der 
Getreidebau im deutschen und römischen Altertum' (Jena 1909). Sehr erweitert, 



Bücheranzeigen. 211 

zum Teil neu geschrieben wurden die Kapitel über Obstzucht und Gartenbau, 
Jagd und Fischfang, Handwerk, Hauswirtschaft und Körperpflege. Überall geht 
Wortforschung mit Sachforschung Hand in Hand; das Urteil ist vorsichtig und 
unbefangen, die Darstellung schlicht und prunklos. Seinen Standpunkt den Fremd- 
wörtern gegenüber hat der Vf. mit Recht festgehalten; es fällt ihm nicht schwer, 
die stumpfen Argumente seiner Gegner zu widerlegen. Der blinde Chauvinismus, 
der sich zur Zeit bei dem gesteigerten Nationalgefühl auch in die Wissenschaft 
eindrängt, wird von Seiler kühl zurückgewiesen. ^Die Aneignung der römischen 
Zivilisation ist es, die unserem Volke Bestand und Dauer verliehen hat" (S. 255). 
„Wir müssen zugestehen, mag es uns auch leid sein, dass es eine originelle 
deutsche Kultur nicht gegeben hat und nicht geben konnte, dass wir, was wir ge- 
worden sind, andern, früher als wir entwickelten Völkern verdanken" (S. 256). 

Leipzig. Hermann Michel. 



Konrad Hörmann, Herdengeläute und seine Bestandteile. Hessische Blätter 
für Volkskunde Bd. XII Heft 1—2. Leipzig, B. G. Teubner 1913. 99 S. 

Der Verfasser hatte schon früher über ein eigenartiges Gerät, den Schellen- 
bogen, an dem die Kuhglocke hängt, gearbeitet, das, seit wir anfangen, auch 
das deutsche Volk und seine Geräte, Trachten, Wohnung, Gebräuche usw. als 
einen Gegenstand der wissenschaftlichen Forschung zu betrachten, die Aufmerksam- 
keit der Forscher erregt hatte. Nun hat ihn der Erfolg seiner damaligen Arbeiten 
veranlasst, der Musik unserer Herden, ihrer Verbreitung und Bedeutung diese 
schöne eingehende und mit einer Anzahl interessanter Bilder auf 13 Tafeln ge- 
schmückte Arbeit zu widmen, zu der wir uns und den Verfasser beglückwünschen 
können. Als ein eigenartiges aber doch nicht unwichtiges Ergebnis ist dabei 
festzustellen, dass eigentlich nur die germanische AVeit Anspruch auf das richtig 
abgestimmte Herdengeläute hat. Wir begegnen freilich schon auf altägyptischen 
Darstellungen Rindern, besonders auch Ochsen, zu deren reichem Schmuck Gebilde 
gehören, die unseren Glocken verzweifelt ähnlich sehen, aber auch wenn wir in 
Afrika heute noch oft Glocken, und zwar ganz kunstgerechte, vom afrikanischen 
Eisenschmied mit seiner altbewährten Kunst hergestellte, lautklingende Glocken 
vorfinden, so haben wir hier doch das, was wir unter dem deutschen Ausdruck 
Geläut verstehen, keineswegs anzunehmen. Es handelt sich hier vielmehr einmal 
um einen Schmuck, und das ist wohl auch die Hauptabsicht bei dem ägyptischen 
Behang, andererseits handelt es sich um ein klingendes Instrument, das ja auch 
dem Schmuck dienen kann, ähnlich wie die afrikanischen Glockenspeere oder die 
zahlreichen Glocken und Schellen, die der Afrikaner in seinen Schmuck, be- 
sonders in seinen Tanzschmuck einzieht, endlich ist auch noch an die Glocke 
als Amulett zu denken. 

Natürlich ist aber die Glocke nicht nur ein Schmuckgerät mit musikalischer 
Nebenbedeutung, sondern es kommt auch in P>age, dass der Klang der Schelle 
oder Glocke das Auffinden des Tiers in unübersichtlichem Gelände bedeutend 
erleichtern kann, und in dieser Bedeutung kommt es wirklich auch an der ersten 
beglaubigten Stelle vor. Hier handelt es sich um ein Leittier, das durch seine 
Schelle das Auffinden der ganzen Herde erleichtern soll. Solche für den Menschen 
wie für die übrigen Tiere der Herde nützlichen und wichtigen Leitschellen finden 
wir ausserordentlich weit verbreitet, bei den Kamelkarawanen Asiens, wie bei den 
Maultierzügen des romanischen Amerikas. Das ist aber natürlich etwas ziemlich 

14* 



910 Hahn, Feist: 

anderes als das in sich melodisch abgestimmte Geläut unserer Rinderherden, das 
in den Harzer Sommerfrischen vielfach der Kuhherde den Scherznamen der Orts- 
kapelle eingetragen hat. Hier handelt es sich um ein echtes Erzeugnis des ger- 
manischen Volksgeistes, das, wenn es, wie es sein sollte, mit richtigem Musiksinn 
zusammengestellt ist, entschieden ein reizvolles, den Genuss erhöhendes Stück der 
Landschaft bildet. 

H. ist auch auf die schwierige und auch technisch wichtige Einteilung der 
Rollen, Schellen und ihre sonstige Ausgestaltung eingegangen und kommt dabei 
zu interessanten Schlüssen. Für die Volkskunde wäre es vielleicht zu empfehlen, 
dass irgend ein musikalischer Sachverständiger, der Naturgefühl und Liebe zu 
den Tieren verbindet, sich einmal der Stimmung der Glocken annimmt und für 
die Harmonie unseres Herdengeläutes sorgt, soweit es noch vorhanden ist oder 
mit der neuen Richtung gegen zuviel Stallfütterung wieder auftritt. Volkskundlich, 
besonders aber im Interesse der Wohlfahrtspflege ist mir ein sehr bezeichnender 
Umstand aufgefallen, der uns zugleich als Muster dafür gelten kann, mit welch 
naiver und doch sachlich zweckentsprechender Klugheit unser Volk mitunter seine 
Gebräuche ausgestaltet: Die erste literarische Erwähnung der Schelle ist, wie 
gesagt, eine Stelle, in der eine empfindliche Schädigung des Nachbarn zugleich 
mit der Entwendung eines vielleicht beneideten Geräts beim Diebstahl der Schelle 
des Leittiers zusammengeht. Hirten sind vielfach Jungvolk, und Jugend hat keine 

Tugend. 

Gleichwohl war das gegenseitige Entwenden der Viehglocken, wenn es zum 
Sport wurde, doch sicher oft mit ärgerlichen Störungen des Viehtriebs verknüpft. 
Da war es denn eine nützliche und einfache Einrichtung, wenn mit dem Amt des 
Hirten auch die Beschaffung des Geläuts verbunden wurde und so eine feste 
Kaste, die ein grosses Gebiet in einem engeren Verbände unter ihrer Obhut hatte, 
das Eigentum an diesem gefährdeten Besitz in wenigen festen Händen vereinigte. 

Für die Volkskunde sehr wesentlich ist dann noch die Rolle, welche die 
Viehglocken in dem Gebiet des schwäbischen und bayerischen Stammes in weiterem 
Sinne in jenen jetzt überall nur in Überlebseln und in zersprengten und dem Volke 
trotz aller Wichtigkeit, ja Heiligkeit selbst unverständlichen Resten erhaltenen 
Bräuchen spielen, die in dem Berchtenlaufen, in den Fastnachts- und Frühlings- 
bräuchen, dem Glöcklerlaufen usw. erhalten sind und bei denen die Herden- 
glocken als Teile der herkömmlichen Kostüme Schmuck und musikalische Begleitung 
hergeben müssen. 

Weil die romanische Welt das Herdengeläute in unserem Sinne nicht gekannt 
hat, ist es natürlich ganz ausgeschlossen, dass, wie kurze Zeit eine jetzt wohl 
schon überwundene Richtung behaupten wollte, hier Reste vorliegen sollten, die 
auf ursprünglich römische Gebräuche zurückgingen, es wird sich vielmehr wirklich, 
wie die ältere Zeit das angenommen hatte, um Reste einer echt germanischen 
Acker- und Fruchtbarkeits-Religion gehandelt haben. Es ist jedenfalls sehr zu 
hoffen, dass Th. von der Goltz in seiner 'Geschichte der Deutschen Landwirt- 
schaft' (Berlin 1902—03) als der letzte behauptet hat, vor den Römern könne 
von deutscher Landwirtschaft nicht die Rede sein. Die vorgeschichtlichen Funde 
widerlegen eine solche Behauptung auf das allerschärfste. und diese Arbeit 
beweist ja auch, wie in der Herdenwirtschaft das germanische Volk schon in 
ältester Zeit weit von Rom abführende Wege gewandert war. Dem Verfasser der 
gründlichen, fleissigen und vielfach so anregenden Arbeit ist jedenfalls eine baldige 
Vollendung des noch ausstehenden Teils von Herzen zu wünschen. 

Berlin. Eduard Hahn. 



Bücheranzeigen. 213 

Richard Thurnwald, Forschungen auf den Salomoinseln und dem Bismarck- 
Archipel. I. Lieder und Sagen aus Buin. III. Volk, Staat und Wirt- 
schaft. Mit Unterstützung der Baessler-Stiftung herausgegeben im Auf- 
trage der Generalverwaltung der kgl. Museen zu Berlin. Anhang zu 
Band I: Die Musik auf den Salomo- Inseln von E. M. Hornbostel. 
Band I mit 14 Tafeln, 3 Karten uud 42 Notenbeispielen; Band III mit 
1 Lichtdrucktafel und 70 Stammtafeln. Berlin, Dietrich Reimer (Ernst 
Vohsen) 1913. XX, 538 S., YIII, 92 S. 32 und 18 Mk. 

Nach der Veröffentlichung von verschiedenen Einzelaufsätzen in ethnologischen, 
rechtswissenschaftlichen und kolonialen Zeitschriften über die Ergebnisse seiner 
Forschungsreisen in der Südsee während der Jahre 1906 — 1909 gibt uns Vf. in dem 

I. Bande des vorUegenden, musterhaft ausgestatteten Werkes nunmehr eine grosse 
Sammlung von Liedern und Sagen aus Buin, dem südöstlichen Ende der Insel 
Bugainville. Sie ist eingeteilt in L Männerlieder, a) Politische Lieder (in weitestem 
Sinne), b) Preundschaftslieder, c) das Verhältnis zum anderen Geschlecht. 

II. Frauenlieder, a) zur Jünglingsweihe, b) gelegentlich der Heirat, c) Liebes- 
lieder, d) Schmählieder. III. Sagen, a) Tod und Krankheit, b) kosmische und 
atmosphärische Erscheinungen, c) die Erscheinungen des Erdbildes, d) Pflanzen 
und Tiere, e) Kultur- und Heilbringersagen, f) Vorbedeutungen, Verbote, Zauber. 
Im ganzen werden 139 Stücke mitgeteilt. Der Anhang über die Musik ist auf 
dem Material des Phonogramm-Archivs des psychologischen Instituts der Universität 
Berlin aufgebaut und umfasst ausser einer Beschreibung der Musikinstrumente 
und Melodien nebst 42 Notenbeispielen auch eine kurze musikwissenschaftliche und 
ethnologische Betrachtung. 

Die Lieder werden im Originaltext mit Interlinearversion und einer freien 
Übersetzung mitgeteilt, und zu jedem wird eine Erläuterung über Herkunft, Ver- 
anlassung, Inhalt usw. des Liedes gegeben. Die Entstehung und Abfassung der 
Lieder kann manchen Wink für den Literaturforscher abgeben, der dem Ursprung 
unseres Volksgesangs in älterer und neuerer Zeit nachgehen will. Ich weise auf 
das Abfassen eines Liedes im Auftrage eines Bestellers, auf das Zusammenwirken 
mehrerer Autoren, auf die Anspielungen mannigfacher Art u. dgl. mehr hin. 

Wenn die Lieder die Beziehungen von Mensch zu Mensch darstellen, so 
geben die Sagen diejenigen zur Natur wieder. Hier werden nur in vier Fällen 
die Urtexte geboten, für die übrigen Sagen schien dem Vf. die Übersetzung zu 
genügen. Doch fügt er den einzelnen Sagen seine Bemerkungen bei. 

Auf die Mitteilung einzelner Stücke oder auch nur den Hinweis auf ihren 
Inhalt muss ich hier verzichten; die Auswahl könnte nur rein willkürlich sein. 
Nur auf einen Punkt möchte ich aufmerksam machen: die Belehrung, die Sprach- 
forscher aus den Beobachtungen und Mitteilungen des Vfs. über die abweichenden 
Sprachformen der älteren und jüngeren Generation in den Liedern und Sagen 
ziehen können. Die Mühe, die ihre Aufzeichnung den Vf. kostete, kann jemand 
nachfühlen, der nur einmal versucht hat, primitive Menschen (selbst Europäer) 
auch nur zur Mitteilung einzelner Wörter ihrer Sprache zu veranlassen. 

Der 3. Band bringt das soziologische Material, für dessen Verarbeitung Vf. 
durch vorhergehende vergleichende Studien geschult war. Den Hauptinhalt bilden 
70 Stammtafeln, denen die Erläuterungen aus buchtechnischen Gründen voran- 
gestellt sind. Sie gliedern sich in I. Lebensabschnitte, a) Pubertät, b) Heirat, 



214 



Feist: 



c) Tod; IL Wirtschaft und Staat; III. Begebenheiten; IV. Statistik zu den Stamm- 
tafeln. — Auch bei diesem Band muss ich es mir leider versagen, auf die hoch- 
interessanten Einzelheiten einzugehen (Heiratsformen, Totenverbrennung und Be- 
stattung, Kampfesweise im Krieg, Strafen usw.), die eine Fundgrube für den 
Folkloristen bilden. 

Ausführliche Register erleichtern bei beiden Bänden die Auffindung der be- 
handelten Materien. 

Berlin. Sigmund Feist. 



William Thalbitzer, The Ammassalik Eskimo. Contribiitions to the 
Ethnology of the East Greenland Natives. Part I. (Meddelelser cm Grön- 
land, vol. XXXIX.) Published at the Expense of the Carlsberg Fund. 
Copenhagen, Bianco Lund 1914. XIX, 755 S. Lex. 398 Abbildungen. 
1 Karte. 

Alle Kolonien besitzenden Völker betrachten es als dringende Aufgabe, von 
dem schwindenden kulturellen Eigenbesitz der primitiven Völker durch Sammlungen 
und Publikationen der Nachwelt wenigstens das noch jetzt Vorhandene zu retten. 
Denn es gibt keine Gegend, wohin die europäische Kultur nicht unheilbringend 
einzieht, und die Folge ihres Vordringens ist die Vernichtung der Eigenart der 
mit ihr in Berührung kommenden Völker und leider auch nicht selten der Unter- 
gang ganzer Rassen. Wenn die in vorliegendem Werk behandelten Eskimos auch 
eine Sonderstellung einnehmen, was ihren kulturellen Besitz angeht, so sind doch 
durch die Tätigkeit der Missionen ihre religiösen Vorstellungen und überlieferten 
Gebräuche im Schwinden begriffen, und deren Sammlung ist daher ein höchst ver- 
dienstliches Unternehmen. Die Eskimokultur nämlich ist durch ihre unübertreff- 
liche Anpassung an die klimatischen Verhältnisse gegen den europäischen Einfluss 
geschützt; ja, es müssen sich sogar die Europäer ihr unterwerfen (in Kleidung, 
Wohnung, Bootsbau usw.). 

Thalbitzer hat in seinem Werk die Ergebnisse dreier dänischer Expeditionen 
verarbeitet: 1. die des Kapitäns Holm, des Entdeckers der Ammassalik-Eskimo 
(1883—1885), 2. die des Kapitäns Amdrup (1898—1900) und 3. seine eigene 
(1905 — 1906). Holm hatte über seine ethnographischen Ergebnisse bereits in dem 
Werke: 'Den Ostgrwnlandiske Expedition (1888—1889)' berichtet, und der Inhalt 
dieses Buches ist in Thalbitzers Publikation ebenso wie Amdrups ethnographische 
Sammlung verarbeitet und ergänzt worden. Ausserdem hat Holm seine Mithilfe 
bei der Abfassung und Fertigstellung des vorliegenden Buches geboten. Die 
englische Übersetzung wurde von den Herren G. Grove und zum kleineren Teil 
von H. M. Kyle angefertigt. 

Das Buch zerfällt in 7 Hauptteile: 1. Ethnologische Skizze der Ammassalik- 
Eskimos von G. Holm, 2. Beiträge zur Anthropologie der Ostgrönländer von Sören 
Hansen, 3. Listen der Einwohner der Ostküste von Grönland aus dem Jahre 1884 
von Joh. Hansen, 4. der ostgrönländische Dialekt, 5. Legenden und Erzählungen 
von Ammassalik von G. Holm, 6. Anmerkungen dazu von H. Rink, 7. ethno- 
graphische Sammlungen aus Ostgrönland, beschrieben von W. Thalbitzer. 

Über den Inhalt des Werkes eingehend zu berichten ist bei seinem Umfang 
und dem für die Anzeige zur Verfügung stehenden Raum nicht möglich. Ich 



Bücheranzeigen. 215 

kann nur einige besonders bemerkenswerte Punkte hervorheben. Die anthropo- 
logischen Messungen waren nur an den Lebenden möglich, da die Ammassalik 
die Gewohnheit haben, ihre Toten in das Meer zu werfen! Der kälteste Monat 
ist Februar mit einer Durchschnittstemperatur von - 10,8° C, der wärmste der 
Juli mit + 6,2 ° C. Einmal während eines Föhnsturms wurden 25,2 ° C im Juli 
notiert; andererseits als niedrigste Temperatur —30,7 ° C im Februar. Abrupte 
Temperaturschwankungen sind nichts Seltenes. 61 mal im Jahre wurde Nordlicht 
beobachtet. Das Treibeis verschwindet Anfang bis Ende August von der Küste, 
die bis in den November eisfrei bleibt. Ausser Weidengestrüpp und Zwergbirken 
gibt es keine Bäume auf der Insel; dagegen gibt es im Frühjahr ziemlich viel 
Heidekraut und Moosarten, auch sonstige Pflanzen (Beerenarten), wenn der Schnee 
geschmolzen ist. 

Der Name Ammassalik (Angmagsalik) wird von den Eingeborenen aus 
einem abergläubischen Grunde nicht mehr gebraucht. Der Fjord heisst jetzt 
Kulusuk. Sie selbst nennen sich inik oder tcäk 'Mensch'. Sie sind mittelgross, 
schlank, schwarzhaarig. Die Männer schneiden ihr Haar so wenig wie die Frauen; 
das der ersteren ist indes länger, auch haben sie gut entwickelte Barte. Bei 
Neugeborenen findet sich der sog. Mongolenfleck. Die Frauen sind nahezu alle 
tatuiert, die Männer seltener. 

Die Winterwohnung wird aus Rasen und Steinen auf abschüssigem Boden 
nahe dem Meere erbaut; Fenster und Eingangsweg liegen nach dem Meer, die 
Wände liegen zum Teil unter der Erde. Das Haus ist einräumig, 24 bis 25 Fuss 
lang und 12 bis 16 Fuss breit, je nach der Zahl der zusammenwohnenden Familien. 
Die grösste Höhe ist 6V2 Fuss. Das Firstdach ruht auf Pfosten. Zum Schlafen 
erhält jede Familie einen entsprechenden Raum auf der im hinteren Teil des 
Hauses befindlichen erhöhten Plattform. Feuer wird durch Drehen von Hölzern 
erzeugt. 

Da oft mehrere Familien und Generationen ein Haus teilen, so ist es nötig, 
dass das soziale Leben durch eine autoritative Persönlichkeit und bestimmte 
Satzungen geregelt wird. Wenn man die Sommerzelte bezieht, lebt nur die 
Grossfamilie zusammen. Familienbande sind bedingt durch Blutsverwandtschaft; 
die Heirat ist infolgedessen kein sehr festes Band, zumal solange noch keine 
Kinder da sind. Wenn eine Frau schwanger ist, muss sie ihre Speisen selbst 
kochen und so noch zwei Monate nach der Geburt. Männer mit zwei Ehefrauen 
kommen vor, was erklärlich ist, wenn man den Prozentsatz der Frauen (114) zu 
den Männern (100) im Auge behält. Diebstahl und Mord sind nicht ungewöhnlich 
und werden oft zugegeben; sie bleiben häufig straflos. 

Aus dem Glauben der Ammassaliks ist hervorzuheben, dass der Mensch ihrer 
Ansicht nach aus drei Teilen besteht: Körper, Seele und Name. Dass man dem 
Namen eine Sonderexistenz beilegt, ist für die vergleichende ethnologische Forschung 
von Bedeutung. Die Seele wird körperlich gedacht, von der Grösse eines Fingor- 
glieds, einer Hand, eines Sperlings. Ein Mensch kann auch verschiedene Seelen 
haben, die in den Körperteilen ihren Sitz haben. Auch den Namen stellt man 
sich körperlich vor, er ist so gross wie der Mensch. Ein Ammassalik scheut sich, 
seinen eigenen Namen auszusprechen. In ihrem Geisterglauben, ihrem Amulett- 
und Zauberwesen usw. stehen sie auf der Stufe sehr primitiver Völker. 

Die vorangehenden Bemerkungen sind einzelne aus dem ersten Teil des Werkes 
entnommene Züge. Es würde den Rahmen einer Anzeige weit überschreiten, 
wenn ich die übrigen Teile in der gleichen Weise berücksichtigen wollte. Ich 
erwähne daher aus ihrem reichen Inhalt nur noch einzelne Punkte: Das Wort- 



216 Feist, Gebliardt: 

Verzeichnis des Ammassalik-Dialekts auf zelin Seiten (213—223) gibt den Vor- 
stellungsinhalt des Eskimostammes übersichtlich wieder. Charakteristisch darin 
ist z. B., dass drei verschiedene Wörter für Eis vorhanden sind, die 'Landeis', 
'junges Eis' und 'kalbendes Eis' bedeuten. Eine ganze Menge Ausdrücke sind 
auch für die "Winde vorhanden. Die im VI. Teil enthaltenen Sagen der Ammassalik- 
Eskimos sind von G. Holm mit Hilfe eines Dolmetschers (Johann Petersen) aus 
dem Munde der Erzähler aufgezeichnet worden. Die Stoffe spiegeln naturgemäss die 
Lebensbedingungen der Eskimos wieder; sie drehen sich hauptsächlich um Jagd- 
erlebnisse; aber auch Mondsagen und schaurige Erzählungen, wie das irrtümliche 
Verspeisen eigener Verwandten, fehlen nicht. 

Den Hauptinhalt des Werkes bildet die eingehende Schilderung der ethno- 
graphischen Sammlungen durch W. Thalbitzer (S. 31)9 — 753). Ein auch nur 
einigermassen vollständiger Bericht über diesen Teil des Werkes würde ein kleines 
Buch werden. Ich kann also nur auf das Original verweisen. Ausser der Be- 
schreibung der Objekte enthält Thalbitzers Beitrag auch geschichtliche Reminiszenzen 
der Eskimos über ihre eigene Vergangenheit und ihr erstes Zusammentreffen mit 
Europäern. Eine genaue Karte des Ammassalik-Gebietes ist dem Werke bei- 
gegeben, das als eine Musterleistung bezeichnet werden darf und eine reiche 
Quelle der Belehrung für den Ethnographen bilden wird. 

Berlin. Sigmund Feist. 



Conrad Müller, Altgermauische Meeresherrschaft. Gotha, F. A. Perthes 
1914. XII, 487 S. 8". Mit 13 Bildtafeln und 2 Karten [sowie einer 
Umschlagszeichnung]. Geh. 10, geb. 11,50 Mk. 

Angeregt durch die Erfolge, die das neugeeinte Deutsche Reich zur See er- 
rungen hat, unternimmt es der Verfasser, alles quellenmässig zusammenzustellen, 
was wir von den Seefahrten germanischer Völker bis ums Jahr 1200 und von der 
Gründung von Staaten an den von ihnen befahrenen Küsten wissen, mit Einschluss 
der Geschichte des altrussischen Warägerstaates und derjenigen des erst auf dem 
Umweg über die französische Normandie gegründeten Normannenstaats in Unter- 
italien und der Vorentdeckung Amerikas durch die von Grönland aus hinüber- 
gekommenen Isländer. Bildet den Beschluss des Buches ein Abschnitt über See- 
heldentum in der altdeutschen, angelsächsischen, kirchlichen und altnordischen 
Dichtung, so wird es eingeleitet durch drei sozusagen vorgeschichtliche Ab- 
schnitte, von denen der 1. die Urzeit, vorgeschichtliche Funde, Einüuss des Nord- 
meeres auf die Germanen in anthropogeographischer Hinsicht, der 111. die ge- 
schichtlichen Anfänge, wie z. B. die Reisen des Pytheas, den altgermanischen 
Bootsbau und den alten Bernsteinhandel, der für uns wichtigste zweite 'See- 
mythische Niederschläge' behandelt. Hier bespricht Müller nicht nur die nieder- 
rheinischen Inschriften mit dem Namen der Nehalennia, nicht nur die Zeugnisse 
dos altisländischen Schrifttums für Verehrung Odins, Thors, der Frigg und Freyja 
durch Seefahrende und den Bericht des Tacitus über das Nerthus-Eiland der 
Ingwäonen, sondern auch alles, was ältere und spätere Überlieferung und junger 
Seemannsglaube uns über Schiffsbestattungen, Tierdämonie ^), Meerriesen, See-Eiben 

1) Die auf Tafel V abgebildeten gespenstischen Wale sind übrigens nicht, wie man 
nach den unvollständigen Ursprungsbezeichnungen glauben könnte, zum ersten Male bei 
K. v. Gesner zu sehen, sondern schon bei Claus Magnus, Historia de gentibus Septen- 
trionalibus, Rom 1555, 



Bücheranzeigen. — Notizen. 217 

und Klabautermann, über Wunderschiffe und Schiffsbeseelungen wissen und ahnen 
lassen. Es versteht sich von selbst, dass der Verfasser eines so reichhaltigen 
Werkes nicht bei allen Punkten auf die Quellen zurückgehen kann, wo er ent- 
gegenstehende Ansichten anderer bekämpft, sondern sich vielfach auf eigene und 
fremde Vorarbeiten stützen muss, die vollständig in der Bibliographie am Schlüsse 
nachgewiesen sind. Aus dieser ersieht man, dass ihm leider einige, wenn auch 
im ganzen wenig wichtige Arbeiten entgangen sind, und sie gibt auch die Er- 
klärung dafür, dass seine Quellenzitate, teilweise aus recht veralteten Ausgaben 
entnommen, oft recht wenig gleichmässig gestaltet sind, z. B. was die Wiedergabe 
der Namen oder die Schreibung des fremdsprachlichen Textes anlangt. Auch die 
Gestaltung des deutschen Textes ist nicht immer so glatt wie zu wünschen wäre 
(Satzungetürae, regelmässig wie statt als beim Komparativ). 

Doch wir wollen darüber und über gelegentliche kleine Missverständnisse 
der Quellen nicht mit dem Verfasser rechten, der uns ein so lehrreiches und 
für alle Kreise der Gebildeten verständliches und belehrendes Buch beschert hat, 
dessen Lesbarkeit dadurch besonders erhöht ist, dass die gelehrten Hinweise ohne 
Unterbrechung des Textes am Schlüsse vereinigt sind. 

Mit gerechtem Stolze sehen wir an uns vorüberziehen, was unsere und unserer 
nächsten Stammesverwandten Vorfahren zur See geleistet und errungen haben, und 
mit Wehmut stellen wir uns vor, was sie hätten erringen und vor allem erhalten 
können, wenn die vielen planlos verzettelten Einzelunternehmungen nach einheit- 
lichen Zielen und unter einheitlicher Führung wären unternommen worden. 

Erlangen. August Gebhardt. 



Notizen. 



A. Abt, Die volkskundliche Literatur des Jahres 1911. Ein Wegweiser, im Auf- 
trage der Hessischen Vereinigung für Volkskunde und mit Unterstützung der dem Ver- 
band deutscher Vereine für Volkskunde angehörenden Vereine herausgegeben. Leipzig 
und Berlin, B. G. Teubner 1913. VI, 134 S. 8°. Geh. 5 Mk. — üas Wiedererscheinen 
der Zeitschriftenschau der Hessischen Blätter für Volkskunde in veränderter Gestalt nach 
sechsjähriger Pause ist sicher von allen Freunden der Volkskunde mit grosser Be- 
friedigung begrüsst worden. Ist es doch heute kaum noch möglich, ohne einen solchen 
Wegweiser durch das unübersehbare Gebiet der Veröffentlichungen an das erwünschte 
Ziel zu gelangen. Daher danken wir dem Herausgeber und seineu Mitarbeitern für die 
geleistete Arbeit, die bei 2259 Nummern gewiss nicht klein war. Verschiedene Mängel 
dieses ersten Bandes, den der Verf. selbst mehr als Muster und Probe denu als ab- 
gerundetes Werk bezeichnet, werden hoffentlich in den folgenden Jahrgängen abgestellt 
Averden. Dass auf der Marburger Verbandstagung beschlossen wurde, künftig die Ab- 
teilungen 'Mundarten' und 'Indogermanisch' auf das volkskundlich Wertvolle zu be- 
schränken s. oben 23, 441), ist sehr erfreulich. Vielleicht lässt sich auch in den Notizen 
über nichtdeutsche Volkskunde grössere Beschränkung üben; hier Vollständigkeit erzielen 
wollen, hiesse ja doch den gegebenen Kahmen sprengen. Die auf diese Weise gemachten 
Ersparnisse an Arbeit und Raum müssten der Anlegung eines Sachregisters zugute 
kommen, dessen Fehlen der grösste Mangel des Buches ist. Auch die Liste der exzerpierten 
Zeitschriften ist noch ergänzungsbedürftig, so fehlen 'Unser Egerland' und 'Schweizer 
Archiv für Volkskunde'. Bei nr. 1426 (Storck, Totenspruch) fehlt die Ergänzung von 
Roediger, oben 21, 281. [F. B.] 

P. Bahlmann, Ruhrtal-Sagen von der rheinisch -westfälischen Grenze. Münster, 
F. Coppenrath 1913. 62 S. 8". 0,60 Mk. — Da die mündliche Überlieferung an Sagen 



218 



Notizen. 



nichts 'mehr hergab, musste B. sich darauf beschränken, die Literatur von Cäsarius von 
Heisterbach bis auf Müller von Königswinter und H. Kämpchen auszuziehen und den 
Ertrag zu buchen. [J. B.] 

0. Bö ekel, Psychologie der Volksdichtung. Zweite verbesserte Auflage. Leipzig 
und Berlin, B. G.Teubner 1913. VI, 419 S. 8°. Geh. 7 Mk., gebd. 8 Mk. — "Wir freuen uns, 
das stoffreiche und anregende Buch in Neuauflage vorliegen zu sehen. Der Grundcharakter 
ist der gleiche geblieben, so dass die Ausführungen Beuschels zur ersten Auflage (oben 17, 
116 ff.) grösstenteils auch für die zweite gelten, z. B. geht der Verf. auch hier nicht auf die 
Umgestaltungen von Kunstliedern im Volksmunde um, aus denen man für die Psychologie 
des Volksliedes soviel lernen kann. Auch B.s Anschauung vom Optimismus des Volks- 
liedes ist die gleiche geblieben. Mehrere Einzelbemerkungen Pteuschels sind berück- 
sichtigt worden, so der Hinweis auf 0. Weisers Aufsatz über die Umschreibung des Be- 
griffes 'niemals' (S. 198). Bei der Behandlung der Spottlieder vermisst man die Zitierung 
von A. Kellers Buch über die Handwerker im Volkshumor (Leipzig 1912). Zum Kutschke- 
lied (S. 318 f.) ist die Mitteilung oben 22, 288 nachzutragen. Über die Zukunft des Volks- 
gesanges kann man vielleicht heute bei dem nicht gering anzuschlagenden Einfluss der 
Wandervogel- und ähnlicher Bewegungen, dem Wiederaufkommen des Lauten- und Gitarren- 
spieles noch hoffnungsvoller denken, als der Vf. (S. 403 ff.; 406). Wir wünschendem 
Bache, aus dem soviel ehrliche Liebe zum Volke und zur Natur spricht, auch künftig 
eine recht weite Verbreitung. [F. B.] 

P. Borchardt, Bibliographie de l'Angola. Brüssel und Leipzig, Misch & Thron 
[1913]. IV, 61 S. 8'^. 3 Fr. — Diese äusserst reichhaltige Bibliographie der portugiesischen 
Kolonie in Südwestafrika bildet das zweite Heft der unten näher beschriebenen biblio- 
graphischen Monographieen des Solvay-Institutes s. die Notiz Steinmetz). Die Abteilung 
'Anthrophologie et ethnographie' (S. 42—44) wird auch für die vergleichende Volkskunde 
als wertvolles Hilfsmittel begrüsst werden. [F. B.] 

R. Braun, Handwerk hat goldenen Boden (Jungdeutsche Bücherei Bd. 7). Langen- 
salza, J. Beltz 1914. VIII, 150 S. gr. 8". Gebd. 3 Mk. — Im Auftrage des Arbeits- 
ausschusses für Jugendpflege im Regierungsbezirk Merseburg gibt E. H. Bethge diese 
Sammlung volkstümlicher Jugendbücher heraus, deren jüngste Erscheinung hier vorliegt. 
Die Bände sind sehr hübsch ausgestattet, enthalten viele Bilder auf Kunstdruckpapier und 
erscheinen zu dem Einheitspreise von 3 Mk. Bd. 1—4 und 6 sind geschichtlichen Inhalts, 
während der vorliegende und der unten angezeigte fünfte von MüUer-Rüdersdorf einzelne 
Stände und Lebensformen unseres Volkes zum Gegenstande haben. Aus der deutschen 
Literatur von Hans Sachs bis Dehmel sind hier Stücke ausgewählt, die die Entwicklung 
des Handwerks behandeln, sein Lob singen und allerlei Ernstes und Heiteres aus dem 
Handwerkerleben schildern. Dass hierzu viel volkskundliches Material verwendet wird, ist 
selbstverständlich; neben hierher gehörigen Auszügen aus der Literatur finden wir auch 
Volkslieder, Sprüche u. dgl. Das geschickt zusammengestellte Buch ist wohl geeignet, 
die Freude am Handwerk und die Achtung vor dem Handwerk zu erhöhen und zu ver- 
breiten. Sehr brauchbar ist es auch für die Zwecke des Schul- und Fortbildungsunter- 
richtes sowie für volkstümliche Vorträge und Unterhaltungsabende; dasselbe gilt für den 
von Müller-Rüdersdorf herausgegebenen Band. [F. B.] 

E. Pehrle, Segen und Zauber aus Baden (Sonderabdruck aus 'Badische Heimat, 
Zeitschrift für Volkskunde, ländliche Wohlfahrtspflege, Heimat- und Denkmalschutz". 
Karlsruhe, G. Braun. [1914] 1. Jahrg. I.Heft). Felirle bespricht nach einer kurzen Einleitung 
über das Wesen des Aberglaubens drei handschriftliche Rezepte aus badischen Orten. Das 
erste enthält ein aus mehreren pilanzlichen und anderen Stoffen bestehendes Mittel gegen 
die 'bösen Leute, dan)it sie dem Vieh keinen Schaden thun können", das zweite einen 
Segen gegen Augenkrankheit, das dritte einen solchen gegen das 'Nachtwesen". Die 
einzelnen Bestandteile und Anweisungen werden erläutert und mit Parallelen aus der 
Antike und älterer deutscher Zeit belegt. Den Schluss bildet eine Aufforderung an die 
Leser dieser neuen Zeitschrift, sich an der vom Verbände deutscher Vereine für Volks- 
kunde veranstalteten Sammlung der deutschen Segen- und Beschwörungsformeln zu be- 
teiligen. [F. B.] 



Notizen. 219 

P. Graffunder, Nachtrag zu den Sagen der Mark Brandenburg (Programm des 
Kgl. Prinz -Heinrich -Gymnasiums zu Berlin- Schöneberg 1912). 4". 30 S. — Die kleine 
Arbeit bringt zehn aus dem Yolksmunde aufgezeichnete brandenburgische Sagen, teils be- 
kannte in nener Form, teils ungedi'uckte. Es sind: 1. Der Förster Bürens (Spuren dieser 
Sage aus dem Blumental bei Strausberg); 2. Die schwarze Dame aus den Müggelbergen: 
3. Die Prinzessin von den Rauener Steinen; 4. Die weisse Frau vom Trebuser Fliess 
(Flammen umtanzen hier den Hügel, den die weisse Frau bewohnt); ö. Der Schneider von 
Petersdorf (schwankhaft): 6. Die untergegangene Stadt im Scharmützelsee; 7. Der Krebs 
an der Kette im Waschbanksee; 8. Das Hufeisen an der Marienkirche zu Frankfurt a. 0.; 
9. Der Rabe mit dem Ring (Fürstenwalde ; 10. Die Wettfahrt mit dem Teufel (Rauener 
Berge). Allen Sagen folgen ausführliche sagenvergleichende Anmerkungen, voll weiter 
Umschau und waghalsigem Kombinationsdrang, beherrscht von dem Streben, in möglichst 
ferne Vorzeit hinabzudringeu. [H. Lehre.] 

G. Hegi, Aus den Schweizerlanden. Naturhistorisch -geographische Plaudereien. 
Zürich, Orell Füssli [1914]. 128 S. 8«. Mit 32 Abbildungen. Geh. 2 Mk., gebd. 3 Mk. — 
Der sechste von den neun Aufsätzen, die das hübsch ausgestattete Büchlein enthält, 
schildert Züge aus dem Volksleben des obersten Tösstales (Kt. Zürich) nach persönlichen 
Erinnerungen des Verfassers, u. a. das 'Bächteln' am 2. Januar, bei welcher Gelegenheit 
wieder einmal von einer 'deutsch-heidnischen Göttin Berchta' die Rede ist, der sogar ein 
männliches 'Götterwesen' Berchthold beigegeben wird, das 'mit Wuotau identisch' sein 
soll. Ferner Knabenumzüge und allerlei andere Festbräuche, Hochzeits- und Totensitten, 
Brand- und Blutsegen u. a. Manche Angaben ergänzen Hoffmann-Krayers Darstellung 
der Schweizer Feste und Bräuche (s. oben 23, 213). Den Schluss bilden Nachrichten 
über Volksdichter und hervorragende Männer des Tösstales. Hingewiesen sei auch auf 
den ersten Artikel 'Der Schweizerische Nationalpark' (im Ofenpassgebiet). [F. B.] 

B. Kubier, Antinoupolis, aus dem alten Städteleben. Leipzig, A. Deichert (W. Scholli 
1914. Mit Titelbild. 46 S. 8 -. 1 Mk. — Das auf einen Vortrag zurückgehende, geschmackvoll 
ausgestattete Büchlein des Erlanger Rechtslehrers schildert in gemeinverständlicher Fassung 
die Gründung, Lage, Verfassung, Entwicklung, Bauart usw. der Stadt Antinoupolis, die 
Kaiser Hadrian zur Erinnerung an den Tod seines Lieblings Antinous am Nil errichtete. 
Grundlage der Darstellung sind vorwiegend die an Ort und Stelle gefundenen Papyri, 
die zwar hier weniger zahlreich vorliegen als für Hermupolis, Oxyrhyuchos und Arsinoe, 
aber doch die Zeichnung eines recht lebendigen Bildes ermöglichen. Auch für den volks- 
kundlich Interessierten, der meist allmählich gewordenen, uralten Sitten und Einrichtungen 
gegenübersteht, wird die hier gebotene flotte Schilderung einer künstlichen, mit Para- 
graphen vom Tage des ersten Spatenstichs an überreich gesegneten Stadtkultur eine au- 
genehme und lehrreiche Lektüre bilden. [F. B.] 

H. Marzell, Volksbotanik 1905— 1908 (Sonderabdruck aus 'Just, Botanischer Jahres- 
bericht' 39 [für das Jahr 1911] 1. Abteilung). Berlin 1913. — Eine umfassende Übersicht 
der in dem oben genannten Zeitraum erschienenen Werke und Zeitschriftenartikel über 
die Pflanzen im Aberglauben, in Sage, im Volksbrauch und Volkssitte, volkstümliche 
Pflanzennamen: berücksichtigt sind in erster Linie die Länder deutscher Zunge. Das 
106 Nummern aufweisende Verzeichnis macht nach des Verfassers Angabe keinen Anspruch 
auf Vollständigkeit, dürfte aber wohl nur wenige Lücken haben; so möchten wir hinzu- 
fügen: J. Bolte, Der Nussbaum zu Benevent, oben 19, 312—314, und 0. Schell, Der 
Donnerbesen in Natur, Kunst und Volksglauben, oben 19, 429-432. Sehr dankenswert 
sind die den wichtigeren Erscheinungen beigegebenen kurzen Inhaltsangaben und Hin- 
weise auf Rezensionen. — Derselbe, Der Nussbaum im deutschen Volksglauben (Sonder- 
abdruck aus 'Naturwissenschaftliche Wochenschrift' N. F. 12 Nr. 45 S. 713f.). — Der Verf. 
weist nach, dass der Nussbaum trotz seiner fremden Herkunft (vielleicht gerade des- 
wegen?) in unserem Volksglauben eine ziemlich bedeutende Stellung einnimmt. Vielfach 
werden ihm allerlei schädliche Wirkungen zugeschrieben, doch schützt sein Holz auch vor 
Blitzschlag, seine Blätter, Früchte usw. werden in der Volksmedizin verwendet, in Rede- 
wendungen und Rätseln kommt er häufig vor. — Derselbe, Zur Volksbotanik des 
Fichtelgebirges in alter und neuer Zeit (Sonderabdruck aus 'Heimatbilder aus Ober- 



220 Notizen. 

franken' 2, 2). — Aus einem 1716 anonym in Leipzig erschienenen Buch 'Ausführliche 
Beschreibung des Fichtel-Berges', als dessen Verfasser Marzell den Wunsiedeler Bürger- 
meister Joh. Chr. Pachelbl (1642— 172G) festgestellt hat, werden zahlreiche Angaben über 
die Verwendung von allerlei Pflanzen in Volksmedizin und Aberglauben mitgeteilt und 
Entsprechungen aus anderen Quellen beigebracht. Pachelbls Buch ist, wie der Vf. 
bemerkt, auch sonst eine reichhaltige und bisher fast unbenutzte Quelle füi- Volksbräuche 
u. dgl. Den Schluss machen Mitteilungen über Pflanzenaberglauben heutiger Zeit, die 
Frl. D. Zernott auf Anregung des Verf. in der Gegend um Gefrees (Bez. -Amt Berneck) 
gesammelt hat. [F. B.] 

W. Müller-Rüdersdorf, Der Erde golduer Segeu. Ein Preis deutscher Landwelt 
und deutschen Bauerntums (Juugdeutsche Bücherei Bd. 5). Langensalza, J. Beltz 1914. 
VIII, 171 S. gr. 8". Gebd. 3 Mk. — Wie in dem oben angezeigten Buch von R. Braun 
der Handwerker, so ist hier der Bauer und seine Tätigkeit der Gegenstand der aus 
deutscher Prosa und Poesie zusammengestellten Darstellung. Auch hier finden wir viele 
Beiträge aus volkskundlichem Gebiete, Wetterregeln, Hausinschriften, Dorfneckereien, 
ländliche Feste usw. Für schnelleres Zurechtfinden müssten bei etwaiger Neuauflage im 
Inhaltsverzeichnis neben die einzelnen Stücke die Namen der Verfasser gesetzt werden, 
wie das in der Braunschen Sammlung der Fall ist. Im übrigen gilt auch für diesen 
Band des verdienstvollen Unternehmens das dort Gesagte. [F. B.] 

W. Pessler, Hausgeographie der Wilster Marsch, Forschungen zur deutschen Landes- 
und Volkskunde 20, 401 ff. — In der Wilstermarsch gehen zwei Bauernhaustjpen neben- 
einander her. Der eine, 'Barghus', ist friesisch, der andere, 'Husmannshus", ist sächsisch. 
Trotzdem kommen keine Übergangsformen vor. Äusserlich haben beide Typen sich an- 
geglichen durch Betonung der Querrichtung des Wohnendes vermittels Seitenflügel mit 
niedrigerem eigenen First. Das Sachsenhaus ist ferner durch die Abart mit Durchgangs- 
diele vertreten, wobei eine Angleichung auch an den Grundriss des Friesenhauses entsteht. 
Bei vorwiegendem Ackerbau ist Neigung zum altsächsischen Haustypus, bei vorwiegender 
Weidewirtschaft Bevorzugung des friesischen festgestellt! [K. Brunner.] 

S. R. Steinmetz, Essai d'une Bibliographie systematique de TEthnologie jusqu'ä 
l'annee 1911 (Monographies bibliographiques publiees par l'Intermediaire Sociologique, 
Nr. I). Brüssel und Leipzig, Misch & Thron [1913] IV, 196 S. 8 «. 7 Fr. — Das Institut 
de Sociologie Solvay in Brüssel beabsichtigt eine Reihe von bibliographischen Einzelschriften 
herauszugeben, denen von Spezialforschern im Bereich der Soziologie zu privatem Gebrauch 
angelegte Literatursammlungen zugrunde gelegt werden sollen. Dem Grundsatze folgend, 
dass die Ethnologie im vergleichenden theoretischen Studium der Naturvölker ihre Aufgabe hat 
im Gegensatz zu der reinen Beschreibung der Ethnographie, hat der Verf. 'systematische Dar- 
stellungen bestimmter Gegenstände, die ein ganzes Volk oder sogar eine Völkergruppe betreffen, 
ausgeschlossen, wenn die reine Darstellung die Absicht schien und nicht die theoretische 
Verwertung'. Selbstverständlich sind diese Grenzen fliessend, und so wird man in dem 
Buche manches vergebens suchen und manches wider Erwarten finden, je nach der per- 
sönlichen Auffassung. So ist mir z. B. unklar, weshalb Seligmann, Der böse Blick, auf- 
geführt wh-d, dagegen Elworthy, The Evil Eye (1895), und Valletta, La Jettatura (1882), 
fehlen. Auch konnte wohl, um nur noch eiuige Beispiele hinzuzufügen, de Gubernatis, 
Zoological Mythology undJMythologie des Plantes aufgenommen werden, ebenso Dieterichs 
Mutter Erde, Böttichers Baumkult, Mannhardts Korndämonen und Roggenwolf; Hehn, 
Kulturpflanzen und Haustiere, beschränkt sich doch ebenfalls nicht auf reine Beschreibung. 
Der Begriff der 'Naturvölker' wird auch nicht immer strenge innegehalten, wie z. B. die 
Aufnahme von Hopf, Orakeltiere, oder Giraud-Teulon, La mere chez certains peuples de 
Tantiquite, zeigt. Zu Sartoris Aufsatze über die Totenmünze (Archiv f. Relw. 1899) ist 
desselben Verfassers Artikel über Ersatzmitgaben an Tote hinzuzufügen (ebda. 1900). Sehr 
vermisst man ein Sachregister; zwar stehen zwischen den Verfassernamen des Registers 
einige sachliche Stichworte; diese genügen jedoch keineswegs, ebensowenig wie das ziemlich 
ausfülirliche Inhaltsverzeichnis. Immerhin ist diese umfangreiche Bibliographie sicher 
dazu angetan, ein dankenswertes Hilfsmittel auch für die volkskundlichc Forschung zu 
werden. [F. B.] 



Notizen. — Brunner: Protokolle. 221 

C. H. Stratz, Die Darstellung des menschlichen Körpers in der Kunst. 3. und 
4. Tausend. Berlin, J. Springer 1913. Mit 252 Textfiguren. X, 322 S. 8 ". Gebd. 12 Mk. — 
Das überaus interessante und prachtvoll ausgestattete Buch ist zum überwiegenden Teile 
der naturwissenschaftlichen Kunstbetrachtung gewidmet, doch ist ein kurzer Hinweis 
darauf auch an dieser Stelle gerechfertigt, da die Ausführungen des Verf. über primitive 
und vorgeschichtliche Kunst mit den beigegebenen Abbildungen auch den Volkskundler 
interessieren dürften. Auch das sehr eingehende 2. Kapitel 'Der natürliche und künst- 
lerische Kanon des Menschen' bietet für typologische Untersuchungen auf volkskundlichem 
Gebiete ein zuverlässiges Hilfsmittel. [F. B.] 

Die Historie van Christoffel Wageuaer, Discipel van D. Johannes Faustus, naar 
den Utrechtschen Druck van Eejnder Wylicx uit het Jaar 1597 uitgegeven door Josef 
Fritz. Leiden, E. J. Brill 1913. 24(> S. S" (Nederlandsche Volksboeken opnieuw uit- 
gegeveu vanwege de Maatschappij der nederlandsche Letterkunde te Leiden 12). — 1593, 
sechs Jahre nachdem das Volksbuch vom Doktor Faust zu Frankfurt herausgekommen 
war, erschien ein als zweiter Teil dieser Historie bezeichnetes Büchlein, das die wunder- 
baren Schicksale seines Famulus Christoph Wagner behandelt. Wagner greift, nachdem 
er Fausts hinterlassenes Vermögen verzehrt hat, zur Zauberei, schliesst mit dem Teufel 
Auerhan einen Pakt und durchlebt eine Eeihe ähnlicher Abenteuer wie Faust, lässt sich 
auch nach Lappland imd Amerika führen und nimmt endlich das gleiche klägliche Ende 
wie sein Meister. Von dieser in Abdrücken, Bearbeitungen und Dramatisierungen bis ins 
19. Jahrhundert fortlebenden Nachahmung der Fausthistorie hat Fritz, ein Schüler Minors, 
1910 eine kritische Ausgabe veranstaltet. Jetzt legt er uns auch die niederländische 
Übersetzung, die 1597 bei Eeynder Wylicx zu Utrech+.'''erschien, in einem sorgfältigen 
Neudrucke vor, dem er Worterklärungen unter dem Töxte und Untersuchungen über die 
späteren Ausgaben und das Verhältnis zur deutschen Vorlage beigefügt hat. Der Über- 
setzer meidet alle gelehrten oder für seine niederländischen Leser schwerer verständlichen 
Anspielungen und kürzt so seine Vorlage fast um Vu- Sein sich von aller konfessionellen 
Polemik ängstlich fernhaltendes Volksbuch ward wiederholt gedruckt und um 1730 durch 
einen eifrigen Katholiken, wohl einen Antwerpener Franziskaner, umgearbeitet, der die 
Eeisekapitel durch Einführung bekannterer Lokalitäten ersetzt imd seinem Hass gegen 
die Hugenotten in La Eochelle Ausdruck verleiht. Auch für diese Bearbeitung hat Fritz 
umsichtig die benutzten Quellen nachgewiesen und eine Anzahl von Proben abgedruckt. 
[J. B.] 

A. Wirth, Tod und Grab in der schottisch-englichen Volksballade, eine Studie zum 
Volkslied. Progr. Bernburg 1914 (ur. 982). 48 S. 4 ". — Eine sorgsame Durchmusterung 
von Childs grosser Sammlung englischer Balladen auf folgende Motive hin: Todes- 
ursachen, Vorzeichen, Scheintod, Tod und Trauer, Geisterleben, Grab, Eache. [J. B.] 



Aus den 

Sitzunas-ProtokoUen des Vereins für Volkskunde. 



Freitag, den 27. Februar 1914. Der Vorsitzende, Hr. Geh. Reg.-Rat Prof. 
Dr. Roediger, widmete den verstorbenen langjährigen Vereinsniitgliedern, Prof. 
Dr. Joh. Franke. Bonn, und Prof. Dr. Paul Bartels, Königsberg i. Pr., Worte 
ehrenden Gedächtnisses. Hr. Prediger und Schuldirigent A. Levy sprach über 
altisraelitische Volks- und Familienfeste. Zum Verständnis einer Dichtung ist 
Kenntnis ihrer Umwelt notwendig. Das gilt auch für die zahlreichen poetischen 
Teile der Bibel. In den Schriften des Alten Testamentes lernt man die Israeliten 



222 Bnmner: 

nur sozusagen im Staatskleide kennen. Die Art, wie Volksfeste gefeiert wurden, 
gibt ein besseres Bild von der Volksseele. Die uralten israelitischen Volksfeste 
wurden später durch die 'Halacha' religionsgesetzlich festgelegt. Die religiösen 
Feste nahmen auch oft den Namen der Volksfeste an. Bei dem zum späteren 
Versöhnungsfeste gewordenen echten alten Volksfeste trug man nur geliehene 
Kleider, damit Arm und Reich sich durcheinander mischen sollten und Standes- 
unterschiede das allgemeine Pest nicht störten. Schon zur Zeit der Richter fand 
in Siloh zur Erinnerung an Jephtas Tochter ein Jungfrauen fest statt. In die Nähe 
der vorgeschriebenen Kultusfeste traten andere Volksfeste und wurden deshalb 
mit ihnen verschmolzen. Im Herbst fand ein Wasseropfer mit nächtlichem Lichter- 
glanz zur Verehrung der Quelle Siloah statt. Aber auch im Frühling wurde ein 
nächtliches Fest gefeiert. Reife Gerste wurde feierlich geschnitten und so die 
Ernte eingeleitet. Beide F'este waren echte Volksfeste ohne Standesunterschiede, 
welche sich an religiöse Pestgebote nur anlehnten. Da bei der fortschreitenden 
Güterzerschlagung das Korn um die Ernte- und Saatzeit knapp wurde, so sparte 
man und säete mit Tränen, wie es in der Bibel heisst. Die Erstlingsopfer der 
Ernte wurden auf Wallfahrten nach Jerusalem gebracht, und am Ende der Ernte 
feierte man ein ausgelassenes allgemeines Volksfest am letzten Tage des Hütten- 
festes, bei dem der Ruf 'Hosianna = Hilf doch' erklang. Das Purimfest, das 
Fest der Zweige, ist der jüdische Fasching, ein Frühlingsfest, verbunden mit Hin- 
richtung einer Hamanfigur, ^ihnlich unserm Winter- oder Tod-Austreiben. Auch 
Familienfeste wurden durch Teilnahme aller ohne Standesunterschiede zu Volks- 
festen, wie bei dem Festzuge mit dem acht Tage alten Knaben zum Tempel. 
Ebenso nahm jedermann an den Hochzeitsfeiern teil, da es für allgemein mensch- 
liche Pflicht galt, Brautleute zu erfreuen. Der Bräutigam wurde als König, kurz 
als Salomo, bezeichnet. Als Symbol friedlichen Beisammenseins wurde ein Hahn 
und eine Henne vor dem Brautpaare in das Ehegemach eingelassen. Während 
sieben Tagen wurde in Tanz und Spiel die Hochzeit gefeiert. Ausschreitungen 
waren selten. Die Tänze wurden von Männern ausgeführt, wozu die Frauen 
musizierten. Diese Schilderungen jüdischer Volksfeste stammen aus einer Zeit, 
in der das Volk bereits ein politisches Scheinleben zu führen gezwungen worden 
war. Im Anschlüsse an diesen Vortrag legte der Unterzeichnete eine Anzahl 
jüdischer Kultusgeräte aus der Sammlung des Hrn. Schlachthofsdirektor Werner 
in Stolp vor. Hr. Direktor Dr. Minden wies auf seine Besprechung über die 
Thorah- Wimpel (oben 3, 205) hin. Hr. Levy bemerkte noch, dass die bei der 
Sabbatfeier gewöhnlich gebrauchten Psom- oder Gewürzbüchsen aus Silberfiligran 
gearbeitet zu sein pflegen. Die Tinte, mit welcher die Thorahrollen und die 
Gebetsriemen nur mit Gänsefedern beschrieben werden, ist von bestimmter und 
vorgeschriebener Zusammensetzung. Auf eine Anfrage über die Herkunft der als 
Schild Davids bezeichneten Figur des Hexagramms erwiderte er, dass sie aus dem 
13. Jahrhundert zuerst bekannt sei. 

Freitag-, den 27. März 1914. Der Vorsitzende, Geh. Rat Prof. Dr. Roediger, 
wies auf den vom Verbände deutscher Vereine für Volkskunde versandten 'Aufruf 
zur Sammlung' der deutschen Segen- und Beschwörungsformeln' hin und forderte 
die Mitglieder des Vereins zur Mitarbeit auf. Abdrücke des Aufrufes sind noch 
vorhanden. Er legte ferner ein neu erschienenes Buch von Prof. Dr. E. Samter: 
Die Religion der Griechen vor (aus Teubners Sammlung 'Aus Natur und 
Geisteswelt'). Hr. Prof. Rob. Mielke sprach mit Vorführung zahlreicher Licht- 
bilder über die Entstehung unserer Dorfformen. Die Gründe für die Gestaltung 
der Dorfformen liegen in den Wirtschaftsweisen. Die Einzelhöfe an der Weser 



Protokolle. 223 

und in Priesland z. B. deuten auf alte Viehwirtschaft hin. Mit dem Überwiegen 
des Ackerbaues stellte sich die Notwendigkeit einer bestimmten Grösse des Areals 
heraus. Schon zu Caesars Zeit war bei den Germanen Hufenverteilung vorhanden. 
Die nordische Grosshufe ist wahrscheinlich auch in Deutschland, z. ß. in den 
"Wesermarschen, in Braunschweig, Thüringen usw. in Geltung gewesen. Die 
Königs- oder Marschenhufe taucht in der östlichen Kolonisation auf. Dagegen 
haben die Weiler im Westen römische Plureinteilung in rechteckiger Form. In 
Schonen und Seeland sind zwei alte Dorfformen, By oder Haufendorf und Torp 
oder Rundlingsdorf, zu unterscheiden. Eine weitere Dorfform des Nordens war 
das Fortadorf mit 8 bis 12 Haupthöfen, in Kreuzform angelegt. Eine spätere, im 
13. Jahrhundert in Schweden und Norwegen beendete Regulierung der bereits 
unter König Erich planmässig angelegten Dörfer geht auf die Sonnenlage zurück, 
wodurch das Strassendorf entstand. In Deutschland sind die alten Verhältnisse 
unklarer. Das Strassendorf ist bei uns das Normaldorf. Die ehemals als slawisch 
angesehenen Runddörfer sind oft nur Angerdörfer und können nicht als völkisch 
bedingt angesehen werden. Ihnen ist die 8 -Zahl der Gehöfte eigentümlich. Der 
nordische Rundling hat sich in Holstein, Lübeck und Mecklenburg-Strelitz erhalten. 
Jünger als die Rundlinge sind die Kietze, welche man immer den Slawen 
zuschreibt. Es sind Strassendörfer ohne Ackerflur, und sie treten nur in ehemals 
slawischem Kolonialgebiete auf. In der an den Vortrag sich anschliessenden Be- 
sprechung erörterte Hr. F. Treichel seine Auffassung des Achterzug-Pfluges, der 
nach Mielke einer bezeugten Bespannung mit 8 Ochsen bedurfte, als eines Pfluges 
mit hintereinander gehenden Zugtieren. Ferner erklärte er die vom Redner 
erwähnte, Swinslag genannte, bestimmte Art der Hufenverteilung als Weide auf 
der Stoppel. Derselbe sprach dann über die Bedeutung und den Ursprung seines 
Familiennamens. Er führte aus, dass im Alemannischen 'treichlen' soviel bedeute 
wie eine Glocke anschlagen. Die Glocke heisst Treichle. Daher trägt eine 
Familie dieses Namens in dem durch Viehzucht hervorragenden Allgäu eine 
Glocke im Wappen. Bei dem schweizerischen volkstümlichen Umzüge des sog. 
Klausens am St. Nikolaustage, einem alten Fruchtbarkeitsritus, werden von den 
Burschen Glocken, Treichlen, benutzt. 

Freitag, den 24. April 1914. Der Vorsitzende, Hr. Geh. Rat Roediger, 
legte ein eben erschienenes Buch von Elisabeth Lemke: Asphodelos und anderes 
aus Natur und Volkskunde, I. (Allenstein 11)14) vor. Der Unterzeichnete 
sprach über das schlesische Bauernhaus unter Vorführung von 21 Lichtbildern. 
Der Vortrag ist oben 23, 337 ff. abgedruckt. Dann hielt Hr. Professor Guth- 
knecht einen Vortrag über die Tracht der Germanen, unter Vorlegung zahlreicher 
eigenhändiger Skizzen nach antiken Vorlagen. Er wies darauf hin, dass die 
Zeugnisse der alten Schriftsteller, besonders des Caesar und Tacitus, die einzigen 
und im grossen und ganzen auch zuverlässigen Quellen für die Kenntnis der 
primitiven Volkstracht der Germanen seien. Zwischen Galliern und Germanen 
habe kein bedeutenderer Unterschied in der Tracht bestanden. In dem von 
Caesar erwähnten 'reno' erblickte er einen Pelzumhang von Skapulierform und 
verwarf die Ableitung des Namens vom Rentier. In den prähistorischen Funden 
sehen wir Gürtel, Fibeln und Haken bereits eine grosse Rolle spielen, so dass 
Schlüsse auf einen grossen Reichtum in der Tracht berechtigt erscheinen. Auch 
zeigt der Schnitt der Frauentracht des Nordens in der älteren Bronzezeit bereits 
eine hohe Entwicklung, nicht minder die spätere Männerhose, wie wir sie z. B. 
aus dem Thorsberger Moorfunde (3. bis 4. Jahrh. n. Chr.) kennen lernen. Wenn 
trotzdem zur römischen Kaiserzeit am Rhein noch nackte Germanen lebten, so 



224 Brunner: Protokolle. — Berichtigung. 

muss man annehmen, dass die nördlichen Germanen schon früher eine höhere 
Kulturstufe erreichten als die westlichen. Immerhin ist bei Tacitus bereits gegen- 
über Caesars Angaben ein gewisser Kulturfortschritt in der germanischen Tracht 
zu erkennen. In der Prauentracht ist das kurze Kleid urwüchsiger als das lange. 
Die Marc Aureissäule zeigt bereits einen gewissen Kleiderluxus der Markomannen, 
Freitag, den 22. Mai 1914. Der Vorsitzende, Hr. Geheimrat Roediger, 
legte die ersten Nummern einer von Wolfgang Schultz unter Mitwirkung anderer 
namhafter Gelehrten neu herausgegebenen Monatsschrift für vergleichende Mythen- 
forschung 'Mitra' vor. Hr. Rittergutsbesitzer Fr. Treichel machte unter Vorlegung 
von Abbildungen Mitteilung von eigentümlich in Menschenform gestalteten Bienen- 
stöcken aus Höfel in Schlesien, die unter dem Namen 'Apostel bienenstöcke' bekannt 
sind und einem in slawischen Gebieten öfter auftretenden Typus angehören. 
Näheres darüber wird eins der nächsten Hefte dieser Zeitschrift bringen. Hr. 
Direktor Dr. Minden zeigte eine volkstümliche Stickerei, Darstellung der männ- 
lichen und weiblichen Hochzeitstracht aus Nuoro in Sardinien, welche er der 
Kgl. Sammlung für deutsche Volkskunde überwies. Dann hielt Hr. Dr. Robert 
Peli ssier einen durch Lichtbilder und phonographische Darbietungen erläuterten 
Vortrag über seine Reisen zu den finnisch-ugrischen Völkerschaften Russlands, 
insbesondere den Wotjaken, Permjaken, Syrjänen und Mordwinen. Unter ihnen 
lebt zerstreut der mohammedanische Stamm der Tataren, welcher sich auch in 
kultureller Beziehung von den finnisch-ugrischen Bevölkerungen unterscheidet und 
von der russischen Regierung privilegiert wird. Der Vortrag soll ausführlich 
später in dieser Zeitschrift veröffentlicht werden. 

Berlin. Karl Brunner. 



Berichtigung. 

Von befreundeter Seite werde ich darauf aufmerksam gemacht, dass mir bei 
der Besprechung der so verdienstlichen Arbeit über den 'Mönch Felix' von 
Dr. Erich Mai (im vorigen Heft dieser Zeitschrift S. 102) ein Versehen mit unter- 
gelaufen ist. Erich * Mai hat auch die Anregung zu seinen ergebnisreichen 
Forschungen durch Herrn Geheimrat Dr. Max Roediger erhalten. Ich bedaure 
meine unrichtige Angabe und gebe die Worte wieder, die Mai seinerzeit seiner 
Dissertation vorausschickte: „Bevor ich die folgende Einleitung eröffne, kann ich 
nicht umhin, der reichen und nie verdrossenen Förderung zu gedenken, die mir 
dabei durch Herrn Professor Dr. Max Roediger hierselbst zuteil geworden. Nicht 
nur, dass er die erste Anregung zu einer kritischen Ausgabe des Pelixgedichtes 
gegeben, er hat mir im Verein mit dem inzwischen verstorbenen Herrn Geheimen 
Regierungsrat Professor Dr. Weinhold auch die Handschriften zugänglich gemacht, 
mich mit Nachweisen unterstützt, mich mehr als drei Jahre hindurch kritisch be- 
raten. Ich sage ihm, Otfrieds Wort vom zuhtäri guato billig erneuernd, meinen 
herzlichen Dank." 

Gross-Lichterfelde. Fritz Behrend. 



.>^' 



GescMclite der Tanzkrankheit in Dentschland. 

Von Alfred Blartin. 

(Vgl. S. 113-134.) 



Die Tanzkrankheit vor 1518. 

Betrachten wir die Tanzkrankheit vor der Strassburger Epidemie 
zeitlich rückwärtsschreitend, so stossen wir zunächst in Zürich auf Tänzer 
in der Kirche und in der Yorhalle der Kirche. 

Nach den Rats- und Richtbüchern sagt 1452 ein Hans Schiltknecht 
vor Gericht aus: „Es habe sich gefügt, daß ein armer Mensch au St. Yits 
Tag uf dem Helmhaus [in der Vorhalle der Wasserkirche] habe getanzet; 
also sei er auch da gestanden, und habe zugesehen, da habe der arme 
Mann ihn angerufen, daß er ihm in seinen Nöthen zu Hülfe käme, also 
habe er ihm durch Gottes und seiner lieben Mutter Willen in seinen 
Nöthen geholfen, und da er also mit ihm getanzet, haben vier Gesellen 
seiner gespottet" ^). 

In den Rats- und Richtbüchern findet sich beim Jahr 1418 [oder 1428, 
siehe später] die Stelle: Heini Murer sagt vor Gericht, 'daß es sich gefügt, 
daß er in der Wasserkilchen stund und den armen Frowen zulugte, die 
da tanzeten; da käme Heini Harnischmacher und wollte den Frowen eine 
Wite [Weite, Raum] machen, daß der Luft zu ihnen ginge, und stieß 
die Leute hinter sich' "). 

Salomon Vögelin, der die Stellen mitteilt, setzt den Vorgang ins Jahr 1418, 
später bezieht er sich auf die Rats- und Richtbücher von 1418 und 1419. In 
den Usterischen Manuskripten der Stadtbibliothek Zürich (Msc. U 55) fand ich 
die Angabe 1428. Auf meine Anfrage teilte mir das Züricher Staatsarchiv mit, 
dass sich in ßd. VI, 204 (wo die Stelle S. 137 steht) Jahre und Jahresbruchstücke 
der Rats- und Richtbücher von 1418, 1419, 1428 I und II finden, der Passus 
zwischen 1428 und 141'S steht und eher zu 1428 in die I.Jahreshälfte zu gehören 



* li Salomon Vögelin, Gesch. der Wasserkirche in Zürich. Zürich 1848 (Neujahrsblatt 
hsg. v. d. Stadtbibliothek in Zürich auf das Jahr 1.S47 — 48). 
2) Ebenda. 

Zeitschr. d. Vereins f. Volkskunde. 1914. lieft 3. 15 



996 Martin: 

scheint. Vögelin hatte, wie oben S. 114 erwähnt, in der Annahme, die Strass- 
burger Epidemie habe 1418 stattgefunden, gemeint, die Tänzer seien von Strass- 
burg über Zabern nach Zürich gelangt. 

Die Wasserkirche galt vor der Reformation — die sie gerade des- 
wegen schloss — als heiligste Kirche der Stadt. Sie war die älteste 
Kapelle und galt als Reichsboden. Dort hatten die heiligen Märtyrer 
Felix und Regula an der später vielbenutzten heiligen Heilquelle ihr 
Leben gefristet und waren gefangen worden. Die alte Kirche hatte fünf 
Altäre^), vielleicht war einer dem hl. Veit geweiht, denn ohne Grund 
wurde am Veitstage dort nicht getanzt. 

Im vorhergehenden Jahrhundert finden wir eine grosse Epidemie in 
Köln, Aachen, Utrecht, Mastricht, Lüttich, Tongern und Metz, die sich in 
benachbarte Gebiete ausbreitete. Die Tänzer zogen von einem Ort zum 
andern. 

Eine Kölner Chronik sagt vom Jahre 1374: „In dem seluen iair stonde eyn 
groisse kranckheit vp vnder den mynschen, ind was doch niet vill me gesyen dese 
selue kranckheit vur off nae ind quam van natuerlichen Ursachen as die meyster 
schrijuen, ind noemen Sij maniam, dat is raserie off' unsynnicheit. Ind vill lüde 
beyde man ind frauwen junck ind alt hadden die kranckheit. Ind gyngen vyss 
[aus] huyss ind hoff, dat deden ouch junge meyde, die verliessen yr alderen, 
vrunde ind maege ind lantschaff. Disse vurß mynschen zo etzlichen tzijden as 
Sij die kranckheit anstiesse, so hadden Sij eyn wonderlich bewegung yrre lychamen. 
Sij gauen vyss kryschende vnd grusame stymme, ind mit den wurpen Sij sich 
haestlich up die erden, vnd gyngen liggen up yren rugge, ind beyde man ind 
vrauwen moist men vmb yren buych ind vmp lenden gurdelen vnd kneuelen mit 
twelen [Tüchern] vnd mit starcken breyden benden, asso stijff vnd harte als men 
mochte. 

Item asso gegurt mit den twelen dantzten Sij in kyrchen ind in clusen ind vp 
allen gewijeden steden. As Sij dantzten, so sprungen Sij allit vp ind rieffen: Here 
sent Johan, so so, vrisch ind vro, here sent Johan. 

Item die ghene die die kranckheit hadden wurden gemeynlichen gesunt bynnen 
V V. dagen. Zom lesten geschiede vill bouerie vnd droch dae mit. Eyn deyll 
naemen sich an, dat Sij kranck weren, vp dat Sij mochten gelt dae durch bedelen. 
Die anderen vinsden sich kranck, vp dat Sij mochten vnkuyschheit bedrijuen mit 
den vrauwen. jnd gyngen durch alle lant ind dreuen vill bouerie. Doch zo lesten 
brach idt vyss ind wurden verdreuen vyss den landen. Die selue dentzer quamen 
ouch zo Coellen tusschen [zwischen] tzwen vnser lieuven frauwen missen Assumptio- 
nis ind Natiuitatis." 

(Die Chronica van der hilliger Stat van Coellen, Coellen 1499, Bl. 277 = Die 
Chroniken der deutschen Städte 14, 715. 1S77. Abdruck bei Hecker-Hirsch S. 189, 
Anhang IV) 2). 

Es trat in Köln, wie in Strassburg, der Tanz als Krankheit auf. 
Auffallend war die kreischende und grausame Stimme der Kranken und, 



1) Salomon Vögelin a. a. 0. 

2) J. F. C. Hecker, Die grossen Volkskrankheiten des Mittelalters, hsg. v. A. Hirsch. 
Berlin 1S65. 



Geschichte der Tanzkrankheit in Deutschland. 227 

•was dem Berichterstatter am meisten in die Augen fiel, die Bewegung ihrer 
Körper, Schreiend warfen sie sich auf die Erde und 'gingen liegend auf 
•dem Rücken'. Der Arzt weiss, dass die Verrenkungen auf dem Breughelschen 
Bilde (oben S. 13'2) und das Hin- und Herwerfen der auf dem Rücken 
Liegenden mit plötzlichen sprenkelartigen Krümmungen der Wirbelsäule, 
auch des ganzen Körpers, nur verschiedene Ausdrücke desselben hysterischen 
Krankseins sind. Wenn sie tanzten, hatten sie den Bauch mit breiten 
■Ourten oder Tüchern umwunden, die durch Knebel straff angezogen waren. 
So tanzten sie in Kirchen, Klausen und auf allen geweihten Stätten, wie 
wir aus dem Vorhergehenden wissen, sicherlich zu Heilzwecken, und 
beim Aufspringen feuerten sie sich in einem Tanzliede (das in früheren 
Zeiten die Instrumentalmusik vertrat) unter Anrufung ihres Krankheits- 
patrons an: Here sent Johan, so so, vrisch ind vro, here sent Johan. Wie 
in Strassburg, gab's zuletzt Betrüger unter ihnen, und das enge Zusammen- 
leben wurde auch von Lüstlingen ausgenutzt. Da vertrieb man sie, die 
wahrhaft Kranken waren gewöhnlich in V V [?] Tagen gesund geworden. 

Dieser einfache Bericht weicht in der Schilderung der Krankheit und 
Krankheitsheilung von solchen der späteren Zeit nicht wesentlich ab. 
Dass die Leute den Heiltanz vollführten, ist nicht zu bezweifeln, ja es 
scheint der Tanz selbst anfänglich nur zu Heilzwecken vorgenommen zu 
sein und die Krankheit, die man damit heilen wollte, in der abnormen 
Stimme, dem Zubodenwerfen und den konvulsivischen Bewegungen be- 
standen zu haben; denn das vollführten sie, 'als sie die Krankheit 
-anstieß', dann erst Hessen sie sich gürten^) und tanzten an geweihten 
Stätten, wo sie meist geheilt wurden. Diese bis dahin unbekannte 
Krankheit nannten die Meister (der Arznei) Manie, das ist Raserei und 
Unsinnigkeit. Erst später kamen, wie der Chronikenschreiber meint, 
Betrüger und anderes Gesindel hinzu, sicherlich aber auch geistig- 
Minderwertige, die mit dem Tanz angesteckt wurden und nun als Tanz- 
kranke tanzten. 

Ein zweiter zeitgenössischer deutscher Bericht steht in der Limburger 
■Chronik (angefangen 1347): 

„An. 13472) 2u mittem Sommer da erhub sich ein wunderlich ding auf Erd- 
reich, vnd sonderlich in Teutschen landen, auf dem Rein vnd auf der Mosel, also 
daß leut anhüben zu dantzen vnd zu rasen, vnd stunden je zwey gen ein, vnd 
dantzeten auf einer stett einen halben tag, vnd in dem Dantz da fielen Sie etwan 



1) Trithcmius schreibt, allerdings erst im IG. Jahrhundert: Zuerst auf die Erde 
fallend schäumten sie, danach aufstehend tanzten sie bis zur Entkräftung, wenn sie 
nicht durch ein sehr starkes Band von anderen zusammengeschnürt wurden (nisi fortissima 
ligatura per alios stringerentur). (Chronicon Spanheimense. Frankf. KiOl.) Dabei möchte 
ich daran erinnern, dass meines Wissens in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine 
Heilmethode der Epilepsie im Zusammenschnüren einzelner Glieder bestand, vielleicht 
geht sie auf einen alten Volksbrauch zurück. 

2) Druck- oder Schreibfehler für 1;m4. Die Stelle steht nach 1373 und vor 1375. 

15* 



228 Martin : 

dick [oft] nider, vnd liesen sich mit füssen tretten auf jhren leib. Davon namen 
sie sich an, daß sie genesen weren, vnd liefen von einer Statt zu der anderen, 
vnd von einer Kirchen zu der anderen, vnd hüben gelt auf von den leuten, wo es 
jhnen mocht gewerden. Vnd wurd des dings also viel, daß man zu Cöln in der 
Statt mehr dann fünffhundert Dentzer fand. Vnd fand man, daß es ein Ketzerey 
was, vnd geschach umb gelts willen, daß jhr ein theil Prauw vnd Man in vn- 
keuschheit mochten kommen vnd die volnbringen. Vnd fand man da zu Cöln 
mehr dann hundert Prauwen vnd Dienstmägd, die nit ehrliche menner hatten. Die 
wurden alle in der Dentzerey kindertragend, vnd wann daß Sie Dantzeten, so 
bunden vnd knebelten sie sich hart vmb den leib, daß Sie desto geringer weren. 
Hierauf sprachen ein theils Meister, sonderlich der Guten Artzt, daß ein theil wurden 
dantzend, die von heiser Natur weren, vnd von andern gebrechlichen natürlichen 
Sachen. Dann deren was wenig, denen das geschach. Die Meister von der 
heiligen Schrift die beschworen der Dentzer ein theils, die meinten daß Sie be- 
sessen weren von dem bösen Geist. Also nam es ein betrogen end, vnd werete 
wol Sechzehen wochen in dissen Landen oder in der maaß. Auch nahmen die 
vorgenante Dentzer Man vnd Prauwen sich an, daß Sie kein rot sehen möchten. 
Vnd war ein eitel teuscherey vnd ist verbotschaft gewest an Xystum [Christum] 
nach meinem beduncken"^). 

(Auch bei Hecker-Hirsch a. a. 0. abgedruckt, aber nach der Ausgabe von 
C. D. Vogel. Marburg 1828). 

Hier treten die Krauken von vornherein als Tänzer auf — es wird 
auch ihre Tanzart angegeben, sie 'stunden je zwey gen ein' — und tanzten 
oft bis zum Umsinken, Hessen sich dann mit Füssen treten und glaubten 
sich nun geheilt. Es war also in der Hauptsache die Heilart, die wir 
vornehmlich von Strassburg und Basel her kennen. Auch vom Tanz in 
den Kirchen spricht der Bericht. Das Umgürten des Bauches geschah 
nach ihm nur, um in der Schwangerschaft dünner zu erscheinen und sie 
zu verdecken (vgl. oben S. 125 f. den Bericht Schenks von Grafenberg). 
Der Chronist hält die meisten Tänzer für Betrüger, wenige für wirklich 
Kranke, von denen die guten Ärzte sagten, dass sie heisser Natur wären 
(siehe oben S. 118 diese Angabe auch bei der Strassburger Epidemie) 
und andere Gebrechen hätten. Im Gegensatz zu den Ärzten — und an- 
scheinend auch zum Chronisten — nahmen die Geistlichen Besessenheit 
an und beschworen sie. 

Ganz anders lauten die Berichte niederländischer Geistlicher. Sie 
schildern die Kranken, durch ihre Brille gesehen, nur als Besessene, und 
als solche wurden diese von ihnen dort auch behandelt, besonders wo das 
durch die Plage verbitterte Volk der Geistlichkeit gefährlich zu werden 
anfing. Die Berichte sind kulturgeschichtlich besonders interessant, weil 
sie zeigen, welche ]\Iacht die Suggestion hat. Die Krauken glaubten 
schliesslich selbst, dass sie von Teufeln besessen seien, und die Geist- 
lichen holten Aussagen aus ihnen heraus, die sie wünschten und die ihnen 

1) Die Limburger Chronik des Johannes, nach J. Fr. Fausts Fasti Limpurgenses hs<?. 
von K. Rössel (Wiesbaden 18G0) S. 5G. (Neue Ausgabe in den Monumenta Germaniae, 
Deutsche Chroniken 4, 1.) 



Geschichte der Tanzkrankheit in Deutschland. 229 

angenehm waren. Selbst die in religiöse Schwärmerei Verfallenen wurden 
als Besessene betrachtet und mitbeschworen. Jedenfalls trat die seelische 
Erkrankung hier weit mehr als sonst hervor und war in ihren Äusserungen 
zumeist durch die Geistlichkeit beeinflusst. 

Ausführlich erzählt ein gleichzeitiger Niederländer: „Am 16. Julius 
(1374) kam eine sonderbare Art besessener Menschen aus den obern deutschen 
Ländern nach Aachen, von da nach Utrecht und endlich gegen den September 
nach Lüttich. Halb nackend, mit Kränzen um die Köpfe, führten diese Besessenen 
beiderlei Geschlechts auf den Strassen, selbst in den Kirchen und Häusern ohne 
alle Scham ihre Tänze auf, indem sie in ihrem Gesänge nie gehörte Namen der 
Teufel ausriefen. Nach dem vollendeten Tanze quälten die Teufel sie mit den 
heftigsten Brustschmerzen, so dass sie mit schrecklicher Stimme schrieen, sie 
stürben, wenn man sie nicht mit Binden um den Leib zusammenschnürte. Vom 
September bis zum Oktober wuchs ihre Sekte zu vielen Tausenden an. Aus 
Deutschland strömten täglich neue Tänzer herbei, und zu Lüttich wurden viele, 
die noch an Leib und Seele gesund waren, plötzlich von den Teufeln ergriffen 
und verbanden sich mit den Tänzern. Kluge Leute wussten keinen anderen Grund 
der Entstehung dieser teuflischen Sekte anzugeben, als die herrschende Unwissen- 
heit in Glaubenssachen und in den Geboten Gottes. Viele aus dem Volke warfen 
aber die Schuld auf die Priester, die im Konkubinat lebten, durch welche also 
jene Leute nicht recht getauft worden wären. — In der Kreuzkirche zu Lüttich 
fing an der Kirchweihe der Träger des Rauchfasses an, sein Fass wunderlich zu 
schwenken, zu springen und unverständlich zu singen. Als darauf ein Priester 
verlangte, er solle das Vaterunser beten, wollte er nicht, und als er den Glauben 
beten sollte, sagte er: Ich glaube an den Teufel. Da legte der Priester ihm die 
Stola um und las den Exorzismus der Kirche; alsbald verliess ihn der Teufel, 
und er betete das Vaterunser und den Glauben mit grosser Andacht. — Um das 
Pest aller Heiligen versammelte sich in dem Flecken Herstal bei Lüttich eine 
Menge Tänzer, Männer und Weiber, und beschlossen nach Lüttich zu gehen und 
daselbst die Prälaten und die ganze Geistlichkeit umzubringen. Aber als sie nach 
Lüttich kamen und durch fromme Leute vor die Geistlichen geführt wurden, taten 
sie diesen nichts, ja sie liessen sogar von ihnen sich heilen und ihre Teufel aus- 
treiben. — Einige wurden in eine Kapelle des St. Lambertsklosters vor den 
Priester Doct. Ludwig Loves gebracht, welcher ihnen eine geweihte Stola umhing 
und das Evangelium in principio erat verbum vorlas. Dasselbe Experiment 
machte dieser Priester mit zehn Tänzern nacheinander, immer mit dem glücklichen 
Erfolge der Heilung. Dadurch kam er in solchen Ruf, dass man ihm von allen 
Seiten dergleichen Kranke brachte, damit er sie den Teufeln entrisse. Auch in 
andern Kirchen trieben andere Geistliche die Tanzteufel aus. Zur Beschwörungs- 
formel bediente man sich gewöhnlich des Anfangs des Johanneischen Evangeliums, 
doch auch anderer Evangelien, vorzüglich solcher, in welchen die Heilung Besessener 
durch Christus erzählt wird. — Eine andere Art der Heilung geschah durch Auf- 
legung oder Vorzeigung der Hostie, durch Eingiessen von Weihwasser, durch Be- 
rühren des Mundes mit einem priesterlichen Finger, durch Anblasen usw. unter 
Hersagung von mancherlei Formeln. — Viele Geistliche erzählten, ein Teufel habe 
vor seiner Austreibung gestanden, dass sie jetzt freilich nur gemeine Leute be- 
sässen, sie würden aber auch in den Körper der Reichen und Mächtigen ein- 
gekehrt sein und durch diese den ganzen Klerus aus Lüttich vertrieben haben, 
w^enn derselbe nicht jetzt sie zwänge, sich hinwegzuheben. — Zu Aachen tauchte 



230 Martin: 

der Priester Simon ein Mädchen, dessen Teufel keiner Beschwörung anderer 
weichen wollte, bis an den Mund in Weihwasser. Der Dämon wohnte nach seiner 
eigenen Aussage seit zwei Jahren in dem Mädchen und hatte sich, wenn dieses 
kommunizierte, in die Spitze der Zehen verkrochen. Er wurde genötigt aus- 
zufahren und von dannen zu weichen, obgleich er sich erbot, das Amt eines ßurg- 
wärters zu übernehmen und zur Probe wie auf einer Trompete blies. Da einige 
Tage nach seiner Austreibung in dem Carlsbade (wo er ebenfalls nicht hausen 
sollte) mehrere Menschen ertranken, glaubte man, das habe er bewirkt, und schloss 
das Bad für immer. — Einen andern Teufel vertrieb derselbe Priester durch Gebet 
und Pasten. — Nachdem durch diese und andere geistliche Mittel die Sekte der 
Tänzer, welche in Jahres Frist sehr überhand genommen hatte, allmählich ver- 
mindert war, wurden zwar noch drei bis vier Jahr lang manche Leute von solchen 
Tanzteufeln heimgesucht, aber diese wichen sehr leicht den Beschwörungen der 
Geistlichen. Der Klerus von Lüttich kam zu jener Zeit in einen guten Geruch. 
(Radulphi de Rivo, Decani Tongrensis (f 1403) Gesta Pontificum Leodiensium, 
in Jo. de Arckel Cap. IX.; Chapeavilli Auctorcs qui gesta Pontificum Leod. 
scripserunt, III, 19 ss. Übersetzung von Pörstemann)^). 

In vielem stimmt der nachfolgende Bericht mit obigem überein: 

„Im Jahr 1374 unter bischöflicher Regierung des ehrwürdigen Herrn Johannseii 
von Arckel, Bischofs zu Lüttich, im Monat Julio, am Morgen des Fests der 
Apostelteilung sind gesehen worden Tänzer am Reihen, die hernach auf Mastricht, 
Lüttich, Tongern und andere Orte dieser Lande im Herb -Monat (September) 
kommen sein. Diese teufelische Pest hat an gemelten und benachbarten Orten 
Mann- und Weibspersonen, vornehmlich aber die Armen und Leute von schlechtem 
Ruf zu aller grossen Schrecken anfahen zu plagen, wenig aber von Geistlichen 
und Reichen. Sie trugen Kränze auf den Köpfen, um den Leib und Nabel bunden 
sie sich mit einem Tischtuch und eim Bakel, da sie dann nach dem Tanzen hinfielen 
und heftig gemartert, und damit sie nicht zerborsten, wurden sie mit den Füssen 
getreten, und bunden sich mit dem Bakel in das Tischtuch ganz harte, und 
Hessen sich mit der Faust stossen. Etliche schrien, sie scheuten sich vor Schnäbeln 
an den Schuhen, dahero dieselben zu Lüttich verboten wurden. Sie nahmen mit 
ihren Tanzen die Kirchen ein und nahmen an der Zahl vom Herbst-Monat bis in 
Oktober sehr zu. Es wurden überall Umgänge, Litaneien und besondere Messen 
gehalten. Zu Lüttich fing ein Schuljunge zum heiligen Kreuz am Abend der 
Kirchweih mit dem Rauchfass an zu spielen und nach der Vesperzeit heftig zu 
tanzen. Als er von vielen ermahnt wurde, ein Vaterunser zu beten, wollt er nicht, 
desgleichen den Glauben, hat er gesagt: Ich glaube an den Teufel. Als der 
Kaplan solches gesehen, hat er sich seinen Habit langen lassen und beschworen 
mit der Taufsformel, da hat er alsbald gesagt: Siehe, der Schüler weicht mit dem 
kurzen Rocke und den Schnabelschuhen. Da sagt jener: Sprich das Vaterunser 
und den Glauben! Da hat er beides gesprochen und ist voUkömmlich zu recht 
wieder worden. Bei dem Harstalle sind des Morgens vor Allerheiligen ihrer viel 
zusammen kommen und beratschlagten, dass sie zugleich kommen und alle Dom- 
herrn, Priester und Geistliche zu Lüttich niedermachen wollten. Ein Domherr 
Simon im Kloster zu Lüttich in der Kapeil zur seligen Jungfrauen hat sich in 
Gott gestärket und einem eine Leiter auf den Hals geworfen und das Evangelium: 



1) E. ü. Pörstemann, Versuch einer Gesch. der christl. Geisslergesellschaften. Stäudlin 
und Tzschirners Archiv für alte und neue Kirchengcschichte, 3. Bd. Leipzig 1817. 



Geschichte der Tanzkrankheit in Deutschland. 231 

'Im Anfang war das Wort' über ihn gesprochen, und ist davon wieder befreiet, und 
wegen solchen Wunderwerks die Glocke alsbald geleutet worden. Zu St. Bar- 
tholomei zu Lüttich hat in Beisein vieler Leute der Satan einem Beschwörer ge- 
antwortet: Ich will gern ausfahren. Warte, sagt der Geistliche, ich will mit dir 
reden. Und nachdem er etliche andere kurieret gehabt, hat er zu ihm gesagt: 
Nun rede leibhaftig und antworte mir! Da hat der Satan allein geantwortet: 
Unser waren zwo, allein mein Gesell, der schlimmer ist als ich, ist vor mir aus- 
gefahren; ich habe soviel erleiden müssen in diesem Leibe, wenn ich drauss wäre, 
wollte ich nimmermehr in einen Christenleib fahren. Da hat ihn der Geistliche 
gefragt: Warum bist du in die Leiber dieser Menschen gefahren? Er geantwortet: 
Die Geistlichen und die Priester sprechen so schöne Wort und soviel Gebete, dass 
wir in ihre Leiber nicht fahren können. Wenn man noch fünf oder vier Wochen 
gewartet hätte, so wären wir in der Reichen Leiber gefahren und darnach in der 
Fürsten, und über die hätten wir die Geistlichen niedergeworfen. Dieses haben 
daselbst ihrer viel gehört und hernach erzählt. Diese Pest hat in einem Jahre 
ziemlich überhandgenommen, hernach aber in drei oder vier Jahren gänzlich auf- 
gehört." 

(Jo. Pistorii Rerum familiarumque Belgicarum Chronicon magnum. Prancof. 
1654. fol. p. 319. De chorisantibus. Abdruck bei Hecker-Hirsch 1865 S. 187 und 
bei Schilter S. 1085; die obige deutsche Übersetzung bei Schilter S. 1086 f.)'). 

Petrus de Herentals bringt ein Gedicht, das man von jenem Tanz hatte. 
Darin heisst es unter anderem, dass das Volk tanzte und beiderlei Geschlecht 
mit Freuden rief 'Frisch, Friskes', dass es den Sohn der Maria und den geöffneten 
Himmel sah, kein Rot und niemanden weinen sehen mochte. Peter von Herental 
selbst sagt: „In der Zeit, nämlich im Jahre 1375, kam von Aachen aus Teilen 
Deutschlands (Alamanniae) eine wunderbare Sekte von Männern und Frauen und 
zog hinauf bis nach Hennegau (Hanonia) oder Frankreich; ihre Lebensart war 
folgende: Die Menschen beiderlei Geschlechts wurden von einem bösen Geist 
geplagt, so dass sie in Häusern, auf den Strassen und in den Kirchen, einander 
an den Händen haltend, tanzten und in die Höhe sprangen und gewisse Geister- 
namen ausriefen, nämlich Friskes und ähnliche; sie hatten bei dieser Art Tanz 
weder volles Bewusstsein noch Schamgefühl angesichts des dabei stehenden Volkes. 
Und am Ende dieses Tanzes wurden sie in der Brustgegend so sehr gequält, dass 
sie, wenn sie nicht durch leinene Tücher von ihren Freunden mitten um den 
Leib zusammengeschnürt wurden, gleichsam rasend riefen, dass sie stürben. Diese 
aber in Lüttich wurden durch Beschwörungen, die man aus der Zahl derjenigen 
nahm, die im Katechismus vor der Taufe geschehen, von dem Dämonen befreit, 
und die Geheilten sagten, dass es ihnen geschienen hätte, als ob sie sich zur Zeit 
des Tanzes in einem Fluss von Blut befänden, und deswegen wären sie in die 
Höhe gesprungen. Das Volk aber in Lüttich sagte, diese Plage sei dem Volke 
deshalb zugestossen, weil es schlecht getauft sei, besonders von Priestern, welche 
sich Konkubinen hielten. Und deswegen hatte das gemeine Volk sich vor- 
genommen, gegen die Priester aufzustehen, sie zu töten und ihnen ihre Güter zu 
nehmen, wenn nicht Gott in den vorhingenannten Beschwörungen für ein Mittel 
gesorgt hätte. Nachdem dies geschehen war, hörte die Volkswut auf, so dass 
die Geistlichkeit noch viel mehr vom Volke geehrt wurde." 



1) Älteste teutsche Chronicke von Jacob v. Königshoven, hsg. v. D. Johann Schiltern. 
Strassburg 1698 (vgl. oben S. 114 Anm. 1). 



232 Martin: 

(Petri de Herentals, Prioris Floreffiensis Vita Gregorii XL, in Stephan. 
Baluzzii Vitae Paparum Avenionensium. T. I. Paris 1693. 4°. p. 483. Abdruck bei 
Hecker-Hirsch 1865 S. 186 f. Übersetzung aus dem Lateinischen.) 

Förstemann führt noch an, dass in der Kirche zu Aachen manche bis zur 
Höhe des Altars sprangen, dass zuweilen ein Tänzer oder eine Tänzerin auf die 
Schultern eines andern trat und vorgab, Wunderdinge in dem offenen Himmel zu 
sehen, dass durch die Beschwörungen der Geistlichen an verschiedenen Orten 
gegen 3000 Tänzer geheilt worden sein sollen. (Die Literatur ist summarisch 
angegeben)'). Nach einer Quelle bei Hecker a. a. 0. tanzten in Metz 1100 Personen. 

Die Tänzer werden einfach Tänzer genannt, eine alte belgische Chronik 
nennt sie die dansers: 'Anno MCCCLXXIV gingen die dansers'^). Zum 
ersten Male finde ich bei Trithemius^) (geb. 1642 zu Trittenheim a. d. Mosel, 
gest. 1516 in Würzburg)*) den Namen Johannistanz. In seinem Bericht 
sagt er 'chorea S. Johannis', in der Überschrift 'Chorisatio S. Joannis 
dicta S. Veits Tantz'. Spaugenberg'*) schreibt 1591: 'man nante es S.Veits 
Tantz'. 

Dass die Zeitgenossen dem Tanz keinen Namen gaben, fällt auf. 
Dass es sich um den Johannistanz handelt, darüber ist kein Zweifel. Auch 
beim Strassburger Veitstanz kommt in keinem der zeitgenössischen 
Berichte der Name Veitstanz vor, und ich vermute, dass man sich scheute, 
den Namen auszusprechen oder niederzuschreiben. In der Epidemie von 
l49y wird allerdings die Krankheit als etwas bis dahin vollkommen Un- 
bekanntes geschildert. Den Chronikenschreibern mag sie und ihre Heil- 
weise unbekannt gewesen sein (man beachte, dass man die Worte 'frisch 
und froh' des Tanzliedes als Geisternamen deutete), das Volk hat sicher 
im hl. Johannes seinen Krankheitspatron gesehen, wie später an einzelnen 
Orten noch, und es ist falsch, wenn Förstemann®) sagt, die Krankheit 
sei Johannistanz genannt worden, weil man die Kranken mit dem Anfang 
des Johannisevangeliums beschv^or. 

Ich kann mich auch Wicke ^) nicht anschliessen, nach dem in der 
Epidemie von 1.374 die Urheber des Tanzes nur eine religiöse Zeremonie 
zur Abhilfe von allerlei Nöten beabsichtigten und dann weiter mit den 
später Ergriffenen an einer wahnsinnigen Tanzwut ohne Plan und Zweck 
litten. Dass ein Plan und Zweck da war, nämlich durch den Tanz, 
namentlich in Kirchen, unter Anrufung des hl. Johannes geheilt zu werden, 



1) Stäudlin und Tzschirners Archiv 3. 

2) Antonius Matthaeus, Veteris aevi Analecta seu vetera monumenta hactenus nondum 
Visa. Editio secunda, Tom. I. Hagae-Comitum 1738. 

3) Trithemii Chronicon Spanheimense. Frankfurt 1601. 

4) Allg Deutsche Biographie 38. Leipzig 1894. 

5) C. Spangenberg, Adels-Spiegel. Schmalkalden 1591. 

6) Stäudlin und Tzschirners Archiv 3. 

7) E. C. Wicke, Versuch einer Monographie des grossen Veitstanzes und der un- 
willkürlichen Muskelbewegnng. Leipzig 1844. 



Geschichte der Tanzkrankheit in Deutschland. 233 

wissen wir (Wicke will dies erst für Tänzer nach der Strassburger 
Epidemie gelten lassen), und die Urheber beabsichtigten nicht Abhilfe 
von allerlei Nöten, sondern von ihrer Krankheit, mag sie im Tanz 
selbst bestanden haben oder (nach der Kölner Chronik) in hysterischen 
Konvulsionen. Ein Unterschied zwischen der Epidemie von 1394 und den 
späteren Tänzen besteht also hierin nicht. 

Wicke versteht unter dem Tauz, mit dem Abhilfe von allerlei Nöten 
beabsichtigt wurde, den Sprung durchs Johannisfeuer, durch den man dem 
Volksglauben nach Krankheiten auf ein Jahr abhielt, und mit ihm nehmen 
Hecker-Hirsch a. a. 0. und Häser^) (der übrigens die falsche Jahreszahl 
1395 angibt) an, dass die wilde Feier des Johannistages (ein bis dahin 
unschädlicher Brauch, der, wie viele andere, nur den Aberglauben unter- 
halten hatte) im Jahre 1374 die Krankheit zum Ausbruch gebracht habe 
(Hecker), die Tänzer also von dieser Feier weg als Tanzkranke ins Land 
zogen. Die Gemüter der Menschen sollen infolge von allerlei Ereignissen 
jeuer Zeit besonders empfänglich gewesen sein: grosse Überschwemmungen 
des Rheins und Mains, trostlose wirtschaftliche Yerhältnisse im westlichen 
und südlichen Deutschland durch unablässige Fehden der Burgherren, 
Willkürherrschaft, bei vielen das Bewusstsein begangener Greuel während 
der Pest (Hecker), das über den Kaiser verhängte Interdikt, durch das 
die Kirchen geschlossen [!], das geistliche Amt aufgehoben waren, nicht 
Absolution noch Sakrament und Segensspruch den Sterbenden zuteil 
wurde (Häser). 

Nur wird nirgends das Johannisfeuer erwähnt, und schwere Schicksals- 
schläge zeitigten andere Gesellschaften als die Tänzer. 

Die Gel ssler, die Büssersekten waren, zogen im Pestjahr 1349 als reuige 
Sünder von Ort zu Ort, hielten mit Kreuzfahnen und Kerzen Prozessionen, geisselten 
sich in den Kirchen und sangen unter anderm: „Nun recket auf euwere hend. 
Daß Gott das grosse sterben wend." So berichtet die Limburger Chronik^). Das 
klingt doch anders als das Tanzlied der Kölner Johannistänzer, die aus Egoismus 
zur Abwendung ihrer Krankheit und durchaus nicht als zerknirschte Sünder die 
Kirchen betraten und dort tanzten. Deswegen kann ich die besonderen Be- 
ziehungen der Tanzwut zu den Geisslerfahrten, die Häser a. a. 0. annimmt, 
nicht einsehen. Sie haben nur äussere Berührungspunkte, das Umherziehen, den 
Besuch der Kirchen, die Verfolgung durch die Geistlichkeit (die Geissler nahmen 
nach der Limburger Chronik den Papst und die Kirche nicht zu Hülf und zu 
Rat; weil sie auf eigene Faust Buße thaten, verfolgte man sie). Die Geissler 
waren Büsser, keine Kranken. Man henkte auch manche von ihnen ^), die Tanz- 
kranken nicht. Wenn Börsch ohne Quelle (und nach ihm Häser) angibt, hie und 
da seien die Tänzer als Ketzer zum Feuertode verurteilt worden*), so hat er wohl 
an die Geissler gedacht. 



1) H. Häser, Lehrbuch der Gesch. der .Medizin ^ o. Bd. Jena 1882. 

2) Limburger Chronik des Johannes, hsg. v. K. Rössel 1860 S. 19. 

3) Ebenda S. 18. 

4) Häser a. a. 0. 



'234 Martin: 

Mit den Nöten des 14. Jahrhunderts bringt man gern die Entstehung der 
Echternacher Springprozession (vgl. oben S. r29f.) in Verbindung. 
Hirsch führt neuere Berichterstatter an; nach dem einen soll die Prozession 
zum Andenken an die Tanzwut des Jahres 1374 gefeiert werden, ein anderer 
will den Ursprung auf eine Luxemburg 1376 verheerende Pest zurück- 
führen. „Jedenfalls also", sagt Hirsch selbst, „datiert dieses Fest aus 
jener Zeit, in welcher der Veitstanz eben dort seine erste allgemeinere 
Verbreiterung erlangt hatte." Häser legt die Entstehung ins Luxemburger 
Pestjahr 1376. Das sind alles nicht stichhaltige Vermutungen. 

Ich möchte zunächst auf die Springprozession zu Prüm, einem 
Echternach benachbarten Abteistädtchen, eingehen. Reiners^) macht auf 
den 'Veitstanz' aufmerksam, der nach der Chronik des Chapelain von 
Metz am Johannistag 1374 stattfand, und dass gerade um diese Zeit die 
Prümer Springprozession entstanden sein soll. Der Prümer Chronist 
Heinrich Brandt, der 1628 schrieb, sage ausdrücklich, dass unter dem 
dortigen Abte Heinrich von Schöenecken (gest. 1342 [!]) die Prümer 
Prozession, die mit der Echternacher denselben Charakter und Verlauf 
hatte, aufgekommen sei. Er sage ferner, es sei ausgemachte Sache, dass 
die Andachtsübung von einer öffentlichen Drangsal ihren Ursprung ge- 
nommen und dass die Bewohner sie angestellt, um diese Zuchtrute Gottes 
abzuwenden. 

Ist die Prozession unter einem 1342 gestorbenen Abt aufgekommen, 
so kann sie nicht um die Zeit des Johannistanzes von 1374 entstanden 
sein. Wir haben es also mit einem schon vor 1342 bestehenden Heil- 
und Vorbeugungstanz zu tun. W^as Brandt, der ja im 17. Jahrhundert 
schrieb, „ferner" sagt, ist trotz der Bestimmtheit, mit der ers tut, reine 
Vermutung. 

Die Echternacher Springprozession ist nach meiner Meinung noch 
älter. Der Abt Thiofried (gest. 1110) berichtet im Leben des heiligen 
Willibrord: „Es kommt in der Pfingstwoche nicht nur aus der benach- 
barten Gegend, sondern aus der ganzen französischen und deutschen 
Provinz, nach ewigem Ritus und gleichsam unauflöslichem, unverletzlichem 
und von Geschlecht zu Geschlecht überliefertem Gesetze ein unzähliger 
Priester- und Volkszusammenfiuss mit Opfergaben und Litaneien unter 
grösster Andacht zu den Schwellen des Heiligen wegen der von den 
Vätern den Söhnen erzählten Wunder, welche bei der Freude dieser 
Feierlichkeit alljährlich sich ereigneten vor dem zur Ehre und zum 
Ruhme des heiligen Geistes geweihten Altar." Er bezeugt, dass vor dem 
grossen Brande der Basilika im Jahre 1017 die Grabstätte des Heiligen 
dermassen mit ex voto geopfertem Wachs und Metall behangen gewesen, 



1) A. Eeiners, Die Springprozession zu Echternach, Haffners Zeitgemässe Broschüren. 
N. F. 5. Frankfurt 1884. 



Geschichte der Tanzkrankheit in Deutschland. 235 

dass zwei Ochsen auf einem Wagen dieselben nicht hätten fortbringen 
können. 

Reiners a. a. 0. bringt hierzu eine wichtige Bemerkung: „Aus dem 
öfters von Thiofried angewandten Worte tripudium (terrae -podium) als 
heidnischen Dreisprung den Bestand des Spriugens nachweisen zu wollen, 
ist etwas gewagt, wenngleich bei Du Gange das Wort die Bedeutung des 
Tanzes hat." 

Im Lateinischen ist tripudium der dreischrittige Tanz und tripudiare im Drei- 
schritt tanzen, den Dreischritt stampfen^). Mir sind die Worte nur in der all- 
gemeinen Bedeutung des Tanzes begegnet. Schenk von Grafenberg redet von 
musica et tripudiis^), Musik und Tänzen, und das bei Petrus de Herentals An- 
geführte über die Tanzepidemie von 1374 sagt: 'Populus tripudiat nimium sal- 
tando' (bei Hecker-Hirsch a. a. 0.), das Volk tanzte durch über die Massen hohes 
Springen. Hier kann für tripudium gar nichts anderes als Tanz gesetzt werden, 
und wenn trotz der Autorität eines Du Gange Reiners nicht Tanz, sondern podium, 
erhöhter Tritt, Schwelle setzt, so beweist das, dass ihm das Wort Tanz (das noch 
öfter bei Thiofried in dem Berichte, anscheinend an nicht wiedergegebenen Stellen 
vorkommt) unbequem ist. 

Setzten wir in den Bericht Thiofrieds statt Schwellen Tänze ein, 
so würde es heissen, dass in der Pfingstwoche (also wie heute noch) nach 
ewigem Ritus und von Geschlecht zu Geschlecht überliefertem Gesetze 
eine Menge zu den Tänzen des Heiligen (also zu den Willibrordstänzen) 
zusammenkommt wegen der Wunder, welche bei der Freude dieser Feier- 
lichkeit alljährlich sich ereigneten. 

Ich halte deshalb Reiners Schluss für falsch, dass die 'völlige historische 
Gewissheit' besteht, die Echternacher Springprozession sei anfänglich eine ge- 
wöhnliche Dank- oder Bittprozession gewesen, dass zur Zeit von schweren 
Kalamitäten, etwa Pest oder Veitstanz, zu gleicher Zeit mit der von Prüm, das 
geängstigte Volk als Bussübung das mühevolle Hüpfen und Springen nachgeahmt 
und so die Veitstänze, das heilige Feuer [gemeint ist wohl Antoniusfeuer = Kribbel- 
krankheit] und der schwarze Tod [Pest] aufgehört habe. 

Die Echternacher Springprozession ist nicht nur eine Nachahmung des 
Veitstanzes zur Abwehr desselben und anderer Krankheiten gewesen, sie war 
schon vor der Epidemie von 1374 der Veitstanz selbst (hier Willibrordstanz 
genannt) im Sinne des Bewegungskrankheiten vorbeugenden und heilenden Tanzes, 
was er der Hauptsache nach heute noch ist. 

Hätten die Tanzkranken von 1374 ihre Heiltänze in den Kirchen 
unter Führung der Geistlichen unternommen, so wären sie nicht als vom 
Teufel Besessene behandelt worden. Die Echternacher Springprozession 
beweist, dass damals die Kirche wenigstens dem Heil- und vorbeugenden 
Tanze am Tage eines der Krankheitspatrone nicht feindlich gegenüber- 
stand, im Gegenteil ihn pflegte. Erst viel später trat sie 'gegen diesen 



1) K. E. Georges, Ausführl. lat.-dt. Wb. ", 2. Bd. Leipzig 1880. 

2) Joannis Schenkii a Grafenberg Observationiuri niedicarum variarum libri VII. 
Frankfurt 16G5. 



236 Martin: 

auf — die Echternacher Springprozession war ja auch zeitweise verboten — ; 
in der 'Cynosura ecclesiastica' vom Jahre 1638 heisst es: „St. Veitstanz 
soll propter concurrentem superstitionem [wegen des sich dabei an- 
häufenden Aberglaubens] nicht geduldet werden" ^). 

Böhme a. a. 0. sieht in dieser Stelle eine Warnung von strengen Sitten- 
wächtern gegen Unsittlichkeit, wie sie, unter Bezug auf die Limburger Chronik, 
bei Veitstänzern vorkam. Da Superstitio Aberglaube heisst und Kranksein auf 
obrigkeitlichen Befehl nicht zu beseitigen ist, so kann nur der öffentliche Heil- 
oder Vorbeugungstanz gemeint sein. 

Wie tanzten die Tanzkranken und wie tanzte man beim Heiltanz? 
Viele Tanzkranke werden planlos herumgespruugen sein, andere tanzten 
die zur Zeit gerade üblichen Tänze, und heute würden wir vielleicht 
Walzer oder Tango sehen, aber es wurde leidenschaftlicher und wilder 
als sonst getanzt. Cyriacus Spangenberg schreibt 1561 über 'Vnge- 
pürliche Tänze' und sagt dazu: „Dann was ist da anders, dann ein 
wildes, vngeheuwer, viehisch rennen, lauffen, vnnd durch ein ander zwirbeln, 
da sihet man ein sollich vnzüchtig auffwerffen vnd entblössen der Mägdliu, 
das einer schwüre, es hätten die vnfläter, so solchen Reyen füren, aller 
zucht vnd ehre vergessen, weren taub vnd vnsinnig, vnd tanzten S. Veits 
tantz, vnd ist in w^arheyt auch nicht vil anders"^). In Köln tanzten und 
rasten nach der Limburger Chronik 1374 die Leute 'vnd stunden je zwey 
gen ein'^). Der Chronist hebt das als etwas Besonderes hervor. Als 1352 
der Naumburger Bischof Johann von Miltitz beim Tanze starb, wurde 
ihm nachgesagt, dass er mehr Leichtfertigkeit geübt, als einer solchen 
Person wohl ansteht, 'ist der halben am Reyen zwischen zweyen Weibern, 
mit denen er zugleich getanzt, vmbgefallea, vnd plötzlich gestorben'*). 
Man tanzte sonst wohl nur einer gegen eine, wie man das auf den Bildern 
holländischer Bauernmaler sieht. 

Beim Heil- und Vorbeugungstanz in und bei den Kapellen scheint 
mehr Ordnung gehalten worden zu sein, wenigstens an einzelnen Orten. 
Schenk von Grafenberg schreibt, dass man sich zu deutscliem Reigen ordnete®). 
Die heutige Echternacher Springprozession ist ein alter Tanz, uns so 
fremd, dass wir den Tanz nicht mehr heraussehen. In der heutigen 
straffen Ordnung ist sie wohl nicht immer ausgeführt worden, dafür 
spricht, dass auch mehrere Schritte vor- und rückwärts gesprungen wurden. 
Ob man aber, wie Bodinus im 16. Jahrhundert schreibt, das Saitenspiel 
dem zügellosen und ungeordneten Springen der Veitstänzer anfangs an- 
passte und dann durch schwereren Takt und schwerere Art der Musik 



1) F. M. Böhme, Gesch. des Tanzes in Deutschland (Leipzig 1886) 1, 6G4. 

2) C. Spangenberg, Ehespiegel. Strassburg 156L 

3) Limburger Chronik, hsg. v. Rössel 18G0 S. 5G. 

4) Spangenberg, Ehespiegel 156L 

5) Observ. med. l(jG5. 



Geschichte der Tanzkrankheit in Deutschland. 237 

die Täuzer zu langsamerem Tanzen bis zur völligen Beruhigung ver- 
anlasstei), scheint mir nicht festzustehen. An anderer Stelle spricht er von 
einer Raserei mit beständigem Lachen und Springen, die man vom Süden 
bis zum Norden antrifft und die die Deutschen Veitstanz nennen. „Kr 
wird aber geheilt durch Saitenspiel und im Anfang erregten, dann be- 
sänftigten Gesang, sei es, dass er die abwesenden Sinne durch Musik 
zurückruft, sei es, dass Saitenspiel die Kranken nach Beruhigung des 
Geistes heilt, sei es, dass die bösen Geister, welche die Rasenden sehr 
oft peinigen, durch die göttliche Harmonie in die Flucht getrieben werden." 
Und dann fährt er fort, wie der böse Geist den rasenden Saul nach dem 
Lyraspiel verlassen ^). Möglich war diese Heilweise, doch scheint mir eher 
der Erklärungsversuch eines Gelehrten für das Wie der Musikwirkung 
beim Heiltanz vorzuliegen, als eine selbst beobachtete Tatsache. Jeden- 
falls wurde da, wo man durch Tanzen bis zum Umsinken den Veitstanz 
heilen wollte, allmählich nicht langsamer, sondern immer wilder getanzt, 
wie in Italien bei der Tarantella. 

"Wie die Heiligen Veit, Johannes der Täufer und Willibrord Patrone 
der Tanzkranken wurden, darauf will ich nur kurz eingehen, jedenfalls 
finden sich in ihren Legenden Anhaltspunkte dafür. 

Die meisten Forscher sind geneigt anzunehmen, dass der hl. Veit mit 
dem Veitstanz gar nichts zu tun habe, die Ähnlichkeit seines Namens 
mit dem des slawischen Hauptgottes Swantewit (=- Sankt Vit) soll dazu 
geführt haben, dass aus einem Swantewits-Tanz, dem grossen und wilden 
Kulttanze am Sonnwendtage auf Rügen dem slawischen Sonnengott zu 
Ehren, ein Sankt -Vitstanz wurde. 

Demgegenüber steht fest, dass mit Ausnahme einer Tanz sage alle 
unsere Nachrichten über Tanzkrankheiten Gebiete betreffen, die nie von 
Slawen bewohnt wurden. 

Wie weit man den Einfluss des Slawengottes auf das deutsche Volkstum 
überschätzen konnte, zeigt eine Stelle bei Böhme^'), nach dem alle Johannis- 
gebräuche vormals dem Swantewit galten, was ein alter Schriftsteller, erstmals 
1718 gedruckt, belegen soll. Die Stelle steht [Ludewig,] Scriptores rerum Germani- 
carum, Frankfurt 1718, 2, 508, und es heisst da 'De chorea S. Viti', dass jährlich 
am Feste Johannes des Täufers Leute von der Furcht befreit werden, die sie im 
ganzen dem Johannistage vorhergehenden Monat gehabt haben. Es wird dann 
auf weitere Nachrichten über Swante Wiet bei Bodinus"') verwiesen, der Schreiber 
kann also frühestens im 16. Jahrhundert gelebt haben. Der Inhalt ist uns schon 
von Schenk von Grafenberg^) und Horstius^) her bekannt, die Einsetzung von 



1) J. Bodini Methodus ad facilem historiarum cognitionem. Amsterdam 1650 (Vor- 
rede von 1566). 

2) J. Bodini de re publica libri VI. Editio altera. Frankfurt 151)1 Vorrede 

von 1584). 

3) Gesch. d. Tanzes 1886 1, 162. — 4) De re publ. 1591. — 5) Observ. med. 166o. 
6) Gregor Horstii Observationum medicinalium singularium libri IV. Ulm 1625. 



238 Martin: 

Swante-Wite-Tanz für Veitstanz ist weiter nichts als Spielerei eines Gelehrten. 
Wer es ist, konnte ich nicht nachprüfen, da mir das Werk nicht zur Ver- 
fügung stand. 

Höfler nimmt an, dass man durch den St.-Johannistanz am Johannis- 
tage das Yergicht (Gichter, Epilepsie, Huudswut, Staupe, Konvulsionen) 
heilen wollte. Unter St. -Johannesübel versteht er Epilepsie. Die Sonnen- 
kultzeit (Johannistag) war von jeher eine Zeit der von Dämonen Be- 
sessenen, die man durch Eeigentänze im Anblick der Morgensonne ver- 
treiben wollte. Das universelle Allheilmittel, die Wärme des Himmel- 
Elementes, der die nächtlichen Alp -Wesen (Dunkel-Eiben) vertreibenden 
Sonne, und das Tageslicht, dessen höchsten Stand man in der Sommer- 
sonnenwende feierte (St. Johannis) und das als Einauge Wodans vor- 
gestellt wurde, die Sonne war es, der man die von Dämonen besessenen 
Unsinnigen im Reigentanze entgegenführte i). 

Derartige Kranke finden sich hochgerechnet 10 unter 1000 Menschen. 
Soll dieser wenigen Leute wegen eine Hauptfeier des germanischen Heiden- 
tums stattgefunden haben? Die Kranken selbst, ihre Angehörigen, tanzten 
an jenem Tage, ich glaube, für ihre Zwecke, nicht mit den andern im 
feierlich religiösen Tanz des grossen Johannisfestes, sondern gesondert 
und in anderer Weise, wie andere durchs Johannisfeuer sprangen, wieder 
andere sich 24 Stunden ins Johannisbad setzten, um Krankheiten, namentlich 
im kommenden Jahr, zu verhüten. Ihretwegen fand jedenfalls der grosse 
Kulttanz nicht statt. 

Der Johannis- oder Veitstanz am Tage der Heiligen, mit dem wir es 
zu tun haben, entsprang dem Aberglauben, dass Tanzkrankheiten im 
weiteren Sinne (also Bewegungskrankheiten, bei Höfler das Vergicht) 
durch Tanzen an jenen Tagen zu heilen seien. Ein Kreis abergläubischer 
Leute meinte ihn jedes Jahr tanzen zu müssen, sonst würde die Tanz- 
krankheit ausbrechen, und geistig Minderwertige spürten schon Wochen 
vorher die Anfänge derselben in ihren Gliedern, die dann nicht zum 
Ausbruch kam, wenn sie an dem bestimmten Tage tanzten. Manche Tänzer 
wollten sich wohl auch gegen das Anfluchen des Veitstauzes wappnen. 

All dieses betrifft nur den Heil- und Vorbeugungstanz an den Tagen 
der Heiligen: wie der eigentliche grosse Veitstanz entstand, wird hierdurch 
nicht erklärt, weil er eben eine Krankheit war, die unabhängig von Ort 
und Zeit entstand. 

In mehreren Tanzsagen hat man Tanzkrankheiten finden wollen, 
selbst in der vom Auszug der Kinder aus Hameln (Wicke)''). Es sind 
nur zwei, die ernstlich in Betracht kommen. 

1021 tanzten singend zu Kölbigk an der Wipper bei Bernburg in 
der Christuacht auf dem Kirchhofe (d. h. bei der Kirche) Bauern, Männer 

1) M. Höfler, Das Hirnweh. Am Urquell 1897. 

2) E. C. Wicke, Versuch einer Monographie des grossen Veitstanzes. 1844. 



Geschichte der Tanzkrankheit in Deutschland. 239 

und Frauen, und störten den Gottesdienst. An die Ermahnungen des 
Priesters, davon abzustehen, kehrten sie sich nicht, und dieser wünschte 
ihnen an, ein ganzes Jahr so weiter zu tanzen und zu singen, und das 
geschah. Später zogen die Leute bettelnd als Sieche durchs Laud^). 
Alles Beiwerk, das in den Berichten den Vorfall zum Wunder stempeln 
sollte, habe ich weggelassen. Schon im 12. Jahrhundert kommt also das 
Anwünschen der Tanzkrankheit vor, und zwar mit Erfolg. 

1277 oder 1278, so melden verschiedene Historiker, deren Zeit- und 
Ortsangaben variieren, soll auf der Brücke zu Maestricht, nach andern 
auf einer Moselbrücke oder der Brücke zu Utrecht ein Tanz stattgefunden 
haben. Die älteste Nachricht gibt Martinus Minorita^). Nach ihm 
erzählte man von 200 Tänzern auf der Moselbrücke in Utrecht im 
Jahre 1278 (am 17. Juni), die nicht eher aufhören wollten zu tanzen, als 
bis ein Priester den Leib Christi zu einem Kranken vorbeitrüge, und zur 
Strafe ihres Frevels, als die Brücke brach, alle ertranken^). Schröder 
a. a. 0, S. 159 meint: 'cessare nolebant, donec plebanus trausiret' wird kaum 
richtig sein' und will dafür setzen, dass die Tänzer selbst beim Herannahen 
des Priesters mit dem Sakrament nicht aufhören wollten. Ich glaube 
doch, dass es richtig ist. Brüssel, Echternach und Lüttich liegen nicht weit 
voneinander. Im Test zu dem Brueghelschen Bilde (oben S. 132) wird die 
Befreiung von St.-Johannessiechtum auf ein Jahr durch Tanzen über die 
Brücke bei Molenbeck erreicht. Es ist vielleicht nicht Zufall, dass die 
Echternacher Springprozession auf einer Brücke beginnt. So werden die 
200 Tänzer auf der Utrechter Moselbrücke zu ähnlichem Zwecke getanzt 
haben, vielleicht seit dem Veitstage und erfolglos, weshalb sie glaubten 
weiter tanzen zu müssen, bis ein Priester (zufällig) das Sakrament zu 
einem Kranken trüge. Da brach unter der Last der Tänzer zwei Tage 
nach dem Veitstag die Brücke ein. 

Heute ist der grosse Veitstanz selten. Der Glaube an ihn und an 
das Anwünschen ist im Volk verloren gegangen. Damit fiel die Unter- 
lage für eine auf Sugo-estion beruhende Krankheit. Der Heil- und vor- 
beugende Veitstanz hat sich in der Echternacher Springprozession er- 
halten und dies nur, weil er uns hier nicht mehr als Tanz erscheint und 
die Kirche ihn als eine Buss- und Sühneandacht betrachtet. 

Bad-Nauheim. 



1) Eine ausführliche Bearbeitung des Tanzwunders von Kölbigk hat Edward Schröder 
in Brieger und Bess' Zs. f. Kirchengesch. 17. Gotha 1897, gegeben, nach der die Be- 
gebenheit tatsächlich stattgefunden hat. Seinen Quellen kann ich noch eine bei Böhme 
(Gesch. d. Tanzes 1, 20 angeführte hinzufügen: Chronica inedita cujusdam Fratris praedi- 
catorum. Cod. Einsidl. saec. XIII, cit. apud Schubiger, Musikalische Spicilegien 1876 S. 152 

2) Schröder a. a. 0. — 3) Hecker-Hirscli a. a. 0. 



240 Lehmann-Nitsche: 



Zur Volkskunde Argentiniens. 

Von Robert Lehmann-Mtsche. 



I. Volksrätsel aus dem La Plata-Gebiete. 

Ein nun bald ITjähriger Aufenthalt am südamerikanischen Silber- 
strome in wissenschaftlicher Stellung bot dem Schreiber dieser Zeilen 
Gelegenheit, sich auch mit der Volkskunde dieser für Europa so gänzlich 
unbekannten Länder zu beschäftigen. Aber entgegen der Wut mancher 
Sammler auf diesem Gebiete, jede Kleinigkeit sofort zu veröffentlichen^), 
erschien es rätlicher, mit der Drucklegung zu warten, bis das Material 
eine gewisse Vollständigkeit und Abgeschlossenheit erreicht hatte. So 
erschienen denn zunächst die Volksrätsel der La Plata-Staaten^), und zwar 
als sechster Band der sog. „Biblioteca Centenaria", einer Sammlung sehr 
verschiedenartiger Werke, welche die Universität zu La Plata anlässlich 
der hundertjährigen Unabhängigkeitsfeier Argentiniens herausgegeben und 
an alle grösseren Bibliotheken der Welt verteilt hat. Aus der Einleitung 
sei folgendes entnommen. 

Über die Volksrätsel Südamerikas und speziell der La Plata-Gebiete 
lässt sich historisch kaum etwas Wichtiges vorbringen. Ende des 
18. Jahrhunderts lebte zu Lima in Peru ein gewisser Esteban Terralla 
y Landa, bekannt als „der Rätseldichter"; vielleicht haben seine poetischen 
Ergüsse dieser Art auch das dortige Volksrätsel beeinflusst (wie ähnliches 
in Spanien der Fall war) und sind bis zum La Plata gedrungen; nicht 



1) Ich habe hier speziell die 'Zeitschrift für argentinische Volkskunde' im Auge, die 
zahlreiche auf mangelnder Sprach- und Bücherkenntnis beruhende Fehler enthält Einige 
Beispiele: Band 1, 27: Das Kinderliedchen besteht aus zwei vollkommen unabhängigen 
Liedern, die irrtümlicherweise zusammengemengt werden. — S. 8. Der Mate in feinen 
Gesellschaftskreisen ist unmöglich; er gilt als Volksgetränk, als nicht vornehm. — S. 144 
ist das Verschen 'Ni papä me quiere, ni mama me adora' ganz sinnlos; das dort ab- 
gedruckte Spanisch (und dementsprechend die Übersetzung) ist ganz unmöglich. — S. 145 
muss es heissen: la cartilla se me fue, die Fibel ging mir verloren; es wird angegeben 
caretilla; erstens müsste es heissen carretilla, zweitens ist eine derartige Verkleinerungs- 
form in Argentinien ungebräuchlich. — Band 2, 181 ist die Sache von den historischen 
Uniformen falsch; dieselben wurden wieder neu eingeführt; aber etwas weiterhin findet 
sich so ungefähr der Colmo: Der 11. November, der bekannte St. Martinstag, soll 
Namenstag des Generals San Martio (der am 25. Februar geboren wurde) und deswegen 
ein nationaler (!) Feiertag sein! 

2) Lehmann-Nitsche, Folklore Argentino. 1. Adivinanzas Rioplatenses. Buenos 
Aires 1911. 495 S. 



Zur Volkskunde Argentiniens. 241 

unmöglich, wenn man daran denkt, dass zur Kolonialzeit die Beziehungen 
zwischen den einzelnen Teilen des lateinischen Amerika viel enger waren 
als heute. Eine kleine Beeinflussung lässt sich wenigstens bezüglich des 
uruguayischen Dichters Francisco Acuna de Figueroa (erste Hälfte des 
19. Jahrhunderts) nachweisen. 

Sammlungen von Volksrätseln aus Südamerika lagen bisher nicht 
vor, erst während und nach dem Drucke meiner Arbeit sind Beiträge aus 
Chile, Mexico und Brasilien veröffentlicht worden^). Um so mehr reizte 
dieser Umstand, den lustigen Schwärm - aus dem Bereiche des Silber- 
stromes möglichst vollständig einzufangen, und ich glaube, 9596 zusammen- 
gebracht zu haben. Das gedruckte Werk enthält 1030 verschiedene 
Nummern, dazu 909 Varianten und 166 Dubletten, die aus anderen Pro- 
vinzen stammen, also im ganzen 2105 Aufzeichnungen; ferner sind 131 
verschiedene Kunsträtsel mit 12 volkstümlichen Varianten des eben ge- 
nannten Acuna abgedruckt worden. Rechnet man dazu die 120 ver- 
schiedenen erotischen Rätsel, mit 135 Varianten und 15 Dubletten, welche 
an Dr. F. S. Krauss für seine Anthropophyteia eingesandt wurden, so gibt 
das alles zusammen über zweitausend und fünfhundert einzelne Auf- 
zeichnungen. Was die 1150 verschiedenen anbelangt, so erscheint das 
wenig für so gewaltige Länderstrecken; aber man darf nicht vergessen, 
dass sie dünn bevölkert sind und dass es sich um ursprünglichen Kolonial- 
besitz handelt, der vom spanischen Mutterlande durch drei Jahrhunderte 
vernachlässigt wurde, wo die Landessprache selber degenerierte und ver- 
armte. Ausserdem ist Argentinien seit etwa fünfzig Jahren durch Ein- 
wanderung ethnisch stark verändert worden; z. Z. sind ja mehr als die 
Hälfte seiner Bewohner Fremde und Kinder von solchen; diese lernen 
zwar in den Schulen die spanische Landessprache, man möchte sagen: 
äusserlich; innerlich bleiben sie verarmt. 

Als Herkunft der Rätsel ist nur die argentinische Provinz, in der 
sie aufgezeichnet oder gehört wurden, angegeben; sonst würde eine Ge- 
nauigkeit vorgetäuscht, die in Wirklichkeit gar nicht vorhanden ist. 
Rätsel mit verschiedenen Lösungen stehen unter der gleichen Nummer; 
natürlich ist die Auflösung jedesmal angegeben. Auch Rätsel aus Pa- 
raguay und die paar aus Uruguay sind miteinbezogen in den Begriff 
La Plata- Länder. Ebensowenig sind von den spanischen diejenigen ab- 
getrennt, welche in den Indianersprachen Kitshua (argentinische Provinz 
Santiago del Estero) und Guarani (Provinz Corrientes und Republik 
Paraguay) auftreten, denn es handelt sich entweder um einfache Uber- 



1) Flores, Adivinanzas corrientes en Chile. Revista del Folklore Chileno 2, 135 bis 
3o4: Boas, Notes on Mexican Folk-Lore. Journal of American Folk-Lore 25, 227 — 231; 
Carneiro Monteiro, Advinharöes. Revista do Instituto Historico o Geograpliico Parahjbano 
2, 285-290. 

Zeitschr. d. Vereins f. Volkskunde. 1914. Hefts. 16 



242 Lehmann-Nitsche : 

Setzungen oder um Erzeugnisse zwar indianischen Geistes, die aber durch 
alteuropäisches psychisches Ferment zustande gekommen sind^). 

Mit der Untersuchung über das sonstige Vorkommen eines Rätsels 
war es übel bestellt; es gibt in Argentinien keine einschlägigen Biblio- 
theken. Schon in Europa ist es schwierig, hierfür die Literatur, versteckt 
und zersplittert, zusammenzubringen; um wieviel mehr in geistigem 
Ödland! Ich beschränkte mich daher zum Vergleich auf diejenigen 
Länder, von denen verhältnismässig ausgedehnte Materialsammlungen vor- 
liegen. Leider sind da nur Mecklenburg, Sizilien, Rumänien und wohl 
Kurland zu nennen; Frankreichs Rätselschätze sind seit Rolland nicht 
wieder in Buchform gesammelt worden; Spanien, das für hispano-araerika- 
nische Vergleiche in erster Linie heranzuziehen ist, besitzt, abgesehen 
von kleineren Arbeiten, die ältere Sammlung von Machado y Alvarez, 
unter dem Pseudonym Demöfilo erschienen; die neuere von A. Rodriguez 
Marin war mir seinerzeit unzugänglich, da längst vergriffen und in keiner 
argentinischen Bibliothek vorhanden. Aber der Schwerpunkt der Rätsel- 
forschung liegt m. E. gar nicht auf der vergleichenden Seite; diese ist 
Sache einer späteren Zukunft, wenn erst einmal möglichst viel Material 
beisammen ist; dann werden Akademien oder internationale wissen- 
schaftliche Verbände in einem einzigen Thesaurus sämtliches veröffent- 
lichtes Material neu herausgeben, entweder nach Länder- resp. Sprach- 
gruppen oder nach Rätselgruppen geordnet. Letzteres dürfte das Wahr- 
scheinlichere sein, und vielleicht bietet die Einteilung der Adivinauzas 
Rioplatenses einen Wegweiser dazu. Von diesen konnten trotz allem 
ein Drittel als europäischen Ursprungs nachgewiesen werden, und gewiss 
trifft das für die Hälfte und mehr zu, wenn sämtliche zurzeit vorhandenen 
bibliographischen Quellen hätten benutzt werden können und Spanien, in 
neuerer Zeit auc^h Italien, besser durchforscht sein werden. 

In den nachfolgenden Zeilen will ich versuchen, eine Übersicht über 
die Systematik der argentinischen Volksrätsel zu geben. Es hat sich aber 
herausgestellt, dass jene Einteilung für das Volksrätsel überhaupt gültig 
zu sein scheint, und dieser Gedanke soll in folgendem untersucht werden; 
nur sind manche Gruppen im spanischen Rätsel viel üppiger entwickelt 
als im deutschen usw., und umgekehrt. 

Anstoss zur Analyse des aufgespeicherten Materials gab die Studie 
von Robert Petsch'), aus der u. a. die Zerlegung in eigentliche und 
uneigentliche Rätsel hervorging; in den üblichen Sammlungen war der 
Stoff entweder überhaupt nicht oder höchstens nach dem Anfangsbuch- 

1) Vgl. über diese Frage: Lehmann-Nitsche, Rätsel aus der Guarani- und Kitshua- 
sprache, Berichte über den 19. Internationalen Amerikanisten- Kongress. Washington 1914 
(.zurzeit noch nicht erschienen). 

2^ R. Petsch, Neue Beiträge zur Kenntnis des Volksrätsels. Berlin 1^99. 



Zur Volkskunde Argentiniens. 243 

Stäben der Auflösmigsworte geordnet worden; erst Wossidlo*) versuchte 
eine Zusammenfassung. Auch für mich ergab sich nun jene von Petsch 
erkannte Zerlegung, allerdings nicht so scharf ausgeprägt, insofern als 
die sog. beschreibende Gruppe meiner Einteilung den uneigentlichen 
Rätseln nahekommt. Aber alles in allem: die Sprossen unserer Ein- 
teilung aufsteigend gelangen wir von den eigentlichen zu den uneigent- 
lichen Rätseln. 

Um dem Leser Gelegenheit zu geben, das für die argentinischen 
Rätsel angewandte System nachzuprüfen, soll es mit Proben der mecklen- 
burgischen Sammlung Wossidlos und der lettischen Bielensteins^) belegt 
werden, soweit das möglich ist. Es ist durchaus nicht die Aufgabe vor- 
liegenden Aufsatzes, andere Materialien heranzuziehen; aus dem Gebotenen 
geht hervor, dass unsere Systematik für das Volksrätsel überhaupt gültig 
zu sein scheint und je nach den Ländern bald der Einschränkung, bald 
der Erweiterung bedarf; bei letzterer handelt es sich aber nur um ein- 
fachen weiteren Ausbau der schon vorgezeichneten grossen Hauptgruppen. 

Die Hauptsache dürfte die sein, dass es bei den eigentlichen Rätseln 
gar nicht auf die Lösung ankommt^); charakteristisch ist für sie vielmehr 
der Bau. Erst bei der zehnten Gruppe macht sich die Lösung hin und 
wieder bemerkbar und 'ist direkt bestimmend für die elfte (kryptomorphe) 
Gruppe. Auch bei den uueigentlichen Rätseln spielt die Lösung eine 
grosse Rolle. Skizzieren wir nun die verschiedenen Gruppen im 
einzelnen. 

Bei einer grossen Anzahl Rätsel wird uns etwas Wirkliches, 
Reelles, vorgeführt, das entweder (I) lebt, oder (H) ein Tier, oder (HI) 
ein Mensch, oder (IV) eine Pflanze resp. Pflanzenteil oder überhaupt irgend 
ein Ding ist, das zu keiner der eben bezeichneten Formen gehört; diese 
Realien können auch in mehreren Exemplaren auftreten. Man kann also 
alle diese Rätsel zu einer einzigen realistischen Gruppe zusammen- 
fassen. Beim Niederschreiben des spanischen Textes der Adivinanzas 
Rioplatenses war aber diese Idee dem Schreiber dieses Aufsatzes noch 
nicht so klar geworden; dort sind deshalb die eben detaillierten Gruppen I 
bis IV als einzelne hingestellt, und als solche sollen sie auch weiterhin 
besprochen werden. 

Das Ding, um welches es sich in solchen Rätseln also handelt, 
bildet das grundlegende, typische Element des Rätsels; es lenkt den 
Hörer von der Lösung ab. Es ist deshalb noch ein ergänzendes 
Element nötig, welches den Hörer zur Lösung hinlenkt, und dieses 
dient dann zur weiteren Unterteilung. 



1) Wossidlo (W.\ Mecklenburgische Volksüberlieferuugen 1. Wismar 1897. 

2) Bielenstein > B. , 1000 lettische Rätsel. Mitau 1881. 

3 Um den Leser ticht zu verwirren, sind die Lösungen der angeführten Beispiele 
fortgelassen, falls das Gegenteil nicht unbedingt nötig war. 

16'= 



244 Lehmann-Nitsche: 

I. In der biomorphen Gruppe wird uns von einem Wesen berichtet, 
das allen seinen Eigentümlichkeiten nach ein lebendes ist, ohne dass wir 
jedoch wüssten, ob es Tier oder Mensch (oder Pflanze) ist; z. B.: 'Wenn 
es nach dem Walde geht, schaut es rückwärts nach Hause; wenn es nach 
Hause kommt, schaut es rückwärts zum Walde' (B. 832). Wir hören also 
von einem Wesen, das geht, also leben muss. In B. 508: 'Ein Arm von 
Holz, Krallen von Eisen' charakterisieren Arm und Krallen das Ding 
(nicht etwa die Lösung, die bei der Klassifizierung ja gar nicht in Frage 
kommt!) als einen Organismus, der nur eben nicht genauer bezeichnet 
ist (was in den folgenden Gruppen der Fall ist). Das gleiche gilt von 
B. 328: 'Vorne hat es den Rücken, hinten den Bauch'. In W. 308 sind 
die Gelenke, in W. 337 a das Gehen, in W. 230 Kopf und Bauch, in 
W. 307 die Rippen, in W. 360 die Beine und das Gehen die typischen 
ablenkenden Elemente, wonach das Rätsel in die biomorphe Gruppe gehört. 

Die hinlenkenden Elemente derselben sind nicht immer klar aus- 
geprägt, und die volkstümlich gewordenen Kunsträtsel erschweren, wenig- 
stens für das spanische Sprachgebiet, die Systematik. Immerhin kann 
man folgende Abteilungen des hinlenkenden Elementes unterscheiden, die 
manchmal kombiniert sind: 

1. Allgemeine Angaben über die Lebensweise usw. — Ad. 
Riopl. 6: 'In der Höhe lebt es, in der Höhe hält es sich auf usw.' 

2. Die verschiedenen Lebensalter. (Sehr zahlreich im spani- 
schen Rätsel.) — B. 419: 'Was wird zweimal geboren?' In den A. R. 
finden sich Beispiele von Kombination mit Geschlechts- und Farben- 
wechsel während des Wachstums, in den beiden hier angezogenen Samm- 
lungen hin und wieder auch Beispiele für solchen Wechsel, aber in 
anderer Verbindung, z. B. B. 785: 'Schwarz geht's in die Badstube, rot 
kommt es heraus' (mit der vierten Abteilung kombiniert). 

3. Normale morphologische Elemente. — B. 412: 'Ein kurzer 
Körper, ein langer Schwanz'. W. 307, auch W. 230 gehören ebenfalls 
hierher. 

4. Normale physiologische Elemente. Von diesen ist nament- 
lich die Bewegung, sei es einfache, sei es fortwährende, sei es Hin- und 
Herbewegung, beliebt; aber wir fi^nden auch Hören usw. — Beispiele für 
Bewegung. B. 41: 'Sich wickelnd und windend geht's hinauf und ver- 
knotet sich'. W. 315 — 316 und 283 behandeln das Gehen und Sehen. 
B. 296 ist typisch für hin und her usw.: 'Es steigt den Berg hinauf 
und schleppt sich wieder herab'. B. 832 wurde schon zitiert. In B. 148 
geht etwas Tag und Nacht, ohne bis an das Ende gelangen zu können. — 
Singen und Weinen finden sich bei W. 300a, 301a und 306; Essen 
bei B. 93. 

5. Normale morphologische und physiologische Elemente in 
Kombination. Diese Abteilung ist kompliziert und unscharf; ich zitiere 



Zur Volkskunde Argentiniens. 245 

aus den A. E.. das Rätsel von der Geige: 'Man kratzt mir den Nabel, 
und ich sterbe vor Lust'. 

6. Abnorme morphologische Elemente. Äusserst interessante 
Formen von ganz besonderem Reiz. 

Die Abnormität ist von dreierlei Art: a) Der betr. Körperteil ist 
aus einem StofPe gebildet, der ilim nicht zukommt; ich wählte für diese 
Unterabteilung die Bezeichnung Terato plasie. Die Beispiele sind sehr 
zahlreich: B. 508 ('Ein Arm von Holz, Krallen von Eisen"), B. 657 ('Die 
Zähne von Eisen, der Leib von Holz, der Rücken von Strick'). — Bei 
Unterabteilung b) (Heterotopie) sitzt der fragliche Körperteil an einer 
Stelle, die einem anderen zukommt: B. 784 ('Es hat die Knochen aus- 
wendig, das Fleisch inwendig'), B. 328 ('Yorue hat es den Rücken, hinten 
den Bauch'); ebenso W. UOO, das Rätsel vom Kohl, der das Herz im 
Kopfe hat. — Unterabteilung c) schliesslich (Teratomorphie) umfasst 
die Fülle richtiger Monstra, Missbildungen durch fehlende oder durch 
exzessive Entwicklung des betr. Körperteils; B. 559 z. B. hat zwar Kopf, 
Milch, Schwanz, aber keine Haare, Brüste, Füsse; B. 497 hat zwar zwei 
Fusssohleu, aber sechs Schienbeine. W. 424b — e ist das bekannte Rätsel 
vom Reiter mit seinem Pferd: 2 Köpfe, 6 Füsse (Beine), 4 Augen; im 
übrigen ist das Wesen normal mit 2 Armen und 10 Zehen. Ganz ähnlich 
W. 360, eine Variante des vorigen, und W. 327 (ein Wesen ohne Kopf 
und Darm usw.),. ferner W. 295 (ein Wesen ohne Kopf und Rücken), 
W. 175b (ohne Blut, Leber, Lunge). — Gelegentlich finden sich Kombi- 
nationen zwischen a, b und c. 

7. Abnorme physiologische Elemente. Ebenfalls sehr bunte 
Rätselbilder. Der betr. Körperteil hat entweder eine Funktion, die einem 
anderen zukommt (Unterabteilung a) Heterophysiologie) oder die 
Funktion, von der die Rede, ist ganz unmöglich, da ja die dazu nötigen 
Organe fehlen (b) Teratophysiologie, beides Ausdrücke, die nicht 
schön klingen, aber jedenfalls zutreffend sind. — Beispiele für Unter- 
abteilung a): W. 243a ist typisch: 'Hinnen frett't, vor schitt't'. Zahl- 
reichere Fälle ergaben sich für Unterabteilung b), z. B. B. 265 ('Was 
springt und geht ohne Füsse?'), B. 321 ('Was läuft ohne Füsse?'); W. 362 
(Laufen ohne Beine), W. 363 (Fressen ohne Maul), W. 90 (Lasten tragen 
ohne Rücken), W. 280 (Auf dem Kopfe gehen). 

8. Abnorme morphologische und physiologische Elemente 
n Kombination. In den Ad. Riopl. nicht vertreten, wohl aber bei 
W. 387 (Drei Beine, Fett fressen, ohne fett zu werden). 

Während die bisher betrachteten Fälle der biomorphen Gruppe 
Wesen einer einzigen Art, sei es in Einzahl, sei es in Mehrzahl, auf- 
führen, man also von Mono- resp. Poly-Biomorphie sprechen kann, machte 
ein einziges Rätsel der Ad. Riopl. (Nr. 199) die Aufstellung einer zweiten, 
dieser entgegengesetzten Untergruppe nötig; in diesem vereinzelten Falle 



246 Lehmann-Nitsche: 

treten zwei verschiedenartige Wesen auf, die mit einander kämpfen und 
dadurch als lebende charakterisiert werden; ich nannte diese Untergruppe 
alloio-biomorph. Weder bei B. noch bei W. fanden sich Beispiele dafür. 

II. Die zoomorphe Gruppe ist ohne weiteres dadurch gekennzeichnet, 
dass das ablenkende Element ein Tier ist ; in den Ad. Riopl. treten Tiere 
ohne weitere Benennung, Haus- und wilde Tiere auf. Die hinlenkenden 
Elemente lassen sich in genau der gleichen Weise klassifizieren, wie bei 
der biomorphen Gruppe, aber nicht für alle Abteilungen finden sich in 
den zwei hier benutzten Sammlungen Beispiele. 

1. Allgemeine Angaben über die Lebensweise usw. — B. 565 
ist typisch: 'Ein Bär hockt am Feldende' ; ebenso B. 245: 'Ein Huhn, das 
auf einem Bein hockt', und B. 304: 'Ein Hund im Schneehaufen'; auch 
B. 518 gehört hierher: 'Voriges Jahr ist das Ochslein geschlachtet, noch 
ist das Maul offen'; sowie B. 243 — 246, wo eine graublaue Kuh (Ziege) 
die Niederung (Boden, Hümpel) leckt (nagt). — In B. 266 erfährt man 
nur, dass es sich um ein Tier handeln muss, da das Fell verkauft (der 
Kopf gegessen) wird; das Fleisch, heisst es weiter, frisst kein Hund, kein 
Wolf. Das letzte Rätsel kann als 'unvollständiger Zoomorphismus' an- 
gesprochen werden, im (iegensatz zu den übrigen, wo die Tiere wirklich 
genannt werden ('vollständiger Zoomorphismus'). Fälle von unvollständigem 
Zoomorphismus kamen in den Ad. Riopl. nicht vor. 

2. Die verschiedenen Lebensalter. Kein typisches Beispiel, 
höchstens B. 253: 'Eine Sau gebiert ihre Ferkel'. 

3. Normale morphologische Elemente. — Kein Beispiel. 

4. Normale physiologische Elemente. Für die Bewegung lässt 
sich anführen B. 68, wo ein Marder, B. 69, wo ein Reh springt; für Hin- 
und Herbewegung B. 25 und 67, wo eine Wachtel hin und her fliegt; 
B 66, wo der Hecht hin und her schiesst; allerdings sind diese Rätsel 
gemischt, denn der zweite Bestandteil gehört in die poikilomorphe Gruppe: 
in B. 66 und 69 gefriert die Düna, in B. 25 und 67 der See. Nur B. 68 
('Ein Marder springt, die Spuren gefrieren') wäre typisch, falls dieses 
Rätsel nicht eine korrumpierte Variante der vorigen ist. 

5. Normale morphologische und physiologische Elemente in 
Kombination. Es war kein typisches Beispiel bei B. und W. aufzufinden. 

6. Abnorme morphologische Elemente. a) Beispiele für 
Teratoplasie. B. 13: 'Eine eiserne Stute, ein flächserner Schweif; ganz 
ebenso B. 14 und 15 und W. 266a: 'Isern Pierd mit'n höltern Swanz', 
und W. 268: 'Höltern Pierd mit'n isern Stiert'. B. 856-858: Hunde 
(Hasen, Füchse) mit weissem Blut. — b) Beispiele für Heterotopie. 
W. 174, ein Tier (Vogel) mit den Knochen über dem Fleisch; eine 
biomorphe Variante dieses Rätsels (B. 784) wurde bereits mitgeteilt. — 
c) Beispiele für Teratomorphismus. B. 561 (Öchslein mit neun Häuten), 



Zur Volkskunde Argentiniens. 247 

B. 596 (Gans mit vier Schnäbeln), B. 828 (Lämmchen mit fünf Füssen), 
B. 999 (Bock mit einem Auge). — B. 504 ('Ein Pferd von Hede mit 
drei Füssen') ist ein Beispiel von der Kombination a -f- c. v 

7. Abnorme physiologische Elemente. Nur Beispiele für b), 
Teratophysiologie. B. .374: Ein Hund, dem beim Bellen die Zähne 
ausfallen. 

8. Abnorme morphologische und physiologische Elemente 
in Kombination. B. 959: Ein Vogel, ohne Füsse, Schnabel, Flügel, 
verzehrt den Baum, auf dem er sitzt. W. 104 behandelt einen Vogel, 
dessen Flügel im Feuer gewachsen sind und der gleich sieben Ochsen 
frisst. 

Die eben betrachteten Abteilungen sind mono- oder polyzoomorph ; 
es gibt in den Ad. Riopl. aber auch zwei alloiozoomorphe Fälle, wo im 
gleichen Rätsel verschiedene Tiere auftreten; ähnlich ist B. 663: 'Ein 
weisses Schäflein im Leibe eines schwarzen Ochsen', oder einfacher 
B. 662: 'Ein Schafbock im Leibe eines Ochsen'; ferner B. 279: 'Ein Floh 
geht hinein, ein Schwan kommt heraus.' 

III. Die anthropomorphe Gruppe braucht keine Erklärung; höchstens, 
dass zunächst unvollständiger Anthropomorphismus auftritt, indem das 
Rätsel nicht direkt von Menschen spricht, sondern Sachen aufführt, die 
nur einem solchen zukommen können. Beispiele dafür sehr zahlreich 
bei B., z. B. B. 155 ('Die Füsse von Stein, der Rumpf von Holz, die 
Mütze auf dem Haupte von Stroh'; also unvollständiger A. [Mütze !j mit 
teratoplastischen hinlenkenden Elementen). B. 228 ('Wer sagt alles aus 
ohne Zunge?') und B. 56 ('Es spricht alle Sprachen'); nur der Mensch 
spricht. B. 605: 'Er tanzte, er tanzte — bis er sich erhängte'; nur der 
Mensch kann eigentlich tanzen. In W. 477 ist von einem Gesichte die 
Rede; nur der Mensch hat ein solches im eigentlichen Sinne. 

Die Fälle von vollständigem Anthropomorphismus liessen sich, 
in Mono- und Polyanthropomorphismus gesondert, bequem abmachen. 

Für den Monoanthropomorphismus wurden wieder genau jene 
acht Unterabteilungen nachgewiesen, nämlich: 

1. Allgemeine Angaben über die Lebensweise, usw. Die 
Rätsel sind recht zahlreich, und zunächst finden sich keine besonders auf- 
fallenden Merkmale der Lebensweise (Unterabteilung a.). W. 320a, der 
"Mann, der auf dem Dache sitzt und eine helle Tabakpfeife raucht, ist ein 
typisches Beispiel dafür. Auch W. 293a und 216 a können angezogen 
werden, sowie B. 34 ('Ein grosser, langer Mann hockt in der Hütte') und 
B. 98 ('Ein klein klein Männchen, der ganzen Welt Richter'). — Einzel- 
heiten der Kleidung sind in Unterabteilung b) zusammengefasst; die Bei- 
spiele sind massenhaft, man vgl. B. 696 ('Ein Bettler geht des Weges, 
Flick auf Flick und kein Nadelstich'); B. 273 ('Ein kleines kleines 



248 Lehmann-Nitsche: 

Weibchen, hundert Tücher um den Kopf); B. 642 ('Ein Fräulein sitzt in 
der Ecke, eine goldene Mütze auf dem Kopfe'); B. 509 (Männchen mit 
knöcherneui Pelz); B. 128 (Männchen mit grünem Kleid und schwarzem 
Gürtelchen); B. 96 (grosse, lange Jungfer mit grüner Schürze). Die 
beiden letzten Rätsel sind typische Formen. W. 184, 204a, 204c, 177, 
178, 195, 198, 24 mag nachlesen, wer noch mehr schöne Beispiele haben 
will. — Für die Unterabteilung c). Schwarze, Hess sich nur ein Fall aus 
B. nachweisen, B. 113: 'Ein Schwarzer tanzt, ein Schwarzer springt, des 
Schwarzen Spur ist nicht zu sehen'. — Unterabteilung d), Tote, fehlt bei 
B. und W., dagegen kommt e), der Teufel, vor, und zwar B. 47: 'Der 
Teufel steht auf dem Acker, eiserne Schuh an den Füssen'. Wossidlos 
Sammlung liefert noch eine Unterabteilung e), Riesen, ich meine W. 512: 
'Am Markt steht ein grosser Riese, er schaut weit in die Welt hinaus'. 

2. Die verschiedenen Lebensalter. W. 78: 'Als ich klein 
war usw.; als ich gross war usw.; als ich tot war usw.' 

3. Normale morphologische Elemente. B. 368 (= 763): 'Ein 
klein klein Männchen, Bart in die Höhe' ist kein g-utes Beispiel. In 
W. 232 ist der Bauch das hinlenkende Element. 

4. Normale physiologische Elemente. Bewegung, und zwar 
recht ausreichend, macht sich die Frau Bohne bei W. 30, und reden, viel 
reden tut der Mann bei W, 318 a. 

5. Normale morphologische und physiologische Elemente 
in Kombination. Keine guten Beispiele nachzuweisen. 

6. Abnorme morphologische Elemente. Beispiele für Tera- 
toplasie sind B. 201 (Gesicht von Knochen, Bart von Fleisch); für Hete- 
rotopie B. 763 (Mann mit dem Bauch nach hinten), solche für Terato- 
morphismus B. 873 (weisses Herz) und W. 110 (zahllose Beine); vgl. 
auch W. 109. 

7. Abnorme physiologische Elemente. Beispiele für wunder- 
same Funktionen bietet W. 388; da wacht ein Mann alle Nacht, ohne 
müde zu werden; oder W. 87a, wo ein Weib ohne Füsse und Hände 
laufen und schlagen muss. 

8. Abnorme morphologische und physiologische Elemente 
in Kombination. Keine Beispiele. 

B. Die Fälle von Polyanthropomorphismus konnten in folgende 
Unterabteilungen zerlegt werden. 

1. Die betr. Individuen sind nicht miteinander verwandt." 
Die Weiterteilung ist nun sehr einfach, insofern es sich um 2, 3 usw. 
Personen handelt. Zwei Personen erscheinen bei B. 187: 'Der Herr trägt 
seinen Knecht'; Wossidlos Gesprächsrätsel zwischen Bach und Wiese u. ä. 
gehören auch hierher, siehe W. 1 — 6. — Drei Personen werden auf- 
gezählt bei B. 204: 'Der Eine sagt: Gott wird den Tag senden, man 
wird zu essen bekommen; der Zweite sagt: (lott wird die Nacht senden, 



Zur Volkskunde Argentiniens: 249 

man wird zu schlafen bekommen; der Dritte: mir gilt der Tag und die 
Nacht gleich'. — Vier Personen sind die 'vier Prediger unter einer 
Mütze' Bielensteins (Nr. 203). — 'Fünf Nackte bauen ein Haus' (B. 17) 
und die fünf Flohjäger Wossidlos (Nr. 28) sind ein auch sonst beliebtes 
Rätselbild. — Yiele Personen sind die 32 Gesellchen in einem Ställchen 
(W. 42f.), die dreihundert Männer bei B. 680; ohne genauere Angabe der 
Zahl: der Herr mit seinen Dienern bei B. 524 und das Regiment Soldaten 
bei W. 52. 

2. Die betr. Individuen sind miteinander verwandt. Die 
Einteilung bezieht sich auf die verschiedenen Verwandtschaftsgrade und 
auf die Generationen. Nicht in den Ad. Riopl., wohl aber bei W. 498 
bis 499 erscheint ein Ehepaar; bei B. 727—729 und W. 148c Vater und 
Sohn, bei B. 190 Mutter und Kinder, bei W. 136 und B. 6 Vater, Mutter 
und Kinder, also zwei Generationen; drei Generationen bei W. 411; vier 
Generationen in einem Falle der Ad. Riopl. Geschwister erscheinen bei 
W. 150c (zwei Brüder), bei B. 242 (fünf Brüder), bei B. 64, 137 und 261 
(zwei Schwestern), bei B. 391 (sieben Schwestern), bei B. 537 (Bruder 
und Schwester). 

IV. Die phytomorphe Gruppe ist verhältnismässig spärlich. Zu un- 
vollständigem Phytomorphismus gehören die Fälle, wo das Rätselbild von 
Blumen, Früchten, Zweigen u. dgl. spricht, z. B. W. 340 (eine Blume), 
W. 31 (eine gelbe Blume), B. 353 (ein Blatt), B. 74 (zwei Bohnen). 
Vollständiger Phytomorphismus erscheint bei B. 334 und 644 (Eichbaum), 
931 (Espe). 

V. In der poikilomorphen Gruppe wurde alles das untergebracht, 
was nun noch übrig blieb, also alle die mannigfaltigen Realien, die in 
so vielen Rätseln uns beim Lösen in Verzweiflung bringen. 

Auch hier liess sich als Untergruppe VA Mono- und Polypoikilo- 
morphismus aufstellen, wenn nämlich ein Ding derselben Art, sei es 
in einem oder mehreren Exemplaren, auftritt. Die spezielle Einteilung 
ist folgende: 

1. Allgemeine Angaben usw. über den Gegenstand, den uns 
das Rätsel vorsetzt. W. 210, B. 441, 442 schildern ein Haus; B. 354 ein 
Brett; B. 465 ein Beil. 

2. Das Rätselbild wechselt je nach den Umständen, 
Zeiten usw. Die bei W. und B. vorhandenen Fälle sind nicht rein wie 
in den Ad. Riopl., wo es z. B. heisst (Nr. 542): 'Am Tage Wurst, nachts 
Fahne', denn bei B. 252 (Am Tage Fassband, nachts Schlange) ist die 
eine Hälfte des Rätsels zoomorph, bei B. 268 (Im Sommer Tanne, im 
Winter Milch) phytomorph. 



250 Lehmann-Nitsche: 

3. Ein Gegenstand in Wiederholung; die Stellung ist 
charakteristisch ('übereinander'). — B. 977: 'Tönnchen auf Tönnchen, 
oben Mäuseschmutz'. 

Als Untergruppe VB erscheint der Alloiopoikilomorphismus, 
d. h. Dinge verschiedener Art, sei es in Einzahl, sei es in Mehrzahl, 
spielen ihre Rolle im Rätselbilde. Folgende Abteilungen konnten unter- 
schieden werden: 

1. Verschiedene Dinge in Aufzählung; die Lösung ist ein 
Gegenstand. B. 70: 'Eine rote Flasche, ein weisser Kork' (Himbeere); 
B. 212 — 214 ist das bekannte weitverbreitete Rätsel von der Kuh, das 
ich nach der Variante B. 214 zitiere: 'Zwei Stösser, zwei Schüttler, vier, 
die auf der Erde humpeln, ein Neunter, der im Kriege Schutz gibt'; die 
zahllosen mecklenburgischen Fassungen sehe man bei W. 165 nach. 

2. Verschiedene Dinge in Aufzählung; die Lösung ist ein 
Komplex zusammengehörender Gegenstände. Es werden da zwei, 
drei oder vier verschiedene Dinge aufgezählt, z. B. B. 288: 'Ein Katzen- 
schwanz, der über ein Meer sich streckt'; B. 20: 'Mit fünf Balken wird 
ein Wohnhaus gebaut". Drei verschiedene Gegenstände figurieren bei 
W. 122 (Wanderstab, Erde, Kraut); B. 131 mk Wiese, Schafen und 
Hirten passt nicht recht hierher, da zoo- und anthropomorphe Elemente 
miteinbezogen sind. Vier verschiedene Gegenstände erscheinen öfters in 
den Ad. Riopl., z. B. Nr. 560 (Feld, Samen, Stier, Kalb). 

Man kann mit Recht den Vorwurf erheben, auf einmal sei die Lösung 
berücksichtigt worden; dann vereinige man einfach Abteilung 1 und 2 zu 
einer einzigen; es ist sowieso manchmal schwer, sie auseinander zu 
halten. 

3. Verschiedene Dinge in Aufzählung, deren Stellung 
charakteristisch ist. Übereinander, aufeinander sind Tönnchen, Fässer 
(B. 392), tote Heringe (B. 77 und 553); ineinander die Dinge bei B. 38 
('Ein Nussgesträuch, in dem Nussgesträuch ein Tannenwald, in dem 
Tannenwald ein See . . .'), womit der Übergang zu fortgesetzter Teilung 
gegeben ist, wie sie charakteristisch ist für das internationale Rätsel 
vom Jahr (W. 35) und das ebenfalls häufige vom Menschen, das bei 
B. 825 sogar zehn Stufen aufweist: Zwei Pfosten, auf den P. ein Sack, 
auf dem S. ein Block, auf dem B. zwei Stangen, auf den St. eine Mühle 
von Knochen, auf der M. zwei fliessende Bäche, usf. 

4. Verschiedene Dinge in Tätigkeit. Zwei erscheinen in der 
Rätselgruppe von der Katze und dem Fleisch, vom Wildschwein und der 
Eichel u. ä., siehe W. 16 und 17, sowie B. 258 — 259; hier sind die beiden 
Figuren des Rätsels: Griese und Pummel, Himmelhoch und Ruuchdiert, 
Hocker und Gehängtes usw. — Drei und vier Figuren, je nach den 
Varianten, erscheinen in dem bekannten Rätsel vom Einbein, Zweibein, 
Dreibein, Vierbein, W. 15. 



Zur Volkskunde Argentiniens. 251 

VI. Die vergleichende Gruppe ist im spanischen Rätsel sehr ent- 
wickelt. Wir erkennen ohne weiteres die vier Bestandteile, aus denen 
sich ein typisches Rätsel zusammensetzt: das oder die charakterisierenden 
Elemente; das oder die vergleichenden Elemente; die Versicherung, dass 
es sich doch nicht darum handelt, was der Vergleich soeben aussagte; 
und schliesslich ein oder mehrere beschreibende Elemente. Diese vier 
Bestandteile sind durchaus nicht immer gleichmässig ausgebildet, und je 
nach dem ergeben sich zahlreiche Abteilungen; z. B. fehlt ein Beispiel 
für die einfachste Kombination: ein charakterisierendes Element, ein ver- 
gleichendes Element, die entsprechende Versicherung, ein beschreibendes 
Element. W. 370a ist nicht ganz typisch, da das beschreibende Element 
an erster Stelle steht und das charakterisierende Element ('sieht was') 
ohne den Vergleich nicht bestehen kann. Die für die Ad. Riopl. geltende 
Einteilung ist folgende: 

1. Ein charakterisierendes Element, ein vergleichendes 
Element, die Versicherung. Bei B. und MV. kein Beispiel. 

2. Ein charakterisierendes Element, ein vergleichendes 
Element, ein beschreibendes Element. — W. 225: 'Lütt as 'ne 
Muus, bewacht 't ganz Huus'. Ebenso W. 226. 

3. Ein charakterisierendes Element, ein vergleichendes 
Element, zwei beschreibende Elemente. 

4. Ein charakterisierendes Element, ein vergleichendes 
Element, drei beschreibende Elemente. 

5. Zwei charakterisierende Elemente, ein vergleichendes 
Element. 

6. Zwei charakterisierende Elemente, eine Versicherung. 
Für 3 bis 6 finden sich bei B. und W. keine Beispiele. 

7a. Zwei charakterisierende Elemente, zwei vergleichende 
Elemente, zwei Versicherungen. — B. 385: 'Es wiehert wie ein 
Hengst, ist aber kein Hengst; es tanzt wie eine Jungfer, ist aber keine 
Jungfer'. Ebenso B. 751 — 752, 758. 

7b. Zwei vergleichende Elemente, zwei Versicherungen. 
Kein Beispiel. 

7c. Zwei charakterisierende Elemente, zwei Versiehe. 
rungen. — W. 369: 'Witt is't [wie ein Ei] An keen Ei is't, Bläder hetft 
[wie ein Baum] un keen Boom is't'. Die fehlenden vergleichenden Ele- 
mente sind in eckigen Klammern zugefügt. 

7d. Zwei charakterisierende Elemente, zwei vergleichende 
Elemente. B. 706: 'Es wiehert wie eine Stute und tanzt wie eine Jungfer' 
(Lösung: die Elster; die Lösung des unter 7a mitgeteilten Rätsels ist das 
auf den Tisch geworfene Silbergeld!). Ebenso B. 595 und 843. 

8a. Zwei charakterisierende Elemente, zwei Versiche- 
rungen, zwei beschreibende Elemente. Kein Beispiel bei B. und \^ . 



252 Lehmann -Kitsche : 

8b. Zwei charakterisierende Elemente, zwei vergleichende 
Elemente, zwei beschreibende Elemente. Kein Beispiel bei B. 
und W. 

9. Drei charakterisierende Elemente, drei Versicherungen. 
Kein Beispiel bei B. und W. Dagegen finden sich hier Typen, welche 
in den Ad. Riopl. nicht vertreten sind und die am besten jetzt ohne be- 
sondere Numerierung aufgeführt werden: 

Das vollständige Modell (drei charakterisierende Elemente, drei ver- 
gleichende Elemente, drei Versicherungen) ist öfters vertreten, z. B. B. 606, 
B. 753, B. 755 und W. 218e; das letztere lautet: 'Grün wie Gras und 
doch kein Gras, weiss wie Schnee und doch kein Schnee, töppel a'sn 
Höhning und doch keen Höhning'. Bei W. 370b ist die stets gleich- 
lautende Versicherung nur einmal abgegeben. 

Drei charakterisierende Elemente nebst den entsprechenden drei Ver- 
gleichen finden sich auch öfters, z. B. B. 754, B. 827, B. 964; B. 299 
lautet: 'Grün wie Gras, weiss wie Schnee, rot wie Blut'. Bei B. 55 ist 
noch ein beschreibendes Element zugefügt: 'Es bellt wie ein Hund, brüllt 
wie ein Ochse, singt wie eine Nachtigall; so lange es ruft, hat es keinen 
Mund'. 

Fahren wir nun mit der Einteilung der Ad. Riopl. weiter fort: 

10. Vier charakterisierende Elemente, vier Versicherungen. 
Bei B. und W. nicht vertreten. 

11. Vier charakterisierende Elemente, vier vergleichende 
Elemente. W. 217b (grün wie Gras, weiss wie Schnee, rot wie Blut, 
schwarz wie Teer) gehört hierher, obwohl es mit reimergänzendem Bei- 
werk und einem Schlussrahmen verziert ist. 

Fünf charakterisierende Elemente mit den dazu gehörenden fünf Ver- 
gleichen finden sich nicht in den Ad. Riopl., wohl aber bei B. 707: 
'Gefleckt wie ein Specht, weiss wie ein Schwan, schwarz wie ein Rabe, 
wiehert wie ein Pferd, tanzt wie eine Jungfer'. 

VII. Die beschreibende Gruppe liefert zahlreiche Beispiele, aus 
denen sich ohne weiteres ihre Form ergibt. Unterschieden wurden 
Rätsel mit: 

1. Zwei Eigenschaften, z. B. B. 544: 'Oben glatt, unten durch- 
furcht'. Ebenso B. 247, B. 475—476 (= W. 392), W. 206a. 

2. Drei Eigenschaften, z. B. W. 2r2a: 'Hoch erhoben, krumm 
gebogen, wunderlich erschaffen' (ausserdem Schlussformel); bei B. 164 
sind drei negative Eigenschaften als charakteristisch aufgeführt: 'Ein 
Mensch ist's nicht, ein Gespenst ist's nicht, mit der Hand fassen kann 
man es nicht'. 

3. Viele Eigenschaften; man suche W. 440, W. 414, W. 205, 
W. 171 a, W. 393 selber auf; in B. 710 erscheinen vier Eigenschaften: 



Zur Volkskunde Argentiniens. 253 

'Es tauzt polnisch, spricht französisch und ist halb weiss, halb schwarz'; 
in B. 333 eine ganze Menge: 'Dünn ist's und lang, mit rundem Kopfe, 
dem Menschen zur Qual, dem Diebe zum Schrecken'. 

4. Eigenschaften, je nach den Umständen wechselnd, zeigen 
eine ganze Anzahl Rätsel, z. B. B. 310: 'Nachts reich, Tages arm'; Tag 
und Nacht bestimmen auch die Eigenschaften bei B. 165 und 816, ebenso 
bei W. 95; die vier Jahreszeiten bei W. 343; auf dem Dache und unten 
bei W. 334 und 335; auf dem Tische und unten bei B. 421. In den 
Ad. Riopl. fanden sich als bestimmende Umstände Feld — Haus bzw. Oben — 
Unten besonders häufig. 

Till. Die erzählende Gruppe gehört nicht mehr zu den eigent- 
lichen Rätseln Charakteristisch für sie ist die vorhergehende Geschichte, 
in welche das Rätsel eingehüllt wird; hierher gehören die sog. Hals- 
lösungsrätsel, z. B. W. 980. 

XI. Die arithmetische Gruppe leitet weiter zu den uneigentlichen 

Rätseln. 

1. Wirkliche Rechenaufgaben finden sich gelegentlich, z. B. bei 
^\ 898 — 900; der Text ist zu lang zum Wiederabdruck. 

2. Scherzhafte Rechnerei entspricht eher dem Charakter des 
Rätsels, z.B. W. 879, W. 465; W. 878 lautet: 'Wat is swerer, 'n pund 
Feddern oder 'n pund Bli?' 

X. Die Verwaudtschaftsgruppe steht der vorhergehenden innerlich 

nahe. 

1. Verwandtschaft im allgemeinen wird öfters behandelt, z.B. 
bei W. 982: 'Seine Mutter ist meine Mutter ihr einziges Kind'; s. a. 
W. 983. 

2. Seinesgleichen ist im spanischen Rätsel behandelt (Der Bauer 
sieht's fortwährend, der liebe Gott (Papst) nie, der König selten, u. dgl.); 
man erkennt gleichzeitig, wie für die uneigentlichen Rätsel die Lösung 
immer mehr und mehr von Wichtigkeit wird. 

3. Verwandtschaft mit Verteilung von Gegenständen streift 
schon stark an die eigentliche Scherzfrage; W. 901 und W. 902 sind 
einschlägige Beispiele; das letzte der beiden Rätsel handelt von den zwei 
Vätern und zwei Söhnen, die drei Hasen schössen, und jede der ge- 
nannten Personen trug einen ganzen nach Hause. 

XI. Die kryptomorphe Gruppe wurde so bezeichnet, weil das 
Lösungswort teilweise oder ganz im Rätsel versteckt ist; der Reichtum 
an Formen im spanischen Rätsel ist sehr gross und veranlasste eine 
detaillierte Klassifizierung, während in Mecklenburg und Kurland die 
Beispiele äusserst spärlich sind. 



254 Lehmann-Nitsche: 

Im unvollständigen Kryptomorphismus ist ein Teil des Lösungs- 
wortes im Kätsel enthalten, sei es als ein, sei es als zwei Worte des- 
selben. 

Im vollständigen Kryptomorphismus ist das ganze Lösungswort 
versteckt, und zwar: 

1. Als Teil eines Buchstabens (Punkt auf dem i). 

2. Als ganzer Buchstabe: W. 470—474 und W. 838: 'Wat 'steit 
in de Midd von Woren?' (Lösung: De r). 

8. Als Teil eines Wortes, das im Rätsel vorkommt. 

4. Als ein ganzes Wort, das im Rätsel vorkommt. Dieses Wort 
hat doppelte Bedeutung oder nicht; in letztem Falle wird direkt die 
Lösung mitgenannt, um den Hörer zu verblüffen, was auch gelingt, z. B. 
Ad. Riopl. 757: 'Spitzen vorne, Augen hinten; die Schere ist's, dumm du 
bist, wenn du die Lösung nicht kannst finden'; die Lösung ist tatsächlich 
die Schere. Bei W. fanden sich nur Beispiele für jene erste Art, wo das 
versteckte Wort zweierlei bedeutet, z. B. W. 951—961; W. 907a lautet: 
'Is wech, blifft wech, un ward alldag bruukt' (Der Weg). 

5. Als ein ganzes Wort, das im Rätsel vorkommt, und Teil eines 
anderen, mag dieser Teil nun unmittelbar vorhergehen, unmittelbar folgen 
oder getrennt sein. 

6. Als zwei ganze Worte, die im Rätsel vorkommen; sie folgen 
entweder aufeinander oder sind voneinander getrennt. 

7. Als drei ganze Worte, die im Rätsel vorkommen. 

Für keine dieser Unterabteilungen fanden sich bei B. oder W. Bei- 
spiele. 

XII. Die homouyme Gruppe ist von der Lösung ebenfalls be- 
einflusst. Zwei Typen Hessen sich unterscheiden: 

1. Die Lösung ist ein homonymes Wort, das Rätsel be- 
schäftigt sich mit beiden Bedeutungen desselben. W. 905—906 
sind wenige Beispiele aus Mecklenburg für diese im Spanischen zahlreiche 
Form, ebenso W. 522, das bekannte Rätsel vom Wacholder: 'Der Ge- 
liebte lag und schlief, die Geliebte kam uud rief, und das Wort womit 
sie rief, so hiess der Busch, an dem er schlief. 

2. Eine oder mehrere Eigentümlichkeiten des Lösungs- 
wortes sind durch homonyme Yerben charakterisiert. Als 
Beispiel finde ich höchstens W. 922: 'Vier Mann spälen de ganze Nacht 
un keener verliert wat' ('Dat sünd Muskanten'). 

XIII. Die Scherzgruppe wurde in den Ad. Riopl. nicht weiter 
analysiert und das nicht übermässig zahlreiche Material nach äusserlichen 
Gesichtspunkten angeordnet. Für eine Einteilung nach inneren Motiven, 



Zur Volkskunde Argentiniens. 255 

wie sie Petsch skizzierend versuchte, erschien der Stoff nicht ausreichend; 
vielleicht entschliesst sich einmal Petsch zu einer übersichtlichen Dar- 
stellung der Scherzrätsel. Ich sehe daher ab, auch nur eins der häufigen 
Beispiele, namentlich aus der Mecklenburgischen Sammlung, hier anzugeben. 

XIV. Die doktrinäre Gruppe gehört kaum noch zum Rätsel; es 
handelt sich um vielfach schulmeisterliche Examensfragen, die der Hörer 
entweder beantworten kann oder nicht. Sie lassen sich als zoologische, 
botanische, geschichtliche Fragen leicht gruppieren; zu den ersteren gehört 
z. B. Nr. 976 der Ad. RiopL: 'Welcher Vogel legt das grösste Ei?' Jedes 
Schulkind wird dabei den Strauss nennen. Eine vierte Abteilung, all- 
gemeine Sentenzen, sind durch B. 142 vertreten: 'Was läuft schneller als 
der Wind?' Es sind des Menschen Gedanken. 

XV. Als künstliche Gruppe wurden Charaden, Logogriphe und 
Akrosticha zusammengefasst, die im spanischen Sprachgebiet gewiss zum 
Teil volkstümlich geworden sind, offenbar nicht in Mecklenburg und 
Kurland. 

XVI. Die erotische Gruppe wurde, wie gesagt, nicht in den Ad. 
Riopl. publiziert, obwohl sie beim Volke, wie bekannt, gar nicht etwa 
eine besondere Stellung einnimmt. 

Eingeleitet wird sie durch Rätsel, die harmlos sind, während die 
Lösuno- ins sexuelle Gebiet gehört. Nur aus diesem rein formalen Grunde 
wurden die betreffenden Rätsel aus den vorhergehenden Gruppen, in die 
sie gehören, weggelassen. Die zweite Abteilung sind die mehr oder 
weniger obszönen Rätsel mit harmloser Lösung. Drittens kommen dazu 
noch Scherzfragen. Mit Petsch bin ich der Meinung, dass Abteilung zwei 
und drei eine besondere Gruppe bilden, obwohl auch sie in den vorher 
skizzierten Gruppen untergebracht werden können. AVossidlos Sammlung 
wimmelt von Beispielen aus Mecklenburg. Man kann die einzelnen Rätsel 
leicht nach dem Gegenstand der Anspielung im speziellen klassifizieren. 

'Se acabö el cuento' heisst es hier zu Lande, wenn jemand seine 
Geschichte zu Ende erzählt hat. 

La Plata. 



256 Haas: 



Eine alte Greifswalder Lokalsage. 

Von Alfred Haas. 



Vor dem ehemaligen Mühlentor zu Greifswald, zwischen der Wolgaster 
und Anklamer Landstrasse, erhob sich im Mittelalter eine der heiligen 
Gertrud geweihte Kapelle, die in den Stadtbüchern zum ersten Male im 
Jahre 1363 erwähnt wird; sie lag hier, wie wir weiter hören, hinter einem 
alten Wirtshause an der Kreuzung des Weges nach Eldena und nach 
Koitenhagen, das im Volksmunde den Namen 'Scharfe Schere' führte — 
angeblich, weil der Wirt seine Gäste vormals sehr 'übersetzte' (d. i. über- 
vorteilte). Die Kapelle, welche 70 Fuss lang und 35 Fuss breit war, 
hatte an der Westseite einen viereckigen Turm, der auf dem Lubinschen 
Stadtbilde von Greifswald aus den Jahren 1610 — 1618 westlich von dem 
St. Georgshospital sichtbar ist. Auf dem Hochaltar der Kapelle stand 
das Bild der heiligen Gertrud, „in farbiger, vergoldeter Plastik in Holz 
ausgeführt, in der einen Hand einen Palmenzweig, eine Lilie oder einen 
Krummstab, in der anderen das Modell eines Spitales tragend"; dem Bild 
gegenüber war auf einer Empore ein Orgelwerk aufgestellt. Neben der 
Kapelle lag im Süden eine Herberge und in der Nähe noch ein Küster- 
haus und ein Katen, und alle diese Gebäude waren umgeben von einem 
zu der Kapelle gehörigen Friedhofe, der sich bis in die Nähe der An- 
klamer Landstrasse erstreckte. Der Friedhof war wieder von einer 
massiven, durch Strebepfeiler gestützten Steinmauer umschlossen. 

In unmittelbarer Nähe der St. Gertrudkapelle stand ferner eine Wind- 
mühle, welche in den Stadtbüchern seit 1385 als molendinum venti extra 
valvam Molendinorum proximum ecclesie beate Gertrudis erwähnt wird. 
Ob sie ursprünglich zum Besitztum der Kapelle gehört hat oder freies 
Eigentum der Müller gewesen ist, ist nicht überliefert. Im Jahre 1447 
ging die Mühle in den Besitz des Grauen Klosters über. Nichtsdesto- 
weniger hiess sie nach wie vor wegen ihrer Lage in der Nähe der Kapelle 
die St.-Gertrudsmühle. 

Im Verlaufe des Dreissigjährigen Krieges, und zwar im Jahre 1631, 
wurde die Kapelle mit ihren Nebengebäuden und die steinerne Ring- 
mauer und ebenso die Windmühle gänzlich zerstört. Doch wurde später 
das Küsterhaus und der Katen auf dem Friedhofe wieder aufgebaut. Die 
Mühle aber ward nicht wiederhergestellt; ihre Trümmerstätte wird aber 
noch 1739 als 'Mühlenberg mit Lehmgruben' in den städtischen Akten 
angeführt. (Nach Pyl, Greifswalder Kirchen 3, 1301flF. und A. v. Balthasar, 
Jus eccles. past. 2, 1.) 



Eine alte Greifswalder Lokalsage. 257 

So etwa sind die Örtliehkeiten beschaffen, an die eine über 400 Jahre 
alte Greifswalder Lokalsage, nämlich die Sage von dem Wettlauf um 
das Opfergeld und von der gegen den Wind laufenden Mühle, 
anknüpft. Dass die Sage tatsächlich so alt ist und nicht erst, wie Pyl 
a. a. 0. S. 1305 f. vermutet, zur Zeit des Dreissigjährigen Krieges ent- 
standen ist, ergibt sich aus der einfachen Tatsache, dass die älteste 
Fassung, in welcher die Sage überliefert ist, aus dem Reformationszeitalter 
stammt. Die Sage liegt uns aber auch noch in zahlreichen anderen 
Quellenschriften des 16., 17. und 18. Jahrhunderts vor; denn sie gehörte 
zu den Stadtmerkwürdigkeiten von Greifswald; jeder Fremde, der dorthin 
kam, musste die Geschichte gehört und ihre Örtlichkeit besichtigt haben. 
Daher findet sich die Sage auch in zahlreichen älteren Reisewerken, die 
die Stadt Greifswald beschreiben, erwähnt. Bin Dutzend dieser älteren 
Schriftwerke ist bereits bei A. von Balthasar a. a. O. S. 12 zusammen- 
gestellt; ihre Zahl ist aber noch weit grösser; mir sind aus der älteren 
Zeit noch sieben weitere Werke und aus der Zeit nach Balthasar noch 
sechs neuere Werke bekannt geworden, welche die Sage enthalten, 

I. Die früheste Aufzeichnung der Sage^) findet sich bei Thomas 
Kantzow in dessen erster hochdeutscher Bearbeitung der Chronik von 
Pommern (ed. Gaebel 2, 260f. = ed. Böhmer S. 289 f.) und lautet: 

Es ist auch ein seltzam Dinck zum Gripswalde, das ich umb des willen mus 
anzeio-en: Es ist eine Capelle vor der Stat, St Gerdruden geheissen; dazu ist, 
wie es pflegt, von den Burgern ein Furstender (Vorsteher) gewest, welcher ein 
mal, do es da Kirchwey gewest, das Opffer auffgenhomen hat. Und do das Polck 
alle wegk wahr und des Opffers ein gutter Hauffe wahr, solle er es auff das Altar 
gelegt haben und St. Gerdruden Bilde haben genhomen und es hinten in die 
Capelle gesetzt und zu ime gesagt, er wolte mit ime wettlawffen, wer ersten zum 
Altar kheme, das derselbig solte das Opffer haben; und hat angehaben zu lauffen. 
So ist ime das Bilde zuuor gekhomen und auff dem Altar gestanden, ehe ehr hin- 
gekhomen. So hab er sich aus Geitze desselbigen nichts entsatzt und hat auch 
den ersten Bescheid nicht halten wollen und das Bilde noch einmal hingepracht 
und mit ime gelauffen, da es ime abermal zuuorgekhomen. Das hab er nicht 
than wollen und das Bild zum dritten Mal hingepracht. Do sey das Bild still 
gestanden und hat nicht wollen lauffen, und ist der Furstender ersten zum Altar 
gekhomen und hab das Opffer hingenhomen, als hette ers mit guttem Fug ge- 
wunnen; und in kurtzcn Tagen sol er darnach gestorben sein und auff St. Ger- 
druden Kirchhoff begraben sein worden. 

So solle ine der böse Geist in der Nacht aus dem Grabe geholet und von 
dem Kirchhofe weggefhuret haben, welchs ein Moller von der nehisten Wintmulen 
gesehen und des Morgens angezeigt hat. So hat man noch gesehen, wie der 
Totte an die Capellenthur gegriffen, das er sich vor dem bösen Geiste aufhalten 
wolte, und wie der böse Geist darnach mit ime den Kirchhoff entlanges ge- 

1) [Doch vgl. J. Agricöla, 750 Sprüchwörtter 1558 (zuerst 1529) nr. oäG 'Er hat mit 
S. Gereimt ein Wettlauü" gethan' (in Sachsen); dazu Wesselski, Bebeis Schwanke 1907 1,142 
und Wauder, Deutsches Sprichwörterlexikon 1, 1576.] 

Zeitsehr. d. Vereins f. Volkskunde. 1914. lieft 3. 1"7 



258 Haas: 

Sprüngen und das Gras versengt und tieffe Fusstapffen in die Erde getretten. 
Das sey nhu so geschehen oder nicht, pleib in seinen Weerden. Aber das ist 
noch diessen hewtigen Tag, das man solliche Fusstapffen sieht und das auch kein 
Gras darinne wechst, und seint in so vielen Jaren die Loecher nicht zu- 
gewachssen. 

Wir finden hier bereits fast alle wesentlichen Züge der Sage vor: 
den dreimaligen Wettlauf um das Opfergeld, die Nichtbeteiligung des 
Bildes beim dritten Laufen, die Entführung des verstorbenen Vorstehers 
durch den Teufel, die Spuren an der Kapellentür und die von keiner 
Grasnarbe bedeckten Fusstapfen auf dem Friedhofe; auch zu der Mühle 
ist eine, wenn auch rein äusserliche Beziehung vorhanden, indem der 
Müller der Entführung zuschaut und am anderen Morgen Anzeige darüber 
erstattet. Dagegen findet sich noch nicht der Zug, dass der Vorsteher 
vom Teufel auf die Windmühlenflügel gebunden und vermittelst derselben 
linksum herumgeschwungen wird, worauf die Mühle die Eigentümlichkeit 
behielt, gegen den Wind zu laufen. 

11. Aus dem Ende des 16. Jahrhunderts liegen mir zwei Berichte 
vor. Der erste von beiden stammt von dem fahrenden Schüler Michael 
Franck, der in den Jahren 1585 — 1592 von Frankfurt a. 0. aus nach 
Wien, Dänemark, durch die sächsischen Länder und nach Italien reiste, 
und auf dieser Reise im Mai 1590 auch nach Greifswald kam. Über 
seineu dortigen Aufenthalt berichtet er u. a. (Balt. Stud. 30, 77) wie folgt: 

Wie man von Ancolam in die Stadt (Grippeswalde) ziehet, da stehet ein 
kleines Kirchlein auf einem Berge für der Stadt, darinnen sich diese denkwürdige 
Historien zugetragen hat: in dieser Kirchen siehet man im Dache ein Loch hin- 
durch, welches, weil man es schon vielmahl versucht, nicht zudecken kan, durch 
welches Loch der Teufel einen gottlosen Menschen soll hindurch und hinaus ge- 
führet haben und seinen Braten geholet haben. Waß dieß für ein gottloser 
Mensch ist gewesen, daran Gott ein solch schreckliches Exempel statuiret, kan 
man wohl erachten, daß er ein vermessener, gottloser Mensch, der Gott und sein 
Wort verachtet und dem bösen Feinde sich gäntzlich ergeben haben muß. An 
den Mauern neben dem Dache werden auch noch die Krallen gesehen, die er 
zum Gedächtniß hinter ihnen verlassen, die er gerizzet haben soll, als er ihn 
hinweggeführet. Behüte Gott für solcher Auffarth! 

In diesem Bericht fehlt der Wettlauf; es ist vielmehr nur von einem 
gottlosen Menschen die Rede, den der Teufel holt. Beachtenswert ist 
dabei, dass der Gottlose durch das Kirchendach entführt wird und dass 
das dadurch entstandene Loch sich seitdem nicht mehr zudecken lässt. 
Dieses unverdeckbare Loch im Kirchendach ist dem Berichterstatter 
offenbar die Hauptsache gewesen, und es ist wohl nicht zu bezweifeln, 
dass er das Loch mit eigenen Augen gesehen hat. Das Loch war aber 
offenbar ein aus katholischer Zeit stammender Abzugskanal für Kerzen- 
qualm und Weihrauchduft, wie solche Dachöffnungen auch an anderen 
Kirchen ehemals nicht nur vorhanden gewesen sind, sondern auch zu 



Eine alte Greifswaldcr Lokalsage. 259 

ähnlichen Sagenbildungen Aulass gegeben haben. So findet sich im 
Deckengewölbe der St. Stephanskirche zu Gartz a. 0. ein runder Deckel, 
angeblich ein Scheffel, der dort eingemauert sein soll zur Erinnerung 
daran, dass einmal ein Bauer mit einem falschen Getreidemass betroffen 
wurde (Pom. A^kde. 3, 163). In der Sakristei der St. Marienkirche zu 
Stargard i. Pom. befindet sich an dem Deckengewölbe ein Loch, welches 
der Sage nach nicht zugemauert werden kann, nachdem der Teufel einst 
einen gottlosen Pastor durch dieses Loch entführt und zur Hölle hinab- 
geholt hat (Pom. Ykde. 5, 99). Vgl. auch noch Liebrecht, Zur Volks- 
kunde S. 42H. . 

III. Im Jahre 1593 verfasste der Greif swalder Rektor Lukas 
Takke eine allerdings erst im Jahre 1607 gehaltene Rede De Urbe 
Pomeranorum Gryphiswaldensi, die uns im Auszug erhalten ist (Dähnert, 
Pom. Bibl. 2, 219 und 7. Jahresber. der Geogr. Ges. zu Greifswald 
S. 142ff.). Darin heisst es u. a. : 

Gertrudis fanum nunc pene collapsum antiquo ablati quondam a Diabolo 
cuiusdam illius fani Provisoris seu Diaconi, fraudulenter cum Divae Gertrudis 
imagine sive statua propter certam aliquam pecuniae summam cursu certantis, 
miraculo apud exteras etiam gentes huc usque claret. 

Also auch hier ist das antiquum miraculum des betrügerischen Wett- 
laufes und der Entführung durch den Teufel. ISTeu ist, dass der Entführte 
möglicherweise ein Geistlicher (Diaconus) gewesen sein soll. Auch ist 
bemerkenswert, dass Takke die Bekanntschaft der Sage apud exteras 
etiam gentes ausdrücklich hervorhebt, wobei man nicht sowohl an das 
Ausland, als vielmehr an nichtpommersche deutsche Volksstämme zu 
denken hat. 

IV. Wesentliche Abweichungen von den bisherigen Fassungen der 
Sage bringt die folgende Quelle, Zacharias Rivander (Bachmann), der 
in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts gelebt und die zu Magde- 
burg 1602 veröffentlichte 'Pestchronika' verfasst hat. Da mir die Original- 
quelle nicht zugänglich ist, zitiere ich nach dem Abdruck bei Jahn, Volks- 
sagen Nr. 334. Dort heisst es: 

Zu Gribßwalde, im Lande zu Pommern, saget man bestendig vnd fürwar, 
stieg ein Dieb in die Kirche, darinnen stand ein Bild Nikolai, vnd im Gottes- 
kasten solt viel Geld verschlossen liegen. Der Dieb sprach: „Herr Nikolae, ist 
das Geld mein oder dein? Wir wollen darumb in die Wette lauffcn; kompstu 
ehe und schneller zum Geldstock denn ich, so sey das Geld dein, sonst sol es 
mein sein!" Nikolae das Bild liell' vnd kam zum ersten an die Geldstat. Sie 
lieffen beyde noch einmal vnd zum dritten mal; Sankt Nikiaus vberwand vnd 
vberlieir den Dieb. Der Dieb sprach: „Mein Nickel, du hast das Geld ge- 
wonnen, du kanst es aber nicht vorzehren, denn du bist Holtz; ich wil dauon 
einen guten Muth haben vnnd es mit guten Gesellen vorschlcmraen." Dieser 
Mensch ist nach wenig tagen gestorben; seinen todten Leib führet der Teuffei 

IT* 



260 Haas: 

wider aus dem Grabe in die Kirche, warff jn des Nachts aufP eine Windmüle vor 
der Stadt; von derselben sagt man, sie solle vnrecht vmbgehen vnd linck mahlen. 
Diss Teuffelisch Gespenst sei war oder anders, so hab ichs doch warlich gelesen. 

Hier haben wir an Stelle des Kirchenvorstehers einen Dieb, an Stelle 
der St. Gertrud den St. Nikolaus und an Stelle des Opfergeldes das im 
Gotteskasten verschlossene Geld. Beim Wettlauf läuft das Bild auch das 
dritte Mal mit. Neu ist die Absicht des Diebes, das Geld mit guten 
Gesellen zu verbringen, und neu ist vor allem die Einführung der linksum 
gehenden Windmühle bei der Bestrafung des Diebes. Von den Fuss- 
tapfen und den Spuren am Gebäude findet sich nichts. Auf die Wendung 
am Schluss: „Es sei wahr oder falsch, so habe ich es doch wahrlich 
gelesen", lege ich kein besonderes Gewicht; sie macht den Eindruck, als 
ob sie formelhaft ist; auch oben bei Kantzow findet sich eine ähnliche 
Wendung, und weiter unten kehrt sie bei Mikrälius nochmals wieder. 

Ob Kivander der erste gewesen ist, der an Stelle der St. Gertrud 
den St. Nikolaus eingesetzt hat, kann ich nicht sagen; jedenfalls findet 
sich der St. Nikolaus nach A. von Balthasar auch noch in der Fassung 
der Sage bei dem gleichaltrigen Michel Sachse, Alphab. bist, oder Christi. 
Zeitvertreib er, 4. Theil S. 383. Die Bestrafung auf der linksum gehenden 
Mühle findet sich auch bei Mich. Heberer, Aegyptiaca servitus, Heidel- 
berg 0. J. (1610) und darnach bei Matth. Merian, Topogr. Electoratus 
Brandenburgici et Ducatus Pomeraniae (Franckfurt 1652) S. 65. [Bei 
H. Sachs, Fabeln 5, 165 nr. 707 würfelt ein Landsknecht mit S. Niclas.] 

y. Eine kurz zusammengedrängte Darstellung der Sage gibt Joh. 
Mikrälius, Altes Pommerland (Stettin 1640) 6, 573. 

Was sich bey der Capelle S. Gerdrut vor der Stadt / so jetzund mit Wällen 
zur Vestung verschüttet ist/ vnd vorhin grosse Wallfahrten gehabt hat /mit einem 
Provisorn zugetragen / den wegen böser Verwaltung des Opffer Geldes / darumb 
er mit dem Marienbilde in die Wette gelauffen / der böse Feind aus dem Grabe 
geholet / vnd daß Graß versenget / vnd tieffe Pußstapffen in die Erde getreten / die 
noch da gestanden / vnd mit Grase nieraaln bewachsen sind / biß die gantze 
Kirche vnnd Kirchhoff verschüttet ist /davon ist zu jederzeit von den Bürgern 
viele sagens gewesen / vnd ein alt geschriebenes Chronicon gedencket dessen auch: 
Drumb habe Ich es nicht wollen verbey gehen: Ein jeder halte davon / was er wolle. 

Das von Mikrälius angezogene handschriftliche Chronicon ist ver- 
mutlich Th. Kantzows Chronik von Pommern, doch mag Mikrälius auch 
aus der mündlichen Überlieferung geschöpft haben; jedenfalls berichtet 
er zuerst (und nach ihm nur noch Merian) von den Wallfahrten, die in 
katholischer Zeit zur St. Gertrudkapelle unternommen worden sind. Das 
von ihm angeführte 'Marienbild' .findet sich in keiner anderen Quelle 
wieder (ausser bei dem fast wörtlich mit ihm übereinstimmenden Merian) 
und beruht vermutlich auf einer Flüchtigkeit oder einem Versehen (etwa 
statt 'Heiligenbild' oder ähnlich). 



Eine alte Greifswalder Lokalsage. 261 

Tl. Um die Mitte des 17. Jahrhunderts finden wir die Sage in zwei 
topographischen Werken, nämlich bei Martin Zeiller, Descriptio 
Regnorum Sv. Imp. (mir nur aus A. von Balthasar bekannt) und bei 
Merlan. Der letztere schöpft die Sage nach seiner eigenen Angabe aus 
Joh. Mikrälius und Mich. Heberer. 

Es folgt Johannes Prätorius, der die Sage in seinen Anthro- 
podemus Plutonicus d. i. eine Neue Weltbeschreibung etc., 1 (Magdeburg 
1666) S. 200 f. aufgenommen hat. Es ist die Fassung mit dem St. Nikolaus 
und der links umlaufenden Mühle, wie sie sich bei Rivander und Heberer 
findet. Aus Prätorius haben die Brüder Grimm (Deutsche Sagen Nr. 133) 
den ersten Teil der Sage geschöpft, während der zweite Teil von Jakob 
Grimm aus Mikrälius nachgetragen ist. 

In den Schluss des 17. und den Anfang des 18. Jahrhunderts gehören 
vier Fassungen der Sage, die ich nur aus A. von Balthasars Zitat kenne: 
Melchior Eppen, Gerechte Strafe und Rache Gottes wider die Prediger- 
und Schul-Peinde, S. 185 (der Verfasser war ein geborener Greifswalder 
und starb gegen Ende des 17. Jahrhunderts als Pastor in Wolgast); 
Caspar Schneider, Gründlicher und genau durchsuchter Oder-Strohm, 
S. 360 (der Verfasser starb 1720 als Bürgermeister in Dommitsch); Joh. 
Heinrich Hävecker, Christerbauliche Abend - Gespräche, S. 83 (der 
Verfasser war Pastor und hat 1640 — 1722 gelebt); Georg Michael 
Pfefferkorn, Pleißnische Ehrenkränze oder Leichenreden, (1701) S. 308 
(der Verfasser hat von 1646 — 1732 gelebt). 

Vn. Aus dem Jahre 1736 erhalten wir sodann eine mannigfach ab- 
weichende Fassung der Sage durch den Bürgermeister von Plathe 
Amandus Carl Vanselow in seinem wenig bekannten 'Versuch zu 
einem Promptuario exemplorum Pomeraniae oder Vorrath von allerhand 

merckwürdigen Geschichten, so sich in Pommern zugetragen', 

Iste Sammlung, Franckfurt a. O. 1736, S. 205 ff. Als Quelle gibt der 
Verfasser den „gewesenen Fürstl. Eisenachischen Cantzler Georg. Mundus 
von Rodach in Tract. de Muuer. Honor. et Oner., L. 9 cap. 30 S. 404" 
an. Die Sage geht hier unter der Überschrift 'Die bestrafften Kirchen- 
Räuber' und lautet so: 

Es ist ausserhalb der Stadt Greiffswalde, auf einem Kirchhoffe mit Mauren 
umgeben, eine feine Kirche, darinn noch jederzeit geprediget wird, und werden 
zu Zeiten, wie es auch an andern Orthen gebräuchlich, vornehme Leuthe darinn 
begraben. Nun hat sichs zugetragen, dass in dieser Stadt ein vornehmer Mann 
redlichen Ansehens, deme man wegen seiner vermeinten Redlichkeit das Ein- 
kommen des Allmosen und der Spitale vertrauet und anbefohlen, A. 1438 ver- 
storben, den man auch in dieser Kirche begraben. Dieweil er sich aber wieder- 
rechtlich mit den Allmosen bereichert, dasselbe bestohlen und also nicht die 
Menschen, sondern Gott betrogen, hat der allmächtige Gott aus gerechtem Urtheil 
dem Teuffei verhänget und zugelassen, daß er diesen heyligen Dieb aus dem 
Grabe genommen, zu der Kirchen hinaus über den Kirchhoff — darauff er etliche 



262 Haas: - 

Fusst-apffen hinterlassen — auff eine Wind-Mühle, negst dabey, getragen und auff 
den Flügeln durch sein Gespenst wieder "Wind herum geführet, der nachmals mit 
dem todten Leichnam verschwunden ist, daß niemand wissen kan, wo einig Haar 
von ihm hinkommen sey. 

Damit aber dieser schrecklichen Historie nicht vergessen werden könne, so 
läufft durch den Willen Gottes, allen Menschen zur Warnung, die gedachte Wind- 
Mühle noch heutiges Tages wieder Wind, da doch andre Wind-Mühlen, so aller- 
negst auf 20 Schritt darbey stehen, mit dem ordentlichen Winde ihren rechten 
Lauff haben und behalten. 

Auff solche augenscheinliche Straffe und erschrecklich Urtheii Gottes ist die 
gantze Stadt bestürtzet worden, und hat E. E. Rath zum Gedächtniß dieser un- 
erhörten Geschichte an der Kirchen nebst der Kirchen-Thüren, daraus die Wunder 
geschehen, einen Stein an der Wand ausserhalb, darauff die gantze Geschichte in 
alter Sächsischer oder Pommerscher Sprache eingehauen, auffrichten lassen, allen 
Christen-Menschen zur Warnung und Exempel. Welches Gedächtniß ich mit 
Schrecken und Verwunderung angesehen, denn die Wind-Mühle noch auff diesen 
Tag wieder Wind läufft. So sind die Fuß-Tapffen auff dem Kirch-Hoffe gemacht, 
nicht eben zu machen oder auszufüllen, sondern fallen stetigs ohngefehr eines 
Werck-Schuhes tieff wieder ein, damit sie immerzu mögen gesehen w^erden. Über 
diesen Augen-Schein gibt ferner die bey der Kirch-Thür zuvor gemeldete steinerne 
Platten schrifftlichen und ausführlichen Bericht jedermänniglich in- und aus- 
ländischen zu sehen und zu lesen. 

In diesem Bericht ist die Kirche nicht näher bezeichnet, was auf- 
fallen muss, da der Berichterstatter an Ort und Stelle gewiesen sein will. 
Es fehlt ferner der Wettlauf. Neu ist dagegen die Nachricht von dem 
neben der Kirchentür aufgerichteten Stein und von dem im Jahre 1438 
erfolgten Tode des unredlichen Vorstehers. Nach Pyl (a. a. 0. S. 1309) 
hatten immer je zwei Provisoren das Vermögen der St. Gertrudkapelle 
zu verwalten; als solche fungierten von 1382—1432 Dietrich Schlutow 
und Nikolaus Witte L, 1472 Bernhard Wildeshusen und Nikolaus Witte IL, 
1486 Hans Buweman und Augustin Kronort usw. Die Namen der Provi- 
soren von 1438 sind nicht überliefert. Was die Bestattung auf dem 
St. Gertrudenkirchhof betrifft, so wurden hier ursprünglich nur die in der 
Herberge verstorbenen heimatlosen Wanderer, zugleich aber auch die an 
gefährlichen Epidemien Gestorbenen begraben; in der Folge jedoch, als 
die Reformation den Kultus und die Bestimmung der Kapelle wesentlich 
veränderte, ging der Friedhof als Eigentum an das Graue Kloster über 
und diente seitdem zur Bestattung der im Armenhause oder auch sonst 
mittellos verstorbenen Personen; daher hiess er auch der Armen-Kirchhof. 
Nach dem Dreissigjährigen Kriege verzichtete das Kloster auf den Kirchhof 
zugunsten der Stadt, und diese überliess den Platz sodann der Garnison 
unter dem Namen 'Soldatenkirchhof (Pyl a. a. 0. S. 1304 f.). 

VIII. Die nächste Quelle ist 'Herrn Georg von Fürst, eines be- 
rühmten Cavaliers aus Schlesien, curieuse Reisen durch Europa, in welcher 
allerhand Merkwürdigkeiten zu finden', Sorau 1739, abgedruckt in Monats- 



Eine alte Greifswalcler Lokalsage. 263 

blatt 1909 S. 65 ff. Die Reise selb'st muss der berühmte Kavalier mehr 
als hundert Jahre vor ihrer Drucklegung unternommen haben; denn wenn 
er schreibt: „Vor dem Tore fanden wir einen Kirchhof, wobei eine kleine 
Kirche steht," und „die Mühle muss noch bis auf diesen Tag wider den 
Wind herumgehen," so passt das nur auf die Zeit vor 1631. Der Wett- 
lauf fehlt bei Georg von Fürst; das einzig Neue ist, dass die Fusstapfen, 
welche tief in die Erde getreten waren, „ziemlich weit voneinander ge- 
sehen wurden." 

IX. Als letzte Quelle ist der schon mehrfach zitierte A. von Bal- 
thasar, Jus eccl. past. II S. 11 zu nennen. Er weist zunächst auf „die 
alte Leo-ende hin, welche allhier zu Greifswald umbs Jahr 1438 mit einem 
Vorsteher, der in der St. Gertrudts Kirche den Kirchen-Kasten bestehlen 
wollen, soll paßiret seyn", berichtet sodann den Wettlauf nach Mikrälius 
und fährt dann fort: 

Die Tradition ist noch dabey, daß der Teufel sich mit dem Leichnam auf 
einer nahe dabey befindlichen Mühle gesetzt und daselbst ein groß Geschrey er- 
reget habe. Von der Zeit an die Mühle allemahl verkehrt und wider den Wind 
gegangen; daß sie auch daher den Nahmen der 'verkehrten Mühle' bekommen. 
Es ist diese Geschichte in einem alten deutschen Gedichte vom gedachten Jahre 
beschrieben ... Es hat einer, Nahmens Matthias Lajus, von welchem aber nicht 
bekannt, wer er gewesen, diese Geschichte sogar in Kupfer stechen lassen und 
dieses Kupferstich denen Herzogen in Pommern und dem Magistrat zu Greifswald 
dediciret. 

X. Das von Balthasar erwähnte deutsche Gedicht vom Jahre 1438 
scheint verschollen zu sein. Dagegen ist die Sage in neuerer Zeit wieder 
in Verse gebracht worden von Ed. Hellm. Freyberg, Pomm. Sagen in 
Balladen und Romanzen (Pasewalk 1836) S. 32-35. Der Dichter hat 
dabei die von Kantzow überlieferte Fassung der Sage benutzt. Aus 
Freyberg und Mikrälius hat J. D. H. Temme, Die Volkssagen von 
Pommern und Rügen (Berlin 1840) Nr. 118 die Greifswalder Sage 
geschöpft. Jahn wirft Temme vor, dieser habe die Sage 'ausgeschmückt'; 
dieser Vorwurf scheint mir aber doch nicht berechtigt zu sein; einige 
geringe Ausschmückungen des Sagenstoffes finden sich bei Freyberg, wie 
z. B., dass das Bild Tränen geweint habe, und das ist von Temme mit 
übernommen worden; dem Dichter aber wird man solche Ausschmückung 
wohl kaum verargen dürfen. 



Überschauen wir zum Schluss noch einmal die Quellenschriften, in 
denen die Greifswalder Sage überliefert ist, so ergeben sich zwei bzw. 
drei Gruppen der Überlieferung. Zur ersten Gruppe rechne ich alle die- 
jenigen, die den Wettlauf mit dem Gertrudenbilde, die Entführung des 
Verstorbenen durch den Teufel, die Hinterlassung der Fusstapfen und 



264 



Haas: Eine alte Greifswalder Lokalsage. 



der Spuren an der Kirche berichten, aber der linksum gehenden Mühle 
noch nicht gedenken. Diese Quellen stehen zueinander in folgendem Ab- 
hängigkeitsverhältnis: 

Erste Gruppe 




Merlan v. Balthasar 
(1. Teil) (1. Teil) 



Grimm 
(2. Teil) 



Freyberg 



Temme 



Zur zweiten Gruppe zähle ich diejenigen Quellen, welche von dem 
Wettlauf mit dem St. Nikolausbilde und von der Bestrafung auf der 
linksum gehenden Mühle berichten: 

Zweite Gruppe 




Heberer 



Gs- von Fürst 



Prätorius (?) 



Jahn Merlan 
(2. Teil) 



Grimm 
(1. Teil) 

Zur dritten Gruppe rechne ich alle übrigen Quellenwerke, welche 
weitere Einzelheiten berichten, ohne dass wir deren Quelle kennen: 
Pranck mit der Entführung durch das unverd eckbare Loch im Kirchen- 
dach, von Rodach-Vanselow und v. Balthasar mit der Angabe des Jahres 1438, 
von Rodach-Vanselow mit der Nachricht von der Aufrichtung des Steines und 
endlich v. Balthasar mit der Erwähnung des deutschen Gedichtes. 

Stettin. 



Kohlbach: Das Zopfgebäck im jüdischen Eitus. 265 



Das Zopfgebäck im jüdischen Ritus. 

Von Berthold Kohlbach. 



I. Ritus des Brotpaares (Lechern mischne). 

„Und es war am sechsten Tage, da wurden zwei Portionen gesammelt, 

zwei Ömer für je eine Person Sechs Tage dürfet ihr es (das 

Manna) sammeln, am siebenten Tage jedoch ist Sabbat; da ist es nicht 
vorhanden." (Exodus 16, 22 u. 26.) Diese Verordnung ist die Quelle 
des zumal in den jüdischen Häusern des Abendlandes so charakteristischen 
Brotpaares in Zopfform bei Sabbat- und Festmählern. 

Das Brotpaar in Laib form (Kikkar) und als Zopf gebäck (Barches) 
sind Symbole gesonderter Kulturkreise im Judentum e. Während ersteres 
auch heute noch bei den sogenannten sepharedischen (= fränkischen)^) 
Juden im Orient das 'lechem mischne' der Schrift vertritt, gehört das 
Zopfgebäck bei den sog. aschkenasischen (deutschen) Juden zum Weihe- 
ritus (Kiddusch) von Sabbat und Festtagen; es ist auch hier keine religiöse 
Vorschrift, denn es darf die Benediktion auch über zwei Brödchen (Wasser- 
semmeln) gesprochen werden; es ist ein durch Jahrhunderte geweihter 
Brauch, an dem zumal die jüdische Frau liebevoll hängt und festhält. 

Am Freitagabende oder am Vorabende des Festtages werden auf dem 
feierlich gedeckten Tisch auf den Ehrenplatz des Wirtes zwei Gebildbrote 
in Zopfform gelegt; eine Serviette oder ein zu diesem Zwecke dienendes 
Deckchen verhüllt die 'Barches' bis nach Beendigung des Segensspruches, 
welcher den Weiheritus beschliesst; das eine Brot wird angeschnitten, 
das zweite bleibt für die Mittagstafel des Sabbat- oder Feiertages, am 
Versöhnuugsfest für das Abendmahl nach dem Fasttage. Die Zeremonie 
ist eine höchst dürftige; der Wirt spricht beim Anschneiden: „Gepriesen 
seist du Ewiger, unser Gott, Herr der Welt, der du Brot hervorbringst 
aus dem Erdreiche," bricht jedem der Tischgenossen — Männern und 
Frauen — einen Bissen ab, den jeder einzelne mit demselben Segens- 
spruche begleitet. Ist ein würdiger Gast zugegen, wird auch vor ihn ein 
besonderes Brotpaar gelegt. Am Pesachfeste vertritt die Stelle der 
'Barches' die ungesäuerte Brotscheibe (Mazzäh); bei dem Abendmahle an 



1) Franken werden die in den Balkanländern lebenden Juden genannt, weil im Orient 
die aus Europa stammenden Juden 'Europäer' i^frengi) genannt wurden; in Ungarn heissen 
sie auch 'Spagniolen', 



266 Kohlbach: 

den zwei ersten Abenden (Szeder) sind wohl drei solche Brote vorhanden, 
doch vertreten sie nicht das 'Lechem mischne', sondern jedes einzelne hat 
eine besondere Verwendung; Symbol des Festes ist bloss eines, über das 
ausser dem oben angeführten noch der folgende Segensspruch gesagt wird: 
„Gepriesen seist du Ewiger, unser Gott, Herr der Welt, der uns geheiligt 
hat durch seine Gebote und uns den Genuss der Mazzäh verordnet hat" ^). 
Soweit über die Zeremonie. 

Was die Form des Lechem mischne betrifft, finden wir in den Quellen 
keine besonderen Angaben. Der Talmud erwähnt keine besondere Form 
für diese Kultbrote. Rabbi Abba tradiert: Am Sabbat ist jeder ver- 
pflichtet, zwei Brotlaibe (kikroth) anzuschneiden, weil es in der Schrift 
heisst: lechem mischne (Brotpaar) Sabbat 117 b. Auch der Schulchan 
arüch, der allgemein gültige Ritualkodex des rabbinischen Judentums, gibt 
uns keine nähere Aufklärung. Ein kurzes, aus bloss vier Punkten be- 
stehendes Kapitel in der Abteilung I (Orach chajjim = Pfad des Lebens), 
§ 274, behandelt das Anschneiden des Sabbatbrotes und § 271, 9 wird ge- 
fordert, dass das Brot (pasz) auf einem Tischtuche, mit einem Deckchen 
(mappa) verhüllt, liege. Man könnte glauben, der Söhar, das Hauptwerk 
aller Mystik im Judentume, werde sich dieses Ritus bemächtigt haben 
und ihn verherrlichen. Mit nichten! Der Sohar gefällt sich in der Aus- 
schmückung der drei Sabbatmahlzeiten, d. i. am Freitagabend, am Sabbat- 
mittag und Sabbatnachmittag (schalesch-szüdesz im Jargon), welch letztere 
in polnisch-orthodoxen Kreisen mit der grössten Observanz gefeiert wird, 
da sie als Abschiedsfest des Sabbatkönigs (melavve d' malkö) aufgefasst 
wird und gewöhnlich im Lehrhause in Gegenwart des Rabbis abgehalten 
wird^). Ferner spricht er von den im Stiftszelte und später im Heilig- 
tume zu Jerusalem aufliegenden 'Schaubroten' (Lechem happonim), 
wünscht, dass jedes einzelne Schaubrot viergestaltig sei, um das Traum- 
gesicht des Propheten Ezechiel (1,6) zu symbolisieren. Sonst aber klingt 
es ganz nüchtern: „Es ist Pflicht, zwölf Brote auf den Sabbattisch zu 
geben, je vier für eine Mahlzeit"^). 

Trotz dieser Nüchternheit in den Quellenschriften bildet die Be- 
reitung der Barches den besonderen Stolz der gesetzestreuen Jüdin 
Mittel- und Nordeuropas; im Orient gilt bei den sepharedischen Juden 



1) Auf den Darstellungen des heiligen Abendmahls sehen wir auch bloss ein Brot: 
die Form befremde uns nicht; die sepharedischen Juden, so z. B. in Temesvar, backen 
die ungesäuerten Brote in Laibform und nennen sie: 'bojüsz'; die Bedeutung des Wortes 
konnte ich nicht ermitteln. 

2" Vor Jahren sah ich polnisch-orthodoxe Juden in Budapest (Simonyi'sches Haus, 
VII. Königsgasse) in der Synagoge nach dem Nachmittagsgottesdienst (Mincha) die dritte 
Mahlzeit: Fische und Barches essen. Es wird auch heute dies der Fall sein. 

3) Suhar ed. Lublin 1894, 3, 489. — Ob diese Zahl eingehalten wird, ist mir hier 
in Ungarn nicht bekannt. 



Das Zopfgebäck im jüdischen Ritus. 267 

gewöhnliches Brot als Lechem mischne (mündliche Angabe des Faelascha- 
forschers Faitlovich), Der Grossrabbiner in Saloniki Jakob Meir schreibt 
mir, dass bei den türkischen Juden das Sabbatbrot keinen besonderen 
Namen führe. „Bloss in den Häusern der Vornehmen wird es aus feinem 
Mehle bereitet, mit Ei bestrichen und mit Mohn bestreut; weil der Teig- 
ein besserer ist, gärt er mehr, so dass das Backwerk hohl ist ... ." Bei 
den Juden in Persien heisst es 'challah' (= Fladen, vgl. E. N. Adler, 
Jews in many lands, pag. 179). Interessant ist, dass auch in slawischen 
oder einst slawischen Gegenden das Brotpaar 'challah' heisst, so in 
manchen Gegenden Oberungarns (Zemplener Komitat, wo sehr viel 
polnische Juden eingewandert sind), in Königsberg und Graudenz, wie 
Höfler im Archiv für Anthropologie (Neue Folge 4, 130) mitteilt^). 

Was nun d^ie Form der Challah und der Barches betrifft, so ist die 
Challah oblong, fladenförmig, wie das Opferbrot auf dem Altar in 
Jerusalem, das schlechthin als 'Schaubrot' übersetzte lechem happönim^) 
(Exodus 25,30; 35,13; 39,36; in Leviticus 24,5 heissen sie ja challöth) 
gewesen sein mochte. Weder challöth, noch uggöth, lechem usw. deuten auf 
die Form, bloss kikkar bedeutet: Laib. Das Zopfgebäck (Barches) hingegen 
hat gewöhnlich die längliche Zopfform; bloss an den Sabbat- und Feier- 
tagen von Neujahr (Rösch haschänah) bis zum Feste der Weidenruten 
(Hoschana rabba) hat das Backwerk die Form einer runden Frisur, und 
zwar nach der landläufigen Auslegung in jüdischen Kreisen deshalb, damit 
die Rundung des Zopfes dem Wunsche die symbolische Fassung gebe: 
Möge das neue Jahr so ohne alle Scharten und Ecken sein, wie die 
Kreisform. Ich vermute, es ist eher das Symbol des sich erneuernden 
Jahreszyklus, des sich schliessenden Kreises^). 

Das Zopfgebäck wird mit Eidotter bestrichen und mit Mohn bestreut; 
das erstere geschieht wohl darum, dass das Flechtwerk glänzend, nicht 
matt sei; das letztere ist wahrscheinlich nicht jüdischen Ursprungs, da ja 
— wie allgemein bekannt ist — der Mohn im griechisch - römischen 
Rituale eine grosse Rolle spielt. (Höfler, Das Haaropfer in Teigform, 

1) Er liest irrtümlich Kalle = Braut) und hält es für ein ßrautopfer: Kaf ohne 
dägesch wird von den nichtsepharedischen Juden 'ch' gelesen. 

2) Eine merkwürdige Darstellung des lechem happonim sah ich in der Justina- 
Kirche zu Padua; auf einem der Chorstülile ist es in Ziegelform geschnitzt; die obere 
Fläche zieren drei Augen, die Vorderflächc vier Augen, eine Anlehnung an die pänim 
= Gesicht. — Ich vermute darin ein Teigopfer für jeden Stamm und wäre geneigt, es 
mit 'Gebildbrot' zu übersetzen. Von Woche zu Woche, am Sabbate musste es Gott vor- 
gelegt werden als 'Feueropfer', doch wurde es nicht verbrannt, sondern von den 
Priestern genossen. i^Vgl. als Hauptstelle Leviticus 24,5—9. 

3) In diesen Festwochen wird das Zopfbrot in Honig getunkt und so genossen; als 
Ursache wird angegeben: das neue Jahr werde ein 'glückliches und süsses'. Ich glaube, 
der Genuss des Honigs zu Neujahr hängt mit dem chthonischen Kult zusammen, der im 
späteren Judentume verschwunden ist. Auffallend ist bloss der Genuss von Lebkuchen 

lekach) bei den polnischen Juden. 



268 Kohlbach : 

Archiv für Anthropologie a. a. 0.). Besonders reich verziert sind die 
Barches zu Ehren des Torafestes, des jüdischen Faschings (Pürim),- bei 
Hochzeits-, Circuracisions- und Erstgeburtlöse (Pidjön habben)-Mahlzeiten; 
das Zopfgebäck ziert eine schmale Teigflechte, auf ihr sind Rosetten 
und Schneckengewinde aus Teig angebracht; unter der Flechte stilisierte 
Hände aus Teig und andere Zieraten. 

Bei diesen Gelegenheiten gilt's nicht mehr, das Brotpaar der Bibel zu 
vertreten; es wird bloss ein Zopfbrot gebacken. 

n. Namen und Ursprung des Zopfgebäckes (Barches). 

Barches! Ein sonderbares Wort; es klingt hebräisch, und zwar als 
im Jargon verderbter Plural des Wortes: berächa (= Segen). Es ficht 
uns dabei gar nicht an, dass es in manchen Gegenden berches heisst; dem 
Jargon können wir ja soviel Sprachverderbnis zuschreiben. Und wir sind 
gar bald mit der Etymologie fertig: Barches ist ein Backwerk, bei dessen 
Genuss viele Segenssprüche rezitiert werden. Das klingt recht plausibel, 
ist aber, wie wir wissen, grundfalsch, da wir beim Anschneiden bloss 
einen einzigen Segensspruch hersagen. Ferner spricht auch gegen die 
Abstammung des Namens aus dem Hebräischen, dass er bei den Juden 
nicht allgemein ist, in den gemeingültigen Codices, wie in der Mischna, 
im Talmud, Schulchan ärüch usw. nicht vorkommt. 

Nun gilt allgemein, dass barches, berchis mit dem deutschen Perchten- 
brot identisch ist^). Ich verhalte mich dieser Erklärung gegenüber 
skeptisch, weil ich weder um den Königssee, also um Berchtesgaden 
herum, noch im Salzburgischen den Namen berchis für Gebildbrote gehört 
habe; meinen Zweifel bestärkt Prof. Dr. Schermann, Direktor des königl. 
ethnographischen Museums in München, der mir u. a. schreibt: „Obwohl 
ich von vornherein an keinen Zusammenhang mit dem Perchtakult glaube, 
habe ich eigens noch Frau Prof. Marie Andree befragt und mir von ihr 
bestätigen lassen, dass dieser Kult keinerlei Zopfbackwerke kenne.'' 

Wir haben es hier mit einem Survival, einem Überrest altjüdischen 
Brauches zu tun, der, von griechisch-römischen Juden in germanische 
Länder verpflanzt, seinen alten Namen challah verloren hat und für das 
Gebildbrot den germanisch-heidnischen, der Göttin Berchta entlehnten 
Namen riD"12 (statt 'bercht' volksetymologisch: berchesz gelesen) ange- 
nommen hat. 

Die sog. Sephardim lebten jahrhundertelang auf der pyrenäischen 
Halbinsel und im Maghreb inmitten von Muhammedanern, seit der Yer- 



1) Vgl. Grünbaum in Zisch, d. deutschen morgenländ. Gesellschaft 31, 348 und be- 
sonders Max Höfler oben 9, 444; 11, 193-'J01; 12, 88-89; 198-203; 430-432; 13, 391 
bis 398; 14, 257-278; 434; 15, 312-321; IG, G5, 76; ferner im Archiv für Anthropologie 
a. a. 0. und im Globus 80, 6. 



Das Zopfgebäck im jüdischen Ritus. 269 

treibung aus Spanien und Portugal (Ende des 15. Jahrhunderts) wieder 
zumeist unter Moslimeu in der Türkei, Vorderasien und Ägypten. Selbst 
die in der Provence und Nordspanieu unter Christen lebenden Juden 
mussten die einstige Challah als Opfer vergessen haben und sie bloss als 
Vertretung des lechem mischne auffassen, weil ja weder das romanische 
Christentum, noch der Islam das Haaropfer als Ersatz für das Frauen- 
opfer der Heidenzeit kannten. Anders verhält es sich mit den mittel- 
europäischen Juden, den sog. Aschkenäsim; diese lebten schon damals in 
den römischen Kolonien, als die meisten germanischen Stämme noch 
Heiden waren und die germanischen Frauen der Friichtbarkeitsgöttin 
ihre Zöpfe zum Opfer brachten; dieses Haaropfer ersetzte nach An- 
nahme des Christentums das Zopfbrot. Die Jüdin fürchtete auch — 
trotz des offiziellen Monotheismus — den Geburtsdämou und brachte 
ihm vor der Trauung ihre Zöpfe zum Opfer, was das spätere Judentum 
nach Analogie des Kultes der Dea Syriaca als Keuschheitssymbol (zeniüth) 
auffasst. 

Das Abschneiden des Haares blieb im orthodoxen Judentum bis heute 
eine condicio sine qua non der Ehefrau; als Opfer jedoch verlor die 
challah ihre Bedeutung, und der Begriff des Haaropfers verband sich mit 
dem Brotpaare, das im sog. deutschen Judentume (deutsch-böhmisch- 
polnisch-ungarisch) Zopfform hat. 

Höchst wahrscheinlich haben wir es bei dieser Übernahme auch mit 
Gefühlskundgebungen zu tun, wenn die jüdische Frau mit solcher Liebe 
und Geduld ihre 'lieben Barches' geflochten und verziert hat. Was sie 
zu Ehren des Sabbat- und Festtages nicht mit ihrer eigenen Frisur tun 
konnte, denn sie war ja kurzgeschnitten unter dem 'Haarband'^), das tat 
sie mit den Teigzöpfen. Sie machte die schönsten Frisuren; „die aus- 
gezeichnetsten Zopfformen stellen die jüdischen Backformen auf. Diese 
haben die eigentliche Zopfform — Haar-Zopftypus — am meisten zum 
Ausdruck gebracht." (Höfler.) 

Als altjüdisches, das Haaropfer ersetzendes Teiggebilde erwähnte ich 
die challah, die aber in diesem Sinne bei den unter nicht-germanischen 
Völkern lebenden Juden in Vergessenheit geraten ist, doch in der Tradition, 
in der Mi seh na noch fortlebt. 

Weo-en dreier Verg-ehuno-en — so heisst es in der Mischna Sabbat 
(H, 6 und Sabbat 22 a) — sterben die Frauen im Kindbette, weil sie nicht 
genau auf die Menstruation, die Challah und das Lichterzünden (am 
Freitagabend) achten. Menstruation (nidda) und damit verbundene Vor- 
sichtsmassreyeln gehören in den Kreis der Heilkunde und der Volks- 



1) Das Haarband ist eine den Schädel bedeckende, eng anliegende Haube aus Seide; 
gewöhnlich war vorne ein breites braunes Atlas- oder Seidenband mit einer Naht in der 
Mitte, einer Nachahmung des in der Mitte gescheitelten Haares. 



270 Kohlbach: 

medizin. Vom Lichteranzünden sprach ich in Anlehnung an diese Mischna 
in meinem Aufsatz 'Feuer und Licht im Judentume' (oben 23, 247 ff.). 

Challah bedeutet heute im Ritus — abgesehen von der Benennung 
für das Brotpaar — eine Abgabe vom Teige auf Grund von Numeri 
15, 19 — 211). Die jüdische Wirtin wirft den Zipfel der Barches oder vor 
der Formung des Teiges ein Stück davon ins Feuer, weil jetzt der 
Opferkult aufgehoben ist und keine Priesterkaste da ist, um die vor- 
schriftsmässige Abgabe vor Jahve zu verbrennen oder dem kohen (Priester) 
zum Genüsse zu übermitteln. Alle diese Abgaben sind nämlich dem 
Laien verboten. 

Nun soll die Frau für die Nichtbeachtung dieser Challah -Verordnung 
verantwortlich sein, wo doch dieses Gebot eigentlich den Mann betrifft? 
Mit nichten! Die Barches, im Hebräischen Challah, nunmehr mit dem 
lechem mischne verschmolzen, sind ein der Göttin der Fruchtbarkeit dar- 
gebrachtes Frauenopfer auf Grund des Grundsatzes: in sacris simulata pro 
veris accipi und mögen mit dem althebräischen Teräfim-Kult verbunden 
sein^). 

Die Frau war dem Geburtsdämon etwas schuldig; sie schnitt sich 
vor der Trauung die Zöpfe ab, um sich in der schweren Stunde seine 
Gnade zu sichern. Wir finden diese Sitte besonders im Kulte der Dea 
Syriaca und des Adonis, wie Höfler (Archiv für Anthropologie a. a. 0.) 
ausführt: „Beim syrischen Adonisfeste mussten die Weiber entweder 
ihre Haare abschneiden, oder den Fremden sich preisgeben"; — das 
unbezopfte „unter die Haube gebrachte Haupt" war ein Zeichen der 
Keuschheit. Auch die Bibel kennt ein Opfer der Kindbetterin, aber erst 
nach der Entbindung (Leviticus 12). Dass es ein Sühneopfer gewesen 
ist, erhärtet der Ausdruck: vechipper olehü ha-köhen („und es entsühne 
sie der Priester" oder wie Nachmani die Stelle erläutert: er bringe das 
Sühnegeld ihrer Seele . . . denn Gott heilt den Körper und bewirkt 
Wunder). 

Der beleidigte Dämon konnte nicht bloss das Leben der Wöchnerin, 
sondern auch das der Kinder gefährden. Die Jüdin war gewohnt, seit 
Jahrhunderten sich das Haar abschneiden zu lassen; sie folgte jedoch 
nicht dem Beispiele, welches die Griechin ihr gegeben hatte, die sich 



1) Das Wort „challah" betrachte ich als Apposition vou „ariszothechem" : „und es sei, 
so ihr esset von der Frucht des Bodens, hebet ab eine Abgabe für Jahve. Das erste 
Stück von eurem Challahteige hebet ab . . . (Numeri 15, 19). Ich verstehe unter challah 
Kuchen, wie z. B. Lev. 24, 5 usw. denn 1. war diese Abgabe Pflicht des Mannes; die 
Frau konnte sie nur mit seiner Einwilligung bringen. (Schulchan ärüch, Jöre dea 
§ 328 1 u. 2.) — 2. Ist dieser Ritus heute nicht wichtig; selbst Bedienstete können ihn 
besorgen (Mose Isseries zweite Note zu § 328, 3), und 3. gilt das Gebot der Challah-Abgabe 
nur für Palästina. (Schulchan ärüch, Jöre dea § 322, 2. und 3.) 

2) S. Rubin, Kabbala und Agada in mythologischer, symbolischer und mystischer 
Personifikation in der Natur (Wien 1895) S. 32f. 



Das Zopfgebäck im jüdischen Eitus. 271 

die Zöpfe vor jeder Entbindung hat neuerdings abschneiden lassen 
(Höfler a. a. 0. S. 141). Sie übernahm freudig den Opferkult ihrer 
germanischen Leidensgefährtin; die Challah verlor ihre einfache Brot- 
form, und es wurde aus ihr das Zopfgebäck sowohl für Sabbat- und 
Festtage, als auch — was weit wichtiger ist — bei Hochzeiten, Circunicisions- 
Feiern und bei dem Lösefest der Erstgeborenen. 

Die Mutter bringt jeden Freitagabend — der Freitag ist Venus ge- 
weiht — und an den mit dem Familienleben verbundenen, zumal das 
Kind betrejffenden Festmählern ihr Opfer dar, bäckt das Zopfgebäck, von 
dem sie eine Abgabe ins Feuer geworfen hat. Die Opferfreudigkeit der 
Mutter soll Anerkennung finden: Von den sonst so verschlossenen Re- 
dakteuren und Glossatoren der jüdischen Ritualcodices wird ein ganz un- 
gewohnter Ton angeschlagen. Dort, wo wir es am wenigsten erwarteten, 
zu den Paragraphen über das Anschneiden des Brotpaares (Schulchan- 
arüch: Orach-chajim § 274) bemerkt Abraham Gumbinner: „Es schickt 
sich, der Mutter am Freitagabend die Hand zu küssen". 

Die Jüdin von heute ahnt kaum, warum sie 'Barches' bäckt und 
weshalb sie diese bis nach der Einsegnung des Sabbats (Kiddusch) ver- 
hüllt. Eben derselbe Abraham Gumbinner bemerkt zu Orach-chajim 
§ 180: „Das Brot muss während des Kiddusch verhüllt werden, damit 
es sich nicht schäme". Was ist dies anderes, als die Personifizierung 
des Gebildbrotes? Wie man das kurzgeschnittene Haar der keusch- 
frommen Grossmutter nicht sehen durfte, so verhüllten auch ihre 
'lichtigen barchesl' ihre Zöpfe. 

Im Alltagsleben verliert ja selbst das Heiligste die Weihe; was die 
Opfernde selbst, weil's ihr zur Gewohnheit wurde, unbewusst verrichtet, 
das fühlte noch der Poet, der lange in der Provinz unter dem Volke 
gelebt hat: 

Frau Judiths Rabenhaare sind Gold und Güter wert, 

Still weinend mit den Händen sie durch die Flechten fährt, 

Dann greift sie nach der Scheere, ein rascher, scharfer Schnitt — 

„Sie priesen meine Locken — sieh hier, ich schnitt sie ab, . , , . 
künde mir, du Frommer, du Mann mit Seherblick: 
Wächst nie heran ein Kind mir als höchstes Mutterglück?'' 

Josef Kiss, Judith Simon^). 
Budapest. 



1) Josef Kiss (^sprich: Kisch), — Aus dem Ungarischen übersetzt von Ladislaus 
Neugebauer in Maximilian Berns Deklamatorium (Reclam, Leipzig) S. 219, 



272 Schoof: 



Beiträge zur volkstümliclien Namenkunde. 

Von Wilhelm Schoof. 



1. Hungerberg, Houigberg und ähnliches. 

In der Gemarkung Schweinheim (Unterfranken) sprudelt an einem 
Hügel unterhalb eines Heiligenbildes ein Brünnlein hervor, dessen Quelle 
sich lange Jahre nicht mehr gezeigt hat und daher im Yolksmunde das 
Hungerbrünnchen genannt wird. Eine halbe Stunde mainaufwärts, 
oberhalb Obernau, befindet sich ein trockener Graben, welcher der 
Hungergraben genannt wird. Wenn aus dem Gebüsch des Grabens eine 
Quelle hervorbricht, so deutet das nach einem alten Volksglauben auf ein 
Hungerjahr.' Im Jahre 1816 ist die Quelle zum letztenmal geflossen. Da 
kostete das Laib Brot einen Gulden^). 

Ähnliches berichtet Birlinger, Volkstümliches aus Schwaben (Frei- 
burg 1861) 1, 141 ff., 249 u. ö. über etwa 20 Hungerbrunnen in Schwaben^). 
So bricht der Hungerbrunnen zwischen Altheim und Heldenfingen nur bei 
anhaltendem Regenwetter oder nach nassen, milden Wintern hervor. Sein 
Erscheinen gilt als ein günstiges Zeichen für die Fruchtbarkeit des Landes. 
Der Huugerbrunnen bei Friediugen befindet sich auf der Gemarkungs- 
grenze gegen Upflamör am Fusse eines Berges unter einer Eiche und 
steht als Verkündiger von Teuerung und Hungersnot bei den Anwohnern 
in grossem Ansehen. Solche Sagen finden sich in allen Gegenden 
Deutschlands verbreitet. Als Beispiel für Hessen mag das Hungertal im 
Burgwald dienen, eine nordöstlich vom Christenberg gelegene, sich nach 
Münchhausen zu erstreckende Bergschlucht. Dieses Tal bringt die Volks- 
sage mit der Eroberung der alten heidnischen Kesterburg (dem heutigen 
Christenberg) in Verbindung, weil hier während der Belagerung eine be- 
drängte Christenschar verhungert sei. In der Neuzeit wird das Hungertal 
mit den Notzuständen im Dreissigjährigen oder im Siebenjährigen Krieg 
in Beziehung gebracht, als die Bewohner der umliegenden Ortschaften in 
dieses Tal geflüchtet und dort verhungert seien'). 



1) Der Sagenschatz des Bayerulandes, 1. Unterfranken (Würzburg 1877) S. 55. — 
2) Vgl. auch Grimm, Myth.» 1, 557; Sagen nr. 105; Runge, Quellkult S. 10; Schambach- 
MüUer, Niedersächs. Sagen S. 59 u. a. m. — 3) Kolbe, Der Christenberg im Burgwald 
(Marburg 1895) S. 23. 



Beiträge zur volkstümlichen Namenkunde. 273 

Da, wie man sieht, die letzten Bedrängnisse und geschichtlichen 
Ereignisse die früheren im Gedächtnis zurückdrängen, so wurde der 
Name einem neueren Ereignis zuliebe oft abermals umgedeutet, auf 
das der lautliche Gleichklang hindeutete. So wird der Hungerberg bei 
Münsingen auch Hunnenberg genannt, weil auf ihm einst Attila gelagert 
haben solP). Vgl. hierzu Schade, Altdeutsches Wörterbuch 1, 429: 
^Heune, Hunne, auch Unger; Hunnenlant, auch Ungerlant'. 

Es ist nun interessant zu sehen, wie die zugrunde liegenden laut- 
lichen Bestandteile dieser sehr zahlreichen Flurnamen von der sagenhaften 
ümdeutung des Volkes so überwuchert worden sind, dass vielfach selbst die 
Sprachgelehrten sich mit der nächstliegenden volksetymologischen Deutung 
zufrieden gaben, ohne irgendwie auf den Ursprung des Wortes ein- 
zugehen. 

So sagt Müller^) bei der Erklärung des Namens Hungerborn: 
^,Hungerborne sind Quellen, die vermöge einer Eigentümlichkeit ihres 
Grundwasserstandes in sehr trocknen (Hunger-)Jahren stärker als ge- 
wöhnlich fliessen*^. Eine ähnliche Erklärung geben Miedel^): „Hunger 
von Orten, die bei der Dürre austrocknen: Hungerau, Hungerbach, 
Hungerberg, Hungerbrunnen", Wieris*): „Hungerborn, Bezeichnung für 
eine Quelle, die im Sommer versiegt" und Beck*): „der Hungerberg, 
jedenfalls wegen des unfruchtbaren Bodens; schliesslich mag auch an 
Hungen, d. i. abgestandene Bäume gedacht werden". Bück") kommt 
des Rätsels Lösung näher, wenn er die „zahllosen Hungerbrunnen und 
Hungerbäche" als solche deutet, die nur in Hungerjahren (nassen Jahr- 
gängen) fliessen, und wenn er vermutet, dass manche wohl auch umge- 
deutet sind und früher anders lauteten. Noch näher rückt er der Wahr- 
iheit, wenn er weiter sagt: „Hunger — in vielen Flurnamen; von einer 
alten Gepflogenheit der Hirten, das Vieh zu gewissen Zeiten in einen 
umzäunten Ort zusammenzutreiben, den man Stelli oder Hungerplatz 
hiess. Angeblich so, weil das Vieh hier nichts zu fressen bekam. 
So müssen die vielen Hungerbühle, Hungerbäume usw. verstanden werden. 
So verstehen es die Hirten in Oberschwaben jetzt noch. Dazu stimmt 
auch, dass die Hungerberge häufig bei den alten Weidegründen liegen". 

Diese Darstellung Bucks ist zweifellos richtig bis auf die sprachliche 
Deutung. Er übersieht, dass bei dem Wort Hunger eine Volksetymologie 
mit hineinspielt, nachdem die ursprüngliche Bedeutung des Wortes dem 
Volksbewusstsein frühzeitig verloren gegangen war. Erschwert wird die 



1) Birlinger a. a. 0. 1, 249. — 2) Die Ortsnamen im Regierungsbezirk Trier. Jahres- 
bericht der Gesellsch. für nützl. Forsch. 2, 50. — 3) Oberschwcäbische Orts- und Flur- 
namen (Memmingen, 190G) S. 14. — 4) Die Flurnamen des Herzogtums Braunschweig 
(Braunschweig 1910) 1, 38. — 5) Die Ortsnamen des Pegnitztales und des Gräfenberg- 
Erlanger Landes (Nürnberg 1909) S.99. — 6) Oberdeutsches Flurnamenbuch i Stuttgart 
1880) S. 119. 

Zeitschr. d. Vereins f. Volkskunde. 1014. Heft 3. 18 



274 Schoof: 

Aufdeckung des alten Sinnes durch die Tatsache, dass der lautliche 
Gleichklang des angedeuteten Wortes zufällig demselben Vorstellungs- 
kreis angehört, aus welchem das alte Wort hervorgegangen ist. 

Dieses Wort ist ahd. untarön^), mhd. undern, altsächs. undorn, das 
in Bayern, Franken, am Rhein, im Westerwald, in Friesland und den 
Niederlanden, ferner in Oberhessen, im nördlichen Teil der Grafschaft 
Ziegenhain, in der Gegend der untern Schwalm und Eder bis über 
Gudensberg hinaus an die Grenze der niederdeutschen Bezirke noch vor- 
kommt. Es wird meistens von dem Ruhen und der Ruhestätte des 
Schäfers und der Schafe, seltener noch von dem Ruhen des Kuh- und 
Schweinehirten gebraucht^). Im übertragenen Sinn bezeichnet es dann 
auch die Zeit^), vornehmlich von 11—4 Uhr, d. h. die Zeit zwischen 
Mittag- und Vesperbrot, während welcher Hirte und Herdenvieh der 
Mittagsruhe pflegt, auf der sogenannten Unnerstatt*), Ungerstatt oder 
Hungerstatt oder dem Hungerplatz, der meist im Freien unter uralten, 
schattigen Bäumen (den Hungerbäumen oder Honigbäumen) sich befindet, 
aber auch eingezäunt sein kann. Endlich bezeichnet der substantivische 
Infinitiv auch den Dünger oder den Mist, den das Vieh (vornehmlich 
Schafe) zur Zeit seiner Mittagsruhe auf dem Hungerplatz zurücklässt 
(im Gegensatz zum Perrich, dem bei der Nachtruhe zurückbleibenden 
Mist). Da in der rheinfränkischen Mundart nd vielfach in ng, aber auch 
infolge von Assimilation in nn übergeht, so finden sich in der hessischen 
Mundart Bildungen wie unnern, ünnern, onnern neben ungern und ongern, 
in der Hersfelder bis zur Fuldaer Gegend unter abermaliger Angleichung 
des r an das n auch Bildungen wie onnen (vgl. hersfeldisch: da onnen 
= um 4 Uhr) und unnen. Als dann bei zunehmendem Ackerbau und 
der festen Besiedelung der Gegend die Erinnerung an die alte ger- 
manische Weidewirtschaft in ihren Einzelheiten dem Volksbewusstsein 
mehr und mehr entschwand, versuchte man, dem alten unverstandenen 
Namen einen neuen Inhalt zu geben, ihn sinnvoll wieder zu beleben, 
und so wurde unter Mithilfe der Volksetymologie aus einer Ungerstatt 
eine Hungerstatt, aus einem Unner- oder Unnergrund ein Hinnergrund, 
hochdeutsch Hühnergrund, ja vielfach sogar durch Missverständnis oder 



1) Schade, Altd. Wb. 2, 1052. Die Behauptung Schades, dass das Wort im eigent- 
lichen Hessen nicht vorkommt, ist nicht richtig. Vgl. ferner Hess. Bl. f. Volksk. 11, 112; 
Vilmar, Idiot. S. 423; Pfister, Nachtr. S. 307f.; Crecelius, Oberhess. Wb. S. 842; Kehrein, 
Volksspr, u. Volkssitte in Nassau S. 417; Schmidt, Westerw. Idiot. S. 128; Schmeller, 
Bajr. Wb. 1, 87 u. a. m. — 2) So findet sich 1574 aus der Wetterau bezeugt; 'dass sie 
daselbst auf dem Rein undt Anwendt geundert und ir Kesebrot gessen' (Landau, 
Einige sprachliche Beiträge, Ztschr. f. hess. Gesch. 6, 215). — 3) Daher noch vielfach 
Idiotismen wie Unnerskirch (Nachmittagsgottesdienst), Unnernbrod (Vieruhrbrod), Unnem- 
trunk (Bier, welches dem Personal nachmittags zum Vesperbrot gereicht wird) u. ä. Vgl. 
Vilmar a. a. 0. S. 423. — 4) So findet sich im Kellerwald eine Oberurfer und eine Dens- 
berger Unnerstatt (Vilmar a. a. 0. S. 423), bei Langenschwalbach eine Gemarkung öwwe 
der unner (Crecelius a. a. 0. S. 842), bei Obergrenzebach eine Ungerstatt usw. 



Beiträge zur volkstümlichen Namenkunde. 275 

bewusste Verdrehung von Katasterlandmessern Hintergrund, wobei die 
Komposition Hinner als mundartliche Form für hinter, aufgefasst wurde. 

Wie weit hier die volkstümliche und amtliche Umdeutung manchmal 
geht, dafür einige Beispiele. Ganz einsam an der alten Heeresstrasse 
von Mainz nach Limburg an der Lahn steht an der Nordseite der 
Libbacher Haide die Hüner- oder Hünenkirche, in deren Nähe der 
Hüner- oder Hunenberg ist. 1525 wird sie die Kirche unserer lieben 
Frauen zum Honerberg, später die Hühnerkirche am Hühnerberg genannt^), 
während das Volk dafür richtig Hoinjerberg, Hoinjerkirche spricht. Da 
die westerwäldische Volkssprache statt hühner hoiner gebraucht, glaubten die 
Landmesser eine hochdeutsche Übersetzung zu geben, indem sie die 
Namen als Hühnerberg oder Hühnerkirche auf die Karten übertrugen. 
In der Gemarkung Sandlofs, Grafschaft Schlitz, befindet sich ein Flur- 
name, der im Volksmund Hengerspitz, in den Katastern Hühnerspitz 
lautet^). Obwohl mir urkundliche Belege nicht zur Hand sind, steckt 
darin, wie es den Anschein hat, eine ältere Form Unner- bzw. Hunger- 
spitz'), d. h. Äcker in einer Landspitze oder auf einem spitz zulaufenden 
Berge, auf welchem sich ehemals die Gemeindehute befand, wo das 
Herdenvieh seine Unnerstatt hatte. Es liegt hier volkstümliche und 
amtliche Umdeutung vor, indem das Volk mit Hungerspitz nichts an- 
fangen konnte und daraus Hengerspitz, d. i. Hinterspitze machte, weil 
die Acker zufällig hinter dem Kirchhof lagen, und indem der Land- 
messer wiederum Henger als mundartliche Wiedergabe für neuhochd. 
'Hühner' auffasste. So wurde hier eine Zufälligkeit, nämlich die ört- 
liche Lage der Flur, als Einschlag benutzt und damit der Name in einen 
ganz anderen Vorstellungskreis hineingebracht, auf den vielleicht der 
lautliche Gleichklang (huuger und henger) nicht ohne Einfluss war. 

Der lautliche Gleichklang gewisser Worte spielt bei der Umdeutung 
überhaupt eine nicht geringe Rolle. Hungk bedeutet in der hessischen 
Mundart so"*iel wie Honig. Ein Acker, auf dem früher vor der Urbar- 
machung das Gemeindevieh 'unnerte' oder 'ungerte', d. h. Mittagsrast 
hielt, heisst in der Gemarkung Bernshausen, Grafschaft Schlitz*), im 
Volksmund Hunkaker, im Messbuch von 1584 aber Honigacker. Hunk- 
acker aber lautet, wo nd nicht zu ng wird, Hundacker®), Hunenacker, 
Hünenacker, Hüneracker u. ä. m. Wie aus dem Schindberg der Ur- 
kunden, dem Schengbärk der Mundart ein 'Schönberg', so wurde hieraus 
ein 'Honigacker'. So erklären sich zahlreiche Flurnamen in Hessen 
sowohl wie in Nassau, z. B. Honigberg, Honigfeld, Honigbaum (d. h. der 



1) Kehrein a. a. 0. S. 217 u. 300. — 2) Hotz, Die Flurnamen der Grafschaft Schlitz 
S. 38. — 3^ Zu 'spitz' vgl. Bück a. a. 0. S.264. Es findet sich u. a. in dem Namen der 
Kirchspitze bei Marburg, 1625 zu der spitzen kirchen. — 4) Hotz a. a. 0. S. 18. — 5) Vgl. 
dazu meine Abhandlung über den Namen 'Himdsrück' in 'Hessenland' 1912 S. 347 ff. ; 
Hess. Bl. f. Volksk. 9, 225 ff.; Zs. f. rhein.-westf. Volksk. 11, 93 ff. 

18* 



276 



Schoof: 



alte schattige Baum, unter welchem das Gemeindevieh 'unterte'), Honig- 
born, Honigrück, Honigstück, Honigwies, Honigheck, Honiggewann usw., 
welche nach dem Glauben des Volkes (nomen est omen!) sich durch be- 
sondere Fruchtbarkeit auszeichnen. Es ist jedoch noch eine zweite Er- 
klärung möglich. Neben Hungerberg, Hunenberg u. ä. findet sich eine 
volkstümliche Bildung Hungerich 1), Hunich, Hünich ^), aus älterem Hunger- 
(ber)ich, Hun(enber)ich, Hün(enber)ich entstanden, so dass Honigwiese aus 
Hünichwiese umgedeutet und die Wiese am Hungerberg bedeuten würde. 

Wie aus dem Undern- bzw. Unnernberg ein Undersberg (z. B. der 
Undersberg bei Salzburg, der im 16. Jahrhundert noch Underberg, auch 
Wunderberg^) heisst), Hungerberg, Hühnerberg und Honigberg werden 
konnte, so wurde aus älterem Hungersteinau (Kr. Schlüchtern) Hinter- 
steiuau, aus Hungerwiesen, Hungerberg, Hungerbach offiziell Hinter- 
wiesen, Hinterberg, Hinterbach (zwischen Hainzeil und Schletzenhausen), 
aus Hungerliede (bei Niedei'schmalkalden)*) offiziell Hinterliede, aus 
Hungerbuche (zwischen Sickels und Johannesberg, Kr. Fulda) offiziell 
Hinterbuche usw. Ähnlich auch Hintergrund (östlich von Licherode) 
und Hinterberg im Lohner Holz (südöstlich davon jetzt entsprechend ein 
Vorderberg). 

Weiter geht die Umgestaltung von Hungerberg zu Hummelberg, wie 
Bück a. a. O. S. 118 bestätigt, indem er sagt: „Doch kenne ich mehrere 
Hummelberge, die früher anders hiessen, einer z. B. 1490 Hungerberg". 
So dürften vielleicht auch die ebenda angeführten Namen Hummelweide 
aus Hungerweide, [in der] Hummelsklingen (klinge = Graben, Schlucht) 
aus Jlungersklingen umgedeutet sein. Ob bei der Umdeutung das 
schwäbische Wort Hummel, das soviel wie 'Zuchtstier' bedeutet, und die 
Erinnerung an ehemalige Rinderweiden mitgewirkt hat, oder ob das Wort 
Hummel = Biene mit hiueinspielt und damit nur ein weiteres Glied in 
der Kette der Entwicklung von Hungerberg und Honigberg ^) zu Hummel- 
berg gegeben ist, wie dies bei den nassauischen Flurnamen*) in der 
Hummel, Hummelweg, Hummelwies, Hummelkeller, Hommelstruth der 
Fall zu sein scheint'), lässt sich ohne urkundliche Belege nicht ohne 
weiteres entscheiden. Nur soviel steht fest, dass auch hier die Entwick- 
lung noch nicht halt gemacht hat. sondern dass diese Namen zuweilen eine 
nochmalige Umdeutung amtlicherseits erfahren haben. So findet sich 
neben dem volkstümlichen Flurnamen uffr Hummelslieden in der Ge- 
markung Schlitz**) 1521 urkundlich uffr Homanslieden, ebenso neben 

1) Z. B. HuDgrigwolf, Hunnigstock, Hunnigwies (Kehrein a. a. 0. S. 464). — 2) Z. B. 
das Hiinich bei Treischfeld. - 3) Vgl. Grimm, Myth. » 1,536; Schmeller, Bayr. Wtb. 1, 116. 
— 4) Dsgl. am Nordabhang des Hunsrücks bei Eschwege. — 5) Vgl. der Honig 1366, 
Flurname in Ulm (Bück a. a. 0. S. 114) u. ä. — 6) Kehrein a. a. 0. S. 461/62. — 
7) Ähnlich in Hessen in der Hummeln 1.551, Gemarkung Veckerhagen (Gieselwerdersches 
Saalbuch von 1551), die Hummelskuppe bei Rückers, Kr. Hünfeld, der Hummelskopf bei 
Diethershan, Kr. Hünfeld usw. — 8) Hot« a. a. O. S. 5. 



Beiträge zur volkstümlichen Namenkunde. 277 

Humelsgrond 1521 Homansgrundt, während ein Kataster von 1584 in der 
Homels Heyde aufführt, dem die volkstümliche Form in der Hummels- 
heide entsprechen dürfte. 

Zu den bewussten oder willkürlichen Umgestaltungen von altem 
Sprachgut zählt auch die vermeintliche Übertragung ins Hoch- 
deutsche. Sie gehört in das Kapitel der offiziellen oder, wie 
Wundt*) sagt, der gelehrten Umdeutuug. Hierher gehören Namen 
wie Unterfeld, Unterndorf (bei Betziesdorf), Unternstadt (bei Bracht), 
das Unterfeld (bei Niederwalgern), der Unterkopf (bei Oberwalgern), 
Unternberg (bei Winnen), der Untergrund (bei Gehau), der 
Unterteich (bei Wasenberg), die Unterau (bei Gungelshausen) usw. 
Ygl. Kehrein a. a. 0. 3, 586. So wird die urkundlich bezeugte Form in 
der Underaw (1584) im Schlitzer Volksmund an den Begriff 'unter' an- 
gelehnt und dementsprechend zu Engerau, in der Katastersprache zu 
'Vorderau'. Ähnlich wird ein altes Unterfeld, d. h. ein Feld, wo das 
Gemeindevieh in alter Zeit zu 'untern' pflegte, zu einem 'Unterfeld' (im 
Gegensatz zu einem 'Oberfeld'), ja sogar zu einem 'Niederfeld' (z. B. bei 
Hümme). Vielleicht dürften auch Flurnamen wie Ruhborn (z. B. im 
Lohner Holz), Ruhbach (bei Ebsdorf), Ruhlaub 2) (z. B. bei Oberbeisheim), 
Ruhleib (z. B. im Forst Elberberg-Ziegenhagen) und Ruhstatt (öfter) sowie 
Ruhstattsgehege sich als 'hochdeutsche' Verballhornisierungen entpuppen. 
Ursprünglich hat sich die Bezeichnung noch erhalten in 'das alte Under', 
Wald bei Schönbach, und im Untern, Gemarkung bei Ebsdorf, während 
sie in Namen wie das Unterstefeld (bei Steina, Caldern, Cölbe), auf der 
Unterstebach (bei Lohra), das Unterstebruch (bei WoUmar) superlativische 
und in Namen wie der Ungernzeif (bei Sachsenhausen, Kr. Ziegenhain) 
und die Ungerbornswiesen (bei Wiera) dialektische Färbung ange- 
nommen hat. 

In allen diesen Fällen ist die ursprüngliche Bedeutung dem Volks- 
bewusstsein verloren gegangen. Altes, nicht mehr verstandenes Sprachgut 
ist infolge von Lautvermengung oder äusserer, oft rein zufälliger Ein- 
wirkung an neue Begriffe, die entweder demselben oder einem ganz 
anderen Vorstellungskreis entspringen, angelehnt und umgedeutet worden, 
teils unbewusst (volkstümliche Auffassung), teils bewusst (gelehrte Auf- 
fassung). Auf die volkstümliche Umgestaltung hat bei der schier uner- 
schöpflichen Phantasie des Volkes auch die Sage einen nicht geringen 
Einfluss. Denn diese ist nach Regell ^) nichts anderes als ein poetischer 
Versuch, den abgestorbenen Namen sinnvoll wieder zu beleben und 'nur 



1) Völkerpsychologie V, 573 ff. — 2) Nach Vesper, Der Kreis Homberg (Marburg 
1908) S. 117, ein kronenreicher Baum, unter dem die Herden ausruhten, oder eine baum- 
schattige Trift. — 3) Paul Regell, Etymologische Sagen aus dem Riesengebirge 
(Germanist. Abhandl. Heft XII. Beiträge zur Volkskunde, Festschrift für Karl Weinhold. 
Breslau 1896). 



278 Schoof: 

selten ist dabei die Dichtung rein aus dem Namen herausgesponnen, viel- 
mehr sind meist geschichtliche Erinnerungen, die um die Örtlichkeit 
schweben, als Einschlag benutzt'. So erklären sich sowohl die am Ein- 
gang mitgeteilten Sagen über die zahllosen Hungerbrunnen und 
Hungerbäche, die sich überall in ähnlicher Weise wiederfinden, als 
auch die sogenannten Hünen- oder Riesensagen (Hünenburg, Hünenring, 
Hünstein, Hünengräber), zuweilen mit Anlehnung an geschichtliche Er- 
innerungen (Hunnenberg, Hunnenburg neben Hungerberg und Hunger- 
burg). Vgl. dazu oben S. 273 das über den Hungerberg bei Münsingen 
Gesagte. Die Entwicklung von Hungerberg zu Hunnenberg wurde, wie 
auch schon oben angedeutet, durch die Auffassung von der Identität der 
Hunnen und Ungarn, des Hunnenlands und Ungarnlands begünstigt, 
während die Entwicklung von Hühnerkirche zu Hünenkirche'), Hühner- 
graben zu Hünengrab(en), Hühnerberg zu Hünenberg und Hunnenberg 
sich leicht ergab. Vgl. J. Hoops, 'Hunnen und Hünen' (Germanist. Ab- 
handlungen, Hermann Paul dargebracht, Strassb. 1902 S. 178 ff.)- Vielfach 
berühren sich auch die mit Hünen — Hunnen — zusammengesetzten 
Namen mit solchen wie Hundsbach, Hundswinkel, Hundsrück, Hundsburg u.a. 
So ist nach Kolbe'') der Name der Hundsburg im Burgwald aus Hünen- 
burg entstanden, und am Abhang des Berges, auf dem die Burg stand, 
befinden sich noch heute Hünengräber. Nach einer Volkssage hätten 
dort einst Riesen gewohnt, welche in die Täler herabgekommen wären und 
den Ackerleuten die Pflugscharen zerbrochen hätten. Die Hünen oder Riesen 
aber sind nach der Volksauffassung identisch mit den Heiden, und so 
spielt hierein zugleich der Kampf zwischen Christentum und Heidentum. 
Der Name hat aber ebensowenig wie der der Hünenburg bei Spangeu- 
berg (1540 Hueueburg), Felsberg und Melsuugen^) und der Hunnenburg 
bei Niederbeisheim und bei Rossberg mit den Hünen oder Huunen, wie 
Arnold und Kehrein*) annehmen möchten, etwas zu tun, wie überhaupt 
das Heranziehen von germanischer Sage und Mythologie'*) zur Erklärung 
von Orts- und Flurnamen nach dem heutigen Stand der Namenforschung 
als ein methodischer Fehlgriff angesehen werden muss, der nur irreführt 
und niemals zu dem innersten Kern der ursprünglichen Namensform hin- 
zuleiten imstande ist. Ich habe mich dazu an anderer Stelle bereits 
geäussert') und hoffe darauf in anderm Zusammenhang noch näher ein- 
zugehen. 

Wenn wir das Gesagte noch einmal zusammenfassen, so ergeben sieh 
an der Hand der gesammelten Belege^) folgende Schichten: 



1) Kehrein a. a. 0. S. 300. — 2) Der Christenberg im Burgwald ^Marburg 1895) S. 17. 

— 3) Arnold, Ansiedlungen und Wanderungen S. 477. — 4) A. a. 0. S. 297, 300, 464 u. ö. 

— 5) Vgl. dazu Kehrein a. a. 0. S. 298. — 6; Ztsch. für den deutschen Unterricht 1912, 
S. 904 ff. — 7) Nach der kurhessischen Generalstabskarte in 40 Blättern 1 : 50000 (hrsg. 
vom Bureau des kurf. hess. Generalstabes 1840-1855) und nach einer handschriftlichen 



Beiträge zur volkstümlichen Namenkunde. 279 

1. Die ursprüngliche Namensform ist, zuweilen in dialektischer 
Färbung, erhalten geblieben. Beispiele: Unerhecke (nö. von Welkers, 
Kr. Fulda), Undernstatt (bei Oberurf und bei Densberg im Kellerwald). 

2. Die ursprüngliche Namensform ist lautlich und begrifflich an neu- 
hochdeutsch 'unter' angelehnt: Understätte (bei Dagobertshausen, Kr. Mel- 
sungen, nahe an der Beise), Unterfeld, in der Nähe ein Mittelfeld (zwischen 
Dagobertshausen und Malsfeld), desgl. zwischen Friedlos und Reilos, 
Kr. Hersfeld, südlich von Fritzlar, nördlich von Wanfried, bei Gittersdorf, 
Kr. Hersfeld (dicht dabei ein Weinberg, d. h. Weideberg), bei Holzhausen 
(Reinhardswald), das untere Feld bei Edelzell (in der Nähe ein Mittel- 
feld), Unterau bei Heinebach (Kr. Rotenburg) und Dankmarshausen (dicht 
dabei ein Weinberg)^), nördlicher Teil der Au, während der südliche jetzt 
Oberau heisst, Unterberg und Uuterbeerberg, nördlich von Brotterode. 
Beweis für die Augleichung an 'unter' bilden Dialektübertragungen wie 
Engerau u. a. 

3. Es findet willkürliche Übertragung in den synonymen Wortschatz 
von nhd. 'unter' statt: Niederfeld (bei Hümme), Vorderau (Grafschaft 
Schlitz). 

4. Es findet sinngemässe Übersetzung des ursprünglichen Ausdrucks 
in den entsprechenden neuhochdeutschen Ausdruck statt: Ruhestatt, Ruhe- 
born, Ruhlaub, Ruhleib. 

5. Es findet Neu Schöpfung statt infolge von Wortvermengung und 
Ideenassoziation: 

a) Underberg :> Wunderberg ^) (bei Salzburg), 

b) mundartlich Ungerberg > Hungerberg ("z. B. bei Niederaula, bei 
Wabern und öfters im Kreis Hünfeld), vgl. auch die Hungerburg über 
Innsbruck, analog Hungertal (z. B. bei Todenhausen und bei Müuchhausen, 
Kr. Marburg), Hungergraben (z. B. bei Halsdorf, Kr. Kirchhain), Hunger- 
born und Hungersborn (bei Sieleu, Kr. Hofgeismar, bei Ehlen, Kr. Wolf- 
hagen ^), bei Frankershausen am Meissner), Hungerbach (bei Sielen, 
Kr. Hofgeismar), Hungerstück (bei Unterstoppel, Kr. Hünfeld), Hunger- 
rain und Hungerhecke (bei Grossentaft, Kr. Hünfeld), vielleicht auch 
Hungershausen <: Hungershusen 1275 (Wüstung bei Kleinalmerode, vgl. 
am Hungershäuser Berg) und mhd. hungebluome, das Kehrein a. a. O. 
S. 464 nicht erklären kann. 

c) mundartlich Ungerburg > Ungarburg und, infolge der vermeint- 
lichen Identität von Unsjarland und Hunnenland, > Hunnenburg, Hunen- 



Sammlung: Flur- und Waldnamen der Kreise Frankenberg-, Kirchhain, lAIarburg, Ziegen- 
hain, gesammelt durch die Ortsvorsteher auf Veranlassung von Edgar Mühlhause etwa 
1861/62 (Marburger Staatsarchiv). — 1) Vgl. hierzu die Bemerkung Bucks a. a. 0. S. 119, 
wonach die Hungerberge häufig bei den alten Weidegründen liegen. — 2) Vgl. dazu die 
analogen Umbildungen Venusberg < Weinberg d. h. Weidenberg, z. B. am Altvater, der 
mehrere 'Weinberge' hat, Simonsberg < Senneberg, hohe Sonne < hohe Senne usw.; 
unten S, 281 f. — 3) Gegenüber auf der Südseite des Sommerbergs ein Silberborn. 



280 Schoof: 

bürg, Hünenburg, z. B. Hunnenburg und Hunnenburgsfeld mit altem 
römischen Kastell bei Butzbach, Hunnenburg, Wiesen bei Mardorf (Kreis 
Kirchhain), Huneburg bei Wasungen, Hunnentriesch (zwischen Körnbach 
und Leimbach, Kr. Hünfeld), Hünenburg (zwischen Eiterhagen und Röhren- 
furth, Kr, Melsungen), Hünenstein mit Honiggraben (bei Obermelsungen), 
Hünstein mit Hünhof und Hüntränke bei Gladenbach^), ferner zwischen 
Frankenau und Löhlbach, Hünberg mit Hünborn, Hünstrasse und Hünich 
zwischen Grossen taft und Soisdorf, Kr. Hünfeld usw. 

d) Hunnenbach > Hundebach, indem 'Hunde' als vermeintliche hoch- 
deutsche Übersetzung von Hunne angesehen wurde, z. B. Hundebach in 
der Bunstruth, Hundekoppe, "Wiese bei Löhlbach, Kr. Frankenberg, 
Hundewiesen, am rechten Ufer der Fulda, Connefeld gegenüber, Hunde- 
berg bei Oberrosphe, Kr. Marburg, Hundsbrunnen nw. von Kissingen, 
auf dem Hundsbusch bei Grossseelheim, Kr. Kirchhain, Hundsbrücke, 
Waldort am Heiligenberg, Hundsberg bei Burghasungen, Hundsfeld bei 
Hammelburg usw. Es findet hier Berührung mit den aus hunt 'Hundschaft, 
Unterabteilung eines Gaues' gebildeten Namen statt. 

e) Hünenberg, Hünenburg > Hühnerberg und Hühnerburg, wahr- 
scheinlich infolge willkürlicher Umdeutung, vielleicht auch mit begriff- 
licher Nebenassoziation infolge volkstümlicher und amtlicher Umdeutung 
zugleich, wofür die grosse Zahl von Belegen spricht. Beispiele: Hühner- 
berg (südlich von Mecklar, im Habichtswald, bei Sontra, bei Hergers- 
hausen, zwischen Rothenkirchen und Burghaun, zwischen Laudefeld und 
Metzebach, bei Melnau), Hühnerkopf^) (zwischen Hausen und Ersrode, 
Kr. Rotenburg, im Forst Wildeck, zwischen Langenbieber und Dipperz, 
zwischen Ronshausen und Machtlos, Kr. Rotenburg), Hünerburg (westlich 
von Beuern, Kr. Melsungen), Hühnerküppel (östlich von Fulda), Hühner- 
feld (östlich von Lutterberg, Kr. Kassel), Hühnerbalz ^) (westlich von 
Zusehen, Kr. Fritzlar, bei Frankenau, Kr. Frankeuberg [aufm Hühnerbalz], 
nördlich von Holzheim, Kr. Hersfeld), Hühnerdreck (bei Amöneburg), 
die Hühnerecker (bei Röllshausen, Kr. Ziegenhain), Hühnerbachstal (bei 
Josbach, Kr. Kirchhain), Hühnerhecke (bei Frankenau), Hühner Hütte*) 
(zwischen Bottendorf und Bringhausen, Kr. Frankenberg), Hühnergrund 
(zwischen AUmershausen und Hof Hälgans, Kr. Hersfeld), Hühnerkirche usw. 

f) Hünberg > Huhnberg, wohl infolge willkürlicher Umbildung. 
Beispiele: das Huhnloch (bei Sindersfeld), wobei loch im Sinne von lucus 
'Wald' steht, der Huhnscheid (bei Ellershausen, Kr. Frankenberg), die 

1) Vgl. Bork, Streifzüge durch den Kreis Biedenkopf (Marb. 1884) S. 49. — 2) Auch 
Hühnerkropf (z. B. bei Thalau). — 3) Vgl. dazu meine Abhandlung über den Namen 
Hundsrück (Hessenland, 1912, S. 383 u. 384). Als Grundbedeutung des Flurnamens Pfalz 
ist 'Pfahlburg, Pfahlbezirk', mlat. palantium anzunehmen, nicht, wie die herrschende An- 
nahme vielfach ist, lat. palatium. Vgl. auch Kluge, Etjmol. Wtb. (Strassb. 1883) S. 251. — 
4) Hütte hier wahrscheinlich umgedeutet aus Hute wie in Hüttenbach, Hüttental, Hütten- 
grund u. a. 



Beiträge zur volkstümlichen Namenkunde, 281 

Huhnsmühle (ebenda), der Huhnspfad (bei Frankenau) usw. Es findet 
sich hier vielfach Lautvermengung mit germanisch hün 'hoch'. 

6. Es findet falsche Dialektübertragung infolge von missverstandener 
Auffassung des mundartlichen Ausdrucks statt: 

a) Hühner, mundartlich Hiner, wird zu hochdeutsch Hinter, wahr- 
scheinlich durch offizielle Umgestaltung, vielfach auch infolge begrifflicher 
Nebenwirkung: Auch Hunger, mundartlich honger, hat durch Anklang an 
mundartliches henger (= hinter) Anteil an dieser Umdeutung, wie Hunger- 
steinau > Hintersteinau beweist. Beispiele: Hintergrund (öfter), Hinter- 
berg ^) (im Lohner Holz bei Fritzlar), Hinterfeld (bei Wolf hagen), Hinter- 
bach, auch Hinternbach (bei Bauerbach, Kr. Marburg, bei Lohra), 
Hinderhain (bei Bellnhausen, Kr. Marburg), Hinterloh (bei Heskem, Kreis 
Marburg), Hinterwiese (bei Itzenhain, Kr. Ziegenhain), Hinterbergswiese 
(bei Zella, Kr. Ziegenhain), der Hintersprung (bei Todenhausen, Kreis 
Marburg), Hinterliede (am Nordabhang vom Hunsrück bei Eschwege), 
Hinternest (südlich von Steckeishausen), das Hiuterscheid (bei Roda, 
Kr. Frankenberg) usw. 

b) Mundartliches Hungk = Honig gibt Anlass zu der Umdeutung 
von Hungkacker in Honigacker. Der Volksglaube von der Fruchtbarkeit 
des Bodens im Gegensatz zu dem höher gelegenen Hungeracker mit un- 
fruchtbarem Boden erleichtert solche Umbildungen. Beispiele: Houigberg 
(bei Eschwege, Connefeld, bei Wipperode ^), Kr. Eschwege), Honigbreite') 
(im Solling), Honigbach bei Rosental, Honigacker (bei Burgholz, Kreis 
Kirchhain, und bei Bürgel, Kr. Marburg), Honigweg*) (östlich von Peters- 
berg, Kr. Fulda), Honigholz (zwischen Balhorn und Sand, Kr. Wolfhagen), 
der Honigbeerengarten (bei Alleudorf, Kr. Kirchhain), Honiggrund (bei 
Rosental), Honigwiesengrund') (bei Einhausen, Kr. Marburg) usw. 

Vgl. unten den Nachtrag S. 319. 

2. Weinberg, Winterberg, Yenusberg. 

Wie Arnold in seinem Werke 'Ansiedlungen und Wanderungen 
Deutscher Stämme' (Marburg 1881) ausführt, waren die Germauen beim 
Eintritt in die Geschichte noch viel mehr ein Jäger- und Hirtenvolk als 
ein ackerbautreibender Stamm. Bis der Ackerbau vorwiegend ihre Lebens- 
beschäftigung wurde, hat es noch Jahrhunderte gedauert, wahrscheinlich 
bis zu den Klöster- und Städtegründungen, die einen gesteigerten Acker- 
bau nicht bloss verlangten, sondern zugleich auch lohnender und leichter 



1) Südlich davon ein Vorderberp, ähnlich wie dem Hungeracker ein Honigacker, 
dem Winterberg ein Sommerberg, dem Hungerborn ein Silber- oder Goldborn, dem Höllen- 
grund ein Himmelreich gegenüber zu liegen pflegt. — 2) Dicht dabei eine Feldflur der 
Weinberg. — 3) Vgl. dazu Hungerbreite. — 4) Dicht dabei Gemarkung die Hutvveide. — 
5) uff dem Honigbaum (Rachelshäuser Saalbuch von 1551). 



282 Schoof: 

gestalteten. Arnold nimmt an, dass die alte Weidewirtschaft bis zum 
Ende des 5. Jahrhunderts fortgedauert hat: eine überwiegend nomadische 
Viehzucht mit ausgedehnten Weidegründen, eine Weidewirtschaft, bei 
welcher an erster Stelle die Schweine, an zweiter die Pferde, an dritter 
die Rinder und Schafe kamen. 

Dass die Weideplätze — Bergeshänge wie Talgründe — in grosser 
Zahl und über weite Gebiete verbreitet gewesen sein müssen, darauf lässt 
die reiche Synonymik für den Begriff' 'Weide' und für die damit in engem 
Zusammenhang stehenden Bezeichnungen schliessen, die uns ein Stück 
Kulturgeschichte erschliesst und, teilweise bis zur Unkenntlichkeit ent- 
stellt, noch heute in den Flurnamen fortlebt. 

Als die Weidegründe mit der veränderten Kultur und der fort- 
schreitenden Besiedelung immer mehr beschränkt wurden und dem Acker- 
bau Platz machen mussten, begannen damit auch die Namen, welche altes 
Weidegut bezeichneten, mehr und mehr zu schwinden und den folgenden, 
in neuen Kulturverhältnissen aufgewachsenen Generationen unverständlich 
zu werden. Die Folge davon war, dass die Erinnerung an die frühere 
Verwertung des Bodens im Volke erlosch, und dass die N^amen, welche 
noch daran hafteten als Zeugen einer früheren Kulturperiode, dem Volke 
unverständlich wurden, weil sie keinen Sinn ergaben, der zu der Nutzung 
des Bodens passte. Daher fielen diese Namen meist volksetymologischen 
ümdeutungen zum Opfer, indem das unverständlich gewordene Wort infolge 
von Laut- und BegrifPsassoziation an ähnliche Begriffe und Worte ange- 
lehnt wurde, die nach der volkstümlichen Auffassung in einen äusseren, 
oft rein zufälligen Zusammenhang mit der Örtlichkeit gebracht werden 
konnten. So finden sich Anlehnungen des alten, der lebendigen Volks- 
sprache entfremdeten Namens an die Tierwelt, an mythologische Gestalten, 
Sagen, geschichtliche Legenden, neuere Kulturverhältnisse, Rechtsleben usw. 
Nicht selten ist ein Name mehrfach umgedeutet worden (ältere und 
neuere Schicht), und zwar besonders dann, wenn Ereignisse eintraten, 
welche die Volksphantasie so stark beschäftigten, dass sie ihren Nieder- 
schlag in Namen fanden, die bisher ähnlich klangen wie die aus dem 
Vorstellungskreis des Volkes. 

Es darf daher als eine grundlegende Regel der Flurnamenforschung 
angesehen werden, dass Örtlichkeiten, welche nach rein äusseren, zu- 
fälligen Merkmalen benannt sind, in der Regel aus einer älteren Namens- 
schicht umgedeutet worden sind und dass der Namenforscher nicht ohne 
weiteres den Sinn, den das naive Sprachempfinden des Laien mit einem 
Namen verbindet, als massgebend für die Deutung eines Namens ansehen 
darf. 

Ein interessantes Beispiel hierfür bietet uns das ahd. win, winne, got. 
vinja, pascuum, Weide, Weideplatz. Wir können hier folgende Schichten 
der Umdeutung; wahrnehmen: 



Beiträge zur volkstümlichen Namenkunde. 283 

1. Die ursprüngliche Form blieb erhalten, 

2. Es trat Lautvermengunor mit ahd. win 'Wein' und ahd. weida 
'Weideplatz, Futterplatz' ein. 

3. Es trat Vermengung (lautlich und begrifflich) mit ahd. wint 'Wind' 
und ahd. wintar 'Winter' ein. 

4. Es fand dialektische Angleichung statt (Wenge, Wiuge). 

5. Es fand Dialektübertragung ins Hochdeutsche statt (Wenigen). 

6. Es fand Angleichung (begrifflich und lautlich) an ahd. wentan 
'umwenden, roden' statt. 

7. Es fand Angleichung an ahd. swendan bzw. firswenden 'ver- 
schwinden machen, vertilgen, ausrotten' (exstirpare) statt. 

8. Es fand Umdeutung aus einem ganz andern Vorstellungskreis statt: 

a) unter dem Einfluss von örtlichen Nebenumstäuden, 

b) unter dem Einfluss von geschichtlichen Legenden, 

c) unter dem Einfluss von Sage und Mythologie. 

Die ursprüngliche Form winne mit der sinnverwandten Form wunna 
findet sich in Hessen^) erhalten in Namen wie die Winne, Heide am 
Wald bei Viesebeck im Amt Wolfhagen, ebenso Hof bei Schmalkalden, 
Winneu, Dorf bei Marburg, ebenda die Winnerhöh, Winnerod, Dorf bei 
Grünberg, die Winnewiese beim Winnenhof im Fuldischen, fast ganz im 
Wald, die Winneliete, abhängiges Feld beim Hof Winnen nächst Herren- 
breitungen, Winneberg, Winnebach usw.; in Nassau^): Winnhöll, Winn- 
auerberg, Winning; in Thüringen'): die Wonne, Wiesenland nach Ohrdruf 
hin, das von der Wonne, einem Zufluss der Ohra, durchflössen wird, die 
Wunn, Wiesen in der Flur Wechmar (Amtsgerichtsbezirk Ohrdruf), 1641 
uf der Wonne, der Winneweg; in Oberdeutschland, wo nach Bück, Obd. 
Flurnamenbuch (Stuttg. 1880) S. 305 wunn unzähligemal in Urkunden 
vorkommt, ist Himmelwune (1250) Name eines Klosters. Zu Winne neben 
Wonne vgl. Senne ('Rinderweide', mhd. senidi) neben Sonne, z. B. Hohe 
Sonne (in Thüringen), Sonneberg, Sonneborn, Sonnenthal usw. Auch das 
Winnefeld im Teutoburger Walde gehört hierher. 

Während die unveränderte Form sich noch verhältnismässig selten 
findet — denn nur da erhielt sich in der Regel der Name, wo die Lage den 
Anbau entweder gar nicht oder erst spät vorteilhaft erscheinen Hess — sind 
die ümdeutungen äusserst zahlreich, besonders, wenn wir noch die Fälle 
hinzunehmen, deren Aufhellung zunächst zweifelhaft bleiben muss. Hierher 
gehören die ümdeutungen von ahd. win zu win 'Wein', während der kurze 
ahd. Selbstlauter sich als kurzes i hätte erhalten müssen (wie in Winne- 
berg). Hier ist es, zumal in Gegenden, die von alters her durch den Wein- 
bau berühmt gewesen sind, nicht immer mehr sicher zu ergründen, welche 



1) Arnold a. a. 0. S. 539. — 2) Kehrein, Volkssprache und Volkssitte 3, 624. 
3) Gerbing, Die Flurnamen des Herzogtums Gotha, S. 218 u. 250. 



284 Schoof: 

Bedeutung früher der Boden, der heute mit Weinberg bezeichnet wird, 
gehabt haben wird. Denn auch in rauhem Klima, das sich wenig zum 
Weinbau eignete, ist, wie geschichtlich nachgewiesen werden kann, zu- 
weilen Weinbau getrieben worden, u. a. z. B. im Fuldatal (vgl. die 
Strassenbezeichnung am Weinberg in Kassel und Hersfeld) und im oberen 
Lahntal (z. B. der Weinberg bei Marburg). Solche Namen, die ziemlich 
sicher auf die Weidezucht zurückgehen, sind in Hessen: der Weinbusch, 
Heide auf der Höhe des Meissner, nahe dabei der Weinkeller, das Wein- 
feld am Wald bei Zimmersrode, der Weingraben am sog. Hanrödchen bei 
Eltmannshausen, ehedem, wie Arnold annimmt, sicherlich Wald und Weide, 
ferner bei Frohnhausen, der Weingarten bei Treisbach, Anzefahr, die 
Weinäcker (d. h. die Flächen, die früher als Weidetrift, später als Äcker 
dienten) bei Kirchheim, Lohra, Ropperhausen, die Weinwiesen bei Rosen- 
tal, die Weineiche bei Wollmar, am Weinberg, Feld bei Frankenau, bei 
Niederweimar, der Weinsberg bei Wollmar, im Weinberger Grund bei 
Speckswinkel, der Weimarberg ^) bei Schmalkalden, der Weimarkopf ^) bei 
Cölbe im Lahnwald, die Weinerswiesen^) und die Weinergarten ^) bei 
Rüdigheim, das Weinbergsfeld bei Haigenhausen, ferner bei Schorbach 
und bei Bockendorf, der Weingrund bei Haarhausen, ferner bei Hof 
Wüstefeld, die Weindelle, Wiesen im Wald unter dem Knüll, gegen 
1400 Fuss hoch im Efzetal, der Weingärtner bei Wetter (vielleicht ent- 
stellt aus Weingartenberg), der Weidemersbodenkopf bei Wollmar (wohl 
aus Weidenbergsbodenkopf), der Weinersgrund, Feld und Wiese bei Hof 
Ellingerode (wohl aus Weinbergsgrund infolge von Dissimilation), ebenso 
das Weineroth, Feld bei Schwarzenborn am Knüll, die Weinstrasse (öfters 
in Hessen und Thüringen), die Triebgasse zur Weide, ähnlich wie Yieh- 
weg, Kuhweg, Rennweg oder Rennstieg, Königsweg^) u. a. m. 

Von hier aus geht die Umdeutung von win zu win und Weinberg 
weiter zu Weiberberg, Weberberg u. ä. durch Assimilation des n an b 
und des g an b und meist durch tautologische Bildung, z. B. in Hessen: 
die Weiberwand, Wald bei Dodenhausen (Kr. Frankenberg), das Weibers- 
grundfeld bei Moischeid, am Webersberg bei Oberjpssa, der Weibern- 
acker bei Cappel (Kr. Marburg); in Nassau^): Weiber, ma. Weiwer, aufm 
Weibern, Weibrich, ma. Weiwerch, Weiberbirken, Weibergärten, Weiber- 
rain, Weiberwies, Weibersberg, Weibertswies, Weibelwies usw., doch scheint 
bei den beiden letzten Namen noch ein drittes Wort vorausgesetzt zu 
werden. Vgl. den Flurnamen Waibel bei Caldern (Kr. Marburg). Weiter 
findet sich in Nassau: Weberseich, Weberskopf, Weberswies, Weber- 



1) Über Weimar, Cyriaxweimar, Weimartal, Weimarswiesen usw. habe ich in dem 
Ueitrag zur Deutung des Namens Marburg (Hessenland 1914, S. 102£f.) gehandelt. Vgl. 
auch Arnold a. a. 0. S. 537/38, dessen Deutung jedoch nicht mehr haltbar ist. — 2) Vgl. 
meine Abhandlung über den Namen Altkönig in Ztsch. f. d. dtsch. Unterricht 1914, S. 499ff. 
— 3) Kehrein a. a. 0. 3, 600; 594. 



Beiträge zur volkstümlichen Namenkunde. 285 

heck, Weberrain. Es ist möglich, dass sich an solche Weiberberge allerlei 
Sagen von wilden Weibern und Hexen anknüpfen, wie ja auch die zahl- 
reichen Hexenberge und Hexentanzplätze auf Umdeutungen alter, miss- 
verstandener Flur- und Waldnamen zurückgehen, wie ich demnächst nach- 
weisen werde. 

Aber die Umdeutung alter Namen wie Weinberg ist, scheint es, damit 
noch nicht erschöpft. Es kommen noch Dialektübertragungen hinzu. Da 
die Mundart den intervokalischen Guttural von schd. Waagen meist elidiert, 
also Waan, Wään u. ä. spricht, entstand bei ortsfremden Leuten Yer- 
wechsluDg mit dem mundartlichen Ausdruck für Wein. So erklären 
sich vermutlich in Hessen Namen wie der Wagenberg, Wald bei Neu- 
stadt, das Wagenackersfeld bei Yiermünden, die Wagnershöh (< Weinershöh, 
Weinbergshöh) bei Somplar; in Nassau: Wagenberg, Wagenkehr, W^agen- 
lück. Wagnerwies, Wagnershahn (= Weinbergshagen), Goldwagen usw. Ygl. 
auch Bück a.a.O. S. 291: Wagenbreche, Wagenlucke, Wagenhard. So er- 
klärt sich auch die wiederholt aufgestellte Hypothese Weinstrasse = Wagen- 
strasse, d. h. die Strasse, auf welcher die (Wein)fuhrwerke ihren Weg 
hatten. Das schliesst nicht aus, dass Weinstrassen, welche später beliebte 
Verkehrsstrassen wurden, ursprünglich als Triebwege für das Weidevieh 
angelegt worden sind. Ähnliche Bedeutungsübertragungen finden sich 
in der Flurnamengebung öfters (vgl. Richplatz zu Richtplatz, Gerichts- 
platz u. a. m.). 

Die Umdeutung von altem win zu Wein wurde sehr begünstigt durch 
das sinnverwandte ahd. weida 'Bodenfläche zum Beweiden mit Yieh', das 
später an die Stelle des immer seltener werdenden Wortes Winne trat 
und es heute ganz ersetzt hat. In Flurnamen findet es sich verhältnis- 
mässig selten, in Hessen: auf dem Weidenstrauch, Wald bei Lohra, 
die Weidenschiesser bei Ebsdorf, zum Weiden vor dem Weidenküppel 
bei Frankenau, der Weideacker bei Dilschhausen, der Weidenberg bei 
Rotenburg usw. Aus Weidenberg konnte durch Elision im Yolks- 
mund auch Weinberg werden, und so mag bei der Umdeutung Win- 
berg— Weinberg auch der Anklang an Weidenberg mitgewirkt haben, 
d. h. begriffliche und lautliche Assoziation zugleich. Es konnte zudem 
auch der Fall eintreten, dass als Weideberge alte Weinberge benutzt 
wurden, auf denen sich der Weinbau nicht lohnte, und umgekehrt konnten 
ehemalige Weideberge später als Weinberge urbar gemacht werden. Es 
wirkten also hier eine Reihe von Faktoren mit, die uns die grosse Zahl 
von 'Weinbergen' begreiflich machen. 

Da bei dem allmählichen Übergang von der germanischen Weidewirt- 
schaft zum Ackerbau und zur Rodung der Feldmark zuerst das frucht- 
bare, an den Flussläufen gelegene Flachland, erst später das abhängig ge- 
legene Feld und zuletzt erst, als die Besiedelung immer dichter wurde, 
das nach dem "VValde zu gelegene, weniger ergiebige Land auf den Höhen 



286 Schoof: 

in Anspruch genommen wurde, so dienten die auf den Berghalden nahe 
dem Walde gelegenen, meist rauhem Winde ausgesetzten Triescher und 
Bergwiesen zahlreichen Viehherden als Weideplatz. Als dann auch diese 
Weidehänge gerodet und in Äcker verwandelt werden mussten, ging den 
nachfolgenden Generationen die Erinnerung an die frühere Verwertung 
des Bodens verloren, und die Folge davon war, dass die Bezeichnungen, 
die noch am Boden hafteten, unverständlich und den neueren Kultur- 
verhältnissen entsprechend umgestaltet wurden. So wurde aus einem Win- 
berg, der keinen Sinn mehr ergab, ein Windberg gedeutet, weil der Acker 
infolge seiner den Winden ausgesetzten Lage dürftigen Boden hatte. 
Diese ümdeutung zu wind, ventus, wurde noch dadurch unterstützt, dass 
eine Weiterbildung winithi, winidi neben win, winne bestand (vgl. unten 
Windenberg, Windeberg), und von hier aus ging die ümdeutung noch 
weiter zu Winter, ohne Zweifel, um damit anzudeuten, dass solche Ge- 
markungsteile in rauher, unfruchtbarer Gegend lagen, wo der Ertrag kaum 
die aufgewandte Mühe lohnte und die Abgaben nur schwer oder gar nicht 
aufzubringen waren, wie denn auch die meisten auf solchen Plätzen ent- 
standenen Siedlungen später wieder eingegangen sind. Wir haben es hier 
zweifellos mit einer volkstümlichen, nicht mit einer gelehrten ümdeutung 
zu tun. Die Erinnerung an die eigentliche begriffliche Beziehung war dem 
Volksbewusstsein entschwunden, an deren Stelle trat eine neue Hauptvor- 
stellung, die sich auch auf die Erwerbstätigkeit des Volkes bezog, aber 
sich aus dem Anbau des Landes, als der späteren Erwerbsquelle des Volkes, 
ergab. Es wurde also hier, um mit Wundt (Völkerpsychologie, Bd. 1 'Die 
Sprache') zu reden, eine dem Gegenstand adäquate Vorstellung geweckt. 
Auf diese Weise erklären sich hessische Flurnamen wie die Windbetten, 
Windfell ^) bei Bernsdorf (Kr. Marburg), WindfalP) bei Bracht, die lange 
Winde bei Gruben, die Windmühle bei Anzefahr (in der Nähe der Wein- 
garten), das Wündefeld bei Kansbach, das Winterfeld (öfters), Winter- 
berg, öfters, u. a. Dorf im Sauerland, ein Berg (616 Meter) im Kellerwald 
und im Vogelsberg, Wintertal, Wintersgrund bei Löhlbach und Viermünden, 
der Wintersbach bei Rörshain, das Winterstück bei Bürgein (in derselben 
Gemarkung das Winzefeld), die Winterwiese bei Schönstadt, die Wiuter- 
seite^), öfters, meist gegenüber einer Sommerseite, die von der Morgen- 
sonne bestrahlt wird, der Winterstrauch, Wald bei Rauschenberg, die 
Winterecke, das Winterrück bei Rotenburg, die Winterliete bei Alten- 
hasungen, der Winterscheid, Wald bei dem gleichnamigen Dorfe, Winter- 
liede, Winteracker, Grafschaft Schlitz 3), Winterbaum*) ebendort (vgl. dazu 
die ähnliche Bedeutungsentwicklung von Hungerbaum), Winterkasten, Berg 
(322 Meter) bei Hoheneiche und Rücken des Habichtswaldes, jetzt ver- 

1) Wahrscheinlich entstellt aus Wiiulfeld. — 2) seite - Lage, Erstreckung. Nach 
Kehrein 3, 553 gibt es im Nassauischen auch eine Windseite. — 3) Hotz, Die Flurnamen 
der Grafschaft Schlitz, S. 60 u. ö. — 4) In einem Schlitzer Messbuch von 1584. 



Beiträge zur volkstümlichen Namenkunde. 287 

drängt durch den Namen Karlsberg. Ähnlich in Nassau i): Windbach, "Wind- 
busch, Windeck, Windfeld, Windhahn, Windlück, Windmauer, Windmühl, 
Windrain, Windscheid, Windseit, Winterort, Winterbach, Winterbaum, 
Winterbirnbaum (wahrscheinlich entstellt aus Winterbergbaum), Winterhof, 
Winterloch usw.; in Thüringen^): Winterbach, Winterstein usw. Nach 
Bück a. a. O. S. 203 ist Winterhalde = Nordhalde, kalte, von der Sonne 
abgewendete Lage. (Schon im 9. Jahrhundert beliebte Differenzierung.) 
Ausserdem findet sich die Umdeutung in einigen hessischen Ortsnamen: 
Windecken aus älterem Wunnecken (1277), Winterscheid') (1265 Winter- 
sceith) bei Treysa und Wüstung daselbst, auf der Nordseite der Wasser- 
scheide zwischen Lahn und Fulda, Winterbüren, Hof bei Immenhausen 
(1143 Winthereburen, 1160 Wintirburen, 1163 Winterburen) nach Arnold 
S. 365 von der Lage an der Nordseite des Berges, Windefeld, Wüstung 
bei Gieselwerder. Vgl. auch den rheinischen Ortsnamen Königswinter 
und dazu meine Abhandlung über Altkönig a. a. 0. S. 499, ferner Ober- 
winter, Wintrich an der Mosel usw. 

Nach einer im Kheinfränkischen weitverbreiteten Kegel wird nd in 
der Mitte und am Ende eines Wortes zu ng (Linde zu Leng, Linden- 
bach zu Lingelbach). So findet sich statt Hundruck in Urkunden auch 
Hungruck und ebenso statt Winnebach, Windebach, Wendebach (zu 
winidi) dialektisch Wingebach, Wengebach. Die mundartliche Form 
geht zuweilen in die Schrift- oder Kanzleisprache über, und so er- 
klären sich die hessischen Flurnamen das Wengefeld bei Hüttenrode (in 
der gleichen Gemarkung der Winterberg) und bei Sarnau, die Wengels- 
eiche bei Loshausen (in der gleichen Gemarkung das Wendelsfeld), der 
Wengebach bei Unterhaun (mit dem Hof Wendebach), der Wengeberg 
oder Wendeberg, heute Wehneberg*) bei Hersfeld, der Wengeberg 
bei Melsungen usw. Vgl. auch nassauisch^) Wenge, Wenche, Wenggarten, 
Wengewis, Wenk usw.; thüringisch*): Wingethal, ma. Wingeddal, am 
Wengenbach, am Wendenberg, ma. offn Wengenbärge, im Windebach, 
ma. Wingbach, Wingenbach, über den Wingenberg (1641) usw. 

Da neben Windeberg, Wendeberg auch Windelsberg, Wendelberg'). 
Wendelsfeld vorkommt, wahrscheinlich aus älterem Windenberg infolge 
von Dissimilation und mit personalem Genetiv-s aus falscher Analogie, 
so bildeten sich unter dialektischem Einfluss auch Formen wie die Winkel-* 
wiesen, z. B. Gemarkung Kosental, zum Winkeln; Gemarkung Mardorf (in 



1) Kehreiu a. a. 0. S. 624. — 2) Gerbing a. a. 0. S. 326; 344 u. ö. — 3) Winter- 
scheid bedeutet also eine Grenzscheide, einer Höhe entlanglaufend, die früher als Weide- 
platz gedient hatte und erst spät, infolge der hohen Lage, zum Anbau bestimmt wurde. — 

4) In einer Hersf. Urk. v. 1422 auch Silberberg genannt, mit dem Zusatz 'sonst Wende- 
berg genannt', etwa 1200 der Windiberch, 1182 Windeberg, 1317, 1428, 1435 Wendeberg. — 

5) Kehrein S. 604. — 6) Gerbing S. 25; 35; 46; 323 u. ö. — 7) Auch Wenelsberg findet, 
sich, z. B. in der Gemarkung Althattendorf. 



288 Schoof: 

der gleichen Gemarkung der Windelsberg), de.r Winkelsgrund Gemarkung 
Schiffelbach, der Winkel Gemarkung Cyriaxweimar (vgl. dazu den Orts- 
namen Weimar aus älterem* Win -mark) und Gemarkung Ockershausen 
(in derselben Gemarkung die Weinstrasse und die Weimersche Koppe); 
ebenso nassauisch^): auf den Winkeln, Winkelchen, Dachswinkel, Kräh- 
winkel, Schäferswinkel, Scheisswinkel (vgl. Winterscheid), Todtenwinkel, 
Winkelau, Winkelbäume (vgl. Winterbaum), Winkelberg, Winkelgarten, 
Winkelheck, Winkelstrut, Winkelweg, Winkelwies, Winkelsberg, Winkels- 
graben, Winkelsrain, Winkfeld, Winkerfeld usw.; thüringisch''): der End- 
winkel, 1400 in dem Entenwynkel, Flur Sonneborn, im Windebach oder 
Winkelbach, Flur Sundhausen, ma. der Wingebach, 1372 in dem Winden- 
bach, 1641 uf den Wingenbach, in der Winkelbache, ja sogar ein Wing- 
ferborn, 1477 der Windeborn; oberdeutsch^): Hungerwinkel*) (760), Farnu- 
winkel (804), Rosswinkel, Haseuwinkel (auch in Hessen öfters als Flur- 
namen vorkommend), Hirschwinkel, Krähwinkel') (vgl. hessisch Specks- 
winkel) u. a. m. Nach Bück a. a. O. ist Winkel ein uraltes Grundwort. 
In den Bestimmungswörtern stecken gleichfalls uralte Volksetymologien. 
Da nun dialektisch wing, weng s. v. a. Schriftdeutsch 'wenig' be- 
deutet, fassten die Kartographen oder Katasterbeamten die Form 
Wingerode als Wenigenrode d. h. kleine, dürftige Rodung^) (vgl. 
ahd. wenag 'bejammernswert, elend, dürftig', Weigand, Dtsch. Wb. ^ 
S. 1241) auf und übersetzten so nach ihrem Gutdünken die Namen 
vielfach ins Hochdeutsche. So wurde aus Winnebruch, Gemarkung 
Rauschenberg, durch Vermittlung der dialektischen Form Wingebruch, ein 
Wenigenbruch, aus Winderode Wincherode (wie Windenbach zu Winchen- 
bach), und dieses wird heute hartnäckig als Wenigenrode erklärt, trotzdem, die 
dicht dabei liegende Flur der Wintergrund deutlich auf winne, 'Weide', 
hinweist. Ebenso wird Wenigenrode bei Romrod (14. und 15. Jahrhun- 
dert Wenigenrode, Wenigerode, Wingerode) und Wüstung bei Lichtenau 
(1457 Wenyngenrade) von Arnold S. 450 als Kleinrode gedeutet, und die 
Wüstung Wenigenrode, Vorburg von Amöneburg, bereits im V6. Jahrhun- 
dert mit parvum castrum übersetzt. Vgl. auch Wenigenhain (1254 Win- 
jenhain), Wüstung bei Bernhausen. Es soll nicht geleugnet werden 
dass einige mit Wenig- zusammengesetzte Ortsnamen tatsächlich ihre 
Namen dem Begriff parvus 'klein, unbedeutend' verdanken, wie es z. B. 
bei dem Namen der Wenigenburg bei Amöneburg der Fall sein kann. 
Da aber andererseits Wenig auch den Begriff 'dürftig, elend, unbedeutend' 
in sich schliesst und die hierher gehörigen Ortsnamen erst spät bezeugt 
und fast sämtlich wieder eingegangen sind, ist die Wahrscheinlichkeit 



1) Kehrein S. 624. — 2) Gerbing S. 25; 163. — 3) Bück S. 302. — 4) Vgl. dazu den 
ersten Teil dieses Aufsatzes. — 5) Nach Bück 1060 als Chrauwinchil bezeugt. — 6) So 
z.B. 1361: das wenge grindel neben das grosse grindel (Wcnck, Hess. Urkundenbuch 3). 



Beiträge zur volkstümlichen Namenkunde. 289 

noch grösser, dass wir es mit ähnlichen Umdeutungen wie bei Winneberg, 
Windeberg zu Winterberg zu tun haben, weil sie in rauher, unwirtlicher 
Oegend au Stellen, die früher als Weidegut gedient hatten, gegründet 
waren, wo der Ertrag des Bodens kaum die Mühe des Anbaues verlohnte. 
Es wurde also hier wie bei Winterberg und ähnlichen Umbildungen 
(vgl. z. B. Hundsacker, Hungeracker) durch die Umdeutuns: Wingbero-, 
Wingerode eine dem Gegenstand adäquate Vorstellung mit Beziehung auf 
die Ertragsfähigkeit des Bodens geweckt, nur mit dem Unterschied, dass 
Wenigenberg (das dann vielleicht noch weiter zu Wenigenburg umgebildet 
wurde unter dem Einfluss der nahegelegenen Amöneburg) eine gelehrte 
oder amtliche Umdeutung (Dialektübertragung), keine volkstümliche ist, 
wahrscheinlich durch gelehrte Schreiber aus den Klöstern veranlasst. 

Eine ebenfalls dem Gegenstand adäquate Vorstellung wird durch die 
Anlehnung an ahd. wentan, mhd. wenden 'umwenden, umkehren' im 
Sinne von 'roden' erzeugt. Dazu kam noch Vermengung mit ahd. wenti f., 
mhd. wende f. 'Grenze, Himmelsgegend' und ahd. giwant 'Flur, Feld- 
fläche', mhd. wende 'Ackerstreifen, schmales Feld'*). Auch hier finden 
sich dialektische Bildungen wie Wengeberg, Wengebach, Wengefeld, die 
sich nahe mit den oben erwähnten an 'wenig' angeglichenen Benennuno-en 
berühren, neben Wendebach, Wendeberg, Wenderoth, Wendefeld auch 
Wendelberg, Wendelbach u. dgl. 

Schwieriger sind die Fälle nachzuweisen, in welchen Angleichung an 
ahd. swendan bzw. spätahd. firswenden 'schwinden machen' und 'ver- 
schwinden machen, vertilgen, vernichten' stattgefunden hat. Es wird durch 
diese Anlehnung eine ganz ähnliche Vorstellung hervorgerufen wie durch 
die Anlehnung an ahd. wentan mit der gemeinsamen Grundbedeutung 'aus- 
tilgen, roden, urbar machen'. Die Umdeutung findet sich sowohl in Namen, in 
welchen das alte winid Grundwort, wie auch in Namen, in welchen winid 
Bestimmungswort ist: Brauerschwend bei Alsfeld (1273 Brunwartis- 
geschwende), Ertzschwinden, Wüstung bei Schmalkalden (16. Jahrhundert), 
Rüdenschwinden bei Fladungen, Hauptschweuda, ma. Heedschweng, 
am Knüll: 1317 Eizingeswinden, 1371 Eytzichiswende, Eizichiswinden, 
Heintz Schwende 1419, Heidtschwenge 1530, Hietz Schwenda, Hirtz 
Schwenda etwa 1600, Heiweswenge 1647, Heischwedt 1747, Hauptschweuda 
etwa 1780. Arnold S. 572 befindet sich daher im Irrtum, wenn er diese 
Namen direkt von swandjan, swendan ableitet und vermutet, dass die 
Orte von Hersfelder Mönchen, die aus Schwaben stammten, angelegt 
worden seien, weil das Wort swendan besonders in Schwaben und der 
Schweiz häufig vorkomme. Während die lautliche Augleichuiiff an 



1) Müller, Die Ortsnamen im Reg.-Bez. Trier Jahresb. der Gesellsch. f. nützl. 
Forsch. 1909) S. 45 und Bück S. 292; vgl. auch Anwand, Anwander = Ackerstreifen, der 
auf den Nachbar oder einen Feldweg stösst, öde bleibt oder nach dem Ackern um- 
gegraben wird (ebd.). 



Zeitschr. d. Vereins f. Volkskunde. 1914. Heft 3. 



19 



290 



Schoof: 



'schwenden' sich ungezwungen aus dem Genetiv- s des Bestimmungswortes- 
durch Silbenvertauschung ergibt (vgl. Gotz-wende zu Got-swende, Eiziches- 
winden zu Eiziche-swinden, Brunwartis-wende zu Brunwarti-swende und 
von da zu Brunwartisgeschwende)i), ist die lautliche Angleichuug bei den 
Namen, in welchen 'schwenden' das Bestimmungswort ist, durch falsche 
Analogiewirkung unter dem Einfluss begrifflicher Nebenwirkung (schwen- 
den im Sinne von 'roden') zu erklären: Schwengeberg in der Nähe 
von Nidenstein, Schwengenberg, am Wald zwischen Dankerode un4 
Stolzhausen, Schwengelberg im Wald oberhalb Asbach bei Schmalkalden, 
Schwingelfeld am Wald bei Rückers unweit Hünfeld und Schwingelhecke 
ebendort oberhalb des Schwingelfelds, Schwantfeld bei Harmutsachsen, die 
Schwant, Waldort bei Hasselbach im Amt Lichtenau usw. 

Die letzte Gruppe von Umdeutungen entstammt einem ganz anderen 
Torstellungskreise. Es werden nicht dem Gegenstand adäquate, sondern 
zufällige Nebenbegriffe erzeugt, die mit der Hauptvorstellung nur zufällig 
oder vorübergehend in irgendeine Beziehung gebracht werden können. 
Solche Nebenvorstellungen können geweckt werden durch örtliche Ver- 
hältnisse: ahd. giwant 'Flur, Feldfläche bestimmter Richtung, Acker- 
komplex, der dieselbe Länge oder Richtung hat', das bei der Umdeutung 
von Winne(berg) zu Wende(berg) mitwirkte, war nicht ohne Einfluss bei 
der Anlehnung von Winne, Winde, Wende ^) zu Wand, Gewand, Wange-, 
Wanne-, Wandel-, Wander- u. ä., wobei ausserdem noch ahd. wanc, campus, 
'Feld, Ebene', wanne 'sanft gewölbte Anhöhe' und wand 'Grenze, Flur' 
lautlich und begrifflich ineinander gingen. Solche Umdeutungen, durch 
Vermengung mit einem oder mehreren dieser Wörter entstanden, sind 
z. B. die Wand, Wald bei Sarnau (in der Nähe die Gemarkungsteile das 
Wengel und das Wengefeld), die Weiberwand (aus Weinberg-, Winberg 
— wand, also tautologisch), Wald bei Dodenhausen, Kr. Frankenberg, die 
Zimerswand, Ziemerswand (vielleicht aus Ziegenbergswand), Kührasenwand, 
das Wändchen, die Walmeröder Wand, die Steinwaud, die Schäferwand, die 
Herfaerwand usw. Bei allen diesen ist die Erinnerung an ehemalige 
Huteplätze oder spätere Rodungen längst erloschen, es ist nur der zufällige 
Nebenbegrift 'Abhang, steil wie eine Wand abfallende Berglehne' erhalten 
geblieben und an die Stelle der einstigen Hauptvorstellung getreten. Ganz 
ähnlich vollzieht sich der Vorgang bei den Flurnamen in der Wann(e), 
auf der Wanne, z. B. bei Niederwetter, Ockershausen, Speckswinkel, Wehrda 
(Kr. Marburg), Wannenfeld, Wannkopf (z. B. bei Marburg) usw. Auch 
hier keine Spur mehr von der einstigen Grundbedeutung, die Umdeutung 



1) Vgl. dazu die ähnlichen Bildungen Angespann (neben Anspann), Ungedanken, 
Gedankeuspiel, Ungewitter (neben Wetterhöh, Wetterau) usw. — 2} Meist in der Kollektiv- 
form: das Gewende (z.B. bei Willershausen, Roda), die Gewendswiesen (z.B. bei Betzies- 
dorf), das Gewengsfeld (z. B. bei Heimbach), aber auch das Wengefeld, das Wengel (z. B. 
bei Sarnau) u. ä. m. 



Beiträge zur volkstümlichen Namenkunde. 291 

schreitet über den Begriff 'sanft gewölbte Anhöhe' weiter zu dem Be- 
griff 'wannenartige Yertiefung, Schlucht' (ganz ähnlich wie bei Kessels- 
graben, Kesselsgrund). Weitere Umdeutungen, durch zufällige örtliche 
oder persönliche Nebenumstände hervorgerufen, finden sich wahrscheinlich 
in den Flurnamen Wangenroth bei Immichenhain (in der gleichen Ge- 
markung die Wann und die Wannäcker), auf fetten Boden schliessen 
lassend, Wanderhecke bei Ebsdorf, Wandelwiese (öfters), Wandeläcker, 
Wandelbach, Wandelgut, Wandelberg usw. Bei Wauderhecke hat dial. 
waanern 'gespenstisch drohen, geisterhaft umhergehen'^), also irgendeine 
zufällige Gespenstersage, bestimmend mitgewirkt, bei Wandelwiese die 
gelegentliche Tatsache, dass zwei Besitzer abwechselnd, etwa ein um das 
andere Jahr, die Nutzniessung hatten. 

Ganz ähnlich verhält es sich mit der Umdeutung von altem winid 
zu Winde, Windel (berg), Winkel (wiese), über die bereits oben das Nähere 
gesagt worden ist. Auch hier wirkten örtliche Nebenumstände, Lage in 
einer winkelförmigen Gegend, die z. B. durch zwei in einem Winkel auf- 
einanderstossende Berge gebildet werden konnte, bestimmend auf die Um- 
deutung ein. Vgl. Winkelacker, Reh-, Hasen-, Speckswinkel usw. 

Ausser örtlichen und persönlichen Nebenumständen wirken auch ge- 
schichtliche oder mythologische Legenden auf die Namensumdeutung ein, 
und zwar oft so bestimmt, dass selbst die wissenschaftliche Namenforschung 
sich bis zum heutigen Tage noch oft genug durch solche Märchen täuschen 
lässt und über der schimmernden Hülle den eigentlichen Kern viel- 
fach übersieht. So muss die Persönlichkeit Karls des Grossen immer 
wieder dazu herhalten, um die Sachsen oder Wenden massenhaft in Be- 
ziehung zu Ortsnamen zu bringen, die man bisher nicht hat deuten können, 
obwohl diese Yolksstämme in den seltensten Fällen etwas mit der Ent- 
stehung solcher Orte zu tun haben. Mit Recht betont schon Arnold S. 538, 
dass angesiedelte Wenden unmöglich den zahlreichen Berg-, Bach-, Feld- 
und Waldnamen, die an den Namen dieses Volksstammes anklingen, noch 
in so später Zeit und so oft den Namen gegeben haben können. Selbst 
seine Annahme, dass dies nur in einzelnen Fällen geschehen sein mag, 
muss mit Vorsicht und gelindem Zweifel hingenommen werden, solange 
nicht geschichtliche Beweise in jedem einzelnen Fall vorhanden sind. So soll 
angeblich auch der Wendeberg bei Hersfeld, heute meist Wehneberg ge- 
nannt, einer Kolonie von Wenden seinen Namen verdanken, während er 1182 
als Windeberg, etwa 1200 als Windiberch in fine civitatis Hersfeldensis 
und erst im 14. und 15. Jahrhundert als Wendeberg urkundlich bezeugt 
wird und nach seiner Lage und seinen Bodenverhältnissen deutlich auf 
seine ehemalige Bestimmung als Weideberg hinweist, ganz abgesehen 
davon, dass die Namen der in der Nähe liegenden Gemarkungen allein 



1) Vgl. Viliiiar, Idiotikon von Kurhessen S. 72 f. 



292 Schoof: Beiträge zur volkstümlichen Namenkunde. 

schon die Vermutung bestätigen. So heisst die entgegengesetzte Seite 
des Bergrückens nach Rohrbach hin noch heute gleichfalls Wenneberg, 
was auf gemeinsame Hute der um den Wehneberg gelegenen Ortschaften 
schliessen lässt. 

Nicht besser steht es mit den Umdeutungen, die durch mythologische 
oder, in der Zeit des Christentums, durch kirchliche Gestalten (Heilige) 
hervorgerufen wurden. Auch hier ist die Wissenschaft bei der Namens- 
erklärung vielfach noch im Rückstand und zu wenig geneigt, der 
Sache auf den Grund zu gehen. So stand bis 1881 in der Flur Loshausen 
eine Eiche, die die Wendelseiche, ma. Wengelseech, hiess, weil an ihrer 
Stelle früher eine Kapelle des St. Wendel stand, welche zur Zeit der 
Reformation noch benutzt worden sein soll. Die 1572 urkundlich bezeugten 
Namen derselben Gemarkung Wendelsberg, das Wendelsberger Feld, lassen 
es jedoch im Zusammenhang mit den obigen Ausführungen als wahrschein- 
lich gelten, dass die Kapelle erst in Anlehnung an den Wendelsberg, der 
irrtümlich als ein Berg des St. Wendel aufgefasst wurde, dem Schutzheiligen 
Wendel geweiht wurde. Ähnlich verhält es sich mit den zahlreichen 
Marien- und Johannisbergen, die ähnlichen Umdeutungen ihre Namen 
verdanken. 

So wenig wie das Hollental (Höllental) am Meissner ursprüng- 
lich etwas mit der mythologischen Frau Holle oder die Donareiche 
bei Geismar mit Donar zu tun hat, ebensowenig hat der Venusberg am 
Altvater ^) mit der Göttin der Liebe etwas zu schaffen, sondern ist ein 
uralter Weidenberg, genau so wie der Underberg bei Salzburg, der im 
16. Jahrhundert zu einem Wunderberg gestempelt wurde, an welchen sich 
dann ähnliche mythische Legenden knüpften wie an den Hörselberg in 
Thüringen, den Brocken im Harz, den Meissner in Hessen, den Altkönig 
im Taunus usw. Näheres in meinen Ausführungen über Volksetymologie 
und Sageubildung. 

So haben wir an der Hand des altdeutschen Wortes winne ein 
reiches Stück Kulturgeschichte kennen gelernt, einen interessanten Blick 
in die germanische Volksseele tun können. Hier offenbart sich uns Volks- 
kunde wie ein reichlich sprudelnder, nie versiegender Quell. 

Hersfeld. 

(Fortsetzung folgt.) 

1) Vgl. auch Bück S. 287: Venusmühle, beim Volk Veuismühle, Venusberg bei 
Essendorf, früher Venersberg, desgl. bei Eyb (Ansbach), früher Veniberg und Venibuck. 
Keine einzige Urkunde deutet nach Bück auf Venus, sondern diese Formen sind sämtlich 
Kanzleistubenerfindungen. Vgl. Grimm, Myth. » 1,524; 536; 548. 



Müller: Kleine Mitteilungen. 293 



Kleine Mitteilungen. 



Zur Geschichte des Aberglaubens in der Obergrafschaft 
Katzenelnbogeu. 

Im achten Band der Zeitschrift für Kulturgeschichte S. 287 — 324 hat Prof. 
D. Dr. Wilhelm D^iehl einen Aufsatz reröffentlicht, in dem er an der Hand der 
hessischen Kirchenvisitationsakten von 1628 schildert, in welchem Umfang der 
Aberglaube in dem damaligen hessischen Gebiet, der Ober- und Niedergrafschaft 
Katzenelnbogeu geherrscht hat. Auf Grund eines hochinteressanten authentischen 
Materials zeigte sich, dass die abergläubischen Bräuche und Sitten in den süd- 
lichen und nördlichen Teilen des landgräflich hessischen Territoriums in ganz 
verschiedenem Grad verbreitet waren. Während die südlichen Teile nur ver- 
einzelte Fälle darboten, so in den Orten Rossdorf, Gundernhausen, Pfungstadt, 
Hahn u. a., hatten verschiedene Orte der Niedergrafschaft eine geradezu unheim- 
liche Zahl von Zauberern und Segensprechern aufzuweisen. Diehl sagt am Schlüsse 
seiner Abhandlung: „Fassen wir alles zusammen, so werden wir behaupten 
dürfen, dass die Visitationsakten von 1628 für ein Gebiet, dessen Aberglaube noch 
verhältnismässig wenig erforscht ist, wertvolle Beiträge darbieten und dass es 
dringend zu wünschen ist, dass die noch vorhandenen Reste zum Zweck einer 
Vergleichung von sonst und jetzt gesammelt werden möchten." 

Die nachstehenden Zeilen wollen eine Ergänzung der von Diehl angedeuteten 
Lücke beibringen, indem sie über die Tätigkeit einer Kräuterfrau und Segen- 
sprecherin aus dem kleinen Dorfe Malchen an der Bergstrasse berichten, die 
wegen ihres 'teuffelischen segens und warsagens, auch artzens' 1612, also 16 Jahre 
vor Entstehung der von Diehl bearbeiteten Kirchenvisitationsakten, mit den Be- 
hörden in Konflikt geraten ist. 

Die Persönlichkeit, um die es sich bei den hier zu schildernden Vorkomm- 
nissen handelt, Margareta, Witwe von Wennig Bergsträßer zu Malchen, 
ist eine 'alte fast abgelebte fraue', wie die Akten von ihr sagen, deren gesamte, 
viele Jahre lang geübte Zauberei, so sehr sie auch zu missbilligen war, wohl 
kaum jemandem etwas geschadet oder genützt haben dürfte. Gleichwohl war es 
auf die Dauer nicht angängig, dass man dem Treiben der Alten stillschweigend 
zusah. Nachdem schon ein Jahr früher einmal in einer Diebstahlssache straf- 
gerichtlich gegen sie vorgegangen worden war, sollte es 1612 zu einer neuen 
Untersuchung gegen sie kommen. Kaum aber hatte der landgräflich hessische 
Keller Anthonius Saarbrück zu Zwingenberg a. d. B. das letzte Wort gegen die 
weise Frau von Malchen ausgesprochen und ihr das ärgerliche Treiben ernstlich 
verboten, da kam es nur wenige Tage später zu einem erneuten Zwischenfall. 
An dieser Stelle nun setzen die im Gr. Haus- und Staatsarchiv zu Darmstadt ver- 
wahrten Untersuchungsakten, denen wir uns möglichst eng anschliessen werden, 
ein. Den Beginn macht ein Bericht, den der Keller Ant. Saarbrück am 24. Juli 



294 Müller: 

1612 an seine vorgesetzte Behörde, die Regierung zu Darrastadt erstattete. Dieses 
Schreiben, das sich auf eine Reihe von Zeugenaussagen über die jüngste Tätigkeit 
der Margareta Bergsträßer stützt, hat folgenden Wortlaut: 

„Auf fürstlicher hessischer cantzley zu Darmbstatt bevelch habe ich anheut 
von dem hessischen Schultheißen zue Malchen Ewald Geyern entgegen Margrethen, 
Wennig Bergstroßers vpittiben daselbsten, ihres ietzigen thuns und wandels halben 
bericht eingenommen: Derselbige zeigt an, nachdem am nehern montag den 20. 
dießes ich gedachte Margrethen ihrer bißhero viel jar lang verübten teuffelischen 
Segens und warsagens, auch artzens halben zu rede gesetzt und sich deßen 
gentzlichen zu enthalten verbotten, so habe sie deßen ungeachtet am nehern mitt- 
wochen den 22. dießes sich deßelbeo wieder undernommen und einem mann vom 
Hain bey Pfungstatt mit einem pferde bey sich gehabt, Wennig Weicker 
genant, deme sie rath seiner schwachen mutter halben mitgetheilet. Wie aber 
solches fürgangen, wieße er nicht. Doch habe der pfarrherr zu Nider Berbach 
sie uff solchen tag, als er geprediget in beysein des Schultheißen und Hans 
Franckens des senicrs fürgefordert und examinirt, was gedachter mann vom 
Hain mit dem pferd bey ihr zu thun gehabt, ob sie ihme rath ertheilet. Habe 
sie daruff geandworttet, es were wol solcher mann bey ihr geweßen, sie hette 
ihnen aber zum pfarrherr nacher Bickenbach gewießen. Als aber der pfarr- 
herr zu Niederberbach sie des verbotts, so der Keller zu Zwingenbergk ihr sich 
solcher sachen gentzlich zu müßigen, angelegt, erinnert und ernstlichen zu wißen 
begert, ob sie ermeltem mann vom Hain ichtwas gerathen und was er ihr in einem 
Körblein, so er gebracht, gegeben, habe sie gesagt, sie hette ihme etzliche 
kreuter, als rosamarin, isop und maioran zu nehmen und einen tranck 
daraus zu sieden und denselben trincken zu laßen geheißen, darfür er ihr 
ein virtheil eyer auß dem Körblein gegeben hette. Ob nun aber auch segen 
und andere ungebührliche mittel sie hierzu gebraucht, darvon habe sie nichts ge- 
stehen wollen. Welches alles auch Hans Pranck zu Malchen berichtet und darbey 
auch dießes angezeiget, wie sie dabevor sich des urin besichtigens gebraucht 
und vorm jähr ungefehr, als er bey Hanß Reißman zu Malchen eine neue egen 
zur körn saat entlehnet, seye ihme dieselbig gestolen worden und endlichen an 
tag kommen, das ermelte Margretha dieselb in ihrem stubenofen zu esche 
verbrendt habe, derowegen sie auch vorm jar uf der centh zu Zwingenbergk ge- 
strafft worden, warzu und welchem ende sie solch eschen gebraucht habe, wird 
sie am besten wißen. Sonsten könten sie nicht wißen, ob sie auch mit andern 
verbottenen dingen als zaubereyen und dergleichen unthaten umbgehe, sintemaln 
solche thaten in geheim verübt werden. 

Doch habe er Hans Pranck und Erbaldt Luckhaupt, welcher ob specificirten 
bericht auch durchaus erholet, dabevor von ihrem eygenen mann Wennigen 
Bergstroßer gehöret, daß er selbsten gesagt, sein fraw könte zaubern etc. Ob 
nun solchem also, das könten sie für ihre person nicht wissen. 

Ferner sagten sie, es hette auch newlicher zeit Peter Lehn rathsperson 
alihier zu Zwingenbergk bey gedachter Margreth seiner lamigkeit halben 
raths gefragt, was sie aber ihme gerathen, das wissen sie nicht. Hierauff hab 
ich ermelten Peter Lehn so baldt vor mich erfordert und deßwegen zu rede 
gesetzt. Zeigt an, er were in ein lamigkeit gerathen und ihme von Michel Spießen 
zu Wallersteden, welcher gleicher weis einer lamigkeit halben gedachte Margreth 
umb hulff und rath ersucht gehabt und ihme geholffen, gerathen, das er ihr ein 
stück von seinem leib schicken solte, würde sie ihme beholffen sein. Darauff 
habe er ihr sein hempt, so er acht tag lang an seinem leib gehabt durch seinen 



Kleine Mitteilungen. 295 

•söhn geschickt, welches sie genommen und damit uf beseits gangen. Was aber 
«ie damit gethan, habe sein sehn nicht vermercken können. Seye aber bald 
-wieder zu seinem söhn kommen und gesagt, es komme solche lamigkeit ron 
einem trunck, den er gethan hero und hette ihme etzliche kreuter, als isop, 
«alvei, hirtzzungen und roßmarin gegeben, die er gesotten und ge- 
■truncken, auch damit seine lame beine gewaschen. Habe ihr ein gülden ge- 
geben, aber ihnen nichts geholffen. 

Deßgleichen sagt er, were hiebevor Jacob Reußen allhier dienstbub, Jörg 
genandt, welcher an seinem gantzen leib krafftloß geweßen, bey obgedachter 
Margreth geweßen und ihme verhelffen laßen, welchen ich gleicher gestalt er- 
fordert und derentwegen befragt, sagt, er were ungefehr vorm vierthel jar an 
seinem leib, an armen und fußen gantz krafftloß geweßen. Sey er zu gemelter 
frawen gehn Malchen gangen und ihme helffen laßen. Hette sie ihnen an seinem 
leib Yon dem kopff an biß zun fußen mit ihren henden angetastet und 
■etzliche wortt heimlichen über ihn gemurmelt, auch drey eyer und 
pulver in dreyen kleinen döttergen zugestelt, die er des morgens 
-geßen und daruff die krafft seines leibs wieder bekommen, also daß er 
innerhalb acht tagen wieder arbeiten können. Habe ihr hierfür einen halben 
^uldten gegeben. 

So ist auch Wennig Weicker vom Hain bey Pfungstatt fürgefordert 
und deshalben, das er am mittwochen den 22. julij zu Malchen bey des Berg- 
strößers wittiben geweßen und rath gesucht, zu rede gesetzt worden. Zeigt an, 
es betten die leuth, welche er nicht nahmhaftig machen können, seiner mutter, 
welche umb die brüst großen schmertzen gehabt, gerathen, sie sollte ihr 
hembd von ihrem leib gedachter wittiben schicken, würde sie die Schwachheit 
erkennen und ihr wieder verhelffen. Da habe seine mutter ihnen dahin gehn 
Malchen geschickt und er der frawen seiner mutter gelegenheit angedeutet und 
das hembd zugestelt. Sie hette aber daruff gesagt, er sollte gehn Bickenbach 
zum pfarrherrn gehen und ihme verhelffen laßen, doch endlichen das hembd ge- 
nohmmen, in ihr stuben allein gangen und über ein kleine weyl wieder- 
kommen und die schwacheit angezeigt, auch ihme in dreyen döttergen 
pulver gegeben und gesagt, sein mutter soltte es in dreyen eyern in- 
nehme n, so werde es beßer mit ihr werden. Habe ihr darfur weitter nichts, dann 
ein vierthel eyer verehrt und seiner mutter das pulver bracht, so sie ein- 
genommen und mit ihr beßer worden. 

Hans Krichbaum von Oberberbach ist der trohewortt halben, welche Leonhard 
Franck außgegoßen haben solle, verhöret worden. Zeigt an, er habe Madern 
Roßens fraw, so mit seiner hausfrawen geschwistern kinder seyen, zu mehrmalen 
gewarnet, von ihrem bößen wandel abzustehen und des Leonhard Pranckens 
müßig zu gehen, denn er offtmals gesehen, das sie beide, wann ettwan eines oder 
das ander im feld geweßen, einander nachgegangen und zusammen kommen. Sie 
hette aber ihme gantz betrohenlichen ins gesiebt gesagt, wenn er sein maul nicht 
halten würde, solte Leonhard Franck ihme seinen kopff zerschlagen und ein wehr 
in leib stoßen, wie denn zween schäfers buben gehört haben, das sie solches dem 
Leonharden befohlen hette. Daruff er es dem Leonharden fürgerückt, habe er 
gestanden, das es die Schmidtin ihme befohlen habe, aber von ihme seyen 
sonderlichen keine drohewortt, so viel ihme wissend, gehört worden." 

Das Antwortschreiben der Darmstädter Regierung, das auf diesen Bericht 
hin erging, war auf das entschiedenste bestrebt, dem Treiben der Margareta 
Bergsträßer ein Ende zu machen. Die Verfügung, in welcher die sofortige per- 



296 Müller: 

sönliche Vernehmung der Missetäterin, ihre gleichzeitige Verhaftung und Haus- 
suchung angeordnet wird, lautet folgenderniassen : 

„Ehrbar guter freundt, wir haben ewer schreiben neben dem uberschickten 
Walbronnischen register entpfangen, verlesen, dieweilen den darob vernommen 
das, obwohl uf unsern euch zugeschickten befelch ihr Wennig Bergstroßer wittiben 
zu Malchen sich des segensprechens, wahrsagens und verbottenen übernatürlichen 
artzneyens sich gentzlich zu enthalten ernstlich undersagt, sie dem auch also 
nach zu kommen versprochen, das sie sich doch solcher verbottener eure 
gleichsamb den andern tag nach entpfangenem verbott wieder unter- 
fangen. Wan den solchs Gottes gebott und der darin wohlbegründten Kirchen- 
ordtnung zue wieder und pillich gestrafft wirdt, so befehlen in namen u. g. f. und 
hern L. Ludwigs zu Hessen etc. wir euch vor uns g. gesinnende, das ihr ge- 
dachte wittib demnehisten vor euch kommen lasset und von ihr, wie lang 
sie solche verbottene euren gebraucht und wehme sie darmit geholffen, wehr auch 
recht und hiilffe bey ihr gesucht, erkundiget und sie daruff drey tag lang in 
die betzencammer hinsetzet. Inmittelst in ihrer behausung vleissige 
nachsuchung thut, ob ihr etwas von verdechtigen materien oder ander anzeige 
finden moget und uns darvon berichtet. Soll daruff fernere gepuerliche verordtnung 
vorgenommen werden und wir seindt euch mit günstigem willen wohl gewogen. 
Datum Darmbstadt den 26. julij anno 1612. 

Canzler und rhäte doselbst." 

Sofort nach dem Empfang dieser Verfügung ging der Keller an ihre Aus- 
führung. Bei der am 1. August 1612 vorgenommenen Haussuchung fanden sich 
in einem Schränklein und einer Truhe in der Stube der inzwischen verhafteten 
Angeschuldigten folgende Stücke vor: 

„1. Ein stein gleich wie ein donneraxt, so in der mitt ein rund loch hat, ist 
grawlicht, vorn gleich wie ein schneidig axt und binden stumpf. 

2. In dreyen lädelein viel pulver aus gekreudig gestoßen und darbey etzliche 
kleine düttergen voll pulver. 

3. Etzlich gekreudig in einem glaß und in einem ducb. 

4. Ein gestreiffte ohl haut. 

5. Viel kleine kotturffen und gläßer, darinnen etzliche verdechtige getränck 
und urin, darfur man es angesehen, geweßen. 

6. Zwen häfen, darin auch verdechtig geschmir geweßen, etzlich weiß hunds- 
treck salva reverentia zu meldten." 

Ausserdem enthielt das Schränklein und die Truhe noch eine grosse Anzahl 
von Geldstücken aller Sorten, vom Goldgulden bis zum halben Batzen herab, die, 
nachdem man sie gezählt hatte, den ansehnlichen Betrag von 129 Gulden 
18 Albus ergaben. Das Geld wurde von den amtierenden Personen „in zwen 
seckeln und einer sewblaßen verpitschirt, auch weil es abwesend der verhafften 
wittiben in ihrem haus nicht wol verwarth geweßen, zur kellnerey Zwingenberg 
gebracht und biß uf fernem bevelch reponirt." 

Am gleichen Tage fand auch die verantwortliche Vernehmung der 
Margareta Bergsträßer statt. Hierbei wurde folgendes zu Protokoll genommen: 

„Erstüchen sagt sie, sie hette ihre artzneykunst von ihrem mann selig erlernet 
und gehe sonsten mit nichts anders umb, als mit kreutern. Wolte auch hierbey 
anfangs nicht gestehen, das sie mit segen umbgehe, biß zuletzt, daß sie deßen 
ernstlichen erinnert, das sie auch segnerey gebrauchet, eingestanden und 
bißweylen dießen segen gebrauchet: 



Kleine Mitteilungen. 297 

'Du liegest allhier 

Und weißest nicht was du bist, 

Drum helffe dir 

Gott und der heilige Christ. 

Im nahmen Gottes, des vatters, des sohnes und des heiligen geistes.' 

Das andre ist sie befragt worden, ob sie auch auf ersuch ung der leuth in 
erkennung der Schwachheiten, ettwan christallen, glaß, stein oder ettwas anders 
gebrauchet. Hat sie hiervon nichts gestehen wollen. Dargegen sie befragt 
worden, warzu dann sie den stein, so einer donneraxt gleich seye und ihr 
fürgetzeigt worden, gebrauchet hette. Antwortet sie, solcher stein were ein dpnner- 
axt, wiße nicht wer das loch darin gemacht. Ihr mann hette denselben zu den 
pferdten, so böße schleuch gehabt, gebrauchet und die böße schleuche damit 
bt3strichen. Wie denn auch sie zu den weibern, so böße brüst gehabt, solchen 
stein, damit sie die brüst creutzweis mit sprechung: 

'Im nahmen Gottes des vatters, des sohns und des h. geistes' 

in gleichem zu den pferdten an bößen schleuchen gebrauchet habe. 

Das dritte, das pulver in dreyen underschiedlichen lädelein seye aus barb- 
winckelkraut, peterwurtz und dann einem schmalen kraut, so sie jetztmal nicht 
benennen wollen. Und sagt, dasselbe habe ein roth blümlein und trage schottergen, 
stehe und wachße im newen wege zu Malchen hinder ihrem hauß, und gebe sie 
solch pulver, denen sie ihr urin, salva reverentia zu schreyben, besehe und 
unden ufm boden trübe, als wie hefen befinde, in dreyen kleinen düttergen 
in dreyen eyern ein. 

So sagt sie vors dritte, das die wurtzel, so sie in einem ledlin gehabt und 
ihrem bericht nach peterwurtz sein solle, den leuthen so das fieber hetten, 
ohne segensprechen (quod non creditur) anhenge und dieselbe jars im maio 
grabe. 

Bremer und zum vierten sagt sie, daß das kreutig, so in einem glaß geweßen^ 
wildtblumen wehren, und brauche sie dieselbe den leuthen, denen ein hande 
oder fuß verstaucht were, lege sie in warmer maybutter auf. 

So mache sie zum fünften ein schmaltz aus den rothen Schnecken, nehme 
dieselben und henge sie in ein tuch an die sonn, so dreuffe das schmaltz herab 
in ein undergesetztes gefeß, welches schmaltz sie zur lämigkeit gebrauche. 

Das geschmier das sechste in zweyen häfen, sey oly drauß von dem nußoly, 
darmit schmier sie die wunden an menschen und viehe, wann die fliegen 
solche wunden, sonderlich an vieh beschmeißen, damit keine maden darauß er- 
wachßen mögen. 

Das obgemelte pulver, sagt sie, gebe sie auch den jungen schwachen 
kindern in einem dottgen zu dreyen malen in dem breylein ein und werden 
darvon gesundt. 

Ist vors siebende eingestendig, das zu vielen mahlen die leuth ihr die urin 
zu besichten und daraus die Schwachheit zu erkennen gebracht hetten, wie denn 
in ihrem hauß viel kutturfen und andere gläßer befunden und in fünff under- 
schiedlichen gläßern noch urin vorhanden geweßen, welche ihr fürgestellt und zu 
wißen begert worden, wer ihr solch wasser zugebracht hette. Hat sie anfangs 
niemanden kennen wollen, biß zuletzt, da sie ernstlichen hierzu ermahnet worden, 
nach benennthe angetzeigt: Als erstlichen berichtet sie das in einem glaß das 
wasser ist gar schwartz, des spitalnieisters zu Hoffheim, Wilhelmen 



298 



Müller : 



Buchen geweßen und ihr ungefehr vor 2 oder 3 monaten durch ein frawe seinet- 
wegen gebracht worden sey. Habe ihme daruff gemeltes pulver in dreyen 
dottergen, dieselbe in dreyen eyern einzunehmen geschickt und darbey einen 
tranck von 3 roßmarein, 3 majoran und drey ysopen stücken in einer echtmas 
wein zu sieden und zu trincken zugerichtet, welcher dranck durch alle glieder 
des menschen gehe und helffe. 

So were der urin in einem andern glaß von dem Wülckern zu Diepurgk 
ihr zugeschickt, deme sie gleicherweiß wie negst gesagt verholffen. Von uberigen 
urinien in den andern gläßern hat sie nicht berichten wollen, von weme sie ihr 
gebracht seyen, mit furwendung, es sey ihr vergeßen. 

Zum achten hat sie auch under andern salva reverentia zu melden in ihren 
artzneyen weißen hundstreck gebrauchet, darmit sie die schwache kinder 
uf fewer kolen bereuche. 

Wie wol nun fürs neunde sie in abreden sein wollen, das ihr die leuth, so in 
ihren Schwachheiten bey ihr rath gesucht, einige stück oder hempt von 
ihrem leib, daran die Schwachheit zu erkennen gebracht hetten, so ist doch 
sie deßen so baldt durch Peter Lehn, Bürgern und des Raths zu Zwingenbergk, 
welcher sie auch seiner läraigkeit halber, darmit er noch behafft ist, raths befragt 
hat, ubertzeuget, sagt es ihr in faciem, das er von Michel Spießen zu Wallersteden, 
so gleicherweis lahm geweßen, berichtet worden, er habe ihr sein hempt von 
seinem leib geschickt, welches sie angenommen und darob die Schwachheit 
erkandt, auch ihme daruff geholfen. Als hette er, Peter, ihr gleichfalls sein hembd 
durch seinen söhn geschickt und damit allein uf beseits gangen. Was sie aber 
darmit gethan, hette sein söhn nicht vermercken können. Sie denn daruff zu 
seinem söhn gesagt, er hette einen trunck in wein gethan, dahero die lämigkeit 
kommen und es were ihm besser geweßen, er hette darfür wasser getruncken 
gehabt. Hette aber sonsten nicht berichten wollen, von weme oder woher ihme 
solcher trunck were beygehalten worden. Auff solchen ihren bericht were er 
Selbsten zum zweyten mal bey ihr zu Malchen geweßen und ihres raths gepflogen. 
Habe ihme darauff selbst gesagt, es seye ihme solche lämigkeit durch einen trunck 
herkommen und ihme drey dottergen obberurtes pulvers, solche in dreyen eyern 
des morgens früe inzunehmen gegeben und darbey einen tranck von ysopen, 
salbey, hirtzzungen und roßmarein in wein zu sieden und zu trincken bevohlen. 
Aber es habe ihnen nichts geholffen. Welches alles sie auff solche antzeige 
nicht verneinen können, sondern eingestehen müßen. 

Ebenmeßig hat Jacob Reußen dienstbub am 24 julij jüngsthin, so sie 
raths befragt, berichtet, daß sie ihnen an seinem gantzen leib betastet und 
heimlichen darbey etzliche worth, so er nicht verstehen können über ihnen 
hero gemurmelt habe. 

Deßgleichen berichtet auch Balthasar Werckli ein meurer zu Zwingenbergk, 
das er uniengsten von wegen seines bruders Christian Wercklies haus- 
frawen, welche im haupt jrr und fast sinnloß geweßen, sie raths gesucht 
hette. Habe ihme daruff vielbemeltes pulvers drey dottergen voll inzunehmen ge- 
geben und ihme darfur ein halben fl. zu lohn abgeheischen. Habe ihr seines 
behalts umb 3 batzen verehret. 

So hat auch ihr Peter Krapp der bawbecker zu Zwingenbergk ins angesicht 
gesagt, daß sie vor IV2 jare uf sein erfordern zu ihme naher Zwingenbergk 
kommen und ihme seine schwacheiten, so er im leib gehabt mit Zurichtung 
eines drancks von dreyen roßmarin, dreyen jsopen, dreyen quendlin und dreyen 



Kleine Mitteilungen. 299 

majoranstücken und denen Zustellungen des pulvers obberürts in dreyen dottergen 
und einem dötgen voll geweihets saltz geholffen. 

Und obgleich sie zuvorhin, ob sie andern mehr zu Zwingenbergk verholfen 
habe, befragt geweßen und nichts bekennen noch berichten wollen, jedoch ist sie 
auff solch beschehene confrontation dießes alles eingestendig geweßen. 

Die ohlhaut, so in ihrem hauß befunden, belangend, sagt sie ihr mann hette 
darauß hoßenbendell machen wollen. Ob nun aber dießes also war sey, wird 
dißmals au seinen orth gestellet. 

Als sie auch zum uberfluß befragt worden, zu was ende sie die hembder 
der schwachen leuth gebrauche, hat sie daruff nichts sagen wollen, allein 
daß sie gestanden, die leuthe hettens ihr gebracht, w^elche aber sie nicht wie der 
Schmied zu Obern Berbach, deme die leuthe auch kleider in ihren kranckheiten 
brächten und von ihme nicht wiedergegeben würden, behielte, sondern den leuthen 
wieder zustellete. Darob denn unschwer und leichtlich abzunehmen, daß sie über 
solche hembder auch ihr unchristliche segen oder andere verbottene mittel ge- 
brauchen thut, nicht zweivelnde, da sie deßwegen mit mehrerem ernst befragt 
werden solte, sie endtlichen die beschaffenheit werde antzeigen müßen. 

Wie sie dann auch anderer mehr sachen halben, so nicht weniger verdacht 
zaubereyen uf sich haben, in specie befragt worden und nemblichen, ob nicht war, 
daß sie vorm jar ein newe egen ufm feld, so Hans Reißman zu Malchen zu- 
gehörig geweßen, diebisch entfrembdet und in ihrem ofen zu eschen 
verbrandt hette. Hat sie es, ohngeachtet deßwegen uf der centh ihr 5 Pfund 
heller ihrem selbst berichten nach zur straff erkanndt, nicht, daß sie es gethan, 
gestendig sein wollen, sondern wendet vor. es seye ihr mit solcher straff unrecht 
geschehen, da doch deßen sie niehmals könn überwießen werden. 

So ist sie auch vermöge des gemeinen geschreyes der zaubereyen 
offendtlichen im verdacht, wie sie dann sich solte haben hören laßen, 
da man mit ihr also werde fortfahren, so weren auch andere mehr zu Malchen 
und zu Zwingenbergk, die auch vort müsten. 

Entzlichen ist sie auch befragt worden, ob sie nicht einen guthen vor rat h 
an geldt hette und daßelbe, wo nicht alles, jedoch das mehrer theil von denen 
leuthen, so sie in ihren Schwachheiten raths ersucht, verehrt worden were. Hat 
sie geandtwortet, sie wüste nicht, wie viel sie daheim in ihrer arcken hette. eins 
theyls betten ihr die leuthe verehrt und sie wol gehalten, auch ihr vetter der 
marckmeister zu Darmbstatt ihr newlich 12 fl. in sechs dutten gegeben, sowie ge- 
dachter ihr vetter ihr auch umb 100 fl., so sie ihme geliehen und dabevor nach 
ihres mans todt ihr zu theyl worden weren, schuldig. 

Fernere verdechtige umbstende hat dißfals von ihr nicht erkundiget werden 
mögen.'' 

Folgenden Tags, am 2. August 1612, sandte der Keller Anthonius Saarbrück 
die Protokolle an die fürstliche Regierung nach Darmstadt. In seinem Begleit- 
schreiben gibt er seiner persönlichen Ansicht über die Angelegenheit ausführ- 
lichen Ausdruck, und diesen Bemerkungen entnehmen wir noch folgendes: 

„Was nun gegen ihr ferner für zu nehmen sein mochte, daß stehe bey Ewern 
•Gestrengen, Ernvesten und Großgünstigen, hochvernünftigem bedencken und ist 
zwar meines erachtens dieser frawen verbrech nicht allein nicht gering, sondern 
auch sehr verdächtig anderer mehr hoch straffbarlicher sachen, wie uß ihrem 
bekentnis unschwer abzunehmen und in der verheer ab ihrer persohn geberden, 
reden und antwort, besonderlich deren verbrendten egen halben beschehener 
Verneinung vermerckt worden ist. Und dieweil sie eine alte und fast ab- 



300 MüUer: 

gelebte fraue ist, so wehre nötig, waß gegen sie ferner in einem oder ander 
wege furzunehmen, daß es fürderlich beschehen möchte. Es ist gestern ihr 
vetter der marckmeister zu Darmbstad allhier bej mir gewesen und begeret, 
ihnen zu ihr zu laßen, zu hören, was ihr gelegenheit sein möge. Ich habs aber 
noch zur zeit bedenckens gehabt, den aditum zu willigen, sondern zuvorderst die 
eingenohmene gelegenheit E. G. H. und G. zu schreiben wollen. Ohne ist auch 
nicht, so viel ich bißhero gehöret, daß sie fast von jederman deren 
zeubereien verdächtig gehalten würdt und da derhalben wider sie eine In- 
quisition angestellet und etzliche uß der gemeinde zu Malchen, auch hiesgen ort 
derwegen verhöret werden sollen, mochte vielleicht der verdacht verificirt 
werden und andere mehr ins spiel gerathen. Wie sie dann sich solte haben ver- 
nehmen laßen, da man mit ihr also procediren werde, so müsten auch andere 
mehr vort. Alß aber ich dieses ihr furgehalten, hatte sie es nicht gestehen wollen. 
Gedachter marckmeister hat sich erbotten vor sie burgeschaft zu 
leisten und sie zu sich in sein hauß zu nehmen und aufsieht zu haben, damit 
sie sich inskünftig fernem artzens, segens und dergleichen gentzlich enthalten 
solte. Stehet also dießes wohl zu bedencken. Und da sie dies mals der haften uf be- 
melte bürgschaft wider erlaßen werden solte, so konde man ihr ihres Verbrechens 
halben von dem inventirten gelt, welches sie durch solch ihr unzimbliches artzen 
und segen erobert, wohl eine zimbliche summe abnehmen und dem fisco 
heimweyßen, doch E. G. E. H. und G. hiermit nichts vorgeschrieben. 

So bin ich auch vor dem pfarhern zu Niderbernbach vor geweßen, berichtet, 
daß Madern Roß zu Oberbernbach derae gleichfals sein lange zeit ver- 
übtes artzen und segen bey Vermeidung hoher straffe verbotten worden, seither 
sich deß artzens und segens widerumb undemohramen und also solchen gesellen 
fast unmeglichen ist, sich deßen gentzlich zu enthalten. Stehet also zu bedencken, 
ob nicht auch solcher gestalt gegen ihme mit gefenglicher Verhaftung und nach- 
suchung in seinem hauß verfharen werden selten. Erwarten hierauf E. G. H. 
und G. großgünstigen bevelchs. 

Sonsten werde ich auch berichtet, daß gedachtes Maderns fraue und Leonhard 
Franck zu Oberbernbach, so itzo flüchtig seind, mit einander zu Eychen bey 
Gernßheim sich verhalten soln und da deme also, konden sie der ends wohl nider- 
geworffen und auf begeren gegen einen reverß versehentlich in unseres gnädigen 
fürsten und herru haft gebracht werden." 

Was die Darmstädter Regierung auf diese Vorschläge geantwortet hat, ist 
dem Wortlaut nach nicht bekannt. Soviel steht aber fest, daß Margareta Berg- 
sträßer spätestens am 10. August 1612 nach ordnungsmässig geleisteter Bürgschaft 
aus dem Gefängnis entlassen und nach ihrem Heimatsort Malchen zurückgebracht 
worden ist. 

Hiermit sind wir am Schluss der Akten angekommen, soweit sich deren 
Inhalt auf Margareta Bergsträßer bezieht. Wir stehen nun vor der Frage, welches 
das Ergebnis der Untersuchung war, die ja für die Angeschuldigte glimpflich 
genug verlaufen ist. Wenn wir die Zeugenaussagen, das teilweise Geständnis und 
das Ergebnis der Haussuchung noch einmal an uns vorüberziehen lassen, so läßt 
sich ein ziemlich sicheres Bild gewinnen, wieweit der Vorwurf von dem „teuffelischen 
segen und warsagen, auch artzen" gegen Margareta Bergsträßer begründet war. 
Zunächst ist gleichsam als Milderungsgrund hervorzuheben, dass das Treiben der 
Malchener Kräuterfrau durchaus nicht als isolierte Erscheinung dasteht, sondern 
dass die Untersuchung zum mindesten den Verdacht ähnlicher Handlungen noch 
auf verschiedene andere Personen geworfen hat. Von ihrem eigenen Manne hat 



Kleine Mitteilungen. 301 

Margaretu Bergsträßer die Arzneikunst und den Gebrauch der Donneraxt erlernt. 
Möglich also, dass das Ehepaar dereinst gemeinsam praktiziert hatte. Auf ganz 
ähnliche Art wie sie, kurierte auch Madern Roß, der Schmied aus Ober-Beerbach. 
Freilich hat sich jener bei seiner lichtscheuen Tätigkeit mit dem Besehen der 
Leibwäsche und der Kleidungsstücke seiner Patienten allein nicht begnügen können, 
sondern die vertrauensvoll übergebenen Stücke einfach für seine Zwecke zurück- 
behalten, wodurch er seine Anhänger nicht nur auf feine Art betrogen, sondern 
auch noch fremdes Eigentum in grober Weise unterschlagen hat. Als Wennig 
Weicker vom Hain, dem heutigen Hahn bei Pfungstadt, wegen seiner kranken 
Mutter zu Margareta Bergsträßer kam, will sie ihn zum Pfarrer nach Bickenbach 
geschickt haben. Dass der dortige Pfarrer der abergläubisch gesinnten Patientin als 
Jünger Christi helfen sollte, ist nur schwer zu glauben. Er stand offenbar ebenfalls 
im Geruch der Zauberei. 

Die Tätigkeit der Margareta Bergsträßer setzt sich aus einer grösseren Reihe 
einzelner Gepflogenheiten zusammen. Sieht man von dem ihr wohl nur fälschlich 
zur Last gelegten Kristallensehen und dem nicht bewiesenen Gebrauch der Aalhaut 
ab, so bleibt im wesentlichen noch folgendes Bild ihres abergläubischen Treibens 
übrig. Neben dem Segensprechen („Du liegest allhier" usw.) erscheint sie des 
Gebrauchs der Donneraxt bei Pferdekrankheiten und brustleidenden Frauen über- 
führt. Kräuter hat sie nicht nur als Pulver, sondern auch zu Tränken und bei 
Abwaschungen verwenden lassen. Erwiesen ist das Besehen von Wäschestücken, 
ferner von Urin, so bei dem Spitalmeister Wilhelm Buchen zu Hofheim (heute 
Philippshospital bei Goddelau) und einem Patienten von Dieburg. Was den 
Gebrauch der Peterwurz bei Fieber betrifft, so gestand sie, dass sie dieses Gewächs 
den Leuten „ohne segensprechen anhenge und dieselbe jars im majo grabe." 
Wildblumen hat sie verordnet, wenn jemand die Hand oder den Fuss verstaucht 
hatte, und zwar legte sie dieselben „in warmer maibutter" auf. „Schmaltz aus 
den rothen Schnecken" sollte bei Lahmheit helfen und Öl bei Fliegenstichen be- 
wirken, dass weder bei Mensch noch Vieh Maden entstünden. Endlich hat sie 
„weißen hundstreck gebrauchet, darmit sie die schwache kinder uf fewer kolen 
bereuche." Wichtig ist, dass Margareta Bergsträßer ihr Tun möglichst geheim 
hielt und den Segen niemals in Gegenwart eines Zeugen hersagte, es sei denn 
so, dass die Worte nicht verstanden werden konnten. 

Es sind im ganzen acht Einzelfälle, deren Margareta Bergsträßer als überführt 
anzusehen ist: 

1. Die Mutter Wennig Weickers aus Hain (Hahn) bei Pfungstadt, an Brust- 
schmerzen und Schwäche leidend, hatte ihr Hemd geschickt. Margareta Berg- 
sträßer gebrauchte daraufhin den Segen, verordnete Pulver und empfing für ihre 
Tätigkeit ein Viertel Eier. Der Zustand der Kranken hat sich angeblich gebessert. 

2. Michel Spieß zu Wallerstädten (Kreis Gross-Gerau) hat Margareta Berg- 
sträßer wegen Lahmheit um Rat befragt. Sie hat ihm geholfen, nachdem er ihr 
sein Hemd geschickt. Befriedigt von diesem Erfolg hat Michel Spieß den Peter 
Lehn aus Zwingenberg, der mit demselben Leiden behaftet war, zu der Malchener 
weisen Frau gesandt. 

3. Peter Lehn, Bürger und Ratsperson aus Zwingenberg, liess Margareta 
Bergsträßer erst durch seinen Sohn konsultieren und kam dann persönlich. Nachdem 
der Segen über das Hemd gesprochen war, musste der Patient den Kräutertrank 
und das Pulver einnehmen und seine lahmen Beine abwaschen. Die Kur hat 
nichts geholfen. Peter Lehn hat seine Lahmheit behalten, und der dafür ent- 
richtete Gulden war zum Fenster hinausgeworfen. 



302 Müller, Hellwig: 

4. Dienstbub Jörg bei Jacob Reußen in Zwingenberg war am ganzen Leib, 
an Armen und Füssen kraftlos. Diesen Kranken hat Margareta Bergsträßer an 
seinem Leib von Kopf bis zu Füssen betastet, etliche Worte heimlich über ihn 
gemurmelt, die der Patient nicht verstehen konnte und ihm Pulver verordnet. Die 
Kur kostete V2 A- und hat dem Kranken geholfen. 

5. Bei Wilhelm Buchen, Spitalmeister zu Hofheim, der an Schwachheit litt, 
hat Margareta Bergsträßer den Urin besichtigt, der ihr durch eine Frau überbracht 
worden war. Ob das verordnete Pulver und der Trank Erfolg hatten, wird nicht 
berichtet. 

6. Bei Wülcker von Dieburg, an Schwachheit leidend, hat Margareta Bergsträßer 
den Urin besichtigt. Resultat unbekannt. 

7. Die Frau Christian Wercklis zu Zwingenberg war ^im haupt irr und fast 
sinnlos". In diesem Fall wurde Pulver verordnet und dafür Y2 A- gefordert. 
Ergebnis der Kur unbekannt. 

8. Endlich ist Peter Krapp, dem Baubecker zu Zwingenberg, wegen seiner 
Schwachheit im Leib der übliche Trank verordnet worden. Auch hier fehlen 
Einzelheiten und Angaben über die Wirkung. 

Die eben hervorgehobenen acht Einzelfälle zeigen deutlich, dass Margareta 
Bergsträßer bei leichteren Krankheiten entweder nur den Trank, 'welcher durch 
alle Glieder des Menschen gehe und helfe', oder nur ihr Pulver, bei schwereren 
Leiden dagegen beide Mittel zugleich anzuwenden pflegte. Es ist nicht un- 
interessant, etwas näher auf die Zusammensetzung dieser Medikamente einzugehen. 
Bezüglich des Pulvers erklärte Margareta Bergsträßer selbst, dass sie Patienten, 
deren Urin trüb sei, ein Gemisch 'in dreyen kleinen düttergen in dreyen eyern' 
eingebe, das aus 'barbwinckelkraut, peterwurtz und dann einem schmalen kraut' 
bestehe, das sie aber nicht nannte, sondern nur nach einigen Merkmalen beschrieb. 
Dem Dienstbub Jörg hat sie 'drey eyer und puIver in dreyen kleinen döttergen 
zugestelt, die er des morgens geßen' und ähnlich lauten die Verordnungen bei 
andern Kranken. Was den Trank anbetrifft, so wurde Wennig Weicker empfohlen 
etliche Kräuter, nämlich Rosmarin, Ysop und Majoran zu nehmen, einen Trank daraus 
zu sieden und ihn seiner Mutter zum Trinken zu geben. Ähnlich sollte Peter Lehn ver- 
fahren, der auf ihren Rat Ysop, Salbei, Hirtszungen [= Hirschzungen, Scolopendrium 
off., s. H. Marzell, Die Tiere in dt. Pflanzennamen 1913, S. 39] und Rosmarin 
gesotten und getrunken, auch seine lahmen Beine damit gewaschen, ja selbst noch 
das Pulver, aber alles ohne Erfolg, eingenommen hat. Die gleichzeitige Anwendung 
des Pulvers und des Trankes wurde endlich auch bei Peter Krapp zu Zwingen- 
berg und dem Hofheimer Spitalmeister verschrieben. Dem ersteren hat sie durch 
'Zurichtung eines drancks von dreyen roßmarin, dreyen jsopen, dreyen quendlin 
und dreyen majoranstücken' sowie durch Pulver 'in dreyen döttergen und einem 
dötgen voll geweihets saltz' geholfen. Letzterer aber bekam 'ein pulver in dreyen 
döttergen, dieselbe in dreyen eyern einzunehmen' geschickt, dazu 'einen tranck 
von 3 roßmarein, 3 majoran und 3 ysopen stücken in einer echtmas wein zu 
sieden und zu trincken zugerichtet'. 

Als Ergebnis des gesamten Untersuchungsmaterials darf man sagen, dass 
Margareta Bergsträßer, wie dies auch sonst regelmässig der Fall war, Spezialistin 
für nur wenige, ganz besonders geartete Krankheiten gewesen ist. Nur ein ein- 
ziges Vorkommnis, der angebliche Diebstahl der Egge, fällt ausserhalb des ge- 
wonnenen Rahmens. Hans Frank zu Malchen hatte von Hans Reißen (Reißman) 
daselbst eine neue Egge zur Kornsaat entlehnt. Nachdem diese aber dem Ent- 
leiher abhanden gekommen war, kam Margareta Bergsträßer in den Verdacht, das 



Kleine Mitteilungen. 30S 

Gerät gestohlen und in ihrem Stubenofen zu Asche verbrannt zu haben. Schon 
1611 ist die Beschuldigte deswegen auf der Zent zu Zwingenberg mit 5 Pfund 
Heller bestraft worden. Nach wie vor hat sie diese Tat in Abrede gestellt, mit 
der festen Behauptung, dass sie zu Unrecht bestraft worden sei und niemals eines 
solchen Delikts überführt werden könne. Möglich also, dass in diesem Punkt 
eine ungerechtfertigte Verurteilung untergelaufen war. "Wie dem aber auch sein 
mag, so erscheint das sonstige Beweismaterial schwer belastend für Margareta 
Bergsträßer. Wenn sie gleichwohl wegen ihres Tun und Treibens gelind davon 
gekommen ist, so hatte sie diese Behandlung wohl in erster Linie dem ver- 
ständigen Verhalten der landgräflich hessischen Regierung zu danken. Denn 
wenngleich nicht immer, so hat man sich dort zur Zeit der Hexenverbrennungen 
doch im ganzen weiser Zurückhaltung beflissen und nach Möglichkeit verhindert, 
dass — um ein naheliegendes Bild zu gebrauchen — die Flammen der Scheiter- 
haufen benachbarter Territorien auf das landgräfliche Gebiet überschlugen. Auch 
der vorstehende Fall bestätigt diese weise Politik, die solche abergläubische Ver- 
irrungen des menschlichen Denkens lieber mit Nachsicht ertrug, als sie mittels 
gewaltsamer Schreckensmassregeln, die für alle Zeiten einen unauslöschlichen 
Makel zurückgelassen hätten, auszutilgen. 

Darmstadt. Wilhelm Müller. 



Misshandlung eines Hexenmeisters. 

Der Hexenglaube war Anlass einer Misshandlung, welche am 6. April 1909 
ihre Sühne vor dem Schöffengericht Saarburg fand. Es handelt sich um das 
Strafverfahren gegen Susanna und Katharina Peters. Für die liebenswürdige 
Übersendung der Akten D. 25/09 bin ich dem Herrn Vorsitzenden des Schöffen- 
gerichts zu besonderem Danke verpflichtet. 

Das Schöffengericht verurteilte die Angeklagten wegen Beleidigung zu je 
10 Mk. Geldstrafe und wegen gefährlicher Körperverletzung zu je 14 Tagen Ge- 
fängnis, sprach sie dagegen von der Anklage der Bedrohung frei. 

Der Sachverhalt ergibt sich aus den folgenden Urteilsgründen: 

Am 21. Februar d. J. kam die Angeklagte Katharina Peters in die Wohnung 
des Zeugen Meyer und forderte ihn auf, am nächsten Tage zu ihnen nach Serrig 
zu kommen, um ihnen ein Stück Vieh abzukaufen. Als Meyer am nächsten Tage 
in die Wohnung des Vaters der Angeklagten kam, traf er nur diese beiden An- 
geklagten an; ihr Vater war nach ihrer Angabe im Weinberg beschäftigt. Da sie 
erklärten, das Handelsgeschäft könne auch ohne den Vater geschlossen werden, 
folgte Meyer den Angeklagten auf deren Aufforderung in den Viehstall. Er fragte, 
was mit dem dort befindlichen, sehr schlecht aussehenden Vieh geschehen sei, 
worauf die Katharina Peters mit einer Heugabel, die mitangeklagte Susanna Peters 
mit einer Mistgabel auf ihn losgingen, indem beide schrien, er und sein Sohn 
habe das Vieh behext. Sie schlugen und stachen auf den Zeugen los, der sich 
nur mit Mühe durch Vorhalten des Armes vor dem Angriff" schützen konnte. 
Beide Angeklagte hieben und stachen mehrmals in den Arm. Der Arm schwoll 
kurz darauf so an, dass Meyer, der sich nach der Tat in ein Wirtshaus begeben 
hatte, den Arm nicht in die Tasche stecken konnte, um seine Geldbörse heraus- 
zuholen. Die Stiche waren ungefährlich, jedoch dauerte es 14 Tage, bis sie ge- 
heilt waren. Meyer erhielt auch noch Schläge auf den Kopf, die jedoch durch 
die Kopfbedeckung abgeschwächt wurden. Die Katharina Peters rief ihrer 



304 Hellwig, Höfler: 

Schwester Susanna zu: „Stech' ihn tot!" Letztere rief: „Wenn der Vater da 
wäre, würde er ihn totschiessen." Erst als der Zeuge Meyer in die Tasche 
griff und drohte, mit einem Revolver zu schiessen, liessen die Angeklagten von ihm ab. 

Dieser Sachverhalt ist durch das glaubwürdige, eidliche Zeugnis der Zeugen 
Meyer und Wagner sowie das Attest des praktischen Arztes Dr. Getto als er- 
wiesen erachtet worden. 

Die Behauptung, Meyer habe das Vieh verhext, d. h. einen nach Ansicht der 
Angeklagten möglichen, absichtlichen, übernatürlichen Einfluss auf dasselbe zum 
Nachteil seiner Gesundheit ausgeübt, enthält eine Beleidigung. Der erforderliche 
Strafantrag ist gestellt. Die bei der Körperverletzung benutzten Werkzeuge sind 
in der Art ihrer Anwendung gefährlich im Sinne des § 223 a St. G. B. 

Von der Anklage der Bedrohung waren beide Angeklagte freizusprechen, 
da hierfür Belastendes sich aus der Hauptverhandlung nicht ergeben hat. 

Die Unbescholtenheit der Angeklagten, ihre offenbare geistige Minderwertig- 
keit, sowie der Umstand, dass sie wohl tatsächlich an die Möglichkeit des Hexens 
glaubten, hatten es angemessen erscheinen lassen, ihnen bei der gefährlichen 
Körperverletzung mildernde Umstände zuzubilligen. Jedoch habe sich das Gericht 
im Hinblick auf die Verschlagenheit, mit der sie den Verletzten zwecks Aus- 
führung der Tat in den Stall zu locken verstanden hatten, und unter Berücksichti- 
gung der Erheblichkeit der Verletzungen nicht in der Lage gesehen, auf eine 
Geldstrafe zu erkennen. Aus denselben Erwägungen, welche für die Zubilligung 
mildernder Umstände massgebend gewesen seien, wäre auch bezüglich der Be- 
leidigung eine geringe Geldstrafe angemessen gewesen. 

Gegen dieses Urteil legte der Amtsanwalt Berufung ein, weil ihm das Straf- 
mass zu niedrig war. Die zweite Strafkammer zu Trier wies durch Urteil vom 
18. Juni 1909 (2 N 5(3/09) die Berufung des Amtsanwaltes zurück. In den sehr 
knappen Urteilsgründen wurde lediglich ausgeführt, dass die tatsächlichen Fest- 
stellungen und die rechtliche Würdigung durch das Schöffengericht vollkommen 
zutreffend seien und dass auch das Strafmass aus den von dem Schöffengericht 
angeführten Gründen angemessen erscheint. 

Hervorgehoben mag werden, dass auch vor der Strafkammer Susanna Peters 
immer noch in Abrede stellte, den Meyer geschlagen zu haben, während Katharina 
Peters jetzt wenigstens zugab, ihn einmal mit dem Stock der Heugabel auf den 
Arm geschlagen zu haben. 

Das Urteil der Strafkammer wurde rechtskräftig. Beide Verurteilten reichten 
'nunmehr ein Gnadengesuch ein, in welchem sie um Erlass der Strafe baten. 
Dieses von dem Gemeindevorsteher und dem Pfarrer befürwortete Gnadengesuch 
führte schliesslich dazu, dass durch Allerhöchsten Erlass dem Antrage des Justiz- 
ministers entsprechend die erkannte 14tägige Gefängnisstrafe in eine Geldstrafe 
von 30 Mk. umgewandelt wurde. 

Mit dem Vorsitzenden des Schöffengerichtes, welcher seinerzeit es ausdrück- 
lich abgelehnt hatte, die bedingte Begnadigung der Angeklagten zu empfehlen, 
bin auch ich der Meinung, dass es besser gewesen wäre, wenn dem Gnadengesuch 
nicht entsprochen worden wäre. 

Es ist allerdings richtig und auch von mir wiederholt betont worden, dass 
der Hexenglaube bei der Beurteilung von Straftaten, welche von Abergläubischen 
gegen angebliche Hexen und Hexenmeister begangen werden, in hohem Grade als 
strafmildernd in Betracht gezogen werden muss. In vorliegendem Falle war aber 
nicht nur zu berücksichtigen, dass sich die Angeklagten einer objektiv recht 
•erheblichen gefährlichen Körperverletzung schuldig gemacht hatten, auf welche 



Kleine Mitteilungen. 305 

das Gesetz, wenn nicht gerade infolge des Hexenglaubens der Angeklagten 
ihnen mildernde Umstände zugebilligt worden wären, eine zweimonatliche 
Gefängnisstrafe als Mindeststrafe androht, sondern dass auch nach der sub- 
jektiven Seite hin das Verhalten der Angeklagten keineswegs als besonders 
milde zu beurteilen erscheint: sie haben nicht nur in hinterlistiger Weise den 
Meyer in den Stall gelockt und ihn dort hinterrücks überfallen, sie haben nicht 
nur dabei Äusserungen getan, aus welchen man annehmen kann, dass sie ihn 
am liebsten totgeschlagen hätten, sondern sie haben auch von Anfang an die 
Tat in frecher Weise vollkommen in Abrede gestellt und sich sogar nicht ge- 
scheut, den von ihnen hinterlistig Überfallenen in niederträchtiger Weise zu be- 
schuldigen, er habe sich die — in Wirklichkeit von ihnen beigebrachten — er- 
heblichen Verletzungen selbst beigebracht, um sie zu Unrecht zu beschuldigen und 
hineinzulegen. Auch in ihrem Gnadengesuch suchen sie das Verhalten des Meyer, 
welcher nach der Angabe des Schöffenrichters ein durchaus anständiger, an- 
gesehener Mann ist, als betrügerisch und verwerflich hinzustellen und behaupten 
im direkten Gegensatz zu den klaren Ergebnissen der Beweisaufnahme in I. und 
II. Instanz, Meyer habe sich des Hausfriedensbruches schuldig gemacht, indem er 
auf ihre Aufforderung hin den Stall nicht verlassen habe, während er in Wirk- 
lichkeit doch von ihnen in den Stall hineingelockt war und sich mit Mühe nur 
durch die Flucht ihren Misshandlungen hatte entziehen können. Bei dieser Sach- 
lage wäre es meines Erachtens viel eher angebracht gewesen, gegen die beiden 
Angeklagten noch nachträglich weitere Anklage wegen Verleumdung und wissent- 
lich falscher Anschuldigung zu erheben, als ihnen die selbst bei Berücksichtigung 
aller mildernden Umstände noch eher zu geringe als zu hohe Strafe von zwei 
Wochen Gefängnis in eine Geldstrafe von 30 Mk. umzuwandeln. 

Berlin-Friedenau. Alfred Hellwig. 



Gebäcke und Gebildbrote. 

(Pollweck und Osterwolf.) 

(Mit 18 Abbildungen.' 

In jüngster Zeit werden verschiedene Versuche gemacht, die Gebäckformen 
auch auf romanischem Sprachgebiete in den Kreis volkskundlicher Forschung zu 
ziehen; zwei solche Arbeiten liegen gegenwärtig vor^). Über eine derselben wollen 
wir uns hier äussern, die andere einer späteren Besprechung vorbehaltend. 

Die Pemmatologie, die Lehre von den Gebildbroten, greift Celos auf, um an 
der Hand von einigen Hotel- oder Bäckerladenbroten aus Venedig, bzw. aus deren 
Formen deren symbolischen Hintergrund zu erforschen, wobei der Wunsch leicht 
Vater des Gedankens werden kann. 



1) Georges Celos (Paris), Le paiu brie en Venetie. Ouvrage contenant 26 figures 
dessinees par l'auteur d'apres les documents originaux. Paris, Jouve et Cie. 1912. 
119 S. 2 Fr. — Karl Bauer (Elberfeld), Gobäckbezeichnungen im Gallo-Romanischen. 
Dissertation zur Erlangung der Doktorwürde bei der pliilos. Fakultät der Grossherzogl. 
Hess. Ludwigs-Universität zu Giessen i'Darinstadt 1913). 

Zeitschr. d. Vereins f. Volkskunde. 1914. Heft 3. 20 



•606 



Höfler: 



Wir haben schon in unserer Abhandlung 1905 'Volkstümliche Gebäckformen' 
(Archiv f. Anthropologie, Neue Folge 3, 310) uns über die Grundlagen zur Pemmato- 
logie ausgesprochen und darin folgende Prämissen aufgestellt: a) eine möglichst 





6a 



Gb 



Abb. 1. Paiii pliallique aus Caen im Profil. — Abb. 2. Ausgerolltft Form aus Caen. — 

Abb. 3. Pain phallique aus Caen. — Abb. 4. Pain pballique mit vier Phallen. — Abb. 5. 

Pain phallique mit zwei Phallen. — Abb. Ga und 6b. Pain phallique aus Caen. 

grosse Materialsammlung; b) Darstellung des volkskundlichen Bodens, auf dem 
das Gcbildbrot volksüblich ist, d. h. Rücksicht auf Ort, Zeit, Volksbrauch, Volks- 
namen, Kulturzustand, Geschichte. Solange man z. B. bei der Deutung der volks- 
üblichen 'Brctzel' nur die (Ring- oder Rad-) Form berücksichtigte, waren Fehl- 



Kleine Mitteilungen. 



307 



Schlüsse sehr naheliegend; so geht es auch C. mit den von ihm als satyrischer 
oder tierischer Penis aufgefassten 'Volutes', die wir unter 'Schneckengebäck' 
(oben 13, 391) als Teile des Hakenkreuzes deuteten, und zwar auf Grund obiger 




if. 







\s. 




Abb. 7—8. Italienisches Brot. — Abb. 9—11. Brot aus Caen. — Abb. 12—13. Brot aus 

Paris. — Abb. 14. Osterwolf oder Pollweck. — Abb. 15. Längsseite von Abb. 14. — 

Abb. 16—18. Maisbrot aus Malcesine am Gardasee (nach Prof. R. Andree). 



Voraussetzungen. Wie ein Bücker (auch in der Antike) dazu kommen sollte, den 
ganz aussergewöhnlichen, volutenartigen, fast pathologischen Satyren-Phallus, den 
wir nur aus ganz wenigen Vasen- und Obeliskenbildern kennen, zum Vorwurf 
•eines Volute-Gebäckes zu machen, ist unfassbar. Bei solchen Gebäcksymbolen 
liält sich doch das Volk sehr, fast zu sehr an das Reale, Normale und Her- 

20* 



308 Höfler: 

gebrachte, durch die Tradition Geheiligte. Das Schneckengebäck (Volute) knüpft 
sich vor allem an die Neujahrszeit an und hat seine formelle Parallele in dem 
Hakenkreuz (Schmuck und Apotropaion, Glückwunschzeichen, auch Schicksals- 
zeichen), das mit der sexuellen Fruchtbarkeit keinen direkten, formellen Zusammen- 
hang hatte, noch hat. 

Leider kümmern sich die Franzosen zu wenig um deutsche Arbeiten, die schon 
längst ihnen vorauseilen. In der Zeitschrift 'Pro Alesia' (2, 210, oben 19, 243)) steht 
z. B. eine Abhandlung 'Le pain d'Alesia'; in dieser gelingt es dem Verfasser, ohne die 
eigentliche reale Form dieses Brotes überhaupt sichergestellt zu haben, das er nur 
aus der Literatur kennt, dasselbe in formelle Verbindung zu bringen: a) mit dem 
englischen Hot-Cross-Bun, b) dem Agapebrote der ersten Christen, c) dem kel- 
tischen Sonnenrade, d) dem Mondhorn, e) der Krone, f) dem Hakenkreuze, g) den 
sizilianischen niylloi (Spaltgebäcke) — diese Vielseitigkeit eines einzigen Lokal- 
gebäckes in Alesia übertrifft alles Dagewesene; überhaupt besteht für den An- 
fänger in der Pemmatologie die Neigung, aus wenigen und ganz lokalen Varietäten 
zu weitgehende Folgerungen zu ziehen. Man weiss, wie launenhaft die Gebild- 
brote der Italiener sind, die in ihre, der Knusprigkeit zuliebe gemachten viel- 
fachen Einkerbungen auch lustige und luftige Schnörkelbildungen der ver- 
schiedensten Art bringen; eine Volute (Schneckenwindung) auf einem italienischen 
Gebildbrote gibt aber doch nicht gleich die Berechtigung, an einen 'gäteau. 
phallique en volute' oder an eine 'forme de galette phallique' zu denken, bloss 
weil ein Venetianer Hotelbäcker eine solche Form kombinierte und ohne allen 
Zusammenhang mit irgendeinem lokalen, die sexuale Fruchtbarkeit betonenden 
Hintergrund, der an gewissen Kultorten, wo solche Gebäcke nachweisbar, seit 
langer Zeit schon üblich waren, leicht gegeben wäre, z. B. an Wallfahrtsorten, 
Badeorten mit römisch-heidnischer Tradition usw. Unser Schlangenbrot, das aus 
altrömischen Heiltempelorten (Bäder) stammen dürfte, kann verschiedene Formen, 
annehmen; aber hierbei ein 'pain phallique' (wie Celos p. 73 fig. 22) anzunehmen, 
kann nur derjenige versuchen, der wenig oder keine Schlangenbrote gesehen hat 
oder der jedes Gebäck nur durch die Phallusbrille anschaut; ja sogar die mexi- 
kanische Phallusform wird als ein Beweis herbeigeholt. 

Der Güte des Herrn C., mit dem Ref. sich auch schon brieflich ausgesprochen 
hatte, verdanken wir vorstehende Photographien von 'pains phalliques' aus Caen 
(Normandie) und Paris. Dass hier in diesen Formen (Abb. 1 — 6b) eine Phallusform 
den Urtypus gebildet haben kann, erscheint als möglich, wenn wir die Formen 
scheraatisch aneinanderreihen (Abb. 7 — 15). Ist dieser zwei- bis vierfach phallische 
T3-PUS richtig, dann haben wir auch eine Erklärung für ein bisher nicht genügend 
gedeutetes deutsches Gebildbrot (Abb. 14, 15), welches im Schwarzwald 'Pollweck' 
heisst und in Stralsund 'Osterwolf. Die Parallelen 13 und 14 sprechen für Ge- 
meinsamkeit des Urtypus. Die Priorität der Deutung solcher Gebildbrote als 
phallischer Gebilde gehört übrigens dann dem mir freundschaftlich so nahe ver- 
trauten Professor Andree, welcher mir unterm 3. Juli 1909 schrieb: 

„Nach Gebildbroten haben wir uns in Gedanken an Sie fleissig umgesehen. 
Nur in Malcesine am Garda-See glaube ich phallisch geformtes Maisbrot gesehen 
zu haben. Es war regelmässig so gestaltet (Fig. 16, 17, 18). Näheres konnte 
ich nicht erfahren. Dieses Brot findet sich auch weiter in Oberitalien (schmeckt 
gut), aber die Formen wechseln da etwas." 

Demnach hätten wir also ein aus Italien ursprünglich stammendes (die vielen 
Variationen sprechen für längere Tradition daselbst) phallisches Gebildbrot, das 
nach Paris und in die Normandia (Caen) gelangte. Wenn es im Schwarzwald 



" Kleine Mitteilungen. 309 

^Pollweck' heisst, so will dieser Name nur sagen, dass es aus Pollmehl hergestellt 
wurde und im Volksbrauche den einheimischen (ebenfalls phallischen) 'Wecken' 
ersetzte; wie es aber in den Schwarzwald kam, das ist wohl kaum mehr fest- 
zustellen, vermutlich durch den Fremdenverkehr in Baden-Baden. 

In unserer Abhandlung 'Der Wecken' in K. Vollmöllers Festschrift (Erlangen, 
F. Junge 1908) haben wir diesen Pollweck unter Abb. 73 abgebildet (die anderen 
'Pollweck'-Abbildungen 63 usw. stellen auch Wecken und Spaltgebäcke dar, weil 
sie aus gröberem Pollenmehl [= erster Mehllauf] hergestellt werden; also ähn- 
lich wie 'pain brie' und 'brioche'^) nur vom gebrechlichen Mürbteige). 

Der Name 'Osterwolf in Stralsund verlangt eine Wiederholung unserer 
Deutung, die wir schon in unserem Aufsatz 'Ostergebäcke' (Zeitschrift für österr. 
Volkskunde, Supplement-Heft 4 zu Band 12 S. 58 Abb. 40, 43, 45, 47) aufgestellt 
hatten. 

Wir hielten damals dafür, dass Osterwolf nur der Name sei für verschieden- 
artig geformte Osterbrote, die dem Osterwolf, d. h. dem Korn- oder Vegetations- 
Geiste (Saatwolf) gehörten; auch wenn die Deutung von C. nun sich bestätigt, was 
höchst wahrscheinlich ist, dann widerspräche auch die phallische Brotform dieser 
Deutung nicht, weil Fruchtbarkeitssymbole auch als Opfergaben an den Korngeist 
figurieren können; damals allerdings (1906) waren die zweifachen bzw. vier- 
fachen Brotreihen noch nicht als phallisch gedeutet; C. verdient hier die 
Priorität. 

Da nun die launenhaft variierenden italienischen Formen heute nur ein Alltags- 
brot ohne weiteren gegenwärtigen volkskundlichen Hintergrund sind, so könnte 
vielleicht gerade der deutsche Osterwolf einen solchen bieten. 

1451 ist der 'vvultf van den bekkern' eine österliche Spende oder Deputat an 
den Zollkontrolleur des Greifswalder Rates (s. Ostergebäcke S. 58). 1558 ist 'ein 
grot wolff tom nien Jare' eine Neujahrsabgabe in Stralsund; damit ist der Oster- 
wolf oder Wolf ein Neujahrsgebäck oder eine Spende, die dem Roggenwolf früher 
vielleicht unter anderer Form gegeben wurde und dann unter diesem Namen 
'Wolf auf Neujahr (Ostern ist ein kirchliches Neujahr) in besserer importierter 
Form und Art zum Deputatgeschenk (Präbende) sich umwandelte. Das Volk 
blieb bei dieser pflichtgemässen Abgabe unter dem hergebrachten Namen, auch 
wenn die Form sich geändert hatte. 

Diese Erklärung ist gewiss richtiger als die absurde Deutung Fenrirs oder Höllen- 
wolf (!) u. a. 

Da nun auch in der Normandie (Caen) dieses Gebildbrot sich findet und 
gerade wieder in der Normandie der 'Loup vert', 'un enorme pain benit ä plusieurs 
etages' (Mannhardt, Wald- u. Feldk. '2, 315) allerdings in der Sommer-Sonnen- 
wendzeit sich erhielt, so haben wir wohl das Recht Loup vert und Osterwolf als 
volkskundlich gleichwertig zu betrachten, d. h. als ein Korngeist-Opfer oder 
Deputat an den Empfängersubstitut. 

Erst durch den volkskundlichen Hintergrund erhalten die Gebildbrote die 
richtige Wertschätzung. Herrn Dr. Celos sei hier bester Dank für Überlassung 
der Photographien ausgesprochen. 



1) Körting, Latein-roman. Wörterbuch » (1907) S. 187 Nr. 1573 stellt franz. brier und 
brioche zum Stamm brik und erklärt brioche als einen Kuchen, dessen zäher Teig tüchtig 
geschlagen wurde, Schlagkuchen; also die Teigart, nicht die Form wird damit benannt. 

Bad Tölz. Max Höfler. 



310 Philipp, Fränkel: 



Beigaben unter Bainsteinen. 

Bei meinen Forschungen über die Flurnamen des Erzgebirges fand ich vor 
etlichen Jahren in einem das Amt Schiettau betreffenden Schriftstück des Kgl. 
Hauptstaatsarchivs Dresden (Loc. 34208, Grünhain Nr. 4) über eine Berainung 
vom Jahre 1764 die Angabe, man habe unter jeden Rainstein 'Kohlen, Glaß 
und Eyer Schaalen geleget', sie 'auch sonst mit denen gewöhnlichen Zeichen 
verwahret'. Kürzlich stiess ich in Akten des Amtsgerichts Crimmitschau auf ein 
paar weitere Belege für den alten Brauch, Rainsteine durch solche 'Zeugen' zu 
sichern. Bei einer 'Versteinung' in der Döbitz^) im Jahre 1673 wurden die 
Steine 'mit Zeugen 3 Kieselsteinen, Kohlen vnd Glas' gesetzt. Fast genau 
so lauten zwei Einträge vom gleichen Jahre über zwei Berainungen im Dorfe 
Wahlen^); der eine besagt: 'Notandum. Alle vorher beschriebene Steine haben 
zu Zeugen, drey Kieselsteinel, Kohlen und Glaß' der andere '3 Kiesel 
Steine, Kohlen vnd Glaß'. Dagegen hat man 1701 bei einer Berainung auf 
Crimmitschauer Flur 'den Ersten Lagstein mit zweyen Kleinen Küselsteinen zu 
deßen Zeugen sezen laßen . . . "Welche Steine alle [neun] zusammen gleich wie der 
erste, mit zweyen Beygelegten Küsel Steinen Bemerckt zu befinden'. Als Beigaben 
erscheinen also in der Crimmitschauer Gegend 1673 drei Kieselsteine, Kohlen 
und Glas, 1701 nur noch zwei Kieselsteine, bei Schiettau im Erzgebirge 1764 
wieder drei 'Zeugen', nur sind hier die Kieselsteine durch Eierschalen ersetzt. 
Was ist das Ursprüngliche? 

Jakob Grimms Deutsche Rechtsaltertümer* 2, 72 bieten nur zwei Belege, 
überdies den einen ohne Ortsangabe, den anderen ohne Jahreszahl. Ich bin 
daher auf die Quellen zurückgegangen. Die erste Stelle betrifft eine Grenzirrung 
V. J. 1535 zwischen Allendorf ^) einerseits und Holzhausen*) und Leidenhoven 
andererseits und lautet: „Und soll ein jeder stein Ehien hoch hoben erden 
gesatzt und mit Kreutzer beben auch unden in der Erd gehauen seyn, auch bei 
einem jeglichen drei kleine Stein und Kohlen gethan und gelegt, auch wie 
Margsteins Recht und Gewohnheit ist, gesetzt .... werden" 5). Der zweite 
Beleg stammt aus der 1. Hälfte des 17. Jahrhunderts^) und betrifft Rügen: 
„Thut ein Part vp Steine, Böhme, Graven, dat idt Scheiden sin schölen, . . . men 
moth Kahlen, Glaß edder samraelde Steine vnder dem Scheidelsteine, an 
dem Böhme Tekenn, vnd vnder dem Graven settede Steine befinden". In Hessen 
wie auf Rügen genügten also damals zwei 'Zeugen', in jedem Falle werden 
Kohlen (natürlich Holzkohlen) unter den Stein gelegt. Ich frage wieder: Was ist 
das Ursprüngliche, ein Zeuge, zwei oder drei? Hatten die Beigaben irgendwelche 
symbolische Bedeutung? Wozu dreierlei, wo doch e i n Zeuge, meinetwegen 
Glasscherben, genügt, eine Grenzveränderung nachzuweisen, nämlich dann nach- 
zuweisen, wenn der Frevler den alten Brauch nicht kennt, den Rainstein also 
ohne die Beigaben aushebt und versetzt. Dass man sich gelegentlich, wie 1701 



1) Ehemals Vorwerk zam Rittergut Schweinsburg, südlich der Stadt Crimmitschau,^ 
links der Pleisse; der Name 'Deebsgut' erinnert noch daran. 

2) Unmittelbar südlich Gr., rechts der Pleisse, seit 1891 in die Stadt einverleibt. 

3) An der Lumda, nordöstlich Giessen. 

4) Beide südöstlich Marburg (Messen-Nassau). 

5) Carl Georg von Zangen, Beiträge zum Deutschen Recht 1 (1788), 215. 

6) M. von Normanns, Wendisch -rügianischer Landgebrauch (nach dem Vorwort 
etwa 1529/46 verfasst), 1777 S. 193. 



Kleine Mitteilungen. 311 

in Crimmitschau, auf eine Art Beigaben beschränkt hat, das bestätigt mir ein 
Jurist meiner Bekanntschaft, der um 1880 bei einem Grenzstreit zweier Nachbarn 
in Connewitz südl. Leipzig als Referendar der Aushebung eines Rainsteins bei- 
wohnte: damals wurde unter dem Steine nur ein Häufchen Glasscherben gefunden. 
Ehe sich auf die oben hingeworfenen Fragen eine befriedigende Antwort 
ergibt, wird es noch mancher Beobachtungen im einzelnen bedürfen. Wenn diese 
Zeilen dazu anregen, so ist ihr Zweck erfüllt. 

Dresden. Oskar Philipp. 



Jungfraueiiversteigerung im oberen Nahetal. 

Seltsam berührt auf deutschem Boden, überhaupt bei einem Kulturvolk, heut- 
zutage das Portleben (oder Neuauftreten) einer Sitte, wie man sie sonst nur bei 
un- oder halbzivilisierten Stämmen antreffen mag, in Europa wohl höchstens in 
entlegenen slawischen oder romanischen Landschaften. Wenigstens finde ich für 
diese Sitte, die Versteigerung junger Mädchen, bei ihrem äusserst ge- 
diegenen neuesten Darsteller und Erklärer, Albert Becker^), innerhalb seines 
reichhaltigen Parallelenvorrats (auf den hier einfach verwiesen sei) keinen Beleg, 
der einen allgemeinen, internationalen Grundsatz unterlegte. Zu den von Becker ge- 
sammelten und gruppierten Beispielen aus der Pfalz, dem Rheinland usw., die er 
literarisch - poetisch treffend durch Herodot, Logau, Schumann -Hörn ('Der Rose 
Pilgerfahrt') stützt, füge ich ein neues aus der südlichen Rheinprovinz, also 
gerade aus dem bei Becker besonders ins Auge gefassten Grenzgebiete jener 
Sitte. In dem dicht bei dem berühmten Badeort Kreuznach gelegenen Dörf- 
chen Rüdesheim werden in der Woche vor dem Kirchweihtag die jugendlichen 
Tänzerinnen regelrecht öffentlich versteigert. Am festgesetzten Tage versammeln 
sich die Üorfschönen in dem Tanzlokal, wo die Kirmesbursohen ihrer harren. 
Ist die ganze tanzlustige Jugend des Dorfes beisammon, so tritt ein Ausrufer vor 
und verliest die Namen aller anwesenden Mädchen. Jeder Bursche bietet nun 
in heissem Wettbewerb auf diejenige Maid, die er sich für die Kirmestage als 
Tänzerin wünscht. Die Angebote sind gar verschieden, Schönheit, Jugend und 
Fertigkeit in der edlen Tanzkunst fallen vornehmlich ins Gewicht. Bei manchem 
schlauen Burschen ist indes auch das Vermögen der Jungfrau für sein Gebot in 
erster Linie ausschlaggebend. Denn nicht selten entwickelt sich, wie ja auch 
sonst öfters, aus den gemeinsam verlebten Kirmesstunden ein Bund fürs Leben. 
Über die Versteigerung vom Mai 1914 entnehme ich einem verlässlichen Zeitungs- 
bericht folgende Angaben: „Diesmal wurden einzelne Tänzerinnen schon für 
den gewiss billigen Preis von 20 Pfg. erstanden. Einzelne besonders zugkräftige 
'Nummern' kamen aber auch auf 4 — 6 Mk. zu stehen, da sich jetzt auch in 
wachsender Zahl die Kurgäste des durch seine Radiumfunde bekannten Badeortes 
Kreuznach des Scherzes halber zu den seltsamen Veranstaltungen einfinden und 
wohl auch mitbieten." 

Ludwigshafen a. Rh. Ludwig PränkeL 



V) Frauenreclitliches in Brauch und Sitte. Ein Beitrag zur vergleichenden Volks- 
kunde (Kaiserslautern, H. Kayser 1914) S. 9—13 und Anm. 4—7. — [Vgl. oben 17, 97. 
233. 18, 101 'Mailehen'.] 



312 Anderson: 

Tschuwaschische Sagen vom Igel als Ratgeber. 

Vor kurzem hat Geza Röheim in dieser Zeitschrift (23, 407 — 409) im Anschluss 
an Dähnhardt (Natursagen 1,42 f.; 127—132; 338; 3, 8f.; 488f.; 4,269) sechs 
Fassungen der Sage vom Igel als Ratgeber veröffentlicht, darunter auch zwei 
tschuwaschische. 

In der überaus reichhaltigen Sammlung handschriftlicher Materialien zur 
tschuwaschischen Volkskunde, welche sich im Besitze des Herrn Mag. theol. 
N. V. Nikölskij in Kasan befindet^), kommt die betreffende Sage nicht weniger 
als fünfmal vor. Mit gütiger Erlaubnis des Sammlers veröffentliche ich hier sämt- 
liche Passungen in vollständiger Übersetzung. 

In zwei Fassungen bezieht sich der Ratschlag des Igels aufs Pflügen. 

1. Bd. 65, 420. Gouv. Kasan, Kreis Civilsk, "Wolost ,Sibylga, Dorf Jus- 
kasy. Zeit der Aufzeichnung: 1911. Gewährsmann: der Bauer Ivan Grigörjev 
Razumov. Originaltext in tschuwaschischer Sprache. 

„Darüber, wie der Igel (die Menschen) pflügen gelehrt hat, habe ich folgendes 
gehört. Gott verfertigte den Pflug und stellte ihn auf; der Pflug war ganz von 
Eisen. Alle Tiere versammelten sich. Der Igel kam erst nach den anderen. 
Als er durch die Tür trat, fiel er hin, und die übrigen Tiere lachten. Der Igel 
ärgerte sich, ging hinaus und entfernte sich, indem er mäkär-mäkär machte^). 
Gott sagte: „Geht hin und hört, was er spricht." Der Igel sprach: „Sie lachen, 
haben aber den Pflug ganz aus Eisen gemacht: wer kann damit arbeiten? Man 
muss ihn aus Holz machen, nur die Pflugschar muss man aus Eisen machen"." 

Die zweite Fassung besteht leider nur aus wenigen Worten: 

2. Bd. 1, 231. Gouv. Kasan, Kreis Jadrin, Wolost ,Sumatovo, Dorf Jur- 
mikekina. Zeit der Aufzeichnung: Sommer 1904. Gewährsmann: der Zögling des 
Kasaner geistlichen Seminars Ivan Dmitrijevic Niki'tin. Originaltext in tschu- 
waschischer Sprache. 

„. . . . Ich habe gehört, dass der Igel den Menschen pflügen gelehrt hat." 
In der dritten und vierten Fassung ist vom Pflügen nicht die Rede, dagegen 
hat sich die Igelsage hier mit einer in Russland auch sonst sehr verbreiteten Er- 
zählung verbunden — mit dem legendenartigen Schwank vom Soldaten, der den 
Tod überlistete und einsperrte^). 

3. Bd. 100, 47 — 50. Gouv. Samara, Kreis Bugulma, Wolost Timäsevo, 
Kirchdorf Jemetkino. Zeit der Aufzeichnung: August 1913. Gewährsmann: der 
Volksschullehrer Nikifor Solencöv. Originaltext in russischer Sprache. 

1) Antti Aarne, Übersicht der Märchenliteratur, Hamina 1914 i^= FF Communi- 
cations Nr. 14), S.62f. — Vgl. auch W, Anderson, Die Meleagrossage bei den Tschu- 
waschen, Philologus 78, 159 f. 

2) Tonmalerei. 

3) Vgl. z.B. A. N. Afanäsjev, Narödnyja rüsskija legendy, Moskau 1859, S. 53— 71 
Nr. 16 'Der Soldat und der Tod' und dazu Anni. S. 154-162. Tschuwaschisch: Nikölskij 
Bd. 3, 475-477; Bd. 7, 511; Bd. 73, 525 (die Sonne findet den Esrel); Bd. 90, 246 f. (die 
Sonne weiss es nicht, der Mond findet ihn); Bd. 96, 141-149 ^ein Frosch sagt, wo Esrel 
begraben liegt); Bd. 102, 136-138. - Vgl. auch Bd. 3, 649-651: der Tod wird vom Sol- 
daten nur betrogen (muss neun Jahre lang statt Menschen Eichen nagen), aber nicht ein- 
gesperrt. Auch in meiner eigenen handschriftlichen tschuwaschischen Märchensammlung 
(43 Erzählungen, in meinem Auftrage von dem Seminaristen Vasilij Petrov im öonv. Ka- 
san, Kreis Jadrin au Igezeicbnet) findet sich der betreffende Schwank: S. 86— 89 Nr. 24 
(verbunden mit den Märchentypen Aarne Nr. ;530 und 332). 



Kleine Mitteilungen. 313 

„Warum jetzt auch junge Menschen sterben, ohne das Greisen- 
alter erreicht zu haben. Die Tschuwaschen erzählen, dass früher alle 
Menschen erst in hohem Alter zu sterben pflegten. Der Todesengel EsreP) (der 
nach ihrer Vorstellung die Gestalt eines menschlichen Gerippes mit einer Sense^) 
hat) Hess alle jungen Menschen in Ruhe, bis sie ein bestimmtes Alter erreicht 
hatten. Dann, wenn die Greise sich der Zeit ihres Todes näherten, teilte Esrel 
ihnen mit, wann ihre Stunde schlagen werde, damit sie sich dazu vorbereiteten. Es 
war einmal ein alter Tschuwasche. Die Zeit seines Todes kam heran. Esrel 
teilte ihm -mit, wann er sterben werde. Der Greis war noch rüstig und hatte 
keine Lust zu sterben. Er war klug und schlau. Er machte sich einen Sarg mit 
einem Schloss daran. Als Esrel zu ihm kam, um seine Seele zu holen, da sagte 
er zu ihm: „Esrel, sieh dir den Sarg ordentlich an, ob er für mich passt." Hier- 
auf sagte er: „Lege dich in den Sarg, zeige mir, wie ich mich hineinlegen soll." 
Als Esrel in den Sarg gekrochen war, schlug der Greis den Deckel zu und schloss 
den Sarg ab, dann legte er eiserne Reifen herum und trug ihn auf den Kirchhof. 
Dort vergrub er den Sarg, kehrte nach Hause zurück und begann ruhig weiter- 
zuleben. Seit jener Zeit hörten die Greise auf zu sterben. Sie lebten bis ins 
höchste Alter hinein, verloren ihre letzten Kräfte, starben aber nicht. Und es kam 
eine Zeit, wo es mehr sabbelnde Greise gab, als junge Menschen. Man musste 
die Greise pflegen, und man musste arbeiten, um Nahrung herbeizuschaffen. Es 
wurde unmöglich zu leben. Da versammelten sich alle Menschen und fingen an 
zu beratschlagen, was man tun solle. Sie beschlossen, den Esrel irgendwo 
wieder aufzufinden und zu befreien, damit er wieder die Menschen töte. Aber 
niemand konnte sagen, wo sich Esrel befand. Man rief alle Tiere und Vögel zu- 
sammen und begann sie auszufragen, aber auch von ihnen sagte niemand etwas 
Bestimmtes. Alle waren in Verlegenheit. Man untersuchte, ob alle Tiere und 
Vögel da seien. Es erwies sich, dass der Igel in der Versammlung fehlte. Man 
schickte nach ihm. Die Abgesandten brachten den Jgel. In der Versammlung 
begannen einige Tiere und Vögel über ihn zu lachen, indem sie sprachen: „Kann 
denn der Igel irgendwas wissen?" Als man ihn jedoch über den Esrel fragte, 
da sagte er, er selbst habe ihn nicht gesehen, wohl aber wahrscheinlich der Mond. 
Man fragte den Mond. Der sprach: „Ja, ich habe den Esrel gesehen. Ein Greis 
hat ihn um Mitternacht auf dem Kirchhof begraben." Die Menschen gruben den 
Esrel aus und sagten: „Esrel, komm hervor und töte jetzt sowohl die Alten als 
auch die Jungen, denn der Menschen sind sehr viele geworden." Deshalb sterben 
jetzt nicht nur die Alten, sondern auch die Jungen." 

4. Bd. 101, 82—85. Gouv. Kasan, Kreis Svijazsk, Wolost Ivanovskoje, 
Dorf Mälyja Memi. Zeit der Aufzeichnung: 1913. Gewährsmann: der Bauer Po- 
likärp Eokejev. Originaltext in tschuwaschischer Sprache. 

„Warum die Schwalbe einen gegabelten Schwanz hat. Vorzeiten 
hatten alle Lebewesen der Welt von Esrel zu leiden. Was ihm einfiel, das tat 
er; er achtete nicht, ob jemand jung oder alt war: er tötete alle. Da versammelten 
sich einmal die Menschen und hielten Rat, wie sie diesen Esrel verderben sollten. 
Sie beschlossen den Esrel zu fangen, in ein Pass zu stecken, Reifen herumzulegen 
und das Pass ins Meer zu werfen. Bei einer günstigen Gelegenheit fingen sie 
wirklich diesen Esrel, steckten ihn, wie beschlossen war, in ein Pass und warfen 



1) D. h. Asraiil: die Tschuwaschen sowohl Christen als Heiden) haben den Namen 
von den muhammedanischen Tataren entlehnt. 

2) Russischer Einfluss. 



314 Anderson, Stückrath: 

es ins Meer. Das Fass wurde von den Wellen fortgetrieben. Als Esrel einge- 
sperrt war, waren alle Menschen und übrigen Lebewesen zufrieden [?] *). Niemand 
fürchtete sich vor dem Tode, denn es gab keinen Tod ausser Esrel. So verging 
viel Zeit. Die Greise alterten, wurden hinfällig und lagen da, ohne herumgehen 
zu können. So litten alle Lebewesen auf Erden. Niemanden erreichte der Tod. 
Da sprachen die Menschen: „Es wäre besser, zu sterben, als in diesem Elend und 
in dieser Hinfälligkeit zu leben." Man versammelte alle Lebewesen der Erde und 
fragte jeden, der da kam: „Hast du nicht Esrels Fass gesehen?" Niemand wusste, 
wo es sich befand. Da fing man an nachzuzählen, wer gekommen war und wer 
nicht. Alle hatten sich versammelt, nur der Igel fehlte. Da schickte man den 
Raben aus, um den Igel zu rufen. Der Rabe holte ihn. Der Igel kam, indem 
er läkär-läkär machte^). Darüber brachen alle in Gelächter aus. Als sie so 
lachten, verwies es ihnen der Igel, indem er umkehrte und sagte: „Ihr wisst es 
nicht, und doch lacht ihr mich aus!" Die Schlange ging hinter ihm drein. Sie 
wollte ihn fragen und die Sache irgendwie erfahren. In ihrer Schlauheit stellte 
sie sich, als ob sie die Partei des Igels ergrifTe, und erfuhr es von ihm durch 
List. (Sie wollte sich unter den übrigen Lebewesen einen berühmten Namen 
machen.) Als nun der Igel der Schlange mitteilte, wo Esrel lag, da belauschte 
die Schwalbe ihr Gespräch. Der Igel sagte der Schlange zum Schluss: „Merke 
dir, Freund, sag es niemand; man hat mich ausgelacht, deshalb habe ich es ver- 
heimlicht." Da schrie die Schwalbe: „Ich weiss, wo Esrel liegt, hört mich an!" 
Als die Schlange das vernahm, sagte sie: „Ich will die Schwalbe verschlingen" 
und kroch eilends an sie heran. Obwohl sie eilte, konnte sie sie nicht ganz ver- 
schlucken, sondern verschlang nur ihre Schwanzspitze. Die Schwalbe flog fort, 
indem sie das Mittelstück ihres Schwanzes zurückliess; dann sagte sie: „Esrel liegt 
auf einer Insel im Meer. Geht und holt ihn!" Alle Lebewesen lobten die Schwalbe 
und schickten nach Esrel. Man zog Esrel aus dem Fasse hervor; seine Seele 
hatte ihn beinahe verlassen. Einstimmig sprachen alle zu ihm: „Wie du früher 
Alte und Junge schonungslos getötet hast, so soll es auch in Zukunft geschehen." 
Mit diesen Worten' gaben sie Esrel die Freiheit wieder. Seit jener Zeit schont 
Esrel niemand, sondern tötet alle der Reihe nach. Von jener Schwalbe mit dem 
gegabelten Schwanz haben auch die übrigen Schwalben eine solche Gestalt be- 
kommen." 

Der Schluss der vierten Fassung ist aus der Sage von Noah, der Schlange, 
der Mücke und der Schwalbe entlehnt: Dähnhardt, Natursagen 1, 281 f.; 332 — 334; 
356 f. 3) (vgl. 1, 143—145; 2, 126 f.; 250—252; 3, 54, 95; 457 f.). 

In der fünften Fassung fehlt zufälligerweise gerade das Motiv des Ratgebens, 
doch hat das in Anbetracht der Ähnlichkeit mit der ersten Röheiraschen Fassung 
(oben 23, 407) nichts zu bedeuten. 

5. Bd. 105, 368 — 370. Gouv. Samara, Kreis ßuguruslän, Wolost und Kirch- 
dorf Staro-Gai'ikino. Zeit der Aufzeichnung: 1913. Gewährsmann: der Volks- 
schullehrer Nikolaj Bogdanov. Originaltext in tschuwaschischer Sprache. 

„Woher der böse Wind im Menschen stammt. Als Gott den Menschen 
erschaffen hatte, brachte er alle Lebewesen zu Adam, damit dieser sie benenne. 



1) Im Originaltext ein nicht ganz verständliches Wort: tänä^a. 

2) Tonmalerei. 

3) Tschuwaschisch: Nikoiskij Bd. 100, 50—52; verbunden mit der Erzählung, wie 
der Teufel den Körper des ersten Menschen beschmutzt (Dähnhardt, Natursagen 1, 95 - 110) 
Bd. 62, 255. 



Kleine Mitteiluno:en. 



315 



Da gab Adam allen Vierfüsslern Namen; hierauf benannte er die fliegenden Vögel; 
nur der Igel war nicht erschienen, um einen Namen zu erhalten. Alle warteten 
auf ihn und sprachen: „Wie wird wohl der Name dieses Igels lauten?" Nachdem 
man lange gewartet hatte, kam jener Igel herbei. Er musste nun zu Adam in 
die Stube kommen, um benannt zu werden. Als der Igel durch die Tür trat, 
stolperte er und Hess einen Wind fahren: „satart!" Als Adam und die Tiere das 
hörten, brachen sie über den Igel in Lachen aus. Der Igel ärgerte sich darüber, 
dass er ausgelacht wurde, und sagte: „Weil ihr so über mich gelacht habt, sollt 
ihr auch selbst hinfort Wind fahren lassen!" So verwünschte er sie. Darum 
müssen seitdem der Mensch und die Tiere bösen Wind von sich geben." 



Kasan. 



Walter Anderson. 



Drei Kunstlieder im Yolksmundei). 
I. 

V. Döring, Der Abendbesuch. 

1. Der Sternleia Heer am Himmel blinkt, 4. Lösch aus des Lämpchens hellen Schein 
Mein Liebchen mir am Fenster winkt; Mir glänzen deine Äugelein, 

Ach! Liebchen, sieh! ich komme! Herzliebchen, über alles. 

2. Der Mond mir leuchtet auf den Weg, 5. Nicht feuerrot die Wange sei; 
Durch Stock und Stein und hohen Steg, Der Liebe heiiger Schwur ist treu. 
Zu deiner kleinen Hütte. Ist deiner Unschuld Bürge. 

3. Die Arme weiß breit' aus nach mir, G. Nach einem kurzen halben Jahr 
Es schleich' der Riegel an der Thür Sind wir, wills Gott! ein liebes Paar: 
Mir aufzumachen, leise. Himmel! welche Freude! 

7. Dann dürfen wir bei Sonnenglanz, 
Bei Spiel und Fest und Weihetanz 
Uns lieben, sehn und küssen. 

Musen-Almanach für 1781, herausgegeben von Voss und Goekingk (Hamburg 
bey Carl Ernst Bohn) S. 82 „Der Abendbesuch". 



Dieselbe Dichtung im Volksmunde. 

L Der Sterne Heer am Himmel blinkt, 4. Nun lösche aus dein Lämpelein, 

Mein Liebchen mir am Fenster winkt, Denn deiner Äuglein heller Schein 

:,: Feinsliebchen, sieh, ich komme! :,: :,: Ist heller als die Sonne. :,: 



2. Der Mond erleuchtet meinen Weg 
Und Stock und Stein und Berg und Steg 
:,: Zu deiner kleinen Hütte. :,: 

3. Die Arme breit' ich aus nach dir 
Und schleich' mich leise an die Tür, 

:,: Mach' auf, mach' auf, Feinsliebchen! :, 



5. Die Wange braucht nicht rot zu sein. 
Der Liebe Schwur ist immer neu, 

:,: Sie ist der Unschuld Bürde. (!) :,: 

6. Ach, warte nur ein halbes Jahr, 
Dann sind wir schon ein Liebespaar, 
:,: Himmel, welche Freude! :,: 



1) Vgl. oben 23, 391. 



316 



Stückrath : 



7. Dann dürfen wir im Sonnenschein 
Uns unsrer treuen Liebe freun 
• :,: Und immerdar uns küssen! :,: 

Mündlich aus Bretthausen im Oberwesterwald 1905. 

(Ein ganz ähnlicher Text aus der Liederhandschrift des Studenten Friedrich 
Rolle 1846/47 ward von mir in den Hess. Bl. für Volksk. 9, 93 nr. 115 ver- 
öffentlicht). 

n. 



Gottlie^ Leon, An Lottchen. 

1. Holde Sittsamkeit, 
Lieb' und Freundlichkeit 
Schmükt mein Lottchen nur; 
Ein so hold Gesicht 



Hat kein Mädchen nicht 
Auf der ganzen Flur. 

2. Bey den Erlen hier 
Hat der Engel mir 
Sanft die Hand gedrükt. 
Und so schön und klar. 
Als ihr Aug da war, 
Hab' ich's nie erblikt. 



3. Gott! und wie mir da 
Wie mir da geschah, 
Könnt' ich sagen das! 
Ach, ein süßer Schmerz, 



Schlich sich in mein Herz, 
Und mein Aug war naß. 

4. Nun geh' ich so gern 
Bey dem Abendstern 
Durch den Erlenhayn, 
Und mir ist's so weh. 
Wenn ich sie nicht seh': 
Soll das Liebe seyn? 



Wienerischer Musenalmanach auf das Jahr 1785, herausgegeben von 
J. F. Ratschky und A. Blumauer (Wien, bey Rudolph Gräffer) S. 105 „An 
Lottchen. 1778." — Über den Yf. (geb. 1757, gest. 1832) vgl. Goedeke, Grundriss ^ 
6, 533. 

Dieselbe Dichtung im Volksmunde. 



1. An der Gartentür 
Hat mein Mädchen mir 
Sanft die Hand gedrückt. 
Ei wie ward mir da, 
Als mir das geschah, 
Als mein Mädchen mir 
Sanft die Hand gedrückt! 



2. Mädchen, komm mal raus. 
Sieh den Blumenstrauss, 
Komm und riech' mal dran! 
Ach, so schön und klar. 
Wie dein Auge war. 
Als du Mädchen mir 
Sanft die Hand gedrückt. 
Aus Elz, Westerwald, vom alten Bürgermeister Schmidt. 



Literatur: Baselland, Niederlausitz, Altmark, Thüringen, Aargau 
(Volkslieder aus dem Kanton Aargau, gesammelt von Sigmund Grolimund, Basel 
1911 nr. 79), Wiedensahl (Busch, Ut 61er Welt; München 1910 S. 131 nr. 10). 



m. 

Die Zufriedenheit mit dem, was man hat. 

1. Seyd fröhlich, genießet die Freuden im Leben, 
Genießet sie heiter, Gott hat sie gegeben; 

Nicht alle sind Fürsten, nicht alle sind reich. 
Wir alle sind Menschen, wir alle sind gleich. 

2. Gesund und zufrieden ist Reichthum genug, 
Wer immer so denket, der handelt recht klug. 

Nicht Reichthum macht glücklich, zufrieden macht reich. 
Wir alle sind Menschen, wir alle sind gleich. 



Kleine Mitteilungen. 317 

3. Laßt Große, laßt Reiche mit Gütern sich sehn, 
Sie sind doch nur Menschen, und müssen vergehn. 
Was nützt so viel Reichthum, was nützt so viel Geld, 
Wenn's Leben sich endet, hört's auf in der Welt. 

Fünfte Sammlung zweckmäßiger Lieder zum Singen für Mädchen auf Spazier- 
gängen, in Gesellschaften und bei andern frohen Veranlassungen (Mühlhausen 1824) 
S. 75 nr. 50. Ohne Angabe des Verfassers. 

Dieselbe Dichtung im Volksmunde. 

1. Seid munter und fröhlich, ihr Zimmermannsgesellen, 
Geniesset das Leben und lasst euch nicht prellen! 

Denn nicht Reichtum machet glücklich, die Zufriedenheit und die macht reich, 
Und wir alle sein wir Brüder, und wir alle sein gleich. 

2. Wir haben den Kaiser, den König gesehen, 
Sie tragen goldne Kronen und müssen vergehen; 

Denn nicht Reichtum machet glücklich, die Zufriedenheit und die macht reich. 
Und wir alle sein wir Brüder, und wir alle sein gleich. 

3. Zufrieden-, Gesundheit, so muss es uns gehen, 
Dann kann uns kein Unglück, kein Leiden geschehen, 

Denn nicht Reichtum machet glücklich, die Zufriedenheit und die macht reich. 
Und wir alle sein wir Brüder, und wir alle sein gleich. 

4. Der Reiche lebt glücklich in seinem Palaste, 
Der Arme verschmachtet in seinem Moraste, 

Doch nicht Reichtum machet glücklich, die Zufriedenheit und die macht reich, 
Und wir alle sein wir Brüder, und wir alle sein gleich.